Sozialisation in der Familie

Bei der Sozialisation handelt es sich um einen Proze√ü, in dem die Kinder die f√ľr die jeweilige Kultur typischen, angemessenen und erw√ľnschten Verhaltensweisen, Fertigkeiten, Motive, Wertvorstellungen, √úberzeugungen und Beurteilungsma√üst√§be entwickeln.

An diesem Prozeß sind viele verschiedene "Sozialisationsfaktoren", also Personen oder Institutionen wie Eltern, Geschwister, Gleichaltrige, Lehrer, Fernsehen oder auch andere Medien beteiligt; diese beeinflussen die Entwicklung der Kinder entscheidend.

Der wichtigste Bestandteil der Umwelt des Kindes ist jedoch die Familie, sie ist die urspr√ľngliche und erfolgreichste Sozialisationsinstanz und spielt eine Schl√ľsselrolle bei der Entwicklung des Kindes.

In jeder Kultur sind die "Sozialisatonsziele" verschieden, in der westlichen Kultur werden z.B. Unabh√§ngigkeit, Selbstvertrauen, R√ľcksichtnahme auf andere usw. gerne gesehen, w√§hrend in der japanischen Kultur ein Bewu√ütsein der Abh√§ngigkeit von de Gruppe oder Gemeinschaft, Gehorsam, Flei√ü oder Beherrschung von Gef√ľhlen als Ziele vorherrschen. Mit den wachsenden kognitiven F√§higkeiten der Kinder wird dieser Sozialisationsproze√ü immer komplexer, da die Eltern dann ihren Kindern Grenzen beibringen m√ľssen. Sozialisation vollzieht sich zum gro√üen Teil durch die Beobachtung und Nachahmung, aber auch durch Belohnung oder Bestrafung.

Zunächst soll hier auf die verschiedenen Faktoren eingegangen werden, die die Erziehungsmethoden der Eltern beeinflussen.

Ein Sozialisationsforscher hat diese Faktoren in drei Kategorien eingeteilt :

-1. Faktoren, die sich aus der Einstellung und Vorstellungen der

Eltern ergeben;

-2. Faktoren, die sich aus den Eigenschaften des Kindes

ergeben;

-3. Faktoren, die sich aus dem sozialen Kontext der Eltern-Kind

Beziehung ergeben.[1]

I. Eigenschaften und Vorstellungen der Eltern

In den Erziehungszielen und in den Erziehungsmethoden spiegeln sich die Pers√∂nlichkeitseigenschaften und Wertesystem der Eltern, aber auch die Einstellungen und Vorstellungen √ľber die Motive und F√§higkeiten des Kindes.

Als ein allgemeines Ziel kann davon ausgegangen werden, dass die Eltern ihre Kinder zu guten, leistungsf√§higen und gl√ľcklicheren Mitgliedern der Gesellschaft erziehen wollen, daher werden die Aktivit√§ten des Kindes als gut oder schlecht, reif oder unreif, f√∂rderungsw√ľrdig oder unannehmbar angesehen, und dementsprechend beeinflu√üt.

Diese Beurteilung ist nat√ľrlich f√ľr die Reaktion auf das Verhalten des Kindes wichtig, je nachdem ob z.B. die Mutter davon ausgeht, dass ihre dreij√§hrige Tochter ein anderes Kind aus Versehen oder mit voller Absicht geschubst hat, wird nat√ľrlich auch die Reaktion der Mutter unterschiedlich ausfallen.

Manche Eltern sehen ihre Kinder als konstruktive und aktive Personen an, die durch Nachahmen und Ausprobieren lernen, andere gehen davon aus, dass ihre Kinder nicht aus eigenem Antrieb lernen, und daher mit Anweisungen und Befehlen erzogen werden m√ľssen.

Auch die sozialen Vorstellungen der Eltern beeinflussen die Eltern-Kind Interaktion. Die Vorstellung von Kindheit und Elternrolle sind jedoch nicht festgelegt und können durch Erfahrung, Beratung, Vergleich Zwischen Geschwistern oder neue Situationen geändert werden.

