Der zerbrochne Krug

B i o g r a p h i e

18.10.1777 Geburt (laut Kirchenbuch und Taufzeugnis) von Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist in Frankfurt/Oder (nach eigenen Angaben wurde er am 10.10.1777 geboren)

1788 Tod seines Vaters Joachim Friedrich von Kleist

1792-99 Offizier (letzter Rang: Sekondeleutnant)

1793 Tod seiner Mutter Juliane Ulrike, ab diesem Zeitpunkt ist seine Tante (bis zu ihrem Tod 1809) Haushaltsvorstand

1799/1800 dreisemestriges Universitätsstudium in der philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt; er hört juristische und naturwissenschaftliche Vorlesungen

1801-1802 inoffiziell mit Wilhelmine Charlotte von Zenge verlobt

ab 1802 √ľberwiegend freier Schriftsteller (drei seiner Theaterst√ľcke wurden bis 1811 uraugef√ľhrt; er hat keine Auff√ľhrung gesehen)

1803 Anfang des Jahres: Sekretär bei dem Schriftsteller Christoph Martin Wieland

1805/06 Verwaltungsangestellter beim Finanzministerium Preußens => Kleist hatte in seinem Leben nie besonders viel Geld, meistens bekam er Geld von seiner Kusine Marie von Kleist, die er bis zu seinem Selbstmord 1811 als seine beste Freundin bezeichnet, oder von seiner Schwester Ulrike von Kleist. So nahm er jede Arbeit an, bei der er etwas Geld verdienen konnte.

1807 irrt√ľmlich der Spionage verd√§chtigt, Gefangenschaft im franz√∂sischen Fort de Joux (zun√§chst in versch√§rfter Kerkerhaft, dann Kriegsgefangener); der Irrtum kam dadurch zustande, dass es 1806 in der preu√üischen Armee 50 Offiziere mit dem Namen Kleist gab.

1807/09 Zeitschriftenherausgeber; er gibt "Ph√∂bus. Ein Journal f√ľr die Kunst" heraus. Grund : er fand keinen Verleger f√ľr seine B√ľcher und steckte in Geldnot. In diesem Journal sind Werke bekannter Autoren, auch von ihm selbst, zu lesen. Goethe wurde eingeladen mitzumachen, es wurde mit seinem Namen geworben, dieser lehnte aber ab.

1810/11 Zeitungsherausgeber; er gibt die "Berliner Abendblätter" heraus, erneut aus Geldknappheit. Die "Abendblätter" kamen sechs mal pro Woche heraus, waren ein journalistischer Gemischtwarenladen, Druck- und Papierqualität glichen einem Flugblatt.

Der gr√ľ√üte Coup wurde mit der Rubrik "Polizei-Rapport" gelandet, wo Berichte des Polizeipr√§sidenten publiziert wurden. Doch auch diese Zeitung hatte gegen die Zensur zu k√§mpfen.

21.11.1811 Erschießung (Tötung auf Verlangen) der 31jährigen Henriette Sophie Adolphine Vogel; diese war mit einem biederen Feuerversicherungsbeamten verheiratet, litt an unheilbarer Krankheit (Gebärmutterkrebs).

Tod durch Selbstmord; Kleist steckt wieder in Geldn√∂ten. Er wollte sein Gl√ľck noch einmal beim Milit√§r versuchen, um eventuell "den sch√∂nen Tod der Schlachten zu sterben", doch es war kein Krieg zu erwarten. Da er in seinem Leben keine Perspektive mehr sieht, entschlie√üt er sich zum Selbstmord.

Bibliographie der wesentlichen Werke

- Die Familie Schroffenstein ein Trauerspiel in f√ľnf Aufz√ľgen 1803

- Amphitryon ein Lustspiel nach Molière 1807

- Penthesilea ein Trauerspiel 1808

- Erzählungen Michael Kohlhaas, Die Marquise von O..., Das Erdbeben in Chili 1810

- Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe 1810

- Der zerbrochne Krug ein Lustspiel 1811

- Erzählungen Die Verlobung in St.Domingo, Das Bettelweib von Locarno,

Der Findling, Die heilige Cäcilie, Der Zweikampf 1811

- Germania an ihre Kinder 1813

Ergänzende Zitate zur Charakterisierung Kleists

" Kleist [ist] ein nicht zu d√§mpfender Feuergeist, der Exaltation selbst bei Geringf√ľgigkeiten anheim fallend, unst√§t, aber nur dann, wenn es auf Bereicherung seines Schatzes von Kenntnissen ankam, mit einer bewundernswerten Auffassungsgabe ausger√ľstet, von Liebe und warmem Eifer f√ľr das Lernen beseelt; kurz der offenste und flei√üigste Kopf von der Welt, dabei aber auch anspruchslos. "

