Der Theatermacher


Thomas Bernhard

Der Theatermacher


Thomas Bernhard

Biographie


    Geburt in Heerlen in den Niederlanden als unehelicher Sohn von Alois Zuckerstätter und Anna Bernhard
1931 - 1938 Kindheit bei Gro√üeltern (m√ľtterlicherseits) in Wien und Salzburg
    Umzug nach Traunstein (Bayern); Besuch eines Heimes f√ľr schwer erziehbare Kinder aufgrund von Schwierigkeiten in der Schule Besuch eines Internats in Salzburg Abbruch des Schulbesuchs; Beginn einer Lehre (Lebensmittelhandel) Abbruch der Lehre wegen einer Rippenfellentz√ľndung Erkrankung an Lungentuberkulose; Krankenhausaufenthalt; Tod der Mutter und des verehrten Gro√üvaters (Johannes Freumbichler) Studium der Musik, Schauspielkunst und Dramaturgie in Wien und Salzburg (Mozarteum); Journalist bei verschiedenen Zeitungen
Ab 1957 Arbeit als freier Schriftsteller in √Ėsterreich
    Erwerb eines Bauernhofes in Ohlsdorf Tod in Gmunden


Wichtigste Werke:

Gedichtsammlungen: 1957: Auf der Erde und in der Hölle

1958: In hora mortis und Unter dem Eisen des Mondes
Romane: 1963: Frost; 1967: Verstörung; 1970: Das Kalkwerk
1975: Korrektur; 1982:Beton; 1985: Holzfällen; 1986: Auslöschung
Theaterst√ľcke: 1974: Die Jagdgesellschaft; 1976: Vor dem Ruhestand
1987: Elisabeth II; 1972: Der Ignorant und der Wahnsinnige
1976: Minetti; 1978: Immanuel Kant; 1984: Der Theatermacher


Wichtigste Auszeichnungen:

1968: √Ėsterreichischer Staatspreis
1970: Georg - B√ľchner - Preis
1972: Grimme - und Grillparzer - Preis


Der Theatermacher

Drama (Tragödie und Komödie); 4 Szenen;
1983 verfasst; Urauff√ľhrung am 17.08.1985 in Salzburg

Inhalt:

Der "Theatermacher" Bruscon befindet sich mit seiner Familie (Ehefrau, Sohn Ferruccio, Tochter Sarah) auf einer Tourne√©, auf der sie die von Bruscon verfasste Menschheitskom√∂die "Das Rad der Geschichte" auff√ľhren. Der Handlungsort ist ein verkommener Tanzsaal im Gasthof "Schwarzer Hirsch" in Utzbach (√Ėsterreich). Die Zeit der Handlung umfa√üt einen Abend.
Die ersten drei Szenen handeln von den Vorbereitungen (Aufstellen von Requisiten; S√§uberung des Saals) f√ľr das St√ľck einige Stunden vor der Auff√ľhrung. Die letzte Szene spielt hinter dem Vorhang, Minuten vor der Inszenierung.
Zu Beginn beklagt sich Bruscon beim Wirt √ľber den k√ľmmerlichen, da vermoderten und verstaubten Zustand des Tanzsaals und √ľber die allgemeinen Bedingungen in Utzbach. Er h√§lt das Erl√∂schen des Notlichts in der letzten f√ľnf Minuten des St√ľckes f√ľr eine unbedingte Voraussetzung f√ľr Auff√ľhrung, da seiner Meinung nach ohne die vollkommene Finsternis die Kom√∂die zerst√∂rt w√§re. Deshalb schickt Bruscon den Wirt zum √∂rtlichen Feuerwehrhauptmann, um diesbez√ľglich anzufragen ob dies m√∂glich sei. Zum Ende der ersten Szene verspeist die ganze Familie eine zuvor georderte Frittatensuppe.
In den folgenden beiden Szenen probt Bruscon das Theaterst√ľck mit seinen Kindern und erteilt Regieanweisungen. Diese erweisen sich als vergeblich, da die Kinder des Schauspielens unf√§hig (antitalentiert) sind. Bruscons Frau liegt w√§hrend dessen krank (Hustanf√§lle) im Bett. Der Theatermacher empfindet diese Umst√§nde und Unzul√§nglichkeiten als Zerst√∂rung seines (Lebens - )Werkes. Die Aufregung √ľber den Dilettantismus seiner Umgebung f√ľhrt sogar zu einem kurzen Schw√§cheanfall Bruscons. Zu den, ihn qu√§lenden menschlichen Bedingungen kommen noch √§u√üere, der Gestank und das Grunzen von Schweinen, ebenso wie ein aufkommendes Gewitter, hinzu. Am Ende der dritten Szene erfolgt die lang ersehnte Genehmigung zur L√∂schung des Notlichts.
Die letzte Szene kurz vor Auff√ľhrung stellt die kost√ľmierten und geschminkten Darsteller hinter dem Vorhang dar. Sie warten auf (und beobachten) die allm√§hliche F√ľllung des Zuschauerraums und treffen letzte Vorbereitungen. In der Zwischenzeit verst√§rkt sich das Gewitter. Schlie√ülich wird es so stark, dass das Dach des Tanzsaals einbricht und Wasser eindringt. Als noch ein Blitz ein nebenstehendes Haus in Flammen setzt geraten die Zuschauer in Panik und rennen aus dem Saal. Am Ende sieht man Bruscon samt Familie vor dem verlassenen Zuschauerraum.

