Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

Hausarbeit zum Hauptseminar: Tendenzen und neuere Entwicklungen der Religionssoziologie

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2

EinfĂŒhrung 3

1. Der protestantische Ethos 3

1.1. Die Berufsidee 4

1.2. Der PrÀdestinationsglaube 5

1.3. Freikirchen 7

1.4. Das Ergebnis - die innerweltliche Askese 8

2. Der ,,Geist des Kapitalismus" 8

3. Der Einfluß des protestantischen Glaubens auf die Herausbildung des

modernen Kapitalismus 10

4. Kritik und Antikritik zur protestantischen Ethik 11

5. ResĂŒmee 14

Literaturverzeichnis 16

EinfĂŒhrung

Eines der prominentesten Werke der Soziologie ist zweifellos Max Webers ,,Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". In dieser Arbeit geht Weber von einem grundlegenden Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein einer bestimmten religiösen Ethik und der Entwicklung eines kapitalistischen Geistes aus, welcher wiederum eine entscheidende Voraussetzung fĂŒr das Entstehen des modernen Kapitalismus bildet. Der Ausgangspunkt fĂŒr diese These sind empirische Untersuchungen, bei denen ganz klar zu Tage trat, dass Protestanten im wirtschaftlichen Leben oft fĂŒhrende Rollen einnahmen, Katholiken dagegen eher selten.1

Bei der genauen Analyse der Weberschen Arbeit möchte ich nun folgendermaßen vorgehen. Ich werde mich zunĂ€chst mit der Frage beschĂ€ftigen, was ,,protestantische Ethik" im Sinne Webers ĂŒberhaupt ist, danach den spezifischen ,,Geist des Kapitalismus" erlĂ€utern und schließlich klĂ€ren, wie diese beiden Teile sich zu einem Ganzen fĂŒgen. Anschließend sollen noch kurz mögliche Kritikpunkte zum Werk Webers genannt und erörtert werden.

1. Der protestantische Ethos

Als erstes soll nun die Frage behandelt werden, was den spezifischen Gehalt des Protestantismus ausmacht.

ErklÀrtes Ziel der Reformatoren Luther, Calvin und Zwingli war es, die Ideale des Christentums von ihrer BeschrÀnkung auf einen kleinen elitÀren Kreis von Klerikern und einzelne kirchliche Feiertage zu lösen. Kirchliches Leben bzw. christliche Lehren sollten auf den Alltag eines jeden GlÀubigen ausgedehnt werden. Nicht weniger, sondern mehr ReligiositÀt wurde von den Protestanten gefordert. Somit kam es zu einer Disziplinierung der Gesamtpersönlichkeit des einzelnen Christen. 2

Kennzeichnend fĂŒr dieses neue disziplinierte Lebensweise der Protestanten sind vor allem drei Merkmale: 1. die Berufsidee, 2. die PrĂ€destinationslehre und 3. die Herausbildung von Freikirchen.

1.1. Die Berufsidee

Der Protestantismus wertete die tĂ€gliche Arbeit sittlich auf. Bisher galt der Beruf lediglich als Zwang der Lebensfristung, der notwendig war, aber mehr auch nicht. Im Zuge der Reformation wurde Arbeit nun zum sittlichen Verdienst. Der Beruf wurde zur Aufgabe und ErfĂŒllung des Lebens.3

Martin Luther sah in den weltlichen Berufen eine dem Individuum von Gott zugeteilte Verpflichtung zum sittlichen Wirken in der Welt. Der Beruf wurde zur Berufung (engl.: ,,vocation", ,,calling", ,,profession") im eigentlichen Sinne.4

Die Berufsarbeit wird zum Ă€ußeren Ausdruck der NĂ€chstenliebe, da die Arbeitsteilung jeden einzelnen zwingt, nicht nur fĂŒr sich, sondern fĂŒr andere zu arbeiten. Diese innerweltliche Pflicht zur Arbeit ist nach dem Willen der Reformatoren der einzige Weg, ein gottgefĂ€lliges Leben zu fĂŒhren. Dabei gilt jeder Beruf als Gottes Wille und ist deshalb, sofern er die Grenzen der LegalitĂ€t nicht ĂŒberschreitet, als gleichwertig zu betrachten.5

