Sucht und ihre Ursachen

Sucht und ihre Ursachen

Einleitung

Der Wunsch nach Rausch, nach vergessen, nach abheben, sich verlieren, raus aus dem Alltagsverdruß, die Sehnsucht nach dem "anderen", die (jugendliche) Neugier und Risikobereitschaft ist wahrscheinlich der entscheidende Antrieb fĂŒr den Drogengebrauch. Sicher ist es richtig, dass Drogen schaden, ja töten - aber: "Sola dosis facit venum - Nur die Dosis macht das Gift", wie es schon Paracelsus formulierte, der Erfinder der Opiumtinktur Laudanum, die beinahe 500 Jahre allen MĂ€chtigen dieser Welt als Allheilmittel galt. Nicht die Droge ist es, sondern der Mensch, der die Droge unsachgemĂ€ĂŸ anwendet und damit Probleme bekommt.
Aber Tatsache ist, dass Drogen einen Ausweg vorgaukeln, eine Lösung der Probleme vortĂ€uschen; sie erzeugen angenehme Empfindungen und blenden schlechte GefĂŒhle vorĂŒbergehend aus oder lassen sie ertrĂ€glich erscheinen. So steigern Drogen das Verlangen, diese Empfindungen wieder und wieder erleben zu wollen.
Damit kann eine Entwicklung in Gang gesetzt werden, an deren Ende man nicht mehr ohne die anregende oder dĂ€mpfende Wirkung der Droge auskommt und sie zwanghaft konsumiert. Doch Sucht bedeutet in jedem Fall Unfreiheit. Der abhĂ€ngige Mensch kann ĂŒber den Gebrauch des Suchtmittels nicht mehr selbst entscheiden. Dies fĂŒhrt hĂ€ufig zum Verlust von sozialen Bindungen und zu nachteiligen VerĂ€nderungen der Persönlichkeit.
Trotzdem spielen Rauschmittel und Suchtmittel eine aus unserem Leben kaum mehr wegzudenkende Rolle. Ob nun legale Suchtmittel, wie z.B. Kaffee, Nikotin oder Alkohol, oder illegale Drogen wie Heroin, Kokain oder andere Drogen, genossen oder mißbraucht werden oder zur AbhĂ€ngigkeit fĂŒhren - in irgendeiner Form hat (fast) jeder damit zu tun. Die Unterschiede zwischen unproblematischer Umgangsweise mit Rauschmitteln und schwerer AbhĂ€ngigkeit sind gut erkennbar - wie können die vielen Zwischenstufen erkannt werden? AbhĂ€ngigkeit von Rauschmitteln entwickelt sich nicht selten auch im engeren Familienkreis unbemerkt. Das Übersehen von Anzeichen, geringes Wissen ĂŒber Rauschmittel, fehlende Informationen ĂŒber Folgewirkungen oder auch eine völlig unrealistische SelbsteinschĂ€tzung können eine frĂŒhzeitige Inanspruchnahme von Hilfe verhindern.
Auf die Frage, warum Menschen sĂŒchtig werden, gibt es bis heute keine eindeutige Antwort. Noch fehlt eine ĂŒberzeugende Suchttheorie, die eine schlĂŒssige ErklĂ€rung liefern könnte, wieso der Tanz auf dem Seil vielen zu gelingen scheint, einige dabei aber immer wieder abstĂŒrzen. Auch Biologen und Genforscher sind bis heute den Beweis schuldig geblieben, dass Sucht genetisch bedingt, also erblich ist. DrogengefĂ€hrdung und AbhĂ€ngigkeit entwickeln sich nicht von heute auf morgen, sondern haben komplexe Ursachengeflechte. Beispiele dafĂŒr sind Schwierigkeiten in der Familie, Schule und Beruf, die Trennung von einem geliebten Menschen, wenig emotionale Zuwendung, ĂŒbersteigerte Leistungserwartungen oder schlechte Zukunftsperspektiven. Suchtforscher fĂŒhren z.B. den steigenden Tablettenmißbrauch auf die wachsende Beziehungslosigkeit zum Mitmenschen, zu Arbeit und Umwelt, die schnelle Technisierung, Automation und Entpersönlichung der Arbeit zurĂŒck.

Was ist Sucht?


Der Begriff Sucht lĂ€sst sich auf das Wort siech = krank zurĂŒckfĂŒhren und meint zugleich Erkrankungen der Seele (Eifersucht, Habsucht) und körperliche Krankheiten (Gelbsucht, Schwindsucht). In der Vergangenheit wurden unter psychiatrischem Aspekt mit Sucht unterschiedliche pathologische Verhaltensweisen bezeichnet. 1968 wurde der Begriff "Sucht" von der WHO durch den Terminus "AbhĂ€ngigkeit" ersetzt. Die WHO definiert AbhĂ€ngigkeit als "... psychisches und manchmal auch körperliches Zustandsbild als Folge der Einnahme einer psychotropen Substanz: Es ist charakterisiert durch Verhaltensstörungen und andere Störungen, die den Drang einschließen, die Substanz stĂ€ndig oder periodisch zu sich zu nehmen, um deren psychischen Effekt zu erleben, und manchmal, um das Mißbehagen beim Fehlen der Substanz zu vermeiden." Ohne dass bereits Folgeerkrankungen eingetreten sein mĂŒssten, versteht man unter AbhĂ€ngigkeit ein ĂŒberstarkes körperliches oder psychisches Verlangen, Substanzen einzunehmen, gegebenenfalls aber auch, Verhaltensweisen zu zeigen, bei denen zu erwarten ist, dass sie selbst oder ihre KonsumumstĂ€nde das betreffende Individuum schĂ€digen werden. Beim AbhĂ€ngigkeitssyndrom handelt es sich "um eine Gruppe körperlicher, Verhaltens - und kognitiver PhĂ€nomene, bei denen der Konsum einer Substanz oder einer Substanzklasse fĂŒr die betroffene Person Vorrang hat gegenĂŒber anderen Verhaltensweisen, die von ihr frĂŒher höher bewertet wurden. Ein entscheidendes Charakteristikum der AbhĂ€ngigkeit ist der oft starke, gelegentlich ĂŒbermĂ€chtige Wunsch, psychotrope Substanzen oder Medikamente, Alkohol oder Tabak zu konsumieren.
In Abgrenzung zum AbhĂ€ngigkeitsbegriff wird von Mißbrauch gesprochen, wenn die obengenannten Konsummuster noch nicht (durchgehend) feststellbar sind, das Individuum sich aber bereits schĂ€digt bzw. der Konsum negative soziale Folgen gehabt hat.
Sucht ist eine Krankheit, die in jeder Familie auftreten kann. Jeden kann es treffen; unabhÀngig vom Alter, Geschlecht, Ausbildung und Beruf. Sucht oder AbhÀngigkeit ist ein krankheitswertiges Zustandsbild, das einer Behandlung bedarf.

