Bertolt Brecht


INHALTSVERZEICHNIS


1. Biographie


1.1 Brechts Leben



Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin.
Brechts unsystematisches Studium der Naturwissenschaften, der Medizin und vor allem der Literatur wurde 1918 durch seinen Dienst als Sanit├Ątssoldat in einem Lazarett unterbrochen, eine Zeit, die ihn zum erbitterten Kriegsgegner machte. In diesem Jahr schrieb er sein erstes, anarchistisch - nihilistisches[1] und expressionistisches Drama "Baal", dem neben Theaterkritiken und Kurzgeschichten "Trommeln in der Nacht" folgten. "Baal" wurde 1922 an den M├╝nchner Kammerspielen - wo Brecht als Dramaturg wirkte - uraufgef├╝hrt und begr├╝ndete seinen Ruf als Dramatiker. 1924 - 26 war Brecht Dramaturg bei Max Reinhardt in Berlin und studierte gleichzeitig intensiv den Marxismus. 1927 wurde "Mann ist Mann" uraufgef├╝hrt und seine erste Gedichtsammlung "Hauspostille" herausgegeben. Ein Jahr sp├Ąter errang er mit der von Kurt Weill vertonten "Dreigroschenoper" einen Welterfolg. Mit den "Anmerkungen zu Mahagonny" formulierte Brecht 1928 erstmals seine Vorstellungen vom "epischen Theater", in dem den Zuschauern keine Illusionen geboten werden, sondern echte Konflikte, die sie aktiv mit durchdenken und entscheiden sollen. Weniger theoretisch als die sozialistischen Lehrst├╝cke, darunter "Der Jasager" und "Der Neinsager" (1930) und "Kleines Organon f├╝r das Theater" (1948), waren seine Dramen, die politische Verhaltensweisen behandelten wie "Die hl. Johanna der Schlachth├Âfe" (1929 - 31) und "Die Mutter" (1931 - 32).

1933 fl├╝chtete Brecht, inzwischen ├╝berzeugter Sozialist, mit seiner Frau Helene Weigel durch viele L├Ąnder, bis sie 1941 in die USA gelangten. Zwischenzeitlich (1935 - 39) war er in Moskau Mitherausgeber der Exil - Monatsschrift "Das Wort" und schrieb satirische Gedichte f├╝r den Deutschen Freiheitssender. Die Zeit der Emigration war Brechts fruchtbarste Schaffensperiode. So entstanden neben anderen Meisterdramen "Leben des Galilei" (1938), "Mutter Courage und ihre Kinder" (1939) und "Der kaukasische Kreidekreis" (1944/45). Au├čer Gedichten, die den marxistischen Dichter als politischen Moralisten erscheinen lassen, entstanden realistisch - aktuelle Dramen wie "Furcht und Elend des Dritten Reiches" (1934 - 38) und "Das Verh├Âr des Lukullus" (1939).

Nach dem Krieg ging Brecht, dem die Alliierten die Einreise in die Westzonen verweigerten, nach Ost - Berlin. Mit seiner Frau gr├╝ndete er 1949 das "Berliner Ensemble", das zur eigenst├Ąndigsten und wichtigsten Experimentierb├╝hne Europas heranwuchs.

Brechts vielseitige dramatische Dichtung, verbunden mit stetem Klassenkampf, hatte den Zwiespalt zwischen menschlicher Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, zwischen dem Gl├╝cksverlangen des einzelnen und der Notwendigkeit des Opfers an die Gemeinschaft zum st├Ąndig wiederkehrenden Thema. Seine teils realistischen, teils grotesken und satirischen Erz├Ąhlungen, Gedichte, Balladen und Moritaten machten ihn trotz seiner ├Ąu├čerlichen Bejahung der kommunistischen Weltanschauung zu einem der einflu├čreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Aber die Resignation in Brechts Werken aus der Zeit nach dem Bau der Berliner Mauer ist unverkennbar, ebenso wie die Hohlheit der satirischen Feierlichkeit der politischen Huldigungsgedichte.