Wie die Vorstellung √ľber Kindheit und Elternrolle, so sind auch die Erziehungsziele ein Produkt der Gesellschaft in der Eltern und ihre Kinder leben.

So haben Ziele wie Gehorsam und Achtung vor Autoritäten in der Arbeiterschicht einen höheren Stellenwert als in der Mittel/Oberschicht, dort steht die Selbstverantwortung des Kindes eher im Vordergrund.[2]

II. Persönlichkeit und Verhalten des Kindes

Eigenschaften und Temperament des Kindes beeinflussen die Qualität und Quantität der elterlichen Zuwendung. allerdings wird diese auch durch das Kindliche Verhalten beeinflußt.

Dieser wechselseitige Einflu√ü l√§sst sich unter anderem damit erkl√§ren, dass es f√ľr die Eltern Ober/bzw., Untergrenzen von annehmbaren Verhalten gibt; viele Untersuchungen haben gezeigt, dass Eltern sehr aggressivere Kinder h√§ufig k√∂rperliche Strafen anwenden; als Erkl√§rung kann man annehmen, dass die Eltern auf das aggressive Verhalten ihrer Kinder reagieren, √∂dere die Kinder ihr aggressives Verhalten durch die Strafen der Eltern entwickeln.[3]

III. Sozialer Kontext

Eine gute, stabile Ehe f√∂rdert die Anpassung an die Elternrolle, die Funktionsf√§higkeit der Familien (und der Erziehungsmethoden) wird auch durch au√üerfamili√§re Bedingungen beeinflu√üt, solche Faktoren sind z.B. der Arbeitsplatz der Eltern, elterliche Unterst√ľtzungssyteme und soziale Netzwerke, die Gemeinde in der die Familie lebt, oder auch die Wohnsituation.[4]

IV. Erziehungsmethoden und ihre Konsequenzen

Die mehr oder weniger bewu√üten Idealvorstellungen von den Entwicklungszielen versuchen die Eltern durch die Anwendung verschiedener Methoden zu erreichen, die ihnen f√ľr die entsprechenden Erziehungsziele als sinnvoll erscheinen. Zum erlernen bestimmter F√§higkeiten sind Belohnung und Strafe oft sinnvoll,, w√§hrend komplexere Verhaltensweisen oder Pers√∂nlichkeitseigenschaften eher durch Nachahmung und Identifizierung erworben werden.[5]

- Verstärkung

Es gibt soziale oder nichtsoziale Verstärker, d.h. materielle Belohnungen oder spezielle Privilegien und Zuneigung. Die Eltern-Kind Beziehung beeinflußt auch die Wirksamkeit dieser Methode, das Lob Anteil nehmender Eltern wirkt in der Regel stärker, als das Lob ablehnender Eltern.

Da Eltern oft nicht wissen was ihre Kinder sich als Belohnung w√ľnschen, f√ľhrt die Erziehung mit Hilfe der Verst√§rkung nicht immer zum Ziel, auch wenn sie eine recht effektive Methode ist. Belohnungen wirken wahrscheinlich dann am Besten, wenn sie sich am Minimalprinzip orientieren, d.h. dass die √§u√üeren Anreize durch Erwachsene nicht attraktiver sein solle als es die Verhaltens√§nderung erfordert, und nicht nachhaltiger wirken soll als die Normen die von den Erwachsenen gef√∂rdert werden sollen. Bei zu h√§ufigem Lob verliert es die Bedeutung, auch kann aus Versehen die negative Verhaltensweise gef√∂rdert werden.

Wenn zum Beispiel ein Mutter beim Arbeiten mehrmals durch ihr Kind gest√∂rte wurde, und sie nach der 3. St√∂rung ein Spiel mit dem Kind spielt, so kann es passieren, dass das Kind sich in seinem Verhalten best√§tigt f√ľhlt, und daher immer wieder ins Arbeitszimmer st√ľrmt. An dieser Stelle w√§re es wahrscheinlich besser gewesen, wenn die Methode der L√∂schung angewendet worden w√§re, d.h. das Verhalten des Kindes durch Ignorieren zu verringern.[6]

-Strafen

Fast alle Eltern gehen davon aus, dass strafen manchmal erforderlich sind; z.B. in Fällen in denen das Kind lernen soll gefährliche Gegenstände nicht anzufassen, oder gefährliche Situationen zu vermeiden. Bestrafung lässt sich effektiv einsetzen, wenn einige Prinzipien beachtet werden :

- Der Zeitpunkt de Bestrafung sollte unmittelbar in dem

Augenblick sein, in dem die Situation gerade beginnt, oder

nach deren Ende.

