Ehen in Philippsburg


Inhalt


    Zur Entstehung ........................................................................................................... 2

1.1 Martin Walser - Seine Herkunft und deren Einfluss auf sein Werk ............... 2
1.2 Die L├Âsung von Franz Kafka ................................................................................ 4


    Ehen in Philippsburg - eine gesellschaftliche Entjungferung ....................... 4

2.1 Aufbau und Handlung ............................................................................................ 4
2.2 Philippsburg und seine Bev├Âlkerung .................................................................... 6
2.3 Hans Beumann - eine typische Walserfigur? ...................................................... 8
2.4 Behandelte Themenbereiche .................................................................................. 9


    Ehen in Philippsburg im Spiegel der Kritik ........................................................ 11

3.1 Karl Korn: Satirischer Gesellschaftsroman ....................................................... 11
3.2 Rudolf Hartung: Explosion im Wasserglas ....................................................... 12
3.3 Roland Wiegenstein: Gerichtstag ├╝ber feine Leute .......................................... 13


    Bibliographie .............................................................................................................. 15 Zur Entstehung

1.1 Martin Walser - Seine Herkunft und deren Einfluss auf sein Werk

Martin Walser wurde am 27. M├Ąrz 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren und wuchs auch dort auf. Seine Heimat war und bleibt zeitlebens die Gegend um den Bodensee, was sich auch auf seine Arbeit als Schriftsteller auswirkte. Ingrid Kreuzer spricht im Zusammenhang damit von einer "z├Ąhe[n] Verwurzelung im Heimatboden an den Ufern des Schw├Ąbischen Meeres"[1], die jeglichen Mangel an zeitweiser religi├Âser und politischer Zugeh├Ârigkeit Walsers teilweise kompensierte.
Es w├Ąre aber falsch, Walser zu den Heimatdichtern im herk├Âmmlichen Sinne zu z├Ąhlen. Er ist nie ein provinzieller Autor gewesen, sondern leitete die gro├če Welt aus der kleinen, intimen Welt des Bodenseegebietes ab. Walser entwickelte sich zu einem "realistischen Beobachter aktueller menschlicher und gesellschaftlicher Verh├Ąltnisse"[2], was wohl seinem mit Alltagsproblemen ├╝berh├Ąuften Elternhaus, seiner von der Geschichte unmittelbar betroffenen Jugend und dem Erlebnis der sich formierenden bundesdeutschen Gesellschaft zu verdanken war.
Walsers Eltern stammten aus b├Ąuerlichen Verh├Ąltnissen und betrieben eine bescheidene Gastwirtschaft in Wasserburg. Eine der st├Ąrksten Erinnerungen aus Walsers Kindheitserinnerungen galt dem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, dem die Familie ausgesetzt war. Er begann, "das Konkurrenzdenken auch auf der untersten Ebene zu hassen".[3] Seine Kindheit und Jugend waren nicht leicht, schon fr├╝h mussten er und seine zwei Br├╝der im elterlichen Betrieb mitarbeiten.
Die finanzielle Situation versch├Ąrfte sich noch weiter, als 1938 der Vater starb und die gesamte Schuldenlast und die F├╝hrung des Betriebs Walsers Mutter zufiel. Der katholische Glauben half ihr und ihren Kindern ├╝ber alles, sogar den Nationalsozialismus hinweg, wenngleich Walser seine "Verkr├╝mmung"[4] auf den Katholizismus zur├╝ckf├╝hrt. Auf Grund des dem├╝tigenden Schicksals der Familie f├╝hlte er sich in seinem kleinb├╝rgerlichen Bewusstsein unsicher und minderwertig, ein Gef├╝hl, das f├╝r seine schriftstellerische Arbeit noch sehr wichtig werden wird.
Ein weitere negative Erscheinung des B├╝rgertums schien Walser die Schule, deren Lehrer "ganz im Dienste eines sie selbst ├╝bersteigenden Klassenbegriffs"[5] standen und den Bauernbuben mit einem l├Ącherlichen Klassenanspruch gegen├╝bertraten, der sich vorwiegend auf Kleidung, Benehmen, Wortwahl und Geschmack bezog. In Walsers Erinnerungen tritt viel h├Ąufiger dieses merkw├╝rdige Klassenbewusstsein seiner Lehrer zutage, als zum Beispiel deren nationalsozialistische Gesinnung.
Seine Schulzeit war "von vielen Kriegsanforderungen durchl├Âchert[...]"[6], Walser musste neben Schule und Arbeit auch Arbeitsdienst leisten, wurde Flakhelfer, kam zur Hitlerjugend und meldete sich 1944 schlie├člich zu den Gebirgsj├Ągern. Kurz vor Ende des Kriegs desertierte er und kam in amerikanische Gefangenschaft, wo er mit der Betreuung der Lagerbibliothek beauftragt wurde, was in ihm ein intensives Interesse an Literatur weckte.
Er wurde fr├╝her entlassen, machte 1946 sein Abitur nach und sich dann auf in das "politisch und wirtschaftlich verw├╝stete[...] Land".[7] Die Begegnung mit der st├Ądtischen Welt von Regensburg und T├╝bingen, aber auch Stuttgart, Stationen seiner Studentenzeit, m├╝ssen von dem im b├Ąuerlich - kleinb├╝rgerlichen Milieu aufgewachsenen Walser besonders tief empfunden worden sein. Er zeichnete diesen "Aufbruch in die Welt"[8] in seinem ersten Roman Ehen in Philippsburg in der Gestalt des Hans Beumann nach.
Wie schon seine Schulzeit wurde auch Walsers Studentenzeit durch h├Âhere Gewalt unterbrochen. Auf Grund der W├Ąhrungsreform 1948 konnte ihm seine Mutter das Studium nicht mehr l├Ąnger bezahlen. Walser kam Dank seiner Beziehungen ├╝ber das Studententheater zum S├╝ddeutschen Rundfunk, f├╝r den er fortan, bald in verantwortungsvoller Position, als freier Mitarbeiter t├Ątig war. Obwohl er immatrikuliert blieb, gab Walser das Studium praktisch auf, entschloss sich aber 1950 dennoch, sein Studium mit einer Dissertation ├╝ber Franz Kafka abzuschlie├čen. Im selben Jahr heiratete er K├Ąthe Neuner - Jehle, mit der er vier T├Âchter hat.
1951 stie├č er w├Ąhrend einer Dienstreise auf eine Tagung der Gruppe 47, dieses Schriftstellerkreises, der aus dem Redaktionsteam der Zeitschrift Der Ruf hervorging und sich die "demokratische Elitenbildung auf dem Gebiet der Literatur und Publizistik" und "die praktisch angewandte Methode der Demokratie in einem Kreis von Individualisten immer wieder zu demonstrieren mit der Hoffnung der Fernwirkung"[9] zum Ziel setzte. Es ging also um Literatur mit Ver├Ąnderungsauftrag, eine Forderung, der auch Walser lange Zeit Nachdruck verlieh. Durch die "Aufkl├Ąrungsinstanz"[10] Literatur sollte Wissen weitergegeben werden, das dem kollektiven Bewusstsein entzogen ist. Im Umgang mit der Gruppe zeigte Walser ├ťberheblichkeit, aber auch K├Ânnen; gewann er doch 1955 f├╝r seine Erz├Ąhlung Templones Ende den Preis der Gruppe.
Im gleichen Jahr brachte er sein erstes Buch, eine Sammlung von kafkaesken Kurzgeschichten unter dem Titel Ein Flugzeug ├╝ber dem Haus und andere Geschichten heraus; 1957 dann den ersten Roman, Ehen in Philippsburg, f├╝r den er mit dem Hermann - Hesse - Preis ausgezeichnet wurde. Der Erfolg dieser beiden Publikationen best├Ątigte Walser in seinem Wunsch, freier Schriftsteller zu werden. Er k├╝ndigte beim S├╝ddeutschen Rundfunk und kehrte zur├╝ck an den Bodensee, von wo er erneut die Welt entdecken w├╝rde.

