Andorra

Max Frisch:


" Andorra "





Die wichtigsten Daten im Leben von Max Frisch:

15. Mai 1911: Geburt in Z├╝rich
1924 - 1930: Besuch des Realgymnasiums in Z├╝rich
1931 - 1933: Studium der Germanistik in Z├╝rich, abgebrochen, freier Journalist
1936 - 1941: Studium der Architektur, Diplom
1942: Heirat mit Constanze von Meyenburg
1939 - 1945: Milit├Ąrdienst als Kanonier
1942: Architekturb├╝ro in Z├╝rich
1948: Kontakt mit Bertholt Brecht
1954: Aufl├Âsung des Architekturb├╝ros, freier Schriftsteller
1960 - 1965: Wohnsitz in Rom
1962: Dr. h. c. der Phillipps - Universit├Ąt Marburg
1965: Wohnsitz in Tessin, Schweiz
1968: Politische Publizistik in Z├╝rich
4. April 1991: Tod in Z├╝rich im Alter von 79 Jahren

Wichtige Werke von Max Frisch:

    Als der Krieg zu Ende war (1949) Tagebuch 1946 - 1949 (1950) Stiller (1954) Homo faber (1957) Biedermann und die Brandstifter (1958) Andorra (1961)

Einige Preise, die Max Frisch in seinem Leben erhalten hat:

    Conrad Ferdinand Meyer - Preis (1938) Wilhelm Raabe - Preis (1955) Georg B├╝chner - Preis (1958) Preis der Stadt Jerusalem (1965) Gro├čer Schillerpreis (1974) Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1976) Heinrich Heine - Preis der Stadt D├╝sseldorf (1989)





Entstehungsgeschichte


Erste Vorfassung im "Tagebuch 1946 - 1949"
Erste Niederschriften "Andorras" 1958
Herbst 1961 wird das St├╝ck fertiggestellt
Urauff├╝hrung war am 2. November 1961 in Z├╝rich
Urauff├╝hrung in Deutschland am 20. Januar 1962 mit sehr gro├čem Erfolg

INHALT (ausf├╝hrlich):
Gang der Handlung

    Bild (Stra├če, Pinte)

Barblin wei├čelt ihr Haus, dabei wird sie von Peider (Soldat) begafft. Barblins Protest, sie sei verlobt, ignoriert der Soldat mit Spott. Der Pater ist erfreut ├╝ber ihre Wei├čelarbeit, "wir werden ein schneewei├čes Andorra haben, ihr Jungfrauen, ein schneewei├čes Andorra, wenn nur kein Platzregen kommt ├╝ber Nacht" (S. 9). Peider quittiert dies mit blankem Hohn, "... seine Kirche ist nicht so wei├č, wie sie tut ... und wenn ein Platzregen kommt, das saut euch jedesmal die T├╝nche herab, als h├Ątte man eine Sau darauf geschlachtet" (S. 9).

Barblin will vom Pater wissen, ob es wahr sei, dass die Schwarzen, die Nachbarn Andorras, sie ├╝berfallen w├╝rden. Der Pater weicht aus, indem er Barblins Vater kritisiert, auf die Armut verweist und schlie├člich ├╝berraschend beteuert: "Kein Mensch verfolgt euren Andri" (S. 10).

Im zweiten Teil des Bildes verhandelt der Lehrer mit dem Tischler um eine Lehrstelle f├╝r seinen Pflegesohn Andri. Der Tischler verlangt f├╝nfzig Pfund mit der Begr├╝ndung, "Tischler werden, das ist nicht einfach, wenn's einer nicht im Blut hat. Und woher soll er's im Blut haben?" (S. 13). Ein Pfahl, den der Tischler offenbar nicht sieht, versetzt den Lehrer w├Ąhrend des Gespr├Ąchs in h├Âchste Aufregung. Der Tischler geht schlie├člich, ohne auf seine Forderungen zu verzichten. Der Wirt schaltet sich in die Sache ein und verweist darauf, dass wenn es ums Geld gehe, der Andorraner "wie der Jud" sei. Er bietet aber selber nur f├╝nfzig Pfund daf├╝r, dass der Lehrer ein St├╝ck Land anbietet, genau genommen verkaufen muss, um die Tischlerlehre bezahlen zu k├Ânnen.

2. Bild (Vor Barblins Kammer)

Andri spricht mit seiner Verlobten Barblin ├╝ber das, was andere von ihm sagen. Er will wissen, ob er wirklich kein Gef├╝hl habe, ob er geil sei. Er vergleicht sich mit den anderen und wei├č keine Antwort darauf, warum er anders ist als alle. Barblin will ihn beruhigen, doch seine Selbstzweifel gipfeln in der Vision: "Es gibt Menschen, die verflucht sind, und man kann mit ihnen machen, was man will, ein Blick gen├╝gt, pl├Âtzlich bist du so, wie sie sagen" (S. 28).




3. Bild (Tischlerwerkstatt)

Andri bespricht mit dem Tischlergesellen die M├Âglichkeit, in dessen Fu├čballmannschaft mitzuspielen. Dabei ├╝berpr├╝ft der Geselle Andris erstmals fertiggestellten Stuhl. Er h├Ąlt jeder Belastung stand, denn er ist verzapft und verleimt, wie es sich geh├Ârt. Als der Meister kommt und irgend einen Stuhl ├╝berpr├╝ft, der sofort aus dem Leim geht, meint er nur, dass man von Andri ja nichts anderes erwarten k├Ânne, "wenn's einer nicht im Blut" habe. Andris Hinweis, der Tischler sitze auf dem von ihm gefertigten Stuhl, bleibt ohne Wirkung, denn der Geselle gibt nicht zu, dass er den aus dem Leim gegangenen Stuhl gemacht habe. Der Tischler ignoriert Andris heftigen Protest, "Wieso hab ich kein Recht vor euch? (....) Sie machen sich nichts aus Beweisen. Sie sitzen auf meinem Stuhl. Das k├╝mmert Sie aber nicht? Ich kann tun, was ich will, ihr dreht es immer gegen mich, und der Hohn nimmt kein Ende. (...) Sie wollen nicht, dass ich tauge" (S. 34). Der Meister bietet ihm statt dessen an, mit seiner "Schnorrerei" Bestellungen hereinzubringen, ein Pfund f├╝r drei Bestellungen, "Das ist's, was deinesgleichen im Blut hat" (S. 35).
4. Bild (Stube beim Lehrer)

