Geschichtliche Entwicklung der Schrift; Platons Sc

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Geschichtliche Entwicklung von Schrift

Die Entwicklung zu einer Schriftkultur fand bereits vor der christlichen Zeitrechnung ihre Anf├Ąnge. Mehr als ein Zehntel der Sprachen, die jemals unter der Menschheit existierten, ist heute nicht mehr genau nachweisbar, da sie nie niedergeschrieben wurden. Bereits die ├ägypter verwandten eine Schrift. Sie bestand aus Bildern und diente zur "(...) Symbolisierung einer Rechenoperation oder in der Beobachtung physikalischer Objekte bzw. im Versuch, diese Ph├Ąnomene zu benennen." [1]. Um etwas als "Schrift" zu bezeichnen, muss erst ein "(...) genau kodiertes System visueller Zeichen (...)" [2] vorhanden sein. Es muss f├╝r den Leser erkennbar werden, was vom Verfasser gemeint war. Bei der Bildschrift kann von Standardisierung keine Rede sein, da der genaue Sinn nicht erkennbar wird. Man unterscheidet hierbei zwischen Piktogrammen und Ideogrammen. Piktographie war die Anfangsstufe aller Schriften. Ist zum Beispiel ein Baum abgebildet, so steht das Zeichen in der Piktographie f├╝r den Begriff Baum. Bei einem Ideogramm l├Ąsst sich der Sinn eines Zeichens nicht so leicht nachvollziehen. Die Abbildung eines Baums k├Ânnte hier zum Beispiel f├╝r den Begriff "Natur" stehen. Indem einzelne Zeichen f├╝r die Silbe eines Begriffs stehen, erweiterte sich die Bildschrift zur Silbenschrift. Um etwas eindeutig als Schrift zu definieren, muss vorausgesetzt werden, dass f├╝r einen Begriff nicht mehr die bildhafte Darstellung entscheidend ist, sondern dass der lautliche Klang eines Wortes festgehalten wird. Hierbei spricht man von einem Phonem, welches " (...) die kleinste bedeutungsunterscheidende lautliche Einheit einer Sprache (...)" [3] darstellt. (Beispiel im Englischen: pig und big). Dabei wird versucht, "(...) einzelne Silben oder Konsonantengruppen in Zeichen zu ├╝bertragen (...)"[4]. Erst der Einsatz von Buchstabenzeichen erm├Âglicht es, den Klang der Sprache genauestens wiederzugeben. Die sogenannte Buchstabenschrift setzt sich zusammen aus Zeichen f├╝r Vokale und Konsonanten. Ihre Gesamtheit bezeichnet man als Alphabet, benannt nach den ersten beiden Buchstaben des griechischen Alphabets, Alpha und Beta. Die Entwicklung des Alphabets hat eine lange Geschichte, die bereits bei den Ph├Âniziern 1800 vor Christus begann. Sie verwandten als erste eine Buchstabenschrift. Diese war die Grundlage f├╝r alle nachfolgenden
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semitischen Schriften, welche jedoch bis zur heutigen Zeit ohne Vokale auskommen (Beispiel im Hebr├Ąischen: Punkte oder Striche unter, ├╝ber oder neben einem Konsonanten ersetzen den Vokal). Erst den Griechen gelang es, "(...) Phoneme, Laute so zu sortieren, dass sie in einem Zeichensystem von zwanzig bis drei├čig Zeichen repr├Ąsentiert werden k├Ânnen und eindeutig lesbar werden, (...)" [5]. Zum ersten Mal gab es ein Alphabet, welches Konsonanten und Vokale beinhaltete. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und vorwiegend im 20. Jahrhundert entwickelten sich ganz neue Schriftarten heraus, wie die Kurzschrift (auch Stenographie genannt), mit deren Hilfe ein Text ebenso schnell mitgeschrieben werden kann, wie er gesprochen wird; die im Telegraphenverkehr verwendeten Morsezeichen; die ertastbare Blindenschrift oder auch die f├╝r die Musik gebrauchten Noten.
Jedoch, auch wenn wir uns bereits im 21. Jahrhundert befinden und uns eine Medienwelt ohne die Erfindung der Schrift kaum noch vorstellen k├Ânnen, gab es, noch vor unserer Zeitrechnung, als die Schrift gerade erst eingef├╝hrt wurde, Kritiker, die mit dem Ph├Ąnomen Schrift nicht im Einklang waren. Besonders Platon, einer der bedeutendsten griechischen Philosophen und ehemaliger Sch├╝ler von Sokrates, machte die Kritik an der Schrift in seinen Werken deutlich. Seine Werke sind dichterische Kunstwerke in Form von Dialogen. Insbesondere sein Werk "Phaidros" betont den "(...) Unterschied zwischen m├╝ndlicher und schriftlicher Informationserzeugung und ├ťberlieferung (...)" [6]. Platon lebte zu einer Zeit, in der Oralit├Ąt und Schrift nebeneinander existierten und noch keine Ausdrucksform ├╝ber die andere dominierte. Es ist anzumerken, dass m├╝ndliche Dichtungen zur damaligen Zeit die Funktion als "(...) zentraler kultureller 'Ged├Ąchtnisspeicher'" [7] einer Gesellschaft hatten. Der Dichter war im alleinigen Besitz allen Wissens und es lag an ihm, das Gelernte vorzutragen/ zu vermitteln. Dabei konnte er seine Vortragsweise beliebig seinem jeweiligen Zuh├Ârer anpassen.

