Total global - Wie der Turbo-Kapitalismus die Welt

Allein der Markt regiert
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ine neue industrielle Revolution bricht an : Kapitalismus ohne Grenzen. Der weltweite Wettstreit um Jobs und L√∂hne wird das Leben radikal ver√§ndern. Hilflos stehen nationale Regierungen, die allein das Wohl ihres Landes im Auge haben, Konzernen und Anlegern gegen√ľber, die l√§ngst global denken. Verliert die Politik ihre Macht ?

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enn Heinrich von Pierer einen Globus in die Hand nimmt, kann er ihn drehen und wenden, wie er will: Siemens ist √ľberall.
Im indischen Bangalore entwickeln die Programmierer einer Subfirma hochintelligente Software. In Brasilien, Argentinien und Mexiko formen Billigkr√§fte gute alte Osram - Leuchten. Und in North Tyneside, einer Stadt in Nordengland, entsteht f√ľr ca. 2 Milliarden Mark eine Chipfabrik, in der bald 1500 Briten arbeiten werden.
Siemens ist in 190 L√§ndern dieser Welt pr√§sent. Globaler geht es wohl kaum. Dazu geh√∂ren 400 Produktionsst√§tten auf sechs Kontinenten, ca. 382 000 Mitarbeiter, davon 170 000 im Ausland. Schon lange macht Siemens im Ausland mehr Geld als in der Heimat. Sie haben die Produktion verlagert, aber vor allem neue M√§rkte erschlossen. Da planen Siemens - Techniker in Aktjubinsk, einem Landstrich in Kasachstan, ein Kraftwerk. Da treiben sie in der chinesischen Stadt Guangzhou ein U - Bahn - Netz durch das Erdreich und verlegen in S√ľdafrika ein superschnelles Multimedia - Netz. Da kommen Transformatoren "made by Siemens" aus Ungarn oder Glasfaserkabel aus Indonesien; immer seltener hei√üt es "made in Germany". Ohne das globale Gesch√§ft w√§re die Firma aus Bayern wohl ein Nichts. Siemens will allein in Indonesien in den n√§chsten 4 Jahren bis zu 40 000 Menschen besch√§ftigen. Es ist unm√∂glich, diesen Wachstumsmarkt allein mit Exporten aus Europa oder Amerika zu beliefern. Globalisierung hei√üt die magische Macht, die Konzerne wie Siemens antreibt und deren wichtigste Triebfeder sie zugleich sind. L√§ngst reicht es ihnen nicht mehr, ihre Waren in alle Welt zu exportieren. Sie wollen da produzieren, wo unerschlossene neue M√§rkte sind - oder billige Arbeitskr√§fte !

Gleichzeitig bewegen Anleger Milliarden von einer Börse zur nächsten, aus Derivaten in Aktien, aus Aktien in Anleihen. Ländergrenzen spielen auch im globalen Kasino längst keine Rolle mehr. Die gewaltigen Kräfte, die da wirken, werden die Welt verändern wie nie zuvor und; die Konzerne treiben diesen Wandel immer schnelle voran. Hilflos schauen die Nationalstaaten zu, nach und nach verlieren sie ihre Macht an die Firmen. Es kommt eine ökonomische Zeitwende, man registriert einen noch nie dagewesenen Wettbewerbsdruck. Die Welt wächst zusammen, wird immer mehr vernetzt durch CNN, Telefax, Internet. Immer schneller entstehen neue Produkte, werden billiger.
Es entsteht ein gnadenloser Kampf um Lohn und Arbeit. Wohlstand und Armut werden neu verteilt. Die Standorte der Firmen liefern sich harten Konkurrenzkampf um Investoren, Kapital und Arbeitsplätze. Kein Wunder, dass die Konzerne, die weltweit planen und die Regierungen, die das Wohl des Landes im Auge haben, auseinandergehen.