Doch Luther bleibt stark traditionalistisch geprĂ€gt. Der einzelne Christ soll grundsĂ€tzlich in dem ihm von Gott zugewiesenen Stand bleiben. Der Beruf ist eine FĂŒgung, nach der man sich zu richten hat. Den Versuch, diese zugewiesene Position, sei sie auch noch so Ă€rmlich, durch harte Arbeit verlassen zu wollen, wertet das Luthertum als gottloses Verhalten.6

FĂŒr die Entwicklung eines modernen Kapitalismus ist eine derartige Auffassung des Berufes natĂŒrlich wenig nĂŒtzlich. Die entscheidende Triebkraft hierfĂŒr wurden also andere reformierte Kirchen. Als wichtigste Strömungen sind hier der Kalvinismus und die puritanischen Sekten zu nennen.

Calvin radikalisierte Luthers Berufsauffassung. Er sah die Welt nicht mehr als gottgewollte vorgegebene Ordnung, sondern als Ansammlung von Werkzeugen und Materialien, die erst noch zur Errichtung von Gottes Reich auf Erden dienen sollten. Es galt, den Beruf zu nutzen, um durch seine pflichtgemĂ€ĂŸe und möglichst erfolgreiche AusĂŒbung die eigene ErwĂ€hltheit durch Gott zu beweisen. Dabei durfte ohne weiteres großer Reichtum angehĂ€uft werden. Dieser war als Ă€ußeres, deutlich sichtbares Zeichen des Erfolges sogar erwĂŒnscht. Ein Leben in Luxus, verschwenderisches Genießen des Geldes dagegen war verboten und gottlos.7Auf den Gedanken des weltlichen Lebenserfolges als Nachweis der göttlichen ErwĂ€hltheit werde ich an spĂ€terer Stelle noch genauer eingehen.

Dies befreite nun den kalvinistischen Christen von der Auflage, sich in seinem angeborenen Stand bewegen zu mĂŒssen. StĂ€nde- bzw. Zunftordnungen sollten die Entwicklung des Einzelnen nicht mehr hemmen. Außerdem erhielt das Erwerbsleben einen Eigenwert gegenĂŒber dem privaten Haushalt und wurde so erfolgreich von diesem gelöst.8

1.2. Der PrÀdestinationsglaube

Der kalvinistische PrĂ€destinationsglaube lehrt, dass Gott mit seiner absoluten Entscheidungsmacht einigen Individuen seine Gnade zukommen lĂ€sst und sie zu himmlischer Seligkeit an seiner Seite fĂŒhrt, andere dagegen zu ewiger Verdammnis verurteilt sind. Die Entscheidung zwischen Eingehen in den Himmel bzw. Verdammung der Seele eines Menschen kann dabei nicht durch gute Taten oder Erfolg auf Erden erwirkt werden, sondern ist von vornherein festgelegt. Die Entscheidung Gottes ist absolut, unumstĂ¶ĂŸlich und fĂŒr den Menschen mit seinem beschrĂ€nkten Horizont nicht rational begreifbar.9

Es stellt sich die Frage, wie der glĂ€ubige Kalvinist nun mit dieser unsicheren Situation umgeht. Was immer auch geschieht, wie immer man auch lebt, man kann sich nie seines Gnadenstandes oder seiner Verdammung sicher sein. Ein völlig gottloses hedonistisches oder anarchisches Leben könnte also ebenso zur Erlösung fĂŒhren, wie die strenge Beachtung kirchlicher Regeln.

Dass die erste Variante im Regelfall nicht gewĂ€hlt wurde, schreibt Weber einer in der damaligen Zeit vorherrschenden religiösen Grundstimmung zu. Das Jenseits nahm im Leben der Menschen die wichtigste Stellung ein. Somit setzte man sich nicht damit auseinander, was man im Diesseits alles machen könnte, sondern quĂ€lte sich mit Fragen nach der Gewißheit der eigenen Erlösung.10

WĂ€hrend Calvin selbst die Annahme, anhand des irdischen Lebens eines Menschen dessen ErwĂ€hltheit nachzuweisen, als vermessenen Versuch in die Geheimnisse Gottes einzudringen, ablehnte, dachten viele seiner Nachfolger hier ganz anders. Den GlĂ€ubigen wurde es zur Pflicht gemacht, sich selbst fĂŒr erwĂ€hlt zu halten. Unsicherheit hĂ€tte ihre GrĂŒnde in einem unsicheren Glauben, also in einer unzulĂ€nglichen Wirkung göttlicher Gnade. So wurden aus demĂŒtigen SĂŒndern bald schon selbstbewußte und selbstsichere Heilige.11

