Gotthold Ephraim Lessing

GottholdEphraim Lessing



1729



Gotthold Ephraim Lessing wird am 22. Januar in Kamenz (Oberlausitz) geboren. Kamenz, eine arme 4000 - Seelen - Gemeinde, gehört zum oberlausitzischen SechsstĂ€dtebund und liegt auf der Strecke, die den Ostjuden auf dem Weg zur Leipziger Messe vorgeschrieben war. Der Vater, Johann Gottfried Lessing, ist von 1733 an Pastor Primarius in der Kamenzer Marienkirche und Vertreter der lutherischen Orthodoxie. Die Mutter, Justina Salome Feller, ist eine Pfarrerstochter aus Kamenz. Gotthold Ephraim kommt als drittes von zwölf Kindern zur Welt; fĂŒnf dieser Kinder sterben in frĂŒhem Alter.In diesem Jahr wird auch Moses Mendelssohn (in Dessau) geboren.

1741
Ein Jahr nach dem Regierungsantritt von Friedrich II. in Berlin erhĂ€lt Gotthold Ephraim Lessing nach dem Besuch der Lateinschule in Kamenz und herausragenden Leistungen beim Aufnahmeexamen ein Stipendium fĂŒr die FĂŒrstenschule St. Afra in Meißen. In dem "engen Bezirke einer klosterĂ€hnlichen Schule" (so Lessing selbst) herrscht strenge Internatsdisziplin. Hier soll begabten Landeskindern eine besonders qualifizierte Ausbildung zuteil werden. Schon als SchĂŒler versucht sich Lessing als Schriftsteller, verfaßt Lieder und lehrhafte Gedichte und entwirft das Lustspiel Der junge Gelehrte. Lessing kann die Schule ein Jahr frĂŒher als ĂŒblich verlassen. Er schreibt in lateinischer Sprache, hat Griechisch, HebrĂ€isch und Französisch gelernt und ist durch die spezielle Förderung seines Mathematiklehrers Klimm auch mit literarischen und philosophischen Gegenwartsströmungen bekannt geworden.

1746 - 48
Lessing studiert an der sĂ€chsischen LandesuniversitĂ€t in Leipzig, wo ihm als FĂŒrstenschĂŒler ein Stipendium bereitgestellt wird. ZunĂ€chst widmet er sich der Theologie, doch bald verlagert der jungen Student seinen Studienschwerpunkt auf die humanistischen FĂ€cher. Dann aber tritt das gesellige und literarische Leben in der pulsierenden Handelsstadt Leipzig mehr und mehr an die Stelle des akademischen Betriebs. Ein Ă€lterer "Vetter", der weitlĂ€ufig verwandte Christlob Mylius, öffnet dem jungen Studenten ZugĂ€nge zu dieser SphĂ€re. Mit Mylius und dem Kommilitonen Christian Felix Weiße verkehrt Lessing in der Schauspieltruppe der Caroline Neuber. Mylius ermöglicht ihm erste Veröffentlichungen von anakreontischen Gedichten und Epigrammen. Lessing gibt nun das Theologiestudium auf und wird vom besorgten Vater unter dem Vorwand, die Mutter sei todkrank, nach Hause beordert. Der heimkommandierte Student grenzt sich deutlich von seinem Vater ab und kehrt, als ein Gönner sich bereit erklĂ€rt hat, seine UniversitĂ€tsschulden zu ĂŒbernehmen, nach Leipzig zurĂŒck. Lessing schnuppert nun in andere FakultĂ€ten, vor allem in die medizinische, hinein. Doch sein Hauptengagement gilt wieder dem Theaterbetrieb und den eigenen literarischen Versuchen. Im Januar 1748 wird Der junge Gelehrte von der Neuberin mit großem Erfolg uraufgefĂŒhrt. Da Lessing wegen finanzieller BĂŒrgschaften fĂŒr Schauspieler erneut in BedrĂ€ngnis kommt, muss er Leipzig verlassen, um sich seinen GlĂ€ubigern zu entziehen. Den Weg nach Berlin unterbricht er krankheitsbedingt in Wittenberg. Dort studiert er fĂŒr einige Monate weiter Medizin. Im November 1748 kommt Lessing in Berlin an.

1749 - 51
In Berlin beginnt Lessings Existenz als "freier Schriftsteller". Über Christlob Mylius erhĂ€lt er Zugang zur "Berlinischen Privilegirten Zeitung" (die spĂ€tere "Vossische"). Die Residenzstadt Berlin bietet ihm mit ihrem expandierenden Zeitschriftenmarkt eine gewisse ökonomische Basis. Theaterarbeiten, umfassende gelehrt - antiquarische Studien, EtĂŒden in verschiedenen literarischen Kleinformen, vor allem aber journalistisch - rezensierende Artikel sind fĂŒr die ersten Berliner Jahre typisch und machen seinen Namen bekannt. 1749 schon entstehen Die Juden und Der Freigeist. Das zeitpolitische StĂŒck Samuel Henzi bleibt ein Dramenfragment im Alexandriner - Versmaß. Lessing kommt wĂ€hrend dieser Berliner Jahre in engen freundschaftlichen Kontakt zu Moses Mendelssohn, und er lernt den Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai kennen. Im Sommer 1755 beginnt die Freundschaft mit Ewald Christian von Kleist.

