Im Westen nichts Neues

Erich Maria Remarque
"Im Westen nichts Neues"
Inhaltsverzeichnis

1. Inhalte
1.1. Die Darstellung der Thematik
1.2. Skizze des Inhaltes

2. Stilistik
2.1. Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung des Werkes insgesamt
2.2. Die detaillierte sprachliche Analyse einer typischen Passage
2.3. Die Frage nach der Angemessenheit der sprachlichen Mittel (gemessen an der Thematik /
am Inhalt)

3. Biographische Bezüge
3.1. Die Biographie des Autors
3.2. Die Stellung des Werkes in der Vita des Autors

4. Bewertung
4.1.1. Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall oder wird mit dem Besonderen (Individuellen)
auch Allgemeines (Gesellschaftliches) erfaßt ?
4.1.2. Gelingt über die gewählten Inhalte die Kontaktaufnahme zur Leserin / zum Leser ?
4.2. Die Bedeutung der Stilistik für die Rezipienten: "lesbar" oder nicht ?

5. Skizze eines produktorientierten Interpretationsansatzes

6. Zusammenfassende Darstellung der Rezeptionsgeschichte

7. Zusammenfassendes Urteil (" Leseempfehlung")

1.Inhalte
1.1 Die Darstellung der Thematik :
Die zentralen Themenbereiche des Romans werden schon im Motto direkt oder indirekt genannt:
1. : 1. Weltkrieg
2. : die vom Krieg zerstörte Generation
3. : Leben und Ãœberleben im Krieg.
"Die Tatsache des Krieges ist von Beginn des Romans an bis zu seinem Schluß als Faktum und alles beherrschende Wirklichkeit vorausgesetzt, weder Kriegsausbruch noch Kriegsende werden in die Darstellung einbezogen, nur in verschwindend geringen Andeutungen überhaupt reflektiert. Es wird also zu untersuchen sein, wie die Wirklichkeit und welche Wirklichkeit des Krieges in der literariscchen Reproduktion gestaltet wird und welche Bewertung der Krieg damit erfährt."[1]
Die beiden anderen Themenkomplexe hängen innerlich zusammen, sie führen die Auswirkungen des Krieges auf die Kriegsteilnehmer und deren Reaktionen anhand der Frontgruppe der acht Kameraden vor, als deren repräsentativer Sprecher Paul Bäumer fungiert. Hierbei kommt Bäumer jedoch eine Doppelfunktion zu: als einer der vier Schüler einer Klasse gehört er zu der vom Krieg zerstörten Generation und hat deren Schicksal zu artikulieren; als Mitglied der gesamten Frontgruppe hat er zugleich die Formen und Techniken des Lebens und Überlebens im Krieg vorzustellen. Hieraus ergibt sich die fundamentale Spannung des Romans insofern, als er den Zustand der Zerstörung zugleich und vermischt mit den Vorgängen des Überlebenwollens darzustellen versucht. Während das Thema der inneren Zerstörung retadierenden Charakter hat, d. h. sich hauptsächlich in Form von Reflektionen, Erinnerungen und Klagen der Betroffenen entfaltet und die völlige Negativität der durch den Krieg geschaffenen Lebensform betont, bringen die Überlebensvorgänge Bewegung und Veränderung in den Handlungsablauf und müssen als zur Lebenserhaltung dienenden Vorgänge doch auch positiv bewertet werden. Diese beiden Themen stehen also in Konkurrenz zueinander und verlangen häufig, am deutlichsten sichtbar etwa hinsichtlich der Etappenszenen, eine unterschiedliche Bewertung ein und derselben Handlungselemente was dem Roman im Ganzem eine Mehrdeutigkeit und Unentschiedenheit gibt, die sich unter anderem auch in der höchst widersprüchlichen Rezeption niedergeschlagen hat.
1.2 Skizze des Inhalts :
In Erich Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues" werden tagebuchartig die Erlebnisse Paul Bäumers in den Kriegsjahren 1916 - 1918 geschildert. Paul Bäumer besucht die Oberprima eines Gymnasiums. Auf Drängen seines Klassenlehrers Kantorek meldet sich der gesamte Jahrgang zu den Kriegsfreiwilligen. An der Front trifft Paul den Mann, der während der kommenden Kriegszeit sein bester Freund werden soll: Stanislaus Katczinsky (Kat), einen einfachen Mann Anfang vierzig. Er hat aufgrund seiner Erfahrung einiges zu melden und wird auch anerkannt. Ebenfalls in der gleichen Kompanie dienen der Schlosser Tjaden, Haie Westhus, ein Torfstecher und Detering, ein Bauer.
Kemmerich, ein Kamerad aus Pauls Klasse, ist der zweite, den es "erwischt". Er erleidet einen Oberschenkeldurchschuß. Deshalb wird ihm das Bein amputiert. Man sieht, dass er bald sterben muss. Müller denkt trotz all der Trauer an Kemmerichs Stiefel. Paul besticht einen Sanitäter mit Zigaretten, um ihn zu bewegen, dass er Kemmerich Morphium gibt. Am nächsten Tag stirb Kemmerich.
Die Kompanie macht sich auf den Rückzug zu den Baracken. Als sie während des Marschs wieder beschossen werden, sucht die Gruppe Deckung auf einem alten Friedhof. Paul legt sich unter einen Sarg. Einige Zeit nach ihrer "Heimkunft" erreicht sie die Nachricht, dass Himmelstoß an ihren Frontabschnitt gekommen sei. Sie wissen alle, außer Kat, der ja eine Familie hat, nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Die Stimmung ist angespannt. Man hört allerlei Gerüchte, dass auf der anderen Seite ununterbrochen Nachschub anrollt und eine große Offensive geplant sei. In der Nacht werden die Unterstände mit schwerer Artillerie beschossen
Eines Vormittags sehen die Soldaten mitten in Angst, Leid, zwischen Bombentrichtern und Toten einen Hoffnungsschimmer: Zwei Schmetterling fliegen inmitten des ganzen Elends und lassen sich auf einem Totenschädel nieder. Die 2. Kompanie bekommt immer wieder Verstärkung, um die Verluste auszugleichen, meist junge Rekruten, die beim nächsten Angriff niedergeschossen werden. Paul, Kat, Kropp und andere erfahrene Veteranen versuchen, den jungen Kerlen ihre Erfahrung und Kenntnisse weiterzugeben. Meist jedoch ohne Erfolg.
