Klein Zaches genannt Zinnober

Zusammenfassung

Die arme Bauersfrau Liese beklagt ihr Schicksal, das sie und ihr Mann als einzige im Dorf zwingt, in Armut zu leben. Die grösste Last ist ihr dabei ihr kleiner Wechselbalg Klein Zaches, eine hĂ€ssliche Missgeburt. Die Fee Rosenschön begegnet ihr und Klein Zaches und hilft ihnen nach KrĂ€ften. Klein Zaches erscheint nun dem Pfarrer als ĂŒberaus hĂŒbsch, so dass er diesen zur Erziehung ĂŒbernimmt-zur grossen Erleichterung von Frau Liese.

Die Fee Rosenschön, eigentlich Rosabelverde, ist schon sehr alt. Das Land, in dem sie wohnt und in dem dieses MĂ€rchen spielt, war vor langer Zeit unter der Regierung des Demetrius das romantische Paradies schlechthin. Demetrius' Nachfolger Paphnutius fĂŒhrte dann aber die "AufklĂ€rung" ein, d.h. er liess die Natur ausbeuten und vertrieb die Feen aus dem Land. Balthasar geht nach den Vorlesungen des Professors Mosch Terpin hinaus in die Natur. Fabian, sein Freund, begleitet ihn. Das Geheimnis der Waldeinsamkeit versteht er aber nicht ganz. Zusammen begegnen die beiden dem Zinnober. Fabian lacht diesen aus wegen seiner Missgestaltung. Balthasar dagegen versucht, ihm zu helfen.

Balthasar ist in Candida verliebt. Von deren Vater Mosch Terpin wird er zum Tee eingeladen. Auch Fabian und der Zinnober erscheinen. Beim Tee bei Mosch Terpin erntet der Zinnober all das Lob, das Balthasar und Terpin fĂŒr ihr Gedicht bzw. die physikalischen Experimente verdienen. Candida kĂŒsst den Zinnober sogar dafĂŒr. Verzweifelt darĂŒber findet Balthasar erst im Wald wieder Trost und ist nun fest entschlossen, den Zauber des Zinnobers zu brechen, den er als Ursache fĂŒr die geschehene Ungerechtigkeit erkennt. Vincenzo Sbiocca, dem berĂŒhmten Musiker, ist Ă€hnliche EnttĂ€uschung widerfahren, deshalb verlĂ€sst er nun Kerepes. Balthasar muss Pulcher daran hindern, Selbstmord zu begehen. Pulcher hat bei der Bewerbung um ein politisches Amt ungerechterweise gegen Zinnober den KĂŒrzeren gezogen. Pulcher schöpft wieder Mut im Kampf gegen diese "höllische Macht"(s.50) und beiden erscheint Alpanus, den sie als ihren Retter erkennen.

Derweil der Zinnober politische Karriere macht, besuchen Balthasar und Fabian den Alpanus. Fabian glaubt nicht an die Zaubermacht von Alpanus und hĂ€lt alles fĂŒr Schummelei, Zaubertricks. Alpanus verspricht, dass er Balthasar bald helfen können werde. Er verzaubert Fabian's Rock, was diesem viele Komplikationen bringt. Balthasar muss aus Kerepes fliehen, weil er angeblich den Zinnober halbtot geprĂŒgelt habe.

Der Zinnober wird von Candida herzlich geliebt, und Terpin freut sich ĂŒber die bevorstehende Verbindung der zwei. Adrian, der SekretĂ€r, der wegen Zinnober beinahe aus dem Bureau des Ministers verdrĂ€ngt worden wĂ€re, und Balthasar entdecken, wie ein FrĂ€ulein regelmĂ€ssig den Zinnober besucht und ihm ĂŒber das Haupt streicht. Zinnober's Scheitel erweist sich als sehr empfindlich. Vorerst ist aber seine Macht noch ungefĂ€hrdet, er wird vom FĂŒrst sogar mit dem Orden des grĂŒngefleckten Tigers ausgezeichnet. Die Befestigung des Ordens gerĂ€t zur innenpolitischen Krise des Landes, wird aber glĂŒcklich mit Knöpfen bewĂ€ltigt.

Prosper Alpanus erhĂ€lt Besuch von Rosabelverde. Sie beginnt mit ihm ein Duell in Magie, das sie verliert. Im anschliessenden friedlichen GesprĂ€ch ĂŒberzeugt Alpanus Rosabelverde davon, dass der Zinnober seine Macht missbraucht und dass er trotz ihrer gĂŒtigen Hilfe ein "kleiner missgestalteter Schlingel bleibt" (vgl. S.78). Von nun an schwindet des Zinnobers Macht, denn Rosabelverde versagt ihm ihre UnterstĂŒtzung. Pulcher sieht bereits Zeichen der Hoffnung, wĂ€hrend Balthasar ĂŒber Zinnobers Macht verzweifelt, mit der dieser Candida an sich fesselt. Prosper Alpanus erscheint ihm, tröstet ihn und erklĂ€rt ihm, wie er vorgehen mĂŒsse, um Zinnobers Macht zu brechen. DafĂŒr erhĂ€lt er eine Lorgnette und dazu ein Döschen, mit dem Fabian von seiner Verzauberung erlöst wird, die ihn halb krank gemacht hat wegen deren Konsequenzen. Fabian's Skepsis gegenĂŒber den ZauberkĂŒnsten von Alpanus ist deshalb verschwunden.

Candida's Verlobung mit dem Zinnober steht an. Balthasar, Fabian und Pulcher erreichen die Gesellschaft kurz vor der Verlobung. Mit Hilfe der Lorgnette reisst Balthasar dem Zinnober die drei magischen roten Haare aus und verbrennt sie. Zinnobers Zauber ist vernichtet, alle finden den Zinnober hĂ€sslich und fragen sich, wo der Minister hingekommen sei. Der Zinnober muss flĂŒchten, Candida's Liebe wendet sich Balthasar zu und Terpin wird krank angesichts all der Zaubereien.

Frau Liese kommt an und behauptet, der Zinnober sei ihr Sohn Klein Zaches. In einer Art Volksaufstand will man den Zinnober stĂŒrzen, aber der ist bereits unrĂŒhmlich ertrunken. Rosabelverde betrauert ihn und sichert Frau Liese ein bescheidenes Auskommen durch Zwiebeln, die sie dem FĂŒrsten verkaufen kann. Zinnober's Leibarzt erklĂ€rt dem FĂŒrsten umstĂ€ndlich die Todesursache.

Im letzten Kapitel meldet sich der ErzĂ€hler zu Wort, der gerne noch weiterschreiben wĂŒrde. Stattdessen schliesst er kurz und bĂŒndig: Balthasar und Candida heiraten glĂŒcklich, wĂ€hrend Rosabelverde und Alpanus viele schöne Wunder geschehen lassen. Alpanus hat Balthasar sein Gut vermacht und bricht nun auf nach Indien, wo auch auf ihn das GlĂŒck wartet Terpin noch erwĂ€hnen?.

Romantik

Die Romantiker bilanzieren die Ergebnisse der AufklĂ€rung und der "Grossen Transformation" als Ganze. Dabei registrieren sie die zunehmende Fremdbestimmung des Menschen, also das Schwinden der bei den AufklĂ€rern noch optimistischen Hoffnungen, dass der Mensch kĂŒnftig sein Schicksal selbst in die Hand nehmen werde, sich von den ZwĂ€ngen der Natur lösen könne und eine humane Welt hervorbringen werde. Die Vernunft des Menschen ist auf eine rein instrumentelle Vernunft regrediert, d.h., NĂŒtzlichkeit und RentabilitĂ€t sind als einzige Kriterien verblieben. Dabei gehen jene AnsprĂŒche des Subjekts verloren, die nicht vollends unter die Logik der instrumentellen Vernunft subsumierbar sind (z.B. GefĂŒhle, abweichendes, experimentelles Denken und Leben).