Platons Schriftkritik

An dieser Stelle setzt Platon seine Kritik an. Sei ein Schriftst├╝ck erst einmal verfa├čt, so h├Ątte der Autor keine Kontrolle mehr dar├╝ber, wer es liest, so Platon in seinem Werk. Der geschriebene Text treibe sich "(...) ├╝berall herum, [...]bei denen, die ihn verstehen, wie bei


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denen, f├╝r die er nicht pa├čt (...)" [8]. Somit k├Ânne die Schrift, da sie unbeseelt und leblos ist, sich bei etwaiger Kritik nicht selbst verteidigen. Ihre einwandfreie Interpretation sei nur mit Hilfe des Verfassers der jeweiligen Schrift m├Âglich. Daher biete sich die freie Rede nach Platon zum Lehren viel eher an, da der Vortragende sich, wie bereits erw├Ąhnt, auf seinen Adressaten einstellen kann. Einen weiteren Kritikpunkt sieht Platon in der Tatsache, dass Schrift nicht den Wissensstand einer Person erweitere. Dies verdeutlicht Platon anhand der Geschichte des K├Ânigs Thamus zu Theut, in welcher der weise K├Ânig bemerkt, dass zum Erlangen einer wirklichen Einsicht eine spezielle Unterweisung, zum Beispiel in Form eines Vortrags eines Lehrenden an seinen Sch├╝ler, gegeben sein muss und dies bei der Schrift nicht der Fall sein kann, sie k├Ânne h├Âchstens, eine bereits erlangte Einsicht wieder zur Erinnerung bringen. Das durch eine Schrift zugelegte Wissen basiere nicht mehr auf den Erfahrungsschatz eines Menschen, sondern sei nur angelesen, vom jeweiligen Autor ├╝bernommen. Ebenso stellt Platon abwertend fest, dass Schrift nie mehr als ein "(...) Abbild (...)" [9] der beseelten Sprache sein k├Ânne. Unter der Seele der Sprache versteht Platon die Seele des Lernenden, welche erreicht und aus dem Zustand der Wissenslosigkeit aufgeweckt werden solle. Hierbei zieht Platon den Vergleich zur Malerei, ├╝ber welche er sich folgenderma├čen ├Ąu├čert: "Auch die Erzeugnisse der Malerei n├Ąmlich stehen da, als w├Ąren sie lebendig: fragst du sie aber etwas, so schweigen sie in aller Majest├Ąt. Und genauso ist es mit den geschriebenen Texten: Du k├Ânntest meinen, sie sprechen, als h├Ątten sie Verstand; fragst du aber nach etwas von dem, was sie sagen, weil du es verstehen willst, so erz├Ąhlt der Text immer nur ein und dasselbe." [10]. Zusammenfassend sei zu sagen, dass Platon als einzig richtigen Weg eine Erkenntnis zu erlangen, das Gespr├Ąch ansieht. Nur im Zwiegespr├Ąch, wie es in seinem Werk "Phaidros" stattfindet, k├Ânne es dem Sch├╝ler gelingen, zu anderen Ansichten als den bisherigen zu gelangen. Dabei sollte der Dialog zwischen Wissendem und Unwissendem ├Ąhnlich einem Frage - und Antwort - Spiel ablaufen, wobei der Lernende anhand von pointierten Fragestellungen das Wissen seines Lehrers in Frage stellt und nach


