Sokrates

1.Lebenslauf

1.1. Die Geburt: Sokrates wurde um das Jahr 470 vor Christus im Demos Alopeke, einem Vorort in der N├Ąhe Athens, geboren. Sein Vater, Sophr├│niskos, war ein angesehener Bildhauer oder Steinmetz, seine Mutter Phainarete Hebamme - somit wurde Sokrates in die gehobene Mittelschicht Athens hineingeboren, genauer gesagt in die Klasse der Zeugitai, der dritten und untersten Klasse derjenigen, die in Athen etwas galten.
1.2. Das Jugendalter: Der junge Sokrates war sehr begeistert von den Berufen, die seine Eltern aus├╝bten, besonders die T├Ątigkeit seiner Mutter hatte es ihm angetan, und sp├Ąter wird er sich noch oft auf sie berufen, um Gleichnisse am Beruf der Hebamme anzusetzen.
├ťber seine Kindheit ist so gut wie gar nichts bekannt, es l├Ąsst sich aber vermuten, dass er die normale Schulbildung aller Jungen Athens genossen hat und mit achtzehn den Milit├Ąrdienst leistete. Nebenbei half er wahrscheinlich in der Bildhauerwerkst├Ątte seines Vaters, wo ihn eines Tages Kriton entdeckte und ihn "entz├╝ckt von seinen geistigen Reizen"[1] in die Stadt mitnahm, um ihn in die Liebe zur Erkenntnis einzuf├╝hren.
    Der erwachsene Sokrates: Vom Beruf her scheint er Bildhauer gewesen zu sein, das wird jedoch nur bei Diogenes Laertios erw├Ąhnt.
Sein Aussehen war, wie sich nach diversen Bildern und Statuetten sowie auch nach einer Passage aus dem Gastmahl des Xenophon heute noch feststellen l├Ąsst, nicht besonders vorz├╝glich und ├Ąhnelte so ganz und gar nicht dem griechischen Sch├Ânheitsideal.
Seine Heimatstadt verlie├č Sokrates nur zur Teilnahme an Feldz├╝gen, bei denen er sich durch enorme Tapferkeit und die au├čerordentliche F├Ąhigkeit, gro├če Strapazen zu ertragen, auszeichnete. Mit ziemlicher Sicherheit kann man sagen, das er an den K├Ąmpfen von Potidaia (431 - 429 v.Chr.), Delion (424) und Amphipolis (422) teilgenommen hat. Bei einer dieser Feldz├╝ge, n├Ąmlich in Potidaia, rettete er dem Alkibiades tapfer das Leben, indem er ihn durch ein Gew├╝hl von Feinden sicher vom Schlachtfeld tr├Ągt.
Einen weiteren Beweis dieser F├Ąhigkeit liefert die Tatsache, dass er 404/403 v. Chr. unter Lebensgefahr einen Befehl verweigert, nur um sich nicht bei einem politischen Mord mitschuldig zu machen, und zwar befahl ihm Kritias, der damals die Spitze der Regierung der drei├čig Tyrannen darstellte, gemeinsam mit vier weiteren Athenern den Demokraten Leon in Salamis festzunehmen, um ihn nach Athen zu bringen, wo ihn sein Todesurteil erwartete. Sokrates ging nach Hause, als habe er nichts geh├Ârt, und konnte nur dank dem gl├╝cklichen Umstand, dass Kritias kurz darauf verstarb, am leben bleiben.
Zeit seines Lebens eignete sich Sokrates keine gr├Â├čeren Besitzt├╝mer an sondern f├╝hrte ein Leben der Einfachheit. Am besten hat diese Eigenschaft wohl Diogenes Laertios festgehalten, als er erz├Ąhlt, dass Sokrates immer wieder den folgenden Vers wiederholt haben soll:
"Die silbernen Gef├Ą├če und das Purpurkleid
sind f├╝rs Theater gut, f├╝rs Leben nicht."
Daheim bewegte er sich Tag f├╝r Tag auf den Stra├čen Athens, gefolgt von einer Schar von J├╝nglingen, die seinen Gespr├Ąchen lauschten, bei denen er sich mit einem Frage - und - Antwort - Spiel nicht nur an sie, sondern auch an andere B├╝rger der Stadt wandte und zu ergr├╝nden versuchte, was zum Beispiel Tugend oder die beste Staatsform sei. Jedesmal gelang es ihm, seinen Gespr├Ąchspartner in die Enge zu treiben, bis dieser sein Nichtwissen zugab.
