Bertolt Brecht

*10.2.1898 in Augsburg, l4.8. 1956 in Ost-Berlin

1953 siegte Politik ├╝ber Kunst: Nach dem Volksaufstand am 17. Juni

ver├Âffentlichte die DDR-Presse von einem kritischen Brief Brechts an

Ulbricht lediglich die abschlie├čende "Ergebenheitsadresse", worauf in der

Bundesrepublik Deutschland zum Boykott des Dramatikers aufgerufen wurde.

Zwei Jahre sp├Ąter best├Ątigte das Internationale Theaterfestival in Paris den

k├╝nstlerischen Weltrang des (parteilosen) Kommunisten: Das Programm trug die

├ťberschrift "Hommage ├á Brecht" und w├╝rdigte somit ein Lebenswerk im Dienst

der Erneuerung des k├╝nstlerischen und damit auch gesellschaftlichen

Bewu├čtseins.

Der Sohn eines schlie├člich zum Direktor einer Papierfabrik aufgestiegenen

Kaufmanns studierte l9l7-l92l in M├╝nchen Medizin und Literatur, 1918

unterbrochen durch den Einsatz als Sanit├Ątshelfer; 1920/21 verfa├čte er

Theaterkritiken f├╝r die Augsburger Zeitung der USPD. Als erstes Drama kam

1922 in M├╝nchen das Heimkehrer-St├╝ck Trommeln in der Nacht zur Auff├╝hrung,

f├╝r das Brecht mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. 1923 folgten die

Urauff├╝hrungen von Im Dickicht der Staidre und dem expressionistischen

Erstlingswerk Baal.

1924 lie├č Brecht sich in Berlin nieder. Ausgehend von der Kritik am

bestehenden Theaterbetrieb und in engem Zusammenhang mit seiner als

Publizist entwickelten Gesellschaftskritik, erarbeitete er, zun├Ąchst

unsystematisch, Theorie und Praxis des (u. a. auch vom ostasiatischen

Theaterspiel beeinflu├čten) "epischen Thea-ters". Es zielt darauf ab, den

Zuschauer durch verfremdende Mittel ("V-Effekt", z. B. Heraustreten des

Schauspielers aus seiner Rolle, Songs, Texttafeln) in ein

kritisch-beobachtendes Verh├Ąltnis zum B├╝hnengeschehen zu versetzen ("Glotzt

nicht so romantisch!"). Die auf der B├╝hne vorgezeigten Verhaltensweisen

sollen als gesellschaftlich bedingt und daher ver├Ąnderbar erkannt werden.

Die intensive Besch├Ąftigung mit dem Marxismus (ab 1926) f├╝hrte ihn zur Form

des "Lehrst├╝cks" (bestimmt zur Auff├╝hrung in Betrieben und auf

Parteiversammlungen; mit dem zentralen Thema der Voraussetzungen eines

angemessenen (sozialistischen) kollektiven Handelns. Zu Brechts eigenem

"Kollektiv" geh├Ârten Elisabeth Hauptmann und der B├╝hnenbildner Caspar Neher.

Au├čerordentlichen Erfolg erlangte 1928 Die Dreigroschenoper (nach John Gays

"The Beggar's Opera", 1728) mit der Musik von Kurt Weill. Bei den

Lehrst├╝cken arbeitete Brecht mit dem Komponisten Hanns Eisler zusammen (Die

Ma├čnahme, 1930). 1932 inszenierte er seine Dramatisierung des Romans Die

Mutter von Maxim Gorki; die Titelrolle spielte Helene Weigel, die Brecht

1928 in zweiter Ehe geheiratet hatte. Ab 1930 erschienen in der Heftreihe

"Versuche" u. a. Anmerkungen zu eigenen St├╝cken und deren Auff├╝hrung. Neben

den B├╝hnenliedern entstanden eigenst├Ąndige Gedichte (Hauspostille, 1927)

sowie parabelhafte Erz├Ąhlungen (Geschichten vom Herrn Keuner, ab 1930).

1933 emigrierte Brecht mit seiner Familie ├╝ber Prag und die Schweiz nach

D├Ąnemark (Svendborg), 1940 nach Finnland, 1941 ├╝ber Moskau in die USA (Santa

Monica bei Hollywood). Vom Theater zun├Ąchst abgeschnitten, arbeitete er als

Romancier (Dreigroschenroman, 1934), Lyriker (Svendborger Gedichte, 1939),

Essayist (F├╝nf Schwierigkeiten heim Schreiben der Wahrheit, 1934) und

philosophisch-wissenschaftlicher Erz├Ąhler (Me-ti/Buch der Wendungen). 1936

geh├Ârte Brecht zu den Gr├╝ndungsherausgebern der in Moskau erscheinenden

Zeitschrift "Die Waage", in der 1937/38 die sog. "Expressionismusdebatte"

gef├╝hrt wurde. 1938-1945 entstanden die "klassischen" Dramen, von denen drei

w├Ąhrend des Krieges in Z├╝rich uraufgef├╝hrt wurden 1941 Mutter Courage und

ihre Kinder (Musik Paul Dessau), 1943 Der gute Mensch von Sezuan und Galileo

Galilei. In den Dialogen Der Messingkauf(1939/40, V 1963) kl├Ąrte Brecht

seine Konzeption des "epischen" bzw. "didaktischen Theaters".