Das Mittel der Erlangung eben dieser Selbstsicherheit wurde die rastlose Berufsarbeit. Durch die aufopferungsvolle Hingabe zum Beruf sollten religiöse Zweifel verscheucht und die Sicherheit des Gnadenstandes geboten werden. Weber ist der Meinung, dass die Aufgabe der weltlichen Berufsarbeit darin bestĂŒnde, religiöse Angstaffekte abreagieren zu können.12

Diese rastlose Hingabe an den Beruf ist also quasi eine zumindest von Calvin unbeabsichtigte Folge von Unsicherheiten, die durch die PrÀdestinationslehre erzeugt wurden.

1.3. Freikirchen

Viele protestantische Strömungen wĂ€hlten als Organisationsformen Sekten oder Freikirchen (z.B. Puritaner, QuĂ€ker, Baptisten). Diese lehnten jegliche Amsthierarchien, in denen religiöse LehrsĂ€tze oder Sakramente monopolartig verwaltet wurden, ab. Sie verstanden sich als nach innen radikal egalitĂ€re, nach außen aber ebenso elitĂ€re religiöse Gemeinschaften. Hier liegt auch schon der wichtige Unterschied in Bezug auf die uns heute bekannten Sekten. WĂ€hrend damals viel Wert auf den inneren antiautoritĂ€ren Charakter gelegt wurde, zeichnen sich heutige Sekten wie z.B. Scientology eher durch autoritĂ€re Bindungen aus. Sie orientieren sich an charismatischen FĂŒhrern und sind nicht durch demokratische Organisationsformen geprĂ€gt, wie sie z.B. bei den QuĂ€kern oder den Baptisten durchaus vorhanden waren.13

In diesen Sekten bzw. Freikirchen griffen die kalvinistischen Dogmen viel intensiver als in den herkömmlichen Amtskirchen, da sich in diesem kleineren Rahmen vieles natĂŒrlich effizienter kontrollieren ließ. Mißachtungen der Regeln wurden sofort mit sozialer Ächtung beantwortet, schlimmstenfalls konnte auch ein Ausstoß erfolgen. Aber auch positive Sanktionen, beispielsweise fĂŒr besonders erfolgreiches ökonomisches Handeln, waren an der Tagesordnung und verstĂ€rkten so den Anreiz nach beruflichem Erfolg.14

Die protestantischen Freikirchen waren ökonomisch sehr aktiv. Das lag u.a. auch daran, dass Mitgliedern der Kirchen aufgrund der gesellschaftlichen Minderheitsposition oft der Weg einer staatlichen Beamtenlaufbahn, aber auch eine BetĂ€tigung innerhalb der ZĂŒnfte oder in der Landwirtschaft verwehrt wurde. Daher wanden sie sich oft mit großem Erfolg neuen, vor allem industriellen Erwerbsformen zu.15

1.4. Das Ergebnis - die innerweltliche Askese

Die drei dargelegten Sachverhalte, also Berufsidee, PrĂ€destinationslehre und die Bildung von Freikirchen rufen, so Weber, im reformierten Christen ein neues Verhaltensmuster hervor, welches er als innerweltliche Askese bezeichnet. Der Gedanke der Askese ist ursprĂŒnglich nicht neu. Derlei Forderungen sind aus beinahe jeder Religion bekannt. Praktisch bleiben sie allerdings meist auf einen kleinen elitĂ€ren kirchlichen Kreis beschrĂ€nkt. Beispiele hierfĂŒr wĂ€ren katholische oder buddhistische Mönche, die sich weitgehend aus dem weltlichen Leben zurĂŒckzogen, quasi außerweltlich agierten. Auch heute ist diese Lebensweise, z.B. im tibetanischen Hochland noch zu finden. Der Protestantismus dagegen verpflichtet seine AnhĂ€nger dazu, in der Welt zu handeln und sie unter Verzicht auf Genuß nach den Vorstellungen Gottes umzugestalten. Dies fĂŒhrt nun zu einer intensiven wirtschaftlichen BetĂ€tigung und gleichzeitig zu einer ethischen Aufladung des Berufes.16

