Die Leiden des jungen Werther

Aufgabenstellung: In welchem Zusammenhang stehen die Natur und Gef├╝hle mit seiner Seele. - Betrachtung der Natur als Spiegel seiner Seele (Rolle der Natur)

Die meisten die heute "Die Leiden des jungen Werther" lesen wird kaum bewu├čt, wie bahnbrechend Goethes Roman zu seiner Zeit war. Ohne den Roman Goethes w├╝rde es heute wahrscheinlich nur schwer Romane dieser Gattung geben, die wir als Romane bezeichnen. Es ging f├╝r den Gebildeten um die Mitte des 18. Jahrhunderts um Haupt- und Staatsaktionen, erschr├Âckliche Heldentaten und Abenteuer, welche teils als Geschichtsroman, aber auch mit sozial-aufkl├Ąrerischem Anspruch geschrieben waren. "Die Leiden des jungen Werther" verbindet lebendige Bilder aus dem b├╝rgerlichem Leben mit der Geschichte einer Seele. Die Stellung dieses Werkes war bedeutend in der deutschen Romanschaffung des 18. Jahrhunderts. Durch 'Werther' ist der neuzeitliche deutsche Roman erst geschaffen worden und erscheint hier als Roman der Seele und zugleich als bildhafte Beobachtung des Lebens und der Welt.

In dem Roman spielen die Natur und deren Leitmotive und Symbolik eine gro├če Rolle und verdeutlichen die jeweiligen Gef├╝hle Werthers. Die Bilder der Natur sind eine Art Spiegelbild seiner Gesellschaftlichen Zw├Ąnge und Probleme. Diese in der Person Werthers angelegte Tragik wird schon am Anfang des Romans deutlich, in der gl├╝ckhaftesten Phase seiner Handlung. Die Klage ├╝ber seine "Armut" und "Eingeschr├Ąnktheit" steht in demselben Brief, der mit den Worten beginnt: "ich lebe so gl├╝ckliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen aufspart" (21. Juni). Ein tief in ihm angelegtes Ungen├╝gen in der Welt dr├╝ckt sich aus in den Antithesen "Hier" und "Dort", "N├Ąhe" und "Ferne". In Werthers Fernwehsucht verbildlicht sich Jenseitssehnsucht. Auf seinen Wanderwegen sucht er mit Vorliebe Anh├Âhen und Aussichtspunkte auf. Schon in seiner Jugendheimat hatte er einen solchen Platz. "stundenlang konnt' ich hier sitzen und mich hin├╝ber sehnen, mit inniger Seele". Der Ausblick "hin├╝ber", in eine Ferne jenseits aller Begrenzung, in W├Ąlder und T├Ąler, "die sich meinen Augen so freundlich d├Ąmmernd darstellten" auf einen "sanften Flu├č" oder einfach "die weite Aussicht" folgt immer perspektivischen Fluchtlinien ins Grenzenlose. Farben haben diese Landschaftsbilder selten, meistens nur Konturen, langwellige Linienf├╝hrungen, "ineinander gekettete H├╝gel und vertrauliche T├Ąler". Die andeutende Umri├čhaftigkeit mutet mitunter geradezu abstrakt an. "Dort das W├Ąldchen! - Ach, k├Ânntest du dich in seine Schatten mischen! - Dort die Spitze des Berges! - Ach, k├Ânntest du von da die weite Gegend ├╝berschauen!". Die Ach-Ausrufe im Konjunktiv - eine Art Unwirklichkeit der Vergeblichkeit - gipfeln in dem Wunsch nach einer Selbstaufl├Âsung bzw. Verschmelzung in der Landschaft: "Ach, k├Ânnte ich mich in ihnen verlieren!". Die Jenseitsziele der Seele bleiben aber weiterhin unbestimmt. Die Bezeichnungen "lieb" und "mein" erscheinen h├Ąufig bei den Ortsangaben - "das liebe Tal", "mein Wahlheim" und scheinen im Gegensatz zur Fernsehnsucht ein heimeliges Diesseitsgef├╝hl, ein liebendes Aufgehen im Gegenw├Ąrtigen ausdr├╝cken. Aber auch in dieser innigen Liebesbeziehung zur Landschaft ist etwas Weltfl├╝chtiges. In anderen Momenten wieder ger├Ąt das Bild der Landschaft ins Flie├čen. "Da schwimmt alles vor meinen Sinnen", "alles schwimmt und schwankt so vor meiner Seele, dass ich keinen Umri├č packen kann". Es sind Momente tr├Ąumerischer Selbst- und Weltentr├╝ckung, in denen Werthers Welt ins Flie├čen ger├Ąt. Um solche Zust├Ąnde seelischer Entgrenzung wieder heraufzubeschw├Âren, sucht er nach Fluchtlinien, die ihn aus dem Gef├╝hl der Einschr├Ąnkung herausf├╝hren. In der Metaphorik von "N├Ąhe" und "Ferne" verbildlicht sich Werthers existentielle Tragik. Er will den rauschhaft erlebten Momenten mit der Natur eine Art Dauer verleihen. Das scheitern dieses Versuchs st├Â├čt ihn in eine archaisch wilde Verzweiflung.