Christian Ernst Martini √ľber seinen Sch√ľler

"So lange ein Mensch noch nicht im Stande ist, sich selbst einen Lebensplan zu bilden, so lange ist und bleibt er unm√ľndig. [...] Die erste Handlung der Selbst√§ndigkeit eines Menschen ist der Entwurf eines solchen Lebensplans. [...] Das hohe Ziel, dem er (der Mensch) entgegenstrebt, ist das Mobil aller seiner Gedanken, Empfindungen und Handlungen. [...] Wenn man nur sein Ziel kennt, so wird es nicht schwer sein die Gr√ľnde seines Betragens zu erforschen."

Kleist in einem Brief an seine Schwester Ulrike im Mai 1799

" Er schien mich wie ein Sohn zu lieben und zu ehren; aber zu einem offenen und vertraulichen Benehmen war er nicht zu bringen.[...] Ein einziges Wort schien eine ganze Reihen von Ideen in seinem Gehirn wie ein Glockenspiel anzuziehen[...] "

Christoph Martin Wieland an Dr. Wedekind, 10.April 1804

" Wir erfreuen uns der Gegenwart eines der vorz√ľglichsten, jetzt lebenden Dichter, des Herren von Kleist, der den Altar des Vaterlandes mit einem so frischen Kranze, mit dem Lustspiele Amphitruon geschm√ľckt hat, und vielleicht l√§ngere Zeit bei uns verweilen wird[...] "

im Morgenblatt f√ľr gebildete St√§nde, 3.Oktober 1807

" Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein. Sie soll Alles aussprechen, w√§hrend der letzten drei, unter dem Druck der Franzosen verseufzten, Jahre, in den Br√ľsten wackerer Deutschen, hat verschwiegen bleiben m√ľssen: Alle Besorgnis, alle Hoffnung, alles Elend und alles Gl√ľck. "

Kleist in seinem Programm zur Germania

Zitate Kleists zur Literatur

" Tut mir den Gefallen und liest das Buch nicht. Ich bitte euch darum. Es ist eine elende Scharteke. Kurz, tut es nicht. Hört ihr ? "

Kleist zu seinem ersten Werk Die Familie Schroffenstein an seine "allernächsten Verwandten"

" Meine eigene Trag√∂die [...] m√ľsste, gut deklamiert, eine bessere Wirkung tun, als schlecht vorgestellt "

Heinrich von Kleist

Zwei Lesetexte

1.

"Der zerbrochne Krug" - 4.Auftritt

Vierter Auftritt

Der Gerichtsrat Walter tritt auf. Die Vorigen.

WALTER. Gott gr√ľ√ü Euch, Richter Adam.

ADAM. Ei, willkommen!

Willkommen, gnädger Herr, in unserm Huisum!

Wer konnte, du gerechter Gott, wer konnte

So freudigen Besuches sich gewärtgen.

Kein Traum, der heute fr√ľh Glock achte noch

Zu solchem Gl√ľcke sich versteigen durfte. 290

WALTER. Ich komm ein wenig schnell, ich weiß; und muss

Auf dieser Reis, in unsrer Staaten Dienst,

Zufrieden sein, wenn meine Wirte mich

16/II

Mit wohlgemeintem Abschiedsgruß entlassen.

Inzwischen ich, was meinen Gruß betrifft,

Ich meins von Herzen gut, schon wenn ich komme.

Das Obertribunal in Utrecht will

Die Rechtspfleg auf dem platten Land verbessern,

Die mangelhaft von mancher Seite scheint,

Und strenge Weisung hat der Mißbrauch zu erwarten. 300

Doch mein Geschäft auf dieser Reis ist noch

Ein strenges nicht, sehn soll ich bloß, nicht strafen,

Und find ich gleich nicht alles, wie es soll,

Ich freue mich, wenn es erträglich ist.

ADAM. F√ľrwahr, so edle Denkart muss man loben.