Man prognostiziert, dass schon im Jahre 2004 die Entwicklungsl√§nder mehr produzieren als alle Industriel√§nder zusammen.. Im Jahre 2020 wird Deutschland unter den Wirtschaftsm√§chten nur noch auf Platz 6 zu finden sein, zwischen Indonesien und S√ľdkorea und weit hinter der neuen Nummer 1, China ! Vor allem in Europa entstehen √Ąngste unter den Menschen, wenn sie diesen Wandel beobachten. In Deutschland suchen fast 5 Millionen Menschen einen Arbeitsplatz - so viele wie seit dem Krieg nicht mehr. Gleichzeitig dr√§ngen die Firmen ins Ausland wie noch nie zuvor. Deutschland hat, schenkt man den Arbeitgebern glauben, einen neuen Exportschlager : Arbeitspl√§tze ! Es treten nun immer wieder dieselben Fragen auf : Wandert die Wirtschaft aus ? Werden die L√∂hne bald so niedrig sein wie in Malaysia oder Tschechien ? M√ľssen wir sogar bald mit dem Flugzeug jeden morgen zum Arbeitsplatz nach Japan ?
Es gibt aber auch eine andere Sicht des Turbo - Kapitalismus. Demnach bringt dies mehr Wohlstand, laut dem G - 7 - Gipfel. Schon im 19. Jahrhundert formulierte der Brite David Ricardo das "Gesetz der komparativen Vorteile" - ein Lehrsatz, der bis heute die Wirtschaftswissenschaft beherrscht : Jedes Land soll das herstellen, was es im Vergleich zu anderen am besten kann; wenn sich jeder spezialisiert, steigen Produktion und Einkommen. Der freie Handel bringt demnach Wohlfahrtsgewinne f√ľr jeden, der mitmacht.
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p√§ter verfeinerten zwei Schweden diesen Vorsatz. Eli Hekscher und Bertil Ohlin. Ihre Kernthese : L√§nder, die viel Geld haben, sollen sich auf kapitaltr√§chtige Produkte spezialisieren - auf High - Tech; L√§nder mit vielen Arbeitspl√§tzen sollen G√ľter herstellen, die nicht unbedingt viel Kapital abwerfen, aber viel Arbeitseinsatz erfordern - Massenware. Tats√§chlich nahm der Wohlstand der Industrienationen in den letzten Jahrzehnten nahezu kontinuierlich zu. Dann fiel der eiserne Vorhang, der die kapitalistische von der kommunistischen Welt getrennt hatte. Neue M√§rkte taten sich auf, die noch nicht gedeckt waren. Konsumenten und billige Arbeitskr√§fte waren genug vorhanden. Dutzende von Entwicklungsl√§ndern folgten.
Die Regierungen orientieren sich am Weltmarkt. Und die Multis, die immer als Ausbeuter galten, sind nun vielerorts hochwillkommen. Schlie√ülich bringen sie doch Kapital und Technik ins Land. In der ganzen Welt fallen Handelsschranken, der Zollsatz wird auf ca. 5 Prozent gedr√ľckt. Nur zur Erinnerung : vor 50 Jahren verlangten die Staaten noch 40 Prozent ! Auch das Kapital muss auf den Finanzm√§rkten weniger Hindernisse √ľberwinden als zuvor. Vorbei sind die Zeiten, als der Wettstreit allein zwischen den USA, Europ√§ischer Union und Japan ausgetragen wurde. Mittlerweile betrachten die Konzerne die ganze Welt als ihren Marktplatz, auf dem sie vor allem eins erzielen wollen : Profit. Schneller als bisher kaufen die gro√üen Konzerne Produktionsst√§tten. Man plant in der Kommunikation und Luftfahrt strategische Allianzen. Sie wollen die besten Techniker, die billigsten Arbeiter, den schnellsten Lieferanten, egal, woher diese kommen. Das Herzst√ľck des Kapitalismus sind die Minimierung der Kosten und die Maximierung der Gewinne. Die Produktion wird schlanker und zugleich internationaler. Ein gutes Beispiel f√ľr Globalisierung ist sicherlich Percy Barnevik. 1982 √ľbernahm er die Firma Asea, ein schwedisches Elektrounternehmen. Dessen Techniker waren zu 95 Prozent in Schweden besch√§ftigt. Barnevik gilt unter Managerkollegen als Vorbild in Sachen Globalisierung. Er verlegte die Zentrale nach Z√ľrich, entlie√ü in Westeuropa und Nordamerika 54.000 Mitarbeiter und heuerte in Osteuropa und Asien 46.000 neue an. Er kaufte √ľber 200 Firmen hinzu und verwob sie in einem weltweiten Netz aus etwa 5000 eigenst√§ndigen Profitcentern. Knallhart konkurrieren seine Unternehmen nun untereinander um fremde Auftr√§ge. Nur 171 Angestellte steuern von Z√ľrich aus den verzweigten Konzern mit 212 000 Mitarbeitern, Barnevik, der globale Firmenchef jettet derweil von Fabrik zu Fabrik. Die Gesch√§fte werden in Dollar und nicht in der nationalen W√§hrung abgerechnet, eine Heimatverbundenheit gibt es bei den Firmen nicht mehr. Steuern werden da gezahlt, wo die S√§tze niedrig sind. Das ist einfach, denn Gewinne k√∂nnen von Konzern zu Konzern verschoben werden - zum Schaden von L√§ndern wie Deutschland oder Schweden. Technik spielt dabei eine wichtige Rolle, ohne Telefax, Glasfaserkabel und √§hnliches w√§re so etwas wohl kaum m√∂glich. Die Industrie ist einfach mobiler geworden. Fr√ľher baute man Stahlwerke dort, wo Kohle vorhanden war. Die Transportkosten sind stark gesunken und viele Industriezweige sind Standortunabh√§ngig und dadurch wesentlich flexibler geworden.
Es gab schon einmal eine Zeit, wo die Wirtschaft zusammenwuchs, der Imperialismus. Amerikanische Industriemagnaten und europ√§ische Handelsgesellschaften zogen nach Asien und Afrika. Die Kolonien allerdings waren f√ľr sie nur Rohstoffquellen und nicht Markt oder Standort f√ľr Fabriken. Doch dann kam der schwarze Freitag an der New Yorker B√∂rse und damit die Weltwirtschaftskrise, die Staaten vielen wieder auseinander. Damals bezog sich die Globalisierung auf den Handel heute dagegen auf Produktion. Die Voraussetzungen haben sich ja auch sehr ge√§ndert : die Zukunftsbranchen kommen ohne Rohstoffe aus, Firmen k√∂nnen √ľberall in der Welt bei Banken und B√∂rsen Kapital aufnehmen. Wissen spielt heute eine gro√üe Rolle, wer viel wei√ü, kann viel verdienen. Wissen ist als Produktionsfaktor mittlerweile auch wichtiger als Arbeit und Kapital. Mikrotechnologie und Biologie, Branchen mit Kopfarbeit, k√∂nnen sich √ľberall ansiedeln, ebenso Werkstoffindustrie, Telekommunikation, Flugzeugbau und Computerindustrie. Der Computerhersteller Hewlett - Packard zum Beispiel hat seinen Konzernsitz in Kalifornien. Sein weltweites Zentrum f√ľr medizinische Einrichtungen befindet sich aber an der amerikanischen Ostk√ľste, jenes f√ľr Personalcomputer in der Schweiz, jenes f√ľr Fiberglasoptik in Deutschland und jenes f√ľr Laserdrucker in Singapur.
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uch Fiat l√§sst sein neuestes Auto, den Palio, demn√§chst in 13 L√§ndern gleichzeitig vom Band rollen, in Ecuador ebenso wie in Algerien, Indien oder Venezuela; ein Rechner in Turin, in dem via Satellit alle Materialbewegungen zusammenlaufen, kontrolliert die Montage. Unaufhaltsam arbeiten Unternehmen, die √ľberall und nirgends Zuhause sind, an einer neuen Weltkultur. Regionale Vorlieben spielen in ihren Produkten seltener eine Rolle, der Kommerz bestimmt unmerklich, was die Menschen und wahrnehmen. Hollywood begl√ľckt Millionen mit Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone, Gillette wirbt auf der halben Erdkugel f√ľr "das beste im Mann", der Marlboro - Cowboy reitet in den Anden genauso wie im Hunsr√ľck. Und der Big Mac schmeckt sowieso √ľberall gleich.