Praktisch mĂŒndet diese protestantische Ethik, also die innerweltliche Askese in einer rationalen und ökonomischen LebensfĂŒhrung, die dem bis dahin vorherrschenden Traditionalismus diametral entgegenstand. Sie bildet die Grundlage fĂŒr die Herausbildung eines ,,kapitalistischen Geistes", der dann zur Entfaltung des modernen Kapitalismus und zur industriellen Revolution fĂŒhrte. Bevor ich aber das genaue Zusammenspiel von protestantischer Ethik und der Herausbildung dieser grundlegend neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsform erlĂ€utern werde, möchte ich zunĂ€chst noch den Begriff des ,,kapitalistischen Geistes" deutlich machen. Signifikante ZusammenhĂ€nge werden dabei schon zu Tage treten.

2. Der ,,Geist des Kapitalismus"

Kapitalistischer Geist im Sinne Webers kann man am besten mit einem bestimmten kapitalistischen Habitus ĂŒbersetzen. Es geht also um eine bestimmte Ansammlung von Eigenschaften und Verhaltensmustern der Individuen, die typisch kapitalistisch sind, bzw. die der Kapitalismus als Wirtschafts- oder Gesellschaftsform braucht, um erfolgreich existieren zu können.

Um diesen besser erlĂ€utern zu können, verwendet Max Weber einen Text des bekannten amerikanischen Erfinders und Politikers Benjamin Franklin17. Darin erkennt er als wesentliche Merkmale den rastlosen ethisch fundierten Erwerb, die Abwertung des Konsums gegenĂŒber dem Erwerb, die Rechenhaftigkeit des gesamten Verhaltens und die Unterordnung der Person gegenĂŒber ihrer Aufgabe. Weber bezeichnet dies auch etwas sarkastisch als ,,Philosophie des Geizes". Derjenige, der nun von dieser Philosophie erfaßt wurde, wird von ihr zu einer ruhelosen wirtschaftlichen BetĂ€tigung im Dienst seines Unternehmens angetrieben. Diese Ruhelosigkeit kann man nicht einfach mit materiellen Interessen erklĂ€ren. Es geht nicht um einen reinen ,,homo oeconomicus", der seinen individuellen Nutzen optimieren möchte, sondern um den Vertreter eines Ethos, der in seinem Tun auch moralische ErfĂŒllung findet. Der Beruf, die Arbeit, das tĂ€gliche VergrĂ¶ĂŸern des eigenen Reichtums wird zum Selbstzweck. Man sagt nicht nach ein paar erfolgreichen Monaten oder Jahren einfach, dass man jetzt genug habe und hört auf, sondern man arbeitet immer weiter.18

Dieser Habitus war etwas neues und nicht etwa schon immer in Europa vorhanden. Im Gegenteil bezeichnet Max Weber die bis dahin vorherrschende europĂ€ische Kultur als durch den Traditionalismus gekennzeichnet. Dieser wird von ihm als außerordentlich kapitalismusfeindlich betrachtet.19Zwar gab es schon immer Geldgier und andere Handlungsmotive, die Menschen auch zu harter Arbeit oder großen Unternehmungen antreiben konnten (Abenteuerkapitalismus), aber es fehlt an Dauerhaftigkeit, an Berechenbarkeit und an dem ethischen Selbstzweck der Arbeit.20Als Beispiel fĂŒhrt Weber Bauern an, die fĂŒr Akkordlohn arbeiten. Wenn man deren Lohn, den sie fĂŒr die Bearbeitung einer gewissen FlĂ€che Land erhalten, hochsetzt, wĂŒrden sie nicht mehr arbeiten, sondern eher weniger, da sie jetzt fĂŒr weniger Arbeit das gleiche Geld erhalten wĂŒrden. Nicht eine Heraufsetzung der LohnsĂ€tze wĂŒrde hier zu höherer ProduktivitĂ€t fĂŒhren, sondern tendenziell eher eine Senkung.21

Diese, der Herausbildung des modernen Kapitalismus nicht zutrĂ€gliche Einstellung gegenĂŒber dem Erwerb, verschwand in weiten Teilen Europas mit der Zeit. Am signifikantesten stellte sich dies in den Gebieten, in denen die reformierten Kirchen, vor allem aber der Kalvinismus Fuß faßten, dar.

