Der Name der Rose

Die Namen der Rose

Ein kurzer Blick in die verborgene Vielfalt der Bedeutungen der Namen in Umberto Ecos "Der Name der Rose"

Vorwort

Themenwahl


√úber welches Buch ich meine Maturarbeit schreiben wollte, war mir ziemlich schnell klar. Denn Der Name der Rose ist ein wahres Wunderbuch: Es entf√ľhrt den Leser in eine ferne Welt, die, je nach Betrachter und Betrachtungsweise, eine grundverschiedene sein kann. Dies ist das Ergebnis davon, dass dieses Buch auf so mannigfaltige Weise gelesen werden kann: Einerseits ist es eine klassische Detektivgeschichte, gleichzeitig ein historischer Roman; einige lesen Umberto Ecos Erstlingswerk als eine - hinter der Handlung versteckte - erkenntnistheoretische Philosophiearbeit, insbesondere √ľber die Theorie der Namen,[1] oder als theologisches Manifest √ľber den Reichtum des Papstes. Andere erkennen im Namen der Rose eine Schrift, in der Eco sich auf die politische Gegenwart bezieht. Und tats√§chlich, auch 1978, als der Roman zu entstehen begann, gab es in Italien immer noch seltsame, aber bedeutsame R√§nkespiele um die Macht, wurden noch P√§pste ermordet (oder zumindest einer, woran ich jedoch nicht zweifle) [2] und wurden ebenso erbitterte ideologische K√§mpfe ausgetragen wie in jenen Tagen, als das Jahr des Herrn 1327 sich neigte. Es ist wahrscheinlich diese Vielfalt, die mich dazu veranlasst hat, Umberto Ecos Buch als Gegenstand meiner Arbeit zu w√§hlen.
Warum habe ich aber genau den Aspekt der Bedeutung der Namen gew√§hlt? Das r√ľhrt daher, dass sich am Beispiel der Namen einige wichtige Gesichtspunkte des Romans gut zeigen lassen, so etwa die historische Seite des Buches, aber auch die oben genannt und bewunderte Vielschichtigkeit. Entscheidender aber war, dass ich zuf√§lligerweise, ich weiss nicht mehr wo, den Namen "Jorge Luis Borges" gelesen habe. Und diese Maturarbeit hat mich eine gute Gelegenheit ged√ľnkt, meine Neugier zu befriedigen, wer dieser Mann war und was er in einem Buch, das im Mittelalter spielt, zu suchen hat.
Somit ist meine Fragestellung komplett: Welches sind die Bedeutungen der Personennamen in Umberto Ecos Name der Rose? Da allein dieses Thema schon recht weitläufig ist, werde ich mich im Laufe der Arbeit auf zwei der Namen konzentrieren.

Vorgehensweise


Nun gut, jetzt weiss ich, warum ich mein Thema gew√§hlt habe. Aber wie ich das tun soll, ist eine andere Frage. Doch vorweg: Ich setzte voraus, dass Du, unbekannter Leser, das Buch Ecos gelesen hast. Denn ich halte es f√ľr unm√∂glich und nicht sinnvoll, eine brauchbare Zusammenfassung des ganzen Werks in diese Arbeit zu schreiben. Sie w√ľrde zuviel Platz brauchen und zuwenig der Detailkenntnisse und der Faszination enthalten, die zum Verst√§ndnis dieser Seiten wohl notwendig sind.
Ich habe meine Arbeit in vier Teile gegliedert. Das erste Kapitel besteht aus dem, was ich an Allgemeinem √ľber die Namengebung im Namen der Rose herausgefunden habe. Der darauf folgende Abschnitt enth√§lt √ľber einige der wichtigsten Personen in zusammengefasster Form das, was ich √ľber ihre Namen Aufschlussreiches entdeckt habe. Dieses zweite Kapitel ist eigentlich eine Zusammenfassung eines Grossteils meiner Erkenntnisse √ľber die einzelnen Namen. Der dritte und der vierte Abschnitt behandeln je einen der Namen genauer. Beide stehen als Beispiel f√ľr eine der zwei Gruppen von Namen, wie sie im folgenden ersten Kapitel dieser Arbeit beschrieben wird.
Jetzt aber genug der Erklärungen, nun beginnt der wirklich wichtige Teil.