- Die Bestrafung durch liebevolle, zugewandte Eltern ist eher

erfolgreich, als die Bestrafung durch desinteressierte oder

feindselige Eltern.

- Bestrafung muss konsequent sein, d.h. ein Verhalten kann

nicht einmal bestraft werden und dann wieder ignoriert

werden.

- Das Minimalprinzip gilt auch hier, die Bestrafung sollte also

grade streng genug sein um Gehorsam zu erreichen, da zu

schwere Strafen √Ąngste und Ablehnung hervorrufen k√∂nnen,

und damit die Akzeptanz der Normen erschwert wird.[7]

-Induktive Methoden

Entwicklungspsychologen räumen diesen nichtstrafenden Methoden den Vorrang ein. da durch Argumentation, Verweis auf die Konsequenzen des Handelns oder Appellen an den Stolz der Kinder eher Verhaltensänderungen erreicht werden können.

Kombinationen mit induktiven und "Machtmethoden" sind recht häufig, wenn ein Kind auch auf mehrfache Ermahnung nicht reagiert, so wird die Machtposition der Eltern genutzt, um das Verhalten der Kinder entsprechend zu beeinflussen.[8]

V. Nachahmung und Identifikation

Durch Nachahmung und Identifikation werden Verhaltensmuster, Eigenarten, Einstellungen und Wertvorstellungen der Eltern von den Kindern √ľbernommen, wobei Identifikation eine starke emotionale Bindung an die Person wichtig ist, deren Verhalten √ľbernommen wird. Die Auswirkungen zeigen sich oft erst recht sp√§t, zum Teil auch erst dann, wenn die Kinder selbst eine Familie haben und √§hnliche Methoden und Vorstellungen wie ihre Eltern √ľbernehmen.[9]

VI. Muster und Stile des Elternverhaltens

Diana Baumrind von der Universit√§t von Kalifornien in Berkeley hat Untersuchungen angestellt, um Verbindungen Zwischen den Verhaltensmustern von Eltern und Kindern zu finden. In ihrer ersten Untersuchung verglich sie drei nach Pers√∂nlichkeitsmerkmalen und Sozialverhalten verschieden Gruppen; in der ersten Gruppe ordnete sie kompetente Kinder ein, die bei Beobachtungsaufgaben und Interviews hohe Werte an Reife, Selbst√§ndigkeit und Selbstvertrauen erreichten. In Gruppe 2 ordnete sie m√§√üig selbstbewu√üte Kinder ein, die unzufriedener und zur√ľckgezogener waren, in Gruppe drei schlie√ülich Kinder mit den niedrigsten Werten.

Das Elternverhalten wurde anhand von vier Faktoren eingeordnet:

- Kontrolle, d.h. Bem√ľhungen die zielgerichtete Aktivit√§t des

Kinder zu beeinflussen, das Verhalten zu modifizieren und die

Verinnerlichung elterlicher Standards zu fördern,

- Anforderungen an die Reife, d.h. vom Kind wird ein hohes

Leistungsniveau erwartet,

- Klarheit der Eltern - Kind Kommunikation, d.h. die Eltern

versuchen ihr Kind mit Argumenten zum Gehorsam erziehen,

und ber√ľcksichtigen dabei seine Meinungen und Gef√ľhle,

- Zuwendung, d.h. Anteilnahme, F√ľrsorge und Mitgef√ľhl der

Eltern zu ihren Kindern.

Die Eltern der reiferen, kompetenten Kinder waren allgemein warmherziger, liebevoller, unterst√ľtzender, gewissenhafter und stark auf ihre

Elternrolle verpflichtet.