Die typischen Merkmale: Es kommt zu chronischen oder periodischen RauschzustĂ€nden. Bei chronischer Berauschung gibt es keine oder fast keine Phasen von NĂŒchternheit mehr, das Gehirn und alle Organsysteme des Körpers stehen unter dem stĂ€ndigen Einfluß einer oder mehrerer Rauschdrogen. Bei der periodischen Berauschung können Phasen von teilweiser oder vollstĂ€ndiger Abstinenz mit Phasen abwechseln, in denen die Kontrolle ĂŒber das Konsumverhalten gegenĂŒber einer bestimmten Droge völlig verloren geht.
Weitere typische Merkmale: Der AbhĂ€ngige hat den ĂŒberwĂ€ltigenden Wunsch, den Suchtmittelgebrauch unter allen UmstĂ€nden fortzusetzen und sich die Droge unter allen UmstĂ€nden zu beschaffen. Diese ĂŒberwĂ€ltigende Gier nach der Droge stellt einen wirklichen Verlust der Kontrolle durch den Willen dar und bewirkt, dass SĂŒchtige bereit sind, ihren ursprĂŒnglichen Lebensplan, ihre Beziehungen zu geliebten Menschen, ihre soziale IdentitĂ€t aufzugeben, nur um den Drogengebrauch fortzusetzen. Menschen, die in einer Verstrickung mit einem Suchtkranken leben, sind nun ihrerseits bereit, zugunsten dieses schwerkranken Menschen ihren Lebensplan, ihr persönliches GlĂŒck, ihre EigenstĂ€ndigkeit aufzugeben, nur um in dieser Beziehung als Helfer da zu sein. Der AbhĂ€ngige neigt - wenn auch nicht zwingend - dazu, die Dosis der konsumierten Droge zu erhöhen. Diese Neigung beruht auf verschiedene Mechanismen, die im Gehirn wirksam werden, wenn bestimmte zentral wirksame Substanzen fĂ€hig sind, in ein "Belohnungssystem im Gehirn" einzugreifen. Dieses spezifische Belohnungssystem im Gehirn ist dafĂŒr verantwortlich, dass GefĂŒhle wie Befriedigung, Wohlbefinden, VergnĂŒgen, Euphorie und Lust empfunden und wahrgenommen werden.
Ein weiteres Charakteristikum: AbhĂ€ngigkeit hat immer eine zerstörende Wirkung und zwar sowohl auf den Betroffenen selbst als auch auf seine nĂ€chste Umgebung. Zum Wesen der Sucht gehört es, dass der Verlust der Kontrolle ĂŒber das Konsumverhalten vor sich selbst und vor allen anderen Menschen verborgen wird, solange es nur geht. Die Verleugnung von Hinweisen auf eine RauschmittelabhĂ€ngigkeit ist fĂŒr Außenstehende oft absurd: Alle merken es, nur die Betroffenen (der Suchtkranke und seine Angehörigen) bemerken scheinbar gar nichts.

Außerdem unterscheidet man zwischen physischer und psychischer AbhĂ€ngigkeit:
Die psychische AbhĂ€ngigkeit ist primĂ€r gekennzeichnet durch den Wunsch, sich zentralnervös wirksame, psychotrope Substanzen zuzufĂŒhren, um deren positive Wirkung zu erleben und weil eine Änderung des Suchtverhaltens zu Mißbefinden oder Angst fĂŒhren wĂŒrde. Erst sekundĂ€r, aber dennoch gleichwertig ist der Wunsch, bei Nachlassen der positiven Wirkung der psychoaktiven Substanz, der fehlenden Wirkung bzw. den unangenehmen Entziehungssymptomen zu entgehen und sich die Substanz erneut zuzufĂŒhren. Sie ist auch erkennbar an der verminderten Kontrolle ĂŒber die Suchtmitteleinnahme (im Hinblick auf die eingenommene Menge sowie Beginn oder Beendigung des Konsums), an der Verengung des Lebensstils auf den Suchtmittelkonsum mit VernachlĂ€ssigung anderer Lebensbereiche wie Familie, soziales Umfeld usw., und an der Fortsetzung des Konsums trotz destruktiver Folgen, sowohl fĂŒr die körperliche und seelische Gesundheit als auch fĂŒr die soziale Integration, sowie an den VerstĂ¶ĂŸen gegen gesellschaftlich ĂŒbliche Regeln der Suchtmitteleinnahme (zum Beispiel: morgendliches Trinken von Alkohol).
Die physische AbhĂ€ngigkeit wird als Zustand verĂ€nderter Steuerungsmechanismen im zentralen und peripheren Nervensystem aufgefaßt, welcher unter der chronischen Zufuhr abhĂ€ngigkeitsauslösender Substanzen eine Homöostase (Gleichgewicht) der Zell - und Organfunktion erlaubt. Um dieses neue Gleichgewicht zu erhalten, muss zur Verhinderung eines Entzugsyndroms die entsprechende Substanz bei nachlassender Wirkung stĂ€ndig zugefĂŒhrt werden. Bei der physischen AbhĂ€ngigkeit gewöhnt sich der Körper allmĂ€hlich an das eingenommene Mittel und reagiert, indem er beispielsweise die Substanz schneller abbaut oder die Empfindlichkeit der Organe abnimmt. Deswegen muss die Dosis des Suchtmittels gesteigert werden, um weiterhin eine Wirkung zu verspĂŒren. Eine körperliche AbhĂ€ngigkeit wird fĂŒr Alkohol, Opiate, Sedativa, und Hypnotika (Tranquilizer und Barbiturate) beschrieben.
Weitgehend wird zwischen stoff - und nichtstoffgebundenen Suchtformen differenziert. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Menschen auch von pathologischen Verhaltensmustern derartig bestimmt werden können, dass dies einer AbhĂ€ngigkeit von Substanzen gleichkommt. Gemeint sind damit die sogenannten TĂ€tigkeitssĂŒchte: Praktisch jede menschliche TĂ€tigkeit, jedes menschliche Verhalten, kann zur Sucht werden. Am hĂ€ufigsten sind Eßsucht (zum Beispiel Bulimie und Magersucht), Spielsucht und zwanghaftes Stehlen. Aber auch Arbeiten (Workaholic) oder Sporttreiben kann zur Sucht werden, und immer hĂ€ufiger hört man auch von der Internetsucht. Im Gegensatz dazu stehen die StoffsĂŒchte, die den Mißbrauch von verschiedenen Drogen meinen. Drogen sind zur AbhĂ€ngigkeit fĂŒhrende Substanzen, in erster Linie Nikotin, suchterzeugende Medikamente, die sogenannten Rauschmittel und Alkohol. Ihnen gemeinsam ist, dass sie das Bewußtsein oder das Erleben verĂ€ndern und als "angenehm" empfundene GefĂŒhle hervorrufen können. Stoffe, die diese Eigenschaften nicht besitzen (zum Beispiel Neuroleptika), eignen sich nicht als Suchtmittel.
Unter Polytoxikomanie versteht man den wahllosen Konsum von mindestens drei Suchtmitteln. Die Kriterien des AbhĂ€ngigkeitssyndroms werden hierbei durch die konsumierten Substanzen gemeinsam, jedoch nicht notwendigerweise von jeder Einzelsubstanz erfĂŒllt.
Bei der AbhĂ€ngigkeitserkrankung ist eine Diagnose schwerer (zumindest in der frĂŒhen Phase) als bei anderen Erkrankungen, weil es im Wesen der AbhĂ€ngigkeit liegt, diese zu verniedlichen, zu verheimlichen, zu verleugnen oder sich selbst etwas vorzumachen.
Zu jeder Suchterkrankung gehört auch der wechselnd starke Wunsch, den Substanzgebrauch zu verringern, kontrollieren zu können oder auch ganz aufzugeben. Der Konsum der Substanz muss aber aus einem inneren Zwang fortgesetzt werden, obwohl die SĂŒchtigen und auch deren Angehörige um die GefĂ€hrlichkeit wissen. Auf Signale eines sozialen, psychischen und körperlichen Abstieges können Suchtkranke schwer oder gar nicht angemessen reagieren.
Sucht ist also kein genau zu definierender Zustand. Sucht ist ein prozeßhaftes Geschehen, das von einem harmlosen, unmerklichen und schleichenden Beginn bis hin zum Tod fĂŒhren kann. Bereitet ist dieser Prozeß vom Aufgeben und vom Verlust der persönlichen IdentitĂ€t, der sozialen Beziehungen, der individuellen Lebensplanung und der körperlichen Gesundheit.