Euer Gnaden werden hie und da, nicht zweifl' ich,

Den alten Brauch im Recht zu tadeln wissen;

Und wenn er in den Niederlanden gleich

Seit Kaiser Karl dem f√ľnften schon besteht:

Was lässt sich in Gedanken nicht erfinden? 310

Die Welt, sagt unser Sprichwort, wird stets kl√ľger,

17/I

Und alles liest, ich weiß, den Puffendorf;

Doch Huisum ist ein kleiner Teil der Welt,

Auf den nicht mehr, nicht minder, als sein Teil nur

Kann von der allgemeinen Klugheit kommen.

Kl√§rt die Justiz in Huisum g√ľtigst auf,

Und √ľberzeugt Euch, gn√§dger Herr, Ihr habt

Ihr noch sobald den R√ľcken nicht gekehrt,

Als sie auch völlig Euch befriedgen wird;

Doch fändet Ihr sie heut im Amte schon 320

Wie Ihr sie w√ľnscht, mein Seel, so w√§rs ein Wunder,

Da sie nur dunkel weiß noch, was Ihr wollt.

WALTER. Es fehlt an Vorschriften, ganz recht. Vielmehr

Es sind zu viel, man wird sie sichten m√ľssen.

ADAM. Ja, durch ein großes Sieb. Viel Spreu! Viel Spreu!

WALTER. Das ist dort der Herr Schreiber?

LICHT. Der Schreiber Licht,

Zu Eurer hohen Gnaden Diensten. Pfingsten

Neun Jahre, dass ich im Justizamt bin.

17/II

ADAM (bringt einen Stuhl).

Setzt Euch.

WALTER. Laßt sein.

ADAM. Ihr kommt von Holla schon.

WALTER. Zwei kleine Meilen - Woher wißt Ihr das? 330

ADAM. Woher? Euer Gnaden Diener -

LICHT. Ein Bauer sagt' es,

Der eben jetzt von Holla eingetroffen.

WALTER. Ein Bauer?

ADAM. Aufzuwarten.

WALTER. - Ja! Es trug sich

Dort ein unangenehmer Vorfall zu,

Der mir die heitre Laune störte,

Die in Geschäften uns begleiten soll. -

Ihr werdet davon unterrichtet sein?

ADAM. Wärs wahr, gestrenger Herr? Der Richter Pfaul,

Weil er Arrest in seinem Haus empfing,

Verzweiflung h√§tt den Toren √ľberrascht, 340

Er hing sich auf?

18/I

WALTER. Und machte √ľbel √§rger.

Was nur Unordnung schien, Verworrenheit,

Nimmt jetzt den Schein an der Veruntreuung,

Die das Gesetz, Ihr wißts, nicht mehr verschont. -

Wie viele Kassen habt Ihr?

ADAM. F√ľnf, zu dienen.

WALTER. Wie, f√ľnf! Ich stand im Wahn - Gef√ľllte Kassen?

Ich stand im Wahn, dass Ihr nur vier -

ADAM. Verzeiht!

Mit der Rhein-Inundations-Kollektenkasse?

WALTER. Mit der Inundations-Kollektenkasse!

Doch jetzo ist der Rhein nicht inundiert, 350

Und die Kollekten gehn mithin nicht ein.

- Sagt doch, Ihr habt ja wohl Gerichtstag heut?

ADAM. Ob wir -?

WALTER. Was?

LICHT. Ja, den ersten in der Woche.

18/II

WALTER. Und jene Schar von Leuten, die ich draußen

Auf Eurem Flure sah, sind das -?

ADAM. Das werden -

LICHT. Die Kläger sinds, die sich bereits versammeln.

WALTER. Gut. Dieser Umstand ist mir lieb, ihr Herren.

Laßt diese Leute, wenns beliebt, erscheinen.

Ich wohne dem Gerichtsgang bei; ich sehe

Wie er in Eurem Huisum √ľblich ist. 360

Wir nehmen die Registratur, die Kassen,

Nachher, wenn diese Sache abgetan.

ADAM. Wie Ihr befehlt. - Der B√ľttel! He! Hanfriede!

2.

"√úber das Marionettentheater" von Heinrich v. Kleist

Als ich den Winter 1801 in M... zubrachte, traf ich daselbst eines Abends, in einem √∂ffentlichen Garten,den Herrn C. an, der seit kurzem, in dieser Stadt, als erster T√§nzer der Oper, angestellt war, und bei dem Publiko au√üerordentliches Gl√ľck machte.