Zu Brechts Werken geh├Âren u. a. Romane, H├Ârspiele, Dialoge, Pamphlete, Prosa und das Ballett "Die sieben Tods├╝nden (der Kleinb├╝rger)" (1933) mit Vorlagen aus der gesamten Weltliteratur. Posthum ver├Âffentlicht wurden seine Schriften ├╝ber Literatur, Kunst, Politik und Gesellschaft.

1.2 Brechts Formen des Theaters

Brecht ist Lyriker, Erz├Ąhler und vor allem Dramatiker. Er gilt als Sch├Âpfer einer neuen Form des Theaters, das "epische Theater". Seine Ansichten ├╝ber diese neue Form hat er in 15 Heften "Versuche" niedergelegt. 1957 wurden diese unter dem Titel "Schriften zum Theater" herausgegeben.
Beim epischen Theater werden die Szenen ohne dramatischen Aufbau nebeneinander gereiht. Mit dieser Form des Theaters versucht Bertolt Brecht durch die erz├Ąhlende Form, durch Provokationen, Ansagen und Spruchb├Ąnder den Zuschauer aus seiner passiven Haltung zu l├Âsen und ihn zu kritischer Stellungnahme zu bewegen. Es soll nicht Furcht oder Mitleid erzeugt, sondern lehrreich gezeigt werden, wie der Mensch sich verh├Ąlt oder verhalten soll. Zu diesem Zweck laufen Brechts St├╝cke nicht wie im Theater ├╝blich zu H├Âhepunkt, Katastrophe und L├Âsung zu, sondern werden immer wieder argumentierend durch Songs unterbrochen. Der Schauspieler muss aus dem Illusionsstil gel├Âst und der Zuschauer zum Nachdenken ├╝ber das Gezeigte angeregt werden. Der Schauspieler darf sich nicht vollends in seine Rolle vertiefen. Er ist nicht die Person, er spielt sie nur.
Brecht stellte seine Form des Theaters dem dramatischen Theater gegen├╝ber:[2]

Dramatische Form
Epische Form


handelnd,
erz├Ąhlend,
verwickelt den Zuschauer in die B├╝hnenaktion,
macht den Zuschauer zum Betrachter,
erm├Âglicht ihm Gef├╝hle,
erzwingt von ihm Entscheidungen,
Suggestion,
Argument,
der Zuschauer steht mittendrin,
der Zuschauer steht gegen├╝ber,
er erlebt,
er studiert,
Mensch als bekannt vorausgesetzt,
Mensch als Gegenstand der Untersuchung,
der unver├Ąnderliche Mensch,
der ver├Ąnderliche und ver├Ąndernde Mensch,
Spannung auf den Ausgang,
Spannung auf den Verlauf,
eine Szene f├╝r die andere,
jede Szene f├╝r sich,
des Denken bestimmt das sein,
das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken,
Gef├╝hl,
Ratio.


1.3 Seine wichtigsten Werke


1.3.1 B├╝hnenst├╝cke

    "Baal" (1918)
Verherrlichung der "Ichsucht" - Das St├╝ck sollte provozieren und verursachte einen Theaterskandal
    "Trommeln in der Nacht" (1919)
Heimkehrertrag├Âdie - Kriegsgewinner und Kriegsverlierer werden einander gegen├╝bergestellt
    "Im Dickicht der St├Ądte" (1923)
Der Kampf zweier M├Ąnner in der Riesenstadt Chicago 1912
    "Mann ist Mann" (1926) - Lustspiel
Die Verwandlung des Packer Galy Gay in den Milit├Ąrbaracken von Kilkoa im Jahre 1925
    "Die Dreigroschenoper" (1928) "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (1928/29)
Zynische Anklage gegen die ausschlie├člich auf Geld gegr├╝ndete Gesellschaft
    "Die heilige Johanna der Schlachth├Âfe" (1929/30)
Zum 500. Todestag der Johanna d’Arc als Modernisierung durch Umwandlung der heiligen Johanna in ein amerikanisches Heilsarmeem├Ądchen und Verlegung des Schauplatzes in das Milieu Chikagoer Schlachth├Âfe.
    "Die Gewehre der Frau Carrar" (1937)
Erz├Ąhlungen aus dem spanischen B├╝rgerkrieg
    "Das Leben des Galilei" (1938)
Schauspiel ├╝ber das Ringen Galileis um die Wahrheit
    "Mutter Courage und ihre Kinder" (1938/39)
Eine Chronik aus dem 30j├Ąhrigen Krieg ├╝ber die Sinnlosigkeit des Krieges.
    "Die Tage der Kommune" (1945)
Lehrst├╝ck ├╝ber den Pariser Aufstand 1871.