1. Allgemeines √ľber die Namen


Man kann die Personen, die in Umberto Ecos Name der Rose auftreten, so glaube ich, in zwei Gruppen trennen. Die kleinere Gruppe ist diejenige, deren Namen weit weniger interessant sind. Es sind jene Leute, die in Wirklichkeit gelebt haben. Ihre Lebensdaten und Ansichten entsprechen dem, was tats√§chlich war, was sie tats√§chlich dachten. Und manchmal redeten sie sogar so, wie sie tats√§chlich sprachen: √Ąusserungen von ihnen sind - zum Teil mehrere Seiten lange - Zitate aus ihren Werken und Schriften.[3] Da der Autor an diesen Namen nicht viel √§ndern konnte, weil sie ihm durch die Geschichtsb√ľcher vorgegeben waren, ist es nicht allzu sinnvoll, gross an ihnen herumzuinterpretieren. Bei einigen dieser Personen ist es jedoch interessant, ihren Hintergrund und ihre Stellung in der fr√ľheren Zeit zu erfahren. Einerseits, um jene Epoche ein wenig eingehender kennenzulernen und andrerseits, um Ecos Buch ein bisschen besser zu verstehen. Als Beispiel hierf√ľr habe ich Bernard Gui, den Inquisitor, gew√§hlt, den ich weiter unten in der Arbeit noch genauer vorstellen werde. Des Weiteren geh√∂ren in diese Kategorie der historischen Figuren: Ubertin von Casale, Michael von Cesena, Bertrand del Poggeto sowie all die anderen Politiker, Theologen und H√§retiker, die zwar nicht s√§mtliche direkt in der Abtei anwesend sind, in die politischen und religi√∂sen Querelen der damaligen Zeit aber ebenso verwickelt waren.
Zur anderen, befl√ľgelnderen Namensgruppe geh√∂ren - mit Ausnahme des M√§dchens, da ihr Name unbekannt bleibt - alle √ľbrigen Charaktere des Buches. Es sind dies Personen, die nie gelebt haben. Alle ihre Namen sind solche, die im Mittelalter, wenn nicht h√§ufig, so doch m√∂glich gewesen w√§ren. Denn genauso wie alle Aussagen der Akteure sagbar[4] sein mussten, w√§re, wenn Eco die Leute mit modernen Namen ausgestattet h√§tte, die gesamte, so akribisch realistisch konstruierte Welt seines Werks zerbr√∂ckelt. Ebenso mussten, da die Klosterbr√ľder aus verschiedenen Nationen stammten, alle M√∂nche aus einem Ort stammen, der ihrem Herkunftsland entsprach und in dem es zu jener Zeit ein gr√∂sseres Kloster gab, das ihnen ihren Zunamen geben konnte. Und f√ľr alle Personen galt in gleicher Weise, dass auch ihr Vornamen f√ľr ihre Heimat zumindest nicht untypisch sein durfte.
Umberto Eco ist nicht nur leidenschaftlicher Medi√§vist, und hat deshalb ein beinahe unendlich breites Wissen √ľber das Mittelalter, er ist auch Professor f√ľr Semiotik[5], das heisst er kann auf weitl√§ufige Kenntnisse √ľber verborgene Zeichen zur√ľckgreifen. Es w√§re erstaunlich, wenn es in den Namen seines Buches keine versteckten Bedeutungen g√§be. Und tats√§chlich habe ich einige entdeckt. Woher die Namen nun abgeleitet sind, ist sehr unterschiedlich. Teils sind es literarische Anspielungen sowohl auf Autoren als auch auf Werke, teils historische Andeutungen. Manchmal gibt es wahrscheinlich auch Verbindungen zu den Bedeutungen oder der Etymologie der Namen, wenngleich ich nicht sehr viele davon entdeckt habe.

2. Spezielles √ľber die Namen


Wie oben gesagt, werde ich in diesem Kapitel all das verzeichnen, was ich √ľber die einzelnen Namen in Ecos Buch herausgefunden habe. Es ist nicht bei jeder Person viel, oft auch gar nichts, und meistens beruhen meine Feststellungen auf reiner Vermutung.