1947 wurde Brecht vom antikommunistischen "Committee of Un-American

Activities" vernommen; kurz darauf verlie├č er die USA. ├ťber die Schweiz

(1948 in Chur Urauff├╝hrung der "Antigone"-Bearbeitung) und Prag kehrte er

nach Ost-Berlin zur├╝ck. 1949 gr├╝ndete er gemeinsam mit Helene Weigel das

"Berliner Ensemble", das 1954 das Theater am Schiffbauerdamm bezog. Im 1949

erschienen Kleinen Organon f├╝r das Theater entfaltete Brecht thesenartig die

Vielfalt der Aspekte eines Theaters, das zwischen Belehrung und Vergn├╝gen

vermittelt: "Wie die Umgestaltung der Natur, so ist die Umgestaltung der

Gesellschaft ein Befreiungsakt, und es sind die Freuden der Befreiung,

welche das Theater eines wissenschaftlichen Zeitalters vermitteln sollte."

Anl├Ą├člich seiner Inszenierung des St├╝cks "Katzgraben" von Erwin Strittmatter

entwickelte er 1953 in den Katzgraben-Nataten eine explizit sozialistische,

gegen "banale Durchidealisierung" gerichtete Dramaturgie. Brechts Arbeit

galt nun vor allem den Modellinszenierungen eigener und fremder St├╝cke ("Der

Hofmeister" von J. M. R. Lenz, "Der Biberpelz" und "Der rote Hahn" von

Hauptmann). Brechts Funktion als kulturpolitischer Repr├Ąsentant (Staatspreis

der DDR 1951) schlo├č Spannungen mit der politischen F├╝hrung nicht aus so

drohte dem Tr├Ąger des Internationalen Stalin-Friedenspreises 1954 im

folgenden Jahr das Verbot seiner als einseitig pazifistisch kritisierten

Kriegsfibel.

Vorbemerkung

Brechts St├╝ck "Leben des Galilei" geh├Ârt seit Jahren zu den Standardwerken

des Lekt├╝rekanos f├╝r den Deutschunterricht der gym-nasialen Oberstufe.

Der vorliegende Band enth├Ąlt Informationen Ober das Leben und Hinweise auf

die wichtigsten Werke Brechts. Weiter werden einige Grundz├╝ge der

Theatertheorie dargestellt, wie sie durch Lessings Konzept der

aristotelischen Dramatik ├╝berkommen und von Brecht auf dem deutschen Theater

vorgefunden wurden. Dagegen werden die Grundz├╝ge der Brechtschen Konzeption

des epischen Theaters gesetzt.

Die Informationen zum historischen Galilei sollen einen ersten Ein-druck

├╝ber die wissenschaftsgeschichtlichen Hintergr├╝nde und die

historisch-politischen Bedingungen der Lebenszeit Galileis vermit-teln.

Umfangreiche Dokumente zeigen, wie das St├╝ck umgearbeitet und der Charakter

Galileis dabei ver├Ąndert wurde.

Neben einer detaillierten Inhaltsangabe enth├Ąlt dieser Band Erl├Ąu-terungen

zum St├╝ck sowie eine kommentierte Auswahlbibliographie, die Hinweise zum

weiteren Studium des Autors bietet. Auf ei-ne Charakterisierung der

Hauptpersonen wurde verzichtet; statt-dessen findet der Leser ├äu├čerungen von

Brecht und Hinweise von Literaturwissenschaftlern, aus denen sich der

unterschiedlich an-gelegte Charakter Galileis erarbeiten l├Ąsst.

Brechts Leben und Werk

1. Herkunft und Jugend

Am 10. Februar 1898 wird Bertolt (eigentlich Bertold Eugen) Brecht In

Augsburg geboren. Sein Vater, der kaufm├Ąnnische Angestellte Bertold

Friedrich Brecht (1869-1939) und die Mutter Sofie, gebore-ne Brenzing

(1871-1920) geh├Âren zum angesehenen B├╝rgertum der Stadt. Nach dem Besuch der

Volksschule tritt Bertolt 1908 in die erste Klasse des Augsburger

K├Âniglichen Bayerischen Realgymnasiums ein; sein Freund Caspar Neher

(1897-1962), der sp├Ą-ter als B├╝hnenbildner ber├╝hmt wird, besucht die selbe

Schule.

Als Gymnasiast schreibt Brecht die ersten provozierenden Gedichte, in der

eine Opposition gegen die herrschende Moral seiner b├╝r-gerlichen Umgebung

deutlich wird. Es entsteht sein erstes Drama "Die Bibel". Bei Ausbruch des

Ersten Weltkrieges lassen sich Brecht und seine Freunde zuerst von der

allgemeinen nationalen Begeisterung anstecken; als die ersten Berichte von

den schreck-lichen Ereignissen an der Front eintreffen, distanziert sich

Brecht von jeder Kriegsbegeisterung.

