Die Leiden des jungen Werther



Inhaltsangabe:



1. BIOGRAPHIE


Seine Lebensdaten: 28.8.1749 bis 22.3.1832. Dazwischen sind viele Jahre wertvollen Schaffens. Die bekanntesten Werke sind wohl: Der Götz von Berlichingen(1773), Die Leiden des jungen Werthers(1774), Iphigenie auf Tauris(1787), Wilhelm Meisters Lehrjahre(1796), Metamorphose der Pflanzen(1798), Faust I(1808), Dichtung und Wahrheit(1833), Faust II(1832) und viele andere bemerkenswerte Werke.
An der Entstehungsgeschichte der Leiden des jungen Werthers sind drei Begebenheiten aus Goethes Leben beteiligt, nÀmlich seine Liebe zu Charlotte Buff, seine Neigung zu Maximiliane La Roche und der Selbstmord des LegationssekretÀrs Carl Wilhelm Jerusalem:

Als Goethe 1772 nach seinen Studium nach Wetzlar zog, lernte er auf einem Ball Charlotte Buff kennen, die mit dem GesandtschaftssekretÀr Kestner so gut wie verlobt war. Goethe verliebte sich in Charlotte, und er war auch mit dem Verlobten gut befreundet. Charlotte zeigte jedoch Goethe, dass er nicht mehr, als "nur" Freundschaft zu erwarten hÀtte.
Kestner gilt als Vorbild Alberts.

Am 11.9.1772 verliess Goethe Wetzlar, ohne sich von Charlotte und Kestner zu verabschieden. Danach besuchte er die Familie La Roche. Dort lernte er die 16 - jĂ€hrige Maximiliane kennen, die zwei Jahre spĂ€ter den Kaufmann Peter Brentano heiratete. Goethe befreundete sich mit Maximiliane und blieb ihr auch nach der Eheschliessung noch verbunden. Doch ihr Mann verfolgte ihn mit Eifersucht. Daher musste sich Goethe zurĂŒckziehen.
Charlotte und Maximiliane sind Vorbilder der Lotte - Figur.

Carl Wilhelm Jerusalem war wie Goethe als Jurist in Wetzlar tÀtig. Goethe hatte kein besonderes VerhÀltnis zu Carl.
Dieser hatte oft Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten, und ausserdem verliebte er sich in eine verheiratete Frau, die seine Zuneigung nicht erwiederte. DarĂŒber hinaus gelang ihm nicht sofort der Aufstieg in die hohen Gesellschaftsschichten. Carl erschoss sich in der Nacht vom 29. auf den 30.10.1772. Goethe bat Kestner um einen ausfĂŒhrlichen Bericht ĂŒber Carls Ende. Viele Einzelheiten ĂŒbernahm er in seinen Roman:
Carl hatte sich Kestners Pistolen fĂŒr eine Reise erboten. Da Kestner ĂŒber dessen Probleme nichts wusste, machte er sich keine Gedanken darĂŒber. Die Worte, mit denen Carl um die Pistolen Bat, ĂŒbernahm Goethe fast wörtlich.
Auch die Schilderung der letzten Stunden Carls ĂŒbernahm er wahrheitsgetreu.

Goethe schrieb den Briefroman im Februar und MĂ€rz 1774 in einem Zuge nieder. Die erste Fassung erschien 1774, die zweite 1787.
Die zweite, von Goethe ĂŒberarbeitete Fassung, ist diejenige geworden, in der die meisten Leser den Werther kennenlernten oder noch kennenlernen werden.





