2.1. Die fiktiven Namen


Zuerst zum wohl bekanntesten Beispiel der Anspielungen im Namen der Rose: William von Baskerville und Adson von Melk. Beide Namen enthalten einen Bezug zu Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes: Bei William ist es der Nachname, der dem Buch Der Hund von Baskerville entlehnt ist, bei seinem jugendlichen Begleiter der Vorname, der √§hnlich ausgesprochen wird, wie der Name des Assistenten von Sherlock Holmes, Dr. Watson. Auch inhaltlich passt dies perfekt, da die beiden Akteure Ecos nach dem selben Muster handeln, wie ihre literarischen Vorbilder: William versucht mit scharfem Verstand und genauer Beobachtung komplexe R√§tsel zu l√∂sen, w√§hrend sein Adlatus zwar mit aufmerksamem Geist die Belehrungen seines Vorbilds aufnimmt, aber trotzdem nie wirklich die ganz grossen Geheimnisse zu l√ľften vermag. Nicht nur die Strategie (alles Unm√∂gliche ausschliessen, damit schliesslich nur noch die Wahrheit √ľbrig bleibt) verbindet den ehemaligen Inquisitor mit dem Meisterdetektiv von Scotland Yard. Auch die Lupe, in Form der Vitra ad legendum und die Pfeife Sherlock Holmes' als das Kraut, das William immer wieder am Wegrand sammelt,[6] hat Eco in seinem Werk geehrt.
Nun zu Abbo von Fossanova, dem Abt. M√∂glicherweise ist es zu simpel, aber "Abbo" bedeutet "Abt", und damit w√§re der erste Namen schon erkl√§rt. Der Nachname ist da schon interessanter, denn er k√∂nnte gar nicht anders sein als er ist. Bekanntlich hat der Abt in seiner Jugend die Leiche des heiligen Thomas von Aquin die Treppe seines Heimatklosters hinuntergetragen.[7] Und da der heilige Thomas der Geschichtsschreibung zufolge in Fossanova das Zeitliche segnete, muss dies der Herkunftsort des Oberhaupts unseres Klosters sein und er seinen Namen von dort mitgenommen haben. (Nat√ľrlich k√∂nnte es auch umgekehrt sein, dass Eco aus einem anderen Grunde den Namen Fossanova gab, und die Geschichte mit dem Heiligen in der Wendeltreppe nur als ein zuf√§lliger, spassiger Nebeneffekt entstanden ist. Allerdings halte ich dies f√ľr eher unwahrscheinlich.)
Die n√§chste Vermutung, die ich habe, betrifft Malachias von Hildesheim. Sein Vorname ist wohl eine Anspielung auf den heiligen Malachias, welcher derjenige ist, der in seinen Schriften die Abfolge der zuk√ľnftigen P√§pste prophezeite,[8] von denen einer der viel genannte Papa Angelicus sein sollte. Einen direkten Zusammenhang zur Person des Buches konnte ich allerdings nicht erkennen. Ebenso wenig scheint mir sein Nachname direkt etwas mit der heiligen Hildegard, die im Namen der Rose mehrere Male erw√§hnt wird, zu tun zu haben.
Bei Severin von St. Emmeram frage ich mich, warum er speziell streng ("severus" heisst streng) sei k√∂nnte, Nicolas von Morimond hat seinen Vornamen vielleicht vom heiligen St. Nikolaus, weil er ebenso brav und hilfsbereit wie dieser ist. Von Alinardus weiss ich, dass sein Vornamen arabischen Ursprungs ist, was mich f√ľr einen christlichen M√∂nch jener Zeit doch aussergew√∂hnlich d√ľnkt. Was ich √ľber Jorge von Burgos weiss, ist weiter unten in einem eigenen Kapitel nachzulesen. Venantius von Salvemec, der Experte f√ľrs Griechische, dessen Vorname auf Lateinisch "der Gejagte" bedeutet, hat offenbar das "Salve me" in seinem Nachnamen (Nat√ľrlich, dachte ich, aber warum?).
Die n√§chste Andeutung habe ich in Benno von Uppsalas Heimatort entdeckt. Ich vermute, dass Benno nach der Stadt benannt wurde, in der Carolus Linnaeus im 18. Jahrhundert als erster Forscher versuchte, die Pflanzenwelt, und damit das Leben an sich, in Kategorien zu ordnen, was f√ľr die Wissenschaft einen revolution√§ren Schritt in Richtung Moderne darstellte. Diese Klassifizierung scheint mir ganz in Bennos, zumindest anf√§nglich, aufkl√§rerischem Sinne zu sein.
In Aymarus von Alexandrias Namen erscheint die √§gyptische Stadt, die einst mit knapp einer Million Schriftrollen die gr√∂sste Bibliothek der Menschheit beherbergt haben soll. Aber auch diese B√ľchersammlung brannte ab, in einem Krieg kurz nach C√§sars Tod.
Dann w√§re da noch der missgestaltete Salvatore, dessen Namen "Erl√∂ser" heisst und der zwar einem scheinbaren Erl√∂ser folgte, selber aber wohl doch keiner ist. Gleich ironisch d√ľrfte Remigius’ Nachnamen sein, bei dem man, nachdem man zwei Buchstaben leicht abge√§ndert hat (von Varagine zu Vergine), eine Jungfrau auf Italienisch findet
Schliesslich noch der Name, der mich fast am meisten zu faszinieren vermag: der Name des M√§dchens, der einzigen weiblichen Person, die in der Abtei auftritt. Obwohl sie in jener Zeit f√ľr Adson, vielleicht neben William, die wichtigste Person √ľberhaupt ist, weiss er nicht einmal, wie er sie nennen soll. Und der Name w√§re das einzige gewesen, was er anbeten h√§tte k√∂nnen[9] und ihm von ihr geblieben w√§re.[10] Aber das M√§dchen ist so arm, dass sie nicht einmal einen Namen besitzt, und h√§tte jemand wie sie einen besessen, w√§re er l√§ngst vergessen, weil sie nur Volk war, weil es sich nicht gelohnt h√§tte, sich ihrer zu erinnern.

2.2. Die historischen Personen


Hier einige kleine Anmerkungen zur Stellung von einzelnen historischen Persönlichkeiten, die im Namen der Rose auftreten. Im Allgemeinen hält sich Umberto Eco sehr streng an die historischen Geschehnisse, die einzige Abweichung ist die Zusammenkunft, um die sich der ganze Roman dreht.
Michael von Cesena wurde wegen seinen √Ąusserungen im Armutsstreit von Papst Johannes XXII., wie in Ecos Buch zu lesen,[11] an seinen Sitz in Avignon zitiert. Nachdem Michael verhaftet worden war, gelang es ihm zusammen mit William von Ockham, der im Namen der Rose ebenfalls Erw√§hnung findet, zu Kaiser Ludwig IV. nach Bayern fliehen. Sp√§ter wurde Michael jedoch wegen zahlreicher Streitschriften gegen Papst, Kurie und die papsttreuen Minoriten exkommuniziert und zu lebensl√§nglicher Klosterhaft verurteilt.
Roger Bacon, das grosse Vorbild Williams, wurde später bekannt als derjenige, der das Schwarzpulver nach Europa brachte. Jacques Fournier, ein Kollege Bernard Guis, von dem William in einer Nebenbemerkung sagt, dass er noch hoch hinaus wolle, wurde später als Papst Benedikt XII. Nachfolger von Johannes XXII. (demselben, den Adson im Namen der Rose schon auf der ersten Seite so schlimm beschimpft).

3. Bernard Gui


Nun zur ersten der zwei Personen, auf die ich n√§her eingehen werde. Ich wollte, neben einem Namen mit literarischem Hintergrund, auch eine der geschichtlichen Personen genauer unter die Lupe nehmen, um auch ein wenig auf die Zeit, die das Umfeld des Buches bildet, zu blicken. Bernard Gui (oder Bernardo Guido oder Bernhardus Guidonis) habe ich als Musterbeispiel f√ľr die historischen Pers√∂nlichkeiten genommen, da er mir aussergew√∂hnlich spannend und typisch f√ľr das Mittelalter schien und weil ich glaube, dass die Inquisition im Namen der Rose nicht ganz so ausf√ľhrlich behandelt wird, wie andere geschichtliche Themen, beispielsweise ihre Gegenspielerin, die Ketzerei. Zuerst werde ich ein bisschen von Guis Leben und seinen Taten berichten.