Epidemiologie


Die Dunkelziffer bei AbhÀngigkeitserkrankungen ist vermutlich sehr hoch. Man geht davon aus, dass in Deutschland mindestens 2 - 5% (also 0,8 - 4Mio.) der erwachsenen Bevölkerung alkoholabhÀngig sind. Die Anzahl der MedikamentenabhÀngigen (teilweise auch doppelabhÀngigen) ist noch schwerer anzugeben und wird mit 1,2 Mio. angenommen. Bei den (illegalen) DrogenabhÀngigen ist von ca. 120 000 Personen auszugehen, gelegentliche Konsumenten nicht mitgezÀhlt.
Hinter diesen nĂŒchternen Zahlen verbergen sich nicht nur große medizinisch - psychiatrische, individuelle und familiĂ€re Probleme, sondern auch gigantische volkswirtschaftliche Folgekosten (jĂ€hrliche Alkoholschadensumme: ca. 50 Milliarden DM aufgrund von Behandlungskosten, Kuren, ArbeitsunfĂ€higkeiten, FrĂŒhberentung, Arbeits - und Verkehrsunfallfolgen usw.).
Mehr als ein Drittel der stationĂ€ren Aufnahmen in psychiatrischen Kliniken wird durch AbhĂ€ngigkeitskranke bestimmt. Ein wesentlich grĂ¶ĂŸerer Teil der stationĂ€ren Aufnahmen erfolgt aber darĂŒber hinaus in medizinischen Kliniken zur Behandlung körperlicher Folgen, oft in Verkennung der tatsĂ€chlichen Erkrankung.
In den letzten Jahrzehnten ist vermehrt zu beobachten, dass die AbhĂ€ngigkeitsentwicklung bereits im Kindes - und Jugendalter einsetzt, und dass höheres Lebensalter keinen Schutz vor einer spĂ€ter einsetzenden AbhĂ€ngigkeit bietet. Bei den Frauen steigt der Alkoholkonsum linear mit dem Einkommen. Spielte frĂŒher Armut hĂ€ufig eine auslösende Rolle, so sind heute eher Einsamkeit, Streß, Angst, depressive Stimmung, aber auch Wohlstand der Grund.

Ätiologie (Lehre von den Krankheitsursachen)
Wie kommt es zur Entstehung von Sucht?

FĂŒr all die unterschiedlichen Faktoren, die bei der Suchtentwicklung eine Rolle spielen, gibt es eine FĂŒlle von zum Teil widersprĂŒchlichen, nahezu ĂŒbereinstimmenden und sich wiederholende Theorien und Veröffentlichungen. BewĂ€hrt haben sich sogenannte multifaktorielle ErklĂ€rungsansĂ€tze. Sie gehen von einem UrsachenbĂŒndel aus.

Dieses UrsachenbĂŒndel wird dabei als ein komplexes Geschehen definiert, in dem sich:
    psychologische/psychogenetische, somatische/genetische, gesellschaftliche/sozigenetische und drogenspezifische Faktoren

gegenseitig beeinflussen.




INDIVIDUUM
Psychologische/ psychoanalytische ErklÀrungsmodelle:

    Triebpsychologischer Ansatz:
Diesem Ansatz nach dienen Alkohol und Drogen dazu, Unlust zu vermindern und Lust zu maximieren. Dabei wird unterschwellig eine Genußsucht unterstellt, die anfangs bei manchem Kranken vielleicht eine Rolle gespielt haben könnte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie vom Gesunden in den Kranken hineininterpretiert wird, wodurch dann auch mangelnde Therapiemotivation mit erklĂ€rt wĂŒrde. TatsĂ€chlich fĂ€llt jedoch bei den schwer und rĂŒckfĂ€llig Suchtkranken eher eine UnfĂ€higkeit zum Genuß auf. So wurde schon frĂŒh der Standpunkt vertreten, dass den SĂŒchtigen nicht eine ĂŒbermĂ€ĂŸige Triebhaftigkeit zum Trinken verleite, sondern vielmehr die UnfĂ€higkeit, auf andere Weise Lust und deren Befriedigung zu erleben.

    Ich - (struktur - ) psychologisches Modell:
Dieses Modell geht davon aus, dass das Symptom, also zum Beispiel der Alkoholmißbrauch, nicht mehr der Ausdruck eines Konflikts, sondern Resultat eines Defekts in der Struktur der Persönlichkeit ist. Die Suchtsubstanz ĂŒbernimmt die Funktion eines Selbstheilungsversuchs. Der AbhĂ€ngige erlebt Reize und Affekte nicht differenziert und spezifisch, sondern wird von ihnen förmlich ĂŒberrollt. So stellt zum Beispiel der Alkohol ein probates Mittel dar, diese andrĂ€ngenden Ur - Affekte in den Griff zu kommen. Er spielt also eine Schutzrolle, was man bedenken muss, wenn die Therapie Abstinenz zur Vorraussetzung hat.
Das strukturpsychologische Modell fĂŒr die Ursachen zum Beispiel von Drogen - und Alkoholmißbrauch, die sogenannte "Plombierungstheorie" bildet jedoch keinen ausreichenden ErklĂ€rungsansatz fĂŒr die insbesondere in psychiatrischen Kliniken behandelten "Selbstvernichtungstrinker", wie sie hier plastisch genannt werden sollten, um ihre AutodestruktivitĂ€t zu charakterisieren. Man muss wissen, dass AbhĂ€ngigkeit auch als "fraktionierter Suizid" umschrieben wird. Die Suizidrate ist zum Beispiel bei Alkoholkranken bis zu 75 mal höher als in der ĂŒbrigen Bevölkerung, wobei die Suizidhandlung oft die Alternative zum RĂŒckfall zu sein scheint oder anders betrachtet, der RĂŒckfall zugleich die Inszenierung eines ernsthaften Suizidversuchs ist.

    Objektpsychologisches Modell:
Bereits in den 30er Jahren wurde auf den mĂ€chtigen Haß und den Sadismus als eigentliche TriebkrĂ€fte der Sucht hingewiesen. Mit dem Konsum werden nicht nur diese TriebkrĂ€fte vernichtet, sondern vor allem die Persönlichkeit selbst. Dieser orale und letztlich autokannibalistische Mechanismus tritt an die Stelle reiferer Abwehrformen, wie sie zum Beispiel die VerdrĂ€ngung darstellt. Durch das Trinken verschlingt der SĂŒchtige sein nach außen verlagertes Über - Ich, das zudem, wie es in einem Aphorismus heißt, "alkohollöslich" ist. Diese Überlegungen erklĂ€ren zumindest im Ansatz auch, warum bei AbhĂ€ngigen mit Abschreckung (aversiven Behandlungsformen) keine Erfolge zu erzielen sind.

    Verhaltenstheoretischer Ansatz:
Hier wird von lerntheoretischen Vorstellungen ausgegangen im Sinne von klassischem und operantem Konditionieren, wobei positive und negative VerstĂ€rkung an Entstehung und Aufrechterhaltung der pathologischen Verhaltensweisen beteiligt sind. Das Spektrum verhaltenstherapeutischer (RĂŒckfall - ) PrĂ€vention umfaßt die Bestimmung rĂŒckfallkritischer Situationen, das EinĂŒben von neuem Verhalten in diesen Momenten, die Steigerung der BewĂ€ltigungszuversicht und vieles anderer mehr.



    Systemisch - familientherapeutische Sichtweise, Co - AbhÀngigkeit:
Nicht zuletzt die Erfahrung, dass vielfach in familiĂ€ren Konstellationen ein Wechselspiel zwischen dem Patienten und den anderen Familienmitgliedern stattfindet, das an Entstehung und Aufrechterhaltung der AbhĂ€ngigkeit stark beteiligt ist, hat die Entwicklung eines spezifischen ErklĂ€rungsansatzes gefördert, gemĂ€ĂŸ dem nicht mehr der isolierte SymptomtrĂ€ger Ziel der Behandlung ist, sondern das (Familien - ) System.
An dieser Stelle ist der Begriff der Co - AbhĂ€ngigkeit zu erwĂ€hnen. Gemeint ist damit eine Verhaltensweise, die direkt oder indirekt die sĂŒchtigen Mechanismen des AbhĂ€ngigen aufrechterhĂ€lt, beispielweise durch ĂŒbergroßes VerstĂ€ndnis, durch Vertuschung, aber auch durch Streiterei.

