Faschismus, Nationalsozialismus im Spiegel der Literatur

Inhaltsverzeichnis:
24. Juni 1995



1. Kapitel
Faschismus, Nationalsozialismus im Spiegel der Literatur

Faschismus, Nationalsozialismus

Entstehung des historischen, deutschen Faschismus

Zur Ideologie des Faschismus

Gemeinschaft

(Verschleierung sozialer GegensĂ€tze). Diese Ideologie konnte am Nationalismus anknĂŒpfen und somit natĂŒrlichen BedĂŒrfnissen entgegenkommen.
Aggressive Zuspitzung im Rassismus, mit dem Ziel der Unterwerfung anderer Völker, bot auch den bĂŒrgerlichen Mittelschichten Aussicht auf Profit.

FĂŒhrerprinzip

umfaßte Familie, Verwaltung, Wirtschaft, MilitĂ€r. Die Bereitschaft zu autoritĂ€ren Denkstrukturen hatte die Ursache vor allem in der starken wirtschaftlichen Unsicherheit/Arbeitslosigkeit, aber auch (im allgemein gesellschaftliche Sinn) in der Angst der Bevölkerung, die beeinflußt wurde durch die eigene Machtlosigkeit gegenĂŒber der kapitalistischen Industriegesellschaft.

Antikapitalismus

Die Angst der Handwerker und kleinen SelbstĂ€ndigen vor der stĂ€ndig zunehmenden Monopolisierung großer Unternehmer seit dem Beginn des 20. Jh. ging auf in antikapitalistische, reaktionĂ€re Forderungen der faschistischen Bewegungen (Wunsch nach RĂŒckkehr zu vorkapitalistischen ZustĂ€nden). Dabei gab es teilweise auch "linke" Strömungen (StrasserflĂŒgel). SpĂ€testens als der Faschismus zur Massenbewegung wurde, wurden diese Tendenzen radikal liquidiert.

SĂŒndenbockphilosophie

Diese Ideologie bedeutete eine grĂ¶ĂŸtmögliche Vereinfachung eines Freund - Feind Schemas, was vor allem das SelbstgefĂŒhl der Bevölkerung stĂ€rkte und Aggressionen in gewĂŒnschte Richtungen lenkte.
Der Antisemitismus war eine Ideologie, die vorhandene Aggressionen auf ein Objekt lenkte, das mit der Ursache der Aggressionen nicht mehr zu tun hatte als beliebige andere Objekte. Die Feindgruppen waren daher austauschbar.

Antikommunismus

Gerade durch die Radikalisierung und Militarisierung des Antikommunismus versuchte man eine Massenbasis zu sichern. Der Antikommunismus entsprach sowohl den Ängsten der bĂŒrgerlichen Mittelschichten vor der Proletarisierung als auch den imperialistischen WĂŒnschen jedes Einzelnen nach den EnttĂ€uschungen nach dem Ersten Weltkrieg.

Informationsstellen

Dokumentationsarchiv des österr. Widerstandes: Wipplingerstr. 8, 1010.
Institut fĂŒr Zeitgeschichte Wien. Rathausgasse 6, 1090 Wien

Literatur zur Zeit des Nationalsozialismus

Hinwendung zum Nationalsozialismus

Gottfried Benn, Josef Weinheber. (Vgl. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.276f)

Verfolgung, BĂŒcherverbrennung

Carl von Ossietzky, Jura Soyfer. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.277f

Deutsches Schrifttum

Alfred Rosenberg, Ernst von Salomon u.a.. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.278f

Literatur der "Inneren Emigration"

Werner Bergengruen, Ernst JĂŒnger. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.279f

Exilliteratur

Klaus Mann, Heinrich Mann, Bertolt Brecht. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.280ff.

Der antifaschistische Zeitroman

Seghers, Anna: "Das siebte Kreuz". 1942. Vgl. Kopie und Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.283.

Literatur nach 1945: Die Zeit des Nationalsozialismus: Die TĂ€ter und die Opfer

Zusammenfassung


Die Kehrseite der wirtschaftlichen BlĂŒtezeit nach 1945 war die weitgehende VerdrĂ€ngung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Man stellte die Geschehnisse hĂ€ufig mit Hilfe von Naturmetaphern als irrationales schicksalhaftes Ereignis dar und leugnete damit den konkreten Anteil einer großen Zahl von Menschen am Zustandekommden und an den Verbrechen der NS - Diktatur. (Vgl. Alexander Mitscherlich: "Die UnfĂ€higkeit zu trauern", Pochlatko/Mittermayr: Abriß 290f).
Verbaut und verdrĂ€ngt worden war nach Ansicht vieler AutorInnen die RealitĂ€t der NS - Zeit in Österreich gleich nach 1945 mit den Phrasen von "Pflicht", "Opfer" und von den "GrĂ€ben", die nicht "aufgerissen" werden sollten. Als offizielle Wahrheit wurde jene der "Österreich - Ideologie" ausgerufen. Die "Entnazifizierung" wurde kaum durchgefĂŒhrt (zum Teil auch aus GrĂŒnden politischen "Klientelismus", weil die Nazis und ihre MitlĂ€ufer ein zu großes WĂ€hlerpotential darstellten), sie wurde bald ĂŒberhaupt eingestellt.
Ilse Aichinger: "Die grĂ¶ĂŸere Hoffnung". 1948. (Vgl. Kopie)
GĂŒnter Grass: "Die Blechtrommel". 1959.
Kritische Analyse der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus und der ersten Nachkriegsjahre. (Vgl. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.291f)

"Gruppe 47"