Kritisiert wird der im Rahmen der instrumentellen Vernunft flĂ€chendeckend vorherschende Materialismus: die Natur als Rohstofflager. Auch deren Erforschung dient letztlich nur deren Ausbeutung und Unterwerfung. Bei einer solchen Sichtweise gehen fĂŒr die Romantiker die geforderte Einheit von Mensch und Natur verloren. Das Ziel der Romantiker ist die Synthese des Menschen mit der Natur zur All-Einheit. Um sie zu erreichen, muss jeder einzelne diese Einheit zuerst fĂŒr und in sich selbst erfahren. Der Zugang zur All-Einheit erfolgt ĂŒber mysthische Erfahrungen, die in der Introspektion, d.h. in der Auseinandersetzung mit den eigenen TrĂ€umen und Phantasien, gefunden und gefĂŒhlt werden. Materialismus und zu naive Objektivierungen (=Distanzierungen, die in eine duale Objekt/Subjekt-Beziehung fĂŒhren) entfernen den Menschen von diesem Ziel.

In E.T.A Hoffmann's "Klein Zaches genannt Zinnober" werden solche Argumentationen nochmals anhand eines sehr grossen Personenarsenals durchbuchstabiert, in ihren Extremen und Facetten dargestellt

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genĂŒgt dieser letzte Satz? Goldenes Zeitalter S.14 erklĂ€ren und dann auch kritisch hinterfragt

Interpretation

Grundlagen zur Interpretation

Das Buch ist von Hoffmann selbst mit dem Untertitel "ein MĂ€rchen" versehen worden. Zu Beginn des letzten Kapitels fĂŒhlt der ErzĂ€hler wohl, "dass darin schon so viel Wunderliches, Tolles, der nĂŒchternen Vernunft Widerstrebendes enthalten, dass er, noch mehr dergleichen anhĂ€ufend, Gefahr laufen mĂŒsste, es mit Dir, geliebter Leser, Deine Nachsicht missbrauchend, ganz und gar zu verderben"(S.111). Wie ernst ist dessen Inhalt zu nehmen

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falls KĂŒrzen nötig. Hier! Weniger Zitate, oder die Frage ĂŒberhaupt ĂŒbergehen? Der ErzĂ€hler bittet den Leser, "Du mögest mit recht heitrem unbefangenem GemĂŒt es Dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften Geistes, Phantasus geheissen, verdankt und dessen bizarrem launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr ĂŒberliess." (S.111). Inwiefern kann also ein Text, der den bizarren Launen der Phantasie entsprungen ist, ĂŒberhaupt nach den Regeln der Vernunft interpretiert werden? Hoffmann selbst sagt: "das MĂ€rchen Klein-Zaches, genannt Zinnober (...) enthĂ€lt nichts weiter, als die lose, lockre AusfĂŒhrung einer scherzhaften Idee", er nennt es einen "zu augenblicklicher Belustigung ohne allen weitern Anspruch leicht hingeworfene(n) Scherz. Es sei kein Buch "fĂŒr Leute, die alles gern ernst und wichtig nehmen" und nur fĂŒr jemanden, "der etwa willig und bereit sein sollte, auf einige Stunden dem Ernst zu entsagen"[1]. Auch der ErzĂ€hler will nicht mehr als uns mit seiner Geschichte gelegentlich "im Innern" lĂ€cheln zu machen; diese "Zweck"-Vorstellung des ErzĂ€hlers verbietet es m.E., eine Interpretation im Sinne des ErzĂ€hlers zu beginnen, eben weil er seine Geschichte gar nicht fĂŒr eine vernunftgeleitete, analytische Interpretation vorgesehen hat. Trotzdem entschuldigt sich der ErzĂ€hler fĂŒr seine der "nĂŒchternen Vernunft"(S.111) widerstrebenden Phantastereien. GrundsĂ€tzlich akzeptiert er also die VernĂŒnftigkeit als ein GrundbedĂŒrfnis des Menschen. Dieses Motiv durchzieht das ganze Buch: Vernunft wird nie radikal abgelehnt, es werden nur gewisse Ausformungen von ihr oder die Tendenz kritisiert, nur noch Vernunftskriterien gelten zu lassen.

Daneben ist das Buch sehr wohl zugĂ€nglich fĂŒr eine vernunftgeleitete, persönliche Interpretation.

Wertungen

Terpin, Philadelphus, Paphnutius, Andres, der Professor der Ästhetik

Die unter diesem Kapitel aufgefĂŒhrten Personen sind im Vergleich zu unserer Welt ĂŒberzeichnet, karikiert. Mit den FĂŒrsten Paphnutius und Barsanuph, Andres, PtolomĂ€us Philadelphus dem Professor der Ästhetik u.a.

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wenn möglich kein "etc.": alle Personen aufzĂ€hlen! wirklich alle nötig? werden Personen skizziert, die wegen ihrer Undifferenziertheit nicht geeignet sind, an ihnen die angeschnittenen Themen zu diskutieren (vgl dazu auch Kapitel "Pulcher"). E.T.A Hoffmann formuliert an ihnen seine Ängste, und warnt, wozu es fĂŒhren kann, wenn Tendenzen in die Richtung des SelbstverstĂ€ndnisses dieser Personen weiterverfolgt werden. Allen Personen in diesem Kapitel gemeinsam ist die ÜberschĂ€tzung der eigenen Macht (v.a.gegenĂŒber der Natur) und der daraus resultierenden Naturferne. Sie alle haben dadurch das GefĂŒhl der eigenen Verantwortung verloren, die ihnen durch ihre Qualifikation als Wissenschaftler, Gelehrter oder Politiker zukommt. Resultat ist dann das egoistische Verfolgen eigener Interessen, die nichts mehr mit den Zielen zu tun haben, die sie in ihrer gesellschaftlichen Position zum Wohle aller verfolgen sollten.

Mosch Terpin

"Er hatte die ganze Natur in ein kleines niedliches Kompendium zusammengefasst, so dass er sie bequem nach Gefallen handhaben und daraus fĂŒr jede Frage die Antwort wie aus einem Schubkasten herausziehen konnte."(S.23) Hier kommt das Motiv "Wissen ist Macht" (F. Bacon) deutlich ins Spiel. Anders als Philadelphus beschĂ€ftigt sich Terpin mit der Natur, indem er Experimente durchfĂŒhrt. Das Wissen, das er der Natur entlockt hat, findet sich in seinem Kompendium, das damit die Grundlage ist, um seine Macht der Natur gegenĂŒber zu beweisen und zu demonstrieren. Jede einzelne naturwissenschaftliche Erkenntnis ist ein Sieg ĂŒber die Natur, die fĂŒr Terpin dadurch weiter abgewertet wird. Terpins GeringschĂ€tzung der Natur, die er mit Philadelphus teilt, Ă€ussert sich auch deutlich darin, dass er meint, alle RĂ€tsel der Natur in seinem kleinen BĂŒchlein entschlĂŒsselt zu haben. Insgesamt also eine UnterschĂ€tzung der Vielfalt der Natur und eine FehleinschĂ€tzung der UnvollstĂ€ndigkeit des eigenen Wissens (und damit, "Wissen ist Macht", eine FehleinschĂ€tzung der eigenen Macht) ĂŒber sie. Terpin hat aber das BedĂŒrfnis, die HerrschaftsverhĂ€ltnisse zu betonen. Das Lehren und Forschen dient ihm dazu, sich stĂ€ndig seine Illusion der Überlegenheit vorzumachen. Im Vergleich zu Philadelphus' eher gelassener GleichgĂŒltigkeit und Überheblichkeit der Natur gegenĂŒber hat diese Haltung etwas Krampfhaftes, das sich auch im "Auffressen" von GeflĂŒgel (vgl. S.80) zeigt: das Auffressen als die ursprĂŒnglichste Form der Machtdemonstration gegenĂŒber dem, der gefressen wird (hier also ein Teil der Tierwelt, der Natur).