Die Soldaten sind auch in diesem ganzen Leid Männer geblieben. Als Leer, Tjaden, Paul und Albert baden, sehen sie am anderen Ufer 3 junge Französinnen. Sie verabreden mit ihnen, dass sie des Nachts zu ihnen mit Brot herüberkommen. Weil es nur 3 Frauen sind, machen Paul, Leer und Albert ihren Kameraden Tjaden so betrunken, dass er die Frauen vergißt. Darauf nehmen die 3 Männer etliche Speisen und schwimmen über den Fluß zum anderen Ufer, wo die Frauen warten. Die Französinnen geben den Dreien trockene Kleider und bitten sie ins Haus. Die Frauen sind über die Lebensmittel hoch erfreut und nach ein wenig sinnlosem "Geplapper" werden sie intim. Nach diesem Abenteuer verabschieden sich die Männer und verschwinden wieder in ihre Quartiere. Paul bekommt Heimaturlaub mit einem abschließenden Abstecher ins Heidelager. Auf der Bahnfahrt werden, als er die vertraute Umgebung erblickt, alte Erinnerungen wach. Seine Mutter bricht, als er kommt, in Freudentränen aus. Sie opfert für ihn ihre letzten Leckerbissen, die sie sich vom Mund abgespart hat. Paul sieht all die bekannten Dinge, die er mit Kindheit und Jugenderinnerung verbindet. Trotzdem ist sein Zuhause nicht mehr dasselbe. Er ist ein anderer geworden, die Heimat erscheint ihm unwirklich. Paul erfährt, dass seine Mutter Krebs hat. Am Nachmittag macht er sich auf zum Bezirkskommando, um sich dort anzumelden. Als er gedankenversunken an einem Major vorbeigeht, ohne ihn zu grüßen, wird er erstmal von ihm heftig gerügt. Nach diesem Erlebnis zieht er lieber seinen Zivilanzug an und geht in die nächste Kneipe. Doch auch dort hat er keine Ruhe. Sämtliche Bekannte fragen ihn nach dem Krieg und seinen Erlebnissen an der Front. Er hat jedoch Angst, diese in Worte zu fassen, weil er fürchtet, dann von ihnen überrollt zu werden. Ihm hängen diese ganzen Leute zum Hals heraus, die ihm auf die Schulterklopfen und Sprüche reißen über den "ach so tollen Krieg". Paul zieht sich deshalb in sein Zimmer zurück und denkt an die Kameraden, die auch jetzt, wo er erst mal in Sicherheit ist, täglich ihr Leben aufs Spiel setzen. Er verbringt die meiste Zeit zu Hause, wo er in alter Erinnerung schwelgt und immer wieder die Sachen, die ihm einmal etwas bedeuteten (wie zum Beispiel seine Büchersammlung), ansieht.
Eines Tages geht er zu seinem ehemaligen Klassenkameraden Mittelstaedt in die Kaserne, wo dieser ihm erzählt, dass ihr alter Klassenlehrer Kantorek als Landsturmmann eingezogen worden ist. Mittelstaedt schikaniert diesen, wo er nur kann und rächt sich somit für die Schulzeit und das Verderben, in da Kantorek alle mit seiner Kriegsverherrlichung geschickt hat. Paul geht schließlich zu Kemmerichs Mutter, die total verzweifelt ist über den Tod ihres Sohnes. Sie fragt ihn, wie er gestorben sei. Paul lügt und erzählt ihr, dass es kurz und schmerzlos gewesen sie. Nach seinem Urlaub macht Paul vier Wochen Dienst an den Baracken im Heidelager. Neben den Baracken befindet sich ein zweites Lager, in dem russische Kriegsgefangene untergebracht sind. Den Russen dort geht es noch viel schlechter als den Deutschen. Abends schleichen sie sich aus dem Lager und durchwühlen die Mülltonnen nach etwas Eßbarem. Die Kriegsgefangenen tun Paul leid. Paul begreift die Sinnlosigkeit des Krieges, als er diese armen Menschen sieht. Die Nationen könnten Freunde sein und müssen nur wegen irgendeines blödsinnigen Befehls aufeinander schießen. Als Pauls Vater und seine Schwester ihn im Lager besuchen kommen, erfährt er, dass seine Mutter ins Krankenhaus gekommen ist und es nicht mehr verlassen wird.
Paul kommt wieder zurück an die Front. Überall hört er schlechte Nachrichten. Dann findet er endlich zu seiner Kompanie und trifft auch seine alten Kameraden Kat, Kropp und Tjaden. Im Lager herrscht große Aufregung. Der Kaiser soll persönlich zu einer Parade kommen, heißt es. Alle Soldaten werden neu ausgestattet, und es wird sehr auf Hygiene geachtet.
Das Kommen des Kaisers wird für viele zur Enttäuschung. Er ist keine so imposante Erscheinung, wie sie gedacht hatten. Nach der Parade müssen die neuen Uniformen wieder abgegeben werden. Auf dem Weg zur Front kommt die Kompanie durch einen Wald, in dem Minen eingeschlagen sind. Überall Tote und Teile von ihnen herum. Paul meldet sich zu einer Patrouille, um die gegnerischen Stellungen auszuspionieren. Während seiner Mission verliert er zwischen den Fronten die Orientierung. Zu allem Übel starten die Franzosen auch noch eine Offensive. Paul sucht in einem Bombentrichter Deckung, als die ersten Feinde kommen. Paul stellt sich tot. Sie springen über ihn hinweg. Die Franzosen können jedoch nicht durchbrechen und flüchten zurück in ihre Stellungen. Auf der Suche nach Deckung springt ein Franzose zu Paul in den Trichter. Paul sticht den Feind ohne zu überlegen nieder. Allerdings lebt der andere noch. Paul bringt es nicht übers Herz ihn zu töten. Es ist das erste Mal, dass er sieht, was für ein Leid er doch angerichtet hat. Er beginnt den Feind als Menschen zu sehen und bekommt ihm und seiner Familie gegenüber Schuldgefühle. Paul versucht dem Mann das bißchen Leben, das ihm noch bleibt, so angenehm wie möglich zu machen. Das Artilleriefeuer liegt immer noch zwischen den Gräben, so dass Paul im Trichter ausharren muss. Ihn plagen immer mehr Schuldgefühle. Er notiert sich den Namen des Mannes aus dem Soldbuch. Aber jetzt kennt er den Namen seines Opfers.