Der Doktor untersucht Andri. Dabei erz├Ąhlt er, dass er Andris Vater als jungen Lehrer gekannt habe. "Immer mit dem Kopf durch die Wand. Er hat von sich reden gemacht damals, ein junger Lehrer, der die Schulb├╝cher zerrei├čt, er wollte andere haben" (S. 37f). Er selber sei Professor, mache sich aber nichts aus Titeln. Er sei in der Welt herumgekommen, dabei habe er erfahren m├╝ssen, dass wo man hinkomme, der Jud schon in allen L├Ąndern der Welt auf allen Lehrst├╝hlen hocke. Er habe nichts gegen den Jud, er sei nicht f├╝r Greuel. Auch er habe Juden gerettet, obwohl er sie nicht riechen k├Ânne. Als Andri abweisend reagiert, erf├Ąhrt er erst, dass Andri Jude ist. Der Lehrer erscheint, er wirft den Doktor aus dem Haus und bezeichnet ihn als "verkrachten Akademiker". Anschlie├čend sitzt die Familie bei Tisch und Andri er├Âffnet seinem Pflegevater, dass er Barblin heiraten m├Âchte. Sie habe das kommen sehen, meint die Mutter, doch Can reagiert entsetzt. "Es ist das erste Nein, Andri, das ich dir sagen muss" (S. 46). Barblin l├Ąuft weg, und f├╝r Andri gibt es nur eine Erkl├Ąrung: "Weil ich Jud bin" (S. 47). Der Lehrer verl├Ąsst das Haus, um sich zu betrinken, wie die Mutter bef├╝rchtet.
5. Bild (Pinte)
Can trinkt Schnaps. Er deutet an, dass er alle belogen habe und Andri seine Schwester heiraten m├Âchte. Der Jemand versteht ihn nicht und verweist auf die Drohungen des Nachbarlandes.
6. Bild (Vor Barblins Kammer)

Der Soldat schleicht ├╝ber den schlafenden Andri hinweg in Barblins Kammer. Andri erwacht und wundert sich ├╝ber die verriegelte Kammert├╝r. Er bekundet freim├╝tig seinen Ha├č. So f├╝hle er sich wohler, und es erlaube ihm, Pl├Ąne zu schmieden, Pl├Ąne f├╝r sich und Barblin. Der betrunkene Can tritt auf. Er will die Wahrheit sagen, doch Andri sieht nur seine Trunkenheit und schleudert ihm seine Verachtung entgegen: "Ich verdanke dir mein Leben. Ich wei├č. Wenn du Wert darauf legst, ich kann es jeden Tag einmal sagen: ich verdanke dir mein Leben (...) Du ekelst mich (...) Geh pissen (...) Heul nicht deinen Schnaps aus den Augen, wenn du ihn nicht halten kannst, sag ich, geh" (S. 54ff). Nachdem der Lehrer gegangen ist, tritt der Soldat mit nacktem Oberk├Ârper und offener Hose aus Barblins Kammer und jagt ihn davon. Andri kann es nicht glauben.
7. Bild (Sakristei)

Der Pater f├╝hrt ein Gespr├Ąch mit Andri auf Wunsch der Pflegemutter, die ihn gro├čer Sorge um ihn ist. Andri wiederholt dem Pater gegen├╝ber alles, was ihm von den Andorranern entgegengehalten wird, er sei vorlaut, denke alleweil ans Geld, niemand m├Âge ihn, er sei ehrgeizig, seinesgleichen habe kein Gem├╝t, er sei feig. Schlie├člich bricht er zusammen und weint um seine Barblin. Sie k├Ânne ihn nicht lieben, niemand k├Ânne das, er selbst auch nicht. Der Pater entgegnet ihm: "Liebe deinen N├Ąchsten wie dich selbst. Er sagt: Wie dich selbst" (S. 63). Er m├╝sse sein Judsein annehmen und verweist auf Andris herausragende Eigenschaften. "Kein Mensch, Andri, kann aus seiner Haut (...) Gott will, dass wir sind, wie er uns geschaffen hat. (...) Du bist nun einmal anders als wir" (S. 64).

8. Bild (Platz vor Andorra)
Die Andorraner unterhalten sich ├╝ber die gespannte politische Lage, weil die Schwarzen Truppen an der Grenze zusammengezogen haben. Eine Senora von dr├╝ben mietet ein Zimmer beim Wirt, was diesen veranlasst, gegen├╝ber den anderen Andorraner das Gastrecht zu beschw├Âren. Der Doktor gibt Phrasen von sich ├╝ber die Beliebtheit der Andorraner in der ganzen Welt, weil "jedes Kind in der Welt wei├č, dass Andorra ein Hort ist, ein Hort des Friedens und der Freiheit und der Menschenrechte" (S. 68). So ist er ├╝berzeugt, dass jene von dr├╝ben es nicht wagen werden, Andorra anzugreifen, weil sich Andorra aufs Weltgewissen berufen kann. Diese scheinbare Gewi├čheit und Rechtschaffenheit hindert die Andorraner jedoch nicht daran, in der Senora eine "Spitzelin" zu sehen, wobei besonders der Soldat und der Tischlergeselle offen ihre Ablehnung der Fremden gegen├╝ber bekunden. Die Senora tritt auf, setzt sich an einen freien Tisch, was die Andorraner au├čer Peider und Fedri veranlasst zu gehen. Peider begafft die Fremde unverhohlen, da erscheint Andri. Er beginnt mit dem Soldaten einen Streit, er wird deshalb von den Soldaten zusammengeschlagen. Die Senora geht dazwischen, hilft ihm und verlangt nach einem Arzt. Sie l├Ąsst sich schlie├člich von Andri zu seinem Vater f├╝hren.