Mit seinen Experimenten und dem Verzehr von GeflĂŒgel ist Terpin der Natur in gewissem Sinne recht stark verbunden: Er braucht sie zur BestĂ€tigung der eigenen StĂ€rke, sie kann ihm, wenn sie auch minderwertig ist, trotzdem nicht gleichgĂŒltig sein.

Terpins Wissenschaft ist entweder trivial (die Finsternis rĂŒhrt hauptsĂ€chlich von Mangel an Licht her, vgl. S.23) oder aber sie ist "Hokus Pokus"(S.23), d.h. Unterhaltung und damit oberflĂ€chlich und ihrer Verantwortung nicht bewusst.

Mosch Terpin steht noch fĂŒr eine ganze Reihe anderer OberflĂ€chlichkeiten:

Der Missbrauch seines wissenschaftlichen Auftrags fĂŒr den Eigennutz, seine durch und durch materialistische Weltsicht: Er "erforscht (...) die Natur in der Residenz und deren Bereich. Dieser BeschĂ€ftigung halber bekommt er aus den fĂŒrstlichen Waldungen das seltenste GeflĂŒgel, die raresten Tiere, die er, um eben ihre Natur zu erforschen, braten lĂ€sst und auffrisst"; "er hat schon mehrere Dutzend Flaschen Champagner verstudiert" (S.80) Der im Rahmen der Romantik kritisierte Materialismus und die flĂ€chendeckende instrumentelle Vernunft (vgl. dazu Kapitel Balthasar). Seine Fixierung auf sozialen/politischen Status: Terpins Freude ĂŒber die bevorstehende Verbindung von Candida mit dem Minister Zinnober. "Durch ihn (Zinnober, B.T) erlange ich die Gunst des vortrefflichen FĂŒrsten Barsanuph und steige nach auf der Leiter", die Zinnober erklimmt (S.67). (S.97

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Terpins Haltung gegenĂŒber Zinnober erklĂ€ren: wichtig fĂŒr karriere, aber "bossu", Verachtung fĂŒr die hĂ€ssliche Gestalt Vgl. Kapitel Rosabelverde, wo darauf bezug genommen wird. )

Zu Punkt 3. ist zu sagen, dass Terpin den Zinnober als "bossu"(S. 67) (bucklig) bezeichnet, dass Zinnobers Zauber auf Terpin also z.T. nicht wirkt. Trotzdem tut Terpin nichts gegen den offensichtlichen Missbrauch von sozialer/politischer Macht und unterstĂŒtzt die herrschende GĂŒnstlingswirtschaft

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Terpins schwanken am Schluss darstellen (?). Die GeringschĂ€tzung von Ă€usserlich hĂ€sslichen Gestalten, die sich besonders bei Fabian deutlich zeigt, findet sich bei Terpin nicht als zentrale Haltung. Zinnobers Nutzen fĂŒr Terpins Karriere ist ihm wichtigerals die nachteilige Ă€ussere Erscheinung.

PtolomÀus Philadelphus

PtolomĂ€us Philadelphus ist der Prototyp des weltabgewandten Wissenschaftlers im Elfenbeinturm, der Gelehrte in seinem Studienzimmer mit Kerzenlicht, der "nichts in der Welt so" fĂŒrchtet und scheut "als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages"(S.19). Im Unterschied zu Terpin, aber in bemerkenswerter NĂ€he zu Balthasar lebt Philadelphus in seinem Studienzimmer in einer eigenen Welt, die kaum noch BerĂŒhrungspunkte mit der Umwelt kennt. Er lebt in einer Welt des Geistes, des reinen Lehrbuchwissens fern von aller praktischen RealitĂ€t (z.B. in Form von gewöhnlichen Studenten). Auch fĂŒr Philadelphus ist Wissen eine Macht, wie -deutlicher noch- bei Terpin, nur dass Macht in seinem VerstĂ€ndnis -er hĂ€lt sich fĂŒr einen Weisen (vgl. S. 20)- keine praktische sein muss. ErklĂ€rungen geben Philadelphus Sicherheit und Distanz vor Tatsachen/Wunder, die seine positivistische Weltsicht gefĂ€hrden könnten. Philadelphus sucht jegliches Wunder sofort mit forschendem (vgl. S.10,26) Auge zu entzaubern und kann so stets die Distanz halten, um sein Weltbild zu bewahren, das er um keinen Preis aufgeben wĂŒrde. Die Trennung in Objekt und Subjekt, wie sie die Wissenschaft allgemein vornimmt, dient also auf weltanschaulicher Ebene dazu, alles, was ausserhalb des eigenen Ichs liegt, diesem gegenĂŒber abzuwerten.

Philadelphus' Selbstbewusstsein gegenĂŒber der Natur scheint so gross zu sein, dass er nur die PhĂ€nomene genauer zu untersuchen braucht, von denen er nicht annehmen kann, sie prinzipiell problemlos erklĂ€ren zu können; die anderen interessieren ihn nicht. Die Natur ist es nicht wert,eingehend studiert zu werden, und ein BedĂŒrfnis, sich selbst regelmĂ€ssig die eigene Überlegenheit ihr gegenĂŒber zu beweisen, findet sich nicht. Sein Selbstbewusstsein scheint traurigerweise unerschĂŒtterlich. Hoffmann's Kommentar zu solch hoffnungslosen FĂ€llen ist klar: "Philister!"(S.21). Bezeichnenderweise ist es Philadelphus' innere Stimme, die diesen Kommentar anbringt: SelbsttĂ€uschung-dies die einzige Hoffnung- ist nie ĂŒber alle Selbstzweifel erhaben.

Paphnutius und Andres

"Ehe wir mit der AufklĂ€rung vorschreiten, d.h. ehe wir die WĂ€lder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr Morgen-und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen ist es nötig, alle Leute von gefĂ€hrlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter Albernheiten verfĂŒhren, aus dem Staate zu verbannen."(S.16): Dies sind Worte von Andres, denen Paphnutius be-denken-los zustimmt. Den Einfluss auf Paphnutius erhielt Andres, als er diesem einmal aus Geldsorgen half. Geld hat den Paphnutius von Andres abhĂ€ngig gemacht. Diesem ist diese AbhĂ€ngigkeit aber sehr recht. Paphnutius lebt bequem in seiner UnmĂŒndigkeit, gleichzeitig befĂŒrwortet er die EinfĂŒhrung der "AufklĂ€rung" enthusiastisch.