3.1. Sein Leben


Bernard Gui wurde 1261 oder 1262 in der N√§he von Limoges in Frankreich geboren. Im Alter von 18 Jahren trat er dem Dominikanerorden bei und studierte in der Folge w√§hrend 14 Jahren Theologie. Als er seine Ausbildung beendet hatte, wurde er Prior, wechselte aber immer wieder seinen Arbeitsort. W√§hrend dieser Zeit begann er mit ausf√ľhrlichen lokalhistorischen Forschungen. Im Jahr 1302 brachen in S√ľdfrankreich zahlreiche Aufst√§nde gegen die kirchliche Macht seines Ordens aus, die Bernard an vorderster (Propaganda - ) Front bek√§mpfte. F√ľnf Jahre sp√§ter wurde er vom Papst zum obersten Inquisitor der Region um Toulouse, dem unter anderem auch Albi und Carcasonne unterstellt waren, bestimmt. Ein Jahr sp√§ter wurde er federf√ľhrendes Mitglied des Provinzialkonzils von Condom. Von jener Zeit an √ľbernahm der Landsmann des Papstes je l√§nger je mehr Aufgaben f√ľr die apostolische Kurie in Avignon. 1316 schickte der Heilige Stuhl Bernard Gui zusammen mit einem Franziskanerm√∂nch namens Bertrand de la Tour[12] auf eine Friedensmission nach Asti in Italien.[13] Der ausgehandelte Waffenstillstand hielt allerdings nur kurz. Erst als Bertrand del Poggetto als Vermittler bestimmt worden war, konnte der Friede wieder hergestellt werden. Ein Jahr sp√§ter wurden die beiden von Papst Johannes XXII. wieder als Gesandte ernannt, diesmal um zwischen Frankreich und Flandern Frieden zu stiften, aber erneut waren sie erfolglos. Durch dieses zweifache Versagen in seiner Karriere arg zur√ľckgeworfen, wurde der Inquisitor von Toulouse erst 1324, sieben Jahre vor seinem Tod, zuerst zum Bischof in Galizien[14], dann zum Bischof von Lod√®ve, einer franz√∂sischen Kleinstadt, bezeichnet.
Was den Charakter von Bernard Gui betrifft: In einem Buch wird er als "schildkr√∂tig" bezeichnet. "Er besitzt einen ausgepr√§gten Sinn f√ľr die Institution, besonders f√ľr die, welche sich stark, widerstandsf√§hig, treu den bew√§hrten Prinzipien und standhaft verteidigt zeigt. An der Jahrhundertwende vom 13. zum 14. Jh. ist jemand mit einer solchen Einstellung pr√§destiniert f√ľr die Funktion als Inquisitor, eine Funktion, die noch nie f√ľr eine besonders sch√∂pferische gehalten wurde."[15] Ausserdem, was f√ľr das Lesen von Der Name der Rose noch recht interessant ist, hielt Bernard jeden Tag ohne Lachen f√ľr einen verlorenen Tag.
Als Inquisitor k√ľmmerte er sich nicht gross um die theologischen Probleme seiner Arbeit. Sie war gerechtfertigt und begr√ľndet in den Beschl√ľssen des p√§pstlichen Stuhls, mehr musste in damaliger Zeit nicht hinterfragt werden. Obwohl die Ketzer bei ihm auf Abscheu und Unverst√§ndnis stiessen, untersuchte er systematisch die Lehren der Verurteilten (zum Beispiel las er die wirklich existierenden Briefe Fra Dolcinos), um sie sp√§ter einfacher wiederzuerkennen. Hauptziel der Inquisition in S√ľdfrankreich waren die Katharer und Beginen, aber auch Waldenser und Pseudo - Apostel, Wahrsager und D√§monenbeschw√∂rer, Juden und Hexen wurden verfolgt. Insgesamt befand Bernard Gui w√§hrend seiner Inquisitorenlaufbahn 930 Angeklagte f√ľr schuldig, der gr√∂sste Teil davon waren kleine Fische, nur gerade zwei waren wirklich F√ľhrer einer Sekte. Von den Verurteilten bestrafte er 307 mit einer Gef√§ngnisstrafe, 143 mussten das Kreuz tragen und 42 wurden dem weltlichen Arm √ľberstellt, das heisst hingerichtet; ausserdem liess er 69 Leichen exhumieren, um sie zu verbrennen, sowie 22 H√§user zerst√∂ren. Was mit den restlichen Schuldigen geschah, weiss ich nicht. Ich nehme an, dass sie irgendwo unter die R√§der gekommen sind, im wahrsten Sinne des Wortes. Erstaunlicherweise landeten "nur" ungef√§hr ein Prozent derjenigen, die der Ketzerei √ľberf√ľhrt wurden, auf dem Scheiterhaufen. Auch wenn man Bernard Gui einen starken "Willen zur Strafe"[16] vorwerfen kann, waltete er vergleichsweise gn√§dig. Andere Inquisitoren, beispielsweise der ber√ľhmt - ber√ľchtigte Thom√°s de Torquemada, welcher etwa 100 Jahre sp√§ter in Spanien 16'000 Verbrennungen veranlasste, w√ľteten bedeutend schlimmer.