Paul, Kat, Albert, Tjaden, Müller, Leer und Detering müssen ein Dorf bewachen, das geräumt worden ist. Aus dem Proviantamt holen sie sich Lebensmittel, die sie dann zu einem herrlichen Festmahl zubereiten. Am nächsten Tag packen sie sich noch ein paar Delikatessen aus dem Proviantamt zusammen und ziehen ab, das Dorf, das jetzt unter heftigem Feuer liegt, zurücklassend. Unterwegs wird der Munitionstransport auf dem sie mitfahren, beschossen. Albert wird am Knie getroffen. Auch Pauls Bein ist verletzt. Die beiden stützen sich gegenseitig und retten sich zunächst in den Unterstand. Dort nimmt sie ein Sanitätswagen mit ins nächste Lazarett. Paul besticht den Sanitätsfeldwebel, um mit Albert in das selbe Abteil des Lazarettzuges zu kommen. Albert hat Fieber und ist deshalb nicht mehr transportfähig. Um nicht von seinem Kameraden getrennt zu werden, simuliert auch Paul erhöhte Temperatur. Beide werden an der nächsten Station ausgeladen und zu einem katholischen Krankenhaus gebracht.
Viele Verletzte, die anfangs im Zimmer von Paul lagen, sterben und machen so die Betten für neue Kriegsgeschädigte frei. Alberts Bein wird amputiert und der Stumpf heilt gut. Paul kann sogar wieder gehen. Nach einem kurzen Erholungsurlaub zu Hause, wird Paul wieder an die Front gerufen, Detering desertiert, wird auf der Flucht gefaßt und vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Auch Müller stirbt während eines Gefechts unter großen Schmerzen.
Nun bekommt Paul die Stiefel, die einstmals Kemmerich gehörten. Als Reserve kommen nur noch junge Rekruten, die noch keine Ahnung vom Krieg haben. Der Kriegssommer 1918 ist für Paul der blutigste überhaupt. Während Kat Essen holt, wird er am Schienbein getroffen. Er kann nicht mehr allein laufen. Deshalb trägt ihn Paul zu nächsten Sanitätsstation. Unterwegs wird Kat von einem umherfliegenden Granatsplitter tödlich getroffen und lebt nicht mehr, als Paul mit ihm an der Station ankommt. Im Spätsommer sind Gerüchte über einen Waffenstillstand im Umlauf. Paul erlebt diesen nicht mehr. Er stirbt "im Oktober 1918, an einem Tag, der so ruhig und still war an der Front, dass der Heeresbericht sich nur auf einen Satz beschränkte, "im Westen sei nichts Neues zu melden." (Die guten Schnürstiefel Kemmerichs wird nun Tjaden bekommen haben, und wer weiß, wer noch.) [2]
2. Stilistik
2.1 Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung des Werkes insgesamt
Remarques Roman erhält seine Besonderheit u. a. durch die deutlich hervortretenden Kontraste, die den Romanaufbau, das Romanpersonal, die zugrundeliegenden Themen und auch seine sprachlich - stilistischen Ebenen durchziehen. Nur einmal, dies an entscheidener Stelle ("Er fiel im Oktober 1918...") wird der Ich - Erzähler vom Erzähler in der 3. Person abgelöst: der Autor 'bezeugt' den Tod Bäumers. Bis zu dieser Stelle schildert der Ich - Erzähler Franz Bäumer über den gesamten Roman hinweg seine eigenen Erlebnisse, Beobachtungen und Empfindungen. Dies geschieht in subjektiver Ausschnitthaftigkeit, bedingt durch die Situation und Rolle des Erzählers, jedoch in beeindruckender Totalität. Durch diese Erzähltechnik nimmt der Roman über weite Phasen impressionistische Züge an.
"Im Westen nichts Neues" ist ein Kriegsepos und als solches den Traditionen der Gattung verpflichtet. Remarque lässt seine Helden nacheinander auftreten und stattet sie mit klar abgegrenzten Wesensmerkmalen und Charakterzügen aus. Ein ganzes Panorama an Gestalten und Ereignissen zieht an den Augen des Lesers vorbei. Angesichts der Gewalt der Ereignisse und des vielfachen Todes sind die jungen Soldaten nahe daran, sich selbst aufzugeben und auch sprachlich in die Barbarei zurückzufallen. Ihr Landser - Jargon ist 'abgebrüht', lässig, weitesgehend unsentimental. Der Blindheit des Schicksals können sie nur ihr Aufeinander - eigeschworen - Sein entgegenstemmen, das stellenweise fast zärtlich - vertraut wird. Sie wollen und können sich einen Rest von menschlicher Würde bewahren.
"An den rasch wechselnden Tonlagen ist die jeweilige Stimmung, die momentane Befindlichkeit abzulesen. Remarque bedient sich dabei unterschiedlicher stilistischer Mittel. Er setzt sie differenziert, sehr natürlich und souverän ein, ganz so, wie wir sie in seinen späteren Romanen auch finden: Da sind humoristische Wendungen und ironische Distanzierungen, bildhafte Ausdrücke und Personifizierungen, Vergleiche und Metaphern, Parallelen und Antizipationen."[3] Die Verwendung von Symbolen ist eher sparsam zu nennen. Dort, wo sie vorkommen, sind sie jedoch sehr eindringlich, weil sie schlicht, eben, wie aus dem Leben gegriffen'sind: die Stiefel, die von einem zum anderen wandern (und mit ihnen der Tod); die Schmetterlinge; Frauen - sie bilden so etwas wie Gegenpole in der Welt des Chaos und des Untergangs. An einem Beispiel sei das verdeutlicht: "Einen ganzen Vormittag spielen zwei Schmetterlinge vor unserem Graben. Es sind Zitronenfalter, ihren gelben Flügel haben rote Punkte. Was mag sie nur hierher verschlagen haben; weit und breit ist keine Pflanze und keine Blume. Sie ruhen sich auf den Zähnen eines Schädels aus..." (S. 120 ).
Auch wenn die "roten Punkte" wie Einschusslöcher anmuten, aus denen Blut tropft, und der Totenschädel das ewig nahe Sterben signalisiert: noch ist Paul Bäumer auf der Seite der Lebenden und mit ihm ein Teil seiner Kameraden, obwohl sie längst nicht mehr so sorglos sind wie etwa die jubilierenden Lerchen, die jeden Morgen "zwischen der Front" aufsteigen. - Ungezählte fallen täglich. Insgesamt stellt sich auch sprachlich der Roman "Im Westen nichts Neues" als ein beeindruckendes Werk dar, ohne jede Allüre und Prätention geschrieben. Die Wirkung, die auch heute noch, 70 Jahre nach seinem Erscheinen, von ihm ausgeht, scheint ein hinreichender Beleg nicht allein für das Interesse der Leserschaft an einer spannenden Thematik zu sein.

2.2 Die detaillierte sprachliche Analyse einer typischen Passage
Remarque beschränkt sich im wesentlichen auf die Gestaltung von "Standardsituationen", d. h. eine Reihe typischer Situationen, die in gleicher oder ähnlicher Weise fast alle ehemaligen Frontsoldaten erlebt haben und die in ihrer Gesamtheit das Erlebnismuster "Soldat im Krieg" ausmachen. So lassen sich mühelos einzelne Erzählsequenzen unter knappen Titeln zusammenfassen wie: "Essensausgabe", "Trommelfeuer", "Gasangriff", "Urlaub", "Wachtposten", "Patrouille", "Besuch eines Kameraden im Feldlazarett", "Ratten", "Latrine" usw.
Beispiel: Besuch eines Freundes im Feldlazarett (siehe Anhang).
In der Passage, wie auch im ganzen Roman, fehlen konkrete historische Daten so gut wie ganz, und mangelnde Orts - und Zeitangaben machen eine selbst ungefähre Lokalisierung der dargestellten Geschehnisse unmöglich. Erst am Schluß des Romans werden Jahreszahlen erwähnt.[4] Es ist eher ein subjektiver Erlebnisbericht. Das erste Wort des Romans lautet "wir", und an diesem "wir" hält der Ich - Erzähler bis zum Schluß fest, wodurch ihm die repräsentative Funktion zufällt, nicht über ein nur individuelles Schicksal zu berichten, sondern für eine Gruppe zu sprechen ("Wir reden noch einiges..."). Die Ich - Erzählung dient als Wiedergabe unmittelbaren Erlebens. Außerdem erwähnt der Erzähler die Namen von Kameraden, ohne sie zu charakterisieren. "Remarque verzichtet weitgehend auf eine Individualisierung seiner Gestalten, statt dessen erreicht er durch Typisierung eine gewisse Differenzierung der Gruppenmitglieder, indem er an jeder Person einen Charakterzug oder ein schmales Bündel von Eigenschaften herausstellt, auf die er leitmotivisch immer wieder anspielt."[5] Außerdem verwendet er eine einfache und unliterarische Sprache (s. 2.3.). Die Stiefel verwendet Remarque als Symbol. Sie wandern immer weiter - und mit ihnen auch der Tod.
2.3 Angemessenheit der sprachlichen Mittel
Die Verbindung von Subjektivität und Allgemeingültigkeit des Textes lässt sich unter anderem unter dem Aspekt der Erzählerolle Bäumers darstellen. So bedient Remarque sich über weite Strecken des Romans einer betont einfachen unliterarischen Sprache. Nicht nur in den Dialogen, auch im Erzähltext versucht der Autor die normale, gesprochene Sprache mit ihren Floskeln, Leerformeln und blassen Wendungen, aber auch ihren z. T. recht drastischen Ausdrücken und Vergleichen nachzubilden: "das schafft", er "bietet das Essen direkt an", "leerkriegen", "bis zum Rand gestrichen voll", "wir rücken dem Kerl auf den Leib", "es hätte bestimmt Kleinholz gegeben". Remarque will gerade den gewählten Ton und die gepflegte Sprache der Literatur vermeiden, will nicht literarisch sein, sondern nur gebräuchliche, aber im allgemeinen nicht literaturfähige Wendungen reproduzieren. Außerdem ist der Text durchsetzt des Soldatenjargons wie: "Langrohr und dicke Brocken", "Küchenkarl", "Gulaschmarie", "Bouillonkeller" usw. Dies aus Umgangssprache und Jargon abgestimmte Niveau der Remaqueschen Diktion weist den Erzähler als einen einfachen Soldaten aus, der wie alle oder doch die Mehrzahl der Frontsoldaten spricht und somit ehrlich und nicht durch literarische Ambitionen geleitet das Geschehen ungeglättet und wirklichkeitsgetreu wiedergibt.
3.1 Die Biographie des Autors:
Erich Maria Remarque (Paul Remark)
Geburtstag: 22.06.1898
Geburtsort: Osnabrück
Geburtsland: Deutschland
Todestag: 25.09.1970 in Locarno
Erich Maria Remarque gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Roman - Autoren unseres Jahrhunderts. Seine Bücher erreichten Millionenauflagen und wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt. Seinen Weltruhm begründete er mit der fiktiven Aufbearbeitung seiner Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, dem Bestseller "Im Westen nichts Neues". In nur wenigen Monaten erreichte dieses 1929 erschienene Buch riesige Auflagen.
Keinem anderem deutschen Roman gelang es, solche Verkaufszahlen zu erringen. Die erschütternde Geschichte wurde bereits 1930 von Lewis Milestone und 50 Jahre später von Delbert Mann verfilmt. Der bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannte Autor wurde über Nacht einer der meistdiskutierten und umstrittenen Schriftsteller der späten Weimarer Republik. Vor allem nationalistische und rechtsradikale Parteien machten sein Antikriegsbuch zu einem öffentlichen Thema. Seine Jugend verbrachte Remarque im norddeutschen Osnabrück wo er mit seinen Schwestern Erna und Elfriede aufwuchs. Schon früh wurde Remarque mit Büchern konfrontiert, denn sein Vater Peter Franz Remark übte das Handwerk des Buchbinders aus.
Nach seiner Schulzeit besucht Remarque das katholische Lehrerseminar und veröffentlicht im Juni 1916 mit "Aus der Heimat" eine erste Geschichte im Osnabrücker "Heimatfreund". Im November wird er zur Armee einberufen, ein halbes Jahr später hat er einen Einsatz an der Westfront. Am 31. Juli 1917 wird Remarque durch einen Granatsplitter verwundet und liegt deshalb bis November 1918 in einem Lazarett in Duisburg. Seit 1918 schreibt Remarque Gedichte, Kurzgeschichten und Reiseskizzen, ab 1919 setzt er seine Lehrerausbildung fort. 1920 erscheint sein Künstlerroman "Die Traumbude", zwei Jahre später verlässt Remarque Osnabrück und geht als Werbetexter Redaktuer zu den Continental - Gummiwerken nach Hannover. 1924 zieht es Remarque nach Berlin, dort arbeitet er für "Sport im Bild" und eine Vielzahl weiterer Zeitungen. 1925 heiratet er seine erste Frau Ilse Jutta Zambona, von der er sich allerdings schon 1930 wieder scheiden lasst. Und dann erscheint der Roman, der ihn weltberühmt macht: "Im Westen nichts Neues". Und als die Verfilmung von Lewis Milestone am 4.12.1930 in Berlin Premiere feiert, kommt es zu ersten massiven Störungen durch nationalistische SA - Schläger unter der Leitung des späteren Reichspropagandaministers Josef Göbbels.
Für Remarque ist dies das Zeichen, Deutschland zu verlassen, 1931 kauft er am Lago Maggiore die "Casa Monte Tabor" in Porto Ronco/Tessin. Der Schriftsteller sollte mit seiner Entscheidung Recht behalten haben: Am 10.Mai 1933 werden seine in Berlin öffentlich verbrannt.
