Hermann Hesse


INHALTSVERZEICHNIS


1. VORWORT

Als ich begann, mich fĂŒr Hermann Hesses Werke zu begeistern, war ich genau in der Altersstufe, deren typische Probleme er behandelt. Vielleicht habe ich damals noch nicht alle seine Aussagen verstanden, vielleicht nicht zwischen allen Zeilen einen Hinweis entdeckt. Dennoch hatte er schon immer einen gewisse Wirkung auf mich. Nicht alle Werke habe ich in dieser Zeit auch wirklich zu Ende gelesen, um so mehr freue ich mich, diese BĂŒcher mit Hilfe von SekundĂ€rliteratur im Rahmen meiner Facharbeit heute aufzuarbeiten.
Insbesondere Hesses Selbstdarstellung möchte ich veranschaulichen. Folgende Werke will ich dabei zu Hilfe nehmen:

    Unterm Rad - der Kampf mit der schulischen AutoritĂ€t im Ansehen der Gesellschaft Narziß und Goldmund - der Dualismus von Kunst und bĂŒrgerlichem Leben Demian - Die Selbstfindung

2. BIOGRAPHIE



Am 2. Juli 1877 wird Hermann Hesse in Calw/WĂŒrttemberg als Sohn des aus Estland stammenden Missionars und spĂ€teren Leiters des Calwer Verlagsverein Johannes Hesse (1847 - 1916) und Marie Gundert (1842 - 1902) geboren. 1881 zieht Hesse mit seinen Eltern nach Basel, wo sein Vater die Schweizer Staatsangehörigkeit erwirbt. Nach der RĂŒckkehr nach Calw 1883 besucht er das Reallyzeum und die Lateinschule in Göppingen, wo er 1890 das WĂŒrttembergische Landesexamen ablegt, um die Theologenlaufbahn einzuschlagen. 1891 tritt Hesse in das evangelische Klosterseminar Maulbronn ein. 1892 lĂ€uft er jedoch bereits fort, weil er "entweder Dichter oder gar nichts" werden will. Nach einem Selbstmordversuch und anschließend kurzem Aufenthalt in der Nervenheilanstalt Stetten im Remstal besteht er 1893 das EinjĂ€hrig - Freiwilligen - Examen am Gymnasium in Cannstatt. Ende dieses Jahres bricht Hermann Hesse die Ausbildung an dieser Schule ab, um eine BuchhĂ€ndlerlehre zu beginnen. Diese gibt er aber bereits drei Tage spĂ€ter wieder auf. Es folgt eine Zahl von verschiedenen Lehren in den unterschiedlichsten Branchen. 1896 publiziert er seinen erste Gedichtesammlung Das deutsche Dichterheim. Die erste Buchpublikation Romantische Lieder erscheint im Oktober 1898. Den großen Durchbruch erlebt Hesse, als 1904 Peter Camenzind erscheint. In diesem Jahr heiratet er auch Maria Bernoulli und zieht nach Gaienhofen am Bodensee. Die Heirat bleibt bis 1919 bestehen. Hesse erleidet einen Nervenzusammenbruch wegen dem Tod seines Vaters (1916) und wegen der fortschreitenden Schizophrenie seiner Frau. Er begibt sich in die psychotherapeutische Behandlung ves C. G. Jung - SchĂŒlers J. B. Lang. 1917 legt sich Hermann Hesse das Pseudonym Emil Sincalir zu, da ihm nahegelgt wird, seine zeitkritische Publizistik zu unterlassen. Hesse heiratet noch zwei weitere Male. In der Zeit von 1939 - 1945 werden viele Werke Hermann Hesses in Deutschland verboten. 1946 erhĂ€lt er den Nobel - Preis fĂŒr Literatur. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wird ihm 1947 die WĂŒrde des Ehrendoktors verliehen und er wird zum EhrenbĂŒrger von Calw ernannt. Am 9. August 1962 stirbt Hermann Hesse an Gehirnschlag in Montagnola.
Folgende Werke Hermann Hesses zÀhle ich zu den wichtigsten:
1904
Peter Camenzind
1906
Unterm Rad
1910
Gertrud
1914
Roßhalde
1915
Knulp
1919
Demian
1920
Klingsors letzter Sommer
1922
Siddhartha
1927
Der Steppenwolf
1930
Narziß und Goldmund
1943
Das Glasperlenspiel

