Albert Schweitzers Ethik und Friedensdenken

"Ich bin Leben, das leben will ..."

Hausarbeit

1953 zeichnete das Osloer Komitee Albert Schweitzer r├╝ckwirkend f├╝r das Jahr 1952 mit dem Friedensnobelpreis aus. Es ehrte damit sein praktisches Lebenswerk, aber auch sein Denken. Wodurch ist dieses gepr├Ągt?

I.

Der Ausgangspunkt von Schweitzer im Kampf f├╝r einen langfristigen Frieden in der Welt ist seine Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben". Diese Lehre ist f├╝r ihn so elementar, dass sie seiner Meinung nach zum Beispiel auch einen Ausweg aus der atomaren Bedrohung aufzeigen kann.

Seine fundamentale Formel fasst er in folgendem Kernsatz zusammen: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Schweitzer f├╝hrt diese These weiter aus, indem er meint, dass "wie in seinem (des Menschen) Willen zum Leben Sehnsucht ist nach dem Weiterleben und nach der geheimnisvollen Gehobenheit des Willens zum Leben, (...) ob er sich ihm gegen├╝ber ├Ąu├čern kann oder ob er stumm bleibt", das Leben selbst das Unergr├╝ndliche ist..1Aus diesem Grund ist es f├╝r Schweitzer selbstverst├Ąndlich, dem Leben Ehrfurcht entgegenzubringen.

Den Begriff der "Ehrfurcht vor dem Leben", welche sich auf alles Lebendige bezieht, hat Schweitzer selbst in Afrika "gefunden", entwickelt und entscheidend gepr├Ągt. Das Neuartige an diesem Verst├Ąndnis einer menschlichen Ethik beschreibt er so: "Es ging mir auf, dass die Ethik, die nur mit unserem Verh├Ąltnis zu den andern Menschen zu tun hat, unvollst├Ąndig ist und darum nicht die v├Âllige Energie besitzen kann. Solches vermag nur die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Durch sie kommen wir dazu, nicht nur mit Menschen, sondern mit aller in unserem Bereich befindlichen Kreatur in Beziehung zu stehen, und mit ihrem Schicksal besch├Ąftigt zu sein, um zu vermeiden, sie zu sch├Ądigen, und entschlossen zu sein, ihnen in ihrer Not beizustehen, soweit wir es verm├Âgen."2Dieser Aspekt von Schweitzers Ethik, auch nichtmenschliches Leben f├╝r sch├╝tzenswert zu erachten, wird als fundamentaler Fortschritt im Vergleich zu anderen ethischen Lehren angesehen. Noch heute beziehen sich Umweltsch├╝tzer auf ein Verst├Ąndnis der Einheit der Natur, welches durch uns nicht zerst├Ârt werden darf.

Vom Prinzip her sind die von Schweitzer gestellten Anforderungen sehr hoch und radikal: "Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erkennt keine relative Ethik an."3Sie b├╝rdet dem Einzelnen eine "ins Grenzenlose" erweiterte Verantwortung auf, der er nur schwer gerecht werden kann: Da auch Schweitzer wei├č, dass jeder Mensch t├Ąglich notwendiger Weise Leben sch├Ądigen oder t├Âten muss, gilt es f├╝r ihn immer wieder abzuw├Ągen, ob oder inwieweit dies verantwortet werden kann

Jedoch hat der Grundgedanke Schweitzers einen mehrschichtigen Charakter, welcher den Absolutheitsanspruch dieser Ethik rechtfertigt. Benedict Winnubst4beschreibt diesen ausf├╝hrlich. Zun├Ąchst arbeitet er vier Grundlagen dieses ethischen Grundsatzes heraus. Die verschiedenen Aspekte, in welche sich seiner Meinung nach Schweitzers Theorie unterteilen l├Ąsst, sind folgende:

a) der Appell an das sittliche Empfinden, welches jedem Menschen von Natur aus eigen ist.