Sieht man sich die Grundgedanken des Protestantismus an und vergleicht diese mit dem fĂŒr die Entwicklung des modernen Kapitalismus notwendigen Habitus, so fallen schon sehr viele Gemeinsamkeiten ins Auge. Im folgenden Kapitel sollen diese ZusammenhĂ€nge zwischen protestantischer Religion und kapitalistischer Entwicklung expliziter untersucht werden.

3. Der Einfluß protestantischen Glaubens auf die Herausbildung des modernen Kapitalismus

Max Weber bezeichnet den Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und dem kapitalistischen Geist als Wahlverwandschaft22. Das heißt, der Kapitalismus wĂ€hlt sich protestantisch dominierte Gebiete aus, um sich zu entwickeln. Die Spanier sagten frĂŒher ,,Ketzerei befördere den Handelsgeist".23Aber warum?

Die GrĂŒnde sind zahlreich. ZunĂ€chst bedingen Berufsidee und die Folgen der PrĂ€destinationslehre, dass man in protestantischen Gebieten jede Menge hochmotivierte ArbeitskrĂ€fte und erfolgshungrige Unternehmer finden konnte, die Reichtum anhĂ€ufen wollten und bereit waren, diesen erworbenen Reichtum sofort wieder zu reinvestieren. Zum anderen kommen die schon erlĂ€uterten Folgen der Freikirchenbildung, also der von den Protestanten durch die Unmöglichkeit einer Beamtenlaufbahn bzw. einer handwerklichen oder landwirtschaftlichen BetĂ€tigung zwangsweise eingeschlagene Weg in die Wirtschaft dazu.

Außerdem gibt es aber noch eine Reihe viel pragmatischerer GrĂŒnde, die im Einzelnen deshalb aber nicht weniger wirkungsvoll sind. So waren z.B. die Puritaner in einem weitaus höheren Maße alphabetisiert als andere Zeitgenossen, da es ihre Religion verlangte, dass jeder Christ sich persönlich mit der Bibel auseinandersetzt.24Weiterhin wurde der puritanische Kalender radikal von Feiertagen bereinigt. WĂ€hrend in katholischen Gebieten im 17.Jahrhundert an ca. 240 Tagen im Jahr gearbeitet wurde, waren es bei den Puritanern 300 Arbeitstage. Außerdem ließen puritanische Eltern ihren Kindern im Durchschnitt eine wesentlich bessere und leistungsorientiertere Ausbildung zukommen als katholische Eltern.25Daneben verurteilten viele der sektenartigen Freikirchen unehrenhaftes wirtschaftliches Verhalten, prĂ€mierten dagegen strenge ökonomische Rechenhaftigkeit. Dadurch bedingt waren z.B. die QuĂ€ker schon frĂŒh dafĂŒr bekannt, allen die gleichen Preise zu gewĂ€hren, anstatt sie bei jedem GeschĂ€ft neu auszuhandeln.26

Diese Beispiele legen einen engen Zusammenhang bzw. ein kausales VerhĂ€ltnis zwischen protestantischer Religion und der Schaffung von Voraussetzungen zur Herausbildung einer damals völlig neuen und grundlegend anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsform, nĂ€mlich des modernen Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, außerordentlich nahe.

Innerhalb und außerhalb der Soziologie hat dieser von Weber herausgearbeitete Kausalzusammenhang fĂŒr zahlreiche Diskussionen gesorgt. Mit einigen diskutierten kritischen Argumenten zur protestantischen Ethik werde ich mich im folgenden auseinandersetzen.