Vordergrund

In der folgenden Szene wird endlich offenbar, was seit der ersten Vordergrundszene bekannt ist: Andri ist der leibliche Sohn Cans und der Senora. In dem Gespr├Ąch der beiden werden auch die ├ängste deutlich, die beide dazu veranlasst haben, ihr gemeinsames Kind vor dem jeweils eigenen Volk zu verleugnen: "Du hast mich geha├čt, weil ich feige war, als das Kind kam. Weil ich Angst hatte vor meinen Leuten. Als du an die Grenze kamst, sagtest du, es sei ein Judenkind, das du gerettet hast vor uns. Warum? Weil auch du feige warst, als du wieder nach Hause kamst. Weil auch du Angst hattest vor deinen Leuten" (S. 77f).

9. Bild (Stube beim Lehrer)

Die Senora verabschiedet sich von Andri und deutet an, dass sich sein Leben ├Ąndern werde. Andri f├╝hlt sich von ihr angezogen. Er begleitet sie zun├Ąchst. In der Zwischenzeit beauftragen Can und die Mutter den Pater, Andri die Wahrheit zu sagen. Andri kommt vorzeitig zur├╝ck, die Senora wolle alleine gehen. Sie hat ihm ihren Ring mit einem Topas geschenkt. Der Lehrer macht sich auf den Weg, die Senora zu begleiten.
Der Pater versucht nun m├╝hsam, mit Andri ins Gespr├Ąch zu kommen, w├Ąhrend dieser gel├Âst und heiter wirkt und dabei dem Pater anvertraut, dass er auswandern wolle, der Ring verschaffe ihm die M├Âglichkeit dazu. Als der Pater die Wahrheit schlie├člich ausspricht, will Andri nichts davon wissen. Und er erz├Ąhlt, wie er, seit er h├Âren k├Ânne, gesagt bekommen hat, wie er sei und wie er schlie├člich erkannt hat, dass er wirklich so sei, wie man ihm nachsage: "Hochw├╝rden haben gesagt, man muss das annehmen, und ich hab's angenommen. Jetzt ist es an Euch, euren Jud anzunehmen" (S. 86). Der Lehrer kommt zur├╝ck und meldet, man habe die Senora mit einem Stein get├Âtet, und
es hei├če, Andri habe den Stein geworfen. Er appelliert an den Pater, er sei Zeuge, dass Andri bei ihm gewesen sei.
10. Bild (Platz von Andorra)

Andri ist allein. Seit den fr├╝hen Morgenstunden ist er, wie er sagt, durch die Gassen geschlendert, und niemand ist zu sehen gewesen. er habe den Stein nicht geworfen, er brauche sich nicht zu verstecken. Eine Stimme fl├╝stert ihm etwas zu. Der Lehrer tritt auf mit einem Gewehr. Er versucht Andri zum Weggehen zu bewegen, die Schwarzen seien da. Andri h├Ârt nicht auf ihn. Aus Lautsprechern ist zu h├Âren, dass kein Andorraner etwas zu bef├╝rchten habe. Er verh├Âhnt die kapitulierenden Andorraner und macht seinem Vater klar, dass er nicht der erste sei, der verloren ist. "Es hat keinen Zweck, was du redest. Ich wei├č, wer meine Vorfahren sind. Tausende und Hunderttausende sind gestorben am Pfahl. Ihr Schicksal ist mein Schicksal" (S. 95). Er wirft eine M├╝nze ins Orchestrion und geht. Danach patrouillieren Soldaten (im Vordergrund) in schwarzen Uniformen mit Maschinenpistolen.

11. Bild (Vor Barblins Kammer)
Barblin ist verzweifelt, w├Ąhrend Andri scheinbar gef├╝hllos sich danach erkundigt, wie oft sie mit dem Soldaten geschlafen habe. In der Folge werden seine Vorhaltungen immer roher, bis er sie schlie├člich auffordert, sich auszuziehen und ihn zu k├╝ssen. "Kannst du nicht, was du mit jedem kannst, fr├Âhlich und nackt. (...) Was ist anders mit den anderen? Sag es doch. Was ist anders? Ich k├╝├č dich, Soldatenbraut! Einer mehr oder weniger, zier dich nicht" (S. 101). Barblin beschw├Ârt ihn vergeblich, sich zu verstecken. Ein Soldat f├╝hrt Andri schlie├člich zur Judenschau.
12. Bild (Platz von Andorra)
Die Andorraner erwarten stumm das weitere Geschehen. Barblin versucht vergeblich, auf sie einzuwirken. Der Doktor meint, man d├╝rfe keinen Widerstand leisten, w├Ąhrend der Wirt mehrfach betont, Andri habe den Stein geworfen, er jedenfalls nicht. Soldaten und der Judenschauer treten auf. Die Andorraner m├╝ssen sich schwarze T├╝cher ├╝ber den Kopf ziehen und die Schuhe ausziehen. Die Angst, der Judenschauer k├Ânne sich vielleicht irren, wird mit dem Hinweis verdr├Ąngt: "Der riecht's. Der sieht's am blo├čen Gang" (S. 109). Der Lehrer versucht, den Andorranern ins Gewissen zu reden. Andri
sei sein Sohn. "Wer unter ihnen der M├Ârder ist, sie untersuchen es nicht. Tuch dr├╝ber! Sie wollen's nicht wissen. Tuch dr├╝ber! Dass fortan sie einer bewirtet mit M├Ârderh├Ąnden, es st├Ârt sie nicht" (S. 113). Der kollaborierende (mit Feind zusammenarbeitend) Peider erteilt letzte Instruktionen. Noch einmal versucht Barblin, die Andorraner zu passivem Widerstand zu bewegen, sie wird von den Soldaten weggeschleppt. Die Andorraner gehen schlie├člich nacheinander unter den kritischen Augen des Judenschauers ├╝ber den Platz. Der Jemand wird als erster genauer inspiziert, darf aber dann weitergehen - mit Peiders Hilfe. Schlie├člich muss Andri sein Tuch abnehmen. Zum Beweis seiner richtigen Wahl
kehrt der Judenschauer Andris Taschen um, M├╝nzen fallen heraus. "Judengeld", kommentiert der Soldat. Die Beschw├Ârungen des Lehrers und der Mutter, Andri sei Cans Sohn, helfen nichts mehr. Andri wird abgef├╝hrt, man rei├čt ihm den Finger ab, weil er den Ring der Senora nicht hergeben will, und t├Âtet ihn. Die Szene endet ├Ąhnlich wie das St├╝ck angefangen hat. Barblin, jetzt geschoren, wei├čelt das Haus ihres Vaters. "Ich wei├čle, ich wei├čle, auf das wir ein wei├čes Andorra haben, ihr M├Ârder, ein schneewei├čes Andorra, ich wei├čle euch alle - alle" (S. 125). Can hat sich im Schulzimmer erh├Ąngt. Der Pater versucht vergeblich, auf Barblin einzureden, w├Ąhrend die Andris Schuhe bewacht, die stehengeblieben sind. "R├╝hrt sie nicht an! Wenn er wiederkommt, das sind seine Schuhe."
Die Zeugenschranke
Nach dem 1., 2., 3., 6., 7., 9. und 11. Bild treten die Andorraner im Vordergrund vor der B├╝hne vor eine Zeugenschranke. Diese Zwischenszenen spielen zeitlich lange nach dem eigentlichen B├╝hnengeschehen. Mit Ausnahme des Paters beteuern alle Andorraner ihre Unschuld am Ausgang der Geschichte. Einzig der Soldat gibt zu, dass er Andri nicht leiden konnte und er nach wie vor der Meinung sei, er sei ein Jude gewesen. Der Doktor, der vorgibt, sich kurz zu fassen, h├Ąlt die l├Ąngste Rechtfertigungsrede. Der Pater - nicht in der Zeugenschranke, sondern im Vordergrund kniend - sagt: "Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht" (S. 65). Mit diesem "auch" dr├╝ckt er neben seiner eigenen Schuld die Kollektivschuld der Andorraner aus.
I Allgemeine Betrachtungen zum St├╝ck "Andorra"