Der ErzĂ€hler prangert hier die Verkennung des ursprĂŒnglichen Ziels der AufklĂ€rung an, des Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten UnmĂŒndigkeit. AufklĂ€rung ist in ihrer jetztigen Form zum Materialismus verkommen, v.a. ĂŒber das Mittel "Geld". Gleichzeitig ist Paphnutius von der eigenen AufgeklĂ€rtheit ĂŒberzeugt. Diese und seine hohe politische und soziale Stellung gibt ihm, so sein Wahn, die Macht ĂŒber die Natur und Menschen. Paphnutius, wie auch Barsanuph, regiert diktatorisch und mit Polizeigewalt.

Auch Andres ist dem Wahn der Macht verfallen: Zwar ist er im Vergleich zu Paphnutius ungleich gewitzter (im Sinne der instrumentellen Vernunft), aber auch er verkennt die BeschrÀnktheit menschlicher Macht.

Im weiteren (S.15f) wird vom ErzĂ€hler das flĂ€chendeckende NĂŒtzlichkeitsdenken, die verweigerte Meinungsfreiheit, der Egoismus des Politikers, die Veruntreuung der eigenen politischen Macht und Verantwortung, das Wertlegen auf eine Ahnengalerie (vgl. Baron von Mondschein's Beharren auf einem "Stammbaum mit zweiunddreissig Ahnen", S.12) und die Ausrichtung auf (unverdienten, d.h. im Rahmen des feudalen StĂ€ndesystems ,ererbten') Ruhm und Ehre satirisch kritisiert.

Die positive Gegenfigur zu Paphnutius und Barsanuph ist Demetrius, der das goldene Zeitalter als Gegenwelt zu jener von Paphnutius vertritt (vgl. S.14 ?15): "Jeder wusste, dass FĂŒrst Demetrius das Land beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste von der Regierung, und alle waren damit gar wohl zufrieden." (S.14). Dieses Programm entspricht dem Ziel des bĂŒrgerlich-aufgeklĂ€rten Liberalismus. Die Verbindung von altem Feudalismus mit dem Programm der AufklĂ€rung zum aufgeklĂ€rten Absolutismus wird an Paphnutius exemplarisch aufgezeigt (genaueres dazu vgl. Kapitel Alpanus)

Vincenzo Sbiocca

Zinnober kann als ReprĂ€sentant fĂŒr die GĂŒnstlingswirtschaft gesehen werden, wie sie in der Politik des aufgeklĂ€rten Absolutismus den Ton angibt. Die Parallelen zu den politischen VerhĂ€ltnissen zu Hoffmanns Zeiten in Preussen sind klar.

Vincenzo Sbiocca ist nicht fĂŒr den Kampf gegen den Zinnober zu gewinnen, er flĂŒchtet vor diesem. Bemerkenswert ist, dass er mit der Musik sich eine TĂ€tigkeit gesucht hat, die es ihm leicht machen könnte, in die ,höheren SphĂ€ren' aufzusteigen und ihm einen Ă€hnlichen mysthischen Zugang zur Welt geben könnte, wie Balthasar ihn im Wald findet und wie auch Pulcher ihn (mit der Musik! vgl. weiter unten) entdeckt hat. Dass er ihn gefunden hat, dafĂŒr spricht, dass Balthasar Sbioccas vortreffliches, ausdrucksvolles Spiel (vgl. S.46) mag. Aber seine Wut ĂŒber die nicht erhaltene, aber verdiente Anerkennung lĂ€sst ihn vergessen, dass es-in romantischer Sicht-Wichtigeres gibt als die oftmals falsche Anerkennung der eigenen Leistung durch andere (Sbiocca ist besonders fĂŒr seine VirtuositĂ€t berĂŒhmt und selbst auch stolz darauf). Sie hat Sbiocca auch schon gefĂ€hrlich in die NĂ€he jener Unbescheidenheit gefĂŒhrt, die die oben behandelten Personen zeigen (vgl. S.47 "Kein Violinspieler auf der ganzen weiten Erde, Viotti selbst hĂ€tte mir nicht nachgespielt"). In dieser Haltung der Selbstbewunderung verlĂ€sst er Kerepes, um einen Ort zu finden, wo die Bewunderung wieder ihm zufĂ€llt. Er weicht dem Übel aus, und was nicht mehr ihn selbst betrifft, das kĂŒmmert ihn nicht mehr

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hier kommt Spiocca-Ă Hoffmann: wie soll man sich als KĂŒnstler verhalten in einem politisch so degeneriertem Staat? Ausreisen? Auch Thema Anerkennung.

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FABIAN! V.a seine Art, sich durch Wunder bekehren zu lassen ß> Regeln dieser Welt, bezug zu unserer Welt: bei uns können keine Wunder bekehren. .

Es ist wohl berechtigt, in diesem Zusammenhang eine Parallele zu Hoffmann in Preussen zu machen und zu fragen, inwiefern er sich die selbe Haltung als KĂŒnstler gegenĂŒber den MissstĂ€nden in der Politik angeeignet hat. Soll man sich aktiv wehren? Oder ist nur noch die Flucht möglich in einer Situation wie jener, in der Sbiocca ist? Das Dilemma besteht ja darin, dass- aus Sbioccas Sicht- der einzelne machtlos ist gegen ein verzaubertes Publikum und praktisch die ganze Stadt Kerepes. Emmigration wird hier als eine mögliche Reaktion dargestellt, jedoch gibt der Schluss des MĂ€rchens jenen Recht, die sich gegen das Übel stellen.

Der Professor der Ästhetik

Der Professor der Ästhetik scheint mir aus einem einzigen Grund hier erwĂ€hnenswert. Die Diskrepanz zwischen ausgeĂŒbter TĂ€tigkeit, mit der in allen Bereichen der Wissenschaft, Politik und Wirtschaft eine Verantwortung verbunden ist, und der (Nicht-)Wahrnehmung dieser Verantwortung ist bereits genĂŒgend anhand anderer Personen dargestellt worden. In dieser Hinsicht bietet der Professor der Ästhetik nur noch die Pointe, dass er sich wissenschaftlich genau mit dem beschĂ€ftigt, was er in ihrem Wesen, ihrer SubtilitĂ€t nicht mehr wahrnimmt, nĂ€mlich die Schönheit.

Wichtiger scheint mir, dass Hoffmann mit dem Professors der Ästhetik eine Person in die Kritik miteinbezieht, die fĂŒr den ganzen Zweig der Geisteswissenschaften steht- auch wenn dies nur eine Randnotiz im MĂ€rchen "Klein Zaches" ist.

Derartige Randnotizen gibt es im ganzen Buch zuhauf. PtolomĂ€us Philadelphus, Sbiocca, die Szene der Befestigung des Ordens des grĂŒngeflickten Tigers oder der Verzauberung von Fabians Rock sind alles solche Nebenhandlungen, die fĂŒr den weiteren Verlauf der Haupthandlung keine Bedeutung haben. Das Buch scheint eine Sammlung von Geistesblitzen Hoffmanns zu sein, die alle ihre eigene Pointe haben und in sich selbst geschlossen sind. Viele dieser ,Geistesblitze' hatte Hoffmann im FrĂŒhjahr 1819, als er schwer erkrankt FiebertrĂ€ume hatte[2]. Zusammengehalten wird das ganze nur durch die Hauptidee eines kleinen, hĂ€sslichen Wechselbalgs, dem alle Bewunderung zukommt, die Leute in seiner unmittelbaren Umgebung verdienen.