4. Kritik und Antikritik zur protestantischen Ethik

Die Webersche These besagt, dass durch den Protestantismus eine seelische Verfassung geschaffen wurde, auf deren Boden sich diese, der menschlichen Natur eigentlich zuwidere, Wirtschafts- und Gesellschaftsform des Kapitalismus entwickeln konnte.27

Das bedeutet allerdings nicht, dass dies bedingungslos ĂŒbertragbar ist, schon gar nicht in die heutige Zeit. Heute einfach zu sagen: Man importiere Protestantismus beispielsweise in ein Land der dritten Welt und erhalte eine moderne entwickelte kapitalistische Nation, greift zu weit ĂŒber die Webersche These hinaus28. Weber war kein Entwicklungspolitiker. Er beschreibt und erklĂ€rt eine historische Situation.29Der heutige Kapitalismus ist, so Weber, ein ,,ungeheurer Kosmos", in den der einzelne hineingeboren wird und der ihm als faktisch gegebene und unabĂ€nderliche GrĂ¶ĂŸe gegenĂŒbersteht.30

Er erhebt also gar nicht den Anspruch, mit der protestantischen Ethik auch heutige Entwicklungen erklĂ€ren zu wollen. Gleichwohl wird ihm unverstĂ€ndlicherweise die UnfĂ€higkeit seiner These, z.B. den Aufschwung der asiatischen Tigerstaaten zu erklĂ€ren, hĂ€ufig vorgeworfen.31Gleichsam erwĂ€hnt der entsprechende Autor Sven AfhĂŒppe nicht, dass gerade in den 80er Jahren, beispielsweise in SĂŒdkorea, die Mitgliederzahlen protestantischer Kirchen, vor allem der Presbytianer, ein rasantes Wachstum zu verzeichnen hatten.32Möglicherweise bietet ,,Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" hier ja doch zumindest teilweise eine ErklĂ€rung.

Eine weitere hĂ€ufig vorgetragene Kritik wird oft von AnhĂ€ngern einer materialistischen Geschichtsdeutung vorgetragen. Webers GeschichtsverstĂ€ndnis wĂ€re idealistisch und falsch. Nicht der geistige Überbau schaffe ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, sondern die Entwicklung verlaufe gerade umgekehrt. Der Kapitalismus sei auf Grundlage wirtschaftlicher Gegebenheiten entstanden und habe sich dann praktisch die Menschen ,,erschaffen", die er brauchte, um erfolgreich existieren zu können. Die protestantische Reformation sei somit eine

direkte Folge der Entwicklung des Kapitalismus und nicht umgedreht.33Weber antwortet auf diese Position, die vor allem von H. Karl Fischer und Sombart vertreten wurde, mit sehr einleuchtenden Argumenten. Er stellt die Frage, warum sich denn dann der Protestantismus nicht in den damals sehr fortschrittlichen, starken und weit entwickelten Gebieten von Florenz oder Venedig entwickelt habe, aber plötzlich z.B. im bis dato völlig unterentwickelten Pennsylvania auftauchte. Das sich hier materielle VerhĂ€ltnisse im geistigen Überbau widerspiegeln wĂ€re, so Weber, Unsinn.34

Felix Rachfahl hatte Weber gegenĂŒber angemerkt, dass sich Kapitalismus unabhĂ€ngig von der protestantischen Reformation entwickelt habe, da keine zeitliche Übereinstimmung vorliege. Frankreich zum Beispiel habe eine enorme Entwicklung von Handel und Industrie schon vor Auftreten des Hugenottentums erlebt und auch der Kapitalismus von England und den Niederlanden sei vor dem Aufkommen des Puritanertums (England) bzw. des Kalvinismus (Niederlande) entstanden. Dagegen könne man in Nordamerika nicht erkennen, dass zu dem Zeitpunkt, an dem Weber das Auftreten des kapitalistischen Geistes erkennen wolle, eine große kapitalistische Entwicklung ablief.35

Dies stellt natĂŒrlich die gesamte Relevanz der These Max Webers in Frage. Er reagiert mit folgender Argumentation: Er habe nie bestritten, dass Kapitalismus und Kapitalisten vor der Reformation vorhanden waren. Es ginge ihm aber eben nicht um den Kapitalismus als Erwerbsstreben. Dies sei ĂŒberall anzutreffen. FĂŒr ihn sei der Geist des Kapitalismus entscheidend. Und dieser ist nicht einfach mit der Form des Wirtschaftsbetriebes gleichzusetzen, sondern ist etwas grundlegend Neues, das im Zuge der Reformation entstand. Nicht jedes wirtschaftliche Handeln, das zum Erfolg fĂŒhrt, ist vom Geist des Kapitalismus bestimmt. Folglich ist erfolgreiches wirtschaftliches Agieren auch ohne Protestantismus möglich. Aber die neuen Kirchen schufen eine Ethik, die aus inneren GrĂŒnden wahlverwandt mit dem Kapitalismus ist. Es geht also um die Persönlichkeit des Menschen. Mit dieser Ethik wurden einheitliche Grundmotive fĂŒr die Entwicklung und Pflege derjenigen persönlichen QualitĂ€ten geschaffen, die einen erfolgreichen Kapitalisten ausmachen.36Diese auf Grundlage religiöser Motive geschaffene Persönlichkeit trug dazu bei, dass der Kapitalismus sich entfalten oder weiter entwickeln konnte, ganz egal, ob es vorher schon kapitalistische Strukturen gab oder nicht.