├äu├čerlich war Sokrates wohl keine Augenweide, was aus Platons Gastmahl hervorgeht, w├Ąhrend dessen er sich mit dem sch├Ânen Kritobulos streitet. Innerhalb k├╝rzester Zeit schafft er es, den dem griechischen Sch├Ânheitsideal vollkommen entsprechenden J├╝ngling davon zu ├╝berzeugen, dass er der Sch├Ânere der beiden ist. Als Kritobulos vorschl├Ągt, abzustimmen, f├Ąllt f├╝r Sokrates kein einziger Stimmstein, doch dieser nimmt dies nur mit einem L├Ącheln zur Kenntnis.
Mit f├╝nfzig Jahren heiratet er Xanthippe, heute das Urbild des z├Ąnkischen Weibes schlechthin. Drei S├Âhne zeugte er mit ihr, der j├╝ngste war wohl an seinem Todestag noch ein kleines Kind.
Im Februar des Jahres 399 vor Christus wird Sokrates nach einer Anklage des Meletos, des Anytos und des Lykon wegen Gottesfrevlerei (genauer gesagt hei├čt es da: "Sokrates handelt rechtswidrig, indem er die jungen Leute verdirbt und die vom Staate anerkannten G├Âtter nicht anerkennt, wohl aber andere, d├Ąmonische Wesen."[2]) vor Gericht gerufen und mit einer Stimmenverteilung von 280 zu 220 zum Tode verurteilt.



2.Sokrates - einer der bedeutendsten Pilosophen der Antike
2.1. Die Quellen
So gut wie nichts ist ├╝ber diesen weisen Mann bekannt, der in seinem ganzen Leben keine einzige Zeile niedergeschrieben hat und der seiner Nachwelt nur dank Schriften zeitgen├Âssischer Philosophen und Dichter bekannt wurde.
Im "Phaidros", den Platon schrieb, ist folgender Mythos dazu erhalten, den Sokrates angeblich erfand, um seinem Gespr├Ąchspartner von der Unsinnigkeit der geschriebenen Worte zu ├╝berzeugen. Er berichtet von einem ├Ągyptischen K├Ânig namens Theuth, der neben der Mathematik, der Sternkunde und dem Brett - und W├╝rfelspiel auch die Buchstaben erfand. Theuth zeigte seine Erfindung dem ├Ągyptischen K├Ânig Thamus mit den Worten: "Diese Kunst, oh K├Ânig, wird die ├ägypter weiser machen und ihr Ged├Ąchtnis erh├Âhen, denn zur Arznei f├╝r Ged├Ąchtnis und Weisheit wurde sie erfunden." Thamus aber soll geantwortet haben: "Oh kunstreicher Theuth [...], wer dies lernt, dem pflanzt es durch Vernachl├Ąssigung des Ged├Ąchtnisses Verge├člichkeit in die Seele, weil er im Vertrauen auf die Schrift von au├čen her durch fremde Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst die Erinnerung sch├Âpft. Nicht also f├╝r das Ged├Ąchtnis, sondern f├╝r das Erinnern erfandest du ein Mittel."[7]
Die wohl bekanntesten und wichtigsten der Schriftsteller, die f├╝r die Nachwelt Sokrates Worte festhielten sind - vor allem - Platon, Xenophon, Aristoteles und Aristophanes. Wieweit man das glauben kann, was diese vier Schriftsteller niedergeschrieben haben, ist fragw├╝rdig.
2.1.1. Aristoteles kannte Sokrates nur noch vom "H├Ârensagen". Er trat 367 vor Christus in die Platonische Akademie ein und sprach mit vielen Menschen, die Sokrates noch pers├Ânlich kannten, in erster Linie nat├╝rlich mit Platon selbst. Sein wichtigstes Werk in diesem Zusammenhang ist die "Geschichte der griechischen Philosophie", in der er Sokrates und seine philosophische Bedeutung, so wie er sie sieht, darstellt.
    Xenophon war ohne jeden Zweifel kein geborener Philosoph und verfolgte Sokrates h├Âchstwahrscheinlich nur aus dem Grund, um ein St├╝ckchen von seinem Ruhm abzubekommen. Seine Darstellungen von Sokrates sind aufgrund seines fehlenden schriftstellerischen Talentes n├╝chtern und sachlich. Aristophanes verfa├čte im Jahr 423 v. Chr. eine Kom├Âdie mit dem Titel "Die Wolken", in deren Mittelpunkt Sokrates steht. Platon l├Ąsst Sokrates dieses Theaterst├╝ck in seiner Apologie aufs Heftigste kritisieren; wieweit Sokrates selbst damit einverstanden war, l├Ąsst sich heute nicht mehr eroieren. Platon, ein weiterer gro├čer Denker der Antike, wahrscheinlich der gr├Â├čte Bewunderer Sokrates', hatte als Berufswunsch eigentlich Dichter vorgesehen und verstand sich hervorragend darauf, zu ├╝bertreiben und zu dramatisieren. Au├čerdem sah er im Niederschreiben von Dialogen und Reden seines Lehrers zurecht eine einmalige Gelegenheit, auch seine Ideen (im wahrsten Sinne des Wortes) publik zu manchen. Zweifelsohne sind Platons vier Dialoge (die jedoch meist fast einen Monolog des Sokrates darstellen), die sich unmittelbar mit dem Tod Sokrates besch├Ąftigen, jedoch die bekanntesten dieser Werke.
