Das Konzert

Das Konzert
(Hermann Bahr)
Hermann Bahr wurde am 19. Juli 1863 in Linz als Sohn des liberal gesinnten Notars Dr. Alois Bahr geboren. 1878 war er Gymnasiast bei den Benediktinern in Salzburg und 1881 Student an der Universit├Ąt Wien wo er sein Studium der klassischen Philologie und Jura ablegte.
Aufgrund seiner voll von deutsch - nationalem Pathos (feierliche Ergriffenheit, zur Schau getragenes Gef├╝hl) gehaltenen Ged├Ąchtnisrede zu Richard Wagners Totenfeier in Wien wurde er von der Universit├Ąt Wien ausgeschlossen. Auch an den Universit├Ąten von Graz und Czernovitz (Stadt in der Ukraine) erging es ihm ├Ąhnlich.
Sein erstes literarisches Werk wurde 1883 am Linzer Landestheater aufgef├╝hrt.
Von 1884 bis 87 lebte er in Berlin, wo er sich an der Universit├Ąt mit Philologie und Volkswirtschaft befasste. Hier wendete er sich endg├╝ltig von den Studien ab und begann seine literarische, theatralische Laufbahn.
1888 fand sein einj├Ąhriger Aufenthalt in Paris statt, wo er stark pr├Ągende Einfl├╝sse der franz├Âsischen Literaten, insbesondere Barr├Ęs und Bourget, erhielt.
Weitere Reisen gingen nach Spanien, Marokko und Petersburg, wo er die Schauspielerin Eleonora Duse entdeckte, die gerade dort gastierte.
1894 lie├č sich Bahr in Wien nieder und arbeitete als Journalist und B├╝hnenschriftsteller.
Ein Jahr sp├Ąter heiratete er die Schauspielerin Rosa Jokl und wurde ihr zuliebe konfessionslos. (Konfession ist die Gemeinschaft der in einem Bekenntnis Verbundenen. Bekenntnis ist die Zugeh├Ârigkeit zu einer Religionsgemeinschaft.)
1904 erlitt Bahr eine schwere Krankheit, bei der er nur knapp dem Tod entging. Dadurch vollzog sich in ihm eine grundlegende Wende - ├änderung seiner Ideologie und Hinwendung zum Katholizismus. (seit dem 18 Jahrhundert ├╝bliche Bezeichnung der Gesamtheit der von der katholischen Kirche und ihrer Lehre im jeweiligen geschichtlichen Zusammenhang inspirierten Anschauungen und Aktivit├Ąten).
1906 wurde er als Regisseur zu Max Reinhardt nach Berlin ans "Deutsche Theater" berufen. Die Premiere seiner Kom├Âdie "Ringelspiel" wurde ein gro├čer Erfolg. Die Zusammenarbeit mit Max Reinhardt war f├╝r Bahr nicht unproblematisch; er kehrte nach einem Jahr wieder nach Wien zur├╝ck und zog sich auf seine Kritikert├Ątigkeit und journalistische Arbeit zur├╝ck.
In Wien band sich Bahr stark an den Malerkreis um Gustav Klimt, der den Weg vom Impressionismus und Expressionismus entwickelte.
Bahr war h├Ąufig zu Gast am Semmering bei seinem Freund Kolo Moser, der nach seiner Heirat mit der Industriellentochter Editha Mautner - Markhof ├╝ber eine mond├Ąne Villa im Wolfsberghotel - Viertel verf├╝gte. Einen ausf├╝hrlichen Aufsatz ├╝ber den Semmering zu allen Jahreszeiten kann man in Hermann Bahrs "Tagebuch" nachlesen.
1909 ging Bahr die zweite Ehe mit der bekannten Operns├Ąngerin Anna von Mildenburg ein. Durch sie ergab sich auch Bahrs Beziehung zum Komponisten Richard Strau├č.
In diesem Jahr schrieb er seine Kom├Âdie "Das Konzert", von dem ihr sp├Ąter mehr erfahren werdet, und widmete sie Richard Strau├č. Drei Jahre sp├Ąter ├╝bersiedelte er in die Barockstadt Salzburg.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde Bahr 1918 als Chefdramaturg (wirkt vor allem an der Spielplangestaltung am Theater mit, ber├Ąt den Regisseur, die B├╝hnen - und Kost├╝mbildner) und Mitglied einer Dreier - Direktion an das Wiener Burgtheater berufen, wo er ein Jahr blieb.
1919 zog er sich wieder nach Salzburg zur├╝ck. Drei Jahre darauf folgte er seiner Frau nach M├╝nchen, wo sie an die Musikakademie als Professorin berufen war. Bahr vervollst├Ąndigte hier sein umfangreiches literarisches Werk in Zur├╝ckgezogenheit und enger geistiger Beziehung zu dem Franziskaner Heribert Holzapfel.
1933 wurde Bahrs 70. Geburtstag feierlich und ehrenvoll in M├╝nchen gefeiert. Zu diesem Zeitpunkt war er schwer krank.
Am 15. J├Ąnner 1934 starb Bahr nach qualvollem Leiden an einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung; ein nach dem 40. Lebensjahr h├Ąufiges, chronisch verlaufendes Blutgef├Ą├čleiden, das heute in den entwickelten L├Ąndern die h├Ąufigste Todesursache ist.) und wurde in Salzburg bestattet.
Bahr hat rund 40 Theaterst├╝cke geschrieben, eines davon war "Das Konzert",
Weitere wichtige Werke Bahrs sind
Das Tschaperl (1897), Wienerinnen (1900), Der Krampus (1901), Der Meister (1903), Die Kinder (1910), Das Prinzip (1912)