1.2 Die L├Âsung von Franz Kafka

Der schon im Zusammenhang mit seiner Dissertation erw├Ąhnte Franz Kafka ├╝bte den ersten und vielleicht tiefgreifendsten Einfluss auf die schriftstellerische Entwicklung Walsers aus. Ihn faszinierte an Kafka die "Bestimmtheit der Personen [...], das Unfreiwillige aller Vorg├Ąnge, das Zwanghafte aller Vorg├Ąnge"[11], er sah, "dass ein Einzelner nichts machen kann".[12]
Zu Beginn in seinen ersten Erz├Ąhlungen hatte er mit Kafka gemein den Sinn f├╝r die "in der Realit├Ąt liegende Absurdit├Ąt"[13], wodurch eine andere Wirklichkeit sichtbar wird. Das Unerwartete ├╝berrumpelt uns, wir werden in unserem Lebensgef├╝hl unsicher. Und mit uns Walsers Figuren, die der Absurdit├Ąt ausgeliefert sind. Sie sitzen "gefangen in ihrem Lebensschicksal, in dem doch alles geschehen kann, selbst das Unwahrscheinlichste".[14]
Walser kopierte Kafka allerdings nicht, sondern entwickelte von Anfang an einen eigenen Stil, der blo├č an Kafka angelehnt war, in dem "die schweren Empfindungen des Meisters in den Spielraum freier Erfindung gestellt und abgewandelt wurden".[15] So sind sein Ton und Humor ganz anders und der Druck, den er auf seine Figuren aus├╝bt, weniger beklemmend als der Kafkas. Zeitkritik ist in Form von ├ťbersteigerungen der Wirklichkeit ins Groteske zu erkennen.
Walser brauchte ungef├Ąhr 10 Jahre, um sich schreibend aus seiner Kafka - Faszination herauszul├Âsen. Er erkannte, dass es ihm schier unm├Âglich gewesen w├Ąre, die ihm so wichtige soziale Lebenswelt ausreichend in das Geschehen zu integrieren, h├Ątte er weiterhin
derart "abstrakte Konstellationen"[16] zum Ausgangspunkt seiner Erz├Ąhlungen gew├Ąhlt.