3.2. Sein Werk


Bernard Gui mag zwar ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war ein begabter und wichtiger Chronist, dessen Werke heute von aussergew√∂hnlichem Wert sind. Neben einigen theologischen B√ľcher verfasste er auch einige Lebensgeschichten von Heiligen. Eine seiner bedeutendsten Schriften war der Praktische Leitfaden f√ľr die Inquisition[17], in dem Gui die Rechte und Privilegien der Inquisition, deren Beziehung zur weltlichen Obrigkeit, die Geschichte und Besonderheiten verschiedener Sekten sowie viele n√ľtzliche Ratschl√§ge in der Kunst der Untersuchung, des Prozesses und des Verh√∂rs beschrieb. Er schilderte genau die Strafen f√ľr Ketzer, die Belohnungen f√ľr Denunzianten und die Riten zur Fernhaltung des B√∂sen vom Gericht.
Obwohl das offizielle Ziel war, die S√ľnder vom wahren Glauben zu √ľberzeugen (wenn n√∂tig auch unter Folter), hiess das Prinzip des Inquisitors: "Die H√§resie zerst√∂ren, was nur geschehen kann, wenn die Ketzer zerst√∂rt werden, und sie k√∂nnen nicht zerst√∂rt werden, ohne dass auch die zerst√∂rt werden, die sie beherbergen, ihnen helfen oder sie verteidigen."[18] Das System war relativ einfach: Die Fehltaten der Angeklagten entdecken und dann ein passendes Gesetz dazu finden. Die einzige M√∂glichkeit f√ľr eine milde Behandlung war, dem Ketzertum abzuschw√∂ren. Je nach Zeitpunkt, zu dem man sich von seinem falschen Glauben distanzierte, fiel die Strafe h√§rter oder milder aus. Wer sich erst in Todesangst, vor dem Scheiterhaufen, von seinen Fehlern abbringen liess, wurde immer mit lebenslangem Kerker bestraft, wer fr√ľher abschwor, konnte mit einer gem√§ssigteren Busse rechnen. Mitl√§ufer und Helfer (beispielsweise Wirte oder Geldleiher) wurden gleich hart bestraft wie Anf√ľhrer. Jeder, der r√ľckf√§llig wurde, musste mit seiner Hinrichtung rechnen, ohne angeh√∂rt zu werden.

3.3. Sein Auftritt


Alle Angaben, die sich im Namen der Rose √ľber Bernard Gui finden, stimmen genau mit denjenigen √ľberein, die ich anderswo gefunden habe. Ausgenommen nat√ľrlich seine Anwesenheit zur Zeit der fiktiven Zusammenkunft in der Abtei des Schreckens. Auch sein Charakter stimmt ziemlich pr√§zise mit denjenigen Angaben √ľberein, die ich im einzigen Buch, das ich √ľber ihn gefunden habe, gelesen habe.
Durch das zus√§tzliche Wissen, das man nun √ľber Bernard Gui hat, werden einige Fragen √ľber das fiktive Geschehen aufgeworfen, einige aber auch beantwortet. Zum Beispiel: Weshalb schickt der Papst einen Mann wie Bernard Gui auf eine so heikle Verhandlungsmission, obwohl dieser ein so schlechter Diplomat ist? Die Antwort scheint mir einfach zu sein: Weil der Inquisitor ein schlechter Diplomat ist. Denn ein Scheitern der Gespr√§che zwischen Michael von Cesena und der p√§pstlichen Delegation w√ľrde den General des Franziskanerordens zwingen, entweder bedingungs - und schutzlos dem Befehl des Papstes zu gehorchen und nach Avignon zu reisen, oder eine Spaltung der katholischen Kirche zu verursachen. Da dies jedoch eine Verfolgung des gesamten Franziskanerordens durch die Inquisition zur Folge gehabt h√§tte, konnte dies f√ľr Michael keine L√∂sung sein.[19]
Eine andere Frage ist diejenige, warum Bernard Gui so erbarmungslos gegen die Ketzer in der Abtei vorgeht. Der Logik des Inquisitors folgend, ist es vern√ľnftig, Remigius von Varagine dem weltlichen Arm zur Hinrichtung zu √ľbergeben, da der Cellerar seine jugendlichen Missetaten nicht nur zugibt, sondern sie auch verteidigt und √ľberhaupt nicht bereut. Warum Bernard jedoch auch die beiden andern S√ľnder, Salvatore und das M√§dchen, verbrennen will, ist auf den ersten Blick nicht klar, denn ich bin sicher, sie h√§tten jeder H√§resie abgeschworen, um ihr Leben zu retten. Normalerweise w√§ren Ketzer wie sie wahrscheinlich irgendwo verschwunden, oder kamen, wenn sie Gl√ľck hatten, mit einer relativ milden Strafe davon. Hier aber zelebriert der Inquisitor einen grossen Prozess, sp√§ter auch gegen die andern beiden. Wozu? Ich vermute, dass der Grund, den Gui (oder besser gesagt Eco) hierf√ľr hat, die m√∂glichst grosse Aufmerksamkeit f√ľr die Geschehnisse ist. Der vermittelnde Abt und sein Orden sollen in ein schlechtes Licht gestellt werden, weil er bekanntlich die Franziskaner und den Kaiser in ihren Forderungen gegen den Papst unterst√ľtzt.
Aber warum hat Umberto Eco gerade Bernard Gui als Inquisitor f√ľr seinen Roman gew√§hlt? Ich glaube, dass dies vor allem an zwei Dingen liegt: Erstens hat uns Bernard Gui, f√ľr einen weniger bekannten Mann seiner Zeit, eine grosse Zahl von Werken √ľberliefert. So ist es m√∂glich, sich von ihm ein einigermassen scharfes Bild zu machen. Und zweitens ist Bernard Gui ein hervorragender Gegenspieler f√ľr William von Baskerville. Beide haben als Inquisitoren zwar die gleiche berufliche Herkunft, in ihren Werten unterscheiden sie sich aber grunds√§tzlich. W√§hrend Bernard die mittelalterliche Denkart und den blinden Glauben an die Autorit√§ten verinnerlicht hatte, repr√§sentiert William einen aufgekl√§rten, humanen Rationalisten.

