Sacco, Nicola und Vanzetti, Bartolomeo: Unser Tode


Unser Todeskampf ist unser Triumph!


Die Geschichte von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti ist mittlerweile ein internationales Symbol der amerikanischen Ungerechtigkeit geworden, denn es handelt sich hierbei nicht nur um das Schicksal von zwei zu Unrecht auf dem elektrischen Stuhl endenden italienischen Immigranten, sondern vielmehr ist es die Geschichte eines jeden unerw├╝nschten Einwanderers und Dissidenten in der Geschichte des freien Amerikas geworden.


    Einleitung
Das Erstarken und Wachsen der Arbeiterbewegung der USA hatte urs├Ąchlich mit der Einwanderungsbewegung in die USA, der damit steigenden Zahl von Industriearbeitern und der fortschreitenden Monopolisierung des Kapitals zu tun. In den Jahren von 1860 bis 1900 wanderten mehr als 14 Millionen Menschen ein, was zum Wachsen der Bev├Âlkerungszahl von 31 auf 76 Millionen beitrug. Gleichzeitig verdreifachte sich die Zahl der Industriearbeiter.
Dadurch waren zur weiteren Entwicklung des Kapitalismus g├╝nstige Voraussetzungen geschaffen worden. Der Konzentrationsproze├č der industriellen Produktion hatte seinen H├Âhepunkt in den Jahren 1890 bis 1902, der sich dann verlangsamte und erst wieder w├Ąhrend des ersten Weltkrieges einen gro├čen Aufschwung einnahm. Eine der Auswirkungen dieser Entwicklung war, dass zum Ende des 19. Jahrhunderts nur zehn Prozent der Bev├Âlkerung ├╝ber 90 Prozent des gesellschaftlichen Reichtums besa├čen.
Diese Entwicklung wurde gleicherma├čen begleitet von einem Wachsen und Erstarken der Gewerkschaftsbewegung und der Gr├╝ndung von anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen Zirkeln oder Parteien. Es gab gro├če Streikbewegungen f├╝r die Verbesserung der Lebens - und Arbeitsverh├Ąltnisse. Selbst bei Wahlen konnte die Sozialistische Partei der USA mehr als nur Achtungserfolge erringen (1904 ├╝ber 500.000 Stimmen). Zeitungen und Propagandabl├Ątter der fortschrittlichen M├Ąchte hatten inzwischen Massenauflagen erreicht. Es schien, als entwickelte sich die amerikanische Arbeiterbewegung zu einer Bedrohung f├╝r das kapitalistische System in den USA.[1]