1947 um Hans Werner Richter gegrĂŒndete Gruppierung. Forderte eine streng antinazistische und pazifistische Gesinnung.
Hans Lebert: "Die Wolfshaut". 1960
Er schildert in seinem Roman die Vertuschung eines in der NS - Zeit in einem Dorf verĂŒbten Verbrechens. (Vgl. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.299)
Carl Merz (1906 - 1979) und Helmut Qualtinger (1928 - 1986): "Der Herr Karl". 1961
Dieser Klassiker des österreichischen Kabaretts ist der Monolog eines typischen MitlĂ€ufers, der sein Leben von der Ersten Republik ĂŒber die Zeit des "Anschlusses" bis in die Nachkriegszeit erzĂ€hlt. (Vgl. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.338)
Peter Weiss: "Die Ermittlung". 1965
Peter Weiss (1916 - 1982) hat aus dem dokumentarischen Material des Frankfurter Auschwitz - Prozesses (1963 - 1965) ein "Oratorium in 11 GesĂ€ngen" zusammengestellt. (Vgl. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.337)
Gerhard Fritsch: "Fasching". 1967
Stellt die spießbĂŒrgerliche Restauration in einer Kleinstadt nach dem Krieg an den Pranger und entlarvt das Weiterwirken faschistischer Gedanken unter dem Deckmantel eines pervertierten lĂ€ndlichen Brauchtums. (Vgl. Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.299)
Peter Henisch: "Die kleine Figur meines Vaters". 1975.
Ein Sohn stellt seinem Vater, der einst Photograph der NS - Propaganda war, Fragen und stĂ¶ĂŸt bei genauerem Nachfragen auf eine Mauer des Verschweigens.

Lit. zu Nationalsozialismus: Die 80er Jahre in Österreich.

(Klaus Zeyringer: Innerlichkeit und Öffentlichkeit. Österreichische Literatur der achtziger Jahre. Francke Verlag, TĂŒbingen 1992.)