    Ehen in Philippsburg - eine gesellschaftliche Entjungferung

2.1 Aufbau und Handlung

In Martin Walsers erstem Roman Ehen in Philippsburg ist von Kafkas Einfluss kaum etwas ├╝briggeblieben. Der Roman ist realistisch, nicht phantastisch, und ist ein aus vier unterschiedlichen Teilen zusammengef├╝gtes Panorama einer gro├čen deutschen Stadt nach dem Krieg und dem Eintritt des Wirtschaftswunders. Walser intensivierte in ihm die zeitkritischen Ans├Ątze und die satirischen Aspekte seiner fr├╝hen Erz├Ąhlungen und zieht eine Bilanz der fr├╝hen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland.
Es geht in den Ehen in Philippsburg besonders um die "Entlarvung von Druck und Anpassungszw├Ąngen, die [...] sich negativ und deformierend auf alle auswirken"[17], besonders aber auf die, die nicht gewillt sind, ihre Prinzipien und ihre Identit├Ąt aufzugeben.
Die Handlung l├Ąsst sich wie folgt kurz zusammenfassen:
Im ersten Teil, "Bekanntschaften", kommt der ehemalige Student und nunmehrige Journalist Hans Beumann nach Philippsburg und versucht, dort Fu├č zu fassen. Er, der junge, naive Ank├Âmmling aus dem Dorf K├╝mmertshausen, sucht vergeblich Arbeit bei einem Verleger, trifft aber am Tag darauf zuf├Ąllig seine ehemalige Studienkollegin Anne Volkmann, die Tochter eines wohlhabenden Rundfunkfabrikanten. Die ganze Familie findet Gefallen an ihm, der Vater bietet ihm eine Stelle als Redakteur der Firmenzeitschrift an und Anne wird seine Assistentin. Die t├Ągliche N├Ąhe bei der Arbeit f├╝hrt, obwohl Beumann Anne gegen├╝ber eher gemischte Gef├╝hle empfindet, zu einer sexuellen Beziehung. Der erste Teil endet mit einer Abtreibung, der sich Anne in der Folge unterzieht.
Im zweiten Teil, "Ein Tod muss Folgen haben", wird von dem erfolgreichen Gyn├Ąkologen Dr. Benrath, Partyg├Ąnger und deswegen St├╝tze der Philippsburger Gesellschaft, erz├Ąhlt. Benrath f├╝hrt ein Doppelleben, er betr├╝gt seine sensible Frau Birga mit der Inhaberin eines Antiquit├Ątenladens, C├ęcile. Immer wieder beteuern beide, die Aff├Ąre abbrechen zu m├╝ssen, aber es kommt nicht dazu. Schlie├člich begeht Birga Selbstmord. Sozial ruiniert verl├Ąsst Benrath C├ęcile und stiehlt sich aus der Verantwortung, indem er aus Philippsburg flieht.
"Verlobung bei Regen" hei├čt der dritte Teil; im Mittelpunkt steht Dr. Alwin, Rechtsanwalt und angehender Politiker. Auch er hat einige Aff├Ąren hinter sich, ├╝ber die er allerdings nicht spricht; lieber stellt er seine "perfekte Ehe" zur Schau. Wir treffen Beumann und die Volkmanns wieder, da die Alwins zu Hans und Annes Verlobungsfeier geladen sind. Den ganzen Abend unterh├Ąlt sich Alwin neben Gr├Â├čen aus den Medien, die ihm f├╝r seine politische Karriere n├╝tzlich sein k├Ânnten, mit C├ęcile. Er nimmt sie nach der Feier im Auto mit, sieht sie die ganze Zeit im R├╝ckspiegel an und verursacht durch seine Unkonzentriertheit einen Autounfall. Aus Angst um seine politische Zukunft schiebt er die ganze Schuld auf den verungl├╝ckten Motorradfahrer, aber er wei├č, dass seine Hoffnungen auf eine Aff├Ąre mit C├ęcile nun keine Chancen mehr haben.
Mit dem vierten Teil, "Eine Spielzeit auf Probe", kehrt der Erz├Ąhler zu Hans Beumann zur├╝ck. Zun├Ąchst aber geht es um Berthold Klaff, der bei der selben Vermieterin wie Beumann in Untermiete lebte und gerade Selbstmord begangen hatte. Seine gesamten B├╝cher und pers├Ânlichen Aufzeichnungen hinterl├Ąsst er Beumann. Es sind allesamt kritische Bemerkungen und Beobachtungen zur Kunst, Gesellschaft, Politik und der ganzen Welt. Seine Kritik sowie seine Weigerung, sich anzupassen, stehen in starkem Gegensatz zu Beumanns erfolgreicher Assimilation. Diese wird n├Ąmlich im vierten Teil vollendet; Beumann erh├Ąlt quasi die "letzten Weihen"[18] der Philippsburger Gesellschaft, er wird in den exklusiven "Sebastian - Klub" eingef├╝hrt. Der Streit mit Hermann, einem Arbeiter der st├Ądtischen Stra├čenreinigung, der im Toto gewonnen hatte, und nun seinen Gewinn zum Leidwesen der anderen "Sebastianer" lautstark im Klub verprasst, zeigt, dass Beumann "angekommen ist" und nun zur Philippsburger Oberschicht geh├Ârt. Dazu geh├Ârt nat├╝rlich auch eine au├čereheliche Aff├Ąre, die er sogleich mit Marga, einer sch├Ânen Bardame, anf├Ąngt.

