Zivile Konfliktbearbeitung

ZIVILE KONFLIKTBEARBEITUNG

"Die Parteien einer Streitigkeit, deren Fortdauer geeignet ist, die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit zu gef√§hrden, bem√ľhen sich zun√§chst um eine Beilegung durch Verhandlung, Untersuchung, Vermittlung, Vergleich, Schiedsspruch, gerichtliche Entscheidung, Inanspruchnahme regionaler Einrichtungen oder Abmachungen oder durch andere friedliche Mittel eigener Wahl."
(Artikel 33 Absatz 1 der UN - Charta)

Mit dem Ende der bipolaren Weltordnung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg manifestierte und welche unzweifelhaft als das pr√§gende Element internationaler Beziehungen zu bezeichnen ist, steht auch heute noch, bald zehn Jahre nach der ‚Wende‘, die Menschheit vor vielen offenen Fragen √ľber die Neugestaltung dieser Beziehungen. Der anf√§nglichen Euphorie √ľber die √úberwindung des Kalten Krieges und der sich daraus ergebenden Hoffnungen auf eine friedliche und friedliebende Welt ohne gegenseitige Angriffspotentiale ist l√§ngst Ern√ľchterung und Ratlosigkeit gewichen. "Die lange Zeit gehegten Hoffnungen auf eine friedliche Entwicklung erf√ľllten sich nicht." (Westphal/Arenth, 1994: 37) Im Gegenteil: Mit dem Auseinanderbrechen dieser √ľber Jahrzehnte w√§hrenden zwar wenig zufriedenstellenden, aber eben auch √ľberschaubaren und disziplinierenden Konstellation der Weltbeziehungen scheinen nun wie auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion Konflikte verst√§rkt zu Tage zu treten - oder besser: latente Konflikte virulent zu werden - die der gro√üe Konflikt zwischen den beiden Systemen und ihre jeweilig implizierten Anschauungen √ľber eine politische Staatsgestaltung (mit entsprechend abgeleiteten imperialistischen Handlungen) verdecken konnte. Hiermit tritt eine Verlagerung der Konfliktebene ein: Waren zuvor die Spannungen und Drohungen oftmals an Staats - und an Paktgrenzen festzumachen, handelt es sich bei Konflikten, wie sie heute vielerorts zu beklagen sind, um ethnische Auseinandersetzungen, die entweder innerhalb eines Staates oder √ľber Staatsgrenzen hinweg (Kurdenproblematik) stattfinden.[1] In beiden F√§llen aber ist die entscheidende Gr√∂√üe nicht mehr der Staat oder ein Milit√§rpakt, sondern die einzelne Ethnie und die Probleme ihrer Integration innerhalb eines Staatengebildes.
Mit dieser neuen Situation und den neuen Herausforderungen stellt sich die Frage, ob die Institutionen aus der √Ąra des Kalten Krieges grunds√§tzlich und insbesondere in der vorliegenden Form geeignet erscheinen, Konflikte international zu bearbeiten. Andersherum gefragt: Mu√ü sich nicht der Wandel in den internationalen Beziehungen von historischer Dimension auch auf die Institutionalisierung und dem Instrumentarium der Konfliktbearbeitung niederschlagen?

Diese Arbeit stellt vor dem Hintergrund dieser Frage den Ansatz der zivilen Konfliktbearbeitung dar, die sich als Alternative zu militärischen Denkweisen begreift und deren theoretische und konzeptionelle Grundlegung vor allem in den letzten Jahren das zentrale Handlungsfeld der Friedensbewegten gewesen ist (vgl. hierzu Buro 1998). Im ersten Abschnitt wird dargestellt, wie breit dieser Ansatz ausgehend von einem positiven Friedensbegriffs angelegt ist. Die damit verbundenen Probleme werden hierbei angesprochen. Nach dem der Ansatz charakterisiert wurde wird darauffolgend im zweiten Abschnitt einzelne Elemente und Instrumente der zivilen Konfliktbearbeitung beschrieben. Der dritte Abschnitt hat das (schwierige) Verhältnis von Nichtregierungs - Organisationen (NGOs) und "offizieller Seite" zum Gegenstand und fragt, ob ein Gegeneinander - durch ein verstärktes Miteinander von staatlichen und gesellschaftlichen Kräften ersetzt werden sollte. Im vierten Abschnitt schließlich wird erörtert, warum die zivile Konfliktbearbeitung als Handlungsoption inadäquat wenig Beachtung findet.


1. ‚Ganzheitlichkeit‘ des Ansatzes ziviler Konfliktbearbeitung


Kennzeichnend f√ľr den zivilen Ansatz der Konfliktbearbeitung ist seine ‚ganzheitliche‘ Herangehensweise. "F√ľr alle Konfliktl√∂sungsversuche gilt, dass sie auf die Wirkung von Kommunikation, von Information, Schlichtung und Vermittlung setzen und dass sie die Werte, die es durchzusetzen gilt - Menschen - und B√ľrgerrechte als Grundlage von Gruppenrechten, gewaltfreier Konfliktaustrag, Demokratie, Respektierung kultureller Heterogenit√§t und eine √∂kologisch verantwortliche Lebens - und Produktionsweise -, zugleich als Mittel nutzen." (Merkel, 1993: 37). Insgesamt versucht man, fr√ľhzeitig einzuschreiten, was wiederum ein Wissen um die typischen Konfliktabl√§ufe voraussetzt. Gefordert wird in diesem Zusammenhang ein Fr√ľhwarnsystem auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.
In gleicher Weise wir aber auch auf die Friedenskonsolidierung gro√üer Wert gelegt, quasi als Pr√§vention f√ľr den n√§chsten Krieg in der gleichen Sache. Im eskalierten Konflikt selbst gibt es neben direkten vor Ort zu vollziehenden Ma√ünahmen auch indirekt flankierende (Forderungen an) Politiken wie der Asylpolitik oder hinsichtlich der Aufnahme von Deserteuren.

    Positiver Friedens - und umfassender Gewaltbegriff

Im Gegensatz zum traditionellen, negativen Friedensbegriff, nach dem Frieden als Abwesenheit von Krieg verstanden wird, liegt bei den Verfechtern der zivilen Konfliktbearbeitung ein umfassender, positiver Friedensbegriff zur Grunde: "Frieden ist mehr als der blo√üe Zustand des Nicht - Krieges. Grundlage des Friedens sind die Menschenrechte. D.h. Menschenrechtsverletzungen aller Art, Terror und Willk√ľr, Folter und Sklaverei, Hunger und Massenelend, kurz: personelle und strukturelle Gewalt in ihrem ganzen Spektrum, sind mit Frieden unvereinbar." (Lutz, 1987 nach Maier 1993: 14f.)
Bei diesem breiten Verst√§ndnis von Frieden wird unmittelbar ersichtlich, wie umfassend sich die Aufgabe demjenigen stellt, der eben diesen solcherart definierten Frieden herzustellen beabsichtigt. Klar wird, dass das Ziel Frieden in dieser Lesart eine Querschnittsaufgabe verschiedenster staatlicher und gesellschaftlicher Felder ist. Entscheidend dabei: Der Fokus der Konflikte wird zeitlich nach vorne verschoben. Liegt ein negativer Friedensbegriff zur Grunde, wird ein Konflikt erst dann f√ľr die viel beschworene internationale Gemeinschaft ‚interessant‘, wenn dieser bereits mit Waffengewalt ausgetragen wird. Wird demgegen√ľber personelle und strukturelle Gewalt als unvereinbar mit einer wirklichen Friedensordnung angesehen, so ergibt sich die M√∂glichkeit, pr√§ventiv einen potentiell mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikt zu begutachten und ggf. einzugreifen.