In den achtziger Jahren entsteht eine Vielfalt von literarischen Auseinandersetzungen, die mit folgender KapitelĂŒberschrift gekennzeichnet werden kann: "'Nicht verdrĂ€ngen - nicht gewöhnen': Gegen das Vergessen - gegen die Opfertheorie" (K. Zeyringer: Innerlichkeit und Öffentlichkeit. 1992.)
Die VerdrÀngung der nationalsozialistischen Vergangenheit lÀsst sich in einige zentrale Begriffe fassen:
Pflicht:
"Ich bin nichts gewesen als ein einfacher Soldat. Ich bin zum Dienst in der Armee gezwungen worden. Wie hunderttausend andere." (Gerald Szyszkowitz: Puntigam oder Die Kunst des Vergessens. 1988)
Im StĂŒck "Hoch hinaus" von Heinz R. Unger zeigt sich, wie bald ehemalige Nazischergen in verantwortliche Positionen im neuen Staat vorrĂŒcken: Der aus dem KZ zurĂŒckgekehrte Scheifele verfolgt als Kriminalpolizist Kriegsverbrecher. Als er den Nazirichter Beer als "Nazi - Sau" beschimpft, nachdem er in das Bezirksgericht, in dem Dr. Beer amtiert, gestĂŒrmt ist, wird er vom Polizeidienst suspendiert und ist nun vorbestraft. Die aus dem KZ zurĂŒckgekehrten Opfer sind nun die Vorbestraften, wĂ€hrend ihre Richter "sich's gerichtet haben".
Auch in Elisabeth Reicharts "Komm ĂŒber den See" (ErzĂ€hlung. 1988) sagt Ruth Berger auf der Suche nach ihrer IdentitĂ€t und der Vergangenheit, dass es die schwerste Entscheidung sei,
"Ich zu sagen, fĂŒr sich selber die Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Welcher Nationalsozialist hat denn fĂŒr seine Taten die Verantwortung ĂŒbernommen? Oder welcher MitlĂ€ufer? Oder welcher Soldat? Sie alle berufen sich doch auf Befehlsnotstand, bis zum Staatsoberhaupt. Preisen öffentlich ihre UnmĂŒndigkeit: Ich habe doch nur meine Pflicht erfĂŒllt!" (S.66)
Die Generation der Eltern ist fĂŒr viele AutorInnen jene der PflichterfĂŒller. Sie setzen sich damit auseinander, wie den Kindern eine Welt der Pflicht konstruiert und eingeredet wird.
Bedeutsam fĂŒr die wachsende Auseinandersetzung mit der verdrĂ€ngten Vergangenheit ist u.a. der PrĂ€sidentschaftswahlkampf 1986. Waldheim hat sich im Wahlkampf als oberster PflichterfĂŒller verkauft und somit Strukturen und Taktiken des VerdrĂ€ngens deutlich werden lassen. Diese Wahlkampagne hat dadurch aber das Vergessen unmöglich gemacht und eine Diskussion ausgelöst, die fĂŒr die Literatur eine entscheidende Anregung war, sich intensiver und offensiver mit dem Staate Österreich, seiner Vergangenheit und Gegenwart, den Normen und Werten der österreichischen Gesellschaft auseinanderzusetzen. (B. Frischmuth: "Über die VerhĂ€ltnisse". 1987)
Vergessen:
Gegen die Gesellschaft des Vergessens und VerdrĂ€ngens richteten sich nach der AffĂ€re Frischenschlager - Reder und nach den BundesprĂ€sidentenwahlen 1986 viele AutorInnen, um in ihren literarischen Texten "die Dinge beim Namen zu nennen". Es sollte das Erinnern gegen das Vergessen gestellt werden. (E. Fried: "Um Klarheit". Gedichte gegen das Vergessen. 1985) Die Reaktion der Gegenseite war, dass diese Schriftsteller, die auf den Schmutz der Vergangenheit und der Gegenwart zeigten, als Verursacher des Übels, als "Nestbeschmutzer" bezeichnet wurden, dass sie eine "Sudelkampagne" gegen den Staat und den demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten fĂŒhrten. (Weitere AnlassfĂ€lle: der "Fall Hausberger": Dem BĂŒrgermeister der Tiroler Gemeinde Mayrhofen im Zillertal wurde von der österreichischen Widerstandsbewegung 1981 in einer Dokumentation vorgeworfen, aktiv an Morden beteiligt gewesen zu sein (war freiwilliges Mitglied der SS; in Holland fĂŒr die Außenbewachung aller Konzentrationslager zustĂ€ndig gewesen). Der geklagte Redakteur wurde vom Gericht freigesprochen. Hausberger wies 1984 einen niederlĂ€ndischen Journalisten aus dem Saal: "Dieser Judenjournalist muss raus!" Eine daraufhin erstattete Anzeige wurde von der Staatsanwaltschaft Innsbruck zurĂŒckgewiesen. Kein österreichischer Politiker kritisierte Hausberger öffentlich. Fall Peter: Der FPÖ - Vorsitzende Friedrich Peter, ein ehemaliges Mitglied einer an Kriegsverbrechen schuldigen SS - Formation, sollte 3. NationalratsprĂ€sident werden.)
Elfriede Jelinek: "Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr" (1985):
"Hochgradige SS - MĂ€nner und Hitlerjungen (wollen einfach nicht erwachsen werden, die Kerle und Landeshauptleute [...] arbeiten heute, zu einer riesigen produktiven Anlage von Vergessen zusammengeschwitzt, dass nur keiner draufkommt. Solche MĂ€nner braucht man zu allen Zeiten, damit das Wesen der Gemeinde funktionieren kann." (S.153) Sie bezieht sich darin auch auf den Fall des BĂŒrgermeisters Hausberger.
Erinnern gegen Vergessen:
Die TĂ€ter wollen sich nicht erinnern, wĂ€hrend die Opfer nicht vergessen können. In "nachschrift" zitiert und montiert Heimrad BĂ€cker (1986) solche Ausreden und "gedĂ€chtnislĂŒcken" der TĂ€ter. Nach den auf hundert Seiten angefĂŒhrten Dokumenten des Grauens, nach Exekutionslisten, Beschreibungen medizinischer Experimente usw. stehen auf einer Seite Aussagen der Kriegsverbrecher, die BĂ€cker einer Dokumentation ĂŒber den Auschwitz - Prozeß entnommen hat:
ich kann darauf keine antwort geben
darauf kann ich keine antwort geben
ich erinnere mich nicht
ich habe das nicht erklÀrt
ich muss sagen ich kann mich nicht erinnern
ich kann mich nicht mehr erinnern
nein
ich hatte nichts mit hÀftlingen zu tun
ich kann mich dunkel erinnern
[...]
ich kann mich nicht erinnern
ja, rohmaterial
ja, zyklon B (S.111)
Erich Hackl dokumentiert in "Abschied von Sidonie" das kurze Leben eines ZigeunermĂ€dchens und ihren Weg ins Konzentrationslager. Die Leute, die Sidonie in den Tod schickten, sind sich keiner Schuld bewußt ("Alle taten, als habe es Sidonie nie gegeben"; S.118) (vgl. Kopie und Pochlatko/Mittermayr: Abriß S.339).
Zeugenschaft der Literatur:
Die Literatur, die die Wahrheit sagen will, spielt damit auch die Rolle des nachtrĂ€glichen "Zeitzeugen". Die Zeugenschaft bleibe fĂŒr die Autoren eine moralische Pflicht.
Gerald Szyszkowitz beschreibt in "Puntigam oder Die Kunst des Vergessens" die Rolle von Graz beim Anschluß an Deutschland (von den Nazis als "Stadt der Volkserhebung" gelobt)
Heinz R. Ungers Trilogie "Die Republik des Vergessens" (wurde aber seit der UrauffĂŒhrung 1980 nicht mehr an österreichischen BĂŒhnen gespielt).
Elisabeth Reichart hat in ihrem ersten Roman "Februarschatten" (1984) das kollektive Vergessen zum Thema der ErzĂ€hlung gemacht (vgl. Kopie): "die einzige Möglichkeit zu ĂŒberleben, ist zu vergessen", formuliert die Mutter, die sie zu ihrer Vergangenheit befragt. Dem versucht sich der Text entgegenzustellen, indem die Erinnerung gesucht wird, Fragen gestellt werden. Stockendes ErzĂ€hlen bedeutet hier auch stockendes Erinnern. In der ErzĂ€hlung wird das Erinnern, die Wiederentdeckung der Vergangenheit, zur Aufarbeitung von Ängsten, Schmerzen und Schuld.
Viele AutorInnen stellten die Wahrheit und ihr Wissen gegen die formelhafte Entschuldigung. So Gerald Grassl im Gedicht "Chor der braven BĂŒrger", in dem er so eine Kette von KlischeesĂ€tzen montiert (vgl. Textbeispiel). Was die TĂ€ter und MitlĂ€ufer gerne verdrĂ€ngen wollen, kann von den Opfern nicht vergessen werden: "wenn ich die Augen zumach', sind's da! Ein'brennt auf d'Netzhaut, die grauen G'sichter beim ZĂ€hlappell, beim Marsch ins Gas und als schwarzer rauch, der aus'm Krematorium aufsteigt! Nie, nie wer' ich das vergessen!" (Unger: Hoch hinaus. 1987, S.165).
Die Zeugenschaft, die fĂŒr Autoren eine moralische Pflicht bleibe, schreibt György SebestyĂ©n, könne "auch fĂŒr die Verfolgten, fĂŒr die Toten sprechen, die ihre Stimme verloren haben. Wo die Mörder gewaltsam Leben vernichten, vermag das Wort einiges: der Leerraum wird mit der sprachlichen Gestalt der Opfer ausgefĂŒllt". Damit sei fĂŒr die Toten wenig getan, "fĂŒr die Lebenden viel gewonnen" (G. SebestyĂ©n : Die dunkle Zeit. PEN - Symposium ĂŒber das Bild der Jahre 1938 - 1945 in der Literatur. 1987).
1980 erscheint Marie - Therese Kerschbaumers Roman "Der weibliche Name des Widerstands", worin sie das Schicksal von sieben Frauen im Widerstand, die im KZ ermordet wurden oder verschollen sind, literarisch verarbeitet. Der sprachliche Prozeß der VergegenwĂ€rtigung der Vergangenheit wird zugleich zu einem Dokument der eigenen Zeit, Faschismus wird als "Vergangenheit in der Gegenwart" thematisiert. AutorInnen sehen, was andere ĂŒbersehen, teilen mit, was andere verschweigen. Literatur ist ein Mittel gegen VerdrĂ€ngen und Vergessen. Erinnerung wird als Arbeit der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart gesehen, als Arbeit der ErklĂ€rung, des Sichtbarmachens von Vergangenem und GegenwĂ€rtigem.
Auffallend ist, dass jene Schleusen der Erinnerung sehr oft von Frauen geöffnet werden, sowohl von Autorinnen als auch von weiblichen Figuren in den Texten, so Kerschbaumer, Jelinek, Reichart und Barbara Frischmuth in dem 1990 erschienenem Roman "Einander Kind", in dem das Schicksal von vier Frauen aus zwei Generationen erzĂ€hlt wird, in dem alle FĂ€den in die Vergangenheit fĂŒhren.
Fragen gegen das Schweigen:
Viele AutorInnen versuchen die Mauer des Schweigens, die vor allem auch von der Elterngeneration errichtet wurde, zu durchbrechen. "Ich habe meine Eltern, meine Lehrer, meine Umgebung immer schweigend ĂŒber die Vergangenheit erlebt, ich bin folglich auch vergangenheitslos aufgewachsen." (Peter Turrini: Es ist ein gutes Land. Texte zu AnlĂ€ssen. 1986)
Im Roman "Schattenschweigen oder Hartheim" (1985) schildert Franz Rieger, dass im oberösterreichischen Hartheim, wo wĂ€hrend des NS - Zeit in einer Vernichtungsanstalt fĂŒr "unwertes Leben" Tausende Menschen ermordet werden, die Ereignisse allgegenwĂ€rtig sind, dass aber darĂŒber geschwiegen wird. Auch der Pfarrer darf nicht reden.
Verharmlosung, VerdrÀngung:
Ein literarisches Beispiel, wie die Vergangenheit unbewĂ€ltigt bleibt, zur Anekdote verniedlicht wird und so zur angenehmen Erinnerung verblasst, wie in vielen ErzĂ€hlungen der Älteren aus den letzten Kriegs - und ersten Nachkriegsjahren, ist Gertrud Fusseneggers Buch "Der Goldschatz aus Böhmen. ErzĂ€hlungen und Anekdoten" (1989).