Balthasar

Balthasar, der Held des Buches, wird vom ErzĂ€hler grösstenteils unkritisch positiv dargestellt. Er ist der stĂ€rkste Gegenpol zu den im vorigen Kapitel dargestellten Personen. Balthasar kritisiert jene z.T. schon sehr genau und lebt dabei auch eine Alternative. Wegen seiner respektvollen Haltung zu Natur und Mitmenschen ist Balthasar eine zentrale Vorbildsfigur fĂŒr Romantiker. Weiter unten wird aber gezeigt werden, dass fĂŒr E.T.A. Hoffmann auch die Romantik mit ihren Idealen kritisiert werden muss, wenn sie sich von ihren eigenen Utopien eine heile Welt erwartet.

Balthasar hat ein sehr empfindliches GemĂŒt. Terpins sogenannte Experimente kommen Balthasar vor "wie eine abscheuliche Verhöhnung des göttlichen Wesens, dessen Atem uns in der Natur anweht und in unserm innersten GemĂŒt die tiefsten heiligsten Ahnungen aufregt" (S.26). Hier Ă€ussert sich diese Empfindlichkeit als FeinfĂŒhligkeit fĂŒr solche "Ahnungen", fĂŒr Stimmungen in der Natur. Noch vor Pulcher hört er auch die "himmlische Musik" (S.52) von Alpanus, und auch die Sanftheit, die er dem Zinnober gegenĂŒber zeigt (vgl. S.28), beweist sein EinfĂŒhlungsvermögen, seine FeinfĂŒhligkeit im Gegensatz (z.B.) zu Fabian

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+genauer (!) im Kapitel Fabian (?). Balthasars Empfindlichkeit ist die fĂŒr jene AnsprĂŒche des Subjekts, die nicht vollends unter die Logik der instrumentellen Vernunft subsumierbar sind (z.B. GefĂŒhle, vgl. Kapitel "Romantik").

Diese FeinfĂŒhligkeit lĂ€sst Balthasar die Natur in ihrer Allmacht fĂŒhlen. Daraus entsteht eine Haltung der Bescheidenheit, d.h. der richtigen EinschĂ€tzung der eigenen (Ohn-)Macht gegenĂŒber der Natur. Deren Verkennung wirft er Terpin vor: Er spricht vom "Wahnsinnigen, der in geckenhafter Narrheit König und Herrscher ein selbst gedrehtes StrohpĂŒppchen liebkost, wĂ€hnend, die königliche Braut zu umhalsen!" (S.26) Durch ihre Schönheit in der Ganzheit wie im Detail zeigt sich die Natur dem Balthasar von der positiven Seite. Daher begegnet er ihr mit Achtung, und da die Natur alles umfasst, gilt Balthasars Achtung auch dem einzelnen Menschen, den Tieren und Pflanzen.

Aus all dem ergibt sich fĂŒr Balthasar eine grosse SensibilitĂ€t fĂŒr die Folgen seines eigenen Tuns und Lassens, wie er sie mit seiner Kritik an Terpin beweist (dass dies nicht eine notwendige Folge aus der oben beschriebenen FeinfĂŒhligkeit, oder der NichtverdrĂ€ngung der eigenen GefĂŒhle schlechthin, ist, zeigt die Person Vincenzo Sbiocca, vgl. weiter oben). Es ist jedoch schwierig, hier von Verantwortungsbewusstsein Balthasars zu sprechen. Sein wichtigstes, wenn nicht gar ausschliessliches Handlungsmotiv ist, Candida ,zurĂŒckzuerobern'. In Analogie zu den BĂŒrgern Dtschinnistans, die "ohne es selbst zu wissen"(S.14) gute StaatsbĂŒrger(Innen?) blieben, ist Balthasar wenn auch nicht ein verantwortungsbewusster, so doch ein verantwortungsvoll handelnder BĂŒrger. Der ,Prototyp' eines verantwortungsbewussten Menschen ist in Alpanus zu suchen (vgl. entsprechendes Kapitel

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schreiben! kommt mit dem Bewusstsein noch eine neue QualitÀt dazu? Bei Alpanus/Rosabelverde diskutieren!).

In einem anderen Wortsinn Ă€ussert sich "Empfindlichkeit" auch in Balthasars Verletzlichkeit. Besonders empfindlich reagiert Balthasar auf Fabians leichtsinnige Bemerkungen zu seiner Liebe zu Candida. Hier zeigt sich Balthasars Menschlichkeit in seiner Unvollkommenheit: Er empört sich darĂŒber, dass Fabian ihn fĂŒr einen Gecken hĂ€lt und hört doch sehr vernehmlich seine innere Stimme, die ihm zuflĂŒstert, dass Fabians Verspottungen, die Balthasar eigentlich ja nur in ihn hineininterpretiert, der Wahrheit entsprechen (vgl. S.30/31). Ein menschlich-widersprĂŒchlicher Charakter, so wie wir Leser ihn lieben. Hier zeigt sich (wieder) Balthasars Feinhörigkeit zu seiner inneren Stimme, die gleiche, die ihm auch die romantischen Geheimnisse zuflĂŒstert.

Balthasar bekommt zwar vom ErzĂ€hler kein explizites Wort an Kritik, doch dessen Entschuldigung fĂŒr den Mangel an Vernunft eingangs des letzten Kapitels deutet klar darauf hin, dass Balthasar nicht durchwegs positiv zu sehen ist. Harte, aber versteckte Kritik hagelt es in folgender Passage S.46. Balthasar: Als ich endlich (...) der holden, sĂŒssen Candida meine Liebe gestand, las ich denn nicht in ihren Blicken, fĂŒhlte ich nicht an dem Druck ihrer Hand meine (Hervorhebung B.T) Seligkeit?". Es ist die selbe Kritik wie in E.T.A. Hoffmanns "Sandmann" an Nathanael, dem eine Maschine wie Olimpia genĂŒgt, um dorthinein die eigene GlĂŒcklickkeit zu projizieren. SchwĂ€cher zwar als Nathanael, lebt auch Balthasar in einer Welt, die die Tendenz hat, sich von der RealitĂ€t zu lösen und in den eigenen Phantasien aufzugehen. Balthasar spricht mit keinem Wort die Seligkeit von Candida an, die ihn fast ebensowenig interessiert wie Nathanael die von Olimpia. Die Frage ist berechtigt, ob er nicht trotz seiner scharfsinnigen Kritik am ,gefĂŒhllosen Materialisten Terpin' (aus seiner Sicht, vgl. aber auch weiter unten

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genauere Angabe: wo wird Terpin's Einseitigkeit relativiert?) eine ebenso eingeschrĂ€nkte Sicht der Welt hat wie dieser, wenn er die Welt nur noch durch die stark verfĂ€lschende Brille der eigen Phantasien und WĂŒnsche sieht.

Die daraus folgende Unmöglichkeit, sich an den Tatsachen der Welt zu orientieren, beschehren Balthasar die Gefahr, durch die eigenen himmelhohen GlĂŒcksgefĂŒhle und abgrundtiefen Depressionen von innen her zerrissen zu werden. Er verzweifelt ziemlich schnell (vgl. Balthasars Reaktion auf Pulchers Brief S. 82: dem Pulcher gibt die Geschichte", die Verspottung Zinnobers als Mycetes Belzebub, realistischerweise "einen Schimmer von Hoffnung", wĂ€hrend Balthasar "ganz in Verzweiflung darĂŒber" ist, was ihm der Freund geschrieben hat (S.82) ), obwohl dies in der momentanen Lage noch gar nicht (oder nicht mehr) nötig wĂ€re. Er beschimpft Alpanus ungerechtfertigterweise der TĂ€uschung und UntĂ€tigkeit, obwohl dieser bereits begonnen hat, gegen Zinnober vorzugehen.