II Die wichtigsten Personen, welche die Handlung des St├╝ckes "Andorra" bestimmen

III Form und Struktur

IV Interpretation
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I Allgemeine Betrachtungen zum St├╝ck "Andorra"

I.I Die Fabel


Das St├╝ck spielt in einer nicht n├Ąher bestimmten Zeit in Andorra - "gemeint ist nat├╝rlich nicht der wirkliche Kleinstaat dieses Namens (...). Andorra ist der Name f├╝r ein Modell" (Max Frisch). Hier begegnet der Zuschauer dem jungen Andri, dem Pflegesohn des Lehrers Can. Der Lehrer hat ihn nach seiner Darstellung als Judenkind aus dem Nachbarland gerettet, dem Land der "Schwarzen", wo er der lebensbedrohlichen Verfolgung durch dieses Volk ausgesetzt gewesen w├Ąre. Andri ist aber in Wirklichkeit der leibliche Sohn Cans und der Senora, einer Schwarzen von dr├╝ben, was aber niemand wei├č, auch Andri nicht. So sehen die Andorraner in ihm den typischen Juden und behandeln ihn nach diesem vorgefa├čten Bild. Unter dem Zwang der an ihn herangetragenen Vorurteile ├╝bernimmt Andri nach und nach dieses Bild des Juden und sieht sich schlie├člich in seinem Anderssein best├Ątigt, als ihm Can die Heirat mit seiner Tochter Barblin verweigert. Von dieser ihm auferzwungenen Identit├Ąt r├╝ckt er auch nicht mehr ab, als ihm nach einem Besuch der Senora seine wahre Herkunft mitgeteilt wird. Die Senora wird vor ihrer Abreise von einem Steinwurf get├Âtet. Deshalb r├╝cken die Schwarzen in Andorra ein, was die Andorraner veranlasst, Andri den Mord an der Senora in die Schuhe zu schieben. In einer spektakul├Ąren "Show" wird Andri von den Schwarzen als Jude "identifiziert" und schlie├člich ermordet. Der Lehrer bezeugt zwar ├Âffentlich die Wahrheit; aber niemand glaubt ihm. Er erh├Ąngt sich in einem Schulzimmer, seine Tochter Barblin verf├Ąllt in geistiger Umnachtung.

I.II Die Bedeutung des Namens "Andorra"


Gemeint ist nat├╝rlich nicht der wirkliche Kleinstaat dieses Namens, Andorra ist der Name f├╝r ein Modell. Es zeigt den Proze├č einer Bewu├čtseinsver├Ąnderung, abgehandelt an der Figur des jungen Andri, den die Umwelt so lange zum Anderssein zwingt, bis er es als sein Schicksal annimmt. Dieses Schicksal hei├čt in Max Frischs St├╝ck "Judsein".

I.III Die Symbolik in dem St├╝ck


Zum einen wird die Symbolik der Farben in diesem St├╝ck offenkundig. Da wird immer dieses schneewei├če Andorra in den Mittelpunkt gestellt. Doch dieses Andorra ist in Wirklichkeit blutrot. Die Bedrohung durch das Nachbarland, Tod und Hinrichtung sind alles Hinweise auf das katastrophale Ende.





Die Folge der 12 Bilder:

Die Folge der 12 Bilder l├Ąsst sich in zwei Sequenzen aufteilen:

Im Verlaufe der ersten sechs Bilder versucht Andri, seine Lebensgeschichte zu verwirklichen. Eine Lebensgrundlage (Tischlerlehre) zu schaffen und eine Familie zu gr├╝nden (Heirat mit Barblin). Die Vorstellung von dieser Zukunft, die sich in nichts von dem unterscheidet, was man gemeinhin als normal bezeichnet, versetzt Andri in h├Âchste Gl├╝cksempfindungen. Dieses Gl├╝ck verhindern die Andorraner, auch sein Vater. Die ersten sechs Bilder demonstrieren diesen Vorgang. Sie zeigen, wie der Jude Andri mit den Vorurteilen konfrontiert wird, wie die Andorraner ihm begegnen. Dabei f├Ąllt das 5. Bild sicher heraus, denn hier deutet der Lehrer konkret an, was man schon wei├č: Andri ist sein Sohn.

Die Bilder acht bis zw├Âlf zeigen Andris Reaktion und schlie├člich sein Ende im zw├Âlften Bild. Die Reaktion ist gegen die Andorraner, gegen Can und Barblin. doch im Grunde gegen sich gerichtet, und sie wird getragen vom Ha├č gegen seine Umwelt; gegen Can und gegen sich. Nur so ist seine Provokation im achten Bild verst├Ąndlich, auch seine Weigerung, die Annahme der neuen Identit├Ąt wieder zur├╝ckzunehmen oder sein Heil in der Flucht zu suchen. ├äu├čerer Anlass dieser Reaktion ist die Weigerung Cans, ihm Barblin zur Frau zu geben (4.Bild) und dann vor allem die Szene vor Barblins Kammer im 6. Bild, als der Soldat aus der T├╝re tritt. Die Wende dieser Entwicklung von der Selbstbeobachtung und Auflehnung gegen das f├╝r ihn bereitgestellt Bild des Juden zur ├ťbernahme der ihm aufgezwungenen Identit├Ąt vollzieht sich im Verlaufe des 7. Bildes: "Ich versteh schon, dass mich niemand mag. Ich mag mich selbst nicht."
Das 9. Bild bringt ein retardierendes Moment, die Begegnung Andris mit der Senora, der Schwarzen aus dem Nachbarland, seiner Mutter, die ihm schlie├člich einen wertvollen Ring schenkt. Es scheint, dass die Mutter die sich anbahnende Katastrophe noch aufhalten kann. Darauf deutet auch Andris euphorische Stimmung zu Beginn des zweiten Gespr├Ąchs mit dem Pater hin. Letztlich bewirkt das Auftauchen der Mutter das Gegenteil: sie wird von einem Stein erschlagen. Motiv war wahrscheinlich die Bereitschaft der Senora, in aller ├ľffentlichkeit f├╝r einen Juden einzutreten.

Was nun folgt ist nur noch die Konsequenz dessen, was sich schon angebahnt hat. Der Mord an der Senora ist Ausl├Âser von jenem Ende, das sich Andri prophezeit, das aber gleichzeitig die Andorraner zu Verdammten stempelt. Angesichts des schreienden Unrechts seines Endes haben sie nichts anderes im Sinn, als ihre Vorurteile weiterhin auszuspielen, "Judengeld", um ihre erb├Ąrmliche Haut zu retten.

II Die wichtigsten Personen, welche die Handlung des St├╝ckes "Andorra" bestimmen

II.I Die Andorraner


Die Andorraner sind die tats├Ąchlichen Akteure, Andris Aktion ist Reaktion im eigentlichen Sinne des Wortes. Das strukturelle Grundmerkmal der schicksalhaften Begegnung ist gepr├Ągt von dieser Aktion und Reaktion, wobei bezeichnenderweise die Aktionen der Andorraner nach dem Mord und der Macht├╝bernahme durch die Schwarzen kaum noch auszumachen sind.
Das Tun der Andorraner ist nicht also Handeln im eigentlichen Sinn, sondern Denken, Sagen, Geisteshaltung. Deshalb kann man den Andorranern auch direkt nichts vorwerfen, l├Ąsst man einmal streng moralische Kategorien au├čer acht. Die Andorraner verfallen also dem Klischeedenken, indem sie die Z├╝ge des "Judas" erkennen wollen.

II.II Andri


Andri ist der Pflegesohn des Lehrers Can. Andri ist aber in Wirklichkeit der leibliche Sohn Cans und der Senora, einer Schwarzen von dr├╝ben, was aber niemand wei├č, auch Andri nicht. So sehen die Andorraner in ihm den typischen Juden und behandeln ihn nach diesem vorgefa├čten Bild. Unter dem Zwang, der an ihn herangetretene Vorurteile ├╝bernimmt Andri nach und nach dieses Bild des Juden und sieht sich schlie├člich in seinem Anderssein best├Ątigt. Von dieser aufgezwungenen Identit├Ąt r├╝ckt er auch nicht mehr ab, als ihm nach einem Besuch der Senora seine wahre Herkunft mitgeteilt wird. In einer spektakul├Ąren "Show" wird Andri von den Schwarzen als Jude "identifiziert" und schlie├člich ermordet.

II.III Barblin


Barblin ist die leibliche Tochter Cans (Lehrer). Andri und Barblin sind ineinander verliebt, was sich als h├Âchst schwierig erweist, da Andri unwissentlich der leibliche Sohn Cans ist. Barblin ist bis zum Ende auf der Seite Andris, bei seinem Tod und dem Tod ihres Vaters f├Ąllt sie in geistige Umnachtung.

II.IV Der Lehrer (Can)


Der Lehrer hat Andri nach seiner Darstellung als Judenkind aus dem Nachbarland gerettet, dem Land der "Schwarzen", wo er der lebensbedrohlichen Verfolgung durch dieses Volk ausgesetzt gewesen w├Ąre. In Wahrheit ist er aber der leibliche Vater Andris. Sp├Ąter kann er seinen Sohn auch nicht mehr ├╝berzeugen seine wahre Identit├Ąt wieder anzunehmen. Nach Andris Tod erh├Ąngt sich der Lehrer wegen seinen Schuldgef├╝hlen in seinem Schulzimmer.

III Form und Struktur
Frisch nennt seine Szenen wohl in der Tradition Bertolt Brechts "Bilder". Die Fabel des St├╝ckes vollzieht sich in zw├Âlf Bildern ganz unterschiedlicher L├Ąnge und Struktur. So besteht das erste Bild genaugenommen aus vier Szenen, die Exposition des St├╝ckes:

1. Barblin, Pater
2. Lehrer, Tischler; Lehrer, Wirt
3. Andri, Barblin
4. Wirt, Soldat; Andri, Soldat

Der Zuschauer wird im Verlaufe dieser vier Szenen des ersten Bildes mit der gesamten Thematik und den wichtigsten Figuren konfrontiert:

    das schneewei├če Andorra, das eben in Wirklichkeit blutrot ist, wobei dem Zuschauer die Symbolik der Farben offenkundig wird; die Bedrohung durch das Nachbarland; Tod, Hinrichtung (Pfahl), bzw. Hinweis auf das katastrophale Ende; die Geringsch├Ątzung der Juden aufgrund haltloser Vorurteile; die Liebenden Andri und Barblin.
Das zweite Bild vervollst├Ąndigt den thematischen Reigen: die Suche nach demIch bzw. nach der eigenen Identit├Ąt. Einige dieser Bilder wirken skizzenhaft, z.B. das 5. Bild, in dem der betrunkene Lehrer sein Dilemma andeutet, oder das 11. Bild, in dem das Dilemma der Geschwisterliebe noch einmal offenbar wird. Andere Bilder leben von ihrem dramatischen Spannungsbogen. Das sind vor allem das 4., das 6.
und das 7. Bild, die Andris Verhaltens├Ąnderung zum M├Ąrtyrer entwickeln. Zwischen den Bildern stehen die Vordergrundszenen, in der Regel sind das die Szenen der Andorraner vor der Zeugenschranke. Ausgenommen aus dieser Schematisierung sind die Bilderfolgen 5/6 (keine Vordergrundszene), 8/9 (Senora, Lehrer) und 10/11 (patrouillierende Soldaten). Grundlage des St├╝ckes ist Frischs Parabel im ersten Tagebuch: "Der andorranische Jude". Es liegt auf der Hand, aufgrund des berichtenden wie aufz├Ąhlenden Charakters dieser Parabel eine Liste der Vorurteile zu erstellen, sie in Beziehung zu dem angeblichen Juden zu bringen, der sich als Andorraner entpuppt, wodurch diese Vorurteile auf die Andorraner zur├╝ckfallen (Spiegel).
Die Schl├╝sselaussage ist "tun ihm nichts", was Frisch postwendend kommentiert: "also auch nichts Gutes". Das Tun der Andorraner, dessen Ergebnis das fertige Bildnis des Juden ist, ist nicht "Aktion", also Handeln im eigentlichen Sinn, sondern Denken, Sagen, Geisteshaltung. Deshalb kann man den Andorranern auch direkt nichts vorwerfen, l├Ąsst man einmal streng moralische Kategorien au├čer acht. Die Reaktion ist im Grunde nichts anderes als die Suche nach seiner Identit├Ąt, die damit endet, dass er das Bild ├╝bernimmt, das die Andorraner f├╝r das Bild des Juden halten. Das dieses Bild logischerweise als Spiegel wirken muss, dann n├Ąmlich, als der Jude sich als Andorraner erweist, bedarf eigentlich keiner Erl├Ąuterung. Viel bezeichnender ist, dass Frisch selbst
dem Klischeedenken verf├Ąllt, wenn er die Andorraner die Z├╝ge des "Judas" erkennen l├Ąsst.
Die Folge der zw├Âlf Bilder l├Ąsst sich in zwei Sequenzen aufteilen: Im Verlaufe der ersten sechs Bilder versucht Andri, seine Lebensgeschichte zu verwirklichen. Eine Lebensgrundlage (Tischlerlehre) schaffen und eine Familie gr├╝nden (Heirat mit Barblin). Die Vorstellung von dieser Zukunft, die sich in nichts von dem unterscheidet, was man gemeinhin als normal bezeichnet, versetzt Andri in h├Âchste Gl├╝cksempfindungen. Dieses Gl├╝ck verhindern die Andorraner, auch sein Vater. Die ersten sechs Bilder demonstrieren diesen Vorgang. Sie zeigen, wie der Jude Andri mit den Vorurteilen konfrontiert wird, wie die Andorraner ihm begegnen. Dabei f├Ąllt
das 5. Bild sicher heraus, denn hier deutet der Lehrer konkret an, was man schon wei├č: Andri ist sein Sohn.
Die Begegnungen zwischen Andri und den Andorranern bestimmen die Andorraner
mit ebenso subtiler wie offener Gewalt. Sie mi├čbrauchen ihre Machtposition schamlos, denn die meisten haben ein pers├Ânliches Interesse, dass diese Begegnung zu ihren Gunsten ausgeht:

    Der Soldat will Barblin haben. Der Tischler verspricht sich mehr Umsatz mit Andri im Verkauf. Der Wirt ersteht billig Land und erh├Ąlt einen S├╝ndenbock f├╝r sein Verbrechen. Der Jemand will seine Ruhe haben und steht dabei f├╝r all jene, die diese Gewalt tolerieren oder nicht sehen wollen, sich dumm stellen oder ganz einfach zu gleichg├╝ltig sind.

Die Mauer, die die Andorraner so errichten, wird f├╝r Andri mehr und mehr un├╝berwindbar. Diese Begegnungen f├╝hren dazu, dass Andri sich beobachtet f├╝hlt und argw├Âhnisch dar├╝ber reflektiert, inwiefern die ihm nachgesagten Eigenschaften und Verhaltensweisen zutreffen.

Die Bilder acht bis zw├Âlf zeigen Andris Reaktion und schlie├člich sein Ende im zw├Âlften Bild. Die Reaktion ist gegen die Andorraner, gegen Can und Barblin, doch im Grunde gegen sich gerichtet, und sie wird getragen vom Ha├č gegen seine Umwelt; gegen Can und gegen sich. Nur so ist seine Provokation im 8. Bild verst├Ąndlich, auch seine Weigerung, die Annahme der neuen Identit├Ąt wieder zur├╝ckzunehmen oder sein Heil in der Flucht zu suchen. ├äu├čerer Anlass dieser Reaktion ist die Weigerung Cans, ihm Barblin zur Frau zu geben (4. Bild) und dann vor allem die Szene vor Barblins Kammer im 6. Bild, als der Soldat aus der T├╝re tritt. Die Wende dieser Entwicklung von
der Selbstbeobachtung und Auflehnung gegen das f├╝r ihn bereitgestellte Bild des Juden zur ├ťbernahme der ihm aufgezwungenen Identit├Ąt vollzieht sich im Verlaufe des 7. Bildes: "Ich versteh schon, dass mich niemand mag. Ich mag mich selbst nicht, wenn ich an mich selbst denke" (S. 61).
Das 9. Bild bringt ein retardierendes Moment, die Begegnung Andris mit der Senora, der Schwarzen aus dem Nachbarland, seiner Mutter, die ihm schlie├člich einen wertvollen Ring schenkt. Es scheint, dass die Mutter die sich anbahnende Katastrophe noch aufhalten k├Ânnte. Darauf deutet auch Andris euphorische Stimmung zu Beginn des zweiten Gespr├Ąchs mit dem Pater hin. Letztlich bewirkt das Auftauchen der leiblichen Mutter das Gegenteil: Im "Hort der Freiheit und der Menschenrechte", wo man auf das "Gastrecht pocht", auch bei unangenehmen Ausl├Ąndern, wird der Gast mit einem Stein erschlagen. Vielleicht war das ausl├Âsende Moment zu dieser Tat die
Bereitschaft der Senora, in aller ├ľffentlichkeit f├╝r den Schw├Ącheren, den Juden einzutreten, sie, eine Schwarze von dr├╝ben, denen man in Andorra Greueltaten gegen├╝ber Juden nachsagt.
"Er trug sein Anderssein sogar mit einer Art von Trotz, von Stolz und lauernder Feindschaft dahinter" (Tagebuch 1946 - 1949, S. 29). Dies zeigt sich auch in Andri, als ihm der Pater seine wahre Identit├Ąt vermitteln m├Âchte: "Jetzt ist es an Euch, Hochw├╝rden, euren Juden anzunehmen" (S. 86). Sehen wir ihn im 7. Bild nach und nach stumm werden, so ist es jetzt der Pater, der verstummt, w├Ąhrend Andri redet. Aber Andri nimmt nicht nur sein ihm aufgezwungenes Anderssein an, er nimmt auch sein Schicksal, seine Hoffnungslosigkeit, sein Ende an: "Meine Trauer erhebt mich ├╝ber euch alle, und so werde ich st├╝rzen. Meine Augen sind gro├č von Schwermut, mein Blut wei├č alles, und ich m├Âchte tot sein. Aber mir graut vor dem Sterben. Es
gibt keine Gnade - " (S. 87). H├Âren wir ihn im ersten Bild im Hochgef├╝hl seiner sich ihm abzeichnenden Zukunftsperspektive sagen: "Die Sonne scheint gr├╝n in den B├Ąumen heut", so muss er jetzt resigniert feststellen, dass diese Hoffnung f├╝r ihn ein bedeutungsloses Bild geworden ist: "Gnade ist ein ewiges Ger├╝cht, die Sonne scheint gr├╝n in den B├Ąumen, auch wenn sie mich holen" (S. 88).