Werk:
Das Lustspiel in drei Akten spielt in Wien (Salon Heink) und in einer Jagdh├╝tte in der Klamm um 1900.

Die vorkommenden Personen sind:
Pianist Gustav Heink
Marie, seine Frau
Dr. Franz Jura
Delfine, seine Frau
Eva Gerndl
Pollinger Frau Pollinger
Fr├Ąulein Wehner
Fr├Ąulein Selma Meier
Miss Garden
Frau Claire Floderer
Frau Fanny Mell
Frau Dr. Kann

Inhalt:
Der ber├╝hmte Pianist Gustav Heink, verheiratet mit der verst├Ąndnisvollen und nachsichtigen Frau Marie, wird umschw├Ąrmt und angebetet von seinen Sch├╝lerinnen verschiedenen Alters. Ab und zu f├Ąhrt der Schweren├Âter mit einer Verehrerin zum so genannten "Konzert" in seine Gebirgsh├╝tte in der Klamm.
Jetzt hat auch seine in ihn verliebte Sch├╝lerin Eva Gerndl festgestellt, dass er vermutlich mit Delfine Jura, eine seiner Sch├╝lerinnen, auf so ein "Gastspiel" gefahren ist.
Eifers├╝chtig telegraphiert sie an Delfines gro├čz├╝gigen Mann, Herrn Doktor Franz Jura, der als Absender Heinks Frau vermutet und sich darum mit ihr ber├Ąt.
Die zwei verb├╝nden sich und beschlie├čen in die Klamm zu fahren, um dort Heink und Delfine zu ├╝berraschen. Ihre Absicht ist es, die beiden, ohne Streit, zu fragen, wie ihre Gef├╝hle zueinander sind. Entweder wird Heink ganz gl├╝cklich dar├╝ber sein, dass er Delfine haben kann oder er traut sich nicht seine Liebe zu Delfine zu gestehen, die dann auch nicht so gro├č sein kann.
Heink und Delfine treffen in der Waldh├╝tte ein, die vom Ehepaar Pollinger bewirtschaftet wird. Der ehemals verwegene Wilderer und Saufbruder Pollinger leidet an ersten Alterserscheinungen, die auch der fast gleichaltrige Heink herannahen f├╝hlt, in seiner Eitelkeit aber nicht wahrhaben will.
Als Dr. Jura und Marie ebenfalls in der Waldh├╝tte ankommen stellt Dr. Jura Heink zur Rede und verlangt dessen klares Bekenntnis, dass er Delfine liebe und schlie├člich heiraten w├╝rde. Heink aber l├Ąsst sich nicht festlegen und will sich auch nicht mit Juras "Gest├Ąndnis" abfinden, dass dieser Marie zur Frau nehme wolle. Der turbulente Ausflugstag schlie├čt mit einem vertrauten Schachspiel Heinks mit seiner Marie und Delfine kann nur entt├Ąuscht von der verhei├čungsvollen Nacht tr├Ąumen, die jetzt Damen und Herren getrennt in der H├╝tte verbringen.
Am n├Ąchsten Morgen treibt Marie das Spiel noch weiter und macht Delfine mit den zuk├╝nftigen Pflichten als Ehefrau Heinks vertraut, w├Ąhrend sie selbst an der Idee festh├Ąlt, Dr. Jura als k├╝nftigen Gatten zu sehen.
Die beiden M├Ąnner haben sich unterdessen bei einem ausgiebigen Morgenspaziergang gut angefreundet und jeder hat von dem anderen eine neue und bessere Einsch├Ątzung. Zwischen Marie und Heink kommt es zu einer Aussprache, in der er ihr die Zwanghaftigkeit und "berufsnotwendige" Ursache seiner Seitenspr├╝nge erkl├Ąrt, ihr aber auch versichert, dass er sie als einzige lieb habe und nur sie seine Ehefrau sein k├Ânne.
Auch Jura und Delfine finden wieder zueinander. Gemeinsam fl├╝chten sie aus der H├╝tte, bevor die beiden erfahreneren Eheleute wieder zu ihrer Verunsicherung dazwischenkommen. In der Aussicht auf ein paar ruhige Tage "allein" in der H├╝tte, versichert Heink Marie, dass es mit seinen sogenannten "Konzerten" nun ein Ende haben werde.
Doch als die reum├╝tige sch├Âne Eva Gerndl, die den Brief an Dr. Jura geschrieben hatte, auftaucht, kann Heink ihren Schw├Ąrmereien erneut nicht widerstehen und verf├Ąllt in seine Verf├╝hrer - Routine. Marie wird f├╝r den geliebten Gatten wohl noch weiterhin Verst├Ąndnis und Geduld aufbringen m├╝ssen.

Deutung:
In den meisten von Bahrs St├╝cken dreht es sich um Liebesprobleme. In seinen Kom├Âdien gibt es immer den "fr├Âhlichen Krieg", vor allem zwischen den Geschlechtern oder zwischen grundverschiedenen M├Ąnnercharakteren im Angesicht der gleichen Frau.
Seine Entscheidungen sind nie r├╝cksichtslos, bringen dem Unterlegenen Verst├Ąndnis entgegen, verlangen eine gro├čz├╝gige Freiheitsauffassung - im Sozialgef├╝ge und im Verhalten der Geschlechter.
Es ist Elastizit├Ąt, von der jegliches Freiheitsbewusstsein, jegliches Wissen um Nichtbeengung so sehr abh├Ąngt. Jeder Versteifung gegen├╝ber solcher Elastizit├Ąt ist f├╝r Bahr ein Unheil.
Dies gilt insbesondere auch f├╝r "Das Konzert": Man muss einander in der Ehe freigeben, um einander zur├╝ckzugewinnen. Nur wenn man den Mut hat, die Probe aufs Exempel zu machen und alle Eifers├╝chteleien beiseite zu lassen, endet das versuchte Quartett - Spiel so gl├╝cklich wie hier. Dieses Werk, das, wie bereits erw├Ąhnt, Richard Strau├č gewidmet war, ist mit seinem bezaubernden Charme, mit seiner geistreich - witzigen Verspottung der K├╝nstlereitelkeit und auch dank des ├╝berlegenen Kom├Âdienverstandes seines Autors, der das Theater nur zu gut kannte, bis heute auf den B├╝hnen lebendig geblieben

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