Pulcher

Pulcher reagiert auf seine Niederlage gegen Zinnober, indem er sich umzubringen versucht, lĂ€sst sich dann aber von Balthasars Aufforderungen zum Widerstand gegen Zinnober mitreissen. "So hat mir irgend eine höllische Macht alle Hoffnung geraubt und ich will ein Leben freiwillig opfern" (S.50) Ähnlich wie z.B. Sbiocca und Terpin ist auch Pulcher bis zu diesem Zeitpunkt auf gesellschaftliche Anerkennung fixiert. Bei seiner (ersten) Begegnung mit Alpanus scheint er einen mysthischen Zugang zur Welt gefunden zu haben (vgl. S. 52 "in der Tat, es wehen Töne durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind, welche ich in meinem Leben gehört und die mir tief in die Seele dringen"). Dagegen spricht, dass es fĂŒr ihn nicht singende BĂŒsche oder Blumen sind, die diese Töne erklingen lassen. Von da an bleibt also Pulcher realistischer als Balthasar (vgl. auch Kapitel

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muss ich das noch aufzeigen? Balthasar). Pulcher ist möglicherweise ein guter "Kompromiss" fĂŒr eine Weltanschauung, die zwischen den Extremen Terpin und Balthasar steht. Eine solche Personenkonstellation ist typisch fĂŒr die das ganze Buch durchziehende und fĂŒr Hoffmann zentrale Dialekitk: Die Suche nach ,dem Dritten', dem ,richtigen, idealen' VerhĂ€ltnis zwischen Phantasie und RealitĂ€t, geht immer weiter, und niemand (am ehesten aber noch Alpanus) hat die Wahrheit fĂŒr sich gepachtet und stellt die ideale Antwort auf die zentrale Frage dar, wie der Zugang zur Welt möglich ist (durch Wissenschaft? Mysthik? oder von beidem etwas?). Das sehr grosse Personenspektrum des Buches erlaubt einen ausfĂŒhrlichen Diskurs ĂŒber die einzelnen Positionen, die durch die verschiedenen Figuren dargestellt werden. Diesen zu fĂŒhren ist nötig und zwar mit dem kritischen Blick, der die Satire des Buches (die sich v.a. gegen die Leute richtet, die die Welt des aufgeklĂ€rten Absolutismus und der Wissenschaft zu Hoffmanns Zeiten reprĂ€sentieren) durchschaut. Die Satire zu durchschauen erfordert eine sorgfĂ€ltige Auseinandersetztung auch mit jenen Positionen, die von Philadelphus (Lehre), Paphnutius (Politik) und Andres (Politik, Wirtschaft) so schlecht vertreten werden. Denn die Verwirklichung der (utopischen TrĂ€ume der Romantiker ist ĂŒber sehr viel schwieriger als die vereinfachende theoretische Konzeption derselben. Dies wiederum muss zu einer Relativierung des Anspruchs fĂŒhren, eine bessere Welt wĂ€re im Konzept der Romantik bereits entworfen und mĂŒsste nur noch umgesetzt werden, um das neue goldene Zeitalter einzulĂ€uten.

Die Diskussion um den Fragenkomplex, wieviel Mystik bzw. Realismus ein Mensch vertrĂ€gt und braucht, und welche Möglichkeiten der einzelne hat, gegen MissstĂ€nde in der Welt (in Kerepes v.a. der ĂŒberhandnehmende Realismus/Opportunismus) etwas auszurichten, wird dadurch erschwert (und damit differenziert), dass die Regeln dieser MĂ€rchenwelt nicht mit denen unserer Welt ĂŒbereinstimmen und damit Lösungen fĂŒr Problemstellungen im MĂ€rchen nicht eins zu eins auf unsere Welt ĂŒbertragen werden können. Balthasar z.B. formuliert die Regel: "Ist irgend ein höllischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit festem Sinn entgegenzutreten, der Sieg ist gewiss, wenn nur der Mut vorhanden."(S.50/51) Der Ausgang der Geschichte gibt ihm recht und auch die Art, wie Zinnobers Zauber funktioniert. "Balthasar: Nur in Candidas Gegenwart hat der Zauber keine Macht ĂŒber mich." (S.46) Poetische und wahrhaft liebende GemĂŒter widerstehen dem Zauber besser als andere, was sich auch bei Candida zeigt: wenn sie recht lebhaft an Balthasar dachte, konnte sich sich fĂŒr kurze Zeit von der Verzauberung lösen (vgl. S.97). Diese Regel lĂ€sst sich grob so festhalten und sie gilt in diesem MĂ€rchen. Dass solches Verhalten auch unserer Welt "guttĂ€te" darf allgemein angenommen werden. Zinnobers Zauber hat durchaus auch eine reale Entsprechung bei uns, insofern Hoffmann erkennt, wie die EntmĂŒndigung des Menschen und dessen Entfremdung vor Natur und Mitmenschen mit der Reduktion der Vernunft auf eine rein instrumentelle einhergeht. Damit ist also jedem einzelnen eine persönliche Verantwortung gegeben, eine solche Entwicklung zu unterbinden. Solche Parallelen können Lösungen aufzeigen, wenn sie sich auf MassenphĂ€nomene beziehen. ,Wenn alle so wĂ€ren wie Balthasar, wĂŒrde die Welt besser' (vgl. aber auch Hoffmanns Kritik an Balthasar!). Aber dies kann Leuten wie Balthasar nicht weiterhelfen, wenn sie in krasser Minderheit leben, wĂ€hrend um sie herum NĂŒtzlichkeitsdenken, Machtpolitik, Egoismus/Opportunismus, Gedankenlosigkeit und oberflĂ€chlicher Kunstgenuss grassieren. Ein einzelner fĂŒr sich hat nicht die Macht, durch seine Einsichten die Welt nachhaltig zu verĂ€ndern, er wird leiden mĂŒssen. Da kann dann wirklich nur noch ein Zauberer mit einem Wunder (im Sinne von Magie), der Lorgnette, helfen. Mit eher roher schriftstellerischer Gewalt erzwingt Hoffmann so zum Schluss ein Happy End, das aber sehr wohl durchblicken lĂ€sst, wie unbefriedigend es ist (vgl. weiter unten). Lösungen findet Hoffmann hier nicht und zeigt dies auch, indem er neben Balthasar eine Figur wie Sbiocca stellt, die in dieser Auswegslosigkeit durchaus auch auf eine Art handelt, die zu erwĂ€gen ist, wenn keine Wunder helfen-wie es auch bei Hoffmann und seinem politischen Umfeld nicht zu erwarten war. In unserer Welt ist also womöglich erheblich mehr Realismus/ Pessimismus angebracht, wenn Leute wie Hoffmann sich in einer Ă€hnlichen politisch-sozialen Umfeld wiederfinden wie Balthasar.