2. ZUSAMMENFASSUNG DES BRIEFROMANS


Werther, ein gebildeter junger BĂŒrger, der mit den geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit ĂŒber Fragen der Philosophie, der Literatur und der Kunst vertraut ist, leidet unter der EingeschrĂ€nktheit der menschlichen Existenz und der EinschrĂ€nkung der bĂŒrgerlichen Konventionen. Auch in der Liebe ist er nicht glĂŒcklich: er will auf die Liebe Leonores nicht antworten, da er mit ihr nicht glĂŒcklich ist. Daher verlĂ€sst er seinen Heimatort und zieht in eine andere Stadt. Da er nicht arbeiten muss, fĂŒhren ihn seine Fragen zu Erlebnissen in der Natur und zur Kunst.
In der neuen Stadt lernt er Lotte kennen. Sie ist mit Albert, einem Freund Werthers, schon so gut wie verlobt. Da Albert auf Reisen ist, veliebt sich Werther in Lotte, die seine Liebe erwiedert. Doch als Albert von seiner Reise zurĂŒckkehrt, Ă€ndert sich alles grundlegend. Wether muss Albert als Verlobten Lottens anerkennen. Doch er leidet stark, weil die LiebeserfĂŒllung mit Lotte nicht zu Ende fĂŒhrbar ist. Deshalb verlĂ€sst er Lotte fluchtartig. Der Versuch, der hoffnungslosen Liebe in einem Amt fern von Lotte zu entfliehen, scheitert am Hochmut der adeligen Gesellschaft und an Werthers Empfindlichkeit. Wegen Unstimmigkeiten mit seinen Mitmenschen, kehrt er wieder in die NĂ€he Lottens zurĂŒck. Die Liebe wird dadurch wieder stĂ€rker, obwohl sie in der Zwischenzeit geheiratet hat. Er trifft sich von neuem mit ihr. Diese wiederholten Treffen stossen ihn immer weiter in den Abgrund, und seine Selbstmordgedanken werden immer zahlreicher. Er beginnt, ernsthaft daran zu denken. Verzweifelt durch die aussichtslose Liebe versenkt er sich in die dĂŒstere Welt Ossians, dessen GesĂ€nge er ĂŒbersetzt hat, und die er Lotte beim letzten Zusammensein vor seinem Selbstmord vorliesst.
Werther erschiesst sich in der Nacht des 22. auf den 23. Dezember.









3.DIE HAUPTPERSONEN WERTHER UND LOTTE


Das Urbild Werthers ist, streng genommen, niemand anders als Goethe selbst, wie er sich in Dichtung und Wahrheit, abgesehen von einigen historischen Ungenauigkeiten, treffend schildert.
Durchaus bezeichnend fĂŒr Werthers Seelenleben ist sein Ausspruch, er halte sein Herzchen wie ein krankes Kind, jeder Wille werde ihm gestattet. An einer anderen Stelle lĂ€chelt er ĂŒber einen hohen Gönner, der ihn, seiner Kentnisse wegen, an sich zieht und von seinem GemĂŒt nicht viel Aufheben macht. Diese Gesinnung erscheint Werther völlig verkehrt, denn dieselben Kentnisse könne jeder haben, aber sein Herz, habe nur er allein.
Er sucht dauernd nach geistigen und seelischen GenĂŒssen, ohne jedoch die Kraft zu besitzen, sich diese zu erringen. Er steigt voll Liebe zu dem gewöhnlichen Volk und zu den Kindern hinab und beschenkt diese regelmĂ€ssig. Trotzdem ist er eines wirklichen Opfers fĂŒr seine Mitmenschen nicht fĂ€hig. Sein Hass gegen das Weltleben ist im Grunde nichts anderes als ein Hass gegen Arbeit und Unterordnung.
Aber die HochschÀtzung seitens vieler Menschen, beweist, dass Werther im Grund ein edler und wohl nur durch den Zeitgeist und andere eigenartige UmstÀnde irregeleiteter Charakter ist.
Ein erfreulicheres Bild gewinnen wir, wenn wir Werthers VerhĂ€ltnis zur Natur betrachten. In ihr lebt er, ist in der innigsten Weise mit ihr verbunden. In die Natur flĂŒchtet er sich aber nicht nur zu stillem Geniessen, sondern auch, wenn es in ihm braust und gĂ€hrt. So ist ihm die Natur die stille, vertraute Freundin in Freud und Leid.
Was Werthers VerhĂ€ltnis zu Gott anlangt, so können wir schon aus seinem Wesen einen Schluss ziehen, aber auch seine Briefe geben uns noch einige Andeutungen. Wohl nennt er Gott den Allwissenden, den Vater, aber wenn ihm dieser Vater eine Lehre erteilen will oder ihm einen Wunsch versagt, so klagt er ihn ebenso bitter an, wie er sich ĂŒber den Undank der Welt beschwert, wenn ihm nicht jeder Wille erfĂŒllt wird.
Wenn auf irgend jemand, so passt auf Werther das Wort von dem schwankenden Rohr, das der Wind hin und her treibt. Goethe wollte ihn keineswegs als Muster hinstellen; er wollte im Gegenteil schildern, wie ein Mensch, der den Leidenschaften des Herzens ganz und gar nachgibt und schliesslich untergehen muss.