2.1.4.1.Euthyphron: Sokrates hat gerade seine Anklage vernommen und begibt sich zum Gericht, um sie entgegenzunehmen. Er trifft den Priester Euthyphron und er├Ârtert mit ihm den Begriff Fr├Âmmigkeit.
    Die Apologie: Hier schreibt Platon die Verteidigungsrede seines Lehrers vor Gericht nieder - er soll sich dem Vergehen "Frevel wider die Religion" schuldig gemacht haben. Platon selbst ist anwesend, und gemeinsam mit anderen erkl├Ąrt er sich bereit, f├╝r Sokrates mit Geld zu b├╝rgen. Er nimmt das Angebot nicht an. Kriton: Der gleichaltrige Freund des gro├čen Philosophen, der den Titel gab, versucht ihn zur Flucht zu ├╝berreden, um so dem Urteil zu entgehen, jedoch ohne gro├čen Erfolg. Phaidon: Platon beschreibt den Tag der Urteilsvollstreckung. Als Sokrates bei Sonnenuntergang den Schierlingsbecher leert, ist er nicht anwesend. Es ging wohl ├╝ber die Kraft Platons, seinen ├╝ber alles geliebten Meister sterben zu sehen.
├ťber diese vier Dialoge hinaus spielt Sokrates in fast jedem Dialog Platons eine tragende Rolle. Erst in seinen sp├Ąteren Werken widmet er sich allein seinen eigenen philosophischen Gedanken.
    Au├čer diesen Werken sind auch noch eine Reihe nicht so bedeutender Niederschriften erhalten geblieben, unter anderem von Diogenes Laertios, der eine Sammlung von Sokrates' Ausspr├╝chen anlegte: Oft soll Sokrates zum Beispiel beim Anblick der vielen Verkaufsartikel ausgerufen haben: "Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf!", ein anderes Mal soll er auf die Frage, ob man heiraten solle oder nicht geantwortet haben: "Was Du auch tust, Du wirst es bereuen."[4]
Jeder von diesen Schriftstellern entwirft also ein v├Âllig anderes Bild von Sokrates, die einzigen ├ťbereinstimmungen bestehen dort, wo einer von dem anderen abgeschrieben hat.
Wer aber war er nun wirklich? Diese Frage bezeichnet man als das "sokratische Problem", welches bis heute noch nicht gel├Âst werden konnte und es wahrscheinlich auch nie wird. Manche denken, dass es sich bei Sokrates um eine dichterische Figur handelt, wie etwa Dr. Faustus eine war, manche halten ihn f├╝r einen ganz einfachen griechischen Philosophen, der ohne gro├čen Erfolg versuchte, gegen die sophistische Gesellschaft der damaligen Zeit anzuk├Ąmpfen, und der sich noch dazu selbst widersprach, indem er in seinen zahlreichen Gespr├Ąchen mit den Menschen auf der Stra├če sophistische Dialektik anwandte, manche sehen in ihm denjenigen, der es geschafft hat, der Naturphilosophie ein Ende zu setzen und sich endlich dem Menschen zuzuwenden. Wieder andere glauben, dass er von einem g├Âttlichen Schlag war und setzen ihn auf eine Liste mit Jesus, Buddha, Lao - tse und Franz von Assisi - zu dieser Anschauung hat h├Âchstwahrscheinlich der Mythos von seinem Schutzengel das seine beigetragen, der Sokrates angeblich in Form eines Niesers erschien und ihm mitteilte, wenn er etwas besser nicht tun sollte. Noch viele andere Anekdoten ├╝ber den Schutzgeist sind erhalten geblieben[3], trotzdem liegt die Vermutung nahe, dass Sokrates ihn nur darum erfand, um sich nicht f├╝r jede seiner Handlungen rechtfertigen zu m├╝ssen.
Diese Liste von Meinungen lie├če sich wohl unendlich fortsetzen, fest steht jedenfalls, dass er, wer immer er auch war, die Menschen durch seine gro├čen Gedanken seit jeher begeistert, und schlie├člich und endlich bleibt es jedem selbst ├╝berlassen, ihn so zu sehen, wie es einem selbst f├╝r richtig erscheint.