Alpanus, Rosabelverde

Rosabelverde

Rosabelverde hat Klein Zaches aus Mitleid geholfen und ihn "mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe" beschenkt, "vermöge der alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf seine Rechnung kommen ... muss." (S.84). Sie hat es gut mit ihm gemeint (vgl. S.106) und gehofft, "die Ă€ussere schöne Gabe (...) wĂŒrde hineinstrahlen in [Zaches'] Inneres, und eine Stimme erwecken, die [ihm] sagen mĂŒsste: du bist nicht der, fĂŒr den man dich hĂ€lt" (S.106). Bei Rosabelverde zeigt sich, anders als bei Balthasar, eine ĂŒberdeutliche Diskrepanz zwischen ,gut gemeintem' und ,wirklich gutem' Handeln. Rosabelverdes Handeln hat indirekt mehrere Leute (Pulcher, Signora Bragazzi) fast in den Tod getrieben. Auch Feen mĂŒssen die Folgen ihres Handelns berĂŒcksichtigen und sind nicht ĂŒber Fragen erhaben wie: "welches Handeln ist gut?" Dazu ist die Macht von Zauberei anscheinend generell auf gewisse Gebiete beschrĂ€nkt. Rosabelverdes Zauber wirkt bei Klein Zaches nur indirekt, er "leuchtet ins Innere hinein" (vgl. S.106); PersönlichkeitsverĂ€nderungen mittels Zauberei scheinen tabu zu sein (ausser bei denjenigen, die selber eine gewisse Verantwortung tragen fĂŒr ihr VerfĂŒhrtwerden

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dieser Satz gehört in das Kapitel Regeln dieser Welt: Überschrift "Rosabelverde" Ă€ndern? ganzer text nochmals von Grund auf ĂŒberarbeiten nötig!). Diese zwei Elemente stehen Rosabelverdes Versuch entgegen, mit Hilfe ihrer Zauberkraft die Welt zu verbessern. Allgemeiner gesprochen weist Hoffmann darauf hin, dass auch der Phantasiewelt der Romantik -wenn sie sich zumindest teilweise an unserer pragmatisch-vernĂŒnftigen Welt orientiert-noch Probleme bleiben, die mit magischen Wundern allein nicht gelöst werden können.

Letztlich ist jeder Versuch, Probleme mit Wundern zu lösen, eine Illusion. Klein Zaches muss in erster Linie deshalb bemitleidet werden, weil Fabian, Terpin und die ganze Stadt Kerepes ihn fĂŒr sein Aussehen verachten (nicht fĂŒr seine schamlose Art, sich politische Ämter und Anerkennung zu verschaffen! Diese wird gar nicht bemerkt, wĂ€re aber auch dann nicht zentral fĂŒr die Leute der Stadt), fĂŒr das er selbst nicht Schuld sein kann. Solche Unmenschlichkeiten sind das zentrale Problem, das Rosabelverde so nicht erkennt. Das glĂŒckliche Ende des Buches, bei dem Kerepes von Zaches und dessen Zauber erlöst wird, stimmt Ă€usserst misstrauisch: Zum einen merken die Leute nichts von ihrer einstigen Verzauberung, so dass sie sich fragen könnten, wie es ĂŒberhaupt soweit kommen konnte, zum anderen wird es auch in Zukunft noch Ă€hnliche FĂ€lle geben, in denen wie auch bei Zaches der UnglĂŒckliche nur noch ĂŒberleben kann, wenn man ihm durch Magie die Möglichkeit gibt, in einer Scheinwelt zu leben, in der ihm unverdiente (Ersatz-)Anerkennung im Überfluss zukommt.

Bei Klein Zaches stellt sich zuletzt heraus, dass Rosabelverdes Hoffnung, Zaches möge erkennen, wie wertlos diese "Ă€ussere schöne Gabe" (S.106) ist, sich nicht erfĂŒllt. "Zinnober ist und bleibt (...) ein kleiner missgestalteter Schlingel" (S.78) sagt Alpanus, und damit verdient Klein Zaches tatsĂ€chlich keine UnterstĂŒtzung durch Rosabelverde. Widerstrebend sieht Rosabelverde dies auch ein.

Eine positivere Figur, in Ă€hnlicher Situation wie Klein Zaches, wird auch in Zukunft zu leiden haben in einem solchen Milieu, wie es hier beschrieben wird (also dem bĂŒrgerlichen). Balthasar ist eine solche Figur, die ideologisch am Rande dieser Gesellschaft lebt und denkt (z.B. die Romantik gegen die etablierte Form der ,AufklĂ€rung', das psychische Prinzip gegen das physische, vgl. Kapitel ,Prosper Alpanus'). Balthasar bringt sogar in die richtige Richtung gehende Kritik an. Auch er leidet unter der Diskriminierung aller Andersartigkeit, unter der Unmöglichkeit der Verbesserung einer beĂ€ngstigend engen Weltsicht einer Mehrheit (die langfristig bis in den Nationalsozialismus fĂŒhren kann-ob Hoffmann das damals schon geahnt hat?)

Prosper Alpanus

Was Balthasar an politischem Bewusstsein noch abgeht, ist bei Alpanus zu finden. In diesem Zusammenhang muss nun die politische Situation in Preussen zwischen 1815 und 1819 berĂŒcksichtigt werden, in der Hoffmann das StĂŒck "Klein Zaches genannt Zinnober" schrieb. Es war die Zeit der Restauration, in der sich der Feudalismus als aufgeklĂ€rter Absolutismus regeneriert. "In der Form des aufgeklĂ€rten Absolutismus hatte sich der feudalistische Staat besonders in Preussen die bĂŒrgerliche Emanzipationsbewegung der AufklĂ€rung insofern zunutze gemacht, als er sich des Rationalismus, seines Reformdenkens und auch der FĂ€higkeiten der AufklĂ€rer zu seiner eigenen Konsolidierung bediente. (...) Der BĂŒrger wurde damit [mit Reformen von Seiten der Feudalherrscher, B.T.] ,beglĂŒckt', ohne gefragt zu werden, Reformen wurden ihm ,beschert', wenn auch nicht unbedingt gegen seinen Willen, so doch gegen seine wahren Interessen."[3]Balthasar ist eine klar bĂŒrgerliche Existenz, "anstĂ€ndiger, vermögender Leute Kind, fromm-verstĂ€ndig-fleissig"(S.24), die mit diesem Hintergrund das "physische Prinzip" (S.109) des FĂŒrsten Barsanuph, des Adels allgemein, bekĂ€mpft. Das physische Prinzip zeigt sich in der Antwort des FĂŒrsten auf den Arzt, der erklĂ€rt, dass er beim Menschen "immer bei der Denkkraft, bei dem Geist" (S.109) anzusetzen habe: "Hoho Leibarzt, lassen Sie das gut sein! - Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, von dem habe ich noch niemals InkommoditĂ€ten verspĂŒrt"(S.109)

Dem entgegen steht das psychische, geistig-bĂŒrgerliche Prinzip in Form der AufklĂ€rung. Paphnutius erkennt die von ihm ausgehende Gefahr: "Sie [die Feen, B.T] treiben ein gefĂ€hrliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich nicht, unter dem Namen Poesie, ein heimliches Gift zu verbreiten, das die Leute ganz unfĂ€hig macht zum Dienste in der AufklĂ€rung."(S.16)

Der bĂŒrgerlich-liberale Widerstand gegen den Feudalismus droht aber zu versanden, weil eben Leute wie z.B. Terpin sich ebenfalls dem physischen Prinzip unterordnen. Alpanus reprĂ€sentiert nun eine ihre Verantwortung wahrnehmende Alternative, die im Gegensatz zur bĂŒrgerlichen Welt steht, wie sie weiter oben dargestellt wurde und real auch im Preussischen BĂŒrgertum gelebt wurde.

Alpanus steht ebenfalls in Absetzung zu Balthasar, indem er seine politische Verantwortung auch bewusst wahrnimmt. Dazu gehört, dass Alpanus sich gegen aussen an das Regime des Paphnutius (und spĂ€ter des Barsanuph) anpasst, den Widerstand aber aufrechterhĂ€lt: "es gelang mir (...) mein eignes Ich ganz zu verhĂŒllen, indem ich mich mĂŒhte, AufklĂ€rungssachen betreffend, ganz besondere Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. (...) FĂŒrst Paphnutius erhob mich damals zum Geheimen OberaufklĂ€rungs-PrĂ€sidenten, eine Stelle, die ich mit meiner HĂŒlle wie eine lĂ€stige BĂŒrde abwarf, als der Sturm vorĂŒber." (S.77/78).

"Insgeheim war ich nĂŒtzlich wie ich konnte. Das heisst, was wir (...) wahrhaft nĂŒtzlich nennen." (S.78) Bezeichnenderweise kommt an dieser zentralen Stelle S.78 das Wort "nĂŒtzlich" in einer Bedeutung vor, die mit der engen Bedeutung der instrumentellen NĂŒtzlichkeit, wie es sonst hĂ€ufig im Buch verwendet wird, kontrastiert. Und wenig spĂ€ter sagt Rosabelverde: "Doktor, was sagen Sie! - welche AufklĂ€rungen!" AufklĂ€rung im Plural, also nicht nur als ein politisches Programm/Projekt verstanden, das durchzusetzen ist, sondern als Vorstufe zu wahrer Erkenntnis des Guten.

"Die bĂŒrgerlich-freie, wahrhaft humane Existenzform" ist eine utopische. "Keineswegs zufĂ€llig erscheinen somit ihre Hauptvertreter als freiheitsliebende Feengestalten, deren eigentliche Heimat Dschinnistan ist, ein zwar nicht existierendes, aber besseres Staatswesen. Die nichtentfremdete Existenz wird zur unmöglichen, zur utopischen MĂ€rchenwirklichkeit, die allein als Poesie realisierbar ist"[4]Der Schluss des Buches ist, wie im Kapitel "Rosabelverde" dargestellt, politisch (aus aufklĂ€rerisch-bĂŒrgerlicher Sicht) unbefriedigend, und Balthasar findet sein GlĂŒck nur im hĂ€uslichen, familiĂ€ren Bereich und im RĂŒckzug in seine Phantasiewelt, fĂŒr die auch die Poesie steht. Jedoch ist klar, dass Poesie, sobald sie gelesen wird, immer auch politisch ist.

Mosch Terpin

Die Art, wie Terpin bisher dargestellt wurde, gilt nur fĂŒr den ,frĂŒhen' Terpin. Es zeigt sich, dass es Terpin trotz seiner Verkrampfung nicht gelingt, an seiner Illusion der StĂ€rke und Überlegenheit gegenĂŒber der Natur festzuhalten. Diese ,SchwĂ€che' macht ihn teilweise sympathisch, denn es besteht ,noch Hoffnung' fĂŒr ihn: "Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem Naturforschen ganz und gar nichts, und er sĂ€sse in einer herrlichen bunten Zauberwelt, wie in einem Ei eingeschlossen." (S.113) Terpin meinte ganz zum Schluss halb berauscht, "hinter allem (dem Zauber Alpanus', B.T) stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der Operndekorateur und Feuerwerker des FĂŒrsten"(S.114). Damit behĂ€lt sich Terpin einige vernĂŒnftige EinwĂ€nde gegen eine Welt vor, die in ihrer Zauberhaftigkeit dem Leser viel zumutet (vgl. Kapitel "Grundlagen zur Interpretation": die Entschuldigungen des ErzĂ€hlers fĂŒr seine unvernĂŒnftige Geschichte). Auch wenn Terpins Haltung am Schluss des Buches nicht eindeutig ist, so geht er m.E. den richtigen Weg, wenn er sein grundsĂ€tzliches Vertrauen in die Vernunft erst aufgeben will, wenn alle vernĂŒnftigen ErklĂ€rungsversuche wie der oben zitierte gescheitert sind. Seine kritische Grundhaltung darf er ruhig bei den Wissenschaften entlehnen, nur: NĂŒchternheit wĂ€re eine nötige Voraussetzung.

Ansonsten wĂ€re mir auch sein Geniessertum sympathisch, wenn es nicht so stark an QuantitĂ€ten (an Wein, GeflĂŒgel, etc.) ausgerichtet wĂ€re. Es stellt doch immerhin eine gewisse Erweiterung dar zu der trocken-theoretischen Weltsicht eines Philadelphus und hĂ€tte doch wie fĂŒr andere die Musik das Potenzial, dem Terpin den mysthischen Zugang zur Welt zu öffnen. Die Chance besteht fĂŒr Terpin, im Gegensatz zu Philadelphus.

Biographie

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, geboren am 24. Januar 1776 in Königsberg, verlebte keine sehr glĂŒckliche Jugend. Seine Mutter ĂŒberliess die Erziehung ihres Sohnes ihrem Bruder. Die AthmosphĂ€re in dessen Haus war gekennzeichnet von pietistischer Frömmigkeit, NĂŒtzlichkeitsdenken und einer engstirnigen Moral. Bis zum Eintritt in die Schule wurde Hoffmann in klösterlicher Abgeschiedenheit erzogen.

Seine Geburtsstadt verliess er vermutlich wegen einer unglĂŒcklichen Liebesgeschichte (1796). Er reiste nach Berlin, wo er in die Gerichtspraxis eingefĂŒhrt wurde. Hier lernte er seine zukĂŒnftige Frau kennen. Seine von ihr erhaltene Tochter CĂ€cilia starb frĂŒh. Nach seinem Examen wurde er, wie viele junge Juristen, nach Polen gesandt. 1804 siedelte Hoffmann nach Warschau ĂŒber, wo er bis 1807 blieb. 1806 zogen die Franzosen in Warschau ein; Preussen wurde zum Feind erklĂ€rt, und die meisten preussischen Beamten, mit ihnen Regierungsrat Hoffmann, ihres Dienstes enthoben.

Hoffmann kehrte bald nach Berlin zurĂŒck, wo er nach einem Jahr voller Hunger und Not eine Stelle am Theater in Bamberg fand. Sein dichterisches Schaffen nahm hier seinen gĂŒltigen Anfang. Hoffmann erlebte hier seine zweite grosse (heimliche) Liebe, die ebenfalls unglĂŒcklich endete.

Das Jahr 1814 brachte neue Not, nachdem Hoffmann 1813 mangels Broterwerb Bamberg verlassen hatte. Hoffmann erkrankte schwer, schrieb aber trotzdem an seinem dichterischen Werk intensiv weiter. Im September 1814 sah sich Hoffmann dann gezwungen, in den Staatsdienst zurĂŒckzukehren. Er erhielt eine Anstellung am Kammergericht in Berlin. Als ab Ende 1819 die restaurativen KrĂ€fte in Preussen die durch die französische Revolution geschaffenen Errungenschaften und VerĂ€nderungen zu liquidieren begannen, zeigte er eindrucksvoll Zivilcourage bei seiner Arbeit im Interesse der UnterdrĂŒckten, was eine Verleumdungskampagne gegen ihn nach sich zog. Hoffmann starb am 25. Juni 1822 an einer Krankheit.

[1]E.T.A. Hoffmann, Klein Zaches genannt Zinnober, ErlÀuterungen und Dokumente, Reclam-Verlag, S.82/83

[2]E.T.A. "ErlÀuterungen und Dokumente, Hoffmann Klein Zaches genannt Zinnober" ,1985, Reclam; Vgl. S.65.

[3]"E.T.A. Hoffmann" von Helmut Prang, wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1976, S.406/7

[4]"E.T.A. Hoffmann", S.407

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