Trotz der schweren Verantwortung, die auf Lotte ruht, trotz der mannigfachen Pflichten, die sie ĂŒbernommen hat, bewahrt sie sich eine bestrickende Heiterkeit, einen harmlosen Frohsinn, wodurch sie alle Herzen im Sturm erobert.
Anwandlung von Schwermut oder SchwĂ€che weiss sie energisch zu bekĂ€mpfen; ihr Klavierspiel und ihr Gesang mĂŒssen ihr dazu dienen. Aber Lotte ist auch ein Kind ihrer Zeit, jener schwĂ€rmerischen "Wertherzeit". Lottens gutes GemĂŒt zeigt sich am deutlichsten in ihrem Verhalten innerhalb der Familie. Nach dem Tode ihrer Mutter ist sie der eigentliche Mittelpunkt der Familie geworden; sie bewĂ€hrt sich als Hausfrau und ersetzt den armen Kindern die allzu frĂŒh verstorbene Mutter. In der Gesellschaft anderer jungen Leute, namentlich junger MĂ€dchen, zeigt sie eine unverkennbare Ueberlegenheit, eine Eigenschaft, die Goethe vermutlich dem Charakter seiner eigenen Schwester entlehnt hat. WĂ€hrend aber Werther nicht die Kraft besitzt, Mass zu halten und nur die Befriedigung seiner Neigung erfĂŒllt wissen will, bewahrt Lotte jederzeit strengste MĂ€ssigung und Selbstbeherrschung, und sie verdient deshalb sehr viel Achtung.























4. ANALYSE EINIGER THEMEN


DIE LIEBE(vgl. Brief vom 24.11.1772)