1752
In diesem Jahr schließt Lessing, nachdem ihn der in Berlin am Hof lebende Voltaire noch leicht abschĂ€tzig als "Kandidat der Medizin" tituliert hatte, sein Studium in Wittenberg ab. Er ĂŒbersetzt die Arbeit eines spanischen Arztes und wird nach einer öffentlichen Disputation zum Magister der freien KĂŒnste promoviert. Horazstudien, die Aufarbeitung theologischer Dispute der Reformationszeit, das Schreiben von Epigrammen prĂ€gen diese Zwischenperiode in Wittenberg.

1753
Lessing ist in Berlin so bekannt und so selbstbewußt, dass er, 24jĂ€hrig, eine sechsteilige Sammlung von Lessings Schriften herauszugeben beginnt: Gedichte, Briefe, literarische Ausgrabungs - und Rehabilitierungsversuche, Jugendlustspiele; spĂ€ter (1755) kommt abschließend Miß Sara Sampson, ein ganz neuartiges "bĂŒrgerliches Trauerspiel", hinzu. Aus dem armen, abgerissenen Pastorensohn ist in den wenigen Berliner Jahren der erste Kritiker Deutschlands geworden, aus dem kleinen Verseschmied ein junger Autor, der sich die deutsche Literatur neu zu definieren traut. Sein polemischer Stil ist gefĂŒrchtet, seine dramatischen Versuche eröffnen dem Theater Neuland und sprengen die Festlegungen Gottscheds.

1754
Lessing veröffentlicht neben journalistischen und theaterkritischen Arbeiten die polemische Schrift Vade mecum fĂŒr Herrn Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen; er greift darin Lange als einen damals durchaus bekannten Dichter, der die Protektion des preußischen Königs genießt, schonungslos an.

1755 - 57
Lessing zieht sich im FrĂŒhjahr 1755 fĂŒr einige Zeit nach Potsdam zurĂŒck und schreibt dort in wenigen Wochen Miß Sara Sampson. In Anwesenheit des Autors wird dieses "bĂŒrgerliche Trauerspiel" im Juli des Jahres in Frankfurt an der Oder uraufgefĂŒhrt. Im Oktober 1755 kehrt Lessing nach Leipzig zurĂŒck. FĂŒr das Jahr 1756 plant er zusammen mit dem jungen Kaufmannssohn Johann Gottfried Winkler eine große Bildungsreise. Im Mai 1756 bricht man ĂŒber Halberstadt, WolfenbĂŒttel (Besuch der Bibliothek) und Hamburg (Begegnung mit Klopstock) nach England auf. Doch im Herbst des Jahres findet die Reise ein abruptes Ende in Amsterdam, weil Winkler in den Krisenwochen zu Beginn des von Preußen begonnenen "SiebenjĂ€hrigen Krieges" nach Leipzig zurĂŒck will. Lessing beschĂ€ftigt sich mit dem Faust - Stoff und diskutiert in einem Briefwechsel mit den Berliner Freunden Mendelssohn und Nicolai das Wesen und die Wirkungen des Trauerspiels.

1758 - 60
Lessing ist wieder in Berlin. Seine Versuche, in der preußischen Residenz eine Anstellung zu finden, schlagen fehl. Die FĂŒrsprache der Freunde vermag nichts, da sich der preußische König selbst gegen Lessing stellt. In dieser Zeit vertieft sich die Freundschaft mit Ewald von Kleist, doch Lessing kann den Freund nicht davon abhalten, in den KĂ€mpfen des Krieges den Tod zu suchen: Major von Kleist wird in der Schlacht von Kunersdorf im August 1759 tödlich verwundet. Im FrĂŒhjahr 1759 hatte Lessing das einaktige Trauerspiel Philotas geschrieben und darin das Unmenschliche des Heroismus bloßgestellt. Abhandlungen zur Fabel, Studien zu Sophokles, vor allem aber die Briefe, die neueste Literatur betreffend erscheinen. Diese Literaturbriefe dienen insbesondere der Abgrenzung gegenĂŒber den poetischen Regelsystemen des Leipziger Literaturprofessors Gottsched.

1760 - 64
Am 7. November 1760 verlĂ€sst Lessing, ohne von seinen Freunden Abschied zu nehmen, Berlin und nimmt in Breslau die Stelle eines SekretĂ€rs bei dem preußischen General Tauentzien an. Er fĂŒhrt fĂŒr den Garnisonskommandanten den Briefwechsel mit dem Hof in Berlin. Lessing widmet sich intensiv dem GlĂŒcksspiel, studiert in den Breslauer Bibliotheken, besucht hin und wieder das Theater und verstummt ĂŒber Jahre hin als Schriftsteller. Er arbeitet literarisch am "Laokoon" - Thema und der Frage, wie tödlicher Schmerz in der bildenden Kunst (Marmor - Gruppe mit der Laokoon - Szene in Rom), im Epos (Vergils ErzĂ€hlung von Laokoon) und auf dem Theater darzustellen wĂ€re. Der SiebenjĂ€hrige Krieg selbst wird in der dramatischen Arbeit Minna von Barnhelm thematisiert.