    Koppelung mit umfassender Abr√ľstung

Charakteristisch f√ľr viele Vertreter einer verst√§rkten Anwendung ziviler Konfliktbearbeitungsstrategien ist die Koppelung der Thematik mit der Forderung nach Abr√ľstung. So gibt es die Initiative "F√ľnf f√ľr Frieden", die auf das R√ľstungs - Informationsb√ľro Baden - W√ľrttemberg (RIB) zur√ľckgeht. Die Idee: "M√∂glichst viele Staaten reduzieren vertraglich bindend ihre Verteidigungs - und R√ľstungsausgaben j√§hrlich um 5% und verwenden die freiwerdenden Gelder nach einem festgelegten Schl√ľssel f√ľr abr√ľstungspolitische Aufgaben (Standort - und R√ľstungskonversion, zivile Konfliktbearbeitung, Zivile Friedensdienste) sowie f√ľr internationale Aufgaben der Armutsbek√§mpfung und der Entwicklungshilfe. W√§hrend der Verteidigungshaushalt allm√§hlich - und vorhersagbar - abnimmt, steigt in gleichem Ma√üe der Abr√ľstungsetat. Dadurch kann Abr√ľstung sozialvertr√§glich gestaltet werden."[2] Deutlich wird an typischen Stellungnahmen wie diesen, dass zivile Konfliktbearbeitung nicht singul√§r betrachtet wird. Es wird ein Paradigmenwechsel eingefordert, bei dem nicht nur das ‚Pro‘ f√ľr die zivile Seite, sondern untrennbar auch das ‚Contra‘ f√ľr die milit√§risch gepr√§gten Strategien steht. Hier wird allgemein auf Abr√ľstung gesetzt, aber auch die Problematik der R√ľstungsexporte - zumal in die L√§nder, in denen Konflikte bestehen wie in Indonesien und T√ľrkei - wird in diese √úberlegung mit einbezogen und macht damit auf die Verantwortlichkeit der exportierenden L√§nder aufmerksam. Das ‚Nein‘ zum Milit√§r wirkt wiederum - einem konstruktivem Mi√ütrauensvotum √§hnlich - auf die Ausarbeitung der zivilen Konzepte zur√ľck: "Ernsthafte Abr√ľstungsschritte w√ľrden nur durchsetzbar sein, wenn es gel√§nge, eine √ľberzeugende Alternative zum milit√§rischen Konfliktaustrag zu entwickeln." (Buro, 1998: 136)

c) Zivile Konfliktbearbeitung als gesellschaftlicher Zivilisierungsprozeß

Die Evangelische Kirche Berlin - Brandenburg hat es im Zuge der Errichtung eines Zivilen Friedensdienstes (siehe 2e)) auf den Begriff gebracht, was der Grundgedanke bei der zivilen Konfliktbearbeitung ist: Es geht um die "Alphabetisierung in gewaltfreier Konfliktaustragung".[3] Tr√§ger von ziviler Austragung von Konflikten muss ein Jeder sein, die Verantwortung hierf√ľr ist nicht auf staatliche Kr√§fte begrenzt. Damit wird die Aufgabe teilweise verlagert von einer Weltpolitik zu einer der P√§dagogik: In den Bildungseinrichtungen soll gelernt werden, welche Mittel es gibt, Konflikte friedlich zu l√∂sen.
Auch Ans√§tze wie Senghaas‘ "therapeutische Konfliktintervention" - die versucht, den Konfliktparteien √ľber die objektiven und subjektiven Ursachen und √ľber die eskalationstr√§chtige Konfliktdynamik aufzukl√§ren, um die autistische Feindschaft zu durchbrechen - gehen davon aus, dass der einzelne, mit entsprechender Hilfestellung von Au√üen, in der Lage ist, Dinge gedanklich zu durchdringen und in der Folge eine √Ąnderung der Handlungen herbeizuf√ľhren. Insgesamt hat der Ansatz der zivilen Konfliktbearbeitung sehr viel mit den Idealen der Aufkl√§rung gemein, da er von der Kraft der Vernunft ausgeht und glaubt, Situationen mit ihrem Einsatz verbessern zu k√∂nnen. Daher geht es den F√ľrsprechern der zivilen Alternative auch h√§ufig um die Rahmenbedingungen die notwendig sind, diesen Geist frei auszubilden. So wird er mit einem umfassenden Demokratieverst√§ndnis gekoppelt; dem Einzelnen muss es beispielsweise m√∂glich sein, frei eine Meinung zu bilden. Eine Pers√∂nlichkeit, die sich auf das eigene Denken besinnt, ist eher immun gegen√ľber medialer Desinformation, etwa dann, wenn von Kriegsherren die ethnische Karte gespielt wird.
d) "Normative √úberfrachtung?"

Das Problem dieser ganzheitlichen Herangehensweise besteht in der Gefahr einer "normativen √úberfrachtung" des Konzeptes der zivilen Konfliktbearbeitung.[4] Wenn der Frieden etwa von einer umfassenden inner - und interstaatlichen Gerechtigkeit abh√§ngig gemacht wird und damit von Mi√üst√§nden, die organisatorisch - wenn √ľberhaupt - nur sehr langfristig in den Griff zu bekommen sind, so kann es den Blick f√ľr das Instrumentarium und die Optionen bei konkret vorliegenden Konflikten verdecken. Der Ansatz der zivilen Konfliktbearbeitung droht dann schnell, aufgrund seines allumfassenden Anspruchs beliebig und auf das konkrete Beispiel bezogen schlecht anwendbar zu werden.
Problematisch ist aber vor allem die Verbindung ziviler Konfliktbearbeitungsstrategien mit fundamentaler Staats - und Imperialismuskritik wie z.B. von Narr (1997) hergestellt wird: "F√ľr die Friedensbewegung hat sich so im Laufe weniger Jahre neben der Kritik von R√ľstung und milit√§rischer Formierung der Au√üenpolitik, der versch√§rften kapitalistisch bedingten Produktion von Ungleichheit und darin enthaltener Aggression die Entfaltung von Konzept und Ans√§tzen ziviler Konfliktbearbeitung als zweite gro√üe Aufgabe hinzugesellt [neben der Abr√ľstung, H.P.]."[5] Die R√ľckbindung der Frage nach milit√§rischen Ans√§tzen mit allgemeiner Kapitalismus - und Herrschaftskritik erscheint ungeachtet der Frage, ob diese Sichtweise eine sinnvolle Interpretation der Weltlage darstellt oder nicht, wenig geeignet zu sein, die Instrumente ziviler Konfliktbearbeitung einem breiteren Publikum vorzustellen und als Alternative schmackhaft zu machen. Die Ideen der zivilen Konfliktbearbeitung sollten aus diesem Grund vom Dunstkreis des Utopischen befreit werden.