├ťber seine Schulzeit schreibt er sp├Ąter an Herbert Ihering: "W├Ąhrend meines

9j├Ąhrigen Eingewecktseins in einem Augsburger Realgymnasiums gelang es mir

nicht, meine Lehrer wesentlich zu f├Âr-dern." (Sinn und Form 1958, H.1,

S.31).

Kurz vor Ostern 1917 legt Brecht das "Notabitur" ab und immatrikuliert sich

Ende des Jahres an der Ludwig-Maximilians-Universit├Ąt M├╝nchen. Jetzt reist

er zwischen M├╝nchen und Augsburg hin und her; gemeinsam mit Freunden werden

die Theaterereignisse in bei-den St├Ądten aufmerksam verfolgt Im

Sommersemester beginnt Brecht mit dem Medizinstudium, wird aber als

Sanit├Ątssoldat eingezogen und erlebt das Kriegsende in einem Augsburger

Lazarett. W├Ąhrend der revolution├Ąren Unruhen nach Aufl├Âsung des Kaiserreichs

engagieren sich Brecht und Neher im M├╝nchener Kulturle-ben. Brechts St├╝ck

"Baal" wird fertig. Im "Baal" deutet sich die Auseinandersetzung mit der

b├╝rgerlichen Moral erstmals an; der Held des St├╝cks bricht aus der

b├╝rgerlichen Gesellschaft aus und wird asozial. Er stirbt, weil er als

Individuum in einer asozialen Ge-sellschaft nicht leben kann. 1919 wird

Brechts erster Sohn Frank geboren; Mutter ist seine Ju-gendfreundin Paula

("Bie") Banholzer. Brecht sucht Kontakte mit Theatern und Verlegern und

verfa├čt Theaterkritiken f├╝r die USPD-Zeitung "Volkswille". Da er kaum noch

an Vorlesungen teilnimmt, wird er 1921 exmatrikuliert. Im No-vember f├Ąhrt er

nach Berlin und versucht auch dort, einen Theater-Vertrag zu bekommen; seine

finanzielle Lage ist hoffnungslos; Brecht wird wegen Unterern├Ąhrung in die

Charit├Ę eingeliefert. Der Verleger Kiepenheuer ver├Âffentlicht den Baal" in

einer Auflage von 800 Exemplaren. Endlich gelingt es Brecht an den M├╝nchner

Kammerspielen einen Vertrag als Dramaturg abzuschlie├čen. Es entsteht ein

zweites St├╝ck, "Trommeln in der Nacht", in dem sich Brecht mit dem

revolution├Ąren Kampf der Spartakisten be-sch├Ąftigt.

1920 ist die Mutter gestorben und zwei Jahre sp├Ąter heiratet Brecht die

S├Ąngerin Marianne Zoff. F├╝r das St├╝ck "Trommeln in der Nacht" wird ihm der

Kleist-Preis durch Herbert Ihering verliehen. Brecht lernt den damals schon

bekannten Schriftsteller Lion Feuchtwan-ger (1884-1954) kennen, mit dem er

sp├Ąter oft zusammenarbeitet. Feuchtwanger zeigt sich begeistert von dem

jungen Autor. Ange-regt durch Karl Valentin entstehen mehrere Einakter. In

M├╝nchen wird "Trommeln in der Nacht" uraufgef├╝hrt; dabei werden erstmals

Mittel der Verfremdung auf der B├╝hne eingesetzt; die Fabel des St├╝cks

widerspricht der Erwartung der Zuschauer. Statt revolutio-n├Ąres Engagement

zu beweisen, bleibt der Held, ein aus dem Krieg heimgekehrter Soldat, im

b├╝rgerlichen Millieu und schl├Ąft mit sei-ner "besch├Ądigten" Braut, w├Ąhrend

drau├čen um die politische Zu-kunft Deutschlands gek├Ąmpft wird. Die

Urauff├╝hrung von "Im Dickicht" (sp├Ąterer Titel "Im Dickicht der St├Ądte") am

M├╝nchener Residenztheater l├Âst Proteste aus; das St├╝ck wird vom Spielplan

abgesetzt. Schauplatz ist die amerikanische Stadt Chicago, die als Kulisse

f├╝r die Darstellung der Einsamkeit des Menschen in der Gro├čstadt dient. 1923

wird Hanne. Tochter Brechts und Marianne Zoffs geboren, die sich sp├Ąter

unter dem Namen Hanne Hiob einen Namen als Schauspielerin macht. 1924 wird

in M├╝nchen das "Le-ben Eduard des Zweiten von England" aufgef├╝hrt, das

Brecht ge-meinsam mit Lion Feuchtwanger ├╝bersetzt hat. Mit dieser

Mar-lowe-Bearbeitung sollte die erstarrte Shakespeare-Tradition auf

deutschen B├╝hnen gebrochen werden.