Wie aber kam er dazu, seinen philosophischen Gedanken ausgerechnet in Gespr├Ąchen mit bestimmten Gesellschaftsgruppen Ausdruck zu geben?
    Das Orakel von Delphi
Delphi war zur Zeit der alten Griechen das Nationalheiligtum ihres Landes und der Orakelspruch die h├Âchste Instanz in allen Religionsangelegenheiten, die niemand anzuzweifeln wagte.
Kein Wunder also, dass der Apollontempel auch f├╝r Sokrates eine gro├če Bedeutung hatte, und das gleich in zweifacher Hinsicht.
    Die Inschriften: ├ťber dem Eingangsportal des Tempels stand in Stein gemei├čelt der Spruch: "Erkenne Dich selbst". Gemeint ist hier wohl, sein Ma├č, seine Grenze gegen├╝ber den G├Âttern zu erkennen. Zeit seines Lebens hat diese Inschrift Sokrates zu denken gegeben, wahrscheinlich war sie sogar der Ansto├č f├╝r ihn, sich auf die Suche nach dem wahren moralischen Leben zu machen und ist f├╝r ihn zum Leitspruch seines Pilosophierens geworden. Diese Tatsache ist auch der zarte Hinweis darauf, dass Sokrates kein Sophist war, auch wenn es von seinen Kritikern oft behauptet wird (wie zum Beispiel bei Aristophanes: "Die Wolken"). Im "Phaidros" sagt Sokrates zu dem Jungen, der dem St├╝ck den Titel gab: "Ich vermag noch nicht gem├Ą├č dem delphischen Spruche mich selbst zu erkennen."
In der Eingangshalle des Tempels stand geschrieben: "Nichts zuviel". Auch diese Aussage ist f├╝r Sokrates ein wichtiger Punkt, schlie├člich und endlich f├╝hrte er ein Leben der Einfachheit. Am ehesten beschreibt das der von Diogenes Laertios niedergeschriebene Ausspruch, den Sokrates t├Ątigt, als er an den Gesch├Ąften Athens vorbeigeht (siehe 2.1.5.), aber auch zahlreiche andere Schriftsteller berichten vom besonnenen und m├Ą├čigen Leben des Sokrates (z.B. Platon: Das Gastmahl, Phaidros).
    Der Orakelspruch: In der Apologie l├Ąsst Platon Sokrates dazu folgende Geschichte erz├Ąhlen: " Ihr kennt ja wohl den Chairephon. [...] Ja, und als er einmal nach Delphi kam, da scheute er sich nicht, das Orakel zu befragen, ob ( werdet bitte ├╝ber meine Worte nicht ungehalten, ihr M├Ąnner (von Athen)) - er fragte also, ob wohl jemand weiser sei als ich. Da gab ihm die Pythia[5] den Bescheid, niemand sei weiser."[6]
Fragen ├╝ber Fragen wirft dieser kleine Absatz auf, auf den Platon Sokrates Verteidigungsrede aufbaut. Die erste, die man sich zwangsweise stellen muss, ist zweifelsfrei diejenige, wieweit diese Geschichte aus Sokrates Mund beziehungsweise aus Platons Feder stammt. Nat├╝rlich ist dies wieder ein Punkt, in dem man mehr auf Glauben als auf Wissen bauen kann, aber da dieser Mythos wohl kaum etwas mit Platons Gedanken zu tun hat, dr├Ąngt sich die Vermutung auf, dass er es wohl eher als Bericht gemeint hat.
Obwohl Xenophon in seiner Apologie den Orakelspruch mit keinem Wort erw├Ąhnt, kann man also getrost davon ausgehen, dass dieser gewisse Chairephon wirklich vom Orakel in Delphi wissen wollte, wer denn der weiseste Mann von Athen sei.
Diese paar Zeilen beschreiben also einen der wichtigsten Wendepunkte in Sokrates Leben. Einerseits wird klar, dass Sokrates zu diesem Zeitpunkt schon ein wichtiger Mann in Athen gewesen sein muss, sonst h├Ątte sich wohl niemand die M├╝he gemacht, seinetwegen das Orakel von Delphi zu befragen. Andererseits war das Urteil, das der delphische Gott ├╝ber ihn aussprach, auf jeden Fall ein Grund f├╝r ihn, seine philosophischen Gespr├Ąche von Grund auf zu ver├Ąndern.
Wie es f├╝r Sokrates und seine philosophische Einstellung typisch war, verschwendete er keine Zeit damit, der Sache auf den Grund zu gehen.