Beispiele

Arthur Schnitzler: Professor Bernhardi
Ödön v. Horvath:
Geschichten aus dem Wienerwald
Jugend ohne Gott
(G.Orwell: 1984, Farm der Tiere)
(W.Golding: Herr der Fliegen)
Zuckmayer, Carl: Des Teufels General
St.Zweig: Die Schachnovelle
Ulrich Becher u. Peter Preses: Der Bockerer.
I. Aichinger: Die grĂ¶ĂŸere Hoffnung
Th. Bernhard: Heldenplatz
Frank, Anna: Das Tagebuch der Anne Frank. (12.6.42 - 1.8.44)
Fried, Erich: Lyrik
M.Frisch: Andorra.
E.Hackl: Abschied von Sidonie.
P.HĂ€rtling: Zwettl. NachprĂŒfung einer Erinnerung.
E. Jandl: wien: heldenplatz
M.Th.Kerschbaumer: Der weibliche Name des Widerstands
Kipphardt, Heinar: Bruder Eichmann.
R. KlĂŒger: weiter leben.
H. Lebert: Die Wolfshaut
C.Merz u. H.Qualtinger: Der Herr Karl.
W.A.Mitgutsch: Die ZĂŒchtigung
E.Reichart: Februarschatten.
G. Roth: Die Geschichte der Dunkelheit
R.Schindel: GebĂŒrtig
B. Schwaiger: Die Galizianerin.
P.Weiss: Die Ermittlung. \fL\i

Filme

Holocaust: ca. 1979
Gruber, Andreas: Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen.

Material

Pochlatko/Mittermayr: Abriß

Schulzeit unter Hitler

Beispiel(e)

H. Böll: Was soll aus dem Jungen bloß werden?
GĂŒnter Grass: Die Blechtrommel. R.
C.Wolf: Kindheitsmuster. R.
A.Okopenko: Kindernazi. R.