2.2 Philippsburg und seine Bev├Âlkerung

"Philippsburg ist ein Seldwylda oder Abdera. Es liegt ├╝berall und nirgends".[19]
Es ist das Modell einer gro├čen deutsche Stadt zur Zeit Wirtschaftswunders und hebt sich von manch anderer Gro├čstadt vielleicht nur dadurch ab, dass es das Zentrum eines m├Ąchtigen Massenmedienkomplexes ist. Auch die vielen gro├čen und wenigen kleinen Leute sind blo├če Musterexemplare der modernen Gesellschaft. Denn "Gesellschaft" bedeutet in Walsers Roman, dem engeren Sinne des Wortes folgend, "tonangebende Gesellschaft". Und den Ton geben in Philippsburg mehrere mittlere Fabrikanten, ein Rechtsanwalt, ein Gyn├Ąkologe, die leitenden Herren vom Rundfunk, der Chefredakteur der gro├čen Wochenzeitung und die Inhaberin eines exquisiten Antiquit├Ątenladens an. Die Portr├Ąts der zahlreichen Figuren entstehen aus der gesellschaftlichen Aktion. Ihren gesellschaftlichen Rang weisen die Leute n├Ąmlich durch Parties aus. Je reger die Teilnahme an ihnen, desto h├Âher das gesellschaftliche Ansehen.
Untereinander sind all die Gruppen der Philippsburger Gesellschaft eng vernetzt und gemeinsam verfolgen sie ihre "heuchlerischen und eigenn├╝tzigen Interessen".[20] Es st├Ârt sie nicht im geringsten, welche Opfer ihre Einstellungen und Handlungen fordern. Das in dieser Hinsicht vielleicht krasseste Beispiel ist der Rechtsanwalt Dr. Alwin, der, aus kleinb├╝rgerlichem Milieu stammend, in die "Gesellschaft" eingeheiratet hat. Er ist im Begriff, eine neue Partei zu gr├╝nden, die CSLPD (Christlich - sozial - liberale Partei Deutschlands), eine Partei, die f├╝r alles und nichts steht und die den politischen Opportunismus versinnbildlicht. Alwin will n├Ąmlich seine Macht nicht zum Wohle der Menschen einsetzen, sondern die Politik nur zu seinem pers├Ânlichen Erfolg missbrauchen.
Diese Einstellung, n├Ąmlich die pers├Ânliche Stellung zu missbrauchen und den schrecklichen Egoismus hinter einer scheinheiligen Fassade des Mittelma├čes zu verstecken, zieht sich quer durch die Bank. Des Mittelma├čes, ja. Denn je weniger die Bewohner von Philippsburg es wahrhaben wollen, desto mehr akzentuieren sie "das Provinzielle, Muffige, todtraurig Zur├╝ckgebliebene, verstockt Kleinliche".[21] Das alte Thema von der doppelten Ehemoral wird pl├Âtzlich wieder aktuell, der Zwiespalt zwischen der b├╝rgerlich - konventionellen Zweckehe und "freien" Verh├Ąltnissen wird zweimal durchgespielt, einmal mit tragischem, einmal mit kl├Ąglich - komischem Ende. Die Frau des Gyn├Ąkologen Dr. Benrath nimmt sich das Leben, er setzt sich daraufhin ab und Dr. Alwin verursacht auf Grund seiner Schw├Ąrmerei einen Verkehrsunfall, der seiner weiteren politischen Karriere wohl nicht sehr zutr├Ąglich sein wird.
Frank Pilipp attestiert der Philippsburger Gesellschaft "a dualistic view of social reality, polarizing the haves and the have - nots, the mighty and the weak, the free and the unfree".[22] Auch Karl Korn schl├Ągt in diese Kerbe und geht noch weiter, wenn er meint, sie "ziert sich durch Manieren, kulturelle Interessen und Phrasen - und l├Ąsst es an dem fehlen, was soziale F├╝hrung rechtfertigen k├Ânnte, an Gro├čz├╝gigkeit, Stil und Ehre".[23] Der Durchschnitt, so Korn, sei "biederes Provinzspie├čertum".[24]
Passendes Gegenbild dazu ist wohl nur der Nonkonformist Berthold Klaff, einer der "have - nots" und "weaks", Untermieter bei der selben Vermieterin wie Hans Beumann und k├╝rzlich entlassener Theaterportier. Spielt sich Beumann von seinem anf├Ąnglichen Au├čenseiterposten allm├Ąhlich in die erste Liga der Gesellschaft vor, bleibt Klaff Au├čenseiter, verachtet die Kultur, die Menschenliebe im Allgemeinen und seine Frau im Besonderen. Er verk├Ârpert Eigenschaften von Beumann, die dieser im Zuge seines Anpassungsprozesses unterdr├╝cken muss. Klaff ist nicht bereit, sein Ich aufzugeben, sein intellektuelles Verm├Âgen gegen Geld zu verkaufen. Mit dieser Kompromisslosigkeit deutet er auf die einzige Alternative zum "Selbstaufl├Âsungsprozess"[25] Beumanns. Er ist ja die einzige Figur, die ihr Ich behalten hat.