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ausgiebigem Untersuchen der jeweiligen Argumente zu einem eigenen Urteil kommt. Nur dabei sei es m├Âglich, " (...) den Dingen wirklich auf den Grund zu kommen." [11].

Widerlegung der Schriftkritik Platons
Aus der heutigen Sicht scheinen die Thesenpunkte Platons nur noch teilweise ├╝berzeugend.
So ist anzumerken, dass ein geschriebener Text keinesfalls unver├Ąnderbar ist. Ein Autor verfasst ein Buch, einen Artikel, ein Essay, jedoch bevor es ver├Âffentlicht wird, also bevor es zum Adressaten gelangt, muss es erst zur Rezension und wird von einem Lektor (welcher in gewissem Sinne auch ein "Leser" ist) durchgesehen und korrigiert. Erst wenn dies geschehen ist, darf das Textst├╝ck ver├Âffentlicht werden. Gelangt es dann an die ├ľffentlichkeit, so findet schon beim Kauf des Buches (oder auch nicht) eine gewisse Kritik statt. Der Konsument trifft eine Entscheidung dar├╝ber, was er f├╝r lesenswert empfindet und was nicht. Konstruktive Kritik findet in Institutionen wie einem Literaturmagazin, sei es in schriftlicher Form ("Die Literatur") oder in m├╝ndlicher Form ("Das literarische Quartett") statt. Zwar wird der Autor nicht an Ort und Stelle damit beginnen, Ver├Ąnderungen an seinem Werk vorzunehmen, zumal er sich ja in einer Gesellschaft der freien Meinungs├Ąu├čerung und Pressefreiheit befindet und es keine Pflicht zur Ver├Ąnderung besteht, jedoch nehmen viele Autoren die Kritiken zu ihren Texten ernst, streben Verbesserung an demselben St├╝ck an oder versuchen, die neuen Sichtweisen in dem folgenden Werk mit ein zubringen.
Weiterhin anzumerken sei hinsichtlich Platons Schriftkritik, dass sich ein Text dem jeweiligen Adressaten nicht anpassen k├Ânne. Ein Dichter, ein Romanautor, der Journalist und auch der Schulbuchverfasser unterscheiden, ob sich ihr St├╝ck an den allgemeinen Verbraucher, an den Wissenschaftler, das Schulkinder in der achten Klasse, an den Sportbegeisterten, den Politikinteressierten oder an die einfache Hausfrau wendet. Es soll auch schon mal vorkommen, das ein Autor, der bekannt daf├╝r ist, nur von einer kleinen Gesellschaftsgruppe gelesen zu werden, versucht, durch ├änderung im Schreibstil ein anderes gr├Â├čeres Publikum zu erreichen.

Der richtige Umgang mit Medien

Abschlie├čend sei zu sagen, dass Platons Kritik bis in die heutige Zeit hinein "einen Ausgangspunkt f├╝r das Verst├Ąndnis von aktueller Kritik an den Neuen Medien" [12]darstellt.
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Jeder Nutzer eines Mediums, sei es der Briefschreiber, der Zeitungsleser oder auch der Internetsurfer, ebenso wie Dichter, Schriftsteller, Journalisten oder Programmierer sollten sich immer wieder der Beziehung zwischen Sender und Empf├Ąnger bewu├čt werden. Der Mensch sollte lernen, wie mit den Medien kritisch umzugehen ist, Vor - und Nachteile abw├Ągend, um zu einer erfolgreichen Arbeit zu gelangen.