4. Jorge von Burgos


Nun zur andern Person, die ich genauer ergr√ľnden m√∂chte, Jorge von Burgos. Das Interessante daran: Es gab in unserem Jahrhundert einen argentinischen Schriftsteller namens Jorge Luis Borges.

4.1. Leben und Werk Jorge Luis Borges'


Das Allerwichtigste, um herauszufinden, welche Beziehung Jorge Luis Borges zum Namen der Rose hat, ist wohl, zu wissen, wer er √ľberhaupt war und was er schrieb. Jorge Luis Borges wurde kurz vor dem Beginn unseres Jahrhunderts in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt und Philosophielehrer englischer Abstammung, die Mutter kam aus einer alteingesessenen argentinischen Familie, so dass Borges zweisprachig aufwuchs. Einen grossen Teil seiner Kindheit verbrachte er in der Bibliothek seines Vaters und so kam es, dass Borges schon im Alter von neun Jahren sein erstes Werk, eine √úbersetzung von Oscar Wildes The Happy Prince ins Spanische, ver√∂ffentlichte. Im Jahr 1914 wanderte seine Familie nach Europa aus, damit Jorge und seine Schwester in Genf ein Gymnasium besuchen konnten. Nach der Matura zog der Dichter nach Spanien und wurde dort Mitbegr√ľnder des Ultraismus, einer dem Surrealismus √§hnlichen Stilform, was er sp√§ter als Dummheit betrachtete. Nach sieben Jahren in Europa kehrte Borges 1921 zur√ľck nach Buenos Aires, wo er w√§hrend mehr als einem Jahrzehnt verschiedene Gedichtb√§nde und Zeitschriften herausgab. Ende der dreissiger Jahre nahm er seine erste Festanstellung, als Beamter in einer st√§dtischen Bibliothek, an. Wie schon sein Vater und sein Urgrossvater, erblindete Borges allm√§hlich, bis sein Augenlicht schliesslich ganz schwand. Als in Argentinien Juan Per√≥n an die Macht kam, verlor Borges seine Stelle und s√§mtliche Eink√ľnfte. Nach dem Sturz des faschistischen Diktators durch das Milit√§r wurde der √ľberzeugte Antiperonist zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek gew√§hlt. Wenig sp√§ter wurde er auch Professor f√ľr Englisch und widmete sich dem Studium des Altenglischen, Altnorwegischen und Altisl√§ndischen. Der "literarisch universal gebildete Kenner der westeurop√§ischen Kultur"[20] erhielt je l√§nger je mehr Anerkennung, bekam unz√§hlige Preise und Ehrungen, wurde Gastprofessor an Universit√§ten in der gesamten Welt, seine B√ľcher wurden in diverse Sprachen √ľbersetzt. Borges starb am im Juni 1986 mit 86 Jahren in Genf.
Was schrieb Jorge Luis Borges? Am Anfang seines Schaffens verfasste er nur Gedichte. Nach einer schweren Krankheit begann er 1938, vor allem erz√§hlerische Kurzgeschichten zu verfassen. In der Folge seiner endg√ľltigen Erblindung in den fr√ľhen sechziger Jahren wandte er sich wieder der Lyrik zu.[21] Nachdem er in seiner Jugend noch anarchistische und pazifistische Gedichte schrieb, drehten sich seine sp√§teren Werke haupts√§chlich um Zeit und Ewigkeit, um Leben und Tod, aber auch um Literatur und Themen der gesamten Weltgeschichte, vorzugsweise aber aus nordischen Epen und den Befreiungskriegen S√ľdamerikas, an welchen viele seiner Vorfahren beteiligt waren.
Im Gegensatz zum Beginn von Borges' Biographie ist sein sp√§teres Leben gezeichnet von einem ausgepr√§gten Konservatismus nicht nur literarischer Art (er ben√ľtzte nur noch klassische Versmasse), sondern auch politischer. "Ich glaube nicht an die Demokratie, diesen merkw√ľrdigen Missbrauch der Statistik"[22] sagte er und als er 1976 den h√∂chsten chilenischen Milit√§rorden im Namen des Pr√§sidenten der Milit√§rjunta, General und Generalissimus Augusto Pinochet, entgegennahm, erkl√§rte er, die beiden L√§nder (Chile und Argentinien) k√∂nnten nur durch das Schwert aus dem Sumpf, in dem sie versunken seien, hervortauchen. Borges bezeichnete einen Schriftsteller namens Leopoldo Lugones als seinen geistigen Ahnen, der in seinem Buch Das starke Vaterland bemerkte: "Zum Gl√ľck ... haben die Milit√§rregierungen die Demokratie, den Pazifismus und den Kollektivismus wieder einmal zersprengt, denn die Milit√§rs ... befehligen wieder, dank dem angeborenen Recht der Besten" und "An dem Tag ist Argentinien eine grosse Nation, an dem es das allgemeine Wahlrecht abschafft."[23]
Jorge Luis Borges war ohne Zweifel eine zwiesp√§ltige und umstrittene Person. Er hatte aber nicht nur einen grossen Einfluss auf die Literatur S√ľdamerikas, sondern auch der gesamten restlichen Welt. Er war wohl die perfekte Figur, um karikiert zu werden.