Nach längeren Reisen in Frankreich, Österreich und Italien erscheint 1938 sein Roman "Drei Kameraden". Als Remarque im Sommer 1938 aus dem deutschen Reich ausgebürgert wird, geht er knapp ein Jahr später - inzwischen ist er das 2. Mal mit Ilse Jutta Zambona verheiratet - in die USA ins Exil. Bis einschließlich 1943 lebt er in Los Angeles, danach in New York. In dieser Zeit erscheint auch sein Roman "Liebe deinen Nächsten"(1941). Kurz nach dem Wohnsitzwechsel nach N. Y. erhält Remarque eine schreckliche Nachricht: Seine Schwester Elfriede wird am 16.12.1943 wegen "Wehrkraftzersetzung" von Volksgerichtshof - Präsident Freisler zum Tode verurteilt und in Berlin - Plötzensee hingerichtet. Für ihn auch ein Grund, 1944 eine Schrift über die Möglichkeiten und Methoden der politischen Erziehung der Deutschen nach dem Zusammenbruch des Faschismus für den Amerikanischen Geheimdienst zu schreiben("Practical Educational Work in Germany after the War"). Ein Jahr später erscheint der Roman "Arc de Triomphe", die Geschichte eines emigrierten deutschen Chirurgen in Paris der sich in seinem Leben auf nichts mehr einlassen will, schließlich aber doch der Liebe erliegt. Das Buch wurde Remarques größter Erfolg nach "Im Westen nichts Neues" und wurde 1948 von Lewis Milestone verfilmt.
1947 erwirbt der Schriftsteller die US - Staatsbürgerschaft und kehrt 1948 nach Europa zurück. Doch er ist heimatlos, pendelt zwischen Porto Ronco und N.Y. hin und her. 1952 dann erscheint sein KZ - Roman "Der Funke Leben", 1954 folgt "Zeit zu leben, Zeit zu sterben". Im gleichen Jahr stirbt Remarques Vater, zur Beerdigung kehrt er nach Osnabrück zurück. Anfang 1955 reist Remarque nach Wien, wo er die Dreharbeiten zu Georg Wilhelm Pabsts "Der letzte Akt " beobachtet, denn Pabst inszeniert nach seinem Drehbuch. Im drauffolgendem Jahr erscheint sein nächster Roman "Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend".
1957 reist Remarque nach Berlin, denn dort dreht Douglas Sierk nach seinem Drehbuchentwurf von ihm "Zeit zu leben,Zeit zu sterben", in dem er auch eine Nebenrolle spielt. Inzwischen ist der Schriftsteller das 2. Mal von seiner Frau I. J. Zambona geschieden und heiratet am 25.2.'58 die US - Schauspielerin und Ex - Chaplin - Ehefrau Paulette Goddard. Drei Jahre später erscheint sein Roman "Der Himmel kennt keine Günstlinge" und '63 "Die Nacht von Lissabon". Es soll seine letzte Veröffentlichung bleiben, erst nach seinem Tod bringt Paulette Goddard - Remarque den Roman "Schatten im Paradies" heraus. Seine letzte Ruhe fand Erich Maria Remarque auf dem Bergfriedhof in Ronco.[6]
3.2 Die Stellung des Werkes in der Vita des Autors
"Mit dem Roman "Im Westen nichts Neues" befreite sich E. M. Remarque im Jahr 1928 von den stets verdrängten, in seinem Innern aber unablässig wach gebliebenen Schrecken der Fronterlebnisse. In dem Roman verdichtete Remarque sein ganzes Denken und Fühlen gegen den Krieg das Buch geriet zu einem sensationellen Bestseller, zu dem Antikriegsroman überhaupt. Remarque hatte sein Thema gefunden; über Nacht waren Buch und Autor weltbekannt."IM WESTEN NICHTS NEUES" wurde Remarques Schicksalsbuch. Nicht allein ,weil schlagartig der Schriftsteller Remarque befreit war; auch nicht, weil das Buch, millionenfach verkauft - ihn zu einem wohlhabendem Mann machte: aber an diesem Roman wurde Remarque mit seinem gesamten weiteren Schaffen gemessen und, weitaus existentieller, das Buch trug ihm den Hass der Nazis ein, die fortan verhetzten, verfolgten und nun vier Jahre später als 'entarnten Künstler' auf ihren Index setzten. Seine Bücher wurden verbrannt. Es mag grotesk anmuten, wenn man sich vergegenwärtigt, dass knapp 25 Jahre später ein anderes Buch des Autors "Der Funke Leben", ebenfalls aus politischen Gründen (freilich ganz anders motiviert) in der Bundesrepublik Deutschland gleichermaßen unwillkommen war."[7]
4. Bewertungen
4.1 Die Bedeutung der Inhalte für das Leserpublikum
4.1.1 Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall oder wird mit dem Besonderen (Individuellen) auch Allgemeines (Gesellschaftliches) erfaßt ?
Zwischen 1917 und 1930, aber auch in den Jahren vor Beginn des 1. Weltkrieges, entstanden zahlreiche Gedichte, Dramen, Erzählungen und Romane, in denen sich (deutschsprachige) Autoren mit dem Schrecken des Krieges auseinandersetzen. Remarques "Im Westen nichts Neues" zählt dabei zu den Büchern, die - zehn Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieg veröffentlicht - dieses Thema noch einmal sehr spät aufgriffen. Eigentlich hatte die Öffentlichkeit das Interesse an diesem Thema längst verloren. Eine neue Epoche war heraufgezogen, die der "Weimarer Republik". Sie neigte sich sogar schon wieder ihrem Ende zu, als Remarques Roman erschien. Deutschland stand vor einem schroffen Wechsel der Verhältnisse: und es würde nicht mehr als vier Jahre dauern, bis Adolf Hitler die Geschicke Deutschlands bestimmen würde. Gewiss, es war eine bewegte Zeit, aber der Krieg schien in weite Ferne zu sein.
"Die weitaus größte Anzahl von Texten zum Thema "Krieg" entstand in den Jahren zwischen 1914 und '19, der Epoche des Expressionismus". In ihr lassen sich grob vier Tendenzen beschreiben, die einander ablösten oder ineinander übergingen:
a) schonungslose Kritik an den Machtspielen Deutschlands;
b) Appell und Aufschwung zu einem "Sozialismus der Herzen";
c) realistisch gezeichnete Schreckensbilder des Krieges;
d) Aufrufe zur Revolution; scharfe Anti - Kriegsliteratur.
Zunächst überwogen Gedichte und Dramen. Namen wie Ernst Barlach, Georg Kaiser, Else Lasker - Schüler, Georg Trakl oder Franz von Unruh und Franz Werfel waren die Namen der Zeit. Bald jedoch wurde das Thema in allen literarischen und außerliterarischen Genres vorgetragen - in Erzählungen, Romanen, Flugblättern und Pamphleten."[8]
Nach 1919 wandte man sich auch anderen Themen und Problemen zu (u.a. der Russischen Oktoberrevolution des Jahres 1917); dennoch wirkte der 1. Weltkrieg stark nach. Allmählich drängte dabei die erzählende Literatur alle übrigen literarischen Ausdrucksformen zurück.
4.1.2 Gelingt über die gewählten Inhalte die Kontaktaufnahme zur Leserin / zum Leser ?
Die Kontaktaufnahme zum Leser/ zur Leserin gelingt, da der Roman sehr aufwendig geschrieben ist und es über den gesamten Text eine Steigerung gibt und ein Höhepunkt auf den anderen folgt. Der Roman ist außerdem ziemlich packend geschrieben und man selber einbezogen wird, da der Text wie ein Tagebuch geschrieben ist. Man ist von dem Buch so gepackt, dass man es eigentlich gar nicht mehr weglegen will, sondern es am liebsten direkt ganz durchlesen will. Es ist außerdem eine Thematik, die eigentlich jeden anspricht.
4.2. DIE BEDEUTUNG DER STILISTIK FüR DIE REZIPIENTEN: "LESBAR" ODER NICHT ?
Obwohl Remarque sich hauptsächlich auf die Darstellung von Standardsituationen beschränkt wiederholt er sich nicht. Er gliedert deutlich und setzt Akzente. Auf diese Weise hat Remarque es verstanden, ein äußerst facettenreiches und viele Aspekte umfassendes Bild des Krieges darzustellen. Remarque verwendet die stilistischen Mittel angemessen, und auch beispielsweise die Sprache ist für jeden verständlich.
5. SKIZZE EINES PRODUKTORIENRIERTEN INTERPRETATIONSANSATZES

