Frau Jenny Treibel

Mein Name ist Treibel. Ich bin Kommerzienrat und wohne seit 16 Jahren in einer modischen Villa(14) in Berlin. Wo ich zum erstenmal im Roman auftrete, wird einem die Widerspr├╝chlichkeit in meinem Charakter doch ganz deutlich. Ich m├Âchte euch das einmal n├Ąher beschreiben. Ich sitze also in meinem Zimmer, lese das Berliner Tageblatt mit der Wochenbeilage Ulk und denke mir, sehr gut... Ausgezeichnet... Aber ich werde das Blatt doch beiseiteschieben oder mindestens das Deutsche Tageblatt dar├╝ber legen m├╝ssen(16). Meine Maxime je freier, je besser(45) gilt aber nur der Erotik zugewendeten Wege(44), und die gilt nat├╝rlich auch nur bei Abwesenheit der Damen.

Ich bin jovial(18), immer artig, besonders Frauen gegen├╝ber(88), au├čerdem zeichne ich mich durch meine gro├če H├Âflichkeit und mehr noch durch Herzensg├╝te aus(116). Meistens bin ich gut gelaunt(109) und als Fr├╝haufsteher immer gestiefelt und gespornt und immer in sauberster Toilette(87). Ich nehme mich nicht allzu ernst, bin aber auch nicht ganz von Eitelkeit frei(110) und achte meist nur auf das, was mir pers├Ânlich Gef├Ąllt(110 f.). Um jetzt noch mal auf meinen Titel zur├╝ck zu kommen, der Titel Kommerzienrat bedarf meiner Meinung nach einer Erg├Ąnzung(32). W├╝rde ich nach den W├╝nschen meines Strebens gehen, so w├Ąre der Titel eines Kommerzialrates, oder besser der eines Generalkonsuls(24) f├╝r mich w├╝nschenswert. Aber da ich meinen Weg genau berechnet(32 f.) habe, muss ich sagen, dass dieser Titel mich einfach besser kleidet.

Wenn ich noch einmal Absichten zu sprechen kommen, so kann man sagen, wenn ich gewartet h├Ątte, k├Ânnt' ich jetzt, in viel besserer Gesellschaft, auf Seiten der Regierung stehen. In meinen politischen Ambitionen stellt Fontane die Schw├Ąchen des B├╝rgertums meiner Zeit dar.

Ich bin der Mann, der die Sachen von zwei Seiten her betrachtet(161). Den Toast, den ich beim Diner ausbringe zeigt, dass ich mich in der Gastgeberrolle wohl f├╝hle und mich darin mit Sicherheit bewege. Die Schillerzitate, welche in der damaligen Zeit zum Sprachgebrauch geh├Âren, habe ich immer parat. Aber beim Sprechen streue ich gerne franz├Âsische Brocken ein, auch W├Ârter lateinischer Herkunft. Dass ich nicht l├╝ge, zeige ich euch anhand einiger Ausdr├╝cke: L'app├ętit vient en mangeant (32) und gutta cavat lapidem. Nichts desto trotz, kann ich mich auch m├╝helos anderen Jargons anpassen. Dies wird deutlich, wenn ich mit den Worten kapitales Weib(42) dem Vogelsang anschlie├če. Bei mir kommen nat├╝rlich wie bei jedem anderen Menschen auch derbe W├Ârter vor. Zum Beispiel Klimperkasten(159) und um es berlinerisch zu sagen, ihren uns aufgebuckelten Ehrengast(89). So wird der Wechsel zwischen den verschiedenen Ebenen f├╝r mich typisch. Hier aber verbinde ich die Extreme mit Spr├╝chen, wie Der eine hat den Beutel, der andere das Geld(125) oder der Gebrannte scheut das Feuer(115). Ich selbst, und auch der Autor sehen mich als einen ganz klugen Kerl(159).

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