b) das "Grundprinzip der Sittlichkeit", n├Ąmlich das Leben als solches

c) der Appell zum "sittlichen Empfinden", welches ein Handeln notwendig macht.

d) der religi├Âse Charakterzug

Zu a): Um den Inhalt dieses ersten Gedankens wiederzugeben, gen├╝gt es, Schweitzer zu zitieren: "Der Aufruf "Habt Ehrfurcht vor dem Leben" hat etwas in sich selbst schon Einleuchtendes; das ├╝berall auf unserer Erde in vieles Milliarden von Wesen geheimnisvoll wirkenden Leben hat etwas Ehrfurcht Erweckendes und Ehrfurcht Forderndes in sich; es spricht damit unser sittliches Empfinden an, ohne dass es dazu einer weiteren Begr├╝ndung bedarf."5

Zu b) kann man Folgendes feststellen: Schweitzers Auffassung nach ist bereits in den Worten "Ehrfurcht vor dem Leben" das Grundprinzip der Sittlichkeit zum Ausdruck gebracht. Dieses beruht auf dem Leben als solchem, was f├╝r den Menschen ein unerkl├Ąrliches Mysterium bleibt.

Zu c): Die Ehrfurcht vor dem Leben muss, dem Prinzip der Sittlichkeit folgend, einen bestimmenden Einfluss auf den endg├╝ltigen Zweck unseres Handelns haben. Schweitzer zufolge ist die Frage nach dem Einfluss auf das Handeln sogar die wichtigste. "Denn was bedeuten Gef├╝hl und ethische Theorie, wenn sie nicht auf unser Handeln einwirken ?"6

Zu d): Schweitzer ist davon ├╝berzeugt, dass "die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe" ist. Sie ist f├╝r ihn die "als denknotwendig erkannte Ethik Jesu."7Als solche offenbart sich uns der "unendliche Wille zum Leben als Sch├Âpferwille, der voll dunkler und schmerzlicher R├Ątsel f├╝r uns ist."8Schweitzer kommt letztendlich zu der Schlussfolgerung, dass die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben religi├Âsen Charakter hat - und stellt fest, dass " der Mensch, der sich zu ihr bekennt und sie best├Ątigt, in elementarer Weise fromm" ist.9Aus dem Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben folgt f├╝r ihn "das denknotwendige, universelle, absolute Grundrinzip des Ethischen" f├╝r den Menschen, n├Ąmlich die "N├Âtigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen."10

Die praktische Umsetzung dieser Ehrfurcht ist f├╝r den Menschen hingegen keine leichte Aufgabe, denn er stellt sich damit laut Albert Schweitzer in einen Gegensatz zum Ablauf in der Natur. "Die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt tausendf├Ąltig Leben hervor in der sinnvollsten Weise und zerst├Ârt es tausendf├Ąltig in der sinnlosesten Weise. Durch alle Stufen des Lebens (...) ist die Unwissenheit ├╝ber die Wesen ausgegossen. Sie haben nur den Willen zum Leben, aber nicht die F├Ąhigkeit des Miterlebens, was in den anderen Wesen vorgeht; sie leiden, aber sie k├Ânnen nicht mitleiden. Der gro├če Wille zum Leben, der die Natur erh├Ąlt, ist in r├Ątselhafter Selbstentzweiung mit sich selbst. Die Wesen leben auf Kosten des Lebens anderer Wesen."

Auch der Mensch kann sich von diesen Grundgesetzen der Natur nicht vollst├Ąndig losl├Âsen, weil er dazu geneigt ist, den bequemsten Weg oder den des geringsten Widerstandes zu gehen. Deshalb dr├Ąngt sich uns auch immer wieder die ├ťberlegung auf: "Es n├╝tzt ja doch nichts ! Was du tust und kannst, um Leiden zu verh├╝ten, um Leiden zu mildern, um Leben zu erhalten, ist ja doch nichts im Vergleich mit dem, was geschieht auf der Welt, um dich herum, ohne dass du etwas tun kannst." Dem setzt Albert Schweitzer allerdings entgegen, dass jeder Mensch einen kleinen Beitrag leisten kann: "Das Wenige, dass du tun kannst, ist viel."