    Zwei Italiener in einem Land, in dem Tr├Ąume angeblich wahr werden
1908 kamen die beiden Italiener Nicola Sacco, im Alter von 17 Jahren, und der 20j├Ąhrige Bartolomeo Vanzetti nach Amerika, um dort f├╝r sich und auch f├╝r ihre Familien dem Amerikanischen Traum nachzugehen, der Idee nach sozialer Gleichheit und materiellem Erfolg. Sie kamen in dieses scheinbar so freies Land, in ein Land in dem ihrer Meinung nach alle Menschen vor dem Gesetz gleich w├Ąren, doch wurden sie eines besseren
belehrt.
Bartolomeo Vanzetti wurde am 11. Juni 1888 in einem kleinen norditalienischen Dorf als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Er begann im Alter von 13 Jahren eine B├Ąckerlehre, arbeitete dann auch 6 Jahre in diesem Beruf, bevor ihn eine Berufskrankheit zur Aufgabe zwang. Nach dem Tod seiner Mutter beschlo├č er in die USA auszuwandern, mit gro├čen Hoffnungen auf das "Land der unbegrenzten M├Âglichkeiten".
Nicola Sacco wurde am 20. August in einem kleinen Dorf in S├╝ditalien geboren. Er arbeitete und der Landwirtschaft und geh├Ârte in seinem Heimatdorf einem sozialistischen Club an. Da f├╝r ihn und seinen Bruder die USA als Traumland galten, in dem man ein neues besseres Leben beginnen k├Ânne, beschlossen sie, dorthin auszuwandern.
Vanzetti verdiente sich zun├Ąchst, jedoch nicht sonderlich gut, als B├Ącker, dann in Steinbr├╝chen und Eisengie├čereien. So schlo├č er sich in Massachusetts einer anarchistischen Gruppe an. 1916 traten dann die Arbeiter der Seilereigesellschft in Plymouth f├╝r h├Âhere L├Âhne und bessere Arbeitsbedingungen in den Streik. Vanzetti, der allein schon auf Grund seiner Herkunft f├╝r Aktionen wie diese ├Ąu├čerst pr├Ądestiniert war, trat in diesem Streik als F├╝hrer und Agitator auf. Nachdem eine Lohnerh├Âhung erk├Ąmpft war, wurden alle Streikenden wieder eingestellt - bis auf Bartolomeo Vanzetti.
Nicola Sacco hatte zu Beginn mehr Gl├╝ck und fand eine vergleichsweise gute Anstellung in der Eisengie├čerei Hopedale, bevor er sich nach einigen Monaten entschlo├č, sich zum Facharbeiter an einer Schuhsteppmaschine ausbilden zu lassen, was er jedoch aus eigener Tasche bezahlen musste. Sein Bruder hingegen kam mit den Verh├Ąltnissen in den USA nicht zurecht und kehrte in sein italienisches Heimatdorf zur├╝ck, wo er dann sp├Ąter sozialistischer B├╝rgermeister wurde. Nicola Sacco schlo├č sich ebenfalls einer anarchistischen Gruppe an.
Mit dem Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg wurde ein Wehrpflichtgesetz beschlossen, das nicht nur geb├╝rtige Amerikaner zum Dienst an der Waffe zwang, sondern ebenso alle m├Ąnnlichen Einwanderer. Viele Revolution├Ąre entzogen sich dem Wehrdienst, indem sie nach Mexiko flohen. Dort lernten sich schlie├člich auch Bartolomeo Vanzetti und Nicola Sacco kennen und wurden Freunde.
Doch die f├╝r Fl├╝chtlinge schlechte Situation in Mexiko zwang viel von ihnen wider in die USA zur├╝ckzukehren. Sacco und Vanzetti f├╝hrten fortan gemeinsame Weg zur├╝ck nach Massachusetts, wo Sacco schlie├člich in einer Schuhfabrik eine dauerhafte Anstellung fand und Vanzetti als Fischverk├Ąufer arbeitete.

    Die beiden Raub├╝berf├Ąlle
Am Morgen des 24. 12. 1919 gegen 7. 30 Uhr behoben der Zahlmeister der L.Q. Whiteshoe Company, ein Fahrer und ein W├Ąchter die Lohngelder der Firma in einer H├Âhe von 30.000$ bei Bridgewater Trust Company, und hatten vor, diese auf einer Lore in die Schuhfabrik zu transportierten. Doch die Lore wurde von einem Wagen, in dem "ausl├Ąndisch aussehende M├Ąnner" sa├čen, an einer Kreuzung am weiterfahren gehindert. Drei M├Ąnner entstiegen diesem Wagen - einer der dreien mit einer Flinte, die anderen beiden mit je einer Handfeuerwaffe bewaffnet - und gingen zu dem Lastwagen mit den Lohngeldern. Der mit der Flinte bewaffnete Mann, sowie einer der anderen "Banditen" feuerten daraufhin auf den Lastwagen, was der W├Ąchter wiederum mit 2 Sch├╝ssen erwiderte und der Fahrer der Lore wich schlie├člich aus der Stra├čenfahrbahn aus und raste, um den R├Ąubern zu entkommen, davon. Der Lastwagen geriet auf der feuchten Stra├če ins Schleudern und krachte schlu├čendlich in einem Telefonmast. Bei diesem ersten der beiden Raub├╝berf├Ąlle, an dem ├╝brigens insgesamt vier Banditen beteiligt waren, wobei drei den Lastwagen angriffen, w├Ąhrend der dritte als Fahrer fungierte, und somit die ganze Zeit ├╝ber in dem Fahrzeug blieb, wurde niemand verletzt und auch die Lohngelder bleiben in Sicherheit.[2]
Die Schuhfirma beauftragte nun die Detektei Pikerton mit den Nachforschungen betreffend des versuchten Raub├╝berfalls, und an Hand der Zeugenaussagen begab sich schlu├čendlich folgendes Bild f├╝r den Mann mit Flinte: ca. 40 Jahre alt, 5 Fu├č 8 Zoll gro├č, ca. 150 Pfund, schwarzes Haar, dunkler Teint und Schnurrbart.
Der Polizeichef Michael E. Steward meinte, dass es sich hierbei um das Werk einer "von au├čerhalb der Stadt gekommenen Russenbande" gehandelt habe.[3]