2.3 Hans Beumann - eine typische Walserfigur?

In diesen Sumpf der Philippsburger Gesellschaft ger├Ąt nun die Hauptfigur, der junge Journalist Hans Beumann aus K├╝mmertshausen, was schon sehr stark eine l├Ąndliche, kleinb├╝rgerliche Herkunft impliziert. Er stammt aus unterprivilegierten sozialen Verh├Ąltnissen, ist unge├╝bt im Umgang mit der Mittelschicht. Er ist aber bereit, entsprechende Verhaltensweisen zu lernen. Beumann "f├╝hlt sich linkisch, ist es wohl auch"[26], kann aber Empfehlungen vorweisen und erreicht somit das Ziel seiner Klasse, "aufzusteigen in die oberste Sph├Ąren derer, die etwas zu gelten glauben".[27] Er kommt nat├╝rlich bei seinem Versuch, den Chefredakteur der Weltschau zu sprechen, nicht ├╝ber die Vorzimmerdamen hinaus, sehr wohl aber ├╝ber Anne, die Tochter des Fabrikanten Volkmann. Binnen weniger Monate avanciert er zum erfolgreichen Philippsburger B├╝rger und Fabrikantenschwiegersohn, wird vom "faule[n] Kulturbetrieb"[28] zurechtgebogen. Beumanns Handeln ist einerseits durch Unsicherheit im Umgang mit den gesellschaftlichen Konventionen gepr├Ągt, andererseits durch den Wunsch, sich in dieser Gesellschaft Akzeptanz zu verschaffen.
Seine Aufnahme in die Philippsburger Gesellschaft ist gleichsam eine Entjungferung seiner b├Ąuerlich - nat├╝rlichen Art, die der scheinheilig - konditionierten schlie├člich unterliegen muss. Speziell dieser Konflikt macht Beumann zu einer zerrissenen Figur. Aber auch seine pers├Ânliche Situation, in der er zwischen seiner Verlobten Anne und seiner Geliebten Marga hin - und herschwankt, sein Alter zwischen Unreife und Erwachsensein und seine Wohnsituation, n├Ąmlich unten im Arbeiterviertel zu wohnen, w├Ąhrend er mit der Familie in dem oben am Berg liegenden Villenviertel verkehrt, vertiefen diese Zerrissenheit.
Walser schildert die Entwicklung Beumanns als einen "Proze├č mi├člingender Individuation".[29] Es gelingt ihm zwar, die ihm fremden Verhaltensweisen zu lernen, die das t├Ągliche Leben regelnden Konventionen hindern ihn aber daran, in ├ťbereinstimmung mit seinen Vorstellungen zu handeln. So entwickelt er sich zu einem funktionst├╝chtigen Mitglied der Philippsburger Gesellschaft, treibt aber schlussendlich nutzlos und ohnm├Ąchtig zwischen den Fronten.
Zwischen den gesellschaftlichen Extremen verliert er seine Orientierung und schlie├člich auch seine Identit├Ąt. Gegen Ende des Romans, im Zuge seiner Aufnahme in den exklusiven Nachtklub "Sebastian", gewisserma├čen den Olymp der Philippsburger "guten Gesellschaft", schl├Ągt er Hermann, den Arbeiter der st├Ądtischen Stra├čenreinigung nieder und verleugnet damit endg├╝ltig seine Herkunft. Er entwickelte sich wie all die anderen systematisch zum erfolgsbesessenen Egoisten um den Preis seiner Identit├Ąt.
Mit dieser Entwicklung der Hauptfigur stellt Martin Walser die bis ins achtzehnte Jahrhundert zur├╝ckreichende Tradition des Bildungsromans auf den Kopf. Findet dort der Held auf seinem Reifeweg aus einem anf├Ąnglichen Zustand der Verworrenheit und Widerspr├╝chlichkeit zur inneren Harmonie und Ausgeglichenheit, ist Walsers "Anti - Held"[30] am Schluss in zwei H├Ąlften zerrissen
All das macht Beumann zu einer typischen Walserfigur. Sie alle haben Probleme mit ihrem wenig gefestigten sozialen Status und k├Ânnen auf wichtige politische und gesellschaftliche Entscheidungen nur geringen Einfluss aus├╝ben. Ob es sich nun um Hans Beumann, Sabine und Helmut Halm oder die Z├╝rns handelt, sie sind durchschnittliche Angeh├Ârige der Mittelschicht und k├Ąmpfen um sozialen Aufstieg oder wehren sich gegen den drohenden Abstieg. Sie stehen in einer Welt, der sie sich nur unterwerfen k├Ânnen oder an der sie zu Grunde gehen m├╝ssen. Hans Beumann, der "intellektuelle Verr├Ąter"[31] unterwirft sich, Gegenfiguren wie Berthold Klaff gehen zu Grunde.