Aus dieser Ethik im Zusammenleben der Menschen entwickelt sich schlie├člich Kultur. Diese wird so zu einer Verl├Ąngerungslinie der Ethik. Im Ringen um die Kultur hei├čt es f├╝r den Menschen Priorit├Ąten zu setzten. F├╝r Albert Schweitzer h├Ąngt die Entstehung und F├Ârderung von Kultur letztendlich mit unserer Entwicklung und dem Fortschritt insofern zusammen, dass Kultur f├╝r eine Ausbildung des Fortschritts unabdingbar ist. In diesem Zusammenhang stehen f├╝r ihn drei Gebiete der Forschung im Vordergrund: "Fortschritte des Wissens und des K├Ânnens. Fortschritte in der Vergesellschaftung der Menschen. Und Fortschritte in der Geistigkeit."

Sorgenvoll beobachtete Schweitzer schon w├Ąhrend seines Studiums eine Entwicklung, die den Fortschrittdes Wissens und K├Ânnens gegen├╝ber der Geistigkeit in den Mittelpunkt des Interesses der modernen Zivilisation setzt: "Trunken von den Fortschritten des Wissens und des K├Ânnens, die ├╝ber unsere Zeit hereinbrachen, verga├čen wir, uns um den Fortschritt in der Geistigkeit der Menschen zu sorgen." Dem setzt Schweitzer entgegen, dass "alle Fortschritte des Wissens und des K├Ânnens sich zuletzt verh├Ąngnisvoll auswirken, wenn wir nicht durch entsprechenden Fortschritt unserer Geistigkeit Gewalt ├╝ber sie behalten." Denn "durch die Macht, die wir ├╝ber die Kr├Ąfte der Natur gewinnen, bekommen wir auch in unheimlicher Weise als Menschen ├╝ber Menschen Gewalt."11

Am 21. April 1963 schreibt Schweitzer in seinem Aufsatz "Die Entstehung der Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben und ihre Bedeutung f├╝r unsere Kultur" 12"Die Technik hat uns alle Mittel gegeben alles Leben zu vernichten. Diese Mittel m├╝ssen wir abschaffen. Die Gro├čm├Ąchte vertrauen einander nicht. Es muss sich eine ├Âffentliche Meinung bilden, die die Abschaffung der Atomwaffen fordert. Nur die Ehrfurcht vor dem Leben kann die daf├╝r n├Âtige Grundeinstellung schaffen. Das Individuum und die V├Âlker m├╝ssen dadurch, " dass sie in dieser Ethik leben, ethische Pers├Ânlichkeiten werden."

Als eine der Ursachen des Krieges erkl├Ąrt Schweitzer folglich den Wertverlust des Individuums, eine Art "Entmenschlichung". Benedict Winnubst schreibt hierzu: "Wir tun den ersten Schritt auf dem Weg, der zu der heutigen Drohung der Vernichtung allen Lebens f├╝hrt, wenn wir unseren Mitmenschen nicht mehr als Mensch sehen." Ein Zitat Schweitzers belegt eindringlich diese Aussage: "Wo das Bewusstsein schwindet, dass jeder Mensch uns als Mensch etwas angeht, kommen Kultur und Ethik ins Wanken. Das Fortschreiten zur entwickelten Inhumanit├Ąt ist dann nur noch eine Frage der Zeit."13

Wenn Schweitzer sich mit dem Frieden besch├Ąftigt, weist er immer wieder auf die Unmenschlichkeit des eigentlichen Kriegsgeschehens hin: "Als der Krieg kam, erhielt die Inhumanit├Ąt, die in uns war, freien Lauf."14Benedict Winnubst zeigt in diesem Zusammenhang auf, dass Schweitzer in seinen Appellen auf die st├Ąndige Bedrohung des Friedens immer wieder zur├╝ck kommt: "Wir haben uns in den letzten beiden Kriegen schuldig gemacht und w├╝rden es in einem kommenden noch weiter tun."15