3. DIE WELTWEITE WIRKUNG SEINER WERKE

Hermann Hesses Werk ist in nahezu jeden Winkel der Erde vorgedrungen. Es wurde in 55 Sprachen, unter anderem in fĂŒnfzehn indische Sprachen, ĂŒbersetzt. Hermann Hesses Leserschaft ist breit gefĂ€chert. Viele literarisch Bewanderte schĂ€tzen an Hesses Werken die inhaltliche und sprachliche QualitĂ€t seiner Dichtungen, Essays und Briefe. BedrĂ€ngten, Zukurzgekommenen und Versagenden erscheinen seine Werke sehr hilfreich. Dabei ist es gleichgĂŒltig, unter welchem gesellschaftlichen System sie leben und zu welcher sozialen Schicht sie gehören. Die einen finden in Hesses Dichtungen Ausdruck und BestĂ€tigung eigenen Denkens, andere sehen in ihm einen Ratgeber und Seelsorger.
FĂŒr manche wurde Hesse rasch zum Idol. Er war "in": Musikgruppen, Clubs, Restaurants oder GĂ€stezimmer tragen seinen Namen oder den einer Hauptfigur seiner Werke. Viele aber entdeckten erst spĂ€t den literarischen Rang seiner Dichtungen, spĂŒrten, wie zeitlos sie sind, zeitlos trotz aktuellster GegenwartsbezĂŒge. Im Ausland wurde man auf Hermann Hesse erst aufmerksam, als er den Nobel - Preis erhalten hatte. Eine Ausnahme ist Japan, wo Hesse bereits viele Jahre frĂŒher einer der beliebtesten europĂ€ischen Autoren war und dies bis heute geblieben ist.
Hermann Hesse war sich in der EinschÀtzung seines Werkes auch in kritischen Zeiten sicher:
"Ich habe noch nie daran gezweifelt, dass ein gewisser Teil dieses Werkes unentbehrlich ist und diese Zeit ĂŒberdauern, d. h. spĂ€ter wieder sein Darsein in der Welt finden und rechtfertigen werde." [1]
Hermann Hesse wird - vor allem von jungen Menschen - auch heute noch immer wieder neu entdeckt.

4. SEINE WERKE

Die drei ausgewĂ€hlten Romane Demian, Unterm Rad und Narziß und Goldmund enthalten viele autobiographische ZĂŒge. FĂŒr mich erwecken die Werke den Eindruck, als wĂŒrde Hesse sie in der Absicht verfaßt haben, seine eigenen Erlebnisse aufzuarbeiten. Vielleicht war gerade das Verfassen dieser StĂŒcke fĂŒr ihn eine gewisse Abrechnung mit der Gesellschaft, die seine Jugend so stark geprĂ€gt hatte. Die GegensĂ€tze Geist - Leben, Kunst - Intellekt stellen die Schwerpunkte der Themen dar. Die handelnden Hauptfiguren sind zumeist Jugendliche, deren Entwicklung beschrieben wird. Allein diese Tatsache spricht - aus meiner Sicht - viele Jugendliche an. Der Konflikt um die Anpassung an die, durch die Gesellschaft bestimmten Normen, ist von besonderer Bedeutung. Ich glaube, die meisten Jugendlichen werden im Laufe ihrer Entwicklung mit derartigen Auseinandersetzungen konfrontiert. Wahrscheinlich ist fĂŒr sie auch die Frage der Unvereinbarkeit von ihrer Vorstellung von Kunst, ihren GefĂŒhlen und Gedanken mit der gesellschaftlichen Norm von Wichtigkeit. Der Querschnitt durch die drei Romane, die ich im Folgenden behandeln will, soll einen Einblick in den Zusammenhang zwischen Hermann Hesses Einstellung zum Leben und den Charakteren, durch die er in seinen Romanen spricht, geben.

4.1. Demian

4.1.1. Entstehungsgeschichte

Wie kaum ein anderes Werk Hesses hat dieses Buch eine Geschichte. Die SchĂŒlergeschichte in der Art eines Entwicklungsromans ist geprĂ€gt von den Ängsten und Nöten des Autors in dieser Zeit. Neben beruflichen Problemen kommen auch persönliche Sorgen hinzu: Der Tod seines Vaters, die gefĂ€hrliche Erkrankung seines jĂŒngsten Sohnes Martin und die zunehmende seelische Erkrankung seiner Frau, die fĂŒr sie einen Aufenthalt in Heilanstalten erforderlich macht. Diese "Bessesenheit durch Leiden" [2] erzwang eine große Wandlung seines Lebens. Der Versuch, sein psychisches Tief zu ĂŒberwinden gelingt ihm mit Hilfe Doktor Langs in Luzern. Die wesentliche Frucht dieser Krise war Demian. In wenigen Monaten war das Werk niedergeschrieben. Diesen Neubeginn markiert Hesse mit einem neuen Autorennamen. Er sendet das Romanmanuskript der Ich - ErzĂ€hlung unter dem Namen Emil Sinclair mit seiner Empfehlung sogleich an den Verlag S. Fischer und teilt in seinem Begleitschreiben mit, dass es sich um die Arbeit eines jungen, kranken Schweizer handle. Ein halbes Jahr spĂ€ter erscheint die erste Auflage von 3.300 StĂŒck. "Emil Sinclair" erhĂ€lt den mit 800 Reichsmark dotierten Fontanepreis fĂŒr talentierte Nachwuchsautoren. In Hesses Zeitschrift "Vivos voco" bekennt er sich als wahrer Autor. Die vierte Auflage des Demian erscheint erstamls unter dem Verfassernamen Hermann Hesse.

4.1.2. Inhaltsangabe

FrĂŒh schon geht dem 10jĂ€hrigen LateinschĂŒler Emil Sinclair die Ahnung davon auf, dass neben der heilen Welt des Elternhauses auch eine rauhe, kalte besteht. Er ist auf dem Weg zu sich selbst und löst sich von den unglaubhaft gewordenen Normen, wie Religion und Moral und vom Elternhaus. Der Junge sucht die BerĂŒhrung mit der ihm fremden Welt und gerĂ€t durch harmlose Prahlereien in die AbhĂ€ngigkeit von Franz Kromer. Getrieben zu kleinen LĂŒgen und Diebereien sieht er seine heile Kinderwelt zusammenbrechen. Gerettet aus diesen Qualen wird er durch einen MitschĂŒler namens Max Demian, der gerade in seine Schule eingetreten ist. Er ist ein selbstdenkender und freier Mensch, der ihn von Franz Kromer schon bald befreit. Von dieser AbhĂ€ngigkeit gelöst, flĂŒchtet Sinclair in seine Kinderwelt zurĂŒck und geht somit Demian aus dem Weg. Die Kindheit ist jedoch bald vorbei, und er steht in einer fremden Welt. In der neuen Schule ist er ein Sonderling, gilt als Zyniker und ist innerlich voll Trauer.
Durch die Begegnung mit einem MĂ€dchen findet er zu sich zurĂŒck. Als er versucht, sie stĂ€ndig zu malen, bemerkt er, dass das Bild Max Demian gleicht. Voller Sehnsucht schickt er Demian eine von ihm gemalte Zeichnung. "Abraxas"[3] lautet die Antwort, die ihm eines Tages in die HĂ€nde fĂ€llt. Ein junger Orgelspieler, Pistorius, weit ihn nĂ€her in das Wissen um Abraxas ein. Die Achtung vor sich selbst zu bewahren sei diese Religion. Der Orgelspieler, der ihm seine TrĂ€ume deutet, erzĂ€hlt ihm von diesem mystischen Gott, der Menschliches und Tierisches, Gutes und Böses, Göttliches und Teuflisches in sich vereint. Doch bald löst sich Sinclair von den Interessen seines Freundes Pistorius und versucht, seinen eigenen Weg zu finden. Er trifft auf Demian, der ihn schon erwartet in dem Bewußtsein, dass sich Sinclair ihm nĂ€hern werde.
In Frau Eva, Demians Mutter, erkennt er seine Traumgeliebte, die ihm einen neue Art des Lebens zeigt. Er verbringt ein paar schöne Monate, die jedoch mit dem Ausbruch des Krieges ihr Ende nehmen. Er wird weggerissen von Frau Eva und seinem besten Freund. Noch einmal sieht Sinclair Demian als Schwerverwundeten und empfĂ€ngt von ihm den Kuß von Frau Eva, seiner Mutter.

4.1.3. Der Weg zu sich selbst

Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend knĂŒpft strukturell an einen Bildungsroman an, in dem die Handlung aus dem Konflikt zwischen Helden und Umwelt besteht. In diesem Roman findet diese Polarisierung nur in der Psyche des Helden statt. Bei der Begegnung mit Franz Kromer gerĂ€t er zwar in eine AbhĂ€ngikeit, gleichzeitig jedoch bekommt er das GefĂŒhl der UnabhĂ€ngigkeit gegenĂŒber dem Elternhaus. In Ă€hnlicher Weise mischen sich Angst und Bewunderung in seinem Umgang mit Max Demian. Durch ihn erfĂ€hrt er zum ersten Mal die Umwertung allegemein akzeptierter Normen. Die Szene mit Kain und Abel hat mich in dieser Hinsicht vor allem beeindruckt. Eine Meinung, die sich seit der Niederschrift der Bibel in der Gesellschaft manifestiert hat, wird auf einmal in Frage gestellt. Eine Denkensweise, die mir gefĂ€llt und mich zum Denken anregte.
"‘Und dann glaubst du, dass auch das mit dem Totschlag gar nicht war ist?’ fragte ich ergriffen. ‘Oh doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen erschlagen. Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es ist nicht wichtig, schließlich sind alle Menschen BrĂŒder.’" [4]
Die Absicht des Autors war es seinen "Weg nach Innen" zu finden, der ihn zur Konfrontation mit seinen Kindheitskonflikten fĂŒhrte. Der "Weg zu sich selbst" fĂŒhrt zur Entgrenzung des Ich und zum Aufbau eines neuen Selbst. Druch die Erfahrung der "zwei Welten", der hellen Alltagswelt und der dunklen Welt der Abenteuer entfremdet er sich selber. Dies fĂŒhrt zu einem Doppelleben, in dem einmal die "heile" Welt und einmal die "Schattenwelt" dominiert. Die vorher vertraute RealitĂ€t wird unheimlich, denn sie konfrontiert ihn mit verdrĂ€ngten Impulsen seiner Psyche.
Durch die Begegnung mit anderen Menschen kommt er seinem Ziel, zu sich selbst zu finden, immer nÀher. Hier zeigt sich ganz deutlich die Parallele zu Hesses Leben, der diesen Roman schreibt, um sich selbst zu finden und sich seines eigenen Ichs klar zu werden.
Demian, der ihn von Anfang an fĂŒhrt, verkörpert das Ideal der allseitigen entfalteten Persönlichkeit. Sinclairs Weg fĂŒhrt zur Verschmelzung mit seinem Vorbild. Vorerst ist Sinclair durch Demians RadikalitĂ€t ĂŒberfordert und wendet sich von ihm ab. Nach einiger Zeit öffnet er sich den Gedanken Demians und sieht sie als eigenen innere Möglichkeiten. Durch Pistorius, der wesentliche ZĂŒge Dr. Langs trĂ€gt, gelingt es Sinclair, seine Welt zu ordnen und zu beherrschen.
Die PolaritĂ€t spiegelt sich auch in den wichtigsten Einflußfiguren. Demian und Frau Eva tragen zugleich mĂ€nnliche und weibliche ZĂŒge und weisen so auf die FĂ€higkeit zur Überwindung der GegensĂ€tze. Auch der Gott Abraxas ist die Verschmelzung extremer GegensĂ€tze, wie Mann und Weib, Wonne und Grauen. Mit der Zeit gewinnt Sinclair die Erkenntnis der eigenen GegensĂ€tze und ĂŒberwindet die PolaritĂ€ten. Sein endgĂŒltiges Ziel in der Entwicklung findet Sinclair in der symbolischen Vereinigung mit Demian:
"Aber wenn ich manchmal den SchlĂŒssel finde und ganz in mich selbst hinuntersteige da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder in mir schlummern, dann brauche ich mich nur ĂŒber den schwarzen Spiegel zu neigen und sehe mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleich Ihm, meinem Freund und FĂŒhrer" [5]
Das Thema, das mich sehr anspricht ist der Kampf um die Individualisierung, um das Entstehen einer Persönlichkeit. Es besteht ĂŒberall das Streben die Menschheit gleichförmig zu machen und ihre Natur zu unterdrĂŒcken. Dagegen wehrt sich Sinclair und es entstehen die Demian - Erlebnisse. Viele Jugendliche, wie auch ich, können sich mit dem Roman identifizieren. Leider hat nicht jeder so einen FĂŒhrer wie Sinclair, der einem hilft zu sich selbst zu finden. Ich glaube aber, dass das Buch etwas dazu beitragen kann, sich so gegen die Welt zu wehren, dass die eigenen Ideale und TrĂ€ume nicht verloren gehen.

4.2. Narziß und Goldmund

4.2.1. Entstehungs - und Rezeptionsgeschichte

Im Jahre 1930 schenkte Hermann Hesse das Manuskript der eben erschienenen ErzĂ€hlung "Narziß und Goldmund" seinem Freund Hans C. Bodmer mit den folgenden Begleitworten:
"Ich habe zu diesem Werk, das mich mehr gekostet hat als alle andern zusammen, eine besondere Liebe, und bin darum froh, dass diese Handschrift nicht irgendwo in einem Speicher von den MĂ€usen gefressen wird, sondern in gute HĂ€nde kommt" [6]
Nicht alle Leser teilten diese "besondere Liebe". Kritiker Ă€ußerten sich sehr mißfĂ€llig und der Text wurde als "kitschig" bezeichnet. Man behauptete, dass Hermann Hesses Ideen schĂŒlerhaft und von langweiliger Korrektheit seien. Dennoch gehört dieser Roman zu den erfolgreichsten Titeln vor dem zweiten Weltkrieg. Bis 1940 wurden 64.000 Exemplare verkauft.
Ein weiterer Vorwurf lautete, der Roman sei eine Flucht vor der Wirklichkeit in die Idylle. Wer aber die Idylle in dem Roman kritisiert, lĂ€sst die Schattenseiten in Goldmunds Leben außer acht, indem nicht selten von Hunger, KĂ€lte und Gewalttaten die Rede ist. Die Schilderung der Pest, denen der Roman ganze zwei Kapitel widmet, sind GegenwartsbezĂŒge, die deutlich an den Krieg und die Not erinnern.
Das Werk enthĂ€lt unverkennbare ZĂŒge eines Bildungsromans in dem der Held durch alle möglichen EinflĂŒsse zur Reife gebracht wird.

4.2.2. Inhaltsangabe

Die Handlung spielt in einem Kloster namens Mariabronn, wo junge Menschen zu einem geistlichen Beruf herangebildet werden. Einer der begabtesten SchĂŒler ist Narziß, der sich zum Klosterleben berufen fĂŒhlt. Goldmund, der von seinem Vater in die Klosterschule gebracht wird, fĂŒhlt sich zu Narziß hingezogen, und sie werden Freunde. Goldmund bewundert sein Vorbild und möchte wie er, Mönch werden. Mit Hilfe von Narziß erkennt er aber. dass er nicht zum Gelehrtentum, sondern zu einem freien, ungebundenen und kunstbewegten Leben bestimmt ist.
Goldmund verlĂ€sst das Kloster und beginnt ein unruhiges Vagabundenleben. Er verzaubert die Frauen, lĂ€sst sich von ihnen bezaubern und nach ein paar unbĂŒrgerlichen Abenteuern wird er sich seiner kĂŒnstlerischen Begabung bewußt. Er sieht eines Tages eine aus Stein gehauene Figur, die ihn beeindruckt und beschließt Lehrling eines Bildhauers zu werden. Nachdem er vier Jahre an einem Kunstwerk gearbeitet hat und es endlich die Anerkennung seines Meisters findet, beschließt er weiterzuziehen.
Auf seiner Wanderschaft trifft er auf Lene, die seine Geliebte wird. Mit einem Dritten, der sich ihnen anschließt, kommen sie in Gegenden, in denen die Pest wĂŒtet. Lene und Goldmunds Vater kommen ums Leben und er beschließt in die Stadt seines Bildhauer - Meisters zurĂŒckzukehren. Er muss erfahren, dass sein Lehrer gestorben ist, bleibt aber dennoch in der Stadt.
Agnes, die Frau des Statthalters, verliebt sich in Goldmund, und sie verbringen eine Nacht miteinander. Erwischt von ihrem Ehemann, wird Goldmund zum Tode verurteilt und in letzter Minute begnadigt. Sein Retter trĂ€gt die Ordenstracht des Klosters Mariabronn, und Goldmund erkennt den Mann: es ist Narziß. Er wird von Narziß, der inzwischen Abt geworden war, mit ins Kloster genommen. Er richtet sich einen Werkstatt ein und arbeitet als KĂŒnstler. Nach einiger Zeit packt Goldmund seine Wanderslust, und er gesteht Narziß seine ReiseplĂ€ne.
Am Ende des Sommers kommt Goldmund wieder, um viele Jahre gealtert, hoffnungslos krank. Er nimmt dankbar die Freundschaft und Liebe an, die Narziß stets fĂŒr ihn bewahrt hat und stirbt in seinen Armen.

4.2.3. Zwei Welten

Eine Besonderheit des Romans ist das Thema der "neurotischen VerdrĂ€ngung" [7]. Hesse war mit den tiefenpsychologischen Methoden vertraut, und lĂ€sst Goldmund in das Kloster Mariabronn, einem getreuen Abbild seiner eigenen Klosterschule Maulbronn, bringen. WĂ€hrend er sich in Verkennung seiner Natur auf ein Leben im Kloster vorbereitet, steht ein Psychoanalytiker in Gestalt des Novizen[8] Narziß bereit, der alsbald erkennt, dass sein Freund unter dem Einfluß des Vaters, seine nach bĂŒrgerlichen Moralanschauungen sĂŒndhafte Mutter, nur "vergessen" hat. In geschickt gefĂŒhrten GesprĂ€chen fĂŒhrt er seinen Freund zur Erkenntnis dieser VerdrĂ€ngung. Das Bild der vergessenen, verdrĂ€ngten Mutter erschĂŒttert ihn so sehr, und er kommt in eine Krise. Nachdem er seinen Schock ĂŒberwunden hat und seine wahre mĂŒtterliche Anlage akzeptiert, begibt er sich auf Wanderschaft. Er verabschiedet sich von Narziß:
"Ich sagte dir schon: ein Ziel habe ich nicht. Auch jene Frau, die so sehr lieb mit mir war, ist nicht mein Ziel. Ich gehe zu ihr, aber ich gehe nicht ihretwegen. Ich gehe, weil ich muss, weil es mich ruft." [9]
Die kleine Psychoanalyse fĂŒhrt die Thematik der "PolaritĂ€t des vĂ€terlichen und mĂŒtterlichern Prinzips" [10] ein. Die vielen Geliebten Goldmunds gehören zur mĂŒtterlichen Welt, die schön und grauslich zugleich sind. Am Ende ist Goldmund alt und mĂŒde. Seine Flamme der Liebe und Kunst ist erloschen und die MĂ€dchen, die er einst geliebt hat, sind vergessen. Er ist nicht nur Vagabund und Frauenheld, diese Erfahrungen sind eigentlich nur VorwĂ€nde, die ihn fĂŒr die Kunst bereitmachen. Er fertigt unter anderm die Figur des JĂŒnger Johannes, der die ZĂŒge Narzissens trĂ€gt und eine Mutter Gottes nach dem Vorbild einer seiner Geliebten. In dieser Kunst versöhnen sich die GegensĂ€tze, und es zeigen sich die widersprĂŒchlichen Erlebnisse Goldmunds als Notwendigkeit. Diese Kunstwerke erschöpfen sich nicht nur in der Nachahmung der Dinge und Personen, sondern sind auch Symbole, Spiegelungen einer ewigen Welt. Dieser Platonismus[11] zwingt sich vor allem in der "großen Mutter", in der Urmutter Eva, die bereits im Demian eine vorrangige Rolle spielt. Sie ist eine Synthese zwischen der lĂ€ngst entschwundenen, leiblichen Mutter und der mythischen Gestalt, die ihm stĂ€ndig vorschwebt, die Grundidee seines eigenen Lebens.
Narziß, der Gegensatz zu Goldmund, der Asketh[12], versucht den Sinn des Lebens durch den Intellekt zu ergrĂŒnden. Wieder einmal erscheint in der deutschen Literatur der "Geist als Widersacher der Seele" [13]. Doch es ist Hesses tief empfundenes Anliegen diese GegensĂ€tz zu versöhnen. Am Beginn des Romans ist Narziß der Überlegene, der durch seinen kritischen Geist die Fehlentwicklung seinens Freundes erkennt. Am Ende bringt Goldmund die Weisheit der Lebenserfahrung in das karge Leben des Freundes und stellt somit das Gleichgewicht wieder her. In den GesprĂ€chen der Freunde wird sogar einen gedankliche AnnĂ€herung angestrebt.
Mehr als die HĂ€lfte des Romans widmet sich Goldmund. Im Rest ist Narziß zwar gegenwĂ€rtig, aber sein Reden und Denken geschiet nur im Hinblick auf den Freund. Dadurch bekommt dieser ein deutliches Übergewicht, das schon durch die KomplexitĂ€t seiner Problematik gegeben ist. Das angestrebte Gleichgewicht wird letztlich zerstört, als Hesse Goldmund sagen lĂ€sst:
"Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast?" [14]
Hier triumphiert letztlich Goldmunds Prinzip.
Ein weiterer Gegensatz, den Hesse gar nicht erst auszugleichen versucht, ist der zwischen der bĂŒrgerlichen Existenz und dem Außenseitertum, verkörpert in den beiden Hauptgestalten. Die bĂŒrgerliche Alltagswelt fehlt nicht in diesem Roman, sie spielt aber eine negative Rolle. Der Leser weiß, dass Goldmund nicht geschaffen ist fĂŒr das bĂŒrgerliche Leben, aber auch eine Idealfigur ein ĂŒbersteigertes Prinzip ist. Die Fragen zur Alternative des bĂŒrgerlichen Lebens bleiben in dem Roman unbeantwortet.

4.3. Unterm Rad

4.3.1. Entstehungsgeschichte

Die Schule ist die einzige moderne Kulturfrage, die ich ernst nehme und die mich gelegentlich aufregt. An mir hat die Schule viel kaputtgemacht, und ich kenne wenige bedeutende Persönlichkeiten, denen es nicht Ă€hnlich ging. Gelernt habe ich dort Latein und LĂŒgen [...]. [15]
Die ErzÀhlung Unterm Rad hat in der Forschung vergleichsweise wenig Beachtung gefunden und sich bei der Hesse - Leserschaft nie einer Àhnlichen Beliebtheit erfreut als so manch anderes Werke des Autors. Dies mag zum Teil daran liegen, dass Hesse sich in diesem Text weltanschaulicher Botschaften zu enthalten scheint. Unterm Rad wirkt auf den ersten Blick zeitbezogener als andere Werke Hesses. Wenn man die ErzÀhlung heute liest, kann sie passagenweise wie ein historisches Dokument zur Erziehungspolitik einer vergangenen Epoche gesehen werden.
Wie auch die anderen Werke von Hermann Hesse enthĂ€lt auch dieser starke autobiographische ZĂŒge.

4.3.2. Inhaltsangabe

Hans Giebenrath, die Hauptfigur dieses Romans, gilt als Ă€ußerst begabtes Kind und wird so als einziger SchĂŒler der Stadt zum "Landexamen" geschickt. Die abgelegte PrĂŒfung berechtigt ihn, das TĂŒbinger Seminar auf Staatskosten zu besuchen, um dann eine Karriere als Lehrer oder Pfarrer anzustreben. Nach besonders grĂŒndlicher Vorbereitung und unter dem großem Druck seines Vaters und seiner Lehrer besteht er die PrĂŒfung als Zweitbester. Nach diesem bestandenen Examen darf sich Hans wieder seinem Hobby widmen und angelt den ganzen Tag. Seine Ferien werden aber schon bald durch Übungsstunden ersetzt und der Ehrgeiz von Hans wird immer grĂ¶ĂŸer. Bald verbringt er seine ganze Freizeit nur mit Lernen und wird anschließend von seinem Vater nach Maulbronn in ein Kloster gebracht. Hans wohnt hier gemeinsam mit ein paar anderen SchĂŒlern in der Stube "Hellas". Der sonderbarste "Hellas" - Bewohner war Emil Lucius, ein Geizkragen und Egoist. Langsam werden viele Freundschaften geschlossen, aber auch Antipathien, welche oft in wilden FaustkĂ€mpfen enden. Nur Hans bleibt lange alleine, schließt jedoch dann mit Hermann Heilner, einem Dichter und Schöngeist aus dem Waldviertel, Bekanntschaft. Dieser gibt Hans zu verstehen, dass er das Kloster als GefĂ€ngnis und wirklichkeitsfremd betrachtet. Hans wird so mit einem vollkommen neuen Weltbild konfrontiert, dem er sehr verwundert gegenĂŒbersteht. Diese Freundschaft zwischen dem Leichtsinnigen und Gewissenhaften erschöpft Hans sehr, sie lĂ€hmt ihn sogar.
Nach einiger Zeit kommt es zwischen Lucius und Hermann Heilner zu einer heftigen Auseinandersetzung. Hermann kann das unbegabte Geigenspiel des Lucius nicht ertragen und macht seinem Ärger darĂŒber Luft, indem er gegen Lucius handgreiflich wird.
"Du könntest jetzt aufhören, schimpfte Heilner. Es gibt auch noch andere Leute, die ĂŒben wollen. Deine Kratzerei ist ohnehin eine Landplage." [16]
Dieser Wutausbruch wird von den Lehrern mit 8 Stunden Karzer bestraft. Nach diesem Vorfall wird Hermann von seinen Mitbewohnern, insbesondere auch von Hans, als Außenseiter behandelt. Obgleich Hans und Hermann nun nicht mehr miteinander sprechen, begegnen sie sich in ihrem tiefsten Innern mit enormer EnttĂ€uschung. Durch den Tod eines Zimmerkameraden kommen sie sich wieder nĂ€her und schließen abermals Freundschaft. Hermann wird von den Professoren sehr streng behandelt, um seinen rebellischen Gedanken, die in diesem System keinen Platz haben, vorzubeugen. Hans erkennt die Sinnlosigkeit dieses Schulsystems und seine Leistungen sinken. Seine Lehrer sehen die Ursache des Abfalls der Leistungen jedoch in Hans Umgang mit Hermann und verbieten ihm daher diesen. Hans konzentriert in einem letzten AufbĂ€umen seine Anstrengungen, um den Anschluß nicht zu verlieren.
"Von da an plagte er sich aufs neue mit der Arbeit. Es war allerdings nicht mehr das frĂŒhere flotte VorwĂ€rtskommen, sondern mehr ein mĂŒhseliges Mitlaufen, um wenigstens nicht zu weit zurĂŒckzubleiben" [17]
Als er merkt, dass seine BemĂŒhungen, sich selbst zu motivieren, in Ermangelung der notwendigen Kraft scheitern, verlieren sich seine Gedanken in TrĂ€umereien. Mit dem Absinken seines Erfolgs verliert Hans auch den Respekt der Kameraden. Die Lehrer beschließen, Hans wieder nach Hause zu schicken. Hier bemerkt Hans, dass er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht gerecht werden kann und denkt in seiner Not bereits an Selbstmord. Er versucht unter Zuhilfenahme von Erinnerungen an Personen und PlĂ€tze seines Geburtsortes zu sich selbst zu finden. Er scheitert und muss erkennen, dass die Zeit seiner "schönen Jugend" vorbei ist. Im Laufe der Zeit verliebt er sich in ein MĂ€dchen, das jedoch schon bald ohne Abschied abreist. Er beginnt eine Mechanikerlehre um auf neue Gedanken zu kommen. Dabei lernt er Konrad kennen, der ihn auf eine Feier einlĂ€dt. Die anderen GĂ€ste verstehen es, Feste mit Alkohol zu feiern, und Hans versucht ein letztes Mal, sich krampfhaft anzupassen. Am nĂ€chsten Tag wird Hans tot in einem Bach aufgefunden. Am Tag seines BegrĂ€bnisses wird Hans zur BerĂŒhmtheit. Viele Leute kommen, um diesen intelligenten Jungen zu betrauern. Lediglich Flaig, einer seiner Kindheitsfreunde, erkennt die Lehrer als wahren Grund fĂŒr Hans Tod.

4.3.3. Interpretation

Hans, der mit Wissen traktiert wird, ĂŒbernimmt das ihm auferlegte Leistungsdenken und wird von einem ĂŒbertrieben Ehrgeiz besessen. Er sieht auf seine MitschĂŒler herab, was ihm unmöglich macht, echte Freundschaft zuschließen. Von August distanziert er sich, als er eine Lehre anfĂ€ngt, und an Hermann, der von den Lehrern als Paria[18] abgestempelt wird, begeht er Verrat, indem er ihn ignoriert. Er unterliegt dem Kampf zwischen Freundespflicht und Ehrgeiz. Er ist im stĂ€ndigen Konflikt zwischen dem "Erwachsenwerden" und den Kindheitsfreuden, denen er doch nicht ganz entsagen will.
In seiner Verzweiflung wendet er sich der Natur, besonders dem Wasser zu. Da sein Zerfallsprozeß zu weit vorgeschritten ist, bedeutet das Symbol Wasser nicht "aufgehen" in diesem Element sondern Untergang und Tod.
"Ekel, Scham und Leid waren von ihm genommen, auf seinen dunkel dahintribenden, schmÀchtigen Körper, schaute die kalte, blauliche Herbstnacht herab, mit seinen HÀnden und Haaren und erblassten Lippen spielte das schwarze Wasser." [19]
Wie in fast allen Werken Hesses wird auch in diesem der Prozeß der eigenen IdentitĂ€tssuche dargestellt. Mit dem Tod Giebenraths und Goldmunds hat der Autor eine Phase seines Lebens noch einmal erlebt und hinter sich gebracht.
Heilner, der ebenfalls ein Außenseiter ist, flĂŒchtet auch in die Natur und begegnet Hans. Er sieht auf die anderen herab, da er ihre Unfreiheit erkennt. Mit Hilfe seiner Phantasie und der Literatur kann er sich im Gegensatz zu Hans eine eigene Wirklichkeit schaffen. Vorerst versucht Hans in zwei Welten zu leben und seine schulischen Pflichten der Freundschaft wegen nicht zu vernachlĂ€ssigen. Schließlich verliert er jede Orientierung und erleidet einen physischen Zusammenbruch. Er kann sich nicht wie Heilner vom Seminar befreien - er wird befreit. Die Flucht ins KĂŒnstlertum bleibt ihm versperrt. Wieder zu Hause erkennt er seine Isolation und auch den Raubbau, den man an ihm und seiner Kindheit betrieben hat. Er sucht alle PlĂ€tze auf, da er sich in hoffnungsfrohe Zeiten flĂŒchten will.
In den beiden letzten Kapiteln wird er mit der Liebe und seiner Mechanikerlehre konfrontiert. Beidem ist er nicht gewachsen. Er versucht noch einmal verzweifelt, sich in die Gemeinschaft zu integrieren, es ĂŒberfordert ihn allerdings, und er stirbt.
Das Buch "Unterm Rad" erfreut sich großer Beliebtheit, nicht zuletzt wegen der Zeitbezogenheit. Es kann passagenweise wie ein historisches Dokument zur Erziehungspolitik einer vergangenen Epoche angesehen werden.
Der Autor auf eigene Erlebnisse zurĂŒck; er stattet jedoch zwei Figuren, nĂ€mlich nicht nur Hans Giebenrath, sondern auch dessen Freund Hermann Heilner mit autobiographischen ZĂŒgen aus. Im Februar 1890 wurde der damals 12jĂ€hrige Hesse von seinen Eltern aus Calw nach Göppingen gebracht, wo er auf der dortigen Lateinschule auf das sogenannte "Landexamen" vorbereitet werden sollte. Wie auch Hans, schaffte Hesse das Landexamen und wurde in das Seminar Maulbronn aufgenommen. Hesse wußte zunĂ€chst seinen Eltern in seinen Briefen nichts negatives zu berichten. Der Unterricht machte ihm Freude und er hatte keinerlei Lernprobleme. Beide, Heilner, wie auch Hesse, entliefen dem Seminar ohne Winterkleidung und ohne einen Pfennig in der Tasche. Auch die Bestrafung, als sie aufgefunden werden ist die gleiche: 8 Stunden Karzer. Hesