Chinas neue große Mauer

"Der Mensch muss versuchen die Entwicklung der
Technik geistig zu beherrschen. Nur der Einsatz
höchster Menschlichkeit könnte die Gefahr der Technik bannen."
Gertrud von le Fert




Zeitungsausschnitt aus dem PM vom September 2000

"Die Dimensionen des Drei - Schluchten - Projekts sprengen weltweit alle bekannten Ausma√üe von Infrastrukturvorhaben. Der Damm am Yangtze soll einen See von 600 Kilometern L√§nge aufstauen. Daf√ľr m√ľssen gem√§ss offiziellen Angaben 1,8 Millionen Menschen umgesiedelt werden. Das Drei - Schluchten - Kraftwerk soll mit 17'700 Megawatt eine gr√∂√üere Kapazit√§t aufweisen als s√§mtliche Schweizer Wasser - und Atomkraftwerke zusammen. Die Kosten des Projekts werden von Regierungsstellen gegenw√§rtig auf 28 - 75 Milliarden Dollar gesch√§tzt. Ein offizielles Projektbudget existiert nicht."

1. Vorgeschichte und Umfeld des Projektes


    Das Denkmal am Yangtse

Im Vergleich zum Drei - Schluchten - Projekt w√§re die Stauung jedes Flusses in √Ėsterreich eine Finger√ľbung. Der Staudamm gilt in China als ein Prestigeobjekt der Diktatoren. Wie h√§ufig bei Grossprojekten werden die Vorz√ľge herausgestrichen, die Probleme verdr√§ngt.
Mit 6300 Kilometern L√§nge ist der Yangtse der drittl√§ngste Fluss der Welt. Er gilt als "Herz und Arterie Chinas". Sein Einzugsgebiet ist mehr als 20 - mal so gro√ü wie √Ėsterreich. In der fruchtbaren Flussebene des Yangtse leben 400 Millionen Menschen ein Dreizehntel der Weltbev√∂lkerung. Sie produzieren zwei Drittel des chinesischen Reises. Zwischen den Grossst√§dten Chongqing und Wuhan zw√§ngt sich der m√§chtige Fluss auf einer Strecke von 200 Kilometern zwischen steilen Gebirgsklippen vom Hochland Sezuans hinunter in die zentralchinesische Tiefebene. 1898 bezwang erstmals ein Schiff die ber√ľchtigten Stromschnellen der "Drei Schluchten". Am Ausgang der Schluchten steht die Kleinstadt Sandouping. Hier legte Premierminister Li Peng Mitte Dezember 1994 den Grundstein f√ľr ein Bauwerk, das zum gr√∂√üten Kraftwerk der Menschheitsgeschichte werden soll das Drei - Schluchten - Projekt.

1.2Alter Traum der F√ľhrer

Der Yangtse bringt der chinesischen Bevölkerung nicht nur Fruchtbarkeit, sondern auch immer wieder Tod und Zerstörung. Periodische katastrophale Überschwemmungen kosteten seit 1870 mindestens 700'000 Menschenleben. Den unberechenbaren Fluss unterhalb der Drei Schluchten mit einem Staudamm zu zähmen, war seit dem Ersten Weltkrieg der Traum jedes großen chinesischen Herrschers von Sun Yat - sen bis Tschiang Kai - schek, von Mao Tse - tung bis zu Li Peng. Nach jahrzehntelangen Abklärungen und Kontroversen bewilligte das chinesische Parlament, der Nationale Volkskongress, im April 1992 das aktuelle Projekt.
Gem√§ss den offiziellen Pl√§nen wird der Drei - Schluchten - Damm verschiedene Zwecke erf√ľllen: Ein Kraftwerk soll j√§hrlich 85 Milliarden kWh Strom erzeugen, einen Neuntel der heutigen Jahresproduktion Chinas. Seine 26 Generatoren sollen mit einer Leistungsf√§higkeit von 17'700 Megawatt die Kapazit√§t von Itaip√Ļ in Brasilien, dem bisher gr√∂√üten Kraftwerk der Welt, um die H√§lfte √ľbertreffen. Der Damm soll die periodischen Hochwasser auffangen und damit zuk√ľnftige √úberschwemmungskatastrophen verhindern. Der Yangtse ist auch die wichtigste Verkehrsader in die bev√∂lkerungsreiche Provinz Sezuan. Indem er die Stromschnellen der Drei Schluchten unter Wasser setzt, soll der Stausee den bisherigen Schifftransport verf√ľnffachen. Schiffe bis 10'000 Tonnen sollen zuk√ľnftig den wichtigen Hafen von Chongqing anfahren k√∂nnen. Zu guter Letzt soll der Staudamm die trockeneren n√∂rdlichen Provinzen mit Wasser versorgen. Die letzten Generatoren sollen im Jahr 2009 ans Stromnetz gehen und der Stausee um 2013 sein normales Niveau erreichen.

1.3. Das außenpolitische Umfeld des Entscheids

Die Regierung der USA entschied im Mai 1996, aufgrund der √∂kologischen und sozialen Probleme keine Kredite der Export - Import - Bank f√ľr das Drei - Schluchten - Projekt in seiner aktuellen Form zu erteilen. Der Gouverneur der japanischen Exim - Bank versicherte im Juli 1996, ebenfalls keine Garantien f√ľr das Projekt zu bewilligen,. Auch die Weltbank wird sich nicht am Drei - Schluchten - Vorhaben beteiligen. Damit stehen s√§mtliche Finanzierungsinstitutionen, die bei ihrer T√§tigkeit minimale soziale und √∂kologische Bedingungen beachten, abseits. Zwar hat die deutsche Regierung im August 1996 eine Hermes - B√ľrgschaft f√ľr das Projekt bewilligt. Letzteres wird jedoch nur finanziert werden k√∂nnen, wenn die umfangreichen Exportkredite auf mehrere L√§nder verteilt werden k√∂nnen.
Das Drei - Schluchten - Projekt ist weltweit zum Symbol einer menschenverachtenden Entwicklungspolitik geworden. Das internationale Netzwerk von Entwicklungs - und Umweltorganisationen wird in Zukunft jede Regierung oder Firma nachhaltig brandmarken, die sich an diesem Vorhaben beteiligt.

1.4. Außenpolitische Kohärenz

Das Drei - Schluchten - Projekt war seit den 20er Jahren ein Prestigeprojekt der starken M√§nner und Diktatoren Chinas. Die Opposition von zust√§ndigen Ministerien, Provinzregierungen, wissenschaftlichen Kommissionen und Parlamentsabgeordneten verhinderten seine Durchf√ľhrung bis Ende der 80er Jahre. Der Bauentscheid von 1992 wurde nur dank der Repressionswelle seit dem Tiananmen - Massaker vom Juni 1989 m√∂glich. Seit diesem Zeitpunkt kann in China das Projekt am Yangtze nicht mehr √∂ffentlich diskutiert werden. Kritische Stimmen wie die prominente Journalistin Dai Qing wurden mundtot gemacht.
Jahrzehntelange negative Erfahrungen haben gezeigt, dass Gro√üprojekte h√∂chstens im Klima einer freien Meinungs√§u√üerung, einer √∂ffentlichen Diskussion der Vor - und Nachteile sinnvoll durchgef√ľhrt werden k√∂nnen. Dies bedeutet nicht, Spielregeln westlicher Demokratien auf L√§nder wie China zu √ľbertragen. Ein Mindestmass an im Sinn von Pressefreiheit, Konsultation und Partizipation der Betroffenen ist jedoch die unabdingbare Voraussetzung f√ľr die verantwortungsvolle Durchf√ľhrung jedes Entwicklungs - oder Infrastrukturprojekts. Gerade die ber√ľchtigtsten Entwicklungsruinen des internationalen Kraftwerkbaus weisen die selben undemokratischen Rahmenbedingungen auf wie das Drei - Schluchten - Projekt.
F√ľhrende Vertreter des Bundesamts f√ľr Au√üenwirtschaft haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die wirtschaftliche Verflechtung den Austausch von Ideen und damit l√§ngerfristig die Demokratisierung f√∂rdert. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Demokratisierung historisch von der wirtschaftlichen Entwicklung nie automatisch gef√∂rdert, sondern stets in konkreten Auseinandersetzungen erk√§mpft wurde. Gerade der Widerstand gegen Staudammprojekte hat f√ľr die Demokratisierung in Zentral - und Osteuropa eine entscheidende Rolle gespielt. (Beispiele sind die bahnbrechenden Kampagnen gegen Nagymaros und Gabcikovo in Ungarn sowie gegen weitere Projekte in Bulgarien, Litauen oder Georgien.) Aufgrund dieser Erfahrungen w√§re es √§u√üerst zynisch, das diktatorische Drei - Schluchten - Projekt, das die Repression gegen dissidente Stimmen weiter versch√§rfen wird, durch seine Auswirkungen auf die Menschenrechtssituation zu rechtfertigen.

1.5. Finanzielle und politische Risiken

Das Drei - Schluchten - Projekt ist innerhalb des chinesischen Machtapparats seit Jahrzehnten umstritten. Zur Opposition werden u.a. die Provinzregierung von Sichuan, das fr√ľhere Elektrizit√§tsministerium, gro√üe Teile des Nationalen Volkskongresses und zahlreiche wissenschaftliche Gremien gez√§hlt. Auch der Zhu Rongji und KP - Generalsekret√§r Jiang Zemin gelten als Gegner des Projekts. Zu den Ablehnungsgr√ľnden geh√∂ren offenbar die Unwirtschaftlichkeit des Projekts, die angesichts der zunehmenden staatlichen Budgetdefizite besonders ins Gewicht f√§llt, sowie die Furcht vor Unruhen der Umsiedlungsopfer. Die finanziellen Probleme des Projekts d√ľrften sich 1996 versch√§rft haben. Aufgrund der Skepsis der privaten Banken gelang es den zust√§ndigen Beh√∂rden bisher nicht, Obligationen auf dem privaten Kapitalmarkt aufzulegen. Die wachsende finanzielle Autonomie der Provinzregierungen erschwert es der Zentralregierung, letztere zur Finanzierung des Projekts beizuziehen. Die Beh√∂rden von Guangdong beteiligen sich beispielsweise an dezentralen, rentablen Wasserkraftwerken statt am Prestigeprojekt am Yangtze. Als Folge der wachsenden Budgetdefizite sieht sich die Zentralregierung gezwungen, verschiedene Kraftwerkprojekte zu annullieren. Es gibt Indizien, dass die finanzielle Privilegierung des unwirtschaftlichen Drei - Schluchten - Damms innerhalb des Machtapparats zunehmenden Unmut schafft.
Innerhalb der chinesischen Regierung z√§hlen Wasserbauprojekte zur Dom√§ne von Premierminister Li Peng. Die Amtszeit dieses Hauptbef√ľrworters des Drei - Schluchten - Damms l√§uft 1997 ab. Gem√§ss verschiedenen Spekulationen k√∂nnte sie nicht erneuert werden - insbesondere wenn Deng Xiao Ping in der Zwischenzeit stirbt. Falls Li Peng tats√§chlich aus dem Machtzentrum verdr√§ngt wird, ist nicht ausgeschlossen, dass Projektgegner wie Zhu Rongji und Jiang Zemin die Privilegierung des Damms am Yangtze beenden und den Zufluss weiterer Finanzmittel unterbinden k√∂nnten. Japanische Firmen halten gr√∂√üere Investitionen in das Projekt bewusst zur√ľck, bis sich die politische Zukunft Li Pengs gekl√§rt hat. Das Projektrisiko des umstrittenen Vorhabens muss jedenfalls als erheblich h√∂her eingesch√§tzt werden als das L√§nderrisiko der Volksrepublik China.

2. Hoher Preis

Immer wieder werden bei Grosskraftwerken die Nutzen √ľbersch√§tzt und die Nachteile untersch√§tzt. Auch beim "megalomanen Projekt" am Yangtse sind zahlreiche Probleme ungel√∂st.
2.1. Umsiedlung:
140 St√§dte, 1600 Fabriken und insgesamt 1,13 Millionen Menschen m√ľssen dem Stausee in den Drei Schluchten gem√§ss offiziellen Angaben weichen. Nicht mitgez√§hlt werden mehrere 10'000 Personen, die sich illegal in den St√§dten niedergelassen haben. Und weitere rund 500'000 Menschen m√ľssen in den kommenden Jahrzehnten umgesiedelt werden, wenn sich der Wasserspiegel wegen der zunehmenden Versandung des Sees anheben wird. Zwar m√ľssen pro Megawatt an Kraftwerkskapazit√§t in China normalerweise doppelt so viele Menschen umgesiedelt werden wie im Fall der Drei Schluchten. Doch das Yangtse - Tal ist landwirtschaftlich √ľberaus fruchtbar. Die Menschen m√ľssen deshalb von reichen in √§rmere Gebiete umziehen. Rund f√ľnfmal mehr Land wird gebraucht, um die landwirtschaftliche Produktion des Tals zu ersetzen. Die Umsiedlung wird zwangsl√§ufig zur Entwurzelung grosser Bev√∂lkerungsgruppen und zu Spannungen f√ľhren, die mit massiver Repression beantwortet werden wird. Die chinesischen Polizeikr√§fte sind dazu bereit (siehe Kasten). In L√§ndern mit demokratischen Strukturen k√∂nnten solche Umsiedlungsvorhaben nicht durchgesetzt werden..
2.2. Kolonisierung:
Umsiedlungsprojekte werden in China immer wieder dazu ben√ľtzt, um die dominierende Han - Bev√∂lkerung in Regionen mit ethnischen Minderheiten (Tibet, Xinjiang) anzusiedeln. Auch im Fall der Drei Schluchten k√ľndigte die Zeitung "China Daily" 1993 an, dass 470'000 Menschen nach Xinjiang umgesiedelt w√ľrden. Die uigurische (muslimische) Bev√∂lkerung dieser W√ľstenprovinz wurde seit 1949 durch eine systematische Han - Zuwanderung in die Minderheit versetzt. Die offizielle Meldung wurde anschlie√üend wieder dementiert, doch der Kolonisierungsverdacht bleibt bestehen.
2.3. Sicherheit:
Ein Dammbruch des Drei - Schluchten - Stausees w√ľrde viele Millionen Menschen gef√§hrden. Die Region ist seismisch aktiv. Das Gewicht eines Stausees kann zudem selbst Erdbeben ausl√∂sen. Gem√§ss offiziellen Angaben kann das geplante Bauwerk Erdbeben der St√§rke 7 standhalten. Doch in der Vergangenheit unterliefen den Beh√∂rden fatale Irrt√ľmer. 1975 forderte ein Dammbruch am Banqiao - Stausee mehr als 10'000 Todesopfer; im August 1993 starben mindestens 220 Menschen, als ein Erdbeben den Gouhou - Damm zerst√∂rte. Der Drei - Schluchten - Damm w√ľrde f√ľr China auch ein gro√ües milit√§risches Risiko bilden. Bereits in den 70er Jahren warnte Mao Tse - tung, dass das Land durch Angriffe auf dieses Projekt milit√§risch erpressbar werde.



2.4. Flutkontrolle:
Die Stauung des Yangtse bildet ein zweifelhaftes Instrument zur Z√§hmung der gef√§hrlichen Fluten. Den Hauptgrund f√ľr die √úberschwemmungsgefahr bilden die starken Abholzungen am Oberlauf des Flusses, gegen die das Projekt nichts ausrichtet. Der geplante Damm k√∂nnte ohnehin nur den mittleren K√ľstenabschnitt vor Hochwassern sch√ľtzen, da er die grossen Zufl√ľsse am Unterlauf des Yangtse nicht erfasst. Die Flutkontrolle steht im Konflikt mit der Stromerzeugung: Ein gut gef√ľllter Stausee f√∂rdert die Energieproduktion, kann aber die periodischen Hochwasser nicht mehr auffangen. Dieses Dilemma l√∂ste Premier Li Peng 1992 eindeutig zugunsten der Stromproduktion, indem er den geplanten Wasserpegel auf 175 Meter erh√∂hte. Zuk√ľnftig wird sich im Staubecken auch der mitgef√ľhrte Sand absetzen. Dadurch wird der Fluss aggressiver und kann die lebensrettenden Deiche unterhalb des Damms eher zerst√∂ren. Schlie√ülich werden die Sandablagerungen auch dazu f√ľhren, dass die Ufergebiete in Sezuan am oberen Ende des Sees um so eher √ľberschwemmt werden. Eine dezentrale Kontrolle der zahlreichen Zufl√ľsse des Yangtse k√∂nnte die Gefahr von √úberschwemmungskatastrophen nach Ansicht kritischer Fachleute eher bannen als der Mammutdamm bei den Drei Schluchten.
2.5.Versandung:
Wegen der massiven Abholzung und Erosion tr√§gt der Yangtse die drittgr√∂sste Sandfracht unter allen Fl√ľssen der Welt mit sich. 680 Millionen Tonnen sind es im Gebiet der Drei Schluchten j√§hrlich. Nach dem Bau des Damms wird sich in gro√üer Teil dieser Fracht zuk√ľnftig im See ablagern. Dies bringt zahlreiche Probleme mit sich: Der fruchtbare Schlamm wird zuk√ľnftig nicht wie bisher die landwirtschaftlichen Gebiete des Unterlaufs d√ľngen k√∂nnen. Wenn die Sandfracht wegf√§llt, d√ľrfte vermutlich Salzwasser ins M√ľndungsgebiet des Flusses eindringen, das landwirtschaftlich intensiv genutzt wird. (Beide Probleme tauchten auch im Fall des Assuan - Damms in √Ągypten auf.) Die Ablagerungen werden den oberen Teil des Stausees verstopfen und in Sezuan das Risiko von √úberschwemmungen erh√∂hen. Schlie√ülich kann die Sandfracht den See teilweise auff√ľllen und die Stromproduktion massiv einschr√§nken. Der Sanmenxia - Stausee am Gelben Fluss wurde beispielsweise innert vier Jahren nach seiner Er√∂ffnung in den 60er Jahren vollst√§ndig aufgef√ľllt. √Ąhnliche Probleme traten in den 80er Jahren auch beim Gezhouba - Damm auf, der als Testfall f√ľr das Drei - Schluchten - Projekt gilt. Die Beh√∂rden hoffen das Versandungsproblem in den Griff zu bekommen, indem sie das Einzugsgebiet am Oberlauf massiv aufforsten. Da jedoch die Landwirtschaft aus dem √ľberschwemmten Talboden an die Bergh√§nge verschoben wird, d√ľrfte die Erosion gleichzeitig wieder zunehmen.
2.6. Schifffahrt:
Der Yangtse k√∂nnte gleich viele G√ľter in die schlecht erschlossene Provinz Sezuan transportieren wie 14 Eisenbahnlinien. Die Z√§hmung der Drei Schluchten soll den Schifftransport von 10 auf j√§hrlich 50 Millionen Tonnen erh√∂hen. Doch auch hinter dieser Hoffnung steht ein Fragezeichen. Die gef√§hrlichen Wirbel k√∂nnen nur mit einem hohen Wasserspiegel unter Wasser gesetzt werden. Die verst√§rkte Sandablagerung wird jedoch in diesem Fall l√§ngerfristig den zentralen Hafen von Chongqing verschlie√üen. Die √úberwindung des Staudamms wird zudem f√ľnf aufeinanderfolgende Schleusen von 34 Metern Breite und rund 40 Metern H√∂he bedingen. Solche Dimensionen wurden bisher weltweit noch nie erreicht. Wenn nur eine der Schleusen ausf√§llt, wird der ganze Schifftransport auf der Lebensader des Yangtse blockiert.
2.7. Trinkwasser:
Offizielle Stellen f√ľhren gelegentlich ins Feld, der Drei - Schluchten - Stausee k√∂nne zuk√ľnftig die trockenen Regionen Nordchinas mit Trinkwasser versorgen. Die entsprechenden Wasserleitungen k√∂nnten aber nur gebaut werden, wenn der Damm eine H√∂he von mindestens 200 Metern erreichen w√ľrde. Diese Pl√§ne wurden Ende der 50er Jahre aufgegeben. Beim aktuellen Projekt (mit einer Kronenh√∂he von 185 Metern) ist die Entnahme von Trinkwasser nicht m√∂glich.
2.8. √Ėkologische Auswirkungen:
Die Nutzung der Wasserkraft ist viel umweltfreundlicher als die Verfeuerung von Kohle. Doch gem√§ss einem Umweltgutachten der chinesischen Akademie der Wissenschaften "scheinen die m√∂glichen Risiken des Drei - Schluchten - Projekts gegen√ľber seinen m√∂glichen Nutzen immer noch zu √ľberwiegen". Die Ver√§nderung des √Ėkosystems, die der Damm bewirkt, wird beispielsweise mehrere gef√§hrdete Tierarten wie den chinesischen Flussdelphin, den chinesischen Alligator oder den sibirischen Kranich (der am Yangtse √ľberwintert) bedrohen.
2.9. Zerstörung historischer Stätten:
In den Drei Schluchten befinden sich √ľber hundert historische und kulturelle St√§tten, darunter 5000 Jahre alte Gr√§ber. Neben dem Naturschauspiel machen diese St√§tten die Schifffahrt durch die Schluchten zu einer beliebten touristischen Attraktion. Die Projektverantwortlichen halten auch f√ľr dieses Problem eine technische L√∂sung bereit. Ein Teil der St√§tten soll aus dem Stauseebereich entfernt, ein weiterer Teil f√ľr den zuk√ľnftigen Tauchtourismus pr√§pariert werden. Ein unbeirrter Fortschrittsglaube dr√ľckt auch ein Dokument der Beh√∂rden der direktbetroffenen Pr√§fektur Wanxian aus. "Einheimische und ausl√§ndische Touristen glauben immer noch, dass die gegenw√§rtige Landschaft der Drei Schluchten unverdorbener und attraktiver ist", h√§lt dieses fest, "obwohl der Charme der Schluchtenlandschaft nach der Vollendung des Damms bleiben und sogar noch gro√üartiger werden wird."

3. Sinnvollere Alternativen?

3.1. Regionale Ungleichgewichte

Die rasante Industrialisierung l√∂st in China massive Spannungen zwischen den boomenden √∂stlichen Provinzen und dem r√ľckst√§ndigen Westen des Landes aus. Der Drei - Schluchten - Damm w√ľrde dieses Ungleichgewicht noch verst√§rken. Die reiche Provinz Hubei am Unterlauf des Yangtse w√ľrde in Form von Stromlieferungen und einer verbesserten Flutkontrolle am meisten vom Projekt profitieren. Den h√∂chsten Preis daf√ľr m√ľsste durch die Umsiedlungen und ein verst√§rktes √úberschwemmungsrisiko am Oberlauf die arme und bev√∂lkerungsreiche Provinz Sezuan bezahlen.

3.2. Stromerzeugung

Der chinesische Stromverbrauch befindet sich auf einem sehr tiefen Niveau und w√§chst j√§hrlich um rund 8 Prozent. Die Elektrizit√§t stammt haupts√§chlich aus der Verfeuerung von Kohle, obwohl China das gr√∂√üte ungenutzte Wasserkraftpotential der Welt besitzt. Im Interesse des Klimaschutzes ist ein √úbergang der chinesischen Energieproduktion von der Kohle zur Wasserkraft sinnvoll. Gem√§ss offiziellen Angaben k√∂nnte der Drei - Schluchten - Damm allein j√§hrlich 40 Millionen Tonnen Kohle einsparen. Dennoch gibt es auch auf der Energieebene sinnvollere Alternativen zum Mammutkraftwerk. Die chinesische Industrie, auf die zwei Drittel des Stromverbrauchs entfallen, verschwendet n√§mlich ungeheure Energiemengen. Stahl wird in anderen L√§ndern mit der H√§lfte, D√ľnger mit weniger als einem Drittel der Strommenge hergestellt, die China verwendet. Daf√ľr sind zum einen veraltete Technologien, zum anderen die verkrusteten Strukturen der Planwirtschaft verantwortlich, die den effizienten Einsatz von Energie bestrafen. Dennoch wird China zuk√ľnftig weitere Kraftwerke brauchen. Eine offizielle Untersuchung ergab in den 80er Jahren 11'100 verschiedene Standorte daf√ľr, davon 4400 an den Zufl√ľssen des Yangtse. F√ľr mindestens 27 kleine und mittlere Kraftwerke am Yangtse bestehen Machbarkeitsstudien. Zahllose Berichte und Beh√∂rden setzten sich in China immer wieder daf√ľr ein, statt des Drei - Schluchten - Damms solche dezentralen Projekte zu f√∂rdern.

3.3.Kosten

Im Mai 1993 wurden die Kosten des Drei - Schluchten - Projekts (inkl. Zinsen) offiziell mit 224 Milliarden Yuan(ca. 40 Milliarden Dollar) angegeben. Finanziert werden sollen sie durch die Stromproduktion, einen Zuschlag auf s√§mtlichen Stromtarifen im Land, in - und ausl√§ndischen Krediten sowie Anleihen auf dem Kapitalmarkt. 1985 - 1993 verdreifachte sich das Ausgabenbudget. Wirtschaftsnahe Kreise (inklusive der Weltbank) zweifeln daran, dass es sich je rentieren wird. Jede Verl√§ngerung der 17j√§hrigen Bauzeit w√ľrde die Wirtschaftlichkeit zus√§tzlich verschlechtern. Kaum ein Gro√ükraftwerk auf der Welt wurde aber innerhalb des geplanten Zeitraums fertiggestellt. Mit einem Verweis auf die negativen Erfahrungen beim brasilianischen Mammutkraftwerk Itaip√Ļ sprach sich um 1993 auch Qiao Peixin, der Pr√§sident der chinesischen Bankenvereinigung, gegen das Drei - Schluchten - Projekt aus.

4. Fazit

Das Drei - Schluchten - Projekt kann seri√∂serweise nicht als optimale Strategie zur L√∂sung der chinesischen Energie - oder Hochwasserprobleme bezeichnet werden. Es bildet das Resultat eines undemokratischen, auf politische Machtvermehrung ausgerichteten Planungs - und Entscheidungsprozesses. Seine Durchf√ľhrung wird schwerste Menschenrechtsverletzungen mit sich bringen. Aufgrund jahrzehntelanger Erfahrungen weist das Vorhaben alle Merkmale auf, die eine gigantische, zerst√∂rerische Fehlplanung erwarten lassen. Weltweit ist kein Projekt denkbar, dass den entwicklungspolitischen Grunds√§tzen der Industriestaaten und dem heutigen Verst√§ndnis moderner Projektplanung klarer widersprechen w√ľrde.

5. Technische Probleme des Drei - Schluchten - Damms

Expertenbericht von Leonard Sklar und Amy Luers
Herausgegeben von der Erklärung von Bern
und vom International Rivers Network

5.1. Zusammenfassung

Am 8. November 1997 wird der Yangtze - Fluss bei der Drei - Schluchten - Baustelle in einen k√ľnstlichen Seitenarm umgeleitet. Dies erm√∂glicht den Bau des eigentlichen Staudamms und der Kraftwerkanlagen. Neben der Entkolonisierung Hongkongs bezeichnen chinesische Regierungsstellen die Umleitung des Yangtze als zweites historisches Ereignis des Jahres 1997. Auf Einladung der Three Gorges Development Corporation besuchten Amy Luers und Leonard Sklar vom kalifornischen Ingenieurb√ľro Sklar, Luers & Associates im Oktober 1997 die Dammbaustelle. Sie geh√∂rten einer US - amerikanischen Delegation von Fachleuten an. Aufgrund ihrer Besichtigungen, von Gespr√§chen und offiziellen Dokumenten verfassten Sklar und Luer den beiliegenden Bericht √ľber aktuelle technische Probleme des Drei - Schluchten - Projekts. Darin identifizierten sie die folgenden haupts√§chlichen Probleme:

5.2. Stabilität der Seitenflanken

Gem√§ss dem Bericht erweist sich die Seitenflanke des ausgebaggerten Schleusenkanals als instabil. [Die √úberwindung des Drei - Schluchten - Damms wird f√ľnf aufeinanderfolgende Schleusen von 40 Metern H√∂he erfordern. Solche Dimensionen wurden bisher weltweit nie erreicht.] Die Instabilit√§t weist darauf hin, dass die Festigkeit des Granituntergrunds der Baustelle √ľbersch√§tzt wurde. Gem√§ss dem Bericht sind die Bauarbeiten im Schleusenbereich gegenw√§rtig eingestellt. Die Instabilit√§t der Seitenflanke kann Steinschlag und Sicherheitsprobleme f√ľr die Schifffahrt bewirken. Die mangelnde Festigkeit des Granits bringt zudem das Risiko mit sich, dass mehr Wasser als erwartet unter dem Staudamm durchsickern wird, dass das Fundament des Damms destabilisiert und der Stausee verst√§rkt durch Erdrutsche betroffen werden k√∂nnte.

5.3. Sedimentierung

W√§hrend des Besuchs der US - Expertenkommission stellten die Projektbeh√∂rden einen Fachrat zusammen, um notfallm√§√üig unerwartete Probleme bei der Schlie√üung des Yangtze zu beheben. Die Probleme gehen offenbar darauf zur√ľck, dass der Umleitungskanal √ľberraschend schnell sedimentiert wird. Durch diesen Kanal flie√üen gegenw√§rtig 30 Prozent der Wassermenge des Yangtze. Aufgrund der Sedimentierung und der fortschreitenden Verengung des eigentlichen Flussbetts erh√∂ht sich die Fliessgeschwindigkeit des Yangtze √ľber Erwarten. Dadurch werden die Felsbrocken, mit denen das Flussbett bis am 8. November geschlossen werden soll, fortw√§hrend mitgerissen. Dies k√∂nnte die Bauarbeiten verz√∂gern und den zur Verf√ľgung stehenden Felsvorrat ersch√∂pfen.

5.4. Sicherheit des Fangdamms

Wenn der Fluss dennoch umgeleitet werden kann, wird der Fangdamm ("coffer dam") gem√§ss dem Bericht "den vielleicht schwierigsten und riskantesten Aspekt des Baus des Drei - Schluchten - Damms" bilden. [W√§hrend der Trockenperiode bis im Mai 1998 sollen die D√§mme zur Umleitung des Yangtze durch einen Fangdamm ersetzt werden, welcher auch Hochwasser wiederstehen kann. Er wird den Bau des eigentlichen Drei - Schluchten - Damms und der Kraftwerkanlagen erm√∂glichen.] Mangels wasserundurchl√§ssigem Material kommt beim Bau des Fangdamms gem√§ss Bericht ein "hochgradig unkonventioneller Ansatz" zur Anwendung. Dieser sei "in solchen Dimensionen noch nie versucht worden". Der Damm wird aus zersetztem Granit - "im wesentlichen Sand" - bestehen und blo√ü durch eine 1 Meter dicke Betonwand abgesichert werden. Diese Bauweise ist schwierig durchzuf√ľhren, erst recht, da die drohende Regenzeit einen erheblichen Zeitdruck bewirkt.
Sklar und Luers sorgen sich umso mehr um die Sicherheit des Fangdamms, als dieser nur einer Flutst√§rke wird wiederstehen k√∂nnen, die einmal in 50 Jahren auftritt. Da der Fangdamm w√§hrend sechs Jahren gebraucht wird, besteht ein Risiko von beinahe 1:8, dass die maximale Flutst√§rke √ľbertroffen wird. Falls sich die Bauarbeiten verz√∂gern oder der Umleitungskanal sedimentiert wird (was bereits geschieht), nimmt das Risiko weiter zu. Falls ein Hochwasser √ľber dem verkraftbaren Ausma√ü droht, m√ľsste die Baustelle vorsorglich √ľberflutet werden. Die Aufr√§umungs - und Reparaturarbeiten w√ľrden die Bauzeit des Projekts gem√§ss dem Bericht um mindestens ein Jahr verz√∂gern. Falls die Projektbeh√∂rden nicht zu einer vorsorglichen Flutung bereit sind, k√∂nnte ein Hochwasser den Fangdamm √ľberfluten und untersp√ľlen und zu einem katastrophalen Dammbruch f√ľhren. Ein solches Ereignis w√ľrde die Bauarbeiten um mehrere Jahre verz√∂gern und k√∂nnte die Wohngebiete von Millionen Menschen √ľberschwemmen.
Da der Fangdamm w√§hrend mindestens sechs Jahren gebraucht wird, bezeichnen sich Sklar und Luers als √ľberrascht, dass bei seiner Planung keine seismischen Kriterien ber√ľcksichtigt wurden. Die seismischen Risiken im Gebiet der Baustelle sind nicht zu vernachl√§ssigen. Der unkonventionelle Fangdamm ist gem√§ss dem Bericht "sehr verletzlich selbst f√ľr Erdbeben von m√§√üiger St√§rke".

5.5. Qualität von Turbinen und Generatoren

Die ausl√§ndischen Firmen, die das erste Los von 14 Turbinen und Generatoren f√ľr das Drei - Schluchten - Projekt liefern, m√ľssen gleichzeitig Know - how f√ľr die chinesische Fertigung der restlichen zw√∂lf Turbinen und Generatoren transferieren. Die ben√∂tigten Turbinen weisen eine Kapazit√§t von 700 Megawatt auf, w√§hrend bisher in China nur Ger√§te von bis zu 300 Megawatt hergestellt werden. Gem√§ss dem Bericht √§u√üerten sich die chinesischen Gespr√§chspartner skeptisch √ľber die Qualit√§t der in China zu produzierenden Gro√üturbinen. Dies weise darauf hin, dass bez√ľglich des Technologietransfers politischer Druck die technischen √úberlegungen verdr√§ngt habe.

5.6. Fazit

Die Planung und der Bau des Fangdamms dr√ľcken gem√§ss Sklar und Luers "eine √ľberraschend hochm√ľtige Haltung gegen√ľber Risiken" aus. Von der Wahl der Hochwassersicherheit bis zu den seismischen Risiken seien die chinesischen Ingenieure offenbar "bereit, mit der Natur zu spekulieren". Auch das Problem der Sedimentierung werde vernachl√§ssigt. Statt die entstehenden technischen Probleme zu l√∂sen, vertrauten die Ingenieure offenbar darauf, dass die Three Gorges Development Corporation oberhalb der Drei Schluchten noch ein weiteres Dammprojekt bauen wolle. Die L√∂sung der Probleme werde damit "an andere Ingenieure, zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort" delegiert.

Quellenverzeichnis:
    Erklärung von Bern, Der Damm zu Babel, EvB - Dokumentation 2/95: http://www.evb.ch Spezialisten und Beteiligte: http://ourworld.compuserve.com/homepages/SMIPP/damname.htm Peter Mosleitners Magazin PM vom September 2000

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