2.4 Behandelte Themenbereiche

An erster Stelle ist wohl der Egoismus zu nennen, und die damit verbundene Sozialkritik. F├╝r Anthony Waine sind die Ehen in Philippsburg ├╝berhaupt eine "abschreckende Studie ├╝ber den m├Ąnnlichen Egoismus".[32] Das Buch zeige, wie er sich manifestiert und welche Folgen er haben kann. Neben der Entwicklung Beumanns zum "erfolgsbesessenen Egoisten"[33] erf├╝llen f├╝r Waine besonders die beiden zentralen Kapitel, "Ein Tod muss Folgen haben" und "Verlobung im Regen" diese Funktion. Sie sind n├Ąmlich fast ausschlie├člich im Ich der M├Ąnner Benrath und Alwin angesiedelt, wodurch der Leser ihre allerpers├Ânlichsten Gedankeng├Ąnge und Motive kennenlernt. Doch f├╝hrt das "ungeb├Ąndigte Ausleben des eigenen Ichs"[34] zu t├Âdlichen Konsequenzen, die wiederum eine nachhaltige Wirkung auf das Leben der M├Ąnner aus├╝ben. Auch Berthold Klaff, der Nonkonformist, ist egoistisch und in dieser Hinsicht um nichts besser als die "hohen Herren". Aber das einzige Opfer seines Egoismus bleibt er selbst.
Zwei weitere Themenbereiche sind mit dem m├Ąnnlichen Egoismus eng verkn├╝pft, Sexualit├Ąt und Tod. Speziell die Sexualit├Ąt au├čerhalb der Ehe wird in den Mittelpunkt ger├╝ckt. So meint etwa Anthony Waine, der Titel Ehen in Philippsburg sei etwas irref├╝hrend, da der Leser fast nur etwas ├╝ber au├čereheliche Verh├Ąltnisse erf├Ąhrt.[35] Was Waine aber au├čer acht gelassen hat, ist, dass sehr eindrucksvoll die Folge der au├čerehelichen Sexualit├Ąt auf die Ehe dargestellt wird. Ist diese Sexualit├Ąt n├Ąmlich, wie schon angedeutet, Ausdruck des Egoismus, so ist der Tod dessen Folge, die entweder, wie im Falle Benraths, die Ehe eindeutig beeinflusst oder, wie im Falle Alwins, auf diese wenigstens ziemlich stark abf├Ąrbt. Abgesehen von den, ziemlich offensichtlichen, Zentralkapiteln ├╝ber Benrath und Alwin, zeigt aber auch Hans Beumann bereits nach den ersten hundert Seiten bedenkliche Anzeichen. Dass Anne ihr uneheliches Kind, hervorgegangen aus ihrem sexuellen Verh├Ąltnis, unter gr├Â├čten Qualen abtreiben muss, vereint die Bereiche Sexualit├Ąt und Tod wieder unter dem Gesichtspunkt des Egoismus. Beumann gibt ja selber zu, "das hat sie alles mir zuliebe getan".[36]
Ein weiterer Themenbereich wird weniger plakativ behandelt, ist aber trotzdem sehr wichtig. Die Verdr├Ąngung der nationalsozialistischen Vergangenheit n├Ąmlich. Obwohl seit dem Kriegsende erst zehn Jahre vergangen sind, scheint es, also ob zumindest die Gesellschaftsschicht, die in den Ehen in Philippsburg im Mittelpunkt steht, im Land des Wirtschaftswunders "dar├╝ber hinweg" sei. Der Schein tr├╝gt jedoch, es ist deutlich eine "untergr├╝ndige Pr├Ąsenz der faschistischen Vergangenheit"[37] sp├╝rbar, wenn Berta, die Frau des Betriebsbesitzers Frantzke, zum Beispiel plant, einen Musikpreis f├╝r den Komponisten zu stiften, der "am reinsten jenen Geist sp├╝ren lasse, der deutscher Wesensart Geltung in der ganzen Welt verschafft habe".[38]
Machtmissbrauch; ein weiterer behandelter Themenbereich, der schon unter 2.2 besprochen wurde. Aber nicht nur die Politik, auch die Kultur wird missbraucht. Sie hat durch ihren Verbund mit Geld und Macht viel von ihrem "positive[n], aufkl├Ąrerische[n] Potential"[39] eingeb├╝├čt. Sie wird zur Werbung, wird kommerzialisiert. Das zeigt sich besonders in einer Aussage des Rundfunkfabrikanten Volkmann, f├╝r den Rundfunkprogramme ein volkswirtschaftlicher Faktor sind. "Sie hatten so auszufallen, dass immer mehr Leute sich Apparate w├╝nschten und immer bessere Apparate, denn nur so konnten die Ums├Ątze gesteigert [...] werden".[40] Und so sollte auch die neugegr├╝ndete "programm - press", deren Redakteur Beumann wird, ein "Sprachrohr f├╝r die eigene [Volkmanns, Anm.] Meinung"[41] sein. Die schon angesprochene Vernetzung der Philippsburger Gesellschaft zur Steigerung des pers├Ânlichen Einflusses und Wohlstandes wird auch bei der Kultur deutlich, wenn es hei├čt, Harry B├╝sgen, der Zeitungsverleger, sei ein Verb├╝ndeter, "weil er in seinen Programmzeitschriften f├╝r die Verbreitung der UKW - Ger├Ąte und die Erweiterung der UKW - Programme eintrete; daf├╝r werde er aber auch mit ersprie├člichen Werbeauftr├Ągen der Ger├Ątefirmen f├╝r die Zeitungen [...] belohnt".[42]

    Ehen in Philippsburg im Spiegel der Kritik

"Ein Roman allerdings ist es nicht"[43] behauptete Marcel Reich - Ranicki im Hinblick auf die Ehen in Philippsburg. Er gestand dem Buch zwar das selbe Milieu zu und auch, dass manche Gestalten auch ├╝ber ihren Wirkungsbereich, das hei├čt, den Teil, in dem sie im Mittelpunkt stehen, hinaustreten. Trotzdem handelt es sich bei den Ehen in Philippsburg seiner Meinung nach "um vier in sich abgeschlossene, g├Ąnzlich selbst├Ąndige Erz├Ąhlungen, die wohl nur aus kommerziellen Gr├╝nden mit der Bezeichnung ‚Roman‘ versehen wurden".[44]
Reich - Ranickis oft radikale Beurteilungsmanier ist ja hinl├Ąnglich bekannt, trotzdem steht diese Aussage exemplarisch f├╝r eine Reihe von Kritikern, die den Roman einerseits lobten, andererseits aber auch ├Ąhnliche Schwachpunkte bem├Ąngelten. Im Folgenden nun eine willk├╝rliche Auswahl einiger typischer Standpunkte.

3.1 Karl Korn: Satirischer Gesellschaftsroman

Auf den ersten Blick, so Korn, scheint Walsers Buch recht "unerfreulich" zu sein, was die dargestellte Gesellschaft angehe. Sie ziere sich durch Manieren, kulturelle Interessen und Phrasen und es fehle ihr an dem, was soziale F├╝hrung rechtfertigen k├Ânnte, "Gro├čz├╝gigkeit, Stil und Ehre".[45] In Wahrheit, so Korn weiter, sei das Buch aber vergn├╝glich, weil es bei aller Direktheit Humor habe. Walser sei, wie die Jury des Hermann - Hesse - Preises bereits attestiert hat, ein Satiriker, aber kein "humorloser Sittenprediger".[46]
Einige kinohafte Effekte, wie zum Beispiel den Selbstmord Birgas oder die blamable n├Ąchtliche Autokarambolage Dr. Alwins, nehme der Leser hin und halte sich an den satirischen Witz Walsers. Dem Autor seien einige treffliche Motive eingefallen, in denen die Philippsburger Gesellschaft pointiert erscheint, wie das n├Ąchtliche Roulettespiel in der Verlobungsszene, das Nachtlokal "Sebastian", das aus einem Etablissement f├╝r sakrale Kunst hervorgegangen ist oder die Karikatur des "weltanschaulichen Parteimischmaschs".[47]
Aber, so fragt sich Korn, was sei von solch einem Autor zu halten. Wie halte es jemand, in dessen Buch andauernd von "Moral" die Rede ist, selbst mit der schriftstellerischen Moral? Korn entdeckt hinter der Ironie und dem Vergn├╝gen am gesellschaftlichen Spiel in der sozialkritischen Darstellung Walsers ein "indirektes Engagement"[48], etwa wie "Hier habt ihr das Tableau! Macht euch euren Vers drauf!".[49] Diese Ansicht deckt sich auch mit der der Jury des Hermann - Hesse - Preises, die dem Leser einen "kritischen Standpunkt"[50] nahelegte.
Walser, so Korn am Schluss, "attackiert nicht, sondern er trifft. Was k├Ânnte man Positiveres sagen?".[51]