2. Bausteine einer zivilen Konfliktbearbeitung


Als eine gute Übersicht der allgemeinen Mittel, derer sich Parteien einer Streitigkeit bedienen können, diesen friedlich beizulegen, kann der Artikel 33 der UN - Charta herangezogen werden, aus dem eingangs zitiert wurde.
Grunds√§tzlich kann man unterscheiden, ob das Instrumentarium auf innerstaatliche oder zwischenstaatliche Ebene abzielt. Bei den innerstaatlichen L√∂sungsangeboten f√ľr Konflikte k√∂nnte man wiederum eine Unterscheidung unter dem Gesichtspunkt treffen, ob sie auf die Regelung des Zusammenlebens eines multiethnischen Staates angelegt sind oder ob sie auf die gesellschaftliche Mikroebene abheben (Mediation bei Scheidungen, T√§ter - Opfer - Ausgleich u.√§.).
Vom politikwissenschaftlichen Interesse sind vor allem die Umst√§nde des Zusammenlebens mehrerer Ethnien innerhalb eines Staates. Mit Blick auf diese Situation besch√§ftigen sich Rittberger und Kittel mit den strukturellen Bedingungen f√ľr eine friedliche Konfliktregelung: "Die Integration einer Minderheit in ein Staatswesen setzt zun√§chst die Anerkennung der Eigenart dieser Minderheit und damit den Abschied von der Fiktion der ‚Einheit‘ des Staatsvolkes voraus.[6] (...) F√∂deralistische Strukturen lassen Minderheiten zu staatstragenden Teilv√∂lkern werden." (1996: 384) Eine Voraussetzung, die der ‚atomistische‘ Staat nicht erf√ľllen kann. Diesen √úberlegungen liegt der Gedanke des strukturellen Friedens zur Grunde: Einer Minderheit m√ľssen Minderheitenrechte zugestanden werden, andernfalls ist die Demokratie nach heutigem Verst√§ndnis unvollkommen, der Konflikt und sein nicht friedlicher Austrag nahezu programmiert.

a) Präventive Diplomatie

Es geh√∂rt zu den Verdiensten des ehemaligen UNO - Generalsekret√§rs Boutros - Ghali, dass er in seiner "Agenda f√ľr den Frieden" die Aufmerksamkeit neben der Friedens - Konsolidierung auf m√∂gliche Vorgehensweisen im Vorfeld bereits eskalierter Konflikte gelenkt hat. Hierzu geh√∂ren die sogenannten vertrauensbildenden Ma√ünahmen zwischen den streitenden Parteien (Vorbild hier kann die OSZE sein, die es mittels derartiger Ma√ünahmen geschafft hatte, die Konfrontation zwischen den beiden Bl√∂cken aufzuweichen), Fact - Finding - Missionen, d.h. die Entsendung von Expertengruppen in ein Krisengebiet zur unparteiischen Ermittlung der Situation (und eventuellen Vorbereitung weiterer Ma√ünahmen), der Aufbau eines Systems der Fr√ľhwarnung oder die Einrichtung entmilitarisierter Zonen. Ropers seinerseits pl√§diert f√ľr einen breiteren Ansatz und bef√ľrwortet in Erg√§nzung eine dezentral - gesellschaftlich zu organisierende Vorbeugung: "Die beste Pr√§vention w√§re es, generell die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Voraussetzungen daf√ľr zu schaffen, dass Konflikte in einer Gesellschaft √ľberhaupt ‘zivilisiert’, d.h. ohne den R√ľckgriff auf Gewalt ausgetragen werden." Es komme nicht nur darauf an, einzelne Konflikte friedlich zu regeln, "sondern darauf, die gesamte Art und Weise des Umgangs mit Konflikten zu zivilisieren." (1995: 26) Als Handlungsfelder einer nach diesen Ma√üst√§ben ausgerichteten Entwicklungspolitik bieten sich "Hilfen bei der Gestaltung demokratischer politischer Strukturen, Hilfe f√ľr die Vorbereitung von Wahlen, Unterst√ľtzung f√ľr den Aufbau von Nicht - Regierungsorganisationen, die F√∂rderung der Medienvielfalt, die Dezentralisierung der Verwaltung und (...) Hilfen f√ľr den Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen (...)." (Ebd.) Ferner geh√∂ren nach diesem integrierten Ansatz die pr√§ventive Abr√ľstung (eine Idee: Die Einf√ľhrung einer internationalen Steuer auf Waffentransfer und Abf√ľhrung der Gelder an die UNO), die Etablierung von Minderheitenrechte - auch in Form von kollektiven Minderheitenrechten (siehe oben) und die Ausweitung der klassischen Diplomatie zu einer "multi - track Diplomacy", an der neben der Staaten - auch die Gesellschaftswelt beteiligt ist.

b) Mediation

Mediation steht f√ľr Vermittlung. "Die Idee ist auf den ersten Blick einleuchtend, simpel, fast banal: ‘Wenn zwei sich streiten, schlichtet ein Dritter’". (Siehe Friedensforum, Heft 2/1995: 30). Das Verfahren wird von Unparteiischen Dritten geleitet, die von den Konfliktparteien anerkannt sein m√ľssen. Die Mediation entscheidet nicht, sondern gibt den Konfliktbeteiligten die Entscheidungskompetenz zur√ľck (vgl. K√∂nemund, 1995: 30).
Eine der wohl spektakul√§rsten per Mediation herbeigef√ľhrten Ergebnisse in den letzten Jahren war wohl das Osloer Abkommen zwischen Israel und der PLO von 1993. Der bei der Vermittlung ma√ügeblich beteiligte Holst beschreibt in einem Interview mit der "SZ", dass gerade Norwegen als ein Land, das von beiden Seiten akzeptiert wurde und selbst im Nahen Osten keine Interessen verfolgt als Mediator geeignet war.[7] Ein √§lteres Beispiel f√ľr eine erfolgreiche Vermittlungst√§tigkeit ist der 1978 von US - Pr√§sident Carter in seiner Pr√§sidentenwohnung Camp David vermittelte Frieden zwischen √Ągypter und Israel. Hier wurde nach den legitimen Bed√ľrfnisse[8] beider Seiten gefragt, um dann, nunmehr nicht konfrontativ sondern in Zusammenarbeit, nach einer tragf√§higen L√∂sung zu suchen (vgl. Boubault, 1995: 37).
Es kann auch eine unabhängige Schiedsinstanz eingerichtet oder angerufen werden, die als Vermittler von den Parteien anerkannt sein muss.