1765 - 67
Lessing lebt wieder in Berlin. Zur Ostermesse 1766 erscheint der Laokoon. Die Zeitkomödie Minna von Barnhelm wird 1767 gedruckt.

1767 - 69
Lessing wird im November 1766 die Stelle eines Hausdramatikers am neu gegrĂŒndeten "Nationaltheater" in Hamburg angeboten. Er geht im FrĂŒhjahr 1767 als Dramaturg nach Hamburg, um das laufende Programm anzuregen und zu kritisieren. Seine Arbeit dokumentiert er publizistisch in der Hamburgischen Dramaturgie, deren Teile mehr und mehr ins GrundsĂ€tzliche zielen, weil die Hamburger Theaterpraxis enttĂ€uschend verlĂ€uft. Zusammen mit einem Freund grĂŒndet Lessing eine eigene Druckerei, doch dieser Versuch, ökonomisch erfolgreicher und selbstĂ€ndiger zu werden, scheitert aus finanziellen GrĂŒnden ebenfalls. Das ganze Hamburger Unternehmen hat ZĂŒge des Utopischen an sich. Die Briefe antiquarischen Inhalts und Wie die Alten den Tod gebildet erscheinen. Sie sind mit scharfer Polemik gegen den Hallensischen Professor Christian Adolf Klotz gerichtet, der mit seinen akademischen Verbindungen zu einem Rivalen fĂŒr den "MeinungsfĂŒhrer" Lessing zu werden drohte. In der kleinen Schrift Wie die Alten den Tod gebildet verlebendigt Lessing die antike Vorstellung vom Tod als Bruder des Schlafs und stellt sie gegen das Sensenmann - Bild der christlichen Tradition.

1770 - 81
Nach dem finanziellen Ruin in Hamburg nimmt Lessing die Stelle als Hofbibliothekar in der herzoglichen Bibliothek WolfenbĂŒttel an. Seine BĂŒcherleidenschaft, aber auch der Wunsch, seine finanzielle Situation zu konsolidieren und eventuell heiraten zu können, ĂŒberwinden seine Vorbehalte gegen eine Stelle im Hofdienst.

1771
Lessing verlobt sich mit der Hamburger Kaufmannswitwe Eva König. Seit Sommer 1770 stand er mit ihr im Briefwechsel; ihr Mann, der SeidenhÀndler Engelbert König, war 1769 auf einer GeschÀftsreise in Italien verstorben und hatte seine Frau und die vier Kinder dem Freund Lessing anvertraut. Lessing wird Mitglied einer Freimaurerloge in Hamburg; die Praxis der Freimaurer enttÀuscht und langweilt ihn allerdings.

1772
Im Winter 1771/72 entsteht das Trauerspiel Emilia Galotti, das zum Geburtstag der Herzogin am 13. MĂ€rz 1772 in Braunschweig uraufgefĂŒhrt wird. Lessing vermeidet das RĂŒhrselige seiner Miß Sara Sampson und weckt mit einem Drama voll rascher HandlungsablĂ€ufe und Ambivalenzen Nachdenklichkeit und offene Fragen beim Publikum.

1774 - 78
Lessing veröffentlicht verschiedene StĂŒcke der Fragmente eines Ungenannten, der nachgelassenen Schriften des Hamburger Professors Hermann Samuel Reimarus. Lessing hat das Manuskript der "Apologie oder Schutzschrift fĂŒr die vernĂŒnftigen Verehrer Gottes" von Elise Reimarus, der Tochter, erhalten. Er nutzt die Veröffentlichung und Kommentierung dieser Fragmente zur Inszenierung einer breitangelegten religionskritischen Debatte, die sich in mannigfachen Streitschriften wĂ€hrend der Jahre 1777 - 79 entfaltet. Lessing greift in seinen eigenen Abhandlungen (Über den Beweis des Geistes und der Kraft, Das Testament Johannis, Eine Duplik) exemplarische theologische Positionen an und deckt ihre Aporien auf. In den GegensĂ€tzen des Herausgebers widerspricht er 1777 auch dem Fragmenten - Verfasser H. S. Reimarus selbst, und durch die Art seines Widerspruchs ist die Basis fĂŒr die 1778 folgende Auseinandersetzung mit dem Hamburger Pastor Goeze gelegt.
Lessing durchbricht die WolfenbĂŒtteler Isolation durch hĂ€ufige Reisen (Hamburg, Berlin, Leipzig, Mannheim, Wien). 1775 muss er, eher unfreiwillig, den braunschweigischen Prinzen auf einer mehrmonatigen Italienreise begleiten.
Im Oktober 1776 kann Lessing endlich in der NĂ€he von Hamburg Eva König heiraten. Erst jetzt empfindet er seine finanzielle Situation als hinreichend gesichert. Lessing versucht mehrfach, WolfenbĂŒttel zu verlassen und wieder unabhĂ€ngig zu werden. Der Plan, die Leitung des Mannheimer Theaters zu ĂŒbernehmen, schlĂ€gt fehl.
Lessings Sohn Traugott wird Weihnachten 1777 geboren, stirbt aber schon einen Tag nach der Geburt. Am 10. Januar 1778 stirbt Lessings Frau an den Folgen dieser Geburt. In sarkastisch - bitteren und zugleich beherrschten Briefen unterrichtet Lessing die Freunde in Braunschweig von seinem UnglĂŒck: "Ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen" (31. Dezember 1777). Das Sterbezimmer seiner Frau wird Lessings Arbeitsplatz fĂŒr die Anti - Goeze - Schriften des Jahres 1778. Gegen den machthungrigen Geltungsanspruch der lutherischen Orthodoxie stellt er die brillante Polemik, die dem Konflikt Öffentlichkeit verschafft; gegen den dogmatischen Wahrheitsbegriff formuliert er ein geschichtlich offenes WahrheitsverstĂ€ndnis. Die "Suche" nach der Wahrheit ist das dem Menschen Zukommende, nicht die Behauptung eine unwidersprechlichen Wahrheit.Im August 1778 entzieht der Herzog seinem Hofrat Lessing in der Auseinandersetzung mit dem Hamburger Hauptpastor die Zensurfreiheit. Lessing sucht daraufhin seine "alte Kanzel", das Theater, wieder auf und arbeitet an seinem Nathan - Drama, das 1779 gedruckt vorliegt.
Im September 1778 erscheinen die "FreimĂ€urergesprĂ€che" Ernst und Falk. In philosophischen Dialogen lĂ€sst Lessing zwei Freimaurer nach sokratischem Muster ĂŒber das tiefere, verborgene Wesen der Freimaurerei spekulieren: es mĂŒsse darin liegen, alle sozialen, politischen, religiösen und nationalen Trennungen zu ĂŒberwinden und diese notwendige Utopie auch dann nicht aus dem Auge zu verlieren, wenn sie noch nicht realisierbar erscheine. Von einer solchen Utopie ist auch der Nathan durchdrungen, wenn in diesem StĂŒck Menschen, die durch Religion und Rasse getrennt zu sein scheinen, als Freunde und Verwandte zueinanderfinden. Doch kann in der RealitĂ€t gelingen, was das Theater im "happy end" hervorzaubert? Das Nathan - Drama selbst vergegenwĂ€rtigt die Kreuzzug - RealitĂ€t, zeigt verschiedene Spielarten des Judenhasses, weiß um die Mechanismen der Macht, die auch den "guten Sultan" bestimmen, und zeigt die Einsamkeit Nathans.

1780/81
1780 publiziert Lessing (anonym) seine Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts im Zusammenhang (Teilpublikation schon 1777). Er entwirft ein geschichtsphilosophisches Zukunfts - und Fortschrittsmodell, wiederum mit skeptischen Fragezeichen versehen.
Friedrich Heinrich Jacobi sucht Lessing im Sommer 1780 in WolfenbĂŒttel auf und legt ihm Goethes unveröffentlichtes Prometheus - Gedicht vor. SpĂ€ter wird Jacobi behaupten, Lessing habe sich dabei positiv zum Pantheismus und zur Philosophie Spinozas geĂ€ußert. Mit der "Spinozadebatte" eröffnet Jacobi einen Streit um Lessing, der nach dessen Tod beginnt und großes Aufsehen erregt. Lessing besucht 1780 noch einmal Hamburg und trifft Elise Reimarus. Die zunehmende Erblindung und die Einsamkeit in WolfenbĂŒttel machen ihm zu schaffen. Am 29. Januar erleidet er einen "Stickfluß". Am 5. Februar 1781 stirbt Lessing in Braunschweig. Der Braunschweiger Schutzjude und KunsthĂ€ndler Alexander Daveson, der durch Lessings Intervention aus dem herzoglichen GefĂ€ngnis freigekommen war, ist am Sterbeabend bei ihm und Amalie König, seine Stieftochter. Lessing stirbt kurz nach seinem 52. Geburtstag, seit Monaten erschöpft und am Ende völlig verarmt.

Gotthold Ephraim Lessing
Nathan der Weise
Dramatisches Gedicht in fĂŒnf AufzĂŒgen
Erste AuffĂŒhrung: 14. April 1783 in Berlin

P e r s o n e n : Sultan Saladin - Sittah, seine Schwester - Nathan, ein
reicher Jude - Recha, dessen angenommene Tochter - Daja, eine
Christin, Gesellschafterin der Recha - Ein junger Tempelherr - Ein
Derwisch - Der Patriarch von Jerusalem - Ein Klosterbruder u.a.
O r t und Z e i t : In Jerusalem, im Hause des Juden und an Saladins
Hof, spÀtes Mittelalter.