Dieses Zitat deutet auch Schweitzers kritische Haltung bez├╝glich der geistigen Fortschritte unserer Kultur an. Er ist davon ├╝berzeugt, dass der Mensch durch seine Kenntnisse meint, zum "├ťbermenschen" geworden zu sein: "Sein ├ťbermenschtum besteht darin, dass er auf Grund seiner Errungenschaften des Wissens und des K├Ânnens nicht nur ├╝ber die in seinem K├Ârper gegebenen physischen Kr├Ąfte verf├╝gt, sondern auch solchen, die in der Natur vorhanden sind, gebietet und sie in den Dienst nehmen kann."16In Wirklichkeit sei der moderne Mensch jedoch ein Unmensch: "Der ├ťbermensch leidet (...) an einer verh├Ąngnisvollen geistigen Unvollkommenheit. Er bringt die ├╝bermenschliche Vern├╝nftigkeit, die dem Besitz ├╝bermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf. Dieser bed├╝rfte er, um von der von ihm errungenen Macht nur zur Verwirklichung des Sinnvollen und Guten, nicht auch zum T├Âten und Vernichten Gebrauch zu machen. Darum sind ihm die Errungenschaften des Wissens und K├Ânnens mehr zum Verh├Ąngnis als zum Gewinn geworden."17Schweitzers Schlussfolgerung istdemzufolge: "Was uns aber eigentlich zu Bewusstsein kommen sollte und schon lang zuvor h├Ątte kommen sollen, ist dies, dass wir als ├ťbermenschen Unmenschen geworden sind."18

Diese Aussage ist f├╝r uns heute um so erschreckender, wenn wir uns vor Augen halten, dass dadurch, dass wir in den Besitz von Atomwaffen und anderen Vernichtungswaffen (chemische, biologische) gekommen sind und inzwischen auch eine Revolution der Biotechnologie erlebt haben, die M├Âglichkeit und die Versuchung Leben zu vernichten (und heute vor allem auch zu "manipulieren) ins Unermessliche gestiegen sind.

Aber nicht alle Menschen sind f├╝r Schweitzer von diesem Machtstreben besessen, der Konflikte zu Vernichtungskriegen eskalieren l├Ąsst. Ein weiterer Aspekt seiner Ethik ist deshalb der Gedanke der S├╝hne. In seinen Selbstzeugnissen schrieb er hierzu: "Eine gro├če Schuld lastet auf uns und unserer Kultur. Wir sind gar nicht frei, ob wir an den Menschen drau├čen Gutes tun wollen oder nicht, sondern wir m├╝ssen es. Was wir ihnen Gutes beweisen ist nicht Wohltat, sondern S├╝hne. F├╝r jeden, der Leid verbreitet, muss einer hinaus gehen, der Hilfe bringt. Und wen wir alles leisten, was in unseren Kr├Ąften steht, so haben wir nicht ein Tausendstel der Schuld ges├╝hnt. Dies ist das Fundament, auf das sich die Erw├Ągungen der "Liebeswerke" drau├čen erbauen m├╝ssen."19Diese Aufgabe zur S├╝hne bekommt schlie├člich in seinem Werk "Mein Wort an die Menschen" eine neue Dimension, welche eine L├Âsungsm├Âglichkeit f├╝r das Problem aufzeigt. Jedoch ist hierf├╝r die Bereitschaft aller "Rassen" erforderlich um zu einer gemeinsamen friedlichen L├Âsung zu kommen: "Es muss dahin kommen, dass Weiss und Farbig sich in ethischem Geist begegnen. Dann erst wird eine Verst├Ąndigung m├Âglich sein. An der Schaffung dieses Geistes zu arbeiten, heisst zukunftsreiche Politik treiben."