c) Wirtschafts - Embargo

Ein wirtschaftliches Embargo, wie es auch Artikel 41 der UN - Charta im Falle der Gef√§hrdung des Weltfriedens vorsieht und wie es etwa bis heute √ľber Irak verh√§ngt wird, geh√∂rt wohl zu den am weitest - drehenden Daumenschrauben im zivilen Bereich. Dabei wird allerdings auch die Gefahr gesehen, dass zum einen die Zivilbev√∂lkerung unverh√§ltnism√§√üig leidet und, eng damit verbunden, diese Ma√ünahme geeignet sein kann, den eigentlichen Konflikturhebern in die H√§nde zu spielen, denen es nun mittels etwaig kontrollierter Medien ein Leichtes sein kann, das Volk oder die Volksgruppe hinter sich zu bringen und ein Feindbild auf - respektive auszubauen. In der Diskussion dieses Instrumentes wird aus diesem Grund der (vage) Vorschlag gemacht, ein Embargo mit einer ‘√Ėffentlichkeitsintervention’[9] zu flankieren, um den Betroffenen eine M√∂glichkeit zu geben, sich aus unabh√§ngiger Quelle zu informieren. Ferner wird angedacht, mit St√∂rsendern den Verlautbarungsrundfunk zu be - oder verhindern (siehe z.B. Ropers 1995).
Neben den klassischen Sanktionsmitteln gibt es auch die Überlegung, "positive Sanktionen" wie finanzielle Hilfen zu verhängen, die es einer Partei lohnender erscheinen lässt, eine Angriffshandlung oder einen Krieg zu beenden und auf der anderen Seite unlohnend macht, den Konflikt weiter gewaltsam auszutragen (vgl. Schmillen, 1993).



d) Konsolidierung (peace building)

Der Konsolidierung als Schwerpunkt hat sich beispielsweise die katholische Friedensorganisation Pax Christi verschrieben. Hier wird von der These ausgegangen, dass ein dauerhafter Frieden nach einer kriegerischen Auseinandersetzung nur dann gewährleistet werden kann, wenn eine Nachbereitung, eine Versöhnungsarbeit stattfindet, die ein Wiederaufbrechen des Konfliktes verhindern helfen. Zudem gilt Versöhnung als eine Voraussetzung, die ein Land wie Bosnien benötigt, um sich wieder entwickeln zu können.[10]
In dem Zusammenhang der Konsolidierung ist auch die Begleitung von Fl√ľchtlingsr√ľckf√ľhrungen zu nennen, um hier das Entstehen neuer Konfliktfelder zu umgehen. Daneben gibt es auch von Seiten der UNO √úberlegungen und Versuche, B√ľrgerkriegskonflikte mittels Waffenr√ľckk√§ufen, verbunden mit Sanktionen bei Nichteinhaltung des R√ľckgabe - Stichtages, dauerhaft(er) "trocken zu legen".
Zur Konsolidierung geh√∂rt alsdann die Hilfe bei der (Wieder - ) Herstellung des Staats - und Verwaltungsapparates, beginnend mit dem Durchf√ľhren demokratischer Wahlen (z.B. OSZE in Ex - Jugoslawien, UNO in Kambodscha).

e) Ziviler Friedensdienst

Zu den infrastrukturellen Herausforderungen einer internationalen zivilen Konfliktbearbeitung geh√∂rt sicherlich die Weiterentwicklung des V√∂lkerrechts zur √úberwindung der staatlichen Souver√§nit√§t als Vorwand f√ľr die Nichteinmischung in Sachverhalte, die ihrem Wesen nach keine alleinige Staatsangelegenheiten (mehr) sind. Hier ist der ausgehandelte Vertrag zur Errichtung eines internationalen Strafgerichthofs in Rom, bei allen Unzul√§nglichkeiten im Detail, als Meilenstein zu bewerten, nicht zuletzt auch, um dem Universalismus der Menschenrechte st√§rker Rechnung zu tragen.
Insgesamt scheinen jedoch die √úberlegungen zur Schaffung einer Struktur, die es erm√∂glicht, unabh√§ngig von Ort und Zeit Konflikte erfolgversprechend auf zivile Art entgegenzutreten, bei den NGOs st√§rker vertreten zu sein als von staatlicher Politik. Die teilweise hochengagierten Gruppen sorgen unabh√§ngig von der Politik auf der Staatenebene f√ľr eine Vernetzung und einen intensiven Gedankenaustausch. Sie sind der think tank der zivilen Konfliktbearbeitung, wohl auch aus dem Grund, da Teile dieser Gruppen den staatlichen Kr√§ften ohnehin wenig Vertrauen entgegenbringen und f√ľr sie zivile Konfliktbearbeitung nur mit gesellschaftlichen Kr√§ften durchzuf√ľhren ist.
Das wohl zentrale praktische Projekt der Friedensbewegung in Europa ist der Zivile Friedensdienst (ZFD). Er wurde auf Initiative von Theodor Ebert in der Evangelischen Kirche Berlin - Brandenburg und im Bund f√ľr soziale Verteidigung (BSV) 1991/92 angesto√üen. "Sein (gemeint: ZFD, H.P.) Ziel ist, Gewalt zu verhindern und in gewaltf√∂rmige Konflikte mit den Methoden der gewaltfreien Konfliktaustragung einzugreifen. Die Freiwilligen, Frauen und M√§nner jeden Alters, sollen durch eine grundlegende mehrmonatige Ausbildung zu gewaltfreien Eins√§tzen bef√§higt werden. Der ZFD soll international vernetzt und aus Steuermitteln finanziert werden."[11] Dabei strebt die Kirche den zivilen Friedensdienst als "gleichberechtigte Alternative zum Milit√§rdienst"[12] an und versteht den ZFD als "konstruktive Antwort auf die Krise der allgemeinen Wehrpflicht". Der BSV hingegen will diesen Dienst an Stelle des Milit√§rdienstes setzen und ihn damit substituieren[13] (vgl. hierzu und zur Entwicklungsgeschichte Vogt, 1998: 59 - 62).
Das zur Konzeptentwicklung einberufene "Forum ZFD" hat inzwischen einen drei - Stufen - Plan entwickelt, an dessen Ende 100.000 Mitarbeiter in einem Zivilen Friedensdienst stehen sollen um deutlich zu machen, "dass die zivile Streitbeilegung nicht Aufgabe einiger weniger Idealisten ist."[14] Die Idee des ZFD ist inzwischen in vielen europ√§ischen L√§ndern verankert, eine erstes europ√§isches Treffen zum Gedankenaustausch fand bereits statt, die Teilnehmer waren sich "√ľber die Notwendigkeit einer europ√§ischen Vernetzung einig".[15]

Neben diesen Bausteinen ziviler Konfliktbearbeitung gibt es weitere Überlegungen, die das Vorgehen in einem bereits eskalierten Konflikt betreffen, die aber, wie zugegeben wird, bislang noch von keinem durchschlagenden Erfolg in ihrer Praxistauglichkeit bestätigt wurden. So wird in Anlehnung an die Grundidee der Peace Brigades International, die gefährdeten Personen freiwillige zivile Begleiter bereitstellt, eine "gewaltfreie Intervention" diskutiert, die als unbewaffnete Menschenmenge einer Mauer gleich zwischen einen gewaltsamen Konflikt gehen soll. Argumentiert wird, dass das Ausbleiben des Erfolges bislang an der zu geringen Anzahl an Aktivisten läge. Stellt man die Anforderungen an die Persönlichkeitsstruktur in Rechnung, die derartige Aktionen an die Beteiligten stellen, kann dies allerdings wenig verwundern.


3. Zum Verhältnis von NGOs und "offizieller Seite"

a) Schwierige Grundkonstellation

Das Verh√§ltnis zwischen den diversen NGOs und den offiziellen internationalen, vor allem aber den staatlichen Institutionen gestaltet sich als schwierig. Die zumeist aus der Pazifismusbewegung hervorgegangenen Organisationen (DFG - VK, Bund f√ľr Soziale Veteidigung, Bundesrepublik ohne Armee etc.) verbinden die Kritik an milit√§rischer Gewalt h√§ufig mit Herrschafts - und Staatskritik - - ja ihnen gilt die herrschaftliche Struktur von Staaten als Mitverursacher von Gewalt (sowohl nach innen als nach au√üen), so dass ihr in sich schl√ľssiger Umkehrschlu√ü oft lautet, dass wirkliche Friedensarbeit nur ‘von unten’ und unabh√§ngig von staatlicher Seite erfolgen kann. Gegen√ľber dem Staat gibt es ein tief verwurzeltes Mi√ütrauen, zuweilen eine offene und erkl√§rte Gegnerschaft. Das Milit√§r und sein Gebrauch wird als Mittel begriffen, staatliche Interessen durchzusetzen (was nicht immer von der Hand zu weisen ist), Diskussionen um ‘humanit√§re Interventionen’ werden als Alibi - Motiv dahinter liegender, weit weniger heroischer Motive interpretiert, die Debatte um out - of - area wird neben dem laxen Umgang mit der Mandatsfrage als Offenbarung gedeutet, nach der die NATO schlechterdings kein Verteidigungsb√ľndnis mehr sein kann und zugleich als Indiz f√ľr die eigentliche Absicht bewertet, das Milit√§rb√ľndnis f√ľr die neue Aufgabe fit zu machen, an jedem Ort dieser Welt die Interessen ihrer Mitgliedstaaten wenn n√∂tig milit√§risch durchzusetzen. Kurz: Die Voraussetzungen f√ľr eine etwaige Zusammenarbeit zwischen staatlichen Institutionen und mit Friedensarbeit befa√üten Gruppen und Organisationen sind aufgrund diametral entgegengesetzter Auffassungen, gerade bei den fundamentalen Fragen, etwa der Gestaltung einer effektiven Friedensordnung, denkbar schlecht. Ein Staat, der an seiner Armee festzuhalten beabsichtigt widerspricht dem Axiom der meisten Friedensbewegten, nach der das Bem√ľhen um zivile Konfliktbearbeitung mit der sp√§teren Option milit√§rischer Gewalt (und auch mit dem Drohen derselben) g√§nzlich unvereinbar ist. Sie wollen nicht in ein Konzept eingebunden sein, nach der bei eventuell erfolglosen zivilen Vermittlungen das Milit√§r als ‘letztes Mittel’ schlie√ülich eingesetzt wird.[16] Sie argumentieren, dass nur diese ‘Milit√§r - Logik’ Armeen legitimiert, deren mittelfristige Abschaffung aber einer der Voraussetzungen f√ľr einen dauerhaften friedlichen Umgang ist.
Charakteristisch f√ľr die Bef√ľrworter einer st√§rkeren Orientierung an ziviler Konfliktbearbeitung erscheint daher allgemein ihre Auffassung zu sein, insbesondere gesellschaftliche Kr√§fte zu st√§rken und den zivilen Umgang mit Streitigkeiten zu schulen. Ihnen schwebt vor allem ein ‚von unten‘ vor. Fast nachrangig erscheint dann die Frage, in welcher Art Konflikt diese gesellschaftlich zu erringenden Tugenden dann zum Tragen kommen.
Die Voraussetzungen eines internationalen Friedens wird in der Fähigkeit einer Gesellschaft gesehen, Konflikte regional und mit den gesellschaftlichen Kräften zu bearbeiten. Die staatliche Seite kann hiernach nur Rahmenbedingungen setzen (Gewährleistung von Minderheitenrechten u.ä.).

b) Friedensbewegte und UNO/OSZE

Nur in Ansätzen die UNO und - so weit ersichtlich - vorbehaltlos die OSZE stoßen bei den organisierten Friedensbewegten auf Akzeptanz.
Fischer nennt die Vereinten Nationen "den wichtigsten potentiellen internationalen Tr√§ger ziviler Konfliktbearbeitung" (1997: 68). Dennoch wird gegen die UNO vorgebracht, dass sie in der jetzigen Verfassung nicht in der Lage ist, diese Rolle zu bekleiden. Erfahrungen z.B. im Golfkrieg (vgl. hierzu Deiseroth 1991) oder auch die Nominierung des Generalsekret√§rs haben in der Vergangenheit gezeigt, dass die UNO - abgesehen von ihren chronischen finanzieller Problemen - nicht immer als unabh√§ngig agierender Akteur betrachtet werden kann. Sehr kritisch begleitet werden auch die Blauhelm - Eins√§tze[17] und die schwierige Konstellation zwischen humanit√§rer Hilfe, blo√üer Selbstverteidigung der Truppen und milit√§rischem Intervention. "Die Logik von der Vorrangigkeit des Milit√§rischen hat innerhalb der Vereinten Nationen inzwischen Fu√ü gefa√üt." (Fischer, 1997: 69) Mi√ütrauisch be√§ugt wird vor allem die weite Auslegung der UN - Charta hinsichtlich des Begriffs der Gef√§hrdung des Weltfriedens, der auch bei regionalen Konflikten herangezogen wird, um ‘humanit√§r - milit√§risch’ zu intervenieren.
Der Vorwurf, welcher der OSZE gemacht wird, indem n√§mlich ihr Bedeutungsverlust innerhalb einer europ√§ischen Sicherheitsarchitektur gerade im Vergleich zur NATO und zur WEU beklagt wird, trifft im Kern die europ√§isch - amerikanischen sicherheitspolitischen Entscheidungstr√§ger, die diese Situation zu verantworten haben (oder ihr wenigstens nicht tatkr√§ftig begegnen), nicht aber die Institutionen dieser Organisation und ihre Arbeit selbst. Im Gegenteil: Die √ľber Jahrzehnte entwickelten Mechanismen[18] zwischenstaatlicher Zusammenarbeit auch und insbesondere hinsichtlich der Menschenrechtsfragen dienen als Modell einer auf Kooperation angelegten Politik, die letztlich besser geeignet sei, Konflikte zu l√∂sen, als eine auf Konfrontation setzende Politik der kollektiven Verteidigung. Und tats√§chlich scheinen, zumal nach dem Ende des Kalten Krieges, diese Instrumente der l√§nder√ľbergreifenden Zusammenarbeit und das damit relativierte "Totschlagargument" der staatlichen Souver√§nit√§t ein angemesseneres, zeitgem√§√üeres Vorgehen zu sein, eine friedliche Ordnung herzustellen bzw. eine Grundlage f√ľr die zivile Vermittlung bei aufbrechenden Streitigkeiten √ľber Staatsgrenzen hinweg zu schaffen.

c) Gegen - oder Miteinander von staatlichen und gesellschaftlichen Kräften?