Platon - Sokrates zeigt sich in seiner Verteidigungsrede eindeutig verwirrt ├╝ber den Bescheid, den er da erf├Ąhrt: "Was mag der Gott wohl meinen, und was gibt er mir da f├╝r ein R├Ątsel auf? Ich wei├č n├Ąmlich ganz genau, dass ich nicht weise bin, weder viel noch wenig. Was meint er also, wenn er sagt, ich sei der Weiseste? Denn ganz gewi├č l├╝gt er ja nicht, das ist nicht seine Art." Und lange genug war mir g├Ąnzlich unklar, was er wohl damit meinte; dann erst, mit gro├čem Widerstreben, machte ich mich daran, die Frage auf folgende Weise zu untersuchen. Ich ging zu einem von denen, die in dem Rufe standen, weise zu sein, um so, wenn ├╝berhaupt, den Spruch zu widerlegen und dem Orakel zu zeigen: "Dieser Mann ist weiser als ich; du aber hast gesagt, ich sei der weiseste."[8]
Er beginnt also mit einem Vertreter einer ganz bestimmten B├╝rgergruppe zu sprechen: einem Staatsmann, dessen Namen er vor den Richtern nat├╝rlich nicht nennen will. Schon bald bemerkt er, dass dieser Mann sehr wohl weise zu sein scheint (und selbst auch daran glaubt), es aber in Wirklichkeit gar nicht ist.
Er st├Â├čt, wie zu erwarten, auf keine gro├če Begeisterung, als er eben jenem Politiker klarzumachen versucht, dass er in Wirklichkeit nicht so weise ist, als er zu sein glaubt.
Jetzt entdeckt Sokrates den Grundstein seiner Philosophie, und kaum jemand kann das besser beschreiben, als es Platon tat: "So kam es, dass ich mich bei ihm und bei vielen der Anwesenden verha├čt machte; bei mir selbst aber bedachte ich, als ich wegging: "Im Vergleich zu diesem Menschen bin ich der Weisere. Denn wahrscheinlich wei├č ja keiner von uns beiden etwas Ordentliches und Rechtes; er aber bildet sich ein, etwas zu wissen, obwohl er nichts wei├č, w├Ąhrend ich, der ich nichts wei├č, mir auch nichts zu wissen einbilde. Offenbar bin ich im Vergleich zu diesem Mann um eine Kleinigkeit weiser, eben darum, dass ich, was ich nicht wei├č, auch nicht zu wissen glaube."[9]
Um absolut sicher zu gehen, spricht Sokrates auch noch mit anderen Politikern, dann mit Dichtern und schlie├člich auch noch mit den Handwerkern. Leider ist kein einziger dieser Dialoge je niedergeschrieben worden, aber es steht fest, dass Sokrates jedesmal zu demselben Schlu├č kam, und genau so sicher ist auch, dass er bei keinem dieser Gespr├Ąche auf mehr Begeisterung sto├č als beim ersten Mal. Keiner dieser Menschen, die ja angeblich so weise waren, konnte einsehen, dass er es nicht war, so wie es auch heute wahrscheinlich keiner k├Ânnte. Es war nat├╝rlich f├╝r jeden von ihnen leichter, Sokrates anzuprangern, als ├╝ber sich selbst nachzudenken.
Das hindert ihn freilich nicht daran, mit dem, was er als seine Bestimmung erkannt hat, weiterzumachen. Auch die n├Ąchsten zwanzig Jahre verbringt er damit, mit seinen Mitb├╝rgern zu sprechen, jedoch ohne ihnen sein Wissen aufzw├Ąngen zu wollen.
    Die Bestandteile des sokratischen Gespr├Ąches
2.3.1. Die Maieutik, auch genannt die Hebammenkunst: Wie erw├Ąhnt versuchte Sokrates nicht, andere Menschen von seinen Einstellungen zu ├╝berzeugen, sondern er sah sich selbst als einer, der ihnen half, ihr Wissen auf die Welt zu bringen, also ihnen geistige Geburtshilfe leistete.
Er will in denen, die mit ihm sprechen, das Bed├╝rfnis erwecken, selbst nach der Wahrheit zu suchen. Die Ratlosigkeit bei der Kl├Ąrung ethischer Begriffe wird nicht durch nacherz├Ąhlbares Vorsagen einer fertig ausgearbeiteten Sittenlehre ├╝berwunden, sondern die Antwort bleibt letztlich als unabschlie├čbares, kritisches Selberdenken in der Schwebe.