2. Berlin

1924 siedelt Brecht nach Berlin ├╝ber und arbeitet unter Max Reinhardt als

Dramaturg am Deutschen Theater. Er wohnt mit seiner sp├Ąteren zweiten Frau

Helene Weigel zusammen. Gemeinsam mit der Weigel, Caspar Neher und Elisabeth

Hauptmann arbeitet er an verschiedenen Berliner Theatern. 1926 wird Brechts

zweiter Sohn Stephan (Mutter: Helene Weigel) geboren. Ein Jahr sp├Ąter

erscheint die "Hauspostille", eine Sammlung von Gedichten aus den Jahren

1915-1926. In Berlin sind die Widerspr├╝che der b├╝rgerlich-kapitalistischen

Welt nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs besonders augenf├Ąllig. Brecht

und seine Mitarbeiter erkennen, dass mit den Mitteln des traditionellen

Theaters das moderne Publikum nicht mehr angesprochen werden kann.

Zeitweilig arbeitet Brecht an der revolution├Ąren Piscator-B├╝hne mit.

Nach ├Ąlteren Pl├Ąnen entsteht das St├╝ck "Mann ist Mann", in dem die Fabel um

den Packer Galy Gay erz├Ąhlt wird, der nicht nein sagen kann und deshalb in

einen brutalen, entindividualisierten Kolo-nialsoldaten "ummontiert" wird.

Brecht setzt neue Mittel auf der B├╝hne ein: die Zuschauer erhalten Einblick

in das Geschehen hinter den Kulissen; das St├╝ck enth├Ąlt Songs, die den Gang

der Handlung kommentierend unterbrechen. 1927 lernt Brecht den Komponisten

Kurt Weill (1900-1950> ken-nen; es entsteht das Songspiel "Mahagonny". Die

"Hauspostille", eine weitere Gedichtsammlung, erscheint und Brecht wird von

sei-ner ersten Frau, Marianne Zoff, geschieden. Die Freundesgruppe um Brecht

besch├Ąftigt sich in den sp├Ąten zwanziger Jahren mit politisch-├Âkonomischen

Problemen und studiert die Schriften von Karl Marx. Brecht wird besonders

durch sei-nen Freund, den marxistischen Kritiker Walter Beniamin

(1892-1940), beeinflu├čt, der ihn weiter mit dem Marxismus bekannt macht. In

Berlin besucht er die MASCH (marxistische Arbeiterschule) und entscheidet

sich am Ende der zwanziger Jahre f├╝r die revo-lution├Ąre Arbeiterklasse.

Brecht stellt seine Arbeit immer mehr in den Dienst der Arbeiterbewegung,

ohne selbst Mitglied der KPD zu werden. ├ťber seine politische

Bewu├čtseinsver├Ąnderung schreibt er sp├Ąter:

"Ich bin aufgewachsen als Sohn

Wohlhabender Leute. Meine Eltern haben mir

Einen Kragen umgebunden und mich erzogen

In den Gewohnheiten des Bedientwerdens

Und unterrichtet in der Kunst des Befehlens. Aber

Als Ich erwachsen war und um mich sah,

Gefielen mir die Leute meiner Klasse nicht,

Nicht das Befehlen und nicht das Bedientwerden.

Und ich verlie├č meine Klasse und gesellte mich

Zu den geringen Leuten." (GW9, S.721.)

Als Auftragsarbeit entsteht 1928 "Die Dreigroschenoper", in der das

Gaunermilieu als wahres Gesicht der kapitalistischen Gesellschaft entlarvt

wird. In Dialogen und den inzwischen weltbekann-ten Songs, die Kurt Weil

vertont hat, wird zugleich die gewohnte Form des Kunstgenusses parodiert.

Nach der Urauff├╝hrung wird Brecht international bekannt. Am 10. April

heiratet er Helene Weigel.

In Leipzig wird 1930 die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny"

aufgef├╝hrt; Brecht lernt die Komponisten Paul Dessau (geb. 1894) und Hanns

Eisler (1898-1962) kennen. Mit verschiedenen Freunden werden die Lehrst├╝cke

"Der Ozeanflug", "Die Ma├čnah-me", "Die Ausnahme und die Regel" und "Der

Jasager und Der Neinsager" erarbeitet. In den Lehrst├╝cken zeigt sich

endg├╝ltig die marxistisch-klassenk├Ąmpferische Position Brechts; sie dienen

der Kritik der eigenen b├╝rgerlichen Position und sind getragen von ei-nem

neuen Selbstverst├Ąndnis zu Fragen der Parteinahme f├╝r die kommunistische

Revolution, die Sowjetunion und die Kommunisti-sche Partei.