4.2. Vergleiche


Es gibt mehrere Dinge, die in Ecos Buch auf Jorge Luis Borges hinweisen: Der Argentinier hat einige Erz√§hlungen geschrieben, die eine grosse √Ąhnlichkeit, nicht nur erz√§hltechnischer sondern auch thematischer Art, mit dem Namen der Rose aufweisen. Eine Geschichte handelt zum Beispiel von zwei rivalisierenden Inquisitoren, eine andere von der Unm√∂glichkeit, eine Rose in Worte zu fassen. Auch hat Borges mehrere Detektivromane geschrieben, einige seiner Geschichten spielen sogar in Bibliotheken. Andere Parallelen zum Buch von Umberto Eco sind die Einschachtelungen mancher Erz√§hlungen in kurze Rahmenhandlungen[24] und die vielen Zitate und Verbindungen zur gesamten Weltliteratur. "Alle B√ľcher sprechen von anderen": das sagte William von Baskerville,[25] das schrieb Umberto Eco[26] und das praktizierte auch Jorge Luis Borges, sogar ziemlich extensiv.[27]
Die offensichtlichsten Andeutungen auf den Letztgenannten finden sich aber nat√ľrlich in der Person von Jorge von Burgos. Beide geh√∂ren einer kleinen intellektuellen Elite an und beide sind in relativ hohem Alter erblindet, besitzen jedoch ein enzyklop√§disches Wissen √ľber die Literatur ihrer Zeit. Auch Jorge im Namen der Rose ist, wie sein Namengeber heutiger Zeit, nicht nur ein Feind der Demokratie,[28] sondern auch des Fortschritts, wenngleich aus unterschiedlichen Gr√ľnden. F√ľr den mittelalterlichen Jorge ist die Geschichte nur ein langsamer Abstieg in Richtung Letztes Gericht, f√ľr den Jorge dieses Jahrhunderts hingegen ist sie ein ewiges Auf und Ab, das Verbesserung nur zul√§sst, damit sie sp√§ter wieder zugrunde gehen kann. Jorge von Burgos ist allerdings nicht einfach ein Kopie seines Vorbilds. Jorge Luis Borges schrieb beispielsweise auch humorvolle und ironische Geschichten und war kein Anh√§nger irgendwelcher religi√∂ser Fanatismen.
Welche Gr√ľnde gibt es nun, dass dieser Jorge Luis Borges auf so h√§ssliche Art und Weise im Namen der Rose verewigt wird? Der einzigen Hinweis, den ich habe, ist ein Nebensatz in Ecos Nachschrift zum 'Namen der Rose'. Darin sagt er, dass vor allem spanische Schreiber mit ihren Kommentaren zur Apokalypse einen grossen Einfluss auf das Denken des Mittelalters gehabt h√§tten, und ein blinder Bibliothekar sei einfach ein gutes erz√§hlerisches Element, und eine Bibliothek plus Blinder m√ľsse zwangsl√§ufig Borges ergeben, "auch weil die Schulden bezahlt werden m√ľssen"[29]. Eine vieldeutige Aussage: M√∂glicherweise hatte Umberto Eco mit Borges noch irgendeine Rechnung offen, denn der Argentinier war auch ein einflussreicher Kritiker. Vielleicht ist Jorge von Burgos auch als Wertung f√ľr Borges' politische √Ąusserungen so b√∂se beschrieben (was ich durchaus begreifen w√ľrde). Wahrscheinlich ist es aber gar nicht so wichtig, Ecos Motive wirklich herauszufinden, viel bedeutender ist der Versuch, es herauszufinden.

Nachwort

Einige Schl√ľsse


Und was haben wir jetzt aus all diesem gelernt? Zum Beispiel, dass dieses Buch (wie jeder Roman, hier einfach deutlicher) aus zwei Zutaten besteht: Dem realen Hintergrund (der Armutsstreit, die Ketzerverfolgung, viele der Personen) und der fiktiven Geschichte, die durch die Fantasie und die Ziele des Autors bestimmt werden (die Handlung, die Abtei, die Anspielungen). Oder wie verkn√ľpft die Geschehnisse des Buches nicht nur mit der Geschichte jener Zeit, sondern auch mit der kompletten Weltliteratur sind. Denn wohlgemerkt, alles was ich oben geschrieben habe, sind nur kleine Bruchst√ľcke. Man m√ľsste wahrscheinlich √ľber jeden einzelnen Namen ein eigenes Buch schreiben.