Das problematische Verh√§ltnis von Organisationen der Friedensarbeit und staatlicher Politik erschwert eine sinnvolle Zusammenarbeit. Dabei kann weder staatliches Handeln noch eine Vernetzung gesellschaftlicher Gruppen allein die Probleme l√∂sen. Insgesamt muss ein ‘von unten’ und ein ‘von oben’ zusammenkommen, um langfristig ein Netzwerk der zivilen Konfliktbearbeitung international zu etablieren. Denn einerseits kann die notwendige gesellschaftliche Verankerung nur durch vor Ort verwurzelte und akzeptierte Gruppen gew√§hrleistet werden. Wildberger sieht die Rolle der NGOs als Andockpunkt bei einer Streitvermittlung: "Als unabh√§ngige Organisationen sind NGOs erstens nicht von der offiziellen Einwilligung der Konfliktregierungen und - parteien abh√§ngig. In Guatemala oder El Salvador zum Beispiel konnte die UNO ihre Friedensmissionen erst nach der Aufnahme offizieller Friedensverhandlungen beginnen. Demgegen√ľber gen√ľgte den NGOs die Einladung von betroffenen Gruppen aus der Bev√∂lkerung. Dank ihrem internationalen Hintergrund mussten die Regierungen sie einigerma√üen dulden. So k√∂nnen NGOs mithelfen, Gewalt einzud√§mmen und das Klima f√ľr offizielle Friedensschritte und UNO - Missionen vorzubereiten."[19]
Zur Verstetigung zivilen Engagements erscheint es auf der anderen Seite hilfreich, wenn von staatlicher Seite oder von Seite einer offiziellen internationalen Organisation eine Moderationsrolle √ľbernommen wird. Zudem sind Regierungen in Konflikten in der Regel zentrale Akteure und ein Friedensschlu√ü ohne sie kaum m√∂glich.
Eine von Spenden unabh√§ngige ‘Basis - Institutionalisierung’ ziviler Konfliktbearbeitung erscheint nur √ľber den offiziellen Weg erreichbar. Dar√ľber hinaus ist der von pazifistischer Seite eingeforderte Paradigmenwechsel von milit√§rischer Intervention zur zivilen Konfliktbearbeitung auch hinsichtlich der finanziellen Aufwendungen nur von den √ľber diese Mittel Verf√ľgenden tatkr√§ftig einzuleiten.[20]


4. Wahrnehmungsdefizit hinsichtlich der zivilen Konfliktbearbeitung

Die heutige Situation spiegelt ein Mißverhältnis wider: Obwohl der zivilen Bearbeitung von Konflikten (auch völkerrechtlich; siehe Kapitel VI und VII der UN - Charta) der militärischen vorzuziehen ist, fristet die Debatte um die zivile Streitbeilegung im Vergleich zur militärischen ein Schattendasein.
Die These, die hier vertreten werden soll ist die, dass dieser Umstand weniger an der vermeintlichen Erfolglosigkeit ziviler Konfliktl√∂sungsstrategien liegt, sondern vielmehr an der wenigen Popularit√§t, die diesen Fragen in der √Ėffentlichkeit, aber auch bei den staatlichen Institutionen zukommt.[21] Weiter zugespitzt: Das Problem der Frage nach der zivilen Alternative, Konflikte zu l√∂sen, ist im Kern weniger ein Anwendungsproblem als vielmehr ein Bekanntheits - und in seiner Folge Akzeptanzproblem.
Die Diskussion dar√ľber, ob Milit√§rinterventionen notwendig sind √ľberlagert √úberlegungen dar√ľber, wie Konflikte zivil zu l√∂sen sind. Das scheint vor allem damit zu tun zu haben, dass die Diskussion erst in Verbindung mit bereits zugespitzten, oft schon gewaltsam ausgetragenen Konflikten einsetzt. Demgegen√ľber ist die zivile Konfliktbearbeitung in der Wahrnehmung der √Ėffentlichkeit unterbewertet da in der Regel ein Kristallisationspunkt fehlt, diese Debatte einer breiten √Ėffentlichkeit bekannt zu machen. "Anders als die Berichte √ľber anhaltende und verheerende Kriege finden Nachrichten √ľber F√§lle, in denen Konflikte auf diese Weise beigelegt werden oder jedenfalls entsprechende Teilschritte dazu unternommen werden, in der √Ėffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit." (Klotz, 1996: 37) So l√§sst sich erkl√§ren, dass die im Prinzip sehr umfassende Feld der Instrumente und M√∂glichkeiten zum Erhalt bzw. dem Wiederherstellen des Friedens weitgehend auf die Frage der Milit√§rinterventionen bei bereits gewaltsam ausgebrochenen Konflikten reduziert wird.
F√ľr das Wahrnehmungsdefizit ziviler Konfliktbearbeitung ist zu einem betr√§chtlichen Teil die Funktionsweise der Medien verantwortlich zu machen. Diese interessieren sich f√ľr internationale Konflikte in aller Regel erst in einer √§u√üerst zugespitzten Phase. Das aber die Anwendung ziviler Strategien mit fortlaufendem Stadium des Konflikts schwieriger werden, ist unmittelbar einsichtig. Damit wiederum ist klar, dass zivile Konfliktl√∂sung um ihrer Erfolgschancen willen ma√ügeblich eine Frage des (fr√ľhen) Zeitpunktes ihres Einsatzes ist. Die Eind√§mmung eines Konfliktes zu einem Zeitpunkt aber, zudem der Konflikt der (Welt - ) √Ėffentlichkeit gar nicht als solcher vor Augen gef√ľhrt wurde, ist schlechterdings nicht geeignet, als Werbung dieser Form der Konfliktbearbeitung Verwendung zu finden. Man kann hier von einem "Wahrnehmungsdilemma ziviler Konfliktstrategien" sprechen: Ihre Erfolge bleiben fast zwangsl√§ufig unterbelichtet; ist das Interesse an einem Konflikt aber international geweckt (d.h. bereits eskaliert) ist die Anwendung schwieriger, ihr Scheitern wahrscheinlicher, das Bild √ľber ihre M√∂glichkeiten und Grenzen wird verzerrt. Nach Abzug der Aufmerksamkeit der Welt√∂ffentlichkeit wiederum sind komplexe Anstrengungen ziviler Natur notwendig, die einerseits Voraussetzungen f√ľr dauerhaftes friedliches Zusammenleben erst erm√∂glichen k√∂nnen, jedoch abermals nicht geb√ľhrend zur Kenntnis genommen werden. Diese Schwierigkeit der Aufmerksamkeit wirkt auf der anderen Seite auf die Reaktion der Staatengemeinschaft in Konfliktsituationen zur√ľck: "Die Mittel f√ľr eine bescheidene Fact - Finding - und Vermittlungsinitiative f√ľr einen Konflikt aufzutreiben, √ľber den der amerikanische Sender CNN noch nicht berichtet hat oder in dem es noch keine Toten gibt, ist meist sehr viel schwieriger, als wenig sp√§ter ein Mehrfaches dieser Kosten f√ľr eine humanit√§re Aktion der Opfer dieses Konfliktes zusammenzubekommen." (Ropers, 1995: 23)
Fazit