Die Tochter Maria Barbara wird geboren, Mutter ist Helene Weigel. Der

Verleger Kiepenheuer beginnt mit der Herausgabe einer Reihe unter dem Titel

"Versuche", in der in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden Brechts Werke ver├Âffentlicht

werden. Brechts ver├Ąnderte gesellschaftspolitische Haltung wird auch f├╝r

seine Theaterpraxis be-deutsam; in den Jahren zuvor hat sich f├╝r Brecht und

seine Freun-de herausgestellt, dass die traditionelle B├╝hne und das

klassische Theater nicht mehr in der Lage waren, die neuen

gesellschaftlichen Verh├Ąltnisse angemessen darzustellen. Mit der Erarbeitung

des "epischen Theaters" distanziert sich Brecht von der traditionellen

aristotelischen Dramatik, deren Hauptziel darin bestand, das Publi-kum durch

eine m├Âglichst perfekte Illusion zur Identifikation mit den dramatischen

Helden zu bewegen. Brechts neue Konzeption beabsichtigt im Gegenteil eine

Distanzierung der Zuschauer, die Theater als Appell an ihre Vernunft erleben

sollen, damit die darge-stellten Probleme immer wieder neu durchdacht und

alle Aussagen kritisch hinterfragt werden k├Ânnen. Zu den Fragen und

Problemen der dramatischen Mittel seiner neuen Theaterkonzeption

ver├Âffent-licht Brecht verschiedene theoretische Abhandlungen.

In Berlin wird die Verfilmung der "Dreigroschenoper" abgeschlos-sen.

Zwischen August 1931 und Februar 1932 produzieren Brecht, der

proletarisch-revolution├Ąre Schriftsteller Ernst Ottwalt und der Regisseur

Siatan Dudow den Film "Kuhle Wampe oder Wem ge-h├Ârt die Welt?"

Unter Mitarbeit von Slatan Dudow, Hanns Eisler und G├╝nther Weisenborn

(1902-1969) entsteht das St├╝ck "Die Mutter" nach Gorki, das die Entwicklung

einer Arbeiterfrau zur Revolution├Ąrin zeigt.

1929/30 schreibt Brecht "Die heilige Johanna der Schlachth├Âfe" das

Heilsarmee-M├Ądchen Johanna versucht vergeblich, das Proletariat mit

Bibelspr├╝chen zu bessern und seine Not mit Almosen zu lindern. Sie scheitert

bei ihrem Versuch, die Reichen durch vern├╝nf-tige Argumente zu ├Ąndern und

muss erkennen, dass sie nur das Spiel der Kapitalisten unterst├╝tzt hat. Das

St├╝ck verwendet mit parodi-stischer Absicht Elemente aus Schillers "Jungfrau

von Orleans". Im M├Ąrz 1932 wird der Film "Kuhle Wampe" von der Zensur

verbo-ten und erst nach einigen ├änderungen wieder freigegeben. Die K├Ąmpfe

zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten nehmen immer sch├Ąrfere Z├╝ge an.

In Brechts Wohnung besch├Ąftigt sich ein Freundeskreis, der der KPD

nahesteht, mit Fragen materialistischer Dialektik; es werden Texte von

Hegel, Marx und Lenin gelesen.

Die politischen Verh├Ąltnisse nach der Macht├╝bernahme durch die Nazis

zeichnen sich bereits ab; Brecht und viele seiner Freunde sind auf eine

Emigration aus Deutschland vorbereitet.

3. Flucht und Exil

Am 28. Februar l933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, emigrieren Brecht

und viele seiner Mitarbeiter aus Deutschland. ├ťber Prag, Wien, Z├╝rich und

Paris gelangt Brecht nach D├Ąnemark; dort kauft er auf der Insel F├╝nen ein

Haus und l├Ąsst sich mit seiner Fami-lie nieder.

Der "Dreigroschenroman" und das Lehrst├╝ck "Die Horatier und die Kuratier"

entstehen.

Brecht versucht im Exil, gemeinsam mit anderen Emigranten, seine

dramaturgische Arbeit fortzusetzen. 1935 reist er nach Moskau; kurze Zeit

sp├Ąter erkennen ihm die Nazis die deutsche Staatsb├╝rgerschaft ab.

In Paris nimmt er am Internationalen Schriftstellerkongre├č teil und warnt

die Welt vor dem Faschismus. Brecht und Eisler versuchen, Einflu├č auf die

Inszenierung der "Mutter" in New York zu gewin-nen, k├Ânnen sich aber nicht

durchsetzen, werden vor die T├╝r ge-setzt und m├╝ssen mit ansehen, wie die

Auff├╝hrung ein Reinfall wird.

Brecht arbeitet an verschiedenen Emigrantenzeitschriften. zeichnet gemeinsam

mit Lion Feuchtwanger und Willi Brendel als Heraus-geber der in Moskau

erscheinenden Zeitschrift Das Wort" und be-reist mehrere europ├Ąische St├Ądte.

Nach Ausbruch des Spanischen B├╝rgerkriegs entsteht das St├╝ck "Die Gewehre

der Frau Carrar", das im Oktober 1937 in Paris aufgef├╝hrt wird. Brecht

schildert den vergeblichen Versuch einer Mutter, sich und ihre Kinder aus

den B├╝rgerkriegsereignissen herauszuhalten und ihre Wandlung zur

Revolution├Ąrin.

Aus mehreren Einaktern wird "Furcht und Elend des Dritten Reichs"

zusammengestellt, das ebenfalls in Paris uraufgef├╝hrt werden kann.

In der Exilzeitschrift "Das Wort" kommt es zu einer Auseinandersetzung mit

dem marxistischen Theoretiker Georg Lukacs (1885-1971) ├╝ber Fragen des

Realismus.