Ich sagte ihm, dass ich erstaunt gewesen wäre, ihn schon mehrere Male in einem Marionettentheater zu finden, das auf dem Markte zusammengezimmert worden war, und den Pöbel, durch kleine dramatische Burlesken, mit Gesang und Tanz durchwebt, belustigte.

Er versicherte mir, dass ihm die Pantomimik dieser Puppen viel Vergn√ľgen machte, und lie√ü nicht undeutlich merken, dass ein T√§nzer, der sich ausbilden wolle, mancherlei von ihnen lernen k√∂nne.

Da die √Ąu√üerung mir, durch die Art, wie er sie vorbrachte, mehr, als ein blo√üer Einfall schien, so lie√ü ich mich bei ihm nieder, um ihn √ľber die Gr√ľnde, auf die er eine so sonderbare Behauptung st√ľtzen k√∂nne, n√§her zu vernehmen.

Er fragte mich, ob ich nicht, in der Tat, einige Bewegungen der Puppen, besonders der kleineren, im Tanz sehr graziös gefunden hatte.

Diesen Umstand konnte ich nicht leugnen. Eine Gruppe von vier Bauern, die nach einem raschen Takt die Ronde tanzte, h√§tte von Teniers nicht h√ľbscher gemalt werden k√∂nnen.

Ich erkundigte mich nach dem Mechanismus dieser Figuren, und wie es möglich wäre, die einzelnen Glieder derselben und ihre Punkte, ohne Myriaden von Fäden an den Fingern zu haben, so zu regieren, als es der Rhythmus der Bewegungen, oder der Tanz, erfordere?

Er antwortete, dass ich mir nicht vorstellen m√ľsse, als ob jedes Glied einzeln, w√§hrend der verschiedenen Momente des Tanzes, von dem Maschinisten gestellt und gezogen w√ľrde.

Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen, in dem Innern der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgend ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst.

Er setzte hinzu, dass diese Bewegung sehr einfach w√§re; dass jedesmal, wenn der Schwerpunkt in einer graden Linie bewegt wird, die Glieder schon Kurven beschrieben; und dass oft, auf eine blo√ü zuf√§llige Weise ersch√ľttert, das Ganze schon in eine Art von rhythmische Bewegung k√§me, die dem Tanz √§hnlich w√§re.

Diese Bemerkung schien mir zuerst einiges Licht √ľber das Vergn√ľgen zu werfen, das er in dem Theater der Marionetten zu finden vorgegeben hatte. Inzwischen ahndete ich bei weitem die Folgerungen noch nicht, die er sp√§terhin daraus ziehen w√ľrde.

Ich fragte ihn, ob er glaubte, dass der Maschinist, der diese Puppen regierte, selbst ein T√§nzer sein, oder wenigstens einen Begriff vom Sch√∂nen im Tanz haben m√ľsse?

Er erwiderte, dass wenn ein Geschäft, von seiner mechanischen Seite, leicht sei, daraus noch nicht folge, dass es ganz ohne Empfindung betrieben werden könne.

Die Linie, die der Schwerpunkt zu beschreiben hat, w√§re zwar sehr einfach, und, wie er glaube, in den meisten F√§llen, gerad. In F√§llen, wo sie krumm sei, scheine das Gesetz ihrer Kr√ľmmung wenigstens von der ersten oder h√∂chstens zweiten Ordnung; und auch in diesem letzten Fall nur elliptisch, welche Form der Bewegung den Spitzen des menschlichen K√∂rpers (wegen der

Gelenke) √ľberhaupt die nat√ľrliche sei, und also dem Maschinisten keine gro√üe Kunst koste, zu verzeichnen.

Dagegen wäre diese Linie wieder, von einer andern Seite, etwas sehr Geheimnisvolles. Denn sie wäre nichts anders, als der Weg der Seele des Tänzers; und er zweifle dass sie anders gefunden werden könne, als dadurch, dass sich der Maschinist in den Schwerpunkt der Marionette versetzt,

d. h. mit andern Worten, tanzt.

Ich erwiderte, dass man mir das Geschäft desselben als etwas ziemlich Geistloses vorgestellt hätte: etwa was das Drehen einer Kurbel sei, die eine Leier spielt.

Keineswegs, antwortete er. Vielmehr verhalten sich die Bewegungen seiner Finger zur Bewegung der daran befestigten Puppen ziemlich k√ľnstlich, etwa wie Zahlen zu ihren Logarithmen oder die Asymptote zur Hyperbel.

Inzwischen glaube er, dass auch dieser letzte Bruch von Geist, von dem er gesprochen, aus den Marionetten entfernt werden, dass ihr Tanz g√§nzlich ins Reich mechanischer Kr√§fte hin√ľbergespielt, und vermittelst einer Kurbel, so wie ich es mir gedacht, hervorgebracht werden k√∂nne.

Ich √§u√üerte meine Verwunderung zu sehen, welcher Aufmerksamkeit er diese, f√ľr den Haufen erfundene, Spielart einer sch√∂nen Kunst w√ľrdigte. Nicht blo√ü, dass er sie einer h√∂heren Entwicklung f√ľr f√§hig halte: er scheine sich sogar selbst damit zu besch√§ftigen.

Er l√§chelte, und sagte, er getraue sich zu behaupten, dass wenn ihm ein Mechanikus, nach den Forderungen, die er an ihn zu machen d√§chte, eine Marionette bauen wollte, er vermittelst derselben einen Tanz darstellen w√ľrde, den weder er, noch irgend ein anderer geschickter T√§nzer seiner Zeit, Vestris selbst nicht ausgenommen, zu erreichen imstande w√§re.

Haben Sie, fragte er, da ich den Blick schweigend zur Erde schlug: haben Sie von jenen mechanischen Beinen geh√∂rt, welche englische K√ľnstler f√ľr Ungl√ľckliche verfertigen, die ihre Schenkel verloren haben?

Ich sagte, nein: dergleichen wäre mir nie vor Augen gekommen.

Es tut mir leid, erwiderte er; denn wenn ich Ihnen sage, dass diese Ungl√ľcklichen damit tanzen, so f√ľrchte ich fast, Sie werden es mir nicht glauben. - Was sag ich, tanzen? Der Kreis ihrer Bewegungen ist zwar beschr√§nkt; doch diejenigen, die ihnen zu Gebote stehen, vollziehen sich mit einer Ruhe, Leichtigkeit und Anmut, die jedes denkende Gem√ľt in Erstaunen setzen.

Ich √§u√üerte, scherzend, dass er ja, auf diese Weise, seinen Mann gefunden habe. Denn derjenige K√ľnstler, der einen so merkw√ľrdigen Schenkel zu bauen imstande sei, w√ľrde ihm unzweifelhaft auch eine ganze Marionette, seinen Forderungen gem√§√ü, zusammensetzen k√∂nnen.

Wie, fragte ich, da er seinerseits ein wenig betreten zur Erde sah: wie sind denn diese Forderungen, die Sie an die Kunstfertigkeit desselben zu machen gedenken, bestellt?

Nichts, antwortete er, was sich nicht auch schon hier fände; Ebenmaß, Beweglichkeit, Leichtigkeit - nur alles in einem höheren Grade; und besonders eine naturgemäßere Anordnung der Schwerpunkte.

Und der Vorteil, den diese Puppe vor lebendigen T√§nzern voraus haben w√ľrde?

Der Vorteil? Zuv√∂rderst ein negativer, mein vortrefflicher Freund, n√§mlich dieser, dass sie sich niemals zierte. - Denn Ziererei erscheint, wie Sie wissen, wenn sich die Seele (vis motrix) in irgend einem andern Punkte befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung. Da der Maschinist nun schlechthin, vermittelst des Drahtes oder Fadens, keinen andern Punkt in seiner Gewalt hat, als diesen: so sind alle √ľbrigen Glieder, was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgen dem

bloßen Gesetz der Schwere; eine vortreffliche Eigenschaft, die man vergebens bei dem größesten Teil unsrer Tänzer sucht.

Sehen Sie nur die P... an, fuhr er fort, wenn sie die Daphne spielt, und sich, verfolgt vom Apoll, nach ihm umsieht; die Seele sitzt ihr in den Wirbeln des Kreuzes; sie beugt sich, als ob sie brechen wollte, wie eine Najade aus der Schule Bernins. Sehen Sie den jungen F... an, wenn er, als Paris, unter den drei G√∂ttinnen steht, und der Venus den Apfel √ľberreicht; die Seele sitzt ihm gar (es ist ein Schrecken, es zu sehen) im Ellenbogen.