Was genau ist CoabhÀngikeit?
Als coabhĂ€ngig bezeichnet man Menschen, die in enger Beziehung zu Suchtkranken stehen, allerdings durch ihr sehr am Helfen orientiertes Verhalten keine Lösung aus den Suchtmechanismen bewirken, sondern eine Verfestigung suchterzeugenden Verhaltens erlauben und fördern. Es bedeute ein Mitagieren von Verhaltensweisen, die es dem Betroffenen extrem erschweren, aus seiner Sucht auszusteigen und selbststĂ€ndig zu werden - z.B., indem sie die Schuld fĂŒr die Sucht ihres Kindes immer "außerhalb" suchen oder sich durch ihr Mitleid leiten lassen. Manche Eltern möchten zwar das Suchtproblem bereinigt wissen, halten aber nichts davon, wenn ihr Kind erwachsen und selbststĂ€ndig wird und damit eigene LebenswĂŒnsche hat, die sich von denen der Eltern deutlich unterscheiden. Manche Partner wollen zwar das störende Symptom der AbhĂ€ngigkeit beseitigt haben, sind aber mit einem beeinflußbaren, willensschwachen Partner durchaus einverstanden.
Die Beziehung der CoabhĂ€ngigkeit ist sehr heikel, da Eltern oder Partner bewußt ihr Bestreben immer als gut fĂŒr die suchtkranken Angehörigen erleben und "ja nur das Beste" wollen. Eltern tun vordergrĂŒndig alles, damit ihr Kind wieder auf den "richtigen Weg" kommt. Kein Partner wird behaupten wollen, gerade durch die AbhĂ€ngigkeit des Lebenspartners psychisch zu profitieren. Der Hinweis auf eine CoabhĂ€ngigkeit wird ohne ausreichende ErklĂ€rung als böswillige Unterstellung erlebt.
Das Grundmuster von CoabhĂ€ngigkeit ist die "AbhĂ€ngigkeit von der AbhĂ€ngigkeit Nahestehender" und das zunehmende Aufgeben eigener Entscheidungen und eigener SelbststĂ€ndigkeit - alles, um dem SĂŒchtigen zu "helfen". Das Hauptkriterium dieser "Hilfe" ist, dass sie ĂŒber mehrere Jahre keine echte VerĂ€nderung, insbesondere keine Verbesserung der Situation bringt. Die Verhaltensweisen des coabhĂ€ngigen Menschen verĂ€ndern sich trotz dieser Erfahrungen nicht, sondern verstĂ€rken sich eher noch. Die Verstrickung in eine CoabhĂ€ngigkeit geht - so wie die Suchtentwicklung beim AbhĂ€ngigen - prozeßhaft und fortschreitend vor sich. Das anfangs ganz verstĂ€ndliche Helfenwollen entwickelt sich zu einer immer enger werdenden Spirale. Der Endpunkt ist das GefĂŒhl, dass die eigene Person nur mehr als unermĂŒdlicher Helfer, ohnmĂ€chtiger Kontrolleur und Bestrafer existiert.

Einige Kennzeichen coabhÀngiger Menschen:
CoabhÀngige haben Schwierigkeiten,
eine angemessen Selbstachtung zu entwickeln.
Grenzen in Beziehungen zu ziehen.
die eigene RealitĂ€t (das Erleben des eigenen Körpers, das Denken, das GefĂŒhlserleben, das eigene Verhalten) zu reflektieren.
BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche in gleichberechtigten - im Gegensatz zu regressiven, von kindlichen Erwartungen geprĂ€gten - Beziehungen zu erkennen und auf angemessene Weise zu erfĂŒllen.
die allgemeine RealitĂ€t angemessen zu erfahren und ausdrĂŒcken zu können.

CoabhÀngige Personen zeigen mindestens drei der folgenden Merkmale:
Verleugnung der RealitÀt
emotionale BeeintrĂ€chtigung, auch mit dramatischen AusbrĂŒchen
Depression
ĂŒbermĂ€ĂŸige Wachsamkeit und Mißtrauen
ZwÀnge, zwanghafte Rituale
Ängste
eigener Substanzmißbrauch (Alkohol, Medikamente)

    Neurobiologische Vorstellungen
Auch neuro - und molekularbiologische Kenntnisse ĂŒber die Entstehung von AbhĂ€ngigkeit sind zu berĂŒcksichtigen. Eine Vielzahl von Transmittersubstanzen und Rezeptoren sind im GesprĂ€ch, seien es Endorphine, Alkaloide, Serotonin, Noradrenalin, GABA und andere Substanzen. So ist es naheliegend, den Suchterkrankungen auch auf neurochemischem Wege entgegenzutreten, zum Beispiel durch die Vergabe von Rezeptorenblockern bei OpiatabhĂ€ngigen, durch sogenannte Anti - Carving - Substanzen ( Suchthunger vermeidend/lindernd) an Alkoholkranke oder im weiteren Sinne von UnvertrĂ€glichkeit bewirkenden PrĂ€paraten.

GESELLSCHAFT

Kulturelle und religiöse Konstellationen hindern oder fördern bestimmte Konsummuster. Bei Verbot und Tabuisierung zum Beispiel von Alkohol, hĂ€lt sich die AbhĂ€ngigkeitsentwicklung in engen Grenzen, da die Zahl derjenigen, die sĂŒchtig werden, direkt abhĂ€ngig ist von der ZugĂ€nglichkeit der Substanz und dem daraus folgenden Pro - Kopf - Konsum. Je höher dieser in einer Bevölkerung ist, desto grĂ¶ĂŸer ist auch die Zahl der AbhĂ€ngigen. Die Funktion von (frĂŒher) Armuts - und (jetzt auch) Wohlstandsalkoholismus ist ebenso zu erklĂ€ren. Es gibt bezogen auf den Alkohol beispielsweise Abstinenz -, Ambivalenz - und Permissivkulturen. Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Streß, Beziehungs - und Interesselosigkeit und Peer - group - Verhaltensmuster können sich mit persönlichkeitsbestimmten Faktoren ungĂŒnstig verbinden.

In gesellschaftlicher Hinsicht sind außerdem alle sozialen, kulturellen und politischen Aspekte gemeint:
    die allgemeine Wirtschaftslage, die Gesetzgebung; die fĂŒr die jeweilige Gesellschaft gĂŒltigen Wertesysteme, zum Beispiel im Hinblick auf Konsumsitten, Leistungsanforderungen und - belohnungen. Welche Einstellung zu welchen Drogen ist opportun, beziehungsweise wie sanktioniert wird (einstellungsbedingte Toleranz). Die EinflĂŒsse von Werbung und Modeerscheinungen spielen ebenso eine wichtige Rolle, wie das Verschreibungsverhalten von Ärzten bei Medikamenten mit Suchtpotential (iatrogene Sucht).

SUBSTANZ

Das Suchtpotential der einzelnen Substanzen ist unterschiedlich. Man kann sagen, dass die substanzeigene GefĂ€hrdungskomponente desto grĂ¶ĂŸer ist, je eindeutiger, schneller und erwĂŒnschter der Effekt nach erfolgter Applikation ist.
Die von einem Mittel ausgehende SuchtgefÀhrdung lÀsst sich auch an der Relation von Verordnungs - oder EinnahmehÀufigkeit und der Anzahl der daraus resultierenden AbhÀngigkeitsentwicklungen ablesen. Demnach haben beispielsweise Alkohol und Tranquilizer (da viel konsumiert und verschrieben) eine relativ geringe und Heroin oder Kokain eine sehr hohe Suchtpotenz, wobei die Faktoren Mensch und Gesellschaft hier eine geringere Rolle spielen.