Auf der anderen Seite ist die H├╝tte im Werther der ersehnte Rast- und Ruhepunkt. "So sehnt sich der unruhige Vagabund zuletzt wieder nach seinem Vaterland und findet in seiner H├╝tte [...] die Wonne, die er in der Welt so vergeblich suchte". Die H├╝tte gew├Ąhrt ihm Beschr├Ąnkung im engen Kreis. Diese Sehnsucht nach Einkehr im Umgrenzten steht nur scheinbar im Gegensatz zu Werthers Flucht aus der Einengung. Im Brief vom 22. Mai klagt Werther zum Beispiel noch ├╝ber die Einschr├Ąnkung und Einsperrung im sinn- und ziellosen Kreis des b├╝rgerlichen Erwerbslebens, aber schon im n├Ąchsten Brief beschreibt er seine Neigung, "sich anzubauen [...], an einem vertraulichen Ort ein 'H├╝ttchen' aufzuschlagen und da mit aller Einschr├Ąnkung zu herbergen". Im "H├╝ttchenidyll" von Waldheim findet Werther wieder zu seiner Zeichenkunst zur├╝ck. Er ist in seinem Vorsatz best├Ąrkt, sich "k├╝nftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den gro├čen K├╝nstler". Sein Waldheim weitet sich zum unendlichen Raum urspr├╝nglichen Lebens. Werther sieht sein Inneres endlich ganz im Einklang mit dem ├äu├čeren. In der Enge und "Eingeschr├Ąnktheit" von Waldheim f├╝hlt er sich befreit, w├Ąhrend er sich in der gro├čr├Ąumigen Welt der h├Âfischen Gesellschaft in einen "K├Ąfig" gesperrt sieht. Hier in Waldheim, welches "nahe am Himmel liegt", darf er alle Manieren und Verhaltensnormen seiner Kaste vergessen. Hier pfl├╝ckt er sich selbst seine Zuckererbsen im Wirtsgarten, setzt sie aufs Herdfeuer, liest Homer und f├╝hlt sich in patriarchalische Urzeiten zur├╝ckversetzt. Die Standesunterschiede sind aufgehoben und die Gewohnheiten des Bedientwerdens sind abgelegt. Die Einkehr ins D├Ârfliche wird zur Protestgeb├Ąrde gegen die Gesellschaft dieser Zeit. Werther f├╝hlt sich hier wieder als K├╝nstler, als Genie und befreit von aller Regelhaftigkeit.

Eine der ersten Handlungen Werthers nach der Ankunft in der Stadt Lottes ist zum Beispiel der Besuch der Gartenanlagen eines verstorbenen Grafen. "Der Garten ist einfach, und man f├╝hlt gleich beim Eintritt, dass nicht ein wissenschaftlicher G├Ąrtner, sondern ein f├╝hlendes Herz den Plan gezeichnet hat". "Bald werde ich Herr vom Garten sein", sagt sich Werther. Er f├╝hlt sich als Herr des Garten Eden. Dieser Garten verklammert rahmenhaft den ersten mit dem letzten Brief des Buches. Vor seiner Abreise in die Residenz trifft sich Werther dort noch einmal mit Lotte und Albert am Abend im Schatten hoher Kastanien. Die Landschaft verdunkelt sich und im Mondschein, zwischen den hohen Buchenw├Ąnden ├╝berkommt Werther "ein Gef├╝hl von Tod und Zukunft". Die Stimmung von Abschied und Todesahnung mischt sich mit der Szenerie des n├Ąchtlichen Parks. Der Garten wird zur B├╝hne der Seele, zu einem melancholischen Gef├╝hlsschauplatz. Werther liebt solche Schatten-pl├Ątze wie die Linden von Waldheim und die Brunnengrotte vor dem Ort. Die hellen, heiteren Fr├╝hlingsbilder wie in den Briefen vom 4. und 10 Mai sind eher die Ausnahme und Kontrast. Der Pfarrgarten mit seinen Nu├čb├Ąumen weckt Heimatgef├╝hle in ihm. Einer dieser B├Ąume ist zur Geburt der alten Pfarrfrau gepflanzt worden. Der das Leben eines Menschen ├╝berdauernde Baum wird zum Symbol f├╝r seine Verwurzelung in der Natur. Werthers Naturvorstellung ist geradezu magisch. Alles ist beseelt, jedes Lebewesen m├Âchte er "n├Ąher an seinem Herzen f├╝hlen". B├Ąume sind f├╝r ihn Wahrzeichen der Ruhe, der Heimkehr und Einkehr. Bei der Reise in seinen Heimatort sucht er als erstes die Linde vor dem Ort auf, wo er sich vor langer Zeit geborgen gef├╝hlt hatte. Unter den Linden am Kirchplatz, einem Ort der so vertraulich ist, will er schlie├člich begraben sein. So wird ihm der Baum zum Sinnbild der letzten Einkehr, zum Sinnbild des Todes.

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