Die Abtei

Alois Brandstetter wurde am 05. 12. 1938 in Pichl in Ober√∂sterreich geboren. Er studierte Geschichte und Germanistik an der Universit√§t in Wien, wo er anschlie√üend zum Doktor phil. promovierte. Von 1970 bis 1972 war er Assistent an der Universit√§t des Saarlandes und seit 1974 lehrt er an der Hochschule f√ľr Bildungswissenschaften in Klagenfurt.
Brandstetter hat durch zahlreiche Vortr√§ge und Vorlesungen seine Prosa bekanntgemacht. Au√üerdem wirkte er 1979 in der Jury des Ingeborg - Bachmann - Preises der Stadt Klagenfurt mit. Er selbst erhielt auch s√§mtliche F√∂rderungspreise f√ľr Literatur.
Zu den wichtigsten Werken Brandstetters z√§hlen "AUSF√ĄLLE", "INCOGNITO", "DAHEIM IST DAHEIM", "DIE M√úHLE", "ALTENEHRUNG" und "DIE ABTEI". Im letztgenannten Werk erz√§hlt der Dichter in witziger Weise von dem Diebstahl des wertvollen Arnulf - Kelches in einer ober√∂sterreichischen Benediktinerabtei.
In einem großen Bericht legt der Gendarmerieinspektor Einberger dem Abt des Stiftes seine Ermittlungen dar. Er ergeht sich dabei vor allem an privaten Erinnerungen, da er selbst einen Teil seiner Kindheit hinter diesen Klostermauern verbracht hat. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Roman auch die Zusammenarbeit des Inspektors mit den Wiener Behörden und das Verhältnis der Bundesländer zur Hauptstadt Wien.
Mit bissigem Witz schweift der Autor von Thema zu Thema und l√§sst den Leser nicht zur Ruhe kommen. So beklagt er eindringlich den desolaten Zustand der heutigen Welt, sei es nun die mangelnde F√§higkeit der Politiker, die betr√ľbliche Situation der gymnasialen Schulbildung, der Wandel der sogenannten Gl√§ubigen zu Glaubensfremden oder der moralische Verfall des M√∂nchtums. Keine Problematik wird von ihm ausgelassen.
Der Titel des Kriminalromans "DIE ABTEI" ist eigentlich der Schauplatz des Geschehens. Der Diebstahl des wertvollen Kelches spielte sich in der Abtei ab, und von hier aus wird auch der ganze Fall aufzuklären versucht.
Bei diesem Werk von Alois Brandstetter handelt es sich um einen Kriminalroman, der aber in Form eines Berichtes niedergeschrieben wurde. Der eigentliche Aufklärungsvorgang wird nur angedeutet, ansonsten ist der ganze Bericht Gegenwartsschelte und Vergangenheitslob, eine Klageschrift also, die einem Bußprediger entstammen könnte. Genau dadurch hebt sich Brandstetters Werk von der herkömmlichen Gattung der Romane ab.
"DIE ABTEI" ist in keine Kapitel unterteilt. Die diversen Themen sind lediglich durch Abs√§tze getrennt. Die einzelnen S√§tze sind zum Teil sehr lang gehalten; es gibt st√§ndige Satz - und Wortwiederholungen, was f√ľr den Leser sehr verwirrend sein kann. Der Roman ist im Pr√§teritum verfa√üt. Brandstetter verwendet auffallend viele Fremdw√∂rter; immer wieder trifft man auf lateinische W√∂rter und Phrasen. Das ganze Werk ist ein einziger Monolog - eine sprachlich virtuose Lamentation eines Au√üenseiters.
Der Zeitraum des Geschehens ist eigentlich √ľberhaupt nicht definierbar. Die allumfassende Klage des Inspektors reicht zur√ľck bis ins Jahr 776, in welchem der nun gestohlene Kelch der Abtei geschenkt wurde. Da der Dieb nicht aufgedeckt wird, und es somit zu keiner Aufkl√§rung des Falles kommt, kann man die Dauer der Erz√§hlung nicht bestimmen. Die endg√ľltige Aufl√∂sung des Falles wird nach Meinung Brandstetters erst im Jenseits stattfinden, wo der Dieb und die Wiener Beh√∂rden gemeinsam in der H√∂lle aufeinandertreffen werden.
Merkw√ľrdigerweise kann man in diesem Roman keine Hauptgestalt(en) erkennen. Der Inspektor selbst nimmt die Rolle des in gewisser Hinsicht allwissenden Erz√§hlers ein. F√ľr ihn kann als Dieb jeder in Frage kommen. Der verd√§chtige Personenkreis reicht vom einfachen Wallfahrer bis hin zum Ordensbruder.
Mit dem H√∂hepunkt ist es √§hnlich wie mit den Hauptgestalten - er ist nicht erkennbar. Das kommt daher, dass, wie schon erw√§hnt, die Anklage √ľber den schlechten Zustand der Welt der eigentliche Inhalt des Romans ist.Die Fabel des Romans ist, dass ein Polizeiinspektor einen Rechenschaftsbericht √ľber den Verlust eines wertvollen Kelches abgibt und dabei den desolaten Zustand der heutigen Welt aufgezeichnet und stark kritisiert.

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