1.3.2 Erz├Ąhlende Dichtung

    "Der Dreigroschenroman" (1934)
Satirischer Roman zur Dreigroschenoper
    "Kalendergeschichten" (1949)
Gedichte und Balladen, die durch ihre Fabel belehren wollen
    "Geschichten vom Herrn Keuner" (1948)
Prosa ├╝ber Freundschaftsdienste, Verl├Ą├člichkeit, Konsequenz und Eigentumstrieb.
    "Die Gesch├Ąfte des Herrn Julius Caesar" (1949)
Unvollendeter zeitsatirischer Roman ├╝ber einen Schriftsteller der eine Biographie ├╝ber Caesar schreiben will.
    "Fl├╝chtlingsgespr├Ąche" (1961)

1.3.3 Lyrik

    "Hauspostille" (1927) "Lieder, Gedichte, Ch├Âre" (1939)
Politische Lieder auf Deutschland
    "Svendborger Gedichte" (1939) "Hundert Gedichte 1918 bis 1959" (1951)
Stellungnahme zur Hitler - Zeit
    "Die Erziehung der Hirse" (1952)

2. Ausgesuchte Literatur

2.1 "Baal"

Erstes St├╝ck von Bertolt Brecht, entstanden 1919 in Augsburg, erschienen 1920.
Urauff├╝hrung: 8. Dezember 1923 in Leipzig

2.1.1 Inhaltsangabe

Das St├╝ck beginnt im Speisezimmer des Gro├čkaufmanns Mech, der auf das dichterische Talent Baals aufmerksam geworden ist und ihn gro├č herausbringen w├╝rde wenn Baal m├Âchte. Baal zeigt sich jedoch ohne Interesse und wird hinausgeworfen. Sp├Ąter singt Baal mit seiner Geliebten Frau Emilie Mech, seinem Freund Johannes und dessen unschuldvolle Freundin Johanna in einer Branntweinschenke und macht sich unter dem Applaus der Fuhrleute ├╝ber seine Freunde und ihr Leben lustig. Sp├Ąter erwacht er mit Johanna in seiner Kammer und weist sich gleich wieder von sich, worauf sich das naive junge M├Ądchen in den Flu├č st├╝rzt. Mittags holt er sich zur Abwechslung zwei Schwestern und Abends fischt er sich, weil ihm fad ist, vor dem Haus das M├Ądchen Sophie. Er s├Ąuft mit Strolchen und entgeht nur knapp der Rache einiger Holzf├Ąller, die er um den Schnaps ihres gerade verungl├╝ckten Kollegen gebracht hatte. Von nun an zieht er mit einem Mann namens Ekart durchs Land, der sich ebenso wie Baal wild und auff├╝hrt und gro├če Reden schwingt. Sie schlagen sich durch Betrug durchs Land und geraten h├Ąufig in Streit wegen Sophie. Acht Jahre sp├Ąter sticht Baal seinen Freund Ekart in der Weinbranntschenke, in der sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, wegen der dortigen Kellnerin nieder und fl├╝chtet vor den Landj├Ągern in den Wald. In einer Bretterh├╝tte im Wald versteckt er sich und scheint dort zu verrecken. Holzf├Ąller finden ihn dort machen jedoch nicht den Versuch ihn zu retten. Sie versuchen sich nur vor dem Regen zu sch├╝tzen und als der Regen aufh├Ârt verlassen sie die H├╝tte und ├╝berlassen Baal seinem Schicksal.