Erläuterungen und Interpretation:

Eine innere Handlung ist kaum vorhanden, da es keine wirkliche Entwicklung gibt.
Diese wird ersetzt durch Bruscons st√§ndiges Klagen, Verurteilen, H√∂hnen √ľber
a) schlechte Zust√§nde, wenige Zuschauer, Unterschied zu vorherigen Auff√ľhrungen/Orten,
b) österreichische Bevölkerung, Katholizismus (Vergleich mit NS), Provinzialismus, Stumpfsinn
c) Unverstandenheit durch Menschen, Kritiker; kunstfeindliche Welt
d) Unfähigkeit des eigenen Sohnes (Antitalent, trotz Unterricht des Vaters)
e) allgemeine Unf√§higkeit der Frauen (Tochter und Frau), die f√ľr ihn "v√∂llig geistlose K√∂pfe" sind.

Hinzu kommt die exzentrische Selbst√ľbersch√§tzung und der Hochmut Bruscons, der sich selbst mit Shakespeare, Voltaire und Goethe auf eine Stufe stellt. Er h√§lt sich f√ľr ein Genie, das zuk√ľnftig weltber√ľhmt wird. Sein "Rad der Geschichte" ist f√ľr ihn die vollkommenste Kom√∂die. Allerdings muss Bruscon zur Selbstbest√§tigung seine Kinder dazu zwingen ihn den "gr√∂√üten Schauspieler aller Zeiten" zu nennen.
Seine Selbsteinsch√§tzung nimmt zum Teil absurde Z√ľge an: "Manchmal glaube ich/ ich bin Schopenhauer/ (...) Wiedergeburtsgedanke/ Geisteshomosexualit√§t denke ich". Das Absurde wird beispielsweise auch an der Frittatensuppe deutlich, die er zu einer "Existenzsuppe" im hamlet'schen Stil heraufbeschw√∂rt: "Leberkn√∂delsuppe/ oder Frittatensuppe/ das war immer die Frage".

In dem St√ľck thematisiert und ironisiert Bernhard Teile der eigenen Vergangenheit:
a) Die vierköpfige Brusconfamilie ist mit Bernhards ebenso erfolglosem Großvater Freumbichler und
seiner Familie zu vergleichen, die ebenfalls ständig umhergereist ist.
b) Bruscon leidet im Theatermacher an einer Nierengeschichte, an der Bernhards Großvater starb.
Au√üerdem √ľberzieht Bernhard Eigenarten seines Gro√üvaters ins groteske.
c) Zenraler Aufhänger ist der Streit um das Löschen des Notlichts. 1972 forderte Bernhard bei der
Urauff√ľhrung seines St√ľckes "Der Ignorant und der Wahnsinnige" die L√∂schung des Notlichts
während der letzten Minuten um vollständige Finsternis zu erlangen, was die Feuerpolizei nicht
zulassen wollte und daraufhin sogar die Auff√ľhrung des St√ľckes zu verhindern drohte.

Allgemein ist das Thema, welches Bernhard im Theatermacher behandelt kaum von dem in anderen St√ľcken zu unterscheiden. Es geht in seinen K√ľnstlerdramen um die Auflehnung des radikalen K√ľnstlers gegen die lebensfeindliche Natur und geistfeindliche Gesellschaft und gleichzeitig das notwendige Scheitern dieser Auflehnung. Dabei versucht er mit Absurdem und Groteskem systematisch ethische und √§sthetische Pr√§missen zu zerst√∂ren. Mit der monotonen Thematik seines Schaffens will Bernhard Feinheiten und vermeintliche Belanglosigkeiten in den Mittelpunkt stellen, um eine Auseinandersetzung mit dem Einzelnen zu forcieren.

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