Solche Mi√ügriffe, setzte er abbrechend hinzu, sind unvermeidlich, seitdem wir von dem Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir m√ľssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.

Ich lachte. - Allerdings, dachte ich, kann der Geist nicht irren, da, wo keiner vorhanden ist. Doch ich bemerkte, dass er noch mehr auf dem Herzen hatte, und bat ihn, fortzufahren.

Zudem, sprach er, haben diese Puppen den Vorteil, dass sie antigrav sind. Von der Tr√§gheit der Materie, dieser dem Tanze entgegenstrebendsten aller Eigenschaften, wissen sie nichts: weil die Kraft, die sie in die L√ľfte erhebt, gr√∂√üer ist, als jene, die sie an der Erde fesselte. Was w√ľrde unsre gute G... darum geben, wenn sie sechzig Pfund leichter w√§re, oder ein Gewicht von dieser Gr√∂√üe ihr bei ihren Entrechats und Pirouetten, zu H√ľlfe k√§me? Die Puppen brauchen den Boden nur, wie die Elfen, um ihn zu streifen, und den Schwung der Glieder, durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben; wir brauchen ihn, um darauf zu ruhen, und uns von der Anstrengung des Tanzes zu erholen: ein Moment, der offenbar selber kein Tanz ist, und mit dem sich weiter nichts anfangen l√§sst, als ihn m√∂glichst verschwinden zu machen.

Ich sagte, dass, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe f√ľhre, er mich doch nimmermehr glauben machen w√ľrde, dass in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein k√∂nne, als in dem Bau des menschlichen K√∂rpers.

Er versetzte, dass es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen.

Ich erstaunte immer mehr, und wußte nicht, was ich zu so sonderbaren Behauptungen sagen sollte.

Begr√ľndungen

Zitate zur Charakterisierung:

Zitat Nr. 1 : Kleists ehemaliger Lehrer Christian Ernst Martini beschreibt, wie Kleist während seiner Kindheit und Jugend war:

anspruchslos, offen, jedoch auch unruhig, vor allem wissbegierig, er hatte eine gute Auffassungsgabe und war sehr fleißig.

Zitat Nr.2: Sich nicht "den Launen des Tyrannen Schicksal" hinzugeben, sich und seinem Handeln ein Ziel zu geben, ist das erkl√§rte Vorhaben Kleists.Dies alles ist ganz im Stile seiner, Kleists, Zeit, der Aufkl√§rung. Die Vernunft, das selbstverantwortliche, eben vern√ľnftige Leben wird propagiert. Immanuel Kants, des Philosophen, Schriften behandeln dieses Thema, er wird zum Vordenker und pr√§genden Geist einer Epoche, die die Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert bestimmen wird. Kleist wird Kant 1801 lesen und diese Lekt√ľre ihn in die vielzitierte Kant-Krise st√ľrzen. Doch im Jahre 1799 ist sein Denken schon vernunftbestimmt, die Unterordnung unter das System der Vernunft vollzogen. Der Plan der Lebensbew√§ltigung unter dem Aspekt einer intellektuell gesteuerten Lebensweise zeigt bereits den Geist des K√∂nigsbergers.

Betrachtet man dagegen die Biographie, so kann man berechtigte Zweifel am vernunftgesteuerten Lebensplan Heinrich von Kleists hegen. Denn der Biographie nach ist sein Leben nicht die Verwirklichung eines Lebensplanes, nicht das stetige Hinarbeiten auf ein "Ziel", kein vernunftgesteuertes Handeln bestimmt es.(Aus einer Magisterarbeit)

Zitat Nr.3: Auch der Schriftsteller Christoph Martin Wieland, bei dem Kleist kurze Zeit Sekret√§r war, lobt Kleists Geist, vor allem seine z√ľndenden Ideen. Martini bezeichnete den jungen Kleist als offen, Wieland sagt jedoch von dem inzwischen 26 Jahre alten Kleist, dass er nicht zu einem offenen Benehmen zu bringen sei.

Zitat Nr.4: Vom Morgenblatt f√ľr gebildete St√§nde wird Kleist als "vorz√ľglichster jetzt lebender Dichter" gelobt und sein neues Werk Amphitryon gefeiert. Das hat zwar keinen allzu hohen Stellenwert, da die Zeitschrift mit dieser Aussage vor allem auch f√ľr sich selbst wirbt, da Kleist f√ľr "vielleicht l√§ngere Zeit" bei der Zeitung arbeiten wird (was er jedoch nicht machte). Dennoch zeigt es, dass Kleist auch zu Lebzeiten ein geachteter Dichter war.