Bereits vier Monate sp├Ąter trug sich ein mit mehr Erfolg und t├Âdlichen Folgen gekennzeichnete Raub├╝berfall zu.
Am Donnerstag, dem 15. April 1920, trafen die Lohngelder der Firma Slater und Morrill Shoe Company mit dem Morgenzug am Bahnhof des kleinen St├Ądtchens South Braintree im US - Staat Massachusetts ein. Gegen 15 Uhr wurden die beiden Pakete mit Lohngeldern in H├Âhe von 15.776,59$ von zwei Angestellte der Firma, dem Zahlmeister Frederick A. Paramenter und dem W├Ąchter Alessandro Berardelli abgeholt, um in die Fabrik geschafft zu werden. Gew├Âhnlich wurden die beiden von 3 anderen M├Ąnnern begleitet, waren bewaffnet und legten den kurzen Weg in einem Auto zur├╝ck. Doch an diesem 15. April. 1920 waren Parmenter und Berardelli allein unterwegs, und wollten den Weg zur Fabrik unbewaffnet und zu Fu├č zur├╝cklegen. Doch auf der Stra├če wurden sie von mehreren T├Ąter ├╝berfallen. Berardelli war auf der Stelle tot, w├Ąhrend Parmenter noch 14 Stunden weiterlebte. W├Ąhrend des ├ťberfalls kam ein kleiner Wagen der Marke Buick mit mehreren Insassen vorbei, die T├Ąter warfen die Geldpakete in das Auto und sprangen selbst in den Wagen, der mit hoher Geschwindigkeit den Tatort verl├Ąsst.[4]

    Die beiden mutma├člichen Verbrecher
Da sich in der Region ├Ąhnliche Verbrechen in Zeit geh├Ąuft hatten, stand die Polizei unter Erfolgszwang und recherchierte zudem ziemlich ungenau. ├ťber ein typgleiches Auto kamen die Verfolgungsbeh├Ârden auf den Fischh├Ąndler Bartolomeo Vanzetti und Nicola Sacco, Arbeiter in einer Schuhfabrik.[5] Die beiden Italiener, die vor dem Ersten Weltkrieg in die USA emigriert waren, engagierten sich seit 1913 (Sacco) bzw. 1916 (Vanzetti) in der anarchistischen exilitalienischen Gewerkschaftsbewegung.[6] Zudem fanden die Polizisten, als sie Sacco und Vanzetti in einem alten Gebrauchtwagen verhafteten viele anarchistische Flugbl├Ątter und Streikparolen. Das gen├╝gte der Polizei.
Sacco hatte allerdings f├╝r den ├ťberfall, der sich an Heilig Abend zugetragen hatte, ein stichhaltiges Alibi.
Bartolomeo Vanzetti wurde au├čerdem noch vorgeworfen, in der N├Ąhe von Bridgewater mit drei Komplizen eine Bank mit 35.000$ ausgeraubt zu haben. Entgegen allen juristischen Gepflogenheiten wurde Vanzetti f├╝r den vermeintlichen Bank├╝berfall zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl ihm die Tat nicht nachgewiesen werden konnte.
Au├čerdem wurde der am 14. September beginnende Raubmordproze├č gegen Sacco und Vanzetti vorbereitet. So konnte man den Geschworenen zu Proze├čbeginn einen schon verurteilten Verbrecher vorstellen.

    Das Gerichtsverfahren
Der Proze├č fand zwischen dem 31.┬áMai und dem 14.┬áJuli 1921 in Dedham statt. Die Anklage gr├╝ndete sich im wesentlichen auf zwei Fakten: Sacco besa├č eine Pistole des Typs, wie er bei den Morden benutzt worden war, und die beiden Angeklagten wollten bei ihrer Festnahme in einer Autowerkstatt gerade ein Auto abholen, das im Zusammenhang mit den Verbrechen von South Braintree gesehen worden war. Viele sahen das als unzureichendes Beweismaterial an, dennoch spielten die beiden Indizien in dem Proze├č eine gro├če Rolle. Au├čerdem waren die Zeugenaussagen widerspr├╝chlich, und schlie├člich wurde Richter Webster Thayer und den Geschworenen Voreingenommenheit vorgeworfen.