2.1.2 Interpretation zu "Baal"

Baal ist als eine Art Gegenentwurf zu Hans Johsts St├╝ck "Der Einsame" zu sehen. "Der Einsame" ist eine expressionistische Deutung des Dichters Grabbe, die Brecht beeindruckt und seinen Widerspruch erweckt hatte. Zugleich aber stellt Baal eine Personifizierung der Blick - und Verhaltensweisen, die seine Lyrik damals kennzeichneten, dar. Er bediente sich dabei zwar einiger poetischer Mittel des Expressionismus, widersprach jedoch dessen Erl├Âsungsidee. Brecht soll zu dieser Zeit als Student seine Gedichte in Vorstadtgasth├Ąusern unter Fuhrleuten vorgetragen haben. Dieses Bild vermittelt am besten den Ton der in den 1927 ver├Âffentlichten "Hauspostillen angeschlagen wird. Diese Lyriksammlung enth├Ąlt Gedichte vor Baal und aus Baal bis hin zur Mahagonny - Oper. 1954 hat Brecht sein St├╝ck in anderer Hinsicht, n├Ąmlich historisch enger, erkl├Ąrt, und zwar damit, dass der Dichter Baal sich mit seiner Lebenskunst gegen die "Verwurstung" seiner Talente wehrt. Dieses Moment war sicher von Anfang an mitgesetzt - schon in der Art, wie der junge Brecht sich selbst auffa├čte und wie er sich mit den gro├čen "asozialen" Vorbildern VILLON, B├ťCHNER, RIMBAUD identifizierte.

2.2 "Mutter Courage und ihre Kinder"

Eine Chronik aus dem Drei├čigj├Ąhrigen Krieg, geschrieben 1939
Urauff├╝hrung: 19. April 1941 in Z├╝rich

2.2.1 Inhaltsangabe

Anna Fierling, auch Mutter Courage genannt, zieht mit ihrem Marktwagen, ihren beiden S├Âhnen, dem mutigen Eilif, dem ehrlichen, aber dummen Schweizerkas und ihrer stummen Tochter Kattrin durch die Lande.
In S├╝dschweden wird Eilif von einem Feldwebel f├╝r den Krieg geworben. Die sehr pessimistisch eingestellte Mutter Courage sagt dem Feldwebel den Tod voraus, aber auch, dass ihre eigenen Kinder den Tod finden werden. Zwei Jahre sp├Ąter sieht sie ihren Sohn Eilif als Held in Polen wieder. Seine Heldentat, er hat einem Bauern das Vieh gestohlen, quittiert sie mit einer Ohrfeige. Gemeinsam mit einem finnischen Regiment ger├Ąt Mutter Courage in Gefangenschaft der Katholiken. Als Schweizerkas die Regimentskasse in Sicherheit bringen will, wird er ertappt und vor dem Feldgericht verurteilt. Um ihn ausl├Âsen zu k├Ânnen, verpf├Ąndet Mutter Courage ihren Wagen, doch sie feilscht so lange, bis Schweizerkas erschossen wird. Als ihre Waren mutwillig zerst├Ârt werden, m├Âchte sie sich beim Rittmeister beschweren, doch sie besinnt sich, denn es ist ihrer Meinung nach besser, im Krieg Handel zu treiben, als Gerechtigkeit zu suchen. Ein protestantischer Feldprediger hilft ihr, sich dem katholischen Heer anzuschlie├čen. Aufgrund eines ├ťberfalls auf Kattrin, wechselt Mutter Courage die Front. Eilif wird zum Tode verurteilt weil er eine Bauersfrau umgebracht hat. Vier Jahre vergehen. Kattrin belauscht das Gespr├Ąch einiger kaiserlicher Soldaten, die die Stadt Halle st├╝rmen wollen und steigt auf das Dach des Hauses um die Bewohner zu warnen. Es gelingt ihr auch, doch sie wird von einem Soldaten erschossen. Mutter Courage zieht mit ihrem Wagen allein weiter. Sie hat alle drei Kinder verloren und nichts aus dem Krieg gelernt.