Ein meines Erachtens nach viel wesentlicherer Einwand ist die Tatsache, dass neuere historische Forschungen zur Frömmigkeitsgeschichte gezeigt haben, dass sich konfessionell klar abgegrenzte Gebiete erst viel spÀter herausgebildet haben, als Max Weber annahm. Weiterhin spielte auch bei gleichen religiösen Glaubensrichtungen immer noch der verschiedene Charakter der unterschiedlichen Volkskulturen eine wichtige Rolle. So kam es, dass die ethischen Regeln des Protestantismus durchaus unterschiedlich ausgelegt und gelebt wurden. Es gab keine einheitliche Handlungsorientierung auf Grundlage von Religion.37

Dies ist zwar sicherlich richtig, ich finde es aber wichtig, darauf zu achten, dass Weber Idealtypen38bildete. Es ging ihm um das große Ganze und hier sind der protestantischen Ethik eindeutig ZusammenhĂ€nge mit der Entwicklung eines kapitalistischen Geistes zu erkennen. Dass in einzelnen Punkten Abweichungen auftreten und die Entwicklung nicht exakt nach der These Webers verlief, relativiert seine Theorie zwar, nimmt ihr aber noch lange nicht die Geltung.

5. ResĂŒmee

Wie man an den zahlreichen, zum Teil auch sehr kritischen Reaktionen ablesen kann, ist ,,Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" von Max Weber eines der aufsehenerregendsten Werke der Soziologie. Seiner Argumentation folgend ist vor allem unsere heutige westliche Kultur und vor allem ihre wirtschaftliche StĂ€rke zu einem großen Teil ein Produkt der protestantischen Reformation. Dieses protestantische Erbe ist auch in der Neuzeit durchaus prĂ€sent geblieben. So sahen die meisten Amerikaner 1994 u.a. in der protestantischen Arbeitsethik des Landes den Ursprung seiner GrĂ¶ĂŸe.39

Auch wenn die These Webers ihrem Charakter nach idealtypisch ist und bei der ErklÀrung spezieller EinzelfÀlle möglicherweise an Schlagkraft verliert, ist sie in

meinen Augen ein wissenschaftlich fundierter und sehr einleuchtender Ansatz zur KlĂ€rung der Frage, wie der moderne Kapitalismus entstand. Dass gerade die scheinbar kapitalismuskritische Religion hier Pate stand, ist auf den ersten Blick paradox, bei genauerer Betrachtung aber durchaus plausibel. Nicht zuletzt daran wird es wohl liegen, dass ,,Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" bis heute ein oft rezensiertes und immer wieder beachtetes Standardwerk der Soziologie geworden ist, das aber auch darĂŒber hinaus, z.B. in den Wirtschaftswissenschaften, immer wieder Beachtung und Zustimmung gefunden hat.

Literaturverzeichnis

· Sven AfhĂŒppe: Gottgewollter Reichtum - Max Weber: Die protestantische Ethik; in: Die Zeit Nr.34/1999

· Friedhelm Guttandin: EinfĂŒhrung in die ,,Protestantische Ethik" Max Webers Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1998

· Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen 2.Aufl.; Siedler Verlag; 1998

· Matthias Kuchenbrod: Unternehmerethos und Asketischer Protestantismus - Max Weber,

http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuck/webtit2.htm

· Matthias Kuchenbrod: Die idealtypische Argumentationsgrundlage der>Protestantischen Ethik<

unter: http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuch/webideal.htm

· Hartmut Lehmann: Max Webers> Protestantische Ethik < BeitrÀge aus der Sicht eines Historikers; Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen 1996

· Michael H. Lessnoff: The Spirit of Capitalism and the Protestant Ethic - An Enquiry into the Weber Thesis; University press Cambridge 1994