Der politisch - soziale Hintergrund der Entstehungszeit des Romans

Zur adäquaten Deutung der durch Remarques Roman ausgelösten Kriegsbuchkonjunktur wie auch zum Verständnis der heftigen politischen Auseinandersetzung mit dem Buch ist eine Erörterung der gesellschaftspolitischen Situation am Ende der 20er Jahre unerläßlich. Es gibt gerade über die Endphase der Weimarer Republik mehrere Spezialuntersuchungen, anhand derer der Krisenzustand und das Krisenbewußtsein der Zeit detailliert erläutert werden kann. Insbesondere ist zu verweisen auf die Verbreitung der nationalistischen Losung "Im Felde unbesiegt" und der Dolchstoßlegende, die 1924/25 größte Publizität erfuhr. Dem gegenüber dringen die kriegsfeindlichen und pazifistischen Stimmen über einen engen Kreis engagierter Intellektueller kaum hinaus, während die kommunistische Arbeiterbewegung nur den imperialistischen Krieg, nicht aber den Krieg überhaupt ablehnt und breite bürgerliche Schichten dem Krieg und dem Militarismus weitgehend positiv gegenüberstehend und die im Krieg geborenen Tugenden der Kameradschaft, des Kampfgeistes und der Opferbereitschaft in ehrenvoller Erinnerung halten möchten. Erst vor diesem Hintergrund der Verdrängung bzw. der Verklärung des Kriegsleidens wird die provokative Wirkung von "Im Westen nichts Neues" für die Epoche seiner Entstehung deutlich und das Bemühen der Rechtskräfte verständlich, diesem Erfolgsroman das "wahre" Kriegserleben entgegensetzen zu müssen.