In diesem Brief beschreibt Werther seine Liebe zu Lotte wie eine "Scheidewand"[1]. Sie steht zwischen ihr und ihm. Diese Wand, von der er spricht, entstand, als Albert ankam. TatsĂ€chlich hatte sich Werther in Lotte verliebt, bevor sein Freund sie kennen lernte. Damals war er "wie ein TrĂ€umender, als [er] vor dem Lusthause [stillehielt]"[2] (...) "Nie ist mir's so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswĂŒrdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher verging(...)"[3]. Das GefĂŒhl erlebte er als eine Naturkraft, die im Herzen beheimatet ist. Nach ihr verlangt sein ganzes Wesen, und so muss er von Lotte in allen Bereichen seiner Person angezogen werden.
Trotzdem zeigt uns diese Traumwelt bald den unerforschbaren, immateriellen, geistigen Charakter der Liebe zwischen diesen beiden Personen. Es ist eine zurĂŒckhaltende, zurĂŒckdrĂ€ngende, aber echte Liebe: "Warum dufte ich mich nicht ihr zu FĂŒssen werfen? Warum durfte ich nicht an ihrem Halse mit tausend KĂŒssen antworten?"[4]
Durch die ganze Geschichte hindurch erlebt man eine heilige, reine, brĂŒderliche Liebe: es ist keine fleischliche, sondern eine grĂŒndliche und wirkliche platonische Liebe. Dennoch ist die Glut, die diese beiden Herzen erwĂ€rmt hat, die Spur einer Menge Leiden und Unhöflichkeiten, weil sie irgendwie eine unmögliche Liebe ist.
Beide sind der Religion verschrieben und haben also viele moralische Werte, wie zum Beispiel Respekt, ZuverlĂ€ssigkeit oder Treue. TatsĂ€chlich wird Werther zwischen seiner Liebe zu Lotte und der Freundschaft zu Albert hin und her gerissen. Erst ganz am Schluss, bei der letzten Begegnung, bricht das Eis, und Werther kommt zu Umarmungen und KĂŒssen. Die Gelegenheit, bei denen Werther und Lotte alleine sind, empfindet er zunehmend als qualvoll. Lottens LiebenswĂŒrdigkeit, ihre Sorge um ihn und ihre GĂŒte peinigen ihn. Aber auch die Ambivalenz ihrer Haltung stellt ihn auf eine harte Probe.
Trotzdem schildert Goethe uns die GefĂŒhle der beiden durch ein Spiel der Blicke einerseits und durch die Musik (Lottens Klavierspiel) andererseits: das werden die hauptsĂ€chlichsten Mittel, aus denen die Glut ihrer Liebe hervorquillt: "Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen"[5]. Dieser Blick ist sogar der wichtigste Punkt vor dem Dialog, vor ihrer Mitteilung: "(...) ich sagte nichts und sie sah mich an"[6]. Man kann vielleicht sagen, dass der Blick in diesem Fall der Spiegel ihrer Seele ist: es ist ein wunderlicher "herrlicher" Blick, "voll Ausdruck des innigsten Anteils, des sĂŒssesten Mitleidens"[7]. SpĂ€ter wird ihm auch durch diese Schwarzen Augen "(...) mit dem vollsten Blick der Liebe(...)"[8] Anerkennung verliehen.
In dem Brief vom 24.11.1772 nach der Szene des lieblichen Austausches durch die Blicke findet Lotte ihre Zuflucht bei dem Klavier. Mit diesem Instrument verleiht Lotte ihrem GefĂŒhl Ausdruck. TatsĂ€chlich wird das Instrument zu einem Liebesboten, zu einem Tröster, der die Vergangenheit wieder auferstehen lĂ€sst[9].
Das Klavier wird von nun an alle Liebes - Szenen begleiten, und es ist auch mit Hilfe der Musik und des Tanzes gelungen, die Flamme zwischen Lotte und Werther wieder lodern zu lassen (auf dem Ball). Man kann auch sehen, dass die Musik das Symbol der Harmonie, der Freude, der Reinheit darstellt, und somit das Symbol der Liebe ist. Die Liebe wird schlussendlich so tief und rein, dass sie Werther zum Selbstmord fĂŒhrt. Er wollte nicht wahrhaben, dass Lotte ihm nie gehören kann, und dass er nie das VergnĂŒgen einer Umarmung, ohne SĂŒnde, kennen wird. Sich in der NĂ€he der Geliebten zu befinden, wird fĂŒr ihn unertragbar. Werther fasst eher den Tod ins Auge, als fern von ihr leben zu mĂŒssen.




DAS GLUECK(vgl. Brief vom 21.06.1771)