Eine kleine Anzahl von imperialen Konzernen pr√§gt das neue Bild der Erde. Die 20 gr√∂√üten Unternehmen der Welt, darunter Mitsubishi (Platz 1), die Royal Dutch / Shell (Platz 10) und Daimler Benz (Platz 17), setzen mehr um, als die 80 √§rmsten L√§nder zusammen erwirtschaften. Und die Menge an Waren, die sie kontrollieren, w√§chst gewaltig : Die Giganten der "Global 500", die das amerikanische Magazin Fortune j√§hrlich begutachtet, steigerten ihren Umsatz um elf Prozent; sie wuchsen damit viermal schneller als die Weltwirtschaft. Beim Gewinn legten die Multis noch mehr zu : fast 15 Prozent im Jahr 1995 und sogar 62 Prozent ein Jahr zuvor. Neben diesen Firmen registriert die Handels - und Entwicklungsorganisation Unctad 40 000 andere Unternehmen, die ebenfalls in die Kategorie Multis fallen. Darunter sind auch Mittelst√§ndler, die nur ein paar Dutzend Angestellten jenseits der Grenzen besch√§ftigen. Insgesamt kontrollieren diese Unternehmen etwa 250 000 ausl√§ndische Tochtergesellschaften. Auch die Deutschen mischen in diesem Spiel immer mehr mit. Im vergangenen Jahr investierten die Firmen 50 Milliarden Mark au√üerhalb der Republik, fast doppelt soviel wie zw√∂lf Monate zuvor (siehe Grafik im Anhang). So gab Hoechst allein 7,1 Milliarden Mark f√ľr den amerikanischen Pharmaproduzenten Marion Merrel Dow aus. Hoechst bezeichnet sich selbst mittlerweile nicht mehr als deutsches Unternehmen. Seit dem Fall der Mauer produzieren auch die Deutschen vorzugsweise in Billiglohnl√§ndern. Die L√∂hne in den Reformstaaten liegen 80 - 90 Prozent unter den deutschen ! Aber viele Firmen ziehen auch um, um neue Kunden zu gewinnen. Man will das Risiko von Dollar - Kursschwankungen vermeiden oder Handelsbarrieren √ľberwinden. BMW zum Beispiel spart riesige Z√∂lle dadurch, dass sie ihre Autos in Indonesien zusammenschrauben.

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ie viele Arbeitspl√§tze Deutschland verlassen, ist strittig. 300 000 in 5 Jahren, behauptet BDI - Chef Hans - Olaf Henkel; nur 75 000, glaubt der DGB. Bisweilen jedenfalls sichert das Auslandsgesch√§ft auch Arbeitspl√§tze im Inland. Bedenklich ist hingegen, wie oft ausl√§ndische Firmen einen Bogen um Deutschland machen. Sie steckten 1995 gerade 14 Milliarden Mark in hiesige Fabriken - 36 Milliarden Mark weniger, als die Deutschen ins Ausland pumpten. Japaner und Amerikaner siedeln sich lieber dort an, wo sie weniger Steuern zahlen und b√ľrokratische H√ľrden √ľberwinden m√ľssen. √úberall fordern internationale Anleger jetzt den gleichen Erl√∂s, von Firmen in South Carolina genauso wie in Schwaben; √ľberall streichen Unternehmer deshalb teure Jobs und schaffen billige in der Fremde. Denn das steigert die Rendite. Allm√§h
Staaten m√ľssen sich dieser Macht beugen - ob sie wollen oder nicht
lich geraten so auch deutsche Konzerne in die Abh√§ngigkeit von Gro√üinvestoren, die mit einem Federstrich √ľber Wohl und Wehe der Aktienkurse entscheiden - und dar√ľber, wo Arbeitspl√§tze entstehen. Wer sich nicht f√ľgt, dem droht der Kapitalentzug.
Die USA sind das beste Beispiel hierf√ľr. Hier operieren institutionelle Anleger mit gewaltigen Summen. Dezent nutzen Investmentgesellschaften diese Macht aus und schreiben - wenn ihnen der Aktienkurs mi√üf√§llt - bisweilen auch blaue Briefe an die Konzerne. Dann kommt es auch schon mal zu, nennen wir es mal Empfehlungen, ganze Abteilungen zu schlie√üen.