    Das Universale: Oft zielt Sokrates in seinen Gespr├Ąchen auf Begriffsbestimmungen. Er geht induktiv vom besonderen Fall aus und f├╝hrt zum Allgemeinen hin, das hei├čt er strebt auf eine Definition des jeweils diskutierten Begriffes hin. So sucht er Tapferkeit, Wahrheit, Fr├Âmmigkeit, Gerechtigkeit, die Tugend und vor allem das Sch├Âne und das Gute zu ergr├╝nden. Habe man n├Ąmlich einmal das wirklich Gute gefunden, w├Ąre man nicht mehr imstande, B├Âses oder Ungerechtes zu tun, denn niemand, so behauptete der ewig optimistische Sokrates, k├Ânne gegen etwas handeln, von dem er in seinem tiefsten Inneren genau w├╝├čte, dass es schlecht sei. Er hielt es f├╝r unm├Âglich, gl├╝cklich zu werden, wenn man gegen seine eigene ├ťberzeugung vorgehe, und jeder, der wei├č, wie man gl├╝cklich werden kann, wird auch versuchen, es zu werden.
Das Universale bildet aber zugleich den Grundstock f├╝r Platons Ideenlehre, was bedeutet, dass man sich nicht sicher sein kann, inwieweit dieses wirklich ein Bestandteil der sokratischen Gespr├Ąchskunst ist.
    Die sokratische Ironie: Sie ist ein weiteres Hilfsmittel, dessen sich Sokrates gern bedient. Er verstellt sich absichtlich und benimmt sich so, als ob er nicht verst├╝nde, was seine Gespr├Ąchspartner ihm zu erkl├Ąren versuchen. Damit bringt er sie jedesmal soweit, dass sie sich selbst widersprechen und am Ende wieder einmal zugeben m├╝ssen, dass ihre herk├Âmmliche Ansicht die falsche beziehungsweise nicht die vollst├Ąndig richtige war. Das Daimonion: Wie bereits erw├Ąhnt, hatte Sokrates eine innere Stimme, die ihm von ung├╝nstigen Handlungen abriet (siehe 2.1.5.) Sie wird oft als eine g├Âttliche Stimme oder zumindest als sein Gewissen verstanden. So vorteilhaft dies auch klingen mag, so tr├Ągt auch diese innere Stimme schlie├člich und endlich mitschuld an seiner Verurteilung, denn sie kommt bei der Suche nach einer Ausrede, die gebraucht wird, um Sokrates anzuklagen, sehr gelegen. ("... und die vom Staate anerkannten G├Âtter nicht anerkennt, wohl aber andere, d├Ąmonische Wesen" - was sonst au├čer seinem "Schutzengel" k├Ânnte hier gemeint sein?) Bei seiner Verteidigungsrede erz├Ąhlt er, dass er zu seiner Verwunderung feststellen musste, dass ihm ebendiese Stimme nicht davon abriet, zur Verhandlung zu gehen. Genausowenig bemerkte er, dass sie ihn bei einer seiner Ausf├╝hrungen aufhielt, was er als unmi├čverst├Ąndlichen Grund daf├╝r ansieht, dass das, was er zu seinen Richtern sagt, das Richtige ist. Au├čerdem folgert er daraus, dass man keinesfalls recht haben k├Ânne, wenn man behaupte, der Tod sei ein gro├čes ├ťbel. Trotzdem f├Ąllt auf, dass sich das Daimonion meist nicht bei ethisch relevanten Fragen, sondern nur bei irrelevanten Kleinigkeiten meldet. Das h├Ąngt aber durchaus mit Sokrates' ├ťberzeugung zusammen, denn in den wirklich relevanten Fragen d├╝rfte nur die eigene wahre Einsicht gelten.
Also ist es auch kaum verwunderlich, dass sich sein "Schutzengel" nicht meldet, als sein engster Freund Kriton versucht, ihn nach gefallenem Urteil zur Flucht aus Athen zu ├╝berreden, es k├Ânnte aber auch ein Zeichen daf├╝r sein, das Sokrates auch bei dieser Entscheidung wieder einwandfrei und unanzweifelbar das Richtige getan hat.
Noch eine andere Gabe hatte dieser Mann, n├Ąmlich die F├Ąhigkeit, in eine absolute Starre zu verfallen. Oft stand er n├Ąchtelang nachdenkend da ohne sich ein einziges Mal zu bewegen.
    Der Logos: Der Logos ist es, der Sokrates in seinem Wesen bestimmt. Es ist ein Wort aus dem Griechischen, das mehrere Bedeutungen hat. Es steht sowohl f├╝r "Satz" als auch f├╝r die Sprache als Ganzes, aber auch f├╝r das Denken in seinen zwei Bedeutungen, n├Ąmlich ist der Gedanke an sich und das Denken als Vorgang gemeint.
Dieses Wort kann aber auch als der "Sinn" an sich bezeichnet werden, das hei├čt, das f├╝r Sokrates ein Logos hinter allem steckte, und derjenige Logos, der aus einem Gespr├Ąch als vern├╝nftige Einsicht herauskommt, gilt als Ma├čstab f├╝r die Moral.