Kreuzverh├Âr von Katzmann mit Sacco:
Katzmann: "Haben Sie Amerika im Ami 1917 den R├╝cken gekehrt?"
"Ich kann das nicht mit einem Wort beantworten!"
"Bitte beantworten Sie meine Frage, Mr. Sacco! - Haben Sie eine Woche, bevor die Einberufung zu den Truppen begann, im Ami 1917 also, unserem Land den R├╝cken gekehrt?"
Thayer: "Sie sagten doch gestern, dass Sie nur ein freies Land lieben k├Ânnten!"
"Ja!"
"Haben Sie dieses unser Land im Ami 1917 geliebt?"
"Ich sagte nicht ... Ich wollte nicht sagen ... Ich meine ... Ich meine nicht, dass ich dieses Land nicht geliebt habe:"
"Haben Sie dieses Land in jenem Monat des Jahres 1917 geliebt?"
" Mr. Katzmann, wenn Sie... Wenn Sie mir doch erlaubten... Ich k├Ânnte es Ihnen erkl├Ąren."
"Haben Sie denn meine Frage nicht verstanden?"
"Doch."
"Wollen Sie mir also gef├Ąlligst antworten?"
"Ich kann nicht mit einem Wort antworten."
"Sie k├Ânnen nicht sagen, ob sie die Vereinigten Staaten von Amerika eine Woche vor der Eintragung in die ersten Listen der einzuziehenden B├╝rger geliebt haben?"
"Ich kann es nicht mit einem Wort sagen, Mr. Katzmann."
"Habe Sie dieses Land in den letzten Maiwochen des Jahres 1917 geliebt?"
"Es f├Ąllt mir sehr schwer, Mr. Katzmann das mit einem Wort zu sagen."
"Aber zwei Worte stehen Ihnen doch zur Verf├╝gung. Mr. Sacco, das Wort ja und das Wort nein. Und welches w├Ąhlen Sie?"
"Ja!"
"Und um Ihre Liebe zu den Vereinigten Staaten zu beweisen, rannte Sie, als man Ihre Dienste ben├Âtigte, nach Mexiko davon?"

Am 36. Tag des Prozesses, dem 14. Juli, beginnen die Pl├Ądoyers. Am Nachmittag zogen sich dann die Geschworenen zur Beratung zur├╝ck.

    Das Urteil
Abends um 7. 30 Uhr wurden sich die Geschworenen einige: sie hielten die beiden Angeklagten f├╝r schuldig. Sacco rief aus: "Siamo innocenti! Sie t├Âten einen Unschuldigen! Sie t├Âten zwei unschuldige M├Ąnner!"
Der Richter verk├╝ndete - wie es in Massachusetts ├╝blich ist - eine Vertagung, ohne das Urteil ausgesprochen zu haben, um den Untersuchungsh├Ąftlingen die M├Âglichkeit zu geben, Berufung einzulegen. Die Vertagung erfolgte bis zum 1, November, also um dreieinhalb Monate.
Zu dieser Zeit existierten in den USA bereits eine Unmenge von Verteidigungs - Komitees, die sich alle die Verteidigung von Sacco und Vanzetti zur Aufgabe gemacht hatten.
Aber der Protest gegen die einseitige und durchaus politisch gef├Ąrbte F├╝hrung des Prozesses beschr├Ąnkte sich keineswegs auf die Vereinigten Staaten. So entstanden auch diverse Verteidigungs - Komitees in Europa; ├╝berall wurden Unterschriften gesammelt, die mit Petitionen f├╝r den Freispruch der beiden nach Boston gesandt wurden. M├Ąnner wir Bernhard Shaw, Thomas Mann, Albert Einstein, Mussolini, zuletzt sogar der Papst, setzten sich f├╝r die Verurteilten ein