Literaturverzeichnis

Prim├Ąrliteratur:
    Platon: Phaidros. In: Von der Stimme zum Internet: Texte aus der Geschichte der Medienanalyse,hg. von Detlev Sch├Âttker, G├Âttingen:1999.

Sekund├Ąrliteratur:
    Barbara Jan├čen: Medienkritik bei Platon und Medienkritik heute, www.linse.uni - essen.de/esel/platon.htm 1995. Hebr├Ąisch f├╝r Deutschsprechende, Prolog Publishing House Ltd, Israel 1990. Kloock, Daniela: Medientheorien: eine Einf├╝hrung/ Daniela Kloock/ Angela Spahr. - 2., korr. und erw. Aufl., M├╝nchen 2000.

Nachschlagewerke:
    Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH: Universal Lexikon, G├╝tersloh/ M├╝nchen 2001. Longman Dictionary of Contemporary English: V├Âllige Neubearbeitung 1987, Lizenzsausgabe KG, Berlin und M├╝nchen 1987. Knaurs Jugendlexikon: Das farbige Nachschlagwerk, v├Âllig neu bearbeitete Auflage Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. M├╝nchen 1990.





INHALTSVERZEICHNIS


    Die Geschichte der Schrift Bildschrift (Piktogramm/ Ideogramm) Silbenschrift (Phonem) Buchstabenschrift⇒ Alphabet

    Platons Schriftkritik
2.1. Schrift ist unbeseelt und leblos
2.2. Schrift kann sich nicht verteidigen
2.3. Schrift erweitert nicht den Wissensstand
2.4. Schrift ist Abbild der beseelten Sprache
2.5. Dialog/ Gespr├Ąch als einzig richtigen Weg zur Einsicht

    Widerlegung der Schriftkritik Platons Geschriebener Text keinesfalls unver├Ąnderbar Schriftst├╝ck richtet sich doch nach Adressat

    Der richtige Umgang mit Medien














Universit├Ąt Karlsruhe (TH)
Fakult├Ąt f├╝r Geistes - und Sozialwissenschaften
Proseminar Medientheorie/ Mediengeschichte

Wintersemester 2000/ 2001

Prof. Dr. Bernd Thum/ Frank Degler M.A.






ORALITÄT UND LITERALITÄT

Schriftkritik von Platon








[1] Havelock: Schriftlichkeit - Das griechische Alphabet als kulturelle Revolution, Weinheim (1990); S.49. In: Kloock, Daniela: Medientheorien: eine Einf├╝hrung, M├╝nchen: Fink, 2000, S. 237.
[2] Kloock, Daniela: Medientheorien: eine Einf├╝hrung/ Daniela Kloock/ Angela Spahr. - 2., korrigierte und erw. Auflage. - M├╝nchen: Fink, 2000.
[3] Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH: Universal Lexikon, G├╝tersloh/ M├╝nchen 2001.
[4] Kloock/ Spahr.
[5] Kloock/ Spahr.
[6] Kloock/ Spahr.
[7] Kloock/ Spahr.
[8] Platon: Phaidros. In: Von der Stimme zum Internet: Texte aus der Geschichte der Medienanalyse, Detlev Sch├Âttker, G├Âttingen 1999, S.36.
[9] Platon: Phaidros. In: Von der Stimme zum Internet: Texte aus der Geschichte der Medienanalyse, Detlev Sch├Âttker, G├Âttingen 1999, S.36.
[10] Platon: Phaidros. In. Von der Stimme zum Internet: Texte aus der Geschichte der Medienanalyse, Detlev Sch├Âttker, G├Âttingen 1999, S.35.
[11] Kloock/ Spahr
[12] Barbara Jan├čen: Medienkritik bei Platon und Medienkritik heute, www.linse.uni - essen.de/esel/platon.htlm 1995.

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