Recha ist im Hause des reichen und edlen Juden Nathan aufge -
wachsen. Sie ahnt nicht, dass sie nicht seine Tochter, sondern eine
Christin ist, die Nathan nach Verlust seiner sieben von den Christen
ermordeten Söhne an Kindesstatt einst angenommen hatte. Von einer
Reise zurĂŒckgekehrt, erfĂ€hrt Nathan, dass Recha bei einer Feuers -
brunst umgekommen wÀre, hÀtte sie nicht ein junger Tempelherr
(christlicher Kreuzfahrer - Ritter) gerettet. Nathan sucht die Bekannt -
schaft des Tempelherrn, um ihm seinen Dank auszusprechen. Doch
dieser weicht ihm aus, bis eine spÀtere persönliche Begegnung sie
einander nÀherbringt. Die aufkeimende Liebe des Tempelherrn zu
Recha findet zuletzt ihre Lösung und ErklÀrung in der Tatsache, dass
er ihr Bruder ist, den seltsame Schicksale nach Jerusalem ver -
schlagen hatten. Mit dieser Handlung verknĂŒpft ist eine zweite, die an
den Hof des freigiebigen Sultans Saladin und seiner klugen Schwester
Sittah fĂŒhrt. Saladin ist in Geldschwierigkeiten, sucht und findet
schließlich die Hilfe Nathans. Ausschlaggebend fĂŒr ihre Freundschaft
ist die von Nathan erzÀhlte Ringparabel. Vom Sultan befragt, welche
Religion denn die wahre sei - das Christentum, das Judentum oder der
Islam -, antwortet Nathan mit der Parabel von den drei Ringen, die
einander so sehr gleichen, dass sie in ihrem Wert nicht mehr zu unter -
scheiden sind. Keiner der drei Religionen ist der Vorzug zu geben. Vor
Gott sind sie alle gleich, und diejenige ist die beste, die am meisten mit
den anderen in vorurteilsloser freien Liebe wetteifert. Zum Schluß des

Werkes werden die Handlungen kunstvoll zusammen - gefĂŒhrt. Neben

der EnthĂŒllung der Geschwisterschaft Rechas mit dem Tempelherrn
stellt sich heraus, dass die beiden auch mit Sultan Saladin verwandt
sind. Wiewohl in drei Religionen aufgewachsen, gehören sie alle einer
Familie an.

Gotthold Ephraim Lessing ist der wichtigste Vertreter der AufklĂ€rungsliteratur im deutschsprachigen Bereich. Sein Einfluß ist so vorherrschend, seine Bedeutung schon unter den Zeitgenossen so unumstritten, dass man sich beinah genötigt sieht, die AufklĂ€rungsepoche, zumindest in ihrer zweiten Phase, in Deutschland prĂ€ziser und zutreffender als Lessingzeit zu bezeichnen. Denn dieser deutsche AufklĂ€rer paßt sich in keine Definition von "AufklĂ€rung" ein. Er ĂŒberschreitet in seiner literarischen Praxis, in seinen polemischen Schriften und in seiner Lust am Selbstdenken auch die Regelsystem aufklĂ€rerischer oder philosophisch - Ă€sthetischer Festlegungen.
Lessing ist der einzige Autor seiner Epoche, dessen Werke ihren festen Platz auf den BĂŒhnen der Gegenwart haben. Seine Minna von Barnhelm, ein "Lustspiel" ĂŒber den Krieg, hat die Komödientradition in Deutschland geprĂ€gt. Nach dem publikumswirksamen RĂŒhrstĂŒck Miß Sara Sampson hat Lessing mit der Emilia Galotti neue MaßstĂ€be fĂŒr das bĂŒrgerliche Trauerspiel gesetzt und sich selbst auf eine Weise korrigiert, dass sein Drama noch immer lebendig und rĂ€tselhaft wirkt. Mit Nathan der Weise hat er die engen Grenzen der dramatischen Gattungen ĂŒberschritten und ein Lebensthema, den Kampf gegen den Antisemitismus, weitergefĂŒhrt.

Lessing war in seiner Zeit der erste Autor, dem es ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum gelungen ist, als freier Schriftsteller zu leben. Erst die aus der geplanten FamiliengrĂŒndung sich ergebenden Konsequenzen haben ihn veranlasst, die Bibliothekarsstelle in einem höfischen Milieu anzunehmen.
Lessing hat die engen Festlegungen der Gottschedschen Poetik gesprengt. Er machte die antiken Autoren und Shakespeare zum Maßstab der eigenen literaturtheoretischen Überlegungen und entzog die deutsche Literatur damit dem vorherrschenden Einfluß des französischen Klassizismus. Lessing wandte sich gegen das Ideal eines stoischen Heroismus und setzte darauf, dass das Mitleid eine Kraft sei, die den Menschen verĂ€ndern und bewegen könne. Er zielte dabei nicht auf rĂŒhrselige Larmoyanz, sondern auf intelligentes, auch kopfschĂŒttelnd - staunendes Mitempfinden des Zuschauers. Er legte seinen Lesern und seinem Publikum keine Resultate, keine Antworten, keine fertigen Konzepte vor, sondern ihm ging es darum, Fragen anzuregen, eigenes Nachdenken zu fördern, WidersprĂŒchlichkeiten aufzudecken, Aporien zu benennen. Seine Dramen enden darum hĂ€ufig unbefriedigend, sie lassen Fragen offen und Probleme ungelöst. Sein Stil ist essayistisch und unsystematisch; SelbstwidersprĂŒche waren nichts, was er fĂŒrchtete.