3.2 Rudolf Hartung: Explosion im Wasserglas

Rudolf Hartung hebt in seiner Rezension die Zeitkritik Martin Walsers stark hervor. "Kann uns", so fragt er, "ein junger Autor anderes als Kritisch - Polemisches ├╝ber B├╝rgertum und Ehen einer Stadt zu sagen haben, f├╝r die er einen Decknamen w├Ąhlt, um vielleicht den Vorwurf allzu genauer Portr├Ątierung von vornherein abzubiegen?".[52] Nein, denn Philippsburg ist nur das Modell einer Stadt und ihre Bewohner als Musterexemplare der modernen Gesellschaft gedacht.
Die Hauptschw├Ąche dieses "vorz├╝glich geschriebenen satirischen Romans"[53] liege aber darin, dass Walser dem Leser die M├╝he, einen kritischen Standpunkt einzunehmen, so wie es in der Begr├╝ndung des Hermann - Hesse - Preises hei├čt, g├Ąnzlich abnehme. Man habe es mit Figuren zu tun, die "von ihrem Sch├Âpfer selbst schon ausgezeichnet exekutiert"[54] w├╝rden.
Au├čerdem sei der Ausschnitt, den Walser dem Leser von der Philippsburger Gesellschaft gibt, zu eng. Auch klappe er die Figuren zu fr├╝h auf; der Leser wisse am Ende, was er schon gleich zu Beginn wusste: "Der Kulturbetrieb ist l├Ącherlich und ziemlich korrupt, seine Funktion├Ąre und die anderen Honorationen der Stadt sind ehrgeizig, dumm, eitel".[55] Das alles seien Faktoren, die die Spannung minderten.
Die Philippsburger Pers├Ânlichkeiten habe Walser ziemlich krass dargestellt, nur dass diese Krassheit, laut Hartung, ├╝berhaupt nicht schockiere. Die Explosion bleibe blo├č im Wasserglas, "das quirlt und sprudelt munter, aber unaufregend".[56]
Bez├╝glich seines Helden Hans Beumann habe sich Walser nicht klar entschieden. Wird er auf der einen Seite als Fremdling und Ausgeschlossener eingef├╝hrt, der die Chance hat, mit dem verfremdeten Auge auf das Geschehen zu blicken und den Status des Nichtangepassten eindrucksvoll zu schildern, will Walser an Beumann auf der anderen Seite aufzeigen, wie schnell sich der faule Kulturbetrieb einen Neuank├Âmmling zurechtbiegt. Eine, wie Hartung meint, unglaubw├╝rdige Entwicklung, da der Held so urspr├╝nglich nicht angelegt war.
Die grundlegende Problematik, so fasst er zusammen, liege darin, dass der Roman Walsers zwei einander sich widersprechende Intentionen verfolge. "Er stellt mit dem negativen Helden eine ‚literarische‘ Figur auf die B├╝hne, und er will die heutige Gesellschaft kritisch - ironisch beleuchten".[57] Wird die erste Intention im Laufe des Buches weitgehend preisgegeben, so schie├če die Gesellschaftskritik zu kurz, weil sie sich blo├č an der Oberfl├Ąche halte und von keinem "echten Problembewusstsein"[58] getragen werde.

3.3 Roland Wiegenstein: Gerichtstag ├╝ber feine Leute

Roland Wiegenstein vergleicht Martin Walsers Buch mit einer Gerichtsverhandlung, einer Verhandlung ├╝ber "feine Leute".
Walser, so meint er, ekle sich vor der Gesellschaft, genauer vor der "guten Gesellschaft". So ist sein Philippsburg ein "bitter treffendes Abbild bundesrepublikanischen Mittelma├čes"[59] und sein Held erreicht sein Ziel, aufzusteigen in die oberen Sph├Ąren jener, die etwas zu gelten glauben. Hier begegnet uns auch schon die erste kritische ├äu├čerung Wiegensteins. "Beumann hat es eigentlich schon nach hundert Seiten geschafft", so meint er, "obgleich sein Autor ihn aus Gr├╝nden literarischer ├ľkonomie weiter mitschleppt und ihm die letzten Weihen erst sp├Ąter zukommen l├Ąsst".[60]
Die ├╝brigen Seiten des Buches brauche Walser n├Ąmlich, um gen├╝sslich und mit Scharfsinn die Gesellschaft zu exekutieren. Den "Angeklagten" Dr. Benrath, C├ęcile und Dr. Alwin, deren F├Ąlle genau dargestellt und durchgespielt werden, gesellen sich viele Zeugen bei, "die nach der Proze├čordnung alle das Recht h├Ątten, die Aussage zu verweigern, weil sie gezwungen sind, sich selbst zu belasten".[61] Zu ihnen z├Ąhlt Wiegenstein das Ehepaar Volkmann, den Zeitungsverleger B├╝sgen, und einige andere Figuren, die immer wieder auftauchen und damit die einzelnen Geschichten miteinander verbinden. Dieses gleichbleibende Personenverzeichnis sei aber, und hier schlie├čt sich Wiegenstein Marcel Reich - Ranicki an, ein Hilfsmittel, das die Erz├Ąhlungen nur m├╝hsam verbinde. Es werde lediglich der Anschein geschaffen, dass mit den Ehen in Philippsburg ein Roman pr├Ąsentiert werde.
├ähnlich verh├Ąlt es sich laut Wiegenstein mit dem Zorn, den Walser f├╝r die "Angeklagten" empfindet. Selbst wenn mit immer neuen Anspielungen nachgeholfen werde, "so lange, wie man an dem Buch zu lesen hat, bleibt halt niemand zornig".[62] Ein Moralst├╝ck, das nur Tods├╝nden sieht, werde auf Dauer langweilig. "Walser hat mit jansenistischer Pr├╝derie sein Buch so fest im Griff gehalten, dass es daran beinahe erstickt".[63] Wenn jemand sich vornehme, ganz strikt bei der Sache zu bleiben, versteinere ihm die ganze Sache unter den H├Ąnden.
Es zeuge nichts eindringlicher, so Wiegensteins Res├╝mee, von der deutschen Misere, als das "Scheitern eines Autors, der sie zu beschreiben unternahm".[64]


    Bibliographie

Fetz, Gerald: Martin Walser. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler 1997.

Frenzel, Herbert und Elisabeth: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abri├č der deutschen Literaturgeschichte. Band 2. Vom Realismus zur Gegenwart. M├╝nchen: Deutscher Taschenbuch Verlag 1997.

Hartung, Rudolf: Explosion im Wasserglas. In: ├ťber Martin Walser. Hrsg. v. Thomas Beckermann. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1970, S. 19 - 22

Kindlers Literaturlexikon. M├╝nchen: Kindler Verlag 1992.

Korn, Karl: Satirischer Gesellschaftsroman. In: ├ťber Martin Walser. Hrsg. v. Thomas Beckermann. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1970, S. 28 - 32.

Morri├źn, Adriaan: Erotische und gesellschaftliche Entjungferung. In: ├ťber Martin Walser. Hrsg. v. Thomas Beckermann. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1970, S. 16 - 19.

Pilipp, Frank: The Novels of Martin Walser. A critical Introduction. Columbia: Camden House Inc. 1991.

Scholz, Joachim: Der Kapitalist als Gegentyp. Studien der Wirtschaftswunderkritik in Walsers Romanen. In: Martin Walser: International Perspectives. Hrsg. v. J├╝rgen Schlunk u. Armand Singer. New York: Peter Lang Publishing Inc. 1987.

Siblewski, Klaus: Martin Walser. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Hrsg. v. Heinz Arnold. M├╝nchen: edition text & kritik 1978.

Waine, Anthony: Martin Walser. M├╝nchen: Verlag C. H. Beck, 1980.

Walser, Martin: Ehen in Philippsburg. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1957.

Wiegenstein, Roland: Gerichtstag ├╝ber feine Leute. In: ├ťber Martin Walser. Hrsg. v. Thomas Beckermann. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1970, S. 23 - 28.



[1] Fetz, S. 1
[2] Waine, S. 7
[3] Ebd., S. 8
[4] Fetz, S. 3
[5] Waine, S. 11
[6] Fetz, S. 3
[7] Waine, S. 14
[8] Ebd., S. 14
[9] Frenzel, S. 656
[10] Siblewski, S. 2
[11] Waine, S. 19
[12] Ebd., S. 19
[13] Morri├źn, S. 16
[14] Ebd., S. 16
[15] Hartung, S. 19
[16] Siblewski, S. 4
[17] Fetz, S. 34
[18] Wiegenstein, S. 24
[19] Korn, S. 29
[20] Fetz, S. 37
[21] Wiegenstein, S. 23
[22] Pilipp, S. 8
[23] Korn, S. 30
[24] Ebd., S. 30
[25] Fetz, S. 35
[26] Wiegenstein, S. 24
[27] Ebd., S. 24
[28] Hartung, S. 22
[29] Siblewski, S. 4
[30] Waine, S. 60
[31] Korn, S. 31
[32] Waine, S. 61
[33] Ebd., S. 61
[34] Ebd., S. 63
[35] Nach: Waine, S. 63
[36] Suhrkamp Taschenbuch 1209, S. 129
[37] Fetz, S. 39
[38] ST 1209, S. 257
[39] Fetz, S. 38
[40] ST 1209, S. 86
[41] Ebd., S. 86
[42] ST 1209, S. 67
[43] Fetz, S. 29
[44] Ebd., S. 29
[45] Korn, S. 30
[46] Ebd., S. 30
[47] Korn, S. 31
[48] Ebd., S. 31
[49] Ebd., S. 31
[50] Hartung, S. 20
[51] Korn, S. 32
[52] Hartung, S. 20
[53] Ebd., S. 20
[54] Ebd., S. 20
[55] Ebd., S. 21
[56] Hartung, S. 21
[57] Ebd., S. 22
[58] Ebd., S. 22
[59] Wiegenstein, S. 23
[60] Ebd., S. 24
[61] Ebd., S. 26
[62] Wiegenstein, S. 27
[63] Ebd., S. 28
[64] Ebd., S. 28

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