Material

Pochlatko: Literatur 3, 479ff
Jantzer !!!!!!!!!!!!!
NATIONALSOZIALISMUS

In den zwanziger und dreißiger Jahren bildete sich in den meisten europĂ€ischen Staaten neue politische Bewegungen, die heute unter dem Sammelbegriff "Faschismus" zusammengefaßt werden. Der Nationalsozialismus war eine rechtsradikale Bewegung in der Weimarer Republik, die sich vor allem in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unter der FĂŒhrung Adolf Hitlers (1889 - 1945) bildete. Die MachtĂŒbernahme durch die NSDAP 1933 fĂŒhrte zu einer Ausschaltung der anderen Parteien und oppositionellen KrĂ€fte und zu einer Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche mit nationalsozialistischen Vorstellungen.

Unter anderem prÀgten folgende geistesgeschichtliche Faktoren sein Gedankengut:

    Die nationalistische Grundströmung des 19. Jahrhunderts
    Die Ideen des Imperialismus und des Kolonialismus, wonach die europĂ€isch - abendlĂ€ndischen MĂ€chte dazu ausersehen seien, die Welt zu beherrschen. Das Ziel der Unterwerfung anderer Völker bot auch der bĂŒrgerlichen Mittelschicht Aussichten auf Profit.
    Die Lehre von der Ungleichheit der Rassen, entwickelt von GOBINEAU und CHAMBERLAIN die den germanischen Rassen, insbesondere den Deutschen, die Herrenrolle in der Welt zuschrieben.
    Der Antisemitismus, der sich religiösen und wirtschaftlich bedingten Ablehnung gegenĂŒber den Juden entwickelte. Die Juden wurden beschuldigt die "Rassereinheit" der Deutschen zu gefĂ€hrden.

Die Parteimitglieder stammten vorwiegend aus den mittelstÀndischen Schichten.
Die Kennzeichen des Nationalsozialismus waren:

    Übersteigerter Nationalstolz Großraumideologie ("Volk ohne Raum") Antisemitismus verbunden mit Rassismus (Überlegenheit der "arischen Rasse") Sozialdarwinismus ("Recht des StĂ€rkeren")

Der Nationalsozialismus war antiliberal und antikommunistisch. Obwohl die Bezeichnung Nationalsozialismus sozialistische Bestandteile vermuten lĂ€sst, handelte es sich um keine sozialistische Bewegung. Theorie und Praxis waren terroristisch gegen Andersdenkende, vor allen die Ausrottung der Juden und auf eine Unterwerfung der Völker Osteuropas ausgerichtet. Dies wurde mit der rassischen Überlegenheit begrĂŒndet.

Die nationalsozialistische Ideologie wurde vom rassistischen Haß gegen die Juden beherrscht. Die Juden, erklĂ€rten die Nationalsozialisten, seien an allen Übel in der Welt, vor allem aber an Kapitalismus und Bolschewismus, Schuld. Hitlers Politik gegenĂŒber den Juden vollzog sich in vier Phasen.

    ZunĂ€chst wurden die Juden allmĂ€hlich aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen (1935) Die NĂŒrnberger Gesetze (1935) definierten die ReichsbĂŒrger und boten die Möglichkeit der Ausschaltung der Juden aus allen öffentlichen ArbeitsverhĂ€ltnissen. Die Ermordung des deutschen Gesandschaftsrates in Paris durch einen Juden gab den Anlass zur "Reichskristallnacht" (9/10 November 1938). Zu Beginn des Jahres 1942 wurde auf der Wannseerkonferenz in Berlin die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen.

Es ist nicht genau erfasst wieviele Menschen diesem Rassenhaß ser NS - Zeit zum Opfer fielen, es wird jedoch angenommen das es zwischen 5 und 7 Millionen waren.

Man spricht bei diesem Vorgehen gegen die Juden auch von der SĂŒndenbockphilosophie. Diese bedeutet eine grĂ¶ĂŸtmögliche Vereinfachung eines Freund - Feind Schemas, was vor allem das SelbstwertgefĂŒhl der Bevölkerung stĂ€rkte und Aggressionen in gewĂŒnschte Richtungen lenkte. Der Antisemitismus war eine Ideologie die vorhandene Aggressionen auf ein Objekt lenkte, welches mit der Ursache nicht mehr zu tun hatte als beliebige andere Objekte. Die Feindgruppen waren daher austauschbar.

2. Weltkrieg (13. September 1939 - 7. Mai 1945)

Die Besetzung Deutschlands durch die alliierten MĂ€chte 1945 hatte ein Verbot der NSDAP und ihrer Organisation, die Aburteilung nationalsozialistischer Kriegsverbrecher und großangelegte Entnazifizierungsverfahren zur Folge.


Literatur zur Zeit des Nationalsozialismus:

Der Nationalsozialismus hat keine nennenswerte Literatur hervorgebracht. Zwischen den beiden Kriegen und auch schon vorher war in Anlehnung an die Literatur der Heimatkunstbewegung eine Literatur entstanden, welche sich ideologisch und poetisch scharf von der modernen Literatur abgrenzte. Diese wurde wĂ€hrend der Zeit des dritten Reichs zur offiziellen und allein akzeptierten Form schriftstellerischer Arbeit. (Litterature engageĂš) Die Literatur wurde in den Dienst der Parteipropaganda gestellt. Es kam zu einem Verbot auslĂ€ndischer Literatur. Am 10 Mai 1933 wurden in Deutschland (1938 auch in Österreich) öffentlich die BĂŒcher von Heinrich Mann und Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Erich KĂ€stner, Bertholt Brecht u.v.a. verbrannt. Das Regime der Nationalsozialisten lehnte diese entartete verjudete Literatur ab. Dem Verbot dieser Literatur folgte die Verfolgung der Autoren selbst.
So wurden z.B. Carl von Ossietzky und Jura Soyfer im KZ ermordet.