Was nun folgt, ist nur noch die Konsequenz dessen, was sich schon angebahnt hat. Der Mord an der Senora, der die Schwarzen auf den Plan ruft, ist Ausl├Âser von jenem Ende, das sich Andri prophezeit, das aber gleicherma├čen die Andorraner zu Verdammten stempelt. Angesichts des schreienden Unrechts seines Endes haben sich nichts anderes im Sinn, als ihre Vorurteile weiterhin auszuspielen, "Judengeld", um ihre erb├Ąrmliche Haut zu retten.
Andris Tragik ist in dem Umstand zu sehen, dass er bei der Suche nach seinem Ich eine Identit├Ąt annimmt, annehmen muss, die seine Isolation festigt, die um so hassenswerter wird, je mehr er sie anzunehmen bereit ist.
Das strukturale Grundelement dieses St├╝ckes ist also diese oben analysierte Begegnung zwischen den Andorranern und dem angeblichen Juden Andri. Eine Begegnung, die auf der Seite der Andorraner zun├Ąchst einmal durch ihre Geisteshaltung, durch ihr Sagen und Denken, auch durch ihre Verneinung gekennzeichnet ist. Letztlich wird die Begegnung auch bestimmt durch Formen subtiler Gewalt, durch verschiedenste Formen von Gewaltanwendung, vom Ausspielen vorhandener Machtstrukturen bis hin zur Anwendung roher Gewalt. Diese von den Andorranern bestimmte Begegnung hat Andris Reaktion zur Folge, die eine Korrektur des Bildnisses nicht mehr m├Âglich macht. "Ich wollte ja nachher mit ihm reden, aber da war er schon so, dass man halt nicht mehr reden konnte mit ihm" (S. 36), sagt der Tischlergeselle vor der Zeugenschranke und verdeutlicht damit den schon im Zusammenhang mit dem Pater hervorgehobenen Sachverhalt. Die tragische Konsequenz desselben kulminiert im 9. Bild, l├Ąsst aber gleichzeitig erkennen, wie hoffnungslos und weitreichend die Schuldverstrickung der Andorraner gediehen ist: "Und alle, alle, nicht nur mich. Sehen Sie die Soldaten. Lauter Verdammte. Sehen
Sie sich selbst. (...) Sie werden beten. F├╝r mich und f├╝r sich. Ihr Gebet hilft nicht einmal Ihnen, Sie werden trotzdem ein Verr├Ąter" (S. 88).
So zeigen sich Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede zwischen der Vorlage aus dem Tagebuch und dem B├╝hnenst├╝ck. Die Andorraner des Modells sind die tats├Ąchlichen Akteure. Andris Aktion ist Reaktion im eigentlichen Sinne des Wortes. Was bleibt ihm auch anderes zu tun? Das strukturale Grundmerkmal der schicksalhaften Begegnung ist gepr├Ągt von dieser Aktion und Reaktion, wobei bezeichnenderweise die Aktionen der Andorraner nach dem Mord und der Macht├╝bernahme durch die Schwarzen kaum noch auszumachen sind. Das Handeln, die Handlung erh├Ąlt nach deren Auftauchen eine mechanische Eigendynamik, welche Eingriffe von au├čen nicht mehr zulassen.

"Du sollst dir kein Bildnis machen"

Es kommt nicht von ungef├Ąhr, dass sich Max Frisch 1948 in seinem Tagebuch eine Inhaltsnotiz zu einer Szene von D├╝rrenmatts "Der Blinde" macht, in der ein Blinder die Zerst├Ârung seines Herzogtums nicht wahrgenommen hat und deshalb glaubt, er lebe immer noch in seiner Burg. In Wirklichkeit sitzt er inmitten von Ruinen, umgeben von ├╝blem Volk - S├Âldner, R├Ąuber, Zuh├Ąlter und Dirnen, welche mit ihm ihren Spa├č treiben und sich von ihm empfangen lassen als Herz├Âge, Feldherren oder ├äbtissinnen. Die Vorstellungen, welche die Menschen von sich oder ihrer Umwelt haben oder sich machen, durchzieht thematisch Frischs Werk wie ein roter Faden. Diese Thematik ist eng mit Frischs Vorstellungen von der Wirklichkeit, wie sie der Mensch erlebt und
deutet, verkn├╝pft:

    "Wirklich nennen wir nicht, was geschieht, sondern wirklich nennen wir, was ich an einem Geschehen erlebe, und dieses Erleben, wie wir wissen, k├╝mmert sich nicht um die Zeit: es ist m├Âglich, dass wir ein Geschehen immer wieder erleben" (Tagebuch).