Der biographische Gehalt des Romans


Remarque war weder aufgrund eigener Kriegserfahrung noch aufgrund seiner literarischen Entwicklung dazu prädestiniert, einen Kriegsroman zu schreiben Nicht politisches Bewußtsein oder politische Wirkungsabsicht hat ihn zur literarischen Gestaltung des Krieges geführt, sondern Experimentierlust, was sicher zu der weitgehend unpolitischen und ahistorischen Darstellung des Krieges beigetragen und mit dazu geführt hat, dass der Krieg aufgrund der lebensphilosophischen Gedankenwelt des Autors vorzüglich als eine extreme Herausforderung des Lebens erscheint. Im Rahmen dieses Themenkreises wäre nun der Widerspruch zwischen den Kundgaben des Autors und dem tatsächlich gegebenen autobiographischen Gehalt des Romans zu thematisieren, weiterhin die nicht miteinander übereinstimmenden Mitteilungen Remarques über den Anlass des Schreibens. Der Widerspruch resultiert aus der gewählten literarischen Form und dem zeitgenössischen Erwartungshorizont. In diesem Zusammenhang sind evtl. auch die bes. Rezeptionsbedingungen von Kriegsliteratur überhaupt zu thematisieren, also das Problem, inwieweit gerade von dieser Art Leteratur ein bes. hohes Maß an Authentizität verlangt und von den Autoren versprochen wird.[9]

6. Zusammenfassende Darstellung der Rezeptionsgeschichte
Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues" gehört zu den bekanntesten Schilderungen des Stellungskrieges im ersten Weltkrieg (1914 - 1918).
Als Gedankenstütze: In aller Offenheit werden die Erlebnisse des jungen Soldaten Paul Bäumer und seiner Freunde schonungslos brutal bzw. wahrheitsgetreu geschildert. Der Roman ist in der Ichform geschrieben und in verschiedene Abschnitte wie Schützengraben, Heimaturlaub oder Kameradschaft gegliedert. Das Buch erscheint wie ein Tagebuch, in Wirklichkeit jedoch ist die Figur des Paul Bäumer erfunden. Allerdings lässt Remarque seine eigenen Kriegserlebnisse mit in das Buch einfließen und bringt reale Personen wie Himmelstoß mit in seinen Roman ein. Allein der Schluß ist nicht tagebuchartig geschrieben. Er beschränkt sich auf einen kurzen Bericht, der aussagt, dass Paul Bäumer gefallen sei, der Krieg jedoch weitergehe und sein Tod keinerlei Einfluß auf das Weltgeschehen habe. Dieses Ende steigert die Dramatik des Buches noch einmal erheblich.
Das Erscheinen des Romans kurz nach dem Ersten Weltkrieg rief bei den Lesern äußerst gegensätzliche Reaktionen hervor. Vielen Menschen half er die Schrecken der Granaten und Nahkämpfe zu verarbeiten, andere leugneten die dunklen Seiten des Krieges [falls es überhaupt eine helle geben sollte (Anmerkung des Verfassers der Hausarbeit)] und griffen den Autor persönlich an. Es gab einige ziemlich schwachsinnige Zeitungsartikel, die Remarque als Deserteur, Kriegsuntauglichen und Juden beschimpft haben, und es wurde ihm vorgeworfen, "die deutschen Soldaten grausamer Handlungen zu beschuldigen, deren sie niemals fähig gewesen wären - denn der deutsche Soldat war bekannt für schmerzlosen Nahkampf und humanes Trommelfeuer (Kasper Hauser [d.i. Kurt Tucholsky] in: die Weltbühne, Berlin, 11.06.1929)"
"Er beginnt damit, dass die Schüler von einem Lehrer, welcher selbst als Drückeberger dargestellt wird, zur Meldung als Kriegsfreiwillige bewogen werden. Bei der Ausbildung in der Kaserne ist fast nur von einem Unteroffizier die Rede, der ein vollendeter Menschenschinder ist, andere Vorgesetzte, welche durch ihr Beispiel Begeisterung bei den jungen Leuten wecken konnten, fehlen. Bei sämtlichen Erlebnissen an der Front sind nur die schaurigsten Ereignisse gemalt; der Frontsoldat wird als ein in seinen Gewohnheiten fast zum Tier gewordenes, stumpfsinniges Wesen dargestellt, dem jeder Zug heldischen Geistes und vaterländischer Gesinnung vollständig abgeht. Bei der Schilderung eines Urlaubs wird in der Heimatgarnison nur ein Stabsoffizier beschrieben, der in übertriebener Weise den übermüdet aus der Sommerschlacht zurückkommenden Frontsoldaten schurigelt und ihm droht, er werde ihm die verfluchten Frontmanieren schon austreiben. Schöne und erhebende Erlebnisse fehlen gänzlich (Graf von Schlieffen in: Deutsches Adelsblatt, 16.03.1929).
Wenn man solche Artikel liest, kann man nachvollziehen, wie es zum Zweiten Weltkrieg kommen konnte. Allerdings bringen diese Zeitungsausschnitte so unglaubwürdige Argumente, dass den Schreibern dieser Texte so manch lange Nase gewachsen sein muss. Die meisten ihrer Vorwürfe verwirft man sowieso, wenn man das Buch gelesen hat; z.B.: Remarque stellt keineswegs alle Offiziere als Schinder dar. Er lobt sogar die außerordentliche Tapferkeit eines Kompanieführers, der sich selbstlos für seine Truppen opferte.
Es gab auch viele positive Rückmeldungen in Form von Leserbriefen, deren Verfasser schrieben, dass ihnen der Roman sehr geholfen habe, ihre eigenen Kriegserfahrungen zu verdauen. Im Westen nichts Neues wird in den Briefen mit dem Denkmal des unbekannten Soldaten verglichen. Zitat aus dem Anhang: "Die fiktiven Romanfiguren Remarques, insbesondere seine Haupthelden, lassen eine Fülle autobiographischer Bezüge aufleuchten. Es ist eine besondere Technik Remarques, Fiktion und Wirklichkeit das eigenen Erlebens so zu vermengen, dass eine neue fiktive Realität entsteht, die aufgrund ihrer selbsterfahrenen autobiogarphischen Anteile besonders überzeugend wirkt."[10]
7. Zusammenfassendes Urteil ("Leseempfehlung")
Ich finde das Buch sehr interessant, und würde es auf jeden Fall weiterempfehlen, weil es sehr spannend geschrieben ist und die Erlebnisse des Paul Bäumers und seinen Kameraden ziemlich packend und mitreißend geschildert sind. Remarque stellt die Thematik (s.1.1.) realitätsnah dar. Wie bereits erwähnt, ist auch die Sprache, in Bezug auf die Thematik angemessen. Nicht umsonst wird "Im Westen nichts Neues" als das beste Antikriegsbuch betitelt.
Anhang:

Textpassage, auf die sich in 2.2. bezogen wird.

Besuch eines Freundes im Feldlazarett (Auszüge der Seiten 19 - 22):

Bevor wir zu Kemmerich aufbrechen, packen wir seine Sachen ein; er wird sie unterwegs gut brauchen können. Im Feldlazarett ist großer Betrieb; es riecht wie immer nach Karbol, Eiter und Schweiß (...).
(...);er liegt in einem Saal und empfängt uns mit einem schwachen Ausdruck von Freude und hilfloser Aufregung. Während er bewußtlos war, hat man ihm seine Uhr gestohlen. Müller schüttelt den Kopf:"Ich habe dir ja immer gesagt, dass man eine so gute Uhr nicht mitnimmt.
Müller ist etwas tapsig und rechthaberisch. Sonst würde er den Mund halten, denn jeder sieht, dass Kemmerich nicht mehr aus diesem Saal herauskommt (...).
Wir sehen auf seine Decke. Sein Bein liegt unter einem Drahtkorb, dass Deckbett wölbt sich dick darüber. Ich trete Müller gegen das Schienbein, denn er brächte es fertig, Kemmerich zu sagen, was uns die Sanitäter draußen schon erzählt haben: dass Kemmerich keinen Fuß mehr hat. Das Bein ist amputiert.
Er sieht schrecklich aus, gelb und fahl, im Gesicht sind schon die fremden Linien, die wir so genau kennen, weil wir sie schon hundertmal gesehen haben (...).
Unter der Haut pulsiert kein Leben mehr;(...).
(...);ich denke daran, wie wir damals abfuhren. Seine Mutter (...) brachte ihn zum Bahnhof.
(...) Müller taucht mit einem Paar Fliegerstiefel wieder auf. (... )
Müller ist von ihrem Anblick begeistert ( ... ) und fragt : " Willst du denn die Stiefel mitnehmen ,
Franz ?" Wir denken alle drei das gleiche: selbst wenn er gesund würde, könnte er nur einen gebrauchen, sie wären für ihn also wertlos.
(...) "Wir können sie ja umtauschen", schlägt Müller wieder vor, "hier draußen kann man so was brauchen". Doch Kemmerich ist nicht zu bewegen. (...)
Ich trete Müller auf den Fuß; er legt die schönen Stiefel zögernd wieder unter das Bett. Wir reden noch einiges und verabschieden uns dann. (...)
Wir halten draußen einen Sanitäter an und reden ihm zu, Kemmerich eine Spritze zu geben. Er lehnt ab. (...) Ich drücke ihm (...), noch ein paar Zigaretten in die Hand. (...)
"Na, schön", sagt er. (...)
"Erledigt", sagt Müller abschließend.
Wir gehen zu unseren Baracken zurück.

Literaturverzeichnis

Quelle 1: Erich Maria Remarque, "Im Westen nichts Neues", Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage 1998, Köln

Quelle 2: Modellanalysen: Literatur
Remarque. "Im Westen nichts Neues". Ein Bestseller der Kriegsliteratur im Kontext.
Hubert Rüter. - Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh, 1980.
(Modellanalysen: Literatur; 4)

Quelle 3: Blickpunkt. Text im Unterricht.
Erich Maria Remarque - "Im Westen nichts Neues"
Kommentare, Diskussionsaspekte und Anregungen für produktionsorientiertes Lesen
Beyer Verlag, 96142 Hollfeld, 1998

Quelle 4 : Internet, Seite: www.prisma - online.de/cgi -
bin/tvguide.cgi?F=DB§ID=pecbe85769309DF49A

Quelle 5: www.germany.net/teilnehmer/100/117926/deutsch4.htm
[1] aus: Quelle 2, "Modellanalysen", Seite 84 f. ; siehe Anhang
[2] zur Hilfe genommen: Quelle 5 (s. Anhang)
[3] aus: Quelle 3: "Blickpunkt", Seite 32 ; außerdem zu Hilfe genommen Quelle 3, Seite 31 ff.
[4] aus: Quelle 1, Seite 197 f.; 204
[5] aus: Quelle 2, "Modellanalysen", Seite 73
[6] aus: Quelle 4
[7] aus: Quelle 3, "Blickpunkt", Seite 16/17
[8] aus: Quelle 2, "Blickpunkt", Seite 7/8
[9] aus: Quelle 2, "Modellanalysen", Seite 183/84
[10] aus: Quelle 5

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