An diesem Punkt wird deutlich, dass Schweitzer seinen Begriff der Ethik sehr umfassend versteht. Eine umfassende und allgemeine V├Âlkerverst├Ąndigung ist auch heute noch nicht realisiert. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben k├Ânnte somit in einer modernen Interpretation auch eine Antwort auf die Probleme unserer Zeit wie Krieg, Rassismus, Ignoranz oder soziale Ungerechtigkeiten darstellen.

II.

Lange bevor Albert Schweitzer mit seinem Ruf nach Frieden in das Blickfeld der Welt├Âffentlichkeit trat, besch├Ąftigte er sich als Philosoph, Ethiker und Mensch mit den M├Âglichkeiten, einen dauerhaften Frieden in der Welt zu sichern. Durch scharfsinnige Beobachtung der Menschen und deren Verhalten sowie der politischen Situation versuchte er, Auswege aus der friedlosen Situation der Menschheit zu finden und aufzuzeigen.

Im Jahre 1934 kritisiert er bereits den "Mangel an Denken" unter den Menschen, der charakterisiert sei durch eine "Verachtung des Lebens". Weiter meint er, dass wir Krieg f├╝hrten und das Leiden von Millionen von Menschen und Tieren riskierten, um Fragen, die durch vern├╝nftige ├ťberlegungen h├Ątten gel├Âst werden k├Ânnen, zu beseitigen.20"Das heutige Elend auf der ganzen Welt ist das der Friedlosigkeit, in dem die V├Âlker miteinander sich auf dem Weg zum Verderben befinden."21F├╝r Schweitzer hatten wir in der Zeit des Kalten Krieges, in der er die meisten seiner Schriften zur Friedensproblematik verfasste, nur die Wahl zwischen "Friede oder Atomkrieg"22. Letzteres war von ihm nicht nur zur Abschreckung formuliert, sondern er sah eine reale Gefahr.

Aus diesem Grund antwortet Schweitzer im Jahr 1952 einer schwedischen Journalistin auf deren Frage, was der Menschheit am meisten Not tut: "Alle miteinander, soweit wir des rechten ├ťberlegens f├Ąhig sind, halten wir daf├╝r, dass es Friede ist, der der Menschheit von jeher notwendig war und es jetzt in ganz besonderer Weise ist."23

Frieden ist f├╝r Albert Schweitzer "in dem Aufh├Âren der unter den Menschen herrschenden Friedlosigkeit" zu begreifen. Dieser Frieden f├Ąngt beim Individuum an. Er ist f├╝r jeden Einzelnen durch das Anstreben eines "ethischen Geistes" zu erreichen. Somit ist Frieden nach dem Verst├Ąndnis Schweitzers ein immer tiefer gehender geistiger Prozess des Individuums, der bis in die pers├Ânlichen Strukturen dringt und sich immer von neuem der Gewissenserforschung widmen muss. Schweitzer hat volles Vertrauen in die Kraft des Geistes, von der allein ein dauerhafter Frieden ausgehen kann und soll.

Die neue Geisteshaltung, die den ethischen Geist in Individuen, V├Âlkern und Diplomaten bewirken soll, nennt er "Vertrauensw├╝rdigkeit". Sie bewirkt, dass die Parteien einander vertrauen, sie nicht auf Kernwaffen zur├╝ckgreifen werden und damit den Weg f├╝r Atomabr├╝stungvertr├Ąge ebnen, indem sie die Schwierigkeiten bei der vertraglichen Beendigung von Kernwaffenversuchen und in der Schaffung eines ├ťberwachungssystems ├╝berwinden.

Dieses ethische Denken wird seiner Meinung nach durch einen blinden Forschungsdrang der Menschen ├╝berdeckt, wobei Schweitzer sich allerdings nicht gegen die rasche Entwicklung von Wissen und K├Ânnen richtet. Er ist vielmehr davon ├╝berzeugt, dass mit den Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik verantwortungslos umgegangen wurde und dadurch ethische Ideale in Vergessenheit gerieten, was den Menschen letztendlich zum Verh├Ąngnis wurde.