Der beschriebene breite Ansatz ziviler Konfliktbearbeitung ist richtig, wo er das Verst√§ndnis f√ľr Ursachen von Konflikten und ihrer Eskalation erweitert und wird dann problematisch, wenn er in Gestalt einer Kampfansage an die vorzufindende Weltordnung daherkommt. Dass diese beiden Seiten schwer voneinander zu trennen sind, ja, das gerade die Friedensbewegten von einer Trennung nicht absehen k√∂nnen und wollen, da die globalen Zu - und Mi√üst√§nde ihnen oft als die grundlegende Ursache gilt macht die Sache so kompliziert: Ist es m√∂glich und wie ist es m√∂glich, frei von Ideologie in der Sache zu argumentieren, die an sich wenig strittig ist: Konflikte friedlich l√∂sen zu wollen. Nahezu unm√∂glich erscheint die Vermittlung des Ansatzes jedoch dann, wenn er mit umfassender Staats -, Herrschafts -, Kapitalismus - und Imperialismuskritik verbunden wird, den ‘Wurzeln allen √úbels’ eben. Diese Sicht der Dinge, auch wenn sie schl√ľssig und nachvollziehbar sein mag, verliert schnell den einzelnen Konflikt aus dem Auge und damit √úberlegungen, hier konkret zivile Hilfe zu seinem Abklingen zu leisten.
Neben dem ‘Image - Problem’ ist in der heutigen Situation der St√ľckwerk - Charakter, mit dem die zivile Bearbeitung von Konflikten betrieben wird, eine weitere Schwierigkeit. Das ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass die Initiativen in aller Regel von NGOs ausgehen, ohne das hier auf eine institutionalisierte einigende Klammer zur√ľckgegriffen werden k√∂nnte, welche die Aktivit√§ten b√ľndelt und innerhalb welcher sich √ľber die Ziele der Initiativen ausgetauscht werden k√∂nnte. Die Etablierung eines solchen Netzwerkes k√∂nnte (je nach Ebene) eine Aufgabe des Staates bzw. der Staatengemeinschaft sein, der/die die vorhandenen gesellschaftlich verwurzelte Organisationen zu einer geschlosseneren Struktur zusammenf√ľgt und die Aufgaben dieser "Meta - Organisation" √ľber den ersten Anlass hinaus zu verstetigen sucht (vgl. auch den Entwurf einer Infrastruktur von Callei√ü 1996). Mit der Etablierung einer Struktur ziviler Konfliktbearbeitung w√ľrden zum einen die Aufgaben von der Abh√§ngigkeit pers√∂nlicher Initiativen (und ihrem tats√§chlichen Eintreten) befreit und ein Eingreifen mit zivilen Mitteln im Rahmen der M√∂glichkeiten ‚garantiert‘. Zum anderen wird nur so die Voraussetzung f√ľr ein koordiniertes Handeln geschaffen.[22] Dem entgegen kann man den Eindruck gewinnen, als st√ľnde die Einigkeit √ľber das Primat friedlicher Konfliktbearbeitung im umgekehrten Verh√§ltnis zu den Anstrengungen, hierf√ľr die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Wenn aber der zivilen Konfliktbearbeitung der milit√§rischen Intervention der Vorzug zu geben ist, darf eine ernsthafte Suche nach zivilen Strategien dann auch nicht das Nischen - Image angehaftet werden. Mehr noch: Die Suche nach zivilen Optionen und eine entsprechende Vernetzung mit dem Ziel, dass jeder Konflikt in jeder Phase der zivilen Bearbeitung zug√§nglich gemacht werden soll, muss dann auch zu einer zentralen Aufgabe der (Welt - ) Gesellschaft werden, will sie Streitigkeiten zuk√ľnftig unblutig zu l√∂sen trachten.