Im Exil entstehen Brechts bedeutendste St├╝cke; bei allen Unterschieden von

Gestaltungsweise und Thematik ist ihnen gemeinsam, dass sie die

Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft analysieren und den

Zuschauer durch die parabelhafte Darstellung zu Kritik und Ver├Ąnderung

aufrufen. Das Parabelst├╝ck "Der gute Mensch von Sezuan" beschreibt die

Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Sezuan steht f├╝r alle Orte auf

der Erde, in de-nen Unterdr├╝ckung herrscht; die Doppelgestalt Shen Te - Shui

Ta verk├Ârpert sowohl die Deformation des Menschen im Kapitalismus als auch

die Sehnsucht nach einer humanen Welt. Die Frage, ob man nach humanen

Gesetzen in einer kapitalistischen Welt leben kann, wird negativ

beantwortet. Die G├Âtter sind den Konflikten ge-gen├╝ber ohnm├Ąchtig; sie

k├Ânnen die Widerspr├╝che nicht l├Âsen. Es bleibt die Einsicht beim Publikum,

dass eine andere Welt gebraucht wird, die frei von Widerspr├╝chen ist, frei

von den Widerspr├╝chen, die ein humanes Leben des "guten Menschen" nicht

zulassen. 1938 entstehen einige Novellen und theoretische Schriften unter

dem Titel "Der Messingkauf".

"Das Leben des Galilei" wird fertiggestellt. Mit diesem St├╝ck, das sp├Ąter

zweimal ├╝berarbeitet wird, stellt Brecht den Konflikt des Wissenschaftlers

dar, der ein neues Weltbild schafft, das Einflu├č auf die gesellschaftlichen

Verh├Ąltnisse seiner Zeit hat. Galilei ver-sagt aus Angst vor der Obrigkeit,

die ihn zwingt, seine Entdeckun-gen aus dem Bereich von Physik und

Astronomie f├╝r sich zu behal-ten. Damit wird die Frage nach dem Verh├Ąltnis

von wissenschaftli-chem Fortschritt und gesellschaftlicher Moral, also die

Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft, gestellt.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 bereitet Brecht sei-ne Emigration

in die USA vor; Zwischenstation ist die Insel Liding├ vor der schwedischen

Hauptstadt Stockholm. Im selben Jahr stirbt der Vater in Augsburg. Brecht

arbeitet an dem Roman "Die Gesch├Ąfte des Herrn Julius C├Ąsar" und schreibt

den H├Ârspieltext "Das Verh├Âr des Lukullus".

Ende 1939 wird auch "Mutter Courage und ihre Kinder" fertig; dieses St├╝ck

ist nach der "Dreigroschenoper" Brechts bekanntestes Werk; die Marketenderin

Courage verliert ihre Kinder, weil sie der Meinung ist, am Krieg Geld

verdienen und ihre Vorteile haben zu k├Ânnen, ohne ihm einen Tribut leisten

zu m├╝ssen. Der Krieg ist aber kein unabwendbares Schicksal, dem die

Menschheit hilflos ausgeliefert ist, sondern wird von Menschen gemacht, die

ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. Diese Warnung vor dem Krieg

sollte eigentlich vor Ausbruch des weltweiten Eroberungskrieges der Nazis

aufgef├╝hrt werden, wurde aber zu sp├Ąt fertig, um noch Wirkung haben zu

k├Ânnen. Als im April 1940 deutsche Trup-pen in D├Ąnemark und Norwegen

einmarschieren, verl├Ąsst Brecht Schweden und f├Ąhrt nach Helsinki. Hier

schlie├čt er die Arbeit am "Guten Menschen" ab und kann auch sein St├╝ck "Herr

Puntila und sein Knecht Matti" beenden. Der Grundbesitzer Puntila leidet

im-mer dann unter der Unbarmherzigkeit des Kapitalismus, wenn er betrunken

ist; im n├╝chternen Zustand ist er ein unerbittlicher Aus-beuter. Sein Knecht

Matti durchschaut ihn und zeigt das wahre Ge-sicht des Verh├Ąltnisses

zwischen Herr und Knecht: der Herr wird zum Knecht des Knechts. Schlie├člich

verl├Ąsst Matti seinen Herrn. Brecht arbeitet an den "Geschichten vom Herrn

Keuner" und be-ginnt mit der Niederschrift der "Fl├╝chtlingsgespr├Ąche".

Anfang 1941 entsteht unter Mitarbeit von Margarete Steffin "Der

unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui"; eine bittere Kom├Âdie, in der mit den

Mitteln der klassischen Trag├Âdie die faschistische Ter-rorherrschaft auf das

Chicagoer Gangstermilieu ├╝bertragen und so Ausma├č und Gr├Â├če der

faschistischen Verbrechen dargestellt wer-den.