Die Literatur des dritten Reiches lies sich unterteilen in Autoren die der VerfĂŒhrungskraft des Nationalsozialismus erlagen und sich seinen Ideologien zuwandte, und solchen die ihn ablehnten, ins Ausland flĂŒchteten oder sich der inneren Emigration zuwandten.
Zu der zugewandten Gruppe zÀhlte der bekannte Lyriker Josef Weinheber. Als die NS - Herrschaft jedoch in einer Katastrophe endete, beging er Selbstmord.


    Volkhafte Dichtung:
    Diese griff auf die Heimatkunst um 1900 zurĂŒck. Sie wurde Blut - und Bodenliteratur genannt. Heldische Dichtung:
    Diese pries wie die Germanen den Kampfgeist ihrer Heroen, oder wie die Weimarer Republik in ihren Kriegsromanen die soldatische Gemeinschaft.




Die Literatur der "Inneren Emigration":

Alle diese Bekenntnis - oder politischen Gebrauchstexte waren aber nicht von literarischem Wert. FĂŒr Autoren die sich der Einvernahmung durch die Nationalsozialisten entziehen wollten, gab es außer der Flucht ins Ausland nur den RĂŒckzug in die innere Emigration. Viele von ihnen versuchten, ihre Kritik in verschlĂŒsselter Form vorzutragen. Sie riskierten dabei jedoch die Umdeutung ihrer Werke im Sinne der nationalsozialistischen Machthaber. Die wertvolle Literatur entstand im verborgenen Untergrund, durfte jedoch nicht veröffentlicht werden.

Vertreter:

Werner BergengrĂŒn "Der Großtyrann und das Gericht"
Ernst JĂŒnger "Auf den Marmorklippen"


Die deutsche Exilliteratur

Nach dem Reichstagsbrand und den BĂŒcherverbrennungen erkannten viele Schriftsteller die Gefahr und flĂŒchteten ins Ausland wo sie arbeiten durften. Zwischen 1933 und 1945 gingen mehr als 300 Schriftsteller und Dichter ins Exil. Wichtige ExillĂ€nder waren Frankreich, die Niederlande, die Tschechoslowakei, die UdSSR, die Schweiz und DĂ€nemark, spĂ€ter auch die USA und Mexiko. Es entstand die Exilliteratur zu deren wichtigsten Vertreter zĂ€hlten:

Klaus Mann
Heinrich Mann
Bertold Brecht "Mutter Courage und ihre Kinder"
"Leben des Galilei"
"Der gute Mensch von Sezuan"


Literatur nach 1945
Man bezeichnet diesen Zeitpunk auch als die " Stunde Null". Die Literatur beschaftigt sich mit dem Nationalsozialismus uns seinen Auswirkungen. Der Verfolgung von Bevölkerungsgruppen dem Krieg und seinen nachtrĂ€glichen Auswirkungen. Die Autoren lassen sich in zwei Generationen einteilen, die zwischen 1900 und 1920 Geborenen, die zum Tieil schon vor dem zweiten Weltkrieg veröffentlicht haben, deren wesentlisches schaffen aber durch die Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit geprĂ€gt ist. Die zweite Gruppe ist die jĂŒngere Generation, deren Geburtsjahrgang nach 1920 liegt, jene "verlorene" Generation sie sie genannt wird, die im dritten Reich und im Kriege aufwuchs und um oder nach 1950 zu schreiben begann.

Als die Schriftsteller aus dem Krieg in ihre zerstörten StĂ€dte heimkehrten und zu schreiben begannen, war das Interesse an ihren BĂŒchern nicht groß. Die Menschen versuchten die Vergangenheit, mit Phrasen von "Pflicht", "Opfer" und von den "GrĂ€ben" die nicht "aufgerissen" werden sollten, zu verdrĂ€ngen. Niemand wollte Anteil genommen haben am Zustandekommen und an den Verbrechen der NS - Diktatur. Auch die Entnazifizierung wurde kaum durchgefĂŒhrt und bald gĂ€nzlich eingestellt.

Es entstand damals eine Literatur, die man nicht selten geringschĂ€tzig TrĂŒmmerliteratur nannte, weil sie TrĂŒmmer beschrieb und der Brandgeruch der Vergangenheit noch ĂŒber ihr lag. Es gab viele denen ein Ausweichen der Literatur in die Idylle lieber gewesen wĂ€re. Dieses Ausweichen fand jedoch vorerst nicht statt. Eine Reihe von Stimmen kamen zu Wort, die aufrichtig und verantwortungsbewußt die Wirklichkeit schilderten, wie sie war. Diejenigen, die schrieben, standen im selben TrĂŒmmeralltag wie diejenigen, die diese ersten schriftstellerischen Zeugnisse lasen. Einer der ersten Sprecher dieser lost generation (verlorenen Generation da sie ihre Jugend verloren hatte) war Wolfgang Borchert.

WOLFGANG BORCHERT (1921 - 1947)
Ab 1941 machte er den Rußlandfeldzug mit, wobei sein Fronteinsatz wiederholt durch Aufenthalte in Lazaretten (Lebererkrankung) und in MilitĂ€rgefĂ€ngnissen (Verdacht auf SelbstverstĂŒmmelung, freimĂŒtige Äußerung ĂŒber das von ihm abgelehnte Regime) unterbrochen wurde. Als der Krieg zu Ende ging floh er aus der Gefangenschaft und machte sich auf den Weg in seine Heimatstadt Hamburg.