2.2.2 Interpretation zu "Mutter Courage und ihre Kinder"

Brecht hat mit wenigen Korrekturen, das Bild der Courage als einer "Hy├Ąne des Schlachtfelds" sch├Ąrfer herausgearbeitet. Dazu tr├Ągt vor allem der Schlu├čsatz der Mutter Courage bei: "Ich muss wieder in den Handel kommen"[3]. Sie hat nichts gelernt. Courage die in und mit dem Krieg Gesch├Ąfte macht, ist der Zusammen zwischen Krieg und Gesch├Ąft im Grunde nie aufgegangen. Auf den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Uneinsichtigkeit der Mutter Courage k├Ânnte der Wirkung des St├╝ckes schaden, hat Brecht geantwortet "es komme ihm nicht darauf an, die Figur am Ende sehend zu machen, sondern das Publikum solle sehend werden"[4]. Mutter Courages besondere F├Ąhigkeiten, ihr Behauptungswille und praktischer Sinn in heiklen Situationen sind zugleich ihre Verdammnis. Nach Brechts Aussagen sollte dadurch sichtbar gemacht werden, "dass hier ein entsetzlicher Widerspruch bestand, der einen Menschen vernichtete, ein Widerspruch, der gel├Âst werden konnte, aber nur von der Gesellschaft selbst"[5]. Mit der Tragik der Courage verweist Brecht auf die gesellschaftlichen Verh├Ąltnisse: Die Marketanderin verliert ihre Kinder durch den Krieg, den sie selbst f├Ârdert und den sie nicht abgeschafft haben will. Auch durch die anderen Hauptfiguren macht Brecht eine gesellschaftliche Problematik transparent. Alle drei Kinder gehen an ihren Tugenden zugrunde: Eilif an seinem Mut und seiner K├╝hnheit, Schweizerkas an seiner Ehrlichkeit und Kattrin an ihrer Kinderliebe und ihrem Mitleid. Der Krieg f├Ârdert ihre Tugend und f├╝hrt sie so in den Tod. In "Mutter Courage und ihre Kinder" und auch in dem im selben Jahr entstandenen "Leben des Galilei" verwendet Brecht weder ein didaktisches Verhaltensmodell, wie in seinen Lehrst├╝cken, noch ein dramatisch entwickeltes Gleichnis wie in seinen Parabelst├╝cken. Vielmehr versucht Brecht in seinen "realistischen" Dramen historisches Geschehen als gesellschaftlich bedingtes, von der Gesellschaft gemachtes und daher ver├Ąnderbares sichtbar gemacht.

2.3 "Im Dickicht der St├Ądte"

Der Kampf zweier M├Ąnner in der Riesenstadt Chicago, entstanden 1921 - 1924
Urauff├╝hrung der 1. Fassung: 9. Mai 1923
Die 2. Fassung erschien 1927.

2.3.1 Inhaltsangabe

Der malaiische Holzh├Ąndler Shlink verwickelt ohne ersichtlichen Grund, den in der Leihb├╝cherei angestellten George Garga in einen Streit. Durch die heftigen Auseinandersetzungen wird der Laden in dem Garga arbeitet demoliert und Garga wird entlassen. Garga nimmt den Kampf auf und vernichtet Shlinks Holzgesch├Ąft. Aber seinen Plan nach Tahiti zu gehen um frei zu sein, muss Garga aufgeben, da Shlink Gargas Familie in den Kampf miteinbezieht. Es gelingt Shlink, zusammen mit seinen Freunden aus der Unterwelt, Gargas Schwester Marie und dessen Freundin Jane zu Prostituierten zu machen. Als Garga Jane dennoch heiratet zeigt Shlink ihn als n├Ąchstes wegen Schiebung an. Garga muss ins Gef├Ąngnis und seine Familie bricht auseinander. Er r├Ącht sich mit einer Anzeige wegen Vergewaltigung seiner Schwester und inszeniert eine Lynchaktion gegen Shlink. Dann aber entflieht er gemeinsam mit ihm. Shlink ├╝bergibt Garga seinen wiederaufgebauten Holzhandel und gesteht ihm seine Liebe, doch Garga st├Â├čt ihn zur├╝ck. Shlink nimmt Gift und Garga brennt am Ende das Holzgesch├Ąft nieder und geht nach New York. "Allein sein ist eine gute Sache"[6]