Der Pastorensohn Lessing, der selbst in der Tradition des orthodox - protestantischen Antijudaismus aufgewachsen ist, entdeckte in der Diskriminierung der Juden das deutlichste Exempel fĂŒr die soziale Ausgrenzung von verachteten Minderheiten. Der Antisemitismus war fĂŒr ihn das typische, tiefverwurzelte und zu furchtbaren Konsequenzen fĂŒhrende Vorurteil der abendlĂ€ndischen Welt. Seine Studien der jĂŒdischen Literatur und Tradition und sein Umgang mit jĂŒdischen Freunden schufen die Voraussetzungen fĂŒr sein Jugenddrama Die Juden und fĂŒr sein letztes Drama, den Nathan.
Es gelang Lessing, in seiner WolfenbĂŒtteler Zeit eine theologische Debatte zu initiieren, die es in dieser Breite und Öffentlichkeit seit der Reformationszeit nicht gegeben hatte, und die bis heute nachwirkt. Er betonte auch hier wieder den Stellenwert des eigenen Urteils, des Selbstdenkens, des mutigen Ich - Sagens: "Ich bin Liebhaber der Theologie, und nicht Theolog. Ich habe auf kein gewisses System schwören mĂŒssen. Mich verbindet nichts, eine andre Sprache, als die meinige, zu reden" (Axiomata, gegen Goeze, im MĂ€rz 1778). Als ZwanzigjĂ€hriger hatte Lessing an seinen Vater, den Kamenzer Pfarrer, geschrieben und damit bekundet, dass er mit eigenen Augen sehen und urteilen wolle: "Die christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen Eltern auf Treue und Glaube annehmen soll" (30. Mai 1749). Und gleichzeitig hat dieser AufklĂ€rer gewußt, wie rĂ€tselhaft dies Wort "ich" ist und wie wenig man fĂŒr sich selbst einstehen kann: Emilia Galotti weiß, dass sie der Gewalt zwar trotzen könnte, aber sie erlebt sich selbst als verfĂŒhrbar und sieht deshalb nur noch den Freitod als Weg. Am Ende seines Lebens suchte Lessing selbst, wie so viele seiner Dramenfiguren (Tellheim, Appiani, der Derwisch und der Klosterbruder), einen Exilort, wo man die IdentitĂ€t wahren könnte: er bat in einem verzweifelten Brief Moses Mendelssohn, einem Juden aus Braunschweig, dem der Herzog ĂŒbel mitgespielt hatte, "den kĂŒrzesten und sichersten Weg nach dem europĂ€ischen Lande vor[zu]schlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt [...]; aber sobald er glĂŒcklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt" (19. Dezember 1780).
Dies alles macht Lessing zu einer Ausnahmeerscheinung und zugleich zu einem ReprÀsentanten seiner Zeit. Lessing "besetzt" die zeitlich zentrale Position in der deutschen AufklÀrungsepoche. Leibniz und Thomasius waren schon tot, ehe Lessing geboren wurde. Der Schulphilosoph Christian Wolff und der "Literaturpapst" Gottsched waren entschieden Àlter. Zwar trat Mitte der siebziger Jahre die Genie - Bewegung des "Sturm und Drang" auch öffentlich in Erscheinung und
erregte Aufsehen, doch war Lessing von 1755 (Miß Sara Sampson) bis 1779 (Nathan ) der bestimmende Kritiker und Autor. Als zweites wird Lessings Zentralstellung durch die Breite und Vielfalt seiner Arbeiten begrĂŒndet: Er ist als Lieder - und Odendichter, als Epigrammatiker und FabelerzĂ€hler hervorgetreten, er hat Lustspiele und Trauerspiele verfaßt, theatertheoretische Schriften, philosophische Dialoge im sokratischen Stil, antiquarische, Ă€sthetische, theologische Schriften und Polemiken veröffentlicht, Übersetzungen angefertigt, als Dramaturg, Journalist, Essayist, als Gelehrter und Theaterautor gearbeitet, kurz: er hat, abgesehen vom Roman, beinah alle Bereiche des Literarischen maßgebend mitgestaltet, ohne dabei ein Vielschreiber zu werden. Die Zeittafel zu Lessing weist Jahre des Schweigens, ja der bewußten Abwendung vom "Literaturbetrieb" aus: die Jahre in Breslau, wo der wenig Kriegsbegeisterte freiwillig am SiebenjĂ€hrigen Krieg teilnahm; die Jahre der Isolation in WolfenbĂŒttel; die Perioden der ErmĂŒdung vor seinem doch relativ frĂŒhen Tod. Trotzdem war er die dominante Figur fĂŒr die Literatur seiner Zeit.