Sein Heimkehrerdrama "Draußen vor der TĂŒr. Ein StĂŒck, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" schrieb er im JĂ€nner 1947 innerhalb von acht Tagen nieder.
Es ist eine Geschichte vom elend der +Hungernden und der KriegskrĂŒppel, Heimkehrern und Heimatlosen, von all denen, die der Krieg verwĂŒstet hat. Handlung und Sprache sind in allen sparsam und straff. Er verwendet neue Aussageformen und schildert das Schicksal eines in völliger Vereinzelung gestoßenen Heimkehrers, der "nach Hause kommt und doch nicht nach Hause, weil fĂŒr ihn kein zu Hause mehr da ist". Niemand wird angeklagt und fĂŒr schuldig erklĂ€rt, sondern die menschliche Kreatur in ihrer grenzenlosen Einsamkeit, Verlassenheit und gottferne wird dargestellt. Die gesamte Dichtung ist im Grunde eine szenisch aufgeteilter Monolog, ein Monodrama.

Borchert ist ein Vertreter der TrĂŒmmer - und Kahlschlagliteratur (1945 - 1960) zu der auch Paul Celan und Wolfdietrich Schnurre zĂ€hlten. Er.schrieb in seinem Manifest: "Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. FĂŒr Semikolons haben wir keine Zeit und Harmonien machen uns weich und die Stilleben ĂŒberwĂ€ltigen uns. Nein unser Wörterbuch, das ist nicht schön. Aber dick. Und es stinkt. Bitter wie Pulver. Sauer wie Steppensand. Scharf wie Scheiße. Und laut wie GefechtslĂ€rm".



Die wichtigste literarische Gruppierung der Nachkriegszeit war die "Gruppe 47", die sich 1947 um Hans Werner Richter (geb. 1908) und Alfred Andersch (1914 - 1980) bildete.

Die beiden GrĂŒnder der Gruppe brachten schon in amerikanischer Gefanenschaft die Lagerzeitschrift "Der Ruf" heraus, in dem sie ihre von Nationalsozialismus betrogenen Kameradern fĂŒr die Bildung einer sozialistischen Demokratie in Deutschland gewinnen wollten. Wieder in Deutschland (1946) gaben sie Den Ruf auch in MĂŒnchen heraus. Wegen Kritik an den BesatzungmĂ€chten drohte ihnen jedoch der Lizenzentzug.

Auf den regelmĂ€ĂŸigen Tagungen der Gruppe gelang einer Reihe von spĂ€ter brĂŒhmten Autoren der Durchbruch. (Heinrich Böll, GĂŒnter Grass, Ingeborg Bachmann und Martin Walser) Die Gruppe hatte kein konkretes Programm, forderte aber strenge antinazistische und pazifistische Gesinnung. Sie setzt sich fĂŒr eine moderne Nachkriegsliteratur ein und ist gegen die konservative Kulturpolitik. Als Vorbilder dienten besonders autoren der ehemaligen amerikanischen "lost generation": Hemingway, Steinbeck und Faulkner. Unter ihrem Einfluß entstanden vor allem Reportagen und Kurzgeschichten.



Auch die Texte von Heinrich Böll entsprachen der Vorstellung dieser Gruppe.

HEINRICH BÖLL (1917 - 1985)
Er nimmt von 1939 bis 1945 am Krieg teil. Der Haß auf den Krieg und die heftige Ablehnung von Nazidiktatur und MilitĂ€r ist Böll schon frĂŒh von den Eltern eingeimpft worden. Der Vater erzĂ€hlte seinen Kindern, wie er sich im 1. Weltkrieg als Landsturmmann auf der Fahrt in die Hölle von Verdun mit einer simulierten BlinddarmentzĂŒndung aus dem Zug tragen ließ. Auch der Sohn entfernte sich in den letzten Kriegsmonaten von der Truppe - er erlebte den Zusammenbruch der Wehrmacht als Deserteur. Nach dem Krieg studiert er Germanistik und lebt dann als freier Schriftsteller in Deutschland.

Heinrich Böll teilte mit Wolfgang Borchert die ErschĂŒtterung der Kriegsgeneration; alle Schlachten, die gewonnen und verloren, waren "Gemetzel"; er klagt, dass "fĂŒr die Toten die Blumen nicht mehr blĂŒhen, kein Brot mehr fĂŒr sie gebacken wird, und der Wind nicht mehr fĂŒr sie weht....." FĂŒr Böll war mit dem Ende des Gemetzels der Krieg nicht vorĂŒber. In seiner ersten veröffentlichten ErzĂ€hlung "Die Botschaft" steht: "Da wußte ich, dass der Krieg niemals zu Ende sein wĂŒrde, niemals, solange noch irgendwo eine Wunde blutet, die der Krieg schlug."

Sein"DER ZUG WAR PÜNKTLICH" ist Bölls erste veröffentlichte grĂ¶ĂŸere Prosaarbeit (1949). Typische Elemente der ErzĂ€hlung sind die fatalistischen Todesahnungen eines hochsensiblen jungen Menschen, der weiß, dass es aussichtslos ist, einem vorbestimmten Schicksal zu entrinnen. Sie erzĂ€hlt das erbarmungslose Ausgeliefertsein des einzelnen an das Massenschicksal des Krieges.

Die spÀteren Werke sind eine schonungslose Kritik der ersten Nachkriegsjahre. Er richtet sich gegen die Sattheit und Lauheit all derer, die vergessen können und wollen. Kritisch durchleuchtet er politische und gesellschaftliche Gegebenheiten. Der glÀubige Katholik Böll richtet seine Kritik auch gegen die katholische Kirche. Er war Moralist, dessen Wurzeln in seinem Glauben lagen.

Heinrich BÖLL schreibt in seinem Aufsatz "Bekenntnisse zur TrĂŒmmerliteratur" 1950 :
...Wir haben uns gegen die Bezeichnung "TrĂŒmmerliteratur nicht gewehrt, weil sie zu Recht bestand: tatsĂ€chlich, die Menschen, von denen wir schrieben, lebten in TrĂŒmmern sie kamen aus dem Krieg, MĂ€nner und Frauen in gleichem Maße verletzt, auch Kinder.....Wir schreiben die Wahrheit."