Der Brief vom 21.6.1771 zeigt Werther in einem Zustand des GlĂŒcks. Im Mai 1771 hat er darĂŒber nachgedacht, was GlĂŒck, angesichts der EingeschrĂ€nktheit der menschlichen Existenz, sein könnte[10]. Er hat zwei Möglichkeiten herausgefunden. Die erste ist das GlĂŒck als TĂ€uschung. An anderer Stelle spricht Werther von dem "freundlichen Wahn, durch den Gott uns am glĂŒcklichsten mache"[11]. Die zweite Möglichkeit ist das GlĂŒck als Wendung ins eigene innere GlĂŒck, weil einer ein Mensch ist und "seine Welt aus sich selbst"[12] bildet. Beide Wege haben sich fĂŒr ihn als nicht gangbar erwiesen. Aber der erste gewinnt jetzt fĂŒr ihn eine neue Bedeutung.
Im selben Brief ist Werther glĂŒcklich, "und mit mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden, die reinsten Freuden des Lebens nicht genossen habe"[13]. Werther kann nach wie vor in Wahlheim sein und dort das urtĂŒmlich - einfache Leben fĂŒhren, das einen Teil seines GlĂŒckes ausmacht. Jetzt ist er doch etabliert. Er ist bei sich zuhause: "(...) dort fĂŒhl'ich mich selbst und alles GlĂŒck, das dem Menschen gegeben ist "[14], so sagt er.
Sein SelbstwertgefĂŒhl ist davon abhĂ€ngig, dass die Bedingungen der Aussenwelt seinen inneren WĂŒnschen entsprechen. In diesem Zustand verursacht ihm die "EinschrĂ€nkung" des Menschen, seine alte Wunde, keine Qualen mehr. Er spricht von dem inneren Trieb, sich ihr "(...) willig zu ergeben, in dem Gleise der Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um rechts noch um links zu bekĂŒmmern"[15]. Werther erfĂ€hrt das GlĂŒck durch die Natur. "Es ist wunderbar (...) O könnte ich mich in ihnen verlieren"[16].
Aber Mitte August, der Sommer neigt dem Ende zu, ist eine neue Situation eingetreten. "Ich eilte hin und kehrte zurĂŒck und hatte nicht gefunden, was ich hoffte"[17]. Als Werther das Ziel erreicht, ist alles wie vorher, und er bleibt in seiner Armut, in seiner EingeschrĂ€nktheit.
Viele Elemente zeigen, dass Werther mit diesem einfachen Leben glĂŒcklich ist. Zum Beispiel kocht er selbst sein Essen. Er macht es gern. Zwischendurch liest er Homer. "Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple harmlose Wonne des Menschen fĂŒhlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt" [18] Er geniesst alle in einem Augenblick[19].
Die Situation, in die Werther sich hineinbegeben hat, trĂ€gt aber von Anfang an alle ZĂŒge des unlösbaren Konfliktes.


DIE NATUR


Werthers VerhĂ€ltnis zur Natur ist sehr interessant zu betrachten. Er ist in innigster Weise mit ihr verbunden. In die Natur flĂŒchtet er sich aber nicht nur zu stillem Geniessen, sondern auch, wenn es in ihm gĂ€hrt. So ist ihm die Natur die stille, vertraute Freundin in Freud und Leid.
Seelig kann sich Werthers GefĂŒhl im Anblick eines FrĂŒhlingsmorgens vertrĂ€umen. Die Natur wandelt sich auch von der Herrlichkeit des erwachenden FrĂŒhlings zu der Trostlosigkeit eines alles begrabenden Winters. Einige Beweise, dass die Natur Werthers Verhalten beeinflusst:
So schreibt er: UeĂŒbrigens befinde ich mich hier gar wohl, die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wĂ€rmt mit aller FĂŒlle mein oft schauderndes Herz"[20] Werthers Abkehr von der Gesellschaft bringt ihn zu höchster ErfĂŒllung in der Natur, bei Gott, bei sich.
Der FrĂŒhling fĂŒllt Werther mit Freude: "Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den sĂŒssen FrĂŒhlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse"[21], hat er noch Wilhelm am 10. Mai geschrieben. Die Natur bringt ihm Freiheit in höchster subjektiver und emotionaler Steigerung. Dazu kommt die Bekanntschaft mit Lotte: Liebe und Natur in schwĂ€rmerischem GefĂŒhlsempfinden.
Am Ende des Sommers scheint uns Werther noch föhlicher. Es nĂ€hert sich dem Herbst und dann dem Winter, und die Natur scheint ihm nicht mehr die gleiche zu sein. Am 18. August fragt er sich,warum "(...) das, was des Menschen GlĂŒckseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elends"[22] werde? "(...) mir untergrĂ€bt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt (...) Himmel und Erde und ihre webenden KrĂ€fte um mich her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkĂ€uendes Ungeheuer."[23] Jetzt wird es disharmonisch: nicht mehr das Lebenige der Natur steht fĂŒr Werther im Vordergrund, sondern das Zerstörende. Natur als Spiegel des Seelenlebens!
Ein Jahr spÀter schreibt er in der gleichen Jahreszeit; "Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir und um mich her. Meine BlÀtter werden gelb, und schon sind die BlÀtter der benachbarten BÀume abgefallen"[24]. WÀhrend die Zeit vergeht, wird Werther immer trauriger. Am 3. November hat er geschrieben "(...) und bin elend (...)"[25]. " - 0h! wenn da diese herrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen und alle die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann und der ganze Kerl vor Gottes Angesicht dreht wie ein versiegter Brunnen,(...)"[26] Man kann die Entwicklung der Hauptperson genau beobachten: Werther nÀhert sich seinen Tod.
Schliesslich befindet er sich im Winter und ist sehr unglĂŒcklich. Werther hat das Leben satt. Die Natur ist genau so, wie Werther:: traurig und verzweifelt. Am 12. Dezember schreibt Werther: "Wehe, wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbaren nĂ€chtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahreszeit"[27]. Diese Abneigung gegenĂŒber der Natur und der Gesellschaft wird Werther einige Tage spĂ€ter zum Selbstmord fĂŒhren.