Einige Bemerkungen


Alle Interpretationen und Schl√ľsse, die ich in dieser Arbeit t√§tigte, sind textimmanent entstanden, einzige Ausnahmen sind die Biographien von Jorge Luis Borges und Bernard Gui. Nicht dass ich ein √ľberzeugter Anh√§nger von textimmanenter Interpretation w√§re, aber es blieb mir wenig anderes √ľbrig. Denn obwohl Kindlers Literaturlexikon von reichhaltiger Sekund√§rliteratur, namentlich auch popul√§rwissenschaftlicher Art[30] spricht, habe ich, abgesehen von einigen Verweisen auf Artikel in speziellen Literaturzeitschriften[31], keine brauchbaren, deutschsprachigen Interpretationstexte entdeckt. Aus diesem Grunde habe ich mich dazu entschlossen, f√ľr diese Arbeit ausschliesslich andere Quellen zu ben√ľtzen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders eng mit dem Namen der Rose zusammenh√§ngen. Die einzige Abweichung hierzu bildet die Nachschrift zum Namen der Rose von Umberto Eco, die allerdings dem Leser keine Deutungshilfen bieten,[32] ihn eher noch verwirren soll.
Ein anderes Problem war die Frage, in welcher Form ich diese Arbeit schreiben sollte. Anfangs hatte ich die halsbrecherische Idee, die ganze Arbeit in eine Geschichte zu verpacken, was ich sp√§ter aufgegeben habe, weil es mir zu k√ľnstlich schien. Dann hatte ich den Einfall, meine Erkenntnisse als Gespr√§ch mit dem Leser zu tarnen. Auch davon sind nur noch einige wenige √úberreste geblieben. Schliesslich habe ich mich darauf geeinigt, eine ganz normale Form zu w√§hlen, allerdings konnte ich es nicht bleiben lassen, ein paar Anspielungen im Sinne Ecos und einen Hauch zarter Ironie in diese Bl√§tter einzuf√ľgen.
Und damit beende ich in der Hoffnung, Dir, lieber Leser, nicht nur viel mehr oder weniger schlaues Zeugs erz√§hlt zu haben, sondern Dir auch ein etwas Hilfe f√ľr die n√§chste Lekt√ľre von Umberto Ecos Meisterwerk geleistet zu haben und Dich vielleicht sogar ein bisschen unterhalten zu haben, meine Arbeit. Und denk daran: Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.[33]

Literaturverzeichnis


Primärliteratur
Borges, Jorge Luis: Borges √ľber Borges, Wien 1980
Borges, Jorge Luis: Gedichte 1969 - 1976, Wien 1980
Eco, Umberto: Der Name der Rose, M√ľnchen 1997
Eco, Umberto: Nachschrift zum 'Name der Rose', M√ľnchen 1987

Sachliteratur
Brockhaus - Enzyklopädie, Mannheim 1986
Diverse Autoren: Bernard Gui et son monde, Toulouse, 1981
Kindlers neues Literaturlexikon, M√ľnchen 1988

Bilder
Titelbild (ausgenommen die Rose) und diese Seite:
The Museum of Science, www.mos.org/sln/Leonardo







[1] Siehe beispielsweise: Eco, Der Name der Rose, S. 42, 274 f.
[2] "Hier werden sogar die Päpste vergiftet" sagt Benno von Uppsala auf Seite 582 von Der Name der Rose. Und wer die Geschichte von Johannes Paul I. kennt, wird das auch in unserem Jahrhundert sagen können.
[3] Als Beispiel f√ľr die Zitatenf√ľlle siehe: Eco, Nachschrift zum 'Name der Rose', S. 51
[4] Eco, Nachschrift zum 'Namen der Rose', S. 88
[5] Lehre von den Zeichen, Zeichentheorie
[6] Eco, Der Name der Rose, S. 26
[7] Eco, Der Name der Rose, S. 554
[8] Der zufolge der n√§chste Papst √ľbrigens der letzte sein wird.
[9] Eco, Der Name der Rose, S. 538, 655
[10] Was zwar auch nur eine Selbstt√§uschung gewesen w√§re, aber trotzdem besser als das Gef√ľhl der Leere, das Adson nun in seinem Herzen tr√§gt.
[11] Eco, Der Name der Rose, S. 85, 195
[12] Bertrand de la Tour wurde später Nachfolger von Michael von Cesena, der bekanntlich aus der Kirche hinausgeworfen wurde, und brachte den Franziskanerorden wieder auf die Linie des Papstes.
[13] √Ąhnlich wie es jetzt, da ich diese Arbeit schreibe, wieder geschieht, heute allerdings n√§her beim Paradies, aber nat√ľrlich trotzdem in der H√∂lle.
[14] wo er allerdings nie war.
[15] Bernard Gui et son monde, S. 28
[16] Bernard Gui et son monde, S. 263
[17] Diese Schrift wird im Verhör auf Seite 489 ff. von Der Name der Rose mehrmals zitiert.
[18] Bernard Gui et son monde, S. 287
[19] Es gibt also nicht nur B√ľcher, die nie geschrieben wurden, sondern auch Politik, die nie geschehen ist.
[20] Brockhaus √ľber Borges
[21] eine monumentale ABA - Stellung, sozusagen.
[22] Borges, Gedichte 1969 - 1976, S. 132
[23] Borges, Gedichte 1969 - 1976, S. 172
[24] Beim Name der Rose w√§re das diese seltsame Geschichte zu Beginn, in der Eco √ľber die Entdeckung einer Kopie von Adsons Manuskript berichtet.
[25] Eco, Der Name der Rose, S. 380
[26] Eco, Nachschrift zum 'Namen der Rose', S. 28
[27] Borges, Borges √ľber Borges, S. 23 ff.
[28] Jorge von Burgos’ Intimfeind William ist √ľbrigens ein fr√ľher Demokrat: Eco, Der Name der Rose, S. 467 ff.
[29] Eco, Nachschrift zum 'Namen der Rose', S. 33
[30] Kindler √ľber Eco, Der Name der Rose
[31] welche hinzuzuziehen ich nach kurzer Betrachtung tunlichst unterlassen habe, weil ich mich nicht mit allzuviel Semiotik und einem Übermass an postmoderner Intertextualität herumplagen wollte.
[32] Eco, Nachschrift zum 'Namen der Rose', S. 9
[33] Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nichts als nackte Namen. Eco, Der Name der Rose, S. 655; eigentlich von Bernardus Morlanensis, einem Benediktiner des 12. Jahrhunderts

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