Traumnovelle

Die Traumnovelle

von Arthur Schnitzler



Arthur Schnitzler wurde am 15.05.1862 in Wien geboren. Schon als NeunjĂ€hriger versuchte er seine ersten Dramen zu schreiben, studierte aber dennoch nach dem Abitur Medizin. Nach der Assistenzarztzeit in der allgemeinen Poliklinik seines Vaters in Wien eröffnete er nach dessen Tod eine Privatpraxis. Aber schon als sehr junger Mediziner( mit 24 Jahren), schrieb er fĂŒr Zeitschriften. Zwei Jahre spĂ€ter folgte dann sein erstes BĂŒhnenmanuskript, 1893 die erste UrauffĂŒhrung und 1895 das erste Buch, das den Namen "Sterben" trĂ€gt und bei dem Verlag "Fischer" in Berlin erschienen ist.Daraufhin verfaßte Arthur Schnitzler elf weitere ErzĂ€hlungen, wobei die "Traumnovelle" als zehntes Werk im Jahre 1925 in mehreren Ausgaben in der "Dame", einer Berliner Zeitschrift, erschien.1926 wurde dann die "Traumnovelle" in Form eines Buches beim Fischer Verlag herausgebracht.Arthur Schnitzler gilt als kultivierter, sensibler Schilderer der genußfreudigen Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende.Er ist dem mĂ€nnlichen Besitzdenken verfallen. Dies erklĂ€rt, dass er sich in seinen Werken durchgĂ€ngig auf die Seite des Mannes stellt und sich mit seinen Figuren teilweise identifizieren kann.

Die individuelle Gestalt in all ihren Charaktereigenschaften bildet stets den Mittelpunkt seiner Werke.Die Traumnovelle gilt als ein außergewöhnliches Werk Schnitzlers, da sie als einzige nicht mit der persönlichen Katastrophe einer Gestalt, dem Ende einer menschlichen Beziehung oder mit Resignation endet.

Arthur Schnitzler starb am 21.10.1931 in Wien, welches er, abgesehen von Reisen nie verlassen hat.

Weitere Werke: Liebelei(1896), Leutnant Gustl(1900), Reigen(1903), FrÀulein Else(1924)









Folie:

Die Traumnovelle ist in 7 Kapitel unterteilt:

Exposition:
1. Die gegenseitige Entdeckung geheimer SehnsĂŒchte bei Mann und Frau: Der Abgrund der GefĂŒhle.



Verwicklungen
2. Der tote Hofrat, dessen Tochter Marianne und deren Verlobter
3. Das nÀchtliche Wien im Tauwetter, der pöbelnde Student, die Begegnung mit

Mizzi (Prostituierte)
4. Im Nachtcafe: der Pianist Nachtigall, die Versuchung, der KostĂŒmverleiher und seine liebestolle Tochter, die Fahrt zum Haus, die Geheimgesellschaft, die Warnung und die rĂ€tselhafte Rettung durch eine Unbekannte.
Krise
5. Albertines Traum
Nachforschungen
6. Suche nach Nachtigall,
- beim KostĂŒmverleiher,
- Suche nach dem Haus und die Warnung
- Besuch bei FrÀulein Marianne
- Besuch bei der abwesenden Mizzi
- im Nachtcafe: Nachricht vom Selbstmord der Baronin D.
- Suche im Hotel, im Krankenhaus und Begegnung in der Totenkammer



Lösung
7. Die Maske, die Beichte und die Erlösung






















Traumnovelle (1926)

Die Handlung spielt in Wien zu Beginn dieses Jahrhunderts, die Hauptpersonen sind Fridolin, 35, von Beruf Arzt, sowohl mit eigener Praxis als auch im Krankenhaus, und seine etwas jĂŒngere Frau Albertine, Hausfrau und Mutter. Sie haben eine kleine Tochter und fĂŒhren einen gut ausgestatteten Haushalt mit Haus - und KindermĂ€dchen.

1.
Eines Abends im spĂ€ten Winter unterhalten sich Fridolin und Albertine ĂŒber den am Vortag besuchten Maskenball ("Redoute"). Sie beginnen von jenen VerfĂŒhrungen zu erzĂ€hlen, die aus unerwarteten Zusammentreffen und unverblĂŒmten Blicken hervorgehen und die Bereitschaft wecken, die Grenzen des bĂŒrgerlichen Anstandes zu ĂŒberspringen, dann aber doch nur im Gedanken, im gegenseitigen Erkennen desselben Wollens stecken bleiben. Auch Albertine, zum Erstaunen ihres sich weitaus erfahrener glaubenden Mannes, weiß von einem solchen Augenblick zu berichten. Sie beschließen daraus in Zukunft kein Geheimnis mehr zu machen.
Da wird der Arzt in die Nacht hinaus zu einem Patienten gerufen, einem Hofrat, welcher wieder einen Herzanfall erlitten hat.
2.
Fridolin kommt zu spÀt, er trifft den Hofrat tot an, bewacht von seiner Tochter Marianne, welcher in der Pflege des kranken Mannes die schönsten Jahre ihres Frauseins verbraucht zu haben scheint, so sieht es aus Fridolins Perspektive aus.
Durch den Tod des Vaters nun innerlich befreit kommt es zu einem LiebesgestĂ€ndnis Mariannes, das den Arzt jedoch nicht ĂŒberrascht, dafĂŒr aber peinlich berĂŒhrt. Ihr Verlobter, ein UniversitĂ€tslehrer, kommt und auch andere Verwandte, Fridolin vollzieht die letzten Ă€rztlichen Verrichtungen an dem Verstorbenen und verlĂ€sst das Haus, welches er - wie er meint - jetzt nicht mehr zu betreten Anlass haben wird.