Immer wieder prangert Böll die grausame HĂ€rte und den Wahnsinn des Krieges an, die sinnlose Hinopferung, die man fĂ€lschlicherweise Heldentum nennt. Der Krieg wĂ€chst bei Böll in die Nachkriegszeit hinein. Die Kriegsfolgen sind nicht minder schrecklich als der Krieg selbst. Sie zersetzen die Menschen, stellen alle bisher gĂŒltigen Werte in Frage.


Ein weiterer Autor der sich mit der NS - Zeit beschÀftigt hat war Max Frisch.
MAX FRISCH (1911 - 1991)

Geboren in ZĂŒrich am 15. Mai 1911 als Sohn eines Architekten. Er besuchte das Realgymnasium in ZĂŒrich. Anschließend brach er das Studium der Germanistik ab und arbeitete als freier Journalist. Frisch studiert dann Architektur und eröffnet ein ArchitekturbĂŒro. 1948 kam er in Kontakt mit Bertold Brecht in ZĂŒrich. 1954 löst er das ArchitekturbĂŒro wieder auf und arbeitet als freier Schriftsteller.
In seinem StĂŒck Andorra bezieht er gegen Vorurteile und gegen den Antisemitismus Stellung. 12 Jahre nach der Entstehung der Prosaskizze wurde das StĂŒck 1961 uraufgefĂŒhrt. Der Name des StĂŒckes bezieht sich nicht auf den Zwergstaat, man kann jeden gewĂŒnschten Namen dafĂŒr einsetzen. In "Andorra" wird vor unseren Augen ein Mensch einfach langsam zu Tode gefoltert, systematisch. Die Vorurteile gegenĂŒber Juden (Liebe zum Geld; kein Bezug zum Vaterland - sie kaufen es ja; sie haben kein GemĂŒt) wird in dem StĂŒck auf tragische Weise zur Schau gestellt. Man könnte meinen dem StĂŒck lĂ€ge ein geschichtliches Ereignis zu Grunde.

Ein Junger Mann, fast noch ein JĂŒngling, wird als kleiner Junge in einer Zeit, als es schick war, sich der im Nachbarland BedrĂ€ngten und Verfolgten anzunehmen, als Jude ausgegeben, obwohl er gar keiner ist. Nun behandeln ihn alle als Juden, und er geht daran zu Grunde, zuletzt sein Schicksal bewußt auf sich nehmend. Es wird das KleinbĂŒrgerliche, Provinzielle kritisiert. Andorraner kritisieren nur die Art, wie der Jude getötet wurde. Sie vermissen ihn nicht.
Statt den Juden könnte in diesem StĂŒck auch ein Neger oder ein Chinese oder ein Kommunist oder Irgend jemand innerhalb einer Gruppe, die etwas Besonderes zu sein glaubt, eingesetzt werden. So ist das Werk ein Beispiel dafĂŒr, das der Andere der Schlechte ist und vernichtet werden muss.

Es sind hier nicht nur die Nazis gemeint, sondern es ist eine allgemeine Kritik.

Andorra = Modell fĂŒr etwas das immer und ĂŒberall passieren kann.


In den achziger Jahren entstand eine Vielfalt von literarischen Auseinandersetzungen die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit beschĂ€ftigen. Ein Literat ist Erich Hackl der mit seiner ErzĂ€hlung "Abschied von Sidonie" (1989) die Vergangenheit in wieder gegenwĂ€rtig macht. Das StĂŒck handelt

Siehe Sidonie Anhang

Hackl erzÀhlt den authentischen Fall schlicht,wie eine Kalendergeschichte, und erzeugt damit eine Heilsame wurt gegen Denuntiantentum.

Noch ein StĂŒck der Neuzeit ist der erste Roman von Elisabeth Reichart.
"Februarschatten" (1984).
Der historische Hintergrund fĂŒr diesen Roman ist die MĂŒhlviertler Hasenjagd, welche auf die in der Nacht zum 2. Februar 1945 entflohenen 500 russuschen HĂ€ftlinge, hauptsĂ€chlich Offiziere aus dem KZ Mauthausen veranstaltet wurde von denen nur 17 entkamen. Der Rest wurde grausam niedergemetzelt.

Der Roman behandelt die Lebensgeschichte zwischen Mutter und Tochter

Siehe Februarschatten Anhang

Die Verfilmung zu diesem Roman lieferte Andreas Gruber.
"MĂŒhlviertler Hasenjagd" oder "Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen"



Eine der bekanntesten Verfilmungen eines BĂŒhnenstĂŒcks ist "der Bockerer" von Ullrich Becher und Peter Preses. Sie Zeigt die Lebensgeschichte eines wiener Fleischers zur Zeit des Nationalsozialismus.

Karl Bockerer versucht trotz der nazionalsozialistischen UmwĂ€lzungen an seinen alteingesessenen Wertvorstellungen in liebenswerter NaivitĂ€t festzuhaltn. Das seine heile Welt durch das Regime auseinanderbricht und zerstört wird, kann er nicht verstehen. Sein Verhalten Ă€hndelt einer Gratwanderung welcher er sich nicht bewußt ist.


50 Jahre nach Kriegsende ist dieses Thema aktueller den je.



Materialverzeichnis:
24. Juni 1995

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Literaturverzeichnis
24. Juni 1995

Verzeichnis der SekundÀrliteratur
24. Juni 1995

Register
24. Juni 1995



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