Die Trias der Entstehungsursachen: Mensch, Mittel und Milieu

Eine der bekanntesten und akzeptierten ErklÀrungsansÀtze ist die "Trias der Entstehungsursachen der DrogenabhÀngigkeit" (nach Ladewig, 1979). In diesem Modell werden die Faktoren Mensch, Mittel und Milieu/Gesellschaft miteinander verbunden.




oder anders aufgezeichnet:

Droge
VerfĂŒgbarkeit,
Dosis, Applikationsart,
Suchtpotenz, Drogenwirkung

MIßBRAUCH


AbhÀngigkeit

Individuum
(Persönlichkeit)
Frustrationstoleranz,
Ich - StÀrke,
neurotische Entwicklung
Umwelt
"Broken home".
Elterliches Vorbild,
Erziehungsfehler,
GruppenzwÀnge,
Konsumgesellschaft,
Freizeitvakuum,
Konfliktsituation,
Ideologie


Eine Rolle spielen also:
    der Suchtkranke selbst, seine aktuelle Lebenssituation:
Aktuelle Schwierigkeiten, Probleme oder Besonderheiten, seine bisherige Lebenserfahrung, besonders die der ersten Lebensjahre, sein Bild von sich und der Welt, das gerade in der PubertĂ€t und in Krisen großen Schwankungen unterworfen ist, sind von großer Bedeutung. Wichtig ist dabei, ob ein Mensch die Erfahrung gemacht hat, dass sich Probleme mit Hilfe der Familie, mit Hilfe von Verwandten, Freunden oder professionellen Helfern lösen lassen oder ob alle unterstĂŒtzen, ohne VerĂ€nderungen zu erwarten. Tatsache ist, dass manche Menschen aus den genetischen GrĂŒnden unterschiedlich auf Rauschmittel reagieren und verschieden schnell eine körperliche AbhĂ€ngigkeit entwickeln. Diese Faktoren sind auf keinen Fall als unausweichliches Schicksal zu verstehen, sondern als eine besondere GefĂ€hrdung, die ernstgenommen werden muss.
    die sozialen Gruppen, in denen der Betroffene lebt:
Seine Herkunftsfamilie mit all ihren Besonderheiten aufgrund religiöser, sozialer oder kultureller Verbundenheiten. In ihr erlebt jedes Kind erstmals den Umgang mit Rausch - und Genußmitteln, vor allem mit legalen Substanzen wie Alkohol, Nikotin, aber auch Medikamenten. In der Jungendzeit löst sich der Pubertierende langsam aus dem Familienverband mit den dort gĂŒltigen Werthaltungen und Normen. Der Freundeskreis wird wichtiger, in ihr will der Jugendliche bestehen und anerkannt werden. Dort gelten Regeln, die von den Vorstellungen der Eltern zumeist deutlich abweichen. Im Erwachsenenleben ist das Gleichgewicht zwischen Berufsleben, Partnerschaft/Familie und Freizeitleben/Freundeskreis fĂŒr das Wohlbefinden entscheidend. In Krisenzeiten kann der Anschluß an andere Suchtkranke eine fatale Entwicklung begĂŒnstigen und den Einstieg in sĂŒchtiges Verhalten bahnen.
    die Rauschmittel:
Die Art der Wirkung, ihre FĂ€higkeit, rasch abhĂ€ngig zu machen, die Art und Weise wie sie angewendet werden, und die Erreichbarkeit fĂŒr Konsumenten. VerfĂŒgen z.B. Jugendliche ĂŒber ein sachlich richtiges Wissen, so können sie die GefĂ€hrdung bei Experimenten besser einschĂ€tzen als Jugendliche, die Drogen idealisieren und ihre Gefahren verleugnen. Bloße Abschreckung, auch gut gemeinte, wirkt bei GefĂ€hrdeten eher eine Anziehung als Abschreckung. FĂŒr Erwachsene gilt wie fĂŒr Jugendliche: Sachliche Information ist wichtig, genĂŒgt allein jedoch nicht.
    die VerfĂŒgbarkeit von Rauschmitteln:
Von Seiten des Marktes gibt es nur wenig BeschrĂ€nkung. Legale Substanzen, wie Alkohol, Zigaretten oder auch manche Medikamente sowie Kombinationen mit koffeinhaltigen GetrĂ€nken sind fĂŒr Konsumenten meist ohne BeschrĂ€nkung erhĂ€ltlich, auch wenn dies nicht immer z.B. den Jugendschutzbestimmungen entspricht. Das Angebot an illegalen Substanzen auf dem Schwarzmarkt ist in den letzten Jahren grĂ¶ĂŸer geworden.

Alle diese Aspekte der verschiedenen Faktoren der Entstehungstrias entfalten ihre mannigfache unterschiedliche Wirkung.
Deutlich wird dabei, dass in diesem komplexen Geschehen die oben genannten Faktoren nicht im Sinne eines Ursache - Wirkungs - Mechanismus verstanden werden dĂŒrfen. Also: Diese Ursache hat immer diese Wirkung. Vielmehr beeinflussen sich die Faktoren gegenseitig in einem WechselwirkungsverhĂ€ltnis. Der einzelne Mensch trifft dann eine auf ihn passende Entscheidung. So fĂŒhrt zum Beispiel ein schlechter sozialer Status nicht zwangslĂ€ufig in die Sucht, er kann vielmehr zu starker SolidaritĂ€t und einem positiven ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl fĂŒhren. Ebenso sind natĂŒrlich umgekehrte Prozesse möglich.

Warum ist das Suchtrisiko in der PubertÀt besonders hoch?

Die PubertĂ€t, das Alter von ca. 11 bis 15 Jahren, ist eine Zeit des Umbruchs, der VerĂ€nderung, begleitet von heftigen GefĂŒhlsregungen. Es ist eine Zeit der Experimente, der Neugier, der Erprobung und der Auflehnung. Es ist die Zeit der schrittweisen Ablösung vom Elternhaus und der ersten sexuellen Erfahrungen und Beziehungen. Berufsentscheidungen fallen, in verschiedenen Bereichen wollen Jugendliche Autonomie erfahren und erproben, brauchen aber einen Schutzraum, in dem sie nicht volle Verantwortung fĂŒr ihr Tun ĂŒbernehmen mĂŒssen. Es ist Aufgabe der Elterngeneration fĂŒr solche angemessenen FreirĂ€ume zu sorgen. Die Jugendlichen mĂŒssen GefĂŒhle, Triebregungen und verschiedenste Impulse in sich aushalten lernen und diese zu einem Ganzen, ihrer Persönlichkeit, integrieren. GefĂŒhrt werden sie dabei von Erfahrungshunger, starker Neugierde und Kritikbereitschaft. BestĂ€rkt und beeinflußt werden diese GefĂŒhle vom Freundeskreis, der wichtige Funktionen fĂŒr die Orientierung des Jugendlichen hat. Es folgt eine Abwendung von den Werten der Herkunftsfamilie hin zu den Werten der Jugendgruppe.
In der PubertĂ€t kann auch vorĂŒbergehend das Interesse an Sekten, Okkultismus, politisch extremen Gruppierungen etc. besorgniserregende Ausmaße annehmen. Bisweilen vergeht dieses Interesse wieder, ohne dass es zu SchĂ€den fĂŒr den Jugendlichen oder die Gemeinschaft kommt. Eltern sollten hier aber wachsam sein und die Beeinflußbarkeit ihres Kindes nicht unterschĂ€tzen.
Bei derart massiven inneren und Ă€ußeren VorgĂ€ngen ist das Interesse von Jugendlichen an verschiedenen Drogen und deren Wirkungen verstĂ€ndlich. Die in der PubertĂ€t besonders große Neugierde ist jedoch nur ein möglicher Auslöser fĂŒr Drogenkonsum. Der Wunsch, die Welt zu verstehen, die Sehnsucht nach mystischen Erlebnissen und die leichte Fluchtmöglichkeit vor Anforderungen und Problemen spielen eine sehr große Rolle. VerstĂ€rkt wird diese Tendenz durch das große Drogenangebot und den Gruppendruck der Gleichaltrigen.