3.
Durch das Erlebnis nachdenklich gestimmt, auch wohl durch das einsetzende milde Tauwetter, lĂ€sst Fridolin sich nun durch das als gespenstisch empfundene nĂ€chtliche Wien treiben. Er sieht Obdachlose, wird von einem betrunkenen Verbindungsstudenten herausfordernd angerempelt, gerĂ€t in eine Bordellgasse, schließlich sogar in das Zimmer einer 17 - jĂ€hrigen Prostituierten ("Mizzi"), doch diese Begegnung nimmt nicht den zu erwartenden Verlauf, das GeschĂ€ft wird nicht vollzogen, er verspĂŒrt so etwas wie vĂ€terliche FĂŒrsorge und nimmt sich vor, dem MĂ€dchen bei nĂ€chster Gelegenheit etwas Gutes zu tun.

4.
Es treibt ihn in ein Cafe, wo er in dem Klavierspieler den verkrachten Medizinstudenten und ehemaligen Kommilitonen Nachtigall wiedererkennt, der sich als Pianist mit allen Arten von Gelegenheitsarbeiten durchschlĂ€gt. Unter anderem soll er noch heute Nacht in einem Hause außerhalb der Stadt Wien spielen, er macht Andeutungen, dass es sich hierbei um eine Art Maskenball unter Beteiligung unbekleideter Frauen handelt, er selbst muss mit verbundenen Augen spielen und um eingelassen zu werden bedarf es eines Erkennungswortes.
Fridolin ergreift das Verlangen an dieser Gesellschaft teilzunehmen, er lĂ€sst sich die Parole geben und besorgt sich noch schnell mitten in der Nacht eine Verkleidung (Mönchskutte mit Hut) bei einem Maskenverleiher, den er aus seiner Wohnung herauslĂ€utet und dessen Tochter sie mit zwei Herren beim heimlichen Stelldichein in der Kleiderkammer ĂŒberraschen.
Dann fÀhrt er mit einer Kutsche dem Pianisten hinterher. Es gelingt ihm, sich in das Haus bzw. in die Gesellschaft einzuschleichen und er erkennt, dass eine streng ritualisierte Orgie sich vorbereitet, wo MÀnner und Frauen durch Masken unerkannt erotische Spiele treiben. Fridolin wird von einer Unbekannten gewarnt, dass ihm Unheil drohe, wenn er nicht sofort gehe, aber er lÀsst sich nicht warnen.
Zwei Vermummte treten auf ihn zu und verlangen ein weiteres Passwort, das er natĂŒrlich nicht kennt. Plötzlich kehren sich alle MĂ€nner gegen ihn, man will ihm die Maske vom Gesicht reißen, er wehrt sich, da erscheint seine Warnerin und löst in dadurch aus, dass sie sich selbst "opfert". Was dies bedeutet, bleibt ein RĂ€tsel, Fridolin jedenfalls wird aus dem Haus gebracht, mit einer Kutsche ins freie Feld gefahren und dort ausgesetzt.

5.
Um vier Uhr morgens gelangt er zu Hause an und findet Albertine schlafend vor. Er weckt sie und reißt sie dadurch aus einem wirren Traum, den sie ihm auf sein DrĂ€ngen hin schildert: In verschwimmenden, sich ĂŒberlagernden Traumbildern erlebt Albertine mit, wie ihr Gatte gefangengehalten und von einer orientalischen FĂŒrstin zur Untreue aufgefordert wird. Er verweigert sich und wird dafĂŒr ausgepeitscht und zur Kreuzigung gefĂŒhrt. All dies beobachtet Albertine ohne Reue oder Schuld, wĂ€hrend sie selbst in den Armen eines namenlosen Traum - Mannes liegt.
Fridolin ist von dieser Traumschilderung sehr irritiert, ja gewillt, seine Frau dafĂŒr zu hassen: "Ein Schwert zwischen uns, dachte er wieder."