Albert Schweitzer m├Âchte den Begriff der Humanit├Ąt - "das hei├čt, die R├╝cksicht auf die Existenz und das Gl├╝ck des einzelnen Menschenwesens"24- wieder in den Mittelpunkt des menschlichen Denkens r├╝cken. Dabei setzt er einen eindeutigen Ma├čstab, wof├╝r Wissenschaft und Technik weiterentwickelt werden sollen: n├Ąmlich f├╝r das Wohl der Menschen und nicht deren Vernichtung.

Aus heutiger Sicht scheint mir das ethische Denken der Menschen in Bezug auf die Problematik des Friedens in eine untergeordnete Rolle gedr├Ąngt. In den ├Âffentlichen Diskussionen kommt diese Sichtweise deshalb nur selten zum Tragen. Oftmals fehlt uns das Bewusstsein f├╝r die Notwendigkeit einer ethischen Betrachtung. Schlie├člich, so ist es tief in unserem heutigen Denkmuster eingepr├Ągt, haben die Politiker die Entscheidungsgewalt ├╝ber Krieg und Frieden - und nicht wir. Aber weshalb ist dies in einem demokratischen Staat wie unserem ├╝berhaupt m├Âglich? Weshalb finden wir diese pers├Ânliche Verantwortung f├╝r die Verwirklichung des Friedens meistens nicht wichtig genug, um uns damit zu besch├Ąftigen? Brauchen wir uns nicht mehr f├╝r den Frieden einzusetzen, weil momentan unser Land in keinen Krieg verwickelt ist? Haben wir uns aber nicht gestern noch - erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg - an einem Krieg beteiligt?

Schweitzer stellt fest, dass "das Kommen oder das Ausbleiben des Friedens von der Gesinnung der Einzelnen abh├Ąngt und damit in der der V├Âlker zur Ausbildung gelangt."25Er meint, wir seien "dazu geneigt ihr kein Geh├Âr zu geben, weil uns sein Gesinntsein und sein Verhalten in dieser Art als etwas so kleines vorkommt, dass wir ihm keine Bedeutung f├╝r das Kommen des Friedens in der Welt beilegen."26Weiter schreibt Schweitzer, dass wir Folgendes in Erw├Ągung ziehen sollten: "Was Not tut ist, dass das Rechtbekommen des Friedens irgendwo seinen Anfang nehme, sei es auch noch so unscheinbar. Uns gen├╝ge, dass der Geist des Friedens von unseren Herzen Besitz nehmen will." Wir sollen also klein anfangen, bei uns selbst, und die Wichtigkeit des Friedens in der Welt dadurch in das Blickfeld der ├ľffentlichkeit r├╝cken.

Doch wie soll eine solche ├änderung in der Gesinnung der Menschen nun realisiert werden ? Oft stehen wir der Kraft des Geistes sehr skeptisch gegen├╝ber: "Einen neuen Geist zu schaffen, will dem gew├Âhnlichen Verstand als ein wenig aussichtsreiches Unternehmen vorkommen. Er h├Ąlt es nicht f├╝r m├Âglich, dass die Menschen sich von der herrschenden, gew├Âhnlichen Denkweise zu einer h├Âheren erheben k├Ânnen."27Schweitzer bestreitet diese Skepsis auf Grund seines Vertrauens in die in jedem vorhandene Kraft des Geistes: "Dieser Kleinglaube hat nicht die rechte Vorstellung vom Geiste. Diese ist ein Feuer, zu welchem der Brennstoff in den Herzen aller Menschen vorhanden ist. Auch wenn er nur ein kleines Fl├Ąmmchen ist, kann er unversehens zur m├Ąchtigen Flamme werden. Die Sehnsucht nach Frieden ist gro├č in den Herzen der heutigen Menschen."28

Die Friedens├╝berlegungen Schweitzers sind auch sehr religi├Âs gepr├Ągt und verdeutlichen uns, wie wichtig f├╝r ihn der Aspekt der N├Ąchstenliebe war. Die Tatsache, dass das Streben nach Frieden f├╝r den Menschen eine Selbstverst├Ąndlichkeit sein sollte, unterstreicht Schweitzer in seinen Schriften immer wieder.

Noch immer herrscht in weiten Teilen der Erde Krieg. Die Gr├╝nde der Auseinandersetzungen sind oft vielf├Ąltig. Doch sterben in jedem dieser Kriege Menschen. Diese Tatsache verdr├Ąngen wir konsequent aus unserem Denken. Wenn man die Argumentation Schweitzers ber├╝cksichtigt, ist es die Ignoranz der Welt├Âffentlichkeit, die durch die Duldung von Gewalt riskiert, dass unschuldige Menschen dem Krieg zum Opfer fallen. Wir sollten die Worte Schweitzers aus diesem Grund ├╝berdenken - auch (oder gerade weil) der Zustand des Friedens in unsrem Land zu einer Grundvoraussetzung des Lebens geworden ist, derer wir uns im normalen Alltag nicht bewusst sind. Letztendlich stellt sich uns dann die Frage: Wozu brauchen wir immer neuere, immer grausamere Waffen? Und: Was n├╝tzt uns Menschen der Einsatz von Atomwaffen?

1 Albert Schweitzer, Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus f├╝nf Jahrzehnten; M├╝nchen: C.H. Beck, 1966, S. 21.

2 A. Schweitzer: Die Entstehung der Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben und ihre Bedeutung f├╝r unsere Kultur. In: Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben, S. 20f.

3 A. Schweitzer: Kultur und Ethik, S. 339.

4 Benedict Winnubst, Das Friedensdenken Albert Schweitzers. Seine Antwort auf die Bedrohung des Lebens, besonders des menschlichen Lebens, durch die Kernr├╝stung, Amsterdam 1974 (Diss. an der Universt├Ąt Groningen).

5 H. Reiner: Die Zukunft der Ethik Albert Schweitzers. In: The Journal of Value Inquiry. Vol.II., S.157.

6 H. Reiner: Die Zukunft der Ethik Albert Schweitzers. In: The Journal of Value Inquiry. Vol.II., S.159.

7 Vgl. A. Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken, S.193.

8 Vgl.ebd., S.195.

9 Vgl. A. Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken, Seite 195.

10 Dieses Zitat Schweitzer von der Bedeutung der Ethik taucht immer wieder in seinen Schriften auf. Die Abwandlungen im Wortlaut sind dabei minimal.

11 A. Schweitzer, Kultur und Ethik, S. 361.

12 Ver├Âffentlicht in: "Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben":

13 A. Schweitzer, Verfall und Wiederaufbau der Kultur. S. 28 .

14 ebd., S.29.

15 A. Schweitzer : Das Problem des Friedens in der heutigen Welt, S. 9.

16 ebd., S. 9

17 ebd., S. 10

18 ebd., S. 11

19 A. Schweitzer: Zwischen Wasser und Urwald, In: Selbstzeugnisse, S. 206.

20 vgl. Rudolph Grabs, Albert Schweitzer - Ein Lebensbild, Halle 1965

21 Schweitzer in einem Brief an John F. Kennedy vom 23. 11.1962, so auch der Titel eines sp├Ąteren Buches Schweitzers, welches seine Rede zum Empfang des Friedensnobelpreises beinhaltet und des weiteren seine Osloer Appelle

22 Unter diesem Titel wurden im April 1958 die drei Oslo-Appelle herausgegeben.

23 Schweitzer: Was der Menschheit am meisten Not tut, S. 1.

24 Albert Schweitzer; Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus f├╝nf Jahrzehnten; M├╝nchen: C.H. Beck, 1966

25 vgl. Schweitzer: Das Problem des Friedens in der heutigen Welt, Seite 16

26 Schweitzer: Was der Menschheit am meisten Not tut, S. 4

27 ebd., S.5

28 ebd.

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