2.3.2 Interpretation zu "Im Dickicht der St├Ądte"

Brecht war zu dieser Zeit, als er das St├╝ck schrieb, vor allem vom Boxsport, "als eine der gro├čen mythischen Vergn├╝gungen der Riesenst├Ądte von Jenseits des gro├čen Teiches", gefesselt. Es sollte in seinem St├╝ck ein "Kampf an sich", ein Kampf ohne andere Ursache als den Spa├č am Kampf ausgefochten werden. Bertolt Brecht schrieb folgendes ├╝ber sein St├╝ck "Im Dickicht der St├Ądte": "In meinem St├╝ck sollte die pure Lust am Kampf gesichtet werden. Schon beim Entwurf merkte ich, dass es eigent├╝mlich schwierig war, einen sinnvollen Kampf, d.h. nach meinen damaligen Ansichten, einen Kampf, der etwas bewies, herbeizuf├╝hren und aufrechtzuerhalten. Mehr und mehr wurde es ein St├╝ck ├╝ber die Schwierigkeit, einen solchen Kampf herbeizuf├╝hren. Die Hauptpersonen trafen diese und jene Ma├čnahmen, um zu Griff zu kommen. Sie w├Ąhlten die Familie des einen K├Ąmpfers zum Kampfplatz, seinen Arbeitsplatz usw. usw. Auch der Besitz des anderen K├Ąmpfers wurde "eingesetzt" (und damit bewegte ich mich, ohne es zu wissen sehr nahe an dem wirklichen Kampf, der vor sich ging und den ich nur idealisierte, am Klassenkampf). Am Ende entpuppte sich tats├Ąchlich der Kampf des K├Ąmpfern als pures Schattenboxen; sie konnten auch als Feinde nicht zusammenkommen. D├Ąmmerhaft zeichnet sich eine Erkenntnis ab: dass die Kampfeslust im Sp├Ątkapitalismus nur noch eine wilde Verzerrung am der Lust am Wettkampf ist. Die Dialektik des St├╝ckes ist rein idealistischer Art."[7]
Das gedanklich sehr schwer zug├Ąngliche St├╝ck sah Arnolt BRONNEN, damals ein enger Freund Brechts, als die "Stammesgeschichte der Familie Brecht" an.

2.4 "Die heilige Johanna der Schlachth├Âfe"

St├╝ck in elf Bildern entstanden 1929/30
Urauff├╝hrung: 30. April 1959 in Hamburg

2.4.1 Inhaltsangabe

Mauler, Chicagos Fleischk├Ânig, verkauft sein Gesch├Ąft an seinen Kompagnon, da seine New Yorker B├Ârsenfreunde ihm zu diesem Schritt geraten haben. Joch kn├╝pft er mit dem Verkauf die Bedingung, dass damit sein gr├Â├čter Konkurrent bankrott geht. Die "Schwarzen Strohh├╝te" der Heilsarmee unter dem Kommando von Leutnant Johanna Dark k├Ânnen das immer gr├Â├čer werdende Elend der Arbeitslosen nicht mehr mit Suppe, Musik und netten Worten aufhalten. Daher bittet Johanna Mauler um Hilfe f├╝r die Armen. Mauler m├Âchte Johanna beweisen dass die Arbeiter "schlecht" sind und daher ihre hoffnungslose Lage selbst verschulden. Doch Johanna erkennt auf Maulers Schlachthof auch den Grund f├╝r die sogenannte "Schlechtigkeit": die Armut. Sie zieht mit ihren "Schwarzen Strohh├╝ten" in die Viehb├Ârse um dort f├╝r Ordnung zu schaffen. Scheinbar gelingt ihr das, aber Mauler hat den Markt nur gerettet, weil ihm seine B├Ârsenfreunde wieder zum Fleischkauf geraten haben. Johanna, wegen ihrer erfolgreichen Vermittlungen ├╝berall bekannt und geliebt, begreift zu sp├Ąt, dass Maulers erneute Monopolstellung die Not sehr schnell wieder vergr├Â├čern wird. Nun bietet sie den Arbeitern ihre volle Unterst├╝tzung an. Doch als zum Generalstreik aufgerufen wird, verr├Ąt sie ihre Verb├╝ndeten, da sie falsche Informationen zugespielt bekommen hat. Der Streik wird niedergeschlagen und Mauler siegt. Unter der Last ihrer Schuld bricht Johanna zusammen. Um die Verbreitung ihrer Erfahrungen und Ansichten zu verhindern, beschlie├čen die Fleischh├Ąndler sie heilig zu sprechen als M├Ąrtyrerin der Mildt├Ątigkeit. Ihre Ausrufe gehen sogleich in einem Wirrwarr von Lobreden, Gesang und Musik unter.