Doch es kann durchaus sein, dass jemand die oft schwierige Zeit der PubertĂ€t gut bewĂ€ltigt, aber in spĂ€teren Lebenskrisen ein Mißbrauchs - oder Suchtverhalten entwickelt. Es gibt in jedem Leben unabwendbare Krisenzeiten, die gleichzeitig sowohl die Chance auf gute BewĂ€ltigung und Weiterentwicklung, aber auch das Risiko des Scheiterns in sich bergen.
Lebenskrisen können sein:
    Ablösung vom Elternhaus Eintritt ins Berufsleben Probleme bei der Partnerwahl, Unzufriedenheit mit der eigen Lebensform vom Paar zur Familie - von der Dyade zur Triade - Kinder in die Partnerschaft integrieren Verlust des Partners durch Trennung, Scheidung oder Tod chronische Angst vor Arbeitsplatzverlust, Arbeitslosigkeit wenn die Kinder aus dem Haus gehen soziale Probleme wie Wohnungsverlust, Verschuldung, Existenzverlust Pensionierung eigene Krankheit oder schwere Erkrankung naher Angehöriger Migration

Aber in all diesen möglichen Lebenskrisen, von denen einige fĂŒr alle Menschen unvermeidbar sind, kommt es darauf an, wie wir damit umgehen und welche Lösungsstrategien uns zur VerfĂŒgung stehen. Die erste und wohl prĂ€gendste Lernerfahrung macht man in der Regel in seiner Kindheit und Jugend. SpĂ€tere Korrekturen und Nachlernen sind in jedem Lebensalter möglich, wenngleich sie mehr Engagement und Bereitschaft erfordern.

Gibt es Faktoren, die einer gesunden Entwicklung abtrÀglich sind?

Die Erziehung hat einen großen Einfluß auf die Entwicklung eines Menschen. Aber die Geister scheiden sich an der Frage, welcher Erziehungsstil der beste sei. Richtige Erziehung bedeutet fĂŒr jeden etwas anderes. Ein Grundwert guter Erziehung könnte die respektvolle Förderung der FĂ€higkeiten des Kindes sein, damit es sich zu einer ausgewogenen Persönlichkeit entfalten kann, die um ihre StĂ€rken und SchwĂ€chen in Liebesbeziehungen, Freundschaften und Gruppen weiß. Wie das erreicht werden kann, ist nicht in einem Rezept mit wenigen SĂ€tzen zu beschreiben. Es gibt dennoch gewisse Verhaltensweisen, die Suchtverhalten fördern oder verhindern können.

FĂŒr Suchtverhalten förderlich ist:
    wenn Kinder wenig Zuneigung erfahren und kaum auf Interesse, statt dessen auf emotionale GleichgĂŒltigkeit ihrer Lebenswelt ihren Belangen gegenĂŒber stoßen; mangelnde Konsequenz im Erziehungsstil oder bei den Vorgaben, an denen sich Kinder orientieren sollen, unvorhersehbare GroßzĂŒgigkeit oder Strenge, die keine Orientierung geben; wenn Regeln aufgestellt werden, aber nicht auf deren Einhaltung geachtet wird; wenn Jugendliche durch ĂŒbertriebene Besorgtheit und BeschrĂ€nkungen daran gehindert werden, in angemessener Weise Erfahrungen zu machen und dabei ihre StĂ€rken und auch ihre Grenzen zu erfahren.

Hat ein Kind nie gelernt "nein" zu sagen, kann es auch schwer "nein" sagen bei dem Angebot, Alkohol oder Drogen zu konsumieren. Dieses "Nein - Sagen" muss erlernt werden dĂŒrfen. Das heißt, das Kind wird möglicherweise Auseinandersetzungen mit den Eltern fĂŒhren, auch wenn sie unangenehm und anstrengend sind.
Das Vorbild von Eltern ist von großer Bedeutung. Von ihnen erlernt das Kind erstmals den Umgang mit Rauschmitteln. Es wird neugierig und lernbegierig den Umgang der Eltern mit Alkohol, Nikotin oder auch mit bestimmten Medikamenten beobachten.
Das Vorbild und der Gruppendruck im Freundeskreis ist ab dem Jugendalter hĂ€ufig von großer Bedeutung, denn neben dem Elternhaus hat vor allem der Freundeskreis großen Einfluß auf Jugendliche. Die Bewertung, die Anerkennung durch die Clique und die Freunde zĂ€hlt meist mehr als die EinschĂ€tzung und die Meinung der Eltern. Im Freundeskreis finden auch die ersten "Experimente" mit Drogen statt. Das erste geheime Zigarettenrauchen, der erste Schluck Alkohol sind wichtige pubertĂ€re Rituale, die es seit Jahrhunderten gibt. Nun ist entscheidend, ob das Kind gelernt hat, sich gegen sozialen Druck und Gruppennormen durchzusetzen und auch einmal "nein" zu sagen, obwohl die anderen zu einer Handlung auffordern. Die meisten Jugendlichen sind bei der Suche nach einer eigenen IdentitĂ€t sehr neugierig auf verschiedene Lebensmöglichkeiten. Besonders reizvolle Vorbilder sind dabei hĂ€ufig Menschen, die die Werthaltung der Eltern in Frage stellen. Das erklĂ€rt die vorĂŒbergehend oft sehr große Anziehungskraft von Randgruppen fĂŒr Jugendliche aus "ordentlichem" Elternhaus. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, dass die Jugendlichen Akzeptanz, Halt und wohlmeinende Auseinandersetzung erfahren. Eltern sollten jedoch nicht versuchen, die Freunde ihres Kindes prinzipiell schlecht zu machen. Sie können den sozialen Umgang ihres Kindes nicht mehr bestimmen. Wichtig ist es, mit elterlicher FĂŒrsorge das soziale Leben des Kindes zu beobachten und eine gute GesprĂ€chsbasis zu erhalten. Wenn die Jugendlichen das Vertrauen haben, bei ernsten Problemen mit der Hilfe ihrer Eltern rechnen zu können, werden sie diese im Erntfall auch annehmen. Rechnen Jugendliche aber nur mit Strafe, Entwertung und Ablehnung, werden sie ihre soziale Orientierung immer weiter weg vom Elternhaus suchen.

Vorbildhaltung

Es kann durchaus sein, dass Kinder von Eltern, deren Umgang mit Rausch - und Suchtmitteln vorbildlich ist, trotzdem Drogen konsumieren. Drogenkonsum kann auch der (vorĂŒbergehende) Versuch eines Jugendlichen sein, sich von der Welt der Erwachsenen abzugrenzen, um zu zeigen, dass er mit ihr nicht einverstanden ist und anders leben möchte. Oft werden illegale Drogen in der Jugendkultur konsumiert, um sich vom legalen Drogenkonsum der Erwachsenen (Medikamente, Alkohol und Nikotin) abzuheben.

Ursachen der AlkoholabhÀngigkeit

Um die Entstehung der AlkoholabhĂ€ngigkeit zu erklĂ€ren werden zwei unterschiedliche Modelle herangezogen: Aus biologisch - medizinischer Sicht ist Alkoholismus die Folge genetischer Dispositionen und Stoffwechselabweichungen im Gehirn. Aus soziologisch - psychologischer Sicht ist sĂŒchtiges Trinken die Folge seelischer Verletzungen und ungĂŒnstiger sozialer Bedingungen.
Die Grundfrage lautet also: Wird man als Trinker geboren oder erst dazu gemacht? Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Man geht davon aus, dass sich bei Alkoholismus biologische, psychologische und soziale Faktoren in sehr komplexer Form gegenseitig beeinflussen.