· Friedrich Tenbruck: Nachwort; in Max Weber: Wissenschaft als Beruf, Reclam Stuttgart 1995

· Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus; in: ders.: Gesammelte AufsĂ€tze zur Religionssoziologie I; S., TĂŒbingen 1988

1 Vgl.: Sven AfhĂŒppe: Gottgewollter Reichtum - Max Weber: Die protestantische Ethik; in: Die Zeit Nr.34/1999

2 Vgl.: Matthias Kuchenbrod: Unternehmerethos und Asketischer Protestantismus - Max Weber, http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuck/webtit2.htm

Vgl.: Friedrich Tenbruck: Nachwort; in Max Weber: Wissenschaft als Beruf, S.52 Reclam Stuttgart 1995

4 Vgl.: Matthias Kuchenbrod: Unternehmerethos und Asketischer Protestantismus - Max Weber, http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuck/webtit2.htm

5 Vgl.: Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus; in: ders.: Gesammelte AufsĂ€tze zur Religionssoziologie I; S.71, TĂŒbingen 1988

6 Vgl.: ebd. S.76ff.

7 Vgl.: Matthias Kuchenbrod: Unternehmerethos und Asketischer Protestantismus - Max Weber, http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuck/webtit2.htm

8 Vgl. ebd.

9 Vgl.: Michael H. Lessnoff: The Spirit of Capitalism and the Protestant Ethic - An Enquiry into the Weber Thesis; S.5 University press Cambridge 1994

10 Vgl.: Friedhelm Guttandin: EinfĂŒhrung in die ,,Protestantische Ethik" Max Webers S.138 Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1998

11 Vgl.: ebd.

12 Vgl. ebd. S.138f.

13 Vgl.: Matthias Kuchenbrod: Unternehmerethos und Asketischer Protestantismus - Max Weber, http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuck/webtit2.htm

14 Vgl.: ebd.

15 Vgl.: ebd.

16 Vgl.: ebd.

17 Vgl.: Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus; in: ders.: Gesammelte AufsĂ€tze zur Religionssoziologie I; S.31f., TĂŒbingen 1988

18 Vgl.: ebd. S.32ff.

19 Vgl.: ebd. S.43

20 Vgl.: ebd. S.42ff

21 Vgl.: ebd. S. 44f.

22 Vgl.: ebd. S.26

23 Vgl.: ebd. S.27

24 Vgl.: Matthias Kuchenbrod: Unternehmerethos und Asketischer Protestantismus - Max Weber, http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuck/webtit2.htm

25 Vgl.: ebd.

26 Vgl.: ebd.

27 Vgl.: Hartmut Lehmann: Max Webers> Protestantische Ethik < BeitrÀge aus der Sicht eines Historikers; S.10 Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen 1996

28 Vgl.: ebd. S.5

29 Vgl.: Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus; in: ders.: Gesammelte AufsĂ€tze zur Religionssoziologie I; S.37., TĂŒbingen 1988

30 Vgl.: ebd.

31 Vgl.: Sven AfhĂŒppe: Gottgewollter Reichtum - Max Weber: Die protestantische Ethik; in: Die Zeit Nr.34/1999

32 Vgl.: Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen 2.Aufl. S.149; Siedler Verlag; 1998

33 Vgl.: Friedhelm Guttandin: EinfĂŒhrung in die ,,Protestantische Ethik" Max Webers S.138 Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1998

34 Vgl.: Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus; in: ders.: Gesammelte AufsĂ€tze zur Religionssoziologie I; S.37., TĂŒbingen 1988

35 Vgl.: Friedhelm Guttandin: EinfĂŒhrung in die ,,Protestantische Ethik" Max Webers S.175 Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1998

Vgl.: ebd. S.176-180

37 Vgl.: Hartmut Lehmann: Max Webers> Protestantische Ethik < BeitrÀge aus der Sicht eines Historikers; S.20f. Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen 1996

38 Vgl.: Matthias Kuchenbrod: Die idealtypische Argumentationsgrundlage der>Protestantischen Ethik< unter: http://www.uni-bamberg.de/~ba5sgl/lehre/ws9596/kuch/webideal.htm

39 Vgl.: Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen 2.Aufl. S.324; Siedler Verlag; 1998

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