Der Selbstmord(vgl. Brief vom 12.8.1771)


Werther berichtet in diesem Brief ĂŒber die Begegnung und Diskussion mit Albert, als er sich verabschieden wollte, um in die Berge zu reiten.
Das GesprĂ€ch ĂŒber den Selbstmord wird durch Werthers Bitte um Alberts Pistolen ausgelöst, welche dazu fĂŒhrt, dass er sich die MĂŒndung der ungeladenen Pistole an die Stirn setzt. Das Motiv mit der Pistole tritt an dieser Stelle zum ersten Mal auf. Vom Selbstmord spricht Werther jedoch schon im Brief vom 22.5. Hier sieht er den Selbstmord als den Weg zur Freiheit.
Das GesprĂ€ch mit Albert steht an zentraler Stelle im Buch, erlaubt daher einen Blick zurĂŒck und nach vorn.
Werther hat frĂŒher den Selbstmord als letzten Ausweg aus der EingeschrĂ€nktheit der menschlichen Existenz erwĂ€hnt. Doch in diesem Brief rechtfertigt er ihn theoretisch. Da Werther sich mit der Gesellschaft nicht identifizieren kann, insofern seine Liebe unerfĂŒllt bleibt, und er auch den Ausweg in eigener schöpferischer TĂ€tigkeit nicht findet, kann sich der Leser das weitere Geschehen gut vorstellen. Werther nimmt sich das Leben. Mit dem Selbstmord Werthers stellt Goethe Grundlagen der Gesellschaft in Frage. Er will gegen die Beurteilung des Selbstmordes im 18. Jahrhundert kĂ€mpfen: Der Selbstmord stellte ein juristisches Verbrechen dar, und der Selbstmörder hatte kein Recht auf ein ordentliches BegrĂ€bnis. Die Familien eines Selbstmörders hatten oftmals mit Strafen zu rechnen. Als in Deutschland unter der Gesetzgebung Friedrichs des Grossen erstmals eine Entkriminalisierung des Selbstmords eingeleitet wurde, hielten die Kirchen daran fest, dass der Selbstmörder mit Höllenqualen und Fegefeuer bestraft werde. Der Verlauf des GesprĂ€ches zeigt Albert als den aufgeklĂ€rten BĂŒrger, der die Vorstellungen der Gesellschaft vertritt. Er bergĂŒndet seine Position, indem er den Selbstmord als töricht und lasterhaft bezeichnet.
Werther widerspricht ihm und verlangt, dass die menschliche Natur zum einzigen Maßstab der Bewertung gemacht wird. Man muss die Ursachen einer solchen Handlung erforschen und fĂŒr die Beurteilung heranziehen. Er verlangt Mitleid, nicht Strafe fĂŒr die Handlungen, die aus Ă€usserster Not erfolgen, zum Beispiel Angst vor dem Hungertod, Liebe und Leidenschaft.
Doch Albert antwortet, dass fĂŒr ihn "(...) ein Mensch, den seine Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungen verliert und als ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird"[28]. FĂŒr ihn sind diese Menschen unzurechnungsfĂ€hig. Ihr Handeln kann nicht entschuldigt werden.