Genetische Veranlagung und biochemische Prozesse

Schon seit Anfang der achtziger Jahre ist bekannt, dass es bei einem kleinen Teil der westeuropĂ€ischen und weißen nordamerikanischen Bevölkerung genetisch bedingte Abweichungen bei der sogenannten Alkoholdehydrogenase (ADH) gibt, die fĂŒr den Stoffwechselprozeß, durch den Alkohol im Körper chemisch abgebaut wird, von zentraler Bedeutung ist. Bei Ostasiaten ist diese Abweichung die Regel. Da die ADH beim Abbau von Alkohol eine entscheidende Rolle spielt, lag die Vermutung nahe, dass genetische Faktoren auch bei der Entstehung von AlkoholabhĂ€ngigkeit von Bedeutung sind.
Inzwischen hat die Forschung der biochemischen VorgĂ€nge im Gehirn weitere Erkenntnisse gebracht. Es gibt Menschen, in deren Gehirnstoffwechsel weniger oder unregelmĂ€ĂŸiger sogenannte Botenstoffe (Neurotransmitter) wie Gaba (Gamma - AminobuttersĂ€ure), Endorphine, Serotonin und Dopamin zirkulieren, die fĂŒr unser Wohlbefinden zustĂ€ndig sind. Diese Menschen haben stĂ€rkere Stimmungsschwankungen als andere und sind unter AbhĂ€ngigen ĂŒberreprĂ€sentiert. Eine genetische Disposition hierfĂŒr liegt wahrscheinlich bei einem Teil der Bevölkerung vor.
Durch Drogen wie Alkohol gelingt es den Konsumenten, die Produktion einiger dieser "WohlfĂŒhl" - Botenstoffe anzuregen, die Bildung anderer Botenstoffe wie beispielsweise Glutamat (das fĂŒr die Erregung zustĂ€ndig ist) zu dĂ€mpfen und kĂŒnstlich ein stĂ€rkeres WohlgefĂŒhl herzustellen. Suchen Alkoholkonsumenten diese Stimmungsaufhellung zu oft, tritt eine Gewöhnung - Toleranzsteigerung genannt - ein. Sie bewirkt, dass das Gehirn, wahrscheinlich um sein altes Gleichgewicht wiederzufinden, immer weniger positive und immer mehr negative Botenstoffe von sich aus produziert. FĂ€llt die Suchtmittelzufuhr weg, wird die starke Unter - bzw. Überversorgung als extremes Unwohlsein empfunden. Dadurch entsteht wahrscheinlich das Verlangen nach erneuter Zufuhr des Suchtmittels: Der AlkoholabhĂ€ngige muss wieder trinken, um sich "normal" zu fĂŒhlen.
Die diesem Mechanismus zugrunde liegenden VorgĂ€nge sind allerdings sehr komplex und lange noch nicht endgĂŒltig geklĂ€rt. Besonders die verbreitete Behauptung, dass bestimmt Gene erwiesenermaßen Alkoholismus verursachen, ist eine unzulĂ€ssige Vereinfachung. Man kann bestenfalls davon sprechen, dass genetische Komponenten bei Suchterkrankungen wahrscheinlich mitwirken. Aufgrund des heutigen Wissenstands lĂ€sst sich Folgendes sagen: SuchtgefĂ€hrdung entsteht aus einer Vielfalt von Kombinationen zwischen Vorveranlagung und Risikofaktoren. Bei einem Teil der Bevölkerung gibt es Hinweise fĂŒr eine genetische Vorveranlagung (PrĂ€disposition) zu emotionaler LabilitĂ€t, die mit einer höheren SuchtgefĂ€hrdung einhergeht. Das Zusammenwirken biologischer und sozialer Faktoren lĂ€sst sich vergleichen mit einer Vorveranlagung fĂŒr Krebs, Diabetes, Rheuma, Allergien und andere Stoffwechsel - oder Immunstörungen, die als Krankheit jedoch erst auftreten, wenn sie durch extreme Faktoren ausgelöst werden.
Allerdings gibt es auch Menschen, die wahrscheinlich keine Vorveranlagung zur SuchtgefĂ€hrdung mitbringen und trotzdem abhĂ€ngig werden. Sie wurden wahrscheinlich im Laufe ihres Lebens sehr vielen Risikofaktoren ausgesetzt. Wenige Menschen werden offensichtlich selbst bei einer stark mit Alkohol verknĂŒpften LebensfĂŒhrung nicht suchtkrank, wie beispielsweise viele Weinbauern.

Psychosoziale Risikofaktoren

FĂŒr viele Menschen sind schwierige Lebenssituationen, scheinbar unĂŒberwindbare Probleme in Beruf und Familie oder extreme Erfahrungen in der Vergangenheit die Auslöser dafĂŒr, dass sie in AlkoholabhĂ€ngigkeit geraten. Sie werden von Fachleuten als psychosoziale Risikofaktoren bezeichnet.
Wichtige Erkenntnisse in dieser Hinsicht brachte eine Langzeitstudie der UniversitĂ€t Berkeley in Kalifornien. Die Forscher hatten bei cirka 1000 Personen von deren dritten bis 18.Lebensjahr gezielt die ZusammenhĂ€nge zwischen Persönlichkeitsentwicklung und spĂ€terem Suchtmittelgebrauch untersucht. Sie konnten die 18 - jĂ€hrigen Personen schließlich in etwa drei gleich große Gruppen unterteilen:

    Ein Drittel der untersuchten Personen ließ sich als Gelegenheitskonsumenten bezeichnen. Sie nahmen hin und wieder Suchtmittel wie Alkohol zu sich, waren aber nur in geringem Maße suchtgefĂ€hrdet. Ein Drittel nahm hĂ€ufig Suchtmittel zu sich und musste als gefĂ€hrdet bis abhĂ€ngig eingestuft werden. Ein Drittel lebte fast oder vollstĂ€ndig abstinent.

Betrachtet man nun die Persönlichkeitsentwicklung dieser drei Gruppen, fĂ€llt Folgendes auf: Das Drittel der Gelegenheitskonsumenten wies in der Regel ĂŒber den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg positive Merkmale auf. Die Betroffenen schienen als Kinder und Heranwachsende relativ glĂŒcklich gewesen zu sein und stammten aus intakten Familien. Sie wiesen ein gutes SelbstwertgefĂŒhl auf, waren sozial akzeptiert sowie lebens - und experimentierfreudig, wozu offensichtlich auch das gelegentliche Experimentieren mit Suchtmitteln gehörte.
Bei den anderen beiden Dritteln war dies ganz anders: Sowohl die SuchtgefĂ€hrdeten als auch die Abstinenzler fielen durch geringes SelbstwertgefĂŒhl, EinzelgĂ€ngertum und andere soziale und emotionale Schwierigkeiten auf. Außerdem stammten sie ĂŒberwiegend aus schwierigen FamilienverhĂ€ltnissen, wo das Suchtproblem kein Fremdwort war. Vereinfacht gesagt schienen sie als Kinder und Heranwachsende eher unglĂŒcklich gewesen zu sein. Beide reagierten aber bezĂŒglich der SuchtgefĂ€hrdung völlig gegensĂ€tzlich. Die einen benutzten Suchtmittel und versuchten dadurch, ihre emotionalen und sozialen Probleme in den Griff zu bekommen. Sie waren suchtgefĂ€hrdet. Die anderen spĂŒrten oder erkannten anscheinend ihre potentielle SuchtgefĂ€hrdung und reagierten mit großer Vorsicht oder Abstinenz.