6.
Am Morgen geht Fridolin seinen GeschÀften nach (Patientenbesuche), in der freien Zeit aber sucht er zunÀchst nach Nachtigall und erfÀhrt in dessen Absteige, dass er von zwei unbekannten Herren abgeholt und auf den Bahnhof gebracht worden sei. Er habe sich in einem erregten Zustand befunden und es sei ihm nicht erlaubt worden, noch eine Nachricht zu hinterlassen.
Dann bringt er die Mönchskutte zum KostĂŒmverleih zurĂŒck und begreift, dass der KostĂŒmverleiher seine minderjĂ€hrige, wahrscheinlich nicht ganz zurechnungsfĂ€hige Tochter an Freier verschachert.
Anschließend muss Fridolin ins Krankenhaus und den plötzlich verreisten Chefarzt bei der Visite vertreten.
Daraufhin fÀhrt er mit einer Kutsche zu dem Haus, in welchem die nÀchtliche Gesellschaft stattgefunden hat, er findet es auch und erhÀlt von einem alten Diener wortlos ein Schreiben, in welchem er aufgefordert wird seine Nachforschungen aufzugeben.
Fridolin kehrt nach Hause zurĂŒck um seine Privatpraxis zu betreiben und Sprechstunde abzuhalten. Am Nachmittag setzt er seine Recherchen fort, mit dem klaren Hintergedanken, sich auch an Albertine zu rĂ€chen, denn ihm war zu Bewusstsein gekommen, "dass all diese Ordnung, als dies Gleichmaß, all diese Sicherheit seines Daseins nur Schein und LĂŒge zu bedeuten hatte."

So besucht er Marianne, die Tochter des gestern verstorbenen Hofrates, welche sein Kommen herbeigesehnt hat, aber Fridolin bringt es nicht weiter als zu einem unpersönlichen GesprĂ€ch, wĂ€hrend doch offensichtlich Marianne auf die Erwiderung ihrer Leidenschaft gehofft hatte. Er flĂŒchtet sich in leere Floskeln und lĂ€sst sie "wie versteinert" zurĂŒck.
Es ist jetzt halb acht und Fridolin spĂŒrt, wie ihm der feste Boden untern den FĂŒĂŸen verloren geht, "alles wurde unwirklich, sogar sein Heim, seine Frau, sein Kind, sein Beruf, ja, er selbst." In dieser Stimmung weitergetrieben erinnert er sich der "Mizzi" vom Vorabend, kauft rasch in einem laden "allerlei Eßbares" und sucht ihr Haus auf um dann aber zu erfahren, dass die Mizzi fĂŒr einige Wochen im Krankenhaus sei um sich auszukurieren.
Fridolin, das "allmĂ€hliche Versagen seiner Nerven" verspĂŒrend, will schon die Nachforschungen nach jener wunderbaren Frau, die sich fĂŒr ihn "geopfert" hat, aufschieben, da liest er in einem Cafe in der Zeitung von der Selbstvergiftung der ĂŒberaus schönen Baronin D. heute Morgen in ihrem Hotel. Er folgt nun dieser Spur, findet auch das Hotel, erĂ€hrt, dass sie ins Krankenhaus gebracht worden und dort gestorben sei und sucht nun - gegen Mitternacht - die Totenkammer des Pathologisch - anatomischen Institutes auf, wo der ihm gut bekannte Dr. Adler noch am Arbeiten ist. Dieser fĂŒhrt ihn zu den Leichentischen und tatsĂ€chlich ist da auch der Körper einer Frau. Doch da Fridolin nie ihr Gesicht gesehen hat, kann er sich auch nicht sicher sein, zumal der Körper dieser Frau nun im kalten Licht der elektrischen Lampe seine Schönheit verloren und schon Spuren von Alter aufweist. Fridolin erkennt, gleich, ob es diese Frau war oder nicht, dass seine Suche zu Ende ist: Ergebnislos, sinnlos.



7
Gegen vier Uhr wie in der Nacht zuvor kehrt er heim und findet seine Frau schlafend vor.

"Ein GefĂŒhl von ZĂ€rtlichkeit, ja von Geborgenheit, wie er es nicht erwartet, durchdrang sein Herz."
Da sieht er neben Albertines Kopf auf seinem Kopfkissen die Maske liegen, welche er vergessen hatte dem KostĂŒmverleiher zurĂŒckzugeben. Albertine hatte sie gefunden und dort hingelegt; Fridolin spĂŒrt, was sie dabei geahnt haben mag, und sinkt weinend neben dem Bette nieder.
Albertine erwacht, streicht ihm ĂŒber das Haar und die ganze Geschichte bricht aus ihm heraus. Nach stillem Zuhören und lĂ€ngerem Schweigen antwortet sie auf Fridolins bange Frage:

"Was sollen wir tun, Albertine?"
"Dem Schicksal dankbar sein, glaube ich, dass wir aus allen Abenteuern heil davon gekommen sind - aus den wirklichen und aus den getrÀumten."





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