    William G. Thompson - Der letzte Rettungsversuch
Der New Yorker Anwalt William G. Thompson, der bisher nur in zivilrechtlichen Prozessen t├Ątig war erkl├Ąrte: "Ich nehme mich dieses Falles als guter Amerikaner an, um zeri armen, ungerecht behandelten Ausl├Ąndern zu helfen. Ich kenne Richter Thayer ein Leben lang. Ich halte ihn f├╝r beschr├Ąnkt, dumm, voller Vorurteile, brutal, aufgeblasen und egoistisch. Er zittert vor den Roten, und er h├Ąlt neunzig Prozent aller Amerikaner f├╝r rot. Einen solchen Mann lehne ich als Richter unter allen Umst├Ąnden ab!". Thompson kannte die Angeklagten nicht pers├Ânlich, er stand ihnen politisch nicht nahe er war nur Rechtsfanatiker. Er k├Ąmpfte weniger f├╝r die Sache Sacco Vanzetti als f├╝r die Idee der Gerechtigkeit.
Der erste Appell der Verteidigung erfolgt direkt nach Verk├╝ndigung des Beschlusses der Geschworenen. Dieser Einspruch wird am 24. Dezember. 1921 - f├╝nf Monate nach Beendigung des eigentlichen Prozesses - von Richter Thayer zur├╝ckgewiesen. Als n├Ąchster Schritt wurde das Oberste Gericht von Massachusetts angerufen, das allerdings keinen Grund sah sich einzuschalten.
Es traten laufend neue Zeugen auf, einer behauptete er kenne einen Mann namens Pelser, der genauso auss├Ąhe wie Sacco, und der es auch gewesen sein k├Ânnte, ein anderer meinte er bes├Ą├če einen Revolver aus dem die Kugel gestammt haben k├Ânnte. [7]Schlu├čendlich meldete sich dann auch noch ein in bereits einer anderen Sache zum Tode verurteilter portugiesischer Berufsverbrecher, Celestino Medeiros, zu Worte, der den South Braintree - Mord eingestand, wurde dann aber von der Staatsanwaltschaft ├╝berredet, dieses Gest├Ąndnis zu widerrufen, was er auch tat, da man ihm in diesem Fall Milde versprochen hat. Doch die Milde wurde dann freilich nicht ausge├╝bt, alle drei mussten schlu├čendlich sterben. Er, Madeiros, f├╝r Verbrechen deren er schuldig war, der Fischh├Ąndler und der Schuhmacher f├╝r Verbrechen deren sie unschuldig waren...[8]
Inzwischen wurde auch l├Ąngst Gouverneur Fuller des Staates Massachusetts eingeschaltet. Dieser ernannte ein Komitee, das den Fall noch einmal examinieren und Bericht erstatten sollte. Das Komitee kommt schlie├člich auf den Schlu├č der Proze├č sei fair gef├╝hrt worden und das Urteil sei in Ordnung.[9]

Alles in allem zogen sich die Versuche, das Urteil anzufechten und ein neues zu erwirken, ├╝ber 6 Jahre lang. Mittlerweile waren seit dem Mord in South Braintreemehr als 7 Jahre vergangen, und die New York Times ver├Âffentlichte einen bald ber├╝hmt gewordenen Artikel von Louis Starkes in dem es hie├č: "Die Trag├Âdie des Sacco - und Vanzetti - Falles ist die Trag├Âdie dreier M├Ąnner - Richter Thayer, Gouverneur Fuller und Pr├Ąsident Lowell - und ihrer Unf├Ąhigkeit, ├╝ber dem ha├čerf├╝llten, unanst├Ąndigen Kampf zu stehen, der sieben Jahre lang um die K├Âpfe des Schuhmachers und Fischh├Ąndlers tobte."[10]

    Das Finale
Als die Geschworenen auf "schuldig" erkannten, gab es weltweit einen Aufschrei seitens der Sozialisten, Radikalen und vieler prominenter Intellektueller; sie waren der ├ťberzeugung, dass die beiden M├Ąnner nur deshalb verurteilt wurden, weil sie Immigranten und erkl├Ąrte Anarchisten waren.
Nachdem alle Versuche den Lauf der Dinge zu stoppen gescheitert sind und Richter Thayer das Datum der Hinrichtung bekannt geben sollte, ergriff Sacco noch einmal das Wort: "In der Geschichte habe ich niemals etwas gelesen, was sich an Grausamkeit vergleichen l├Ąsst mit diesem Gerichtshof. Nach sieben Jahren der Verfolgung halten sie uns noch immer f├╝r schuldig. Und all diese netten Leute die hier zusammengekommen sind, festigen in mir die ├ťberzeugung, dass es sich hier um ein Urteil zwischen zwei Klassen handelt - den Unterdr├╝ckten und den Reichen, und es wird immer zwischen diesen und jenen Zusammenst├Â├če geben. Sie verfolgen unserer Leute, sie tyrannisieren sie und sie t├Âten sie. Wir versuchen sie zu etwas Besserem zu erziehen..."