Am 19. April 1941 wird in Z├╝rich "Mutter Courage und ihre Kinder"

uraufgef├╝hrt; Brecht ist unzufrieden mit dieser Inszenierung, weil er aus

den Theaterkritiken entnehmen kann, dass man seine Absicht mi├čverstanden und

aus dem Lehrst├╝ck eine Trag├Âdie gemacht hat. ├ťber Sibirien und Manila

gelangt Brecht auf der Flucht vor den nach Finnland vorr├╝ckenden Faschisten

nach Los Angeles. In San-ta Monica, einem Stadtteil von Hollywood, l├Ąsst sich

die Familie nie-der.

Durch den schnellen Vormarsch der Deutschen sind die M├Âglich-keit f├╝r eine

Theaterarbeit immer geringer geworden; Brecht kann kaum noch mit Tantiemen

f├╝r Auff├╝hrungen seiner St├╝cke rechnen und versucht deshalb, in der

Filmindustrie einen Job zu erhalten. Es bleibt bei den Versuchen, da Brecht

mit den Arbeitsverh├Ąltnissen in den USA nicht zurechtkommt.

In Santa Monica besteht eine deutsche Emigrantenkolonie, zu der auch Freunde

Brechts geh├Âren. Durch sporadische Filmauftr├Ąge und gro├čz├╝gige Unterst├╝tzung

von Freunden kann sich die Familie durchschlagen. Brechts Sohn Frank f├Ąllt

als deutscher Soldat in Ru├čland; sein Sohn Stefan wird amerikanischer

Staatsb├╝rger und bleibt sp├Ąter in den USA.

Die Teilnahme an Diskussionen eines Soziologenkreises um die Theoretiker Max

Horkheimer und Herbert Marcuse ("Frankfurter Schule") liefert Brecht

Materialien f├╝r den "Tui-Roman", einer Sati-re auf theoretisch-isolierten

Intellektualismus.

Gemeinsam mit Lion Feuchtwanger schreibt Brecht 1943 "Die Geschichte der

Simone Machard", die Geschichte des Kampfes eines Dienstm├Ądchens gegen

Kollaboration und Kapitulationsbereitschaft der besitzenden Klasse in

Frankreich w├Ąhrend der Nazi-herrschaft.

Im Februar 1943 wird wiederum in Z├╝rich "Der gute Mensch von Sezuan" und im

September "Leben des Galilei" aufgef├╝hrt.

Brecht hat Kontakte zum Emigrantenkreis um den Leiter des Malik-Verlages,

Wieland Herzfelde; er geh├Ârt zu den Mitbegr├╝ndern des

"Nationalkomitees Freies Deutschland". Der Versuch, alle deutschen

Hitlergegner im Exil zu einen, schl├Ągt fehl, weil die Gegens├Ątze zwischen

marxistischen und b├╝rgerlichen Intellektuellen nicht ├╝berbr├╝ckt werden

k├Ânnen.

1944 entsteht "Der kaukasische Kreidekreis", eine Parabel um den schlauen

Richter, der ein Kind nicht der leiblichen Mutter zuspricht, sondern einem

M├Ądchen, das sich seiner angenommen hat; die Parabel ist eingebettet in eine

Rahmenhandlung, in der kaukasische Kolchosbauern ├╝ber die richtige

Verteilung der G├╝ter unter die Menschen diskutieren, die bereit sind, am

Aufbau des Sozia-lismus mitzuarbeiten.

In "Schwejk im Zweiten Weltkrieg" versetzt Brecht 8. Haseks Romanhelden in

die Zeit der faschistischen Okkupation der Tschechoslowakei.

Anfang 1945 beginnt Brecht damit, das Kommunistische Manifest in Verse zu

├╝bertragen; es entsteht ein fragmentarisch gebliebenes "Lehrgedicht von der

Natur der Menschen". Mit dem englischen Schauspieler Charles Laughton

├╝bersetzt er den "Galilei" ins Englische und erarbeitet eine

Modellinszenierung. Die Figur des Galilei wird v├Âllig neu umgearbeitet.

1947 wird der "Galilei" mit Charles Laughten in der Hauptrolle in Beverly

Hills uraufgef├╝hrt.

Brecht bem├╝ht sich sofort nach Kriegsende um eine R├╝ckkehr nach Europa. Am

30. Oktober 1947 wird er vor dem "Komitee f├╝r antiamerikanische Umtriebe des

Kommunistenj├Ągers McCarthy ├╝ber seine Beziehung zur KPD verh├Ârt.

4. R├╝ckkehr nach Deutschland

Brecht fliegt am n├Ąchsten Tag nach Paris. Am 5. November trifft er in Z├╝rich

wieder mit Caspar Neher zusammen. In der Schweiz sucht er nach

Arbeitsm├Âglichkeiten; es gelingt, in Chur 1948 die von Neher und Brecht

bearbeitete und eingerichtete "Antigone" des So-phokles aufzuf├╝hren.

Brecht schreibt das "Kleine Organen f├╝r das Theater" und erlebt die

Urauff├╝hrung des "Puntila" am Z├╝richer Schauspielhaus. Ende des Jahres

verhandelt er in Salzburg ├╝ber eine Anstellung. Noch wei├č Brecht nicht, in

welchem Teil des besetzten Deutsch-lands er sich niederlassen soll; aus

Ostberlin erh├Ąlt er ein Angebot, dort seine Theater-Arbeit fortzusetzen;

eine Einreise in die amerikanische Besatzungszone wird nicht gestattet.