Der Finanzmarkt verschwindet immer mehr von der realen Welt. Tag f√ľr Tag rauschen 1,5 Billionen Mark √ľber Datenleitungen, hinter denen keine Firmen und Waren stehen. Nirgends ist der Rausch der Globalisierung so gro√ü wie dort, wo die Broker der B√∂rse dicht auf dicht hocken. Die Technik spielt auch hier mal wieder eine entscheidene Rolle. B√∂rsenkurse gelangen in "real time" zum Empf√§nger, √ľberall in der Welt zur gleichen Zeit. Wer eine Sekunde schneller reagiert, kann Millionen verdienen oder verlieren. Und mit dem Internet gelangen auch kleine Leute immer n√§her an die B√∂rse heran. Das globale Kasino kommt nie zur Ruhe : Morgens er√∂ffnet die B√∂rse in Tokio, weiter geht’s nach Hongkong, dann nach Europa. Schlie√üen Frankfurt und London, √ľbernimmt New York - ein ewiger Kreislauf. Die Summen, die dabei t√§glich verschoben werden, sind fast doppelt so hoch wie die W√§hrungsreserven aller Zentralbanken. Staaten m√ľssen sich dieser Macht beugen - ob sie wollen oder nicht; schlie√ülich finanzieren sie √ľber den Kapitalmarkt ihre Schuldenlast. √úbertreibt es eine Regierung zu sehr, fordern die Anleger prompt eine Pr√§mie : h√∂here Zinsen f√ľr h√∂here Risiken !
Es zeigt sich immer wieder, wie Kapitalm√§rkte den Politikern das f√ľrchten lernen. So knackten sie z. B. im Herbst 1992 die Bank von England. Die Devisenh√§ndler brachten mit einer Spekulationswelle, die auf ein fallendes Pfund und eine schwache Lira setzte, das europ√§ische W√§hrungssystem zu Fall. Die Aussagen der Politiker sind sinngem√§√ü immer gleich : "Spekulanten sind das Aids der Weltwirtschaft" (Jacques Chirac), "Die Welt liegt in den H√§nden dieser Leute" (W√§hrungsfond - Pr√§sident Michael Camdessus), "√úberall regiert der Markt, allein der Markt" (Lester Thurow). K√∂nnen die Regierungen also abdanken ? Haben sie die Macht √ľber jenes unheimliche Wesen verloren, das sie mit der Liberalisierung und Deregulierung selbst gerufen haben : den Markt ? Bestimmen nur noch Broker, Investmentfonds und Konzerne √ľber die globale Zukunft ?
Die Staaten sind viel zu sehr erpre√übar. Wenn Konzerne es fordern, bekommen sie Subventionen oder Steuerverg√ľnstigungen. Bekommen sie sie nicht, gehen sie halt ins Nachbarland. Der Wettbewerb der Standorte scheint zum Subventionswettlauf zu werden. Viele Gesetze lassen sich einfach nicht gegen den vereinten Widerstand der Industrie durchsetzen. Ein gutes Beispiel : die √Ėko - Steuer. Der Standort w√§re dann noch schlechter gestellt, hie√ü es, K√ľndigungen seien vorprogrammiert. Die Folge : Bonn parierte. Nur durch internationale Zusammenarbeit werden sich die Konflikte der Zukunft l√∂sen lassen, doch Organisationen wie die WTO und die EU haben kaum Mittel, um wirklich durchzugreifen :
    Die USA zetteln, allen Grunds√§tzen zuwider, immer wieder politisch motivierte Handelskriege an : mit Japan √ľber Autos oder mit Europa √ľber die Beziehungen zu Iran. Die L√§nder der Dritten Welt beschweren sich derweil √ľber Protektionismus, denn mit dem schnellen Hinweis auf Sozial - und √Ėkodumping machen die Industriel√§nder ihre Grenzen f√ľr Billigware dicht. Die Deutschen sch√ľtzen mit dem Entsendegesetz zwar ihre Bauarbeiter. Gleichzeitig unterlaufen sie aber die Ziele des Binnenmarktes, denn durch Mindestl√∂hne bremsen sie indirekt die freie Mobilit√§t von EU - Arbeitern.

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er Standort Deutschland ist also gefährdet, der Turbo - Kapitalismus verändert die Welt. Er ist sicherlich unaufhaltsam, bringt Vor - und Nachteile mit sich. Was sich letztendlich entwickeln wird, kann niemand genau sagen. Da heißt es wohl abwarten. Nur eins steht fest : Deutschland laufen die Firmen weg, wenn nicht bald etwas getan wird !



Quelle : Der Spiegel Nr. 39 / 23.9.96 / Seite 80 - 105 (Titelhema)

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