Sokrates tat also alles, um seinen Mitb├╝rgern auf die geistigen Spr├╝nge zu helfen beziehungsweise sie auf die richtigen Wege zu leiten, und das unerl├Ą├člich. In der platonischen Apologie bezeichnet er sich selbst als eine Bremse, die das Pferd Athen wachstechen will.
    What do we do with gladflies, Sophie?
399 vor Christus kam es durch Anytos, einem angesehenen Mann in Athen, Lykon und Meletos (der Hauptankl├Ąger) zur Anklage gegen Sokrates.
2.4.1. In der attischen Ordnung gab es zwei Arten von Klagen, n├Ąmlich unterschied man zwischen privaten und ├Âffentlichen Anklagen. Die erstere konnte nur direkt von dem Verletzten oder dessen Vertreter erhoben werden, die zweite hingegen von jedem unbescholtenen B├╝rger. Sokrates hatte sich also gegen eine ├Âffentliche Klage zu verantworten
Der Gerichtshof, gegen den sich Sokrates zu verantworten hatte, bestand aus der Anzahl von Geschworenen, die bei gr├Â├čeren Prozessen ├╝blich war, n├Ąmlich aus 501.
Der Wortlaut der Anklage ist unbestritten derjenige, der schon bei 1.4. erw├Ąhnt wird, kommt er doch bei Diogenes Laertios, Xenophon und Platon vor:
"Zur Niederschrift gegeben hat dies Meletos, der Sohn des Meletos aus Pitthos, gegen Sokrates, den Sohn des Sophroniskos aus Alopeke: Sokrates handelt rechtswidrig, indem er die G├Âtter, die der Staat anerkennt, nicht anerkennt und andere, neuartige g├Âttliche (d├Ąmonische) Wesen einzuf├╝hren sucht; er handelt au├čerdem rechtswidrig, indem er die jungen Leute verdirbt.
Strafantrag: der Tod."
Der Teil der Anklageschrift, der sich auf den angeblichen Versto├č des Sokrates gegen das staatliche Recht beruft, indem er nicht an deren G├Âtter glaube, spielt h├Âchstwahrscheinlich nicht auf seine innere Einstellung, sondern auf sein ├Ąu├čeres Verhalten an. Wie bereits erw├Ąhnt, (siehe 2.3.4.) wird wahrscheinlich auf die "g├Âttliche Stimme" des Sokrates angespielt.
In Wirklichkeit k├╝mmerte sich in Athen niemand um die Religiosit├Ąt eines anderen, aber nat├╝rlich kam jeder Vorwand gelegen, einen politischen Gegner oder einen Mann wie Sokrates aus dem Weg zu r├Ąumen.
Der korrumpierende Einflu├č auf die Jugend, dessen Sokrates bezichtigt wird, war, wie es scheint, ein Tatbestand, der aufgrund eines Gesetzes als kriminell galt.
Sokrates verteidigte sich vor Gericht selbst, was durchaus der attischen Proze├čordnung entsprach. Zwar bestand die M├Âglichkeit, eine vorgefertigte Rede eines Schreibers anzunehmen, doch Sokrates lehnt bestimmt ein Angebot des Lysias ab.
Seine Verteidigungsrede setzt sich aus drei Teilen zusammen.
2.4.1.1.Im ersten Teil spricht er direkt die Vorw├╝rfe an, die gegen ihn get├Ątigt worden sind. Daraufhin wird von den Richtern ├╝ber schuldig oder nicht schuldig entschieden; die Entscheidung f├Ąllt wie erw├Ąhnt 220 (nicht schuldig) zu 280 (schuldig) aus. Diese Stimmenverteilung ist kaum verwunderlich.