2.4.2 Interpretation zu "Die heilige Johanna der Schlachth├Âfe"

Dieses erste der drei Johanna - St├╝cke Brechts zeigt den notwendigen Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr├╝ckung, aber noch deutlicher ist es eine umfassende Darstellung der Praxis des Klassenkampfes, weil die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, den Hintergrund dieses St├╝ckes abgeben. In diesem Politisch kompromi├člosen St├╝ck steht nicht die Religion und auch nicht die Existenz Gottes zur Diskussion, sonder das Verhalten des religi├Âsen Menschen. Es zeigt Brechts Konzeption vom Theater als Vermittler politischer Einsichten und als antreibende Kraft zur Ver├Ąnderung gesellschaftlicher Verh├Ąltnisse. "Die heilige Johanna der Schlachth├Âfe" hat das Ziel, "eine tiefgreifende und zum Handeln ausreichende Erkenntnis der gro├čen gesellschaftlichen Prozesse unserer Zeit zu vermitteln". Damit wollte Brecht den Zuschauer dazu bringen die neuen revolution├Ąren Erkenntnisse anzuwenden, jedoch nicht durch Identifikation mit dem St├╝ck. Der Zuschauer sollte die Erkenntnis aus der paradigmatischen (beispielgebenden) Handlung selbst herausfinden. Diese Absicht konnte Brecht jedoch nicht verwirklichen, da bereits 1931 kein Theater der Weimarer Republik bereit war, dieses an Z├╝ndstoff reiche St├╝ck, das Herbert Jhering noch Ende 1932 mutig als das bedeutsamste Drama des Jahrzehnts bezeichnete, aufzuf├╝hren.

3. Literaturverzeichnis


    Literatur des 20. Jahrhunderts Deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts Bertolt Brecht: "Fr├╝he St├╝cke", Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, M├╝nchen 1964 Bertolt Brecht: "Die drei Johanna - St├╝cke", Fischer B├╝cherei KG, Frankfurt am Main und Hamburg 1964 Bertolt Brecht: "Mutter Courage und ihre Kinder", Suhrkamp - Verlag, [1] Nihilismus (lat. Nihil, "nichts"): Richtung der russischen Revolutionsbewegung des 19. Jh., die alle bestehenden Werte und Einrichtungen verneinte und ihre Vernichtung als Voraussetzung f├╝r jeden neuen Aufbau verlangte (dem Anarchismus nachstehend)
    [2] ├ťbersicht aus Deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhundert
    [3] Berholt Brecht - "Mutter Courage und ihre Kinder", Suhrkamp - Verlag
    [4]Literatur des 20. Jahrhundert
    [5] "Mutter Courage in zweifacher Art dargestellt" (1952)
    [6] Bertolt Brecht: "Fr├╝he St├╝cke" - 1964, dtv - Verlag GmbH &Co. KG, M├╝nchen
    [7] Bertolt Brecht - "Bei Burchsicht meiner ersten St├╝cke": Suhrkamp - Verlag
    Berlin

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