    Das Nachspiel
Nach der Hinrichtung Saccos und Vanzettis in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1927 kam es weltweit zu Massenprotesten, die in zahlreichen St├Ądten zu schweren Stra├čenschlachten eskalierten und mehrere Todesopfer forderten. Dabei erregten in Europa die Ausschreitungen in Genf ob ihrer symbolischen Aufladung die gr├Â├čte Aufmerksamkeit.[11] Die schwersten Zusammenst├Â├če ereigneten sich in Paris, forderten 400 Verwundete und f├╝hrten zu 200 Verhaftungen. Nachdem eine etwa 5000k├Âpfige Menge von der Pariser Polizei daran gehindert worden war, vor der amerikanischen Botschaft zu demonstrieren, gingen mehrere Gruppen auf dem Montmartre gegen Kaffeeh├Ąuser und das Theater "Moulin Rouge" vor, in dem etwa 500 Amerikaner eine Vorstellung besuchten. Etwa 100 Sch├╝sse fielen. Die Polizei ging wahllos auch gegen harmlose Spazierg├Ąnger und Passanten vor, mehrere Pressevertreter wurden trotz Vorzeigens ihrer Ausweise von den Einsatzkr├Ąften mi├čhandelt. Die Vorf├Ąlle f├╝hrten unter der gro├čen amerikanischen Gemeinde in Paris zu einer Panikstimmung, viele verlie├čen ├╝berst├╝rzt die franz├Âsische Hauptstadt.[12]
Die Welt├Âffentlichkeit konnte Sacco und Vanzetti nicht retten, aber die allgemeine Emp├Ârung ├╝ber diesen fall tr├Ągt doch noch Fr├╝chte. Gouverneur Fuller wurde nicht wieder gew├Ąhlt. Katzmann bekam kaum noch einen Proze├č in die H├Ąnde. Auch Richter Thayer wurde ein Opfer des Prozesses. Die Sieger des Prozesses wurden also ziemlich bald vergessen.[13]

Sacco und Vanzetti hingegen nicht. 50 Jahre sp├Ąter, am 19. Juli 1977, wurden Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti rehabilitiert. Der Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, erkl├Ąrte aufgrund einer Untersuchung, dass die beiden Opfer eines "Fehlurteils" geworden seien. Richter und Staatsanw├Ąlte waren, so die neue Untersuchung, "voreingenommen gegen Ausl├Ąnder und Dissidenten, im Proze├č herrschte eine Atmosph├Ąre politischer Hysterie". Der Staat Massachusetts erkl├Ąrte den 23. August 1977 zum "Sacco und Vanzetti" Gedenktag.[14]



Man muss alles tun, damit die tragische Geschichte von Sacco und Vanzetti im Gewissen der Menschheit lebendig bleibt. Sacco und Vanzetti erinnern uns an die Tatsache, dass selbst die perfektesten demokratischen Einrichtungen nicht besser sind als die Menschen, die sie als Instrumente benutzen.
W├Ąhrend des Prozesses gegen Sacco und Vanzetti war die Sehnsucht nach Gerechtigkeit noch gr├Â├čer als sie es heute ist - obgleich sie nicht gesiegt hat. Zu viele Schrecken haben seither das menschliche Gewissen getr├╝bt. Der Kampf um die W├╝rde der Menschen ist heute besonders dringlich. M├Âgen Sacco und Vanzetti als Symbole in allen jenen Menschen fortleben, die sich f├╝r eine h├Âherer Moral im ├Âffentlichen Leben einsetzen.
Albert Einstein
[1] Karl - Heinz R├Âder (Hrsg.): Das politische System der USA - Geschichte und Gegenwart. K├Âln 1987
[2] Curt Riess: Prozess - die unsere Welt bewegten. D├╝sseldorf 1992
[3] Roberta Strau├č Feuerlicht: Sacco und Vanzetti
[4] ebenda
[5] Augustin Souchy, Sacco und Vanzetti. Frankfurt 1977 (erstmals Berlin 1927)
[6] Paul Avrich, Sacco and Vanzetti. The anarchist background, Princeton 1991
[7] C. Riess: a. a. O.
[8] Howard Fast: Sacco und Vanzetti (The passion of Sacco and Vanzetti), Berlin 1955
[9] C. Riess: a. a. O.
[10] ebenda
[11] L├╝becker General - Anzeiger (LGA) vom 24.08.1927
[12] Schleswig - Holsteiner Volkszeitung (SHVZ) vom 08.08.1927
[13] C. Riess, a. a .O.
[14] Der Spiegel vom 25.07.1977

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