Herkunftsfamilie

Man weiß heute, dass viele Alkoholiker aus Alkoholikerfamilien kommen. Dabei lĂ€sst sich nicht klĂ€ren, ob das Kind einer Alkoholikerfamilie beim Heranwachsen so vielen psychosozialen Risikofaktoren ausgesetzt ist, dass es mit höherer Wahrscheinlichkeit alkoholkrank wird, oder ob es diesem Schicksal nur schwer entgehen kann, weil die genetische Veranlagung so bestimmend ist. Beides wirkt zusammen; zu beeinflussen sind allerdings nur die Risikofaktoren, von denen die familiĂ€ren UmstĂ€nde offensichtlich mit die grĂ¶ĂŸere Rolle spielen, wie zahlreiche Beispiele zeigen.
Die Risikofaktoren in solchen "Herkunftsfamilien" sind der Mangel an Zuneigung, fehlende konstruktive Auseinandersetzungen, vorgelebter Suchtmittelmißbrauch und extrem widersprĂŒchliches Verhalten, wenn die Eltern den Kindern gegenĂŒber nur unter Alkoholeinfluß liebevoll sind und sonst weder Zeit noch Liebe in die Eltern - Kind - Beziehung investieren.
Konflikte werden meist nicht geklĂ€rt, sondern so lange verdrĂ€ngt, bis der Druck sich irgendwann entlĂ€dt, was dann Gewalt und den Mißbrauch von Medikamenten, um die unerwĂŒnschte Situation zu verdrĂ€ngen, zur Folge hat. Die Kinder in solchen Familien sind ratlos, fĂŒhlen sich hĂ€ufig schuldig und lernen, aus Angst vor derartigen Auseinandersetzungen ihre eigenen Konflikte ebenfalls so lange vor sich her zu schieben, bis das Faß ĂŒberlĂ€uft und die Wut und die EnttĂ€uschung mit den falschen Mitteln bekĂ€mpft wird.
Aber nicht nur unerklĂ€rliche Stimmungsschwankungen, lange Zeit verdrĂ€ngte und dann eskalierende Konflikte, Mißbrauch von Alkohol und anderen Suchtmitteln wirken sich ungĂŒnstig auf die Entwicklung von Kindern aus. Auch mangelnde Zuwendung oder ÜberbehĂŒtung, UnzuverlĂ€ssigkeit und viele andere fĂŒr Problemfamilien typische Erscheinungen belasten die Kinder emotional und fördern suchttypische Verhaltensweisen. Auf dieser Basis entstehen Ängste, geringes SelbstwertgefĂŒhl, Hemmungen, Kontaktstörungen und weitere innere und Ă€ußere Streßfaktoren. Schließlich muss ein solches Kind nur noch die lindernde Wirkung von Alkohol erfahren, um seine eigene Trinkerkarriere zu beginnen.

Soziales Umfeld von Heranwachsenden

Bereits im Kindergartenalter imitieren manche Kinder das dominante Gebaren ihrer Eltern oder anderer Vorbilder und verstecken dahinter ihr geringes SelbstwertgefĂŒhl, Scham und Ängste. Andere Kinder mit Ă€hnlichen emotionalen Unsicherheiten orientieren sich daran, denn das Verhalten ihrer "starken" Vorbilder erscheint durchaus erfolgversprechend. Anstatt sich gegenseitig die Ängste vor Bloßstellung, vor Versagen und vielen verschiedenen Situationen, versuchen viele Jugendliche die anderen mit Statussymbolen zu beeindrucken und unverwundbare StĂ€rke nach außen hin zu demonstrieren. Die meisten von ihnen versuchen mit einem "altbewĂ€hrten" Mittel ihre inneren Unsicherheiten und Ängste zu ĂŒberspielen und nach außen hin souverĂ€n und "cool" zu wirken - dem Alkohol ZusĂ€tzlich fördern Trinkgelage im Freundeskreis die GruppenidentitĂ€t und sorgen dafĂŒr, dass sich besonders Jugendliche mit labilem Selbstbewußtsein und hoher SuchtgefĂ€hrdung zusammenschließen.

Gesamtgesellschaftliche Situation

WĂ€hrend die heutige Situation in den wohlhabenden LĂ€ndern davon geprĂ€gt ist, dass Alkohol leicht verfĂŒgbar und attraktiv ist, wird in den Ă€rmeren Regionen und Gesellschaftsschichten nach wie vor das Elend in Alkohol ertrĂ€nkt.
Ersatzhandlungen prÀgen vielfach das Leben; tiefergehende und langfristige menschliche Beziehungen, die in stabilen sozialen Gemeinschaften entstehen, werden immer seltener. Die auf eine Vielzahl von Kontakten und kurzfristigen Lustgewinn ausgelegten Beziehungen zwischen "sehr flexiblen" Singles werden dagegen immer hÀufiger und der Alkohol wirkt hier kontaktfördernd und enthemmend.



Berufliche Situation

Streß wie Arbeitsplatzunsicherheit oder Arbeitslosigkeit, dauernde Über - oder Unterforderung, schwierige Chefs, Kollegen - oder Mitarbeiter - Mobbing, unklare Anforderungen, hoher Leistungsdruck, Eintönigkeit oder zu hĂ€ufiger Jobwechsel, wird nur allzu hĂ€ufig mit Alkohol zu verdrĂ€ngen versucht.
Schichtarbeiter, die große Schwierigkeiten haben, auf Dauer ihren Wach - Schlaf - Rhythmus den Vorgaben anzupassen, neigen eher dazu, Alkohol und andere Substanzen zur Steuerung ihres Schlafes und ihres Wohlbefindens einzusetzen. Ähnliches gilt fĂŒr Manager, die stĂ€ndig in der Welt herumfliegen und dabei oft erhebliche Zeitunterschiede verkraften mĂŒssen, ohne sich entsprechende Anpassungszeiten zu gönnen.
FĂŒr Vertreter und anderer Vertriebsleute sind gute Kontakte das wichtigste Kapitel, und Alkohol erleichtert beides ungemein.
Politiker sind stĂ€ndig auf EmpfĂ€ngen und Versammlungen, bei denen getrunken wird. Außerdem leiden sie darunter, dass ihre Arbeits - und Lebensziele so schwer plan - und faßbar sind. Jeder in diesem Beruf steht unter stĂ€ndiger kritischer Beobachtung und kennt den Erfolgsdruck, die Angst vor dem Versagen und sicher auch das GefĂŒhl der Einsamkeit trotz vieler Kontakte. Ähnliches gilt fĂŒr Unternehmer, Unternehmensberater, Journalisten und viele andere mehr.("Risikoberufe")
In der heutigen Zeit ist jedoch kein Berufszweig mehr ausgenommen von zunehmenden Anforderungen und Streß; daher kann die berufliche Situation fĂŒr alle zum GefĂ€hrdungspotential werden.

Wenn man also dem PhĂ€nomen Sucht verstĂ€ndnislos gegenĂŒbersteht, so ist das nicht verwunderlich. Bis heute ist es nicht genau gelungen, die Frage der Suchtentstehung in einer allgemein gĂŒltigen Form zu beantworten. Lange Zeit hat man angenommen, dass es einen bestimmten Persönlichkeitstyp oder bestimmte psychische Störungen gibt, die fĂŒr die Suchtentstehung verantwortlich sind. Durch wissenschaftliche Forschungen konnte belegt werden, dass es weder einen suchtspezifischen Persönlichkeitstyp gibt noch einen typische "Suchtfamilie". Man hat herausgefunden, dass es nicht eine Ursache fĂŒr sĂŒchtiges Verhalten gibt, sondern dass eine Vielzahl von Faktoren, die in dem meistens mehrere Jahre dauernden Prozeß einer Suchtentwicklung zusammenwirken, darĂŒber entscheiden, ob jemand Suchtprobleme bekommen wird oder nicht. Im Einzelfall - und jede betroffene Familie ist ein Einzelfall - gilt es, durch eigene Überlegungen oder in einer Behandlung das individuelle Zusammenspiel der wesentlich beteiligten Faktoren zu erfassen.

Quellen:

Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Machleidt, Bauer, Lamprecht, Rose, Dachser
Zum Thema Sucht
BroschĂŒre des Bundesministeriums fĂŒr soziale Sicherheit und Generationen
Alkohol - Kein Problem?
Klaus Dietze und Manfred Spicker

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