Zitat Nr.5: Dieses Zitat aus dem Programm zur Germania zeigt ganz deutlich Kleists politische Position: er dachte nationalistisch, er hatte eine anti-napoleonische Gesinnung.

Zitate Kleists zur Literatur:

Zitat Nr.1: Kleist wollte bei seinem ersten Werk, der Familie Schroffenstein, das anonym (ohne Nennung des Autors) herausgegeben wurde, verhindern, dass jemand erf√§hrt, dass er hinter diesem St√ľck steht.

Zitat Nr.2: Kleist stand der Auff√ľhrunspraxis des zeitgen√∂ssischen Theaters stets skeptisch gegen√ľber, daher diese Aussage.

Zwei Lesetexte:

Text Nr.1: Der Lesetext ist Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug entnommen. Zum Verst√§ndnis eine kurze Inhaltsangabe: das St√ľck spielt in einem Ort bei Utrecht in den Niederlanden im 18. Jahrhundert. Der bauernschlaue Dorfrichter Adam erhofft sich ein sp√§tes Abenteuer mit dem leichtgl√§ubigen Evchen. Um sich ihr n√§hern zu k√∂nnen, hat er ihr eingeredet, dass ihr Br√§utigam Ruprecht zum Kolonialdienst einberufen w√ľrde, falls er - Adam ihm nicht auf

Grund seiner guten Beziehungen Dispens verschaffe. So ein Schreiben wolle er ihr bringen - an die Schlafkammer, abends und h√∂chst pers√∂nlich. Dort wird er aber von Ruprecht √ľberrascht und verpr√ľgelt. Unerkannt kann der alte Schweren√∂ter entwischen, aber auf der Flucht zerschl√§gt er ungl√ľcklicherweise einen Krug. Dieser Krug ist der Anlass, dass am n√§chsten Morgen Evchens Mutter vor den zerschundenen Richter tritt und den unbekannten T√§ter anklagt. Der Zufall will es, dass der Gerichtsrat Walter zur Revision erscheint und den armen Adam folglich zur sofortigen Abhaltung des Prozesses zwingt. Vergebens sucht der Dorfrichter sich zu wenden und zu drehen, seine Ausreden und L√ľgen ziehen im Grunde die Schlinge um ihn immer enger - bis schlie√ülich zum Erg√∂tzen aller aus dem Richter der Schuldige wird.

In dem Lesetext -dem kompletten vierten Auftritt- tritt der Gerichtsrat Walter zum ersten Mal auf, und der Leser beginnt, den Dorfrichter Adam als Übeltäter zu verdächtigen.

Text Nr.2: Kleist schreibt in diesem Text sein Gespr√§ch mit einem T√§nzer √ľber das Marionettentheater

nieder.

Zehn Quizfragen zu Heinrich v. Kleist

1. Warum beging Kleist Selbstmord ?

2. Wann und in welcher Stadt wurde Kleist geboren ?

3. Was war sein erstes Werk (Name und Datum der Urauff√ľhrung) ?

4. Warum brachte Kleist die Zeitschrift "Phöbus" heraus ?

5. Wieviele authentische Porträts von Kleist gibt es ?

6. Warum war Kleist in französischer Kriegsgefangenschaft ?

7. Wieviele Auff√ľhrungen seiner Theaterst√ľcke hat er gesehen ?

8. Mit wem war Kleist eine zeitlang verlobt ?

9. Welche beiden Frauen halfen Kleist bis zu dessen Selbstmord des öfteren aus Geldnöten heraus ?

10. Was studierte Kleist in der philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt vorwiegend ?

Autor : Hannes Schuler

Klasse : 11a

Sekundärliteratur: dtv portrait Heinrich von Kleist von Peter Staengle

u.a. f√ľr : - Biographie

- Bibliographie

- Zitate

Internetadressen: www.kleist.org (Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn)

f√ľr : - Zitate

- Begr√ľndungen f√ľr die Auswahl der Texte/Zitate

- Inhaltsangabe f√ľr "Der zerbrochne Krug"

www.gutenberg.aol.de /autoren/kleist

f√ľr: - "√úber das Marionettentheater"

CD-ROM : Heinrich von Kleist - Der zerbrochne Krug (Reclam)

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