    Im zweiten Stadium des Prozesses macht Sokrates von seinem Recht Gebrauch, selbst einen anderen Strafantrag zu stellen. Sein Vorschlag ist jedoch kaum eine Bestrafung in dem Sinne, sondern eher eine hohe Belohnung, n├Ąmlich schl├Ągt er eine Ausspeisung im Prytaneum vor. Kriton und andere Freunde des Sokrates verpflichten sich jedoch daf├╝r, f├╝r Sokrates drei├čig Silberminen zu bezahlen, falls das Gericht f├╝r diesen Strafantrag entscheiden w├╝rde. Jedoch hat er mit seinem ersten Antrag die Richter sosehr ver├Ąrgert, dass viele von ihnen ins andere Lager ├╝berwechseln: Die neue Stimmenverteilung betr├Ągt nun 360 zu 140. Der dritte Teil seiner Rede sind schlie├člich die Schlu├čworte an die Richter. Der Vorschlag zur Flucht: Sokrates verbrachte eine ungew├Âhnlich lange Zeit zwischen Todesurteil und Tod im Gef├Ąngnis. Dies "verdankte" er einem Schiff, das von Athen alle neun Jahre losfuhr, um dem Gott Minotaurus auf Kreta ein Opfer von sieben M├Ądchen und sieben Jungen zu bringen. Das Gesetz schrieb vor, dass w├Ąhrend der Zeit, die dieses Schiff unterwegs war, keine Todesurteile durchgef├╝hrt werden durften
W├Ąhrend dieser Zeit wurde er jeden Tag von seinen engsten Freunden besucht. Eines Tages versucht ihn Kriton w├Ąhrend einem dieser Besuche zur Flucht aus Athen zu ├╝berreden. Genau ├╝berlegt Sokrates mit ihm, was das Beste sei, das man tun k├Ânne. Nat├╝rlich stellt sich heraus, das das Richtige f├╝r ihn auf jeden Fall sei, dem Tod ins Auge zu sehen, statt sein Leben, hinter das er sich bei seiner Verteidigungsrede so vehement gestellt hatte, zu ver├Ąndern.
    Der Todestag: Diesen Tag verbringt Sokrates wiederum mit seinen engsten Vertrauten. Seine weinende Frau Xanthippe l├Ąsst er wegschicken, ein durchaus ├╝bliches Verhalten f├╝r einen Mann Athens. ├ťbrig bleiben Apollodoros, Kritobulos, mit seinem Vater und dem zugleich engsten Freund des Sokrates Kriton, Hermogenes, Epigenes, Aischines, Antistehnes, Ktesippos und Menexenos, au├čerdem Simmias, Kebes und Phaidondes aus Theben und Eukleides und Terpsion aus Megara.
Bis tief in die Nacht diskutieren diese M├Ąnner ├╝ber die Unsterblichkeit der Seele, bis Sokrates den Schierlingsbecher leert, so ruhig und besonnen wie er sein ganzes Leben davor schon war.
Noch kurz davor erz├Ąhlt er seinen Freunden, dass er der fixen ├ťberzeugung ist, dass die Erde keine Scheibe, sondern vielmehr kugelrund sei. Auch soll er behauptet haben, dass der Regen nicht von Zeus, sondern von den Wolken k├Ąme.
Der Diener der Elfm├Ąnner (die f├╝r den Vollzug der Strafen verantwortlich waren) sagt ├╝ber ihn: "Sokrates, ├╝ber dich werde ich mich nicht zu beklagen haben wie ├╝ber andere, dass sie mir b├Âse werden und mir fluchen, wenn ich ihnen ansage, sie m├╝ssten das Gift trinken auf Befehl der Beh├Ârde. Dich aber habe ich auch sonst in dieser Zeit erkannt als den Edelsten, Sanftm├╝tigsten und Trefflichsten von allen, die sich jemals hier befunden haben [...]"
Mit seinen letzten Worten kehrt Sokrates wieder zu dem Gott Apollon zur├╝ck, denn er erinnert Kriton daran, dem Sohn seines f├╝r sein Leben so bestimmenden Gott, Asklepios, einen Hahn zu opfern.
Diesem Gott der Heilkunst opferte ├╝blicherweise nach seiner Krankheit - der Genesene.

Gern m├Âchte ich zu Ende die Worte niederschreiben, die Platon als letzte Worte der Verteidigungsrede aufschrieb...:
"Doch jetzt ist's Zeit fortzugehen: F├╝r mich, um zu sterben, f├╝r euch, um zu leben. Wer von uns dem besseren Los entgegengeht, ist uns allen unbekannt - das wei├č nur Gott."

[1] Vgl. Diogenes Laertios, Leben und Meinungen ber├╝hmter Philosophen, ├╝bers. von Otto Appelt; Hamburg 1967, II, 48
[2] Vgl. Platon, Apologie des Sokrates; Reclam 1996, 24b,c
[7] Vgl. Platon, Phaidros; Reclam 1994, Kap. 59 - 60
[4] Diogenes Laertios, a.a.O., Seite 5
[3] Plutarch, Der Schutzgeist des Sokrates
[5] Die weissagende Priesterin des delphischen Apollon Pythios - Vgl. Platon, Apologie des Sokrates, a.a.O., Anmerkungen
[6] Vgl. Platon, Apologie des Sokrates, a.a.O., 20e - 21b
[8] Platon, Apologie des Sokrates, a.a.O., Kap. 6 - 7
[9] Paton, Apologie des Sokrates, a.a.O., Kap. 6 - 7

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