Werther lĂ€uft Sturm gegen diese Ansicht. Er sieht in den Trunkenen und Wahnsinnigen gerade jene ausserordentlichen Menschen, "(...) die etwas Grosses, etwas Unmöglichscheinendes wirkten"[29], und wirft Albert vor, dass die sittlichen Menschen, die "PharisĂ€er"[30], die "NĂŒchtenen"[31], die "Weisen"[32], solche Menschen als Trunkene und Wahnsinnige abgestempelt haben.
Goethe spricht hier als AnhÀnger der Sturm - und - Drang - Generation und des Geniekults.
Albert lehnt Werthers Auffassung ab und stĂ€rkt seine Position, indem er den Selbstmord als SchwĂ€che ansieht[33]. "Denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen"[34]. Werther entwertet Alberts Argumente dadurch, dass er den Selbstmord erneut der ZustĂ€ndigkeit rationaler Beurteilung entzieht. Er bezeichnet "(...) die sonst angenehme BĂŒrde des Lebens (...)"[35] als "Krankheit des Todes"[36]. Dieses Bild erscheint zum ersten Mal im Brief vom 8.8 und tritt dann immer wieder auf. Um seine Meinung zu erklĂ€ren, erzĂ€hlt er die Geschichte eines jungen MĂ€dchens. Hier wird der Selbstmord als seelische Krankheit aufgefasst.
Albert bleibt ruhig, begreift aber die leidenschaftliche Argumentation Werthers nicht, und er beruft sich weiterhin auf den Verstand. Dadurch, dass Werther auf die Natur des Menschen verweist, ist der Gegensatz unĂŒberbrĂŒckbar. Werther bricht die Unterhaltung ab und geht.
Keiner verstand den anderen, da Albert als Klassiker, Werther aber als Romantiker erscheint.

5. Stylistik


Neben der Einleitung und dem Schluss hat Goethe fĂŒr die ErzĂ€hlung seines Romans die Form eines Briefromans gewĂ€hlt. Die Handlung wird nicht in kontinuierlicher ErzĂ€hlweise verstĂ€ndlich gemacht, sondern nur in datierten Ausschnitten aus dem Lebenslauf Werthers. Es ist eine sprunghafte, zerstĂŒckelte Form, welche jedoch aufzeigt, dass die unausgeglichenen, gefĂŒhlsstarken Erlebnisweisen des Helden es nicht zulassen, einen daseinsertrĂ€glichen Halt zu finden. Es handelt sich somit um eine in Briefen abgefasste Selbstdarstellung des Romanhelden.
Die Ich - Form zeigt die Kontaktarmut des Helden auf, seine Vereinsamung, seinen Verlust an RealitÀtsbewusstsein.
Die Briefe bleiben unbeantwortet, bzw. Goethe fĂŒgt keine Briefe des EmpfĂ€ngers ein. So zeigt die Form auch, dass der tragische Weg des Helden in den Freitod glaubwĂŒrdig und erschĂŒtternd zwingend ist. Werthers Sprache ist emphatisch, lyrisch und weicht stark von der Alltagssprache des 18. Jahrhunderts ab.
























6. Schlussfolgerungen



Das Erscheinen des Briefromanes Die Leiden des jungen Werthers im Herbst 1774 war eine Sensation. Das Buch zog nicht nur ein grosses Leserpublikum in Deutschland und im Ausland an. Es zeigt sich auch, dass sich die Antelinahme am Schicksal des Helden bis zum "Wertherfieber" steigerte, was sogar zu Selbstmorden fĂŒhrte.
Doch der eigentliche Werther - Kult blieb eine Sache der gebildeten StÀnde. Werthers Kleidung, sein Auftreten kamen in Mode. Seine exzentrische Sprachweise wurde zur Umgangssprache der Liebenden und versicherte die Ausserordentlichkeit ihrer Beziehung.
Vor dem Werther boten die Romane den Lesern einen Stoff an, welcher leicht nachvollziehbar war. Der Leser suchte in einem Roman immer einen Nutzen, d.h. der Roman musste den zeitgenössischen Wervorstellungen entsprechen.
Diese Auffassung Ànderte sich grundlegend nach der Veröffentlichung des Briefromans. So kam es, dass es in erster Linie der Stoff war, besonders der Selbstmord als anstössiges Ereignis, der die Wirkung des Buches ausmachte.
Der Roman durchbrach einige Tabus:

dass sich Werther nicht auf die Wertvorstellungen der Zeit beruft, sondern auf den Menschen, auf das Herz;
dass die Liebe und die Leidenschaft einen Menschen in den Tod stĂŒrzen können;
dass Selbstmord kein Verbrechen ist;

dies alles entsprach einer neuartigen Auffassung von Moral.

Goethes Werther wurde dadurch zum ersten Roman, der das verĂ€nderte Denken und Empfinden, das sich ĂŒber Jahrzehnte hin entwickelt hatte, leuchtend darstellte.

Ein Vergleich mit einer neueren Fassung des Stoffes, namentlich den Neuen Leiden des jungen W. (1972) von Ulrich Plenzdorf, zeigt, dass eine Abstraktion von den gesellschaftlichen Bedingtheiten möglich ist. In beiden Romanen wird der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft dargestellt. Konflikt und Lösung sind auf die jeweilige gesellschaftliche Wirklichkeit zu beziehen.
Durch die Verwendung von Goehte - Zitaten wird Werthers Problematik auf die Moderne ĂŒbertragen. Sie sind so gewĂ€hlt, dass sie auf die jeweilige Situation Edgars passen.
Es sollte klar werden, dass jede Zeit ihre speziellen Probleme hervorbringt, die sich auf den einzelnen auswirken, und dass es in jeder Zeit zu verschiedener AusprÀgung von individuellen Konflikten kommt.
Indem Plenzdorf Parallelen aufweist, hebt er den historischen Zusammenhang auf. Hierdurch macht er Goethe verstĂ€ndlich und setzt das historische Thema in die Gegenwart um. Er löst den Klassiker aus dem Betrachtungsrahmen des kulturellen Erbes, das nur fĂŒr sich und die jeweilige Zeit spricht.
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[2]idem ,Seite 25.
[3]idem, Seite 26.
[4]idem, Seite 103.
[5]idem, Seite 103.
[6]idem, Seite 103.
[7]idem, Seite 103.
[8]idem, Seite 136.
[9]idem, Seite 108.
[10]idem, Seite 12.
[11]idem, Seite 40.
[12]idem, Seite 13.
[13]idem, Seite 30.
[14]ebenda.
[15]idem, Seite 31.
[16]ebenda.
[17]ebenda.
[18]idem, Seite 32.
[19]ebenda.
[20]idem, Seite 6.
[21]idem, Seite 7.
[22]idem, Seite 58.
[23]idem, Seite 60.
[24]idem, Seite 89 - 90.
[25]idem, Seite 99.
[26]idem, Seite 100.
[27]idem, Seite 116.
[28]idem, Seite 52 - 53.
[29]idem, Seite 53.
[30]ebenda.
[31]ebenda.
[32]ebenda.
[33]ebenda.
[34]ebenda.
[35]idem, Seite 54.
[36]idem, Seite54 .

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