Die Eltern der Kinder von Gruppe zwei sahen Diskussionen √ľber Entscheidungen und Vorschriften nicht gerne, sie legten eher Wert auf Erziehungsziele wie Respekt vor Autorit√§t, Flei√ü, Gesetz und Ordnung.

Die Eltern der am wenigsten reifen Kinder waren warmherzig und kontrollierten ihr Kind kaum, sie erlaubten den Kindern ihre Aktivit√§ten selbst zu regulieren, vermieden es Macht auszu√ľben und bestanden Nicht auf Gehorsam.

In einer weiteren Untersuchung teilte sie die Eltern in verschieden Gruppen ein, und ordnete diesen das entsprechende Verhalten der Kinder zu, auch diese Untersuchung bestätigte das schon erwähnte Ergebnis.[10]

VII. Geschwister

Geschwister können sehr wichtige Sozialisationsinstanzen sein, denn z.B.: vier- sechsjährige Kinder sind mindestens doppelt so lange mit ihren Geschwistern zusammen wie sie Zeit mit den Eltern verbringen.

Die Interaktionen sind gegenseitig und beruhen eher auf Gleichberechtigung als die Eltern - Kind Beziehung; die Kinder lernen hier Muster von Loyalität, Hilfsbereitschaft, Schutz, aber auch Streit, Dominanz und Konkurrenz.

Aber es ist auch so, dass die Eltern die Kinder unterschiedlich behandele, so wird z.B. dem ersten Kind mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sie sprechen mehr mit ihm und stimulieren es h√§ufiger, was auch zu einer unterschiedlichen Entwicklung f√ľhrt.

Es w√ľrde zu weit f√ľhren diese Beziehungen in allen Einzelheiten zu erl√§utern, aber die Geschwisterbeziehungen sind mit die wichtigsten Instanzen in der Entwicklung eines Kindes.[11]

VIII. Familienstruktur

F√ľr Kinder eines alleinerziehenden Elternteiles ist es anscheinend g√ľnstiger, wenn sie beim gleichgeschlechtlichen Elternteil leben.

Unter einer Scheidung der Eltern leiden die Kinder ersten Jahr nach der Scheidung am meisten, die Belastung und Unsicherheit des Elternteils bei dem sie leben spiegelt sich auch in der Beziehung zu den Kindern. Schulkinder verarbeiten diese Schwierigkeiten wohl etwas besser, da sie die Situation besser verstehen k√∂nnen als Vorschulkinder; das Verh√§ltnis der geschiedenen Eltern zueinander ist Entscheidend daf√ľr, wie gut Kinder die Folgen der Scheidung √ľberwinden.

Das Vorurteil, die Berufst√§tigkeit der Mutter wirke sich negativ auf die Kinder aus wurde in Untersuchungen nicht best√§tigt, vielmehr sind Kinder berufst√§tiger M√ľtter unabh√§ngiger und geselliger, und erreichen bessere Ergebnisse bei Tests zur sozialen Entwicklung und Anpassung.

Kindesmißhandlung kommt in allen gesellschaftlichen Schichten und ethnischen Gruppen vor, sie ist im Zusammenhang mit der Interaktion zwischen den persönlichen und kognitiven Merkmalen der Eltern, sowie dem Verhalten des Kindes und dem sozialen Kontext zu sehen.

Eltern die ihre Kinder mi√ühandeln wurden h√§ufig selbst mi√ühandelt, und habe diese Verhaltensmuster zum Teil von ihren Eltern √ľbernommen.[12]

Literaturangabe :

Mussen, Conger, Kagan, Huston : Lehrbuch der Kinderpsychologie, 4. neubeabeitete Auflage Stuttgart 1990

[1] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Lehrbuch der Kinderpsychologie, 4. neubearbeitete Auflage Stuttgart 1990, S. 111f.

[2] vgl. Mussen, Conger, Kagan Huston, Stuttgart 1990, S.113-115

[3] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S. 115f.

[4] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.116-119

[5] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S. 119f.

[6] vgl, Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.120-122

[7] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.122-124

[8] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.124-126

[9] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.127f.

[10] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.129-133

[11] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.133-137

[12] vgl. Mussen, Conger, Kagan, Huston, Stuttgart 1990, S.137-155

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