Brecht bem├╝ht sich um die ├Âsterreichische Staatsb├╝rgerschaft, die er und

seine Frau nach langem Warten 1950 auch erhalten. Schon Ende 1948 reist er

kurz nach Ost-Berlin, wedle Arbeit an der ,Mutter Courage" sofort begonnen

wird. In Z├╝rich sucht er gemeinsam mit Helene Weigel Mitarbeiter f├╝r ein

geplantes "Berliner En-semble". Im Sommer 1949 beginnt die Arbeit des

Berliner Ensem-bles, die von der Regierung der DDR gro├čz├╝gig unterst├╝tzt

wird. In Berlin endlich findet Brecht alle Voraussetzungen f├╝r eine

Theaterarbeit, die der praktischen Verwirklichung seiner im Exil

ausgear-beiteten Theorie vom epischen Theater dient. Brecht bearbeitet den

"Hofmeister" von Lenz und ver├Âffentlicht die "Kalenderge-schichten". Der

Verleger Peter Suhrkamp setzt die unterbrochene Reihe der "Versuche" mit

Heft 9 "Mutter Courage und ihre Kinder" fort.

Nach einer Probeauff├╝hrung der von Paul Dessau vertonten Oper "Das Verh├Âr

des Lukullus" wird von der SED heftige Kritik ge├╝bt; Brecht arbeitet die

Oper um, die nun den Titel "Die Verurteilung des Lukullus" tr├Ągt.

Im Oktober 1951 wird Brecht der Nationalpreis 1. Klasse der DDR verliehen.

Er bearbeitet Shakespeares "Coriolan" und Anna Seghers' "Der Proze├č der

Jeane d'Arc zu Ruoen 1431"

Im Mai 1953 wird Brecht zum Pr├Ąsidenten des PEN-Zentrums Ost und West

gew├Ąhlt. Im Sommer desselben Jahres entsteht "Turan-dot oder Der Kongre├č der

Wei├čw├Ąscher".

Neben der Arbeit mit dem Berliner Ensemble, die zu den gro├čartigsten

Theaterexperimenten der Welt geh├Ârt, und die zu verschiede-nen

Modellinszenierungen Brecht'scher St├╝cke f├╝hrt, reist Brecht auch ins

westliche Ausland. W├Ąhrend der Unruhen 1953 in der DDR ger├Ąt Brecht in einen

Konflikt zur Partei; er teilt in einem Tele-gramm aber seine Ergebenheit mit

und schlie├čt sich damit der offi-ziellen Interpretation der Ereignisse als

gezielter St├Âraktionen und Provokationen durch den Westen an.

Im Januar 1954 wird Brecht in den k├╝nstlerischen Beirat des Mini-steriums

f├╝r Kultur berufen. Das Berliner Ensemble zieht in ein ei-genes Haus um, das

Theater am Schiffbauerdamm; zur Er├Âffnung wird die von Brecht neubearbeitete

Moli├Ęre-Kom├Âdie "Don Juan" gespielt.

Brecht wird Vizepr├Ąsident der Deutschen Akademie der K├╝nste und erh├Ąlt in

Moskau im Mai 1955 den Stalin-Friedenspreis.

Kurz darauf beginnen die Arbeiten zum "Courage-Film" in den DEFA-Studios,

die jedoch bald wegen Meinungsverschiedenheiten zwischen Regisseur Staudte

und Brecht abgebrochen werden. Der Film wird erst f├╝nf Jahre sp├Ąter

fertiggestellt.

Es wird viel dar├╝ber gemutma├čt, welches Verh├Ąltnis Brecht in seinen letzten

Jahren zur politischen F├╝hrung der DDR hatte. Je nach Standpunkt der Autoren

wird einmal jede Differenz geleugnet (DDR-Interpretation) oder ein

Widerspruch zwischen Brecht und den f├╝h-renden SED-Politikern vermutet

(Westliche Interpretationen). M├Âg-lich w├Ąre, dass Brecht sich f├╝r Ost-Berlin

entschieden hat, weil er als Marxist am Aufbau einer sozialistischen

Gesellschaft mitarbei-ten wollte. Belege daf├╝r gibt es allerdings nicht.

Sp├Ąter hat er sich dann mehr oder minder zur DDR und ihrer politischen

F├╝hrung bekannt und verschiedentlich restaurative Tendenzen in der

Bundes-republik kritisiert. Sicher ist aber, dass Brecht in vielen Fragen

nicht mit der offiziellen Kulturpolitik der DDR ├╝bereinstimmte; inwieweit

ein Konflikt vorlag, kann freilich erst beantwortet werden, wenn das

umfangreiche Material aus dem Nachlass ausgewertet ist, das ~ erst zu einem

Teil ver├Âffentlicht wurde.

Brecht ist am 14 August 1956 achtundf├╝nfzigj├Ąhrig an einem Herzinfarkt

gestorben und wurde auf dem Dorotheenfriedhof in Berlin beigesetzt.

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