Genauer betrachtet, bedeutet diese These nichts anderes, als dass unsere - oder zumindest Frischs - Erfahrungen und Erlebnisse erst die Vorf├Ąlle bewirken, aus denen sie zu folgen scheinen. Oder anders ausgedr├╝ckt: Das, was wir f├╝r die Wirklichkeit halten, kann erst zur Wirklichkeit, zur Wahrheit werden, wenn sie unseren Vorstellungen von ihr standh├Ąlt. Hier und genau hier liegt die Problematik der Andorraner, von Andri, von Andorra begr├╝ndet:
Die Andorraner ziehen ihre Folgerungen aus Andris Sosein nicht aus ihren Erlebnissen und ihrer Begegnung mit Andri. Ihre Vorstellungen von der Wirklichkeit bestimmen diese Begegnung. Nicht anderes ist das Verhalten des Tischlers im 3. Bild beispielsweise zu erkl├Ąren. Verhielte es sich anders, m├╝sste er sich irgendwann von Andris Beteuerungen oder gar Beweisen ├╝berzeugen lassen, denn der Geselle hat mit keinem Wort gesagt, dass er den aus dem Leim gegangenen Stuhl nicht gemacht habe.

Auch der St├╝ckeschreiber eines technischen Zeitalters, wie sich Bertolt Brecht bezeichnet, der seinen Galilei an die Macht und die Verf├╝hrbarkeit der Beweise glauben l├Ąsst, stellt in seinem gleichnamigen St├╝ck eine Welt dar, in der nicht ist, was nicht sein darf, was letztlich seine Titelfigur zum Scheitern zwingt. Wenn D├╝rrenmatt seine Werke als das Produkt "erdachter Geschichten" bezeichnet - als Gegenwelten zur wirklichen Welt, erdacht, weil er im Gegensatz zu Frisch nichts erlebt habe -, so sind
Frischs Werke als Produkt seiner Erlebnisse Metaphern der wirklichen Welt. Belegen l├Ąsst sich dies mit seine ├äu├čerungen im Interview mit Horst Bienek (Werktstattgespr├Ąche):

    "Offenbar gibt es kein anderes Mittel, um Erfahrungen darzustellen, als das Erz├Ąhlen von Geschichten: als w├Ąren es die Geschichten, aus denen unsere Erfahrungen hervorgegangen sind. Es ist umgekehrt. Die Erfahrung erfindet sich ihren Anlass."

Im Falle Andorras ist das eine dramatische Metapher, welche durch Erlebnisse nicht nur gedeutet, sondern auch neu gedichtet worden ist, von der Wirklichkeit abgehoben, in die sie dann als neugeformte Realit├Ąt zur├╝ckf├Ąllt. In Frischs Roman "Stiller", "die Geschichte eines Menschen (...), der seiner Existenz entfliehen will" (Horst Bienek,
Werkstattgespr├Ąche mit Schriftstellern) sagt der jugen Jesuit im Sanatorium von Davos zu Julika:

    "... Dass es das Zeichen von Nicht - Liebe sei, also S├╝nde, von seinem N├Ąchsten oder ├╝berhaupt von einem Menschen ein fertiges Bild zu machen, zu sagen: So und so bist du, und fertig", worauf Julika, so belehrt, wiederum Stiller vorwerfen kann: "Wenn man einen Menschen liebt, so l├Ąsst man ihm jede M├Âglichkeit offen und ist trotzt aller Erinnerungen einfach bereit, zu staunen, immer wieder zu staunen, wie
anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so, nicht ein fertiges Bildnis, wie du es dir machst von deiner Julika." (Max Frisch: Stiller. Suhrkamp Taschenbuch 105. Frankfurt (M) 1974, S.116 und S. 150)

Deutet man diese Stelle im Hinblick auf das eingangs erw├Ąhnte Tagebuch - Zitat, so folgert daraus, dass die Wirklichkeit eines Menschen gar nicht gesehen werden kann. Die Einschr├Ąnkung des Jesuiten bzw. von Julika findet sich sowohl in Frischs Vorlage zu Andorra im Tagebuch: "Ausgenommen, wenn wir lieben", als auch in dem Essay auf S. 26 des Tagebuchs "Du sollst dir kein Bildnis machen". Die Wirklichkeit kann nicht gesehen werden, weil ein Widerspruch besteht zwischen der m├Âglichen wahren und der tats├Ąchlich gelebten Existenz des Menschen. Das Problem liegt vor allem in der
Ver├Ąnderung der menschlichen Natur, einer sicher schrittweisen Ver├Ąnderung, deren Ergebnis wir allenfalls wahrzunehmen bereit sind, aber nicht die Ver├Ąnderung selbst, den Proze├č.

Andorra ist die tragische Metapher dieser Grunderfahrung Max Frischs. Sie f├╝hrt dem immer mehr und mehr betroffenen Zuschauer vor, welches Bild sich das Individuum von sich selber macht, dann welches Bild es sich von seinen Mitmenschen, von seinem Vaterland, von den Nachbarn macht und schlie├člich, wie das Bild des einzelnen von seinen Zeitgenossen gepr├Ągt ist und wird. Die Wirklichkeit, die Wahrheit wird dabei eher zuf├Ąllig getroffen.

IV Interpretation


Max Frischs "Andorra" kann als ein Lehrst├╝ck der Nachkriegszeit aufgefa├čt werden, da es die Probleme der Juden zur Zeit des 2. Weltkrieges deutlich erkennen l├Ąsst. Er zeigt deutlich die Probleme des Rassismus und der Vorurteile gegen├╝ber Minderheiten. Auch zeigt er seine Abneigung gegen das Milit├Ąr, da er die Soldaten als ├Ąu├čerst primitive Menschen darstellt. Gegen all diese Verbrechen an den Juden geht Max Frisch in seinem Lehrst├╝ck "Andorra" vor. Aber sein Drama "Andorra" bezieht sich nicht nur auf Vergangenheitsbew├Ąltigung, es geht ebenso um Heutiges, Gelebtes und Zuk├╝nftiges.
Nennung der schlimmsten Charaktereigenschaften: Geiz, Feigheit.

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