Zwischen seinen literaturtheoretischen Postulaten und den eigenen "praktischen" AusfĂŒhrungen bestanden unverkennbare Spannungen, der Dramatiker Lessing störte sich nicht an Festlegungen des Dramentheoretikers Lessing. Seine Lust am Widerspruch ließ ihn zu einem gefĂŒrchteten Polemiker werden, der an scheinbar nebensĂ€chlichen Detailfragen Prinzipielles publikumswirksam zu diskutieren verstand. Sein VerstĂ€ndnis von Toleranz hatte nichts mit nettem Allesgelten - Lassen zu tun. Er konnte verletzend, ja, er wollte verletzend sein: "Was soll ich tun? Mich entschuldigen? Mit der albernen Miene eines unausgelernten Heuchlers um Vergebung bitten? Versprechen, dass ich ein andermal besser auf meiner Hut sein wolle? Kann ich das? Ich versprechen? Ja, ja; ich verspreche: mir es nie wieder auch nur vorzunehmen, bei gewissen Dingen kalt und gleichgĂŒltig zu bleiben" (Eine Duplik, Januar 1778). Lessings sprachlicher Habitus, der Gestus seiner Argumentation und seiner Rhetorik bleiben in den verschiedenen Gattungen unverwechselbar und sind noch im "Lessingisieren" seiner Dramenfiguren zu erkennen. Lessings "ReprĂ€sentativitĂ€t" hat auch damit zu tun, dass er als Autor und Journalist die neu gegebenen Möglichkeiten der Öffentlichkeit bewußt, intensiv und risikobereit genutzt hat. Lessing hat sich Resonanz zu schaffen vermocht. Das Aufregende und weiterhin Herausfordernde an diesem "reprĂ€sentativen" Autor Lessing ist nun aber, dass er in vielem gar nicht "typisch aufklĂ€rerisch" zu sein scheint, sondern dass er zum RĂ€tsel wird und sich einfachen Definitionen entzieht. Wenn "AufklĂ€rung" den Glauben an Fortschritt, Entwicklung, Verbesserung des Menschen und seiner Sozialformen mit einschließt, wie ist dann Lessings Verzweiflung in seinen spĂ€ten Briefen oder auch in der Tiefenstruktur seines Nathan zu verstehen? Wenn konstitutiv zur "AufklĂ€rung" das mĂŒndige Ich gehört, wie paßt dann eine Figur wie Lessings Emilia in die AufklĂ€rung? Und wie Lessing selbst, der eine Spielernatur war? Wenn in der Anschauung der AufklĂ€rung "Vernunft" das den Menschen bestimmende Organ ist oder zumindest sein sollte, warum entwertet dann der Polemiker Lessing diese "urteilende Vernunft", indem er die "Wahrheit", z.B. in Die Erziehung des Menschengeschlechts, geschichtlich aufs Spiel gestellt sieht und als offenen Prozeß begreift? Wenn "regelrechtes" Denken und Logik die aufklĂ€rerische Vernunft auszeichnen, warum scheut Lessing dann nicht den offensichtlichen Selbstwiderspruch, die sokratische Aporie, die vernunftĂŒberwĂ€ltigende Wucht der Emotion? Wenn "AufklĂ€rung" auch Hoffnung auf politischen Fortschritt meint, warum trĂ€umen dann dauernd die Figuren dieses AufklĂ€rers von Weltflucht und Exilorten, warum sehen sie Rettung nur abseits der "politischen SphĂ€re", und was bedeuten dann Lessings EnttĂ€uschungen ĂŒber die ›schlechte Wirklichkeit‹, erst die in Berlin und in Hamburg und schließlich die endgĂŒltige in WolfenbĂŒttel? Wie paßt es zum "AufklĂ€rer" Lessing, wenn er den Tod seines Sohnes so kommentiert, dass sein eigener LebensĂŒberdruß und Weltekel spĂŒrbar wird: "War es nicht Verstand, dass man ihn mit eisern Zangen auf die Welt ziehen musste? dass er so bald Unrat merkte? - War es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? - Freilich zerrt mir der kleine Ruschelkopf auch die Mutter mit fort!" (Brief an Eschenburg vom 31. Dezember 1777)? Gerade indem der AufklĂ€rer Lessing Fragen weckt und zum dunklen RĂ€tsel wird, bleibt er lebendig. Lessing ist beides: der ReprĂ€sentant der AufklĂ€rungszeit in Deutschland und eine Existenz auf des Messers Schneide. "Niemands Herr noch Knecht!" war sein Lebens - und Arbeitsmotto, und dies gilt auch fĂŒr seine Rezeptionsgeschichte bis heute: Die Lessing - LektĂŒre öffnet das Feld fĂŒr eigene Gedanken des Lesers, und der Autor Lessing lĂ€sst sich nicht einfangen und festlegen.


"Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen", schrieb Lessing am 6. September 1778 an Elise Reimarus in Hamburg. Vorausgegangen war der Streit um die christentumskritischen

Fragmente eines Ungenannten, also um die Schriften des Hamburger Orientalisten Hermann Samuel Reimarus, die Lessing als FundstĂŒcke aus der WolfenbĂŒtteler Bibliothek bezeichnet und herausgegeben hatte. Aus dem Streit um die Fragmente war die scharfe Kontroverse zwischen Lessing und dem protestantisch - orthodoxen Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze hervorgegangen. Lessing hatte als Hofbibliothekar des Braunschweiger Herzogs in dieser Sache Schreibverbot erhalten. Nun verlagerte er die Auseinandersetzung auf die BĂŒhne, ohne allerdings zu wissen, wo das StĂŒck Nathan der Weise denn aufgefĂŒhrt werden könnte. Lessing nannte sein StĂŒck ein "dramatisches Gedicht" und entzog sich damit den fĂŒr das Lustspiel und fĂŒr die Tragödie geltenden Festsetzungen. Auch sein letztes Drama ist ein Vorstoß in Neuland, sowohl in formaler wie in inhaltlicher Hinsicht. Die Verwendung des Blankverses machte den fĂŒnfhebigen jambischen Vers ohne Reimbindung zum gebrĂ€uchlichsten des klassischen deutschen Dramas. Das Nathan - Drama spielt an einem Tag des Jahres 1192, also wĂ€hrend der KreuzzĂŒge. Die Überlegenheit des aus Kurdistan stammenden Sultans Saladin hat die christlichen Kreuzfahrer in die Defensive gebracht, Jerusalem wurde von den Muslimen zurĂŒckerobert, und es ist ein Waffenstillstand geschlossen worden. Das

Drama beginnt damit, dass der Jerusalemer Jude Nathan von einer weiten GeschĂ€ftsreise nach Osten, die ihn auch nach Babylon gefĂŒhrt hat, zurĂŒckkehrt. "Babylon", die Ortsangabe im fĂŒnften Vers der ersten Dramenszene, ist kein zufĂ€llig gewĂ€hlter Name. Wenn der Jude Nathan diesen Ort zur BegrĂŒndung seiner langen Abwesenheit nennt, dann schwingt die kollektive Erinnerung der Juden an den Fluchort Babylon mit, den Ort des Turmbaus und der langen Exiljahre, als die Babylonier im 6. Jahrhundert v.Chr. Jerusalem und den Salomonischen Tempel vernichtet und das Volk als Sklaven weggefĂŒhrt hatten. Von dorther kehrt Nathan zurĂŒck, diesem Fluchort ist er entronnen, um gleich erfahren zu mĂŒssen, dass wĂ€hrend seiner
Abwesenheit sein Haus gebrannt habe. Das Haus und alles Materielle bekĂŒmmern ihn nicht, aber er gerĂ€t in Ă€ußerste Panik, als ihm seine christliche HaushĂ€lterin die Möglichkeit ausmalt, dass seine Tochter Recha mitverbrannt sein könnte. "Verbrannt": das ist das mehrfach wiederholte SchlĂŒsselwort der ersten Szene; die vom Brand verheerender Kriege bestimmte KreuzzugrealitĂ€t wird angedeutet. In diesem Feuer, das dem Juden Nathan sein ĂŒber alles geliebtes Kind hĂ€tte rauben können, flammen die vielen Pogromfeuer der jĂŒdischen Geschichte auf; im ĂŒbermĂ€ĂŸigen Entsetzen Nathans deutet sich an, was in der jĂŒdischen Geschichte noch geschehen wird. Nur mĂŒhsam

kann die christliche HaushĂ€lterin Daja, die ja mit ihrer Feuer - Botschaft dem Juden etwas 'einheizen' wollte, Nathan wieder beruhigen und ihn einsehen lassen, dass die Gefahr diesmal vorĂŒber ist. Denn Recha ist von einem jungen Tempelherrn errettet worden. Dieser christliche Kreuzfahrer - Ritter war erst kurz zuvor vom Sultan begnadigt worden, da er dessen Bruder Ă€hnelte. Recha glaubt sich von einem Engel gerettet (I,2), da der Tempelherr sich ihr entzogen hat. Erst als Nathan den Tempelherrn dazu bewegen kann, die von ihm Gerettete noch einmal zu sehen (II,5), ist Recha "geheilt" und zugleich ein wenig enttĂ€uscht (III,3), wĂ€hrend der junge Tempelherr in völlige GefĂŒhlsverwirrung stĂŒrzt: "[...] Sie sehn, und das GefĂŒhl An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein, War eins. Bleibt eins. Von ihr getrennt Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wĂ€r' Mein Tod [...]
[...] Ist das nun Liebe:
So liebt der Tempelritter freilich, liebt
Der Christ das JudenmÀdchen freilich. Hm!
Was tut's? Ich hab in dem gelobten Lande
[...]
Der Vorurteile mehr schon abgelegt " (III,8).

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