Die zivile Konfliktbearbeitung setzt ein positives Menschenbild voraus und traut den Menschen und Gesellschaften zu, lernf√§hig zu sein. Der Einzelne und die Gruppen werden in diesem Konzept zu Tr√§gern von Verantwortung, die zuvor staatlichen und internationalen Organisationen vorbehalten war. Hier liegt ihr grunds√§tzlich anderer Ansatz, indem n√§mlich die Beteiligten selbst in Verhandlung miteinander zu Ergebnissen kommen m√ľssen. Den gesellschaftlichen Kr√§ften wird eher zugetraut als nur der offiziellen Seite, auf dem Weg zu einer friedlichen Koexistenz von V√∂lkern und Menschen ein St√ľck weit voran zu kommen. Als Pr√§misse aller referierten √úberlegungen steht die √úberzeugung, dass sich das Zusammenleben friedlicher gestalten l√§sst, es hier nur der Erkenntnisse und langen Implementationsprozesse bedarf. Entgegen fr√ľherer Geschichtsauffassungen wird dieser Weg aber nicht automatisch mit dem Lauf der Historie wie von selbst eingeschlagen. Es bedarf hier der aktiven Beteiligung von einzelnen Menschen, kleinen Gruppen, internationalen Organisationen, staatlichen Zusammenschl√ľssen und schlie√ülich der Staaten selbst.
[1] Sicherlich gab es auch vor der 89er - Wende eine Menge ungelöster Konflikte, in denen die Ethnie als Faktor eine Rolle spielte, insbesondere im Zusammenhang mit der aufgezwungenen Staatenziehung in Afrika und der leidlich begleiteten Dekolonalisierung. Dennoch kann man nach dem Ende des Kalten Krieges davon sprechen, dass dieser Konflikttyp nun verstärkt zum Tragen kommt.
[2] Nachzulesen im Internet unter: http://www.dfg - vk.de/abruestung/boa21_4.htm (Stand: 25.11.1998)
[3] Siehe im Internet unter: http://ekibb.com/info/misc/zivil.htm#1 (Stand: 15.6.1998)
[4] Zur Illustration ein Zitat aus dem Pazifismuspapier der Deutschen Friedensgesellschaft/ Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen: "Es ist also nicht nur die Verwirklichung unserer Utopie einer herrschaftslosen, gewaltfreien Weltgesellschaft, die ein umfassendes Projekt der Gewaltfreiheit braucht. Es sind die verschiedenen elementaren Herausforderungen an M√∂glichkeit und Qualit√§t zuk√ľnftigen Lebens auf diesem Globus, die f√ľr die Verwirklichung umfassender Gewaltfreiheit sprechen." Nachzulesen im Internet unter:
http://dfg - vk.de/diskussion/dispazif.htm (Stand: 25.11.1998)
Etwas konkreter aber √§hnlich umfassend Fischer: "Der effektivste Beitrag zur Konfliktpr√§vention und Eind√§mmung w√ľrde von den westlichen Industriestaaten und damit auch von Staatenorganisationen wie der EU dadurch geleistet werden, dass durch eine ver√§nderte Wirtschaftsweise hier und durch die gerechtere Gestaltung von Handelsbeziehungen einerseits sowie durch aktive Hilfema√ünahmen in den konflikttr√§chtigen Regionen andererseits wirkliche Entwicklungsprozesse angeschoben werden, welche Voraussetzungen f√ľr Prozesse gesellschaftlicher Zivilisierung (Demokratisierung, politische Partizipation, soziale Gerechtigkeit, √∂kologisches Wirtschaften) schaffen." (1997: 72)
[5] Nachzulesen im Internet unter: http://www.friedenskooperative.de/ff/ff97/5 - 15.htm (Stand: 25.11.1998).
[6] Die Anerkennung dieser Eigenheiten oder das Zuteilen von Rechten kann je nach dem Grad der Konzentriertheit der einzelnen Ethnie nach dem territorialen Prinzip (d.h. etwa mittels territorialer Autonomie) oder dem personalen Prinzip, bei dem "die Kollektivrechte eines Volkes oder einer Minderheit auf das Individuum √ľbertragen" werden (S.380) (wie z.B. mittels Nationalrat, Quotenregelung u.√§. - siehe insbesondere √úbersicht auf S.382) erfolgen.
[7] Eine weitere Voraussetzung f√ľr den Erfolg der Verhandlungen war ihre lange Geheimhaltung, so dass ein vorzeitiges Zerreden in der √Ėffentlichkeit nicht m√∂glich war (vgl. SZ vom 18./19.9.1993).
[8] Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Positionen und Interessen nicht identisch sind. Es ist gerade Aufgabe der Mediation, die wirklichen Interessen der beteiligten Parteien herauszufinden, um anschließend eine gemeinsame Lösung anzustreben.
[9] Dieser Begriff taucht im Pazifismuspapier der Deutschen Friedensgesellschaft/ Vereinigte KriegsdienstgegnerInnenauf. Nachzulesen im Internet unter: http://dfg - vk.de/diskussion/dispazif.htm (Stand: 25.11.1998)
[10] Siehe hierzu: "pax christi - Friedensdienste in Bosnien: erste Schritte auf dem zivilen Weg." Nachzulesen im Internet unter: http://homepages.muenchen.org/bm974548/friedensdienste/faltblatt.html
(Stand: 25.11.1998)
[11] Ziviler Friedensdienst. 18 Fragen - 18 Antworten. Nachzulesen im Internet unter: http://homepages.muenchen.org/bm974548/friedensdienste/zfd.html (Stand: 25.11.1998)
[12] Siehe http://ekibb.com/info/misc/zivil.htm#1 (Stand: 15.6.1998)
[13] Diese Auseinandersetzung kann stellvertretend f√ľr den gro√üen Konflikt innerhalb der Friedensbewegten angesehen werden (vgl Buro 1997 und die direkte Auseinandersetzung von Narr 1997 und die Erwiderung von Vogt 1998). Es geht dabei um die Frage, ob ein ZFD √ľberhaupt innerhalb des vorgegebenen sicherheitspolitischen (milit√§rischen) Rahmens Sinn gibt oder nicht. Die Sorge, dass der ZFD zum Feigenblatt einer weiterhin milit√§risch denkenden Politik degradiert (Buro, Narr) steht die Hoffnung gegen√ľber, zun√§chst √ľberhaupt etwas in Bewegung zu setzen und sich dem "Reinheitsgebot unserer pazifistischen Grund√ľberzeugung" (Vogt) zu widersetzen.
[14] Ziviler Friedensdienst. 18 Fragen - 18 Antworten. Nachzulesen im Internet unter: http://homepages.muenchen.org/bm974548/friedensdienste/zfd.html (Stand: 25.11.1998)
[15] Siehe St√∂rk: "Weitgehender inhaltlicher Konsens am ersten europ√§ischen Treffen f√ľr einen Zivilen Friedensdienst von unten". Nachzulesen im Internet unter: http://www.gsoa.ch/Zitig/72/12zfd.htm (Stand: 25.11.1998)
[16] Als Beispiel hier nur ein Zitat aus dem Pazifismuspapier der Deutschen Friedensgesellschaft/ Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen: "(...) Dabei ist aber gleichzeitig klar, dass bei der Zivilen Konfliktbearbeitung milit√§rische Mittel und Methoden der Konfliktbearbeitung ausgeschlossen werden m√ľssen. Das hei√üt, dass es nach unserem Verst√§ndnis also keine Aufgabenteilung zwischen ziviler und milit√§rischer Konfliktbearbeitung geben kann. Also keine Eskalationsleiter mit zivilen Mitteln am unteren Ende und milit√§rischer Gewalt auf den h√∂heren Sprossen." Nachzulesen im Internet unter: http://dfg - vk.de/diskussion/dispazif.htm (Stand: 25.11.1998)
[17] Vor allem festgemacht an dem Einsatz in Somalia, in dem die UN - Truppen sich selbst als Partei in den Krieg hineinziehen ließen und ihr klarer humanitärer Auftrag verwischt wurde - vgl. Birkenbach/Jäger/Wellmann, 1996: 17
[18] Siehe hierzu L√ľbkemeier, 1995. Auch die Institutionen dieser Organisation wie das B√ľro f√ľr Demokratische Institutionen und Menschenrechte oder der Hohe Kommissar f√ľr nationale Minderheiten entsprechen eher den ‘ganzheitlichen’ und auf Zusammenarbeit ausgerichteten Ideen der zivilen Konfliktbearbeitung.
[19] Nachzulesen im Internet unter: http://www.gsoa.ch/Zitig/71/friedens.htm (Stand: 25.11.1998)
[20] Der Versuch, einen Zivilen Friedensdienst zu etablieren, kann ein Beispiel f√ľr die Zusammenarbeit mit dem Staat sein. So √ľbernahm Nordrhein - Westfalen in einem Modellvorhaben die Kosten f√ľr die Ausbildung der ersten Trainer der friedlichen Konfliktbearbeitung. Gefordert werden von den Organisatoren vom Gesetzgeber Regelungen, die die Rahmenbedingungen f√ľr einen solchen freiwilligen Dienst schaffen (Anerkennung als Kriegsdienstverweigerung, Finanzierung aus Steuermitteln, Versicherung der Freiwilligen etc.). Siehe: Ziviler Friedensdienst. 18 Fragen - 18 Antworten. Nachzulesen im Internet unter: http://homepages.muenchen.org/bm974548/friedensdienste/zfd.html (Stand: 25.11.1998)
[21] Hier könnte man als Beispiel etwa daran denken, dass die OSZE in den baltischen Staaten präventiv und konfliktlindernd gewirkt hat, um das Zusammenleben mit den Russen zu ent - problematisieren.
[22] Siehe das Problem unterschiedlicher Konzepte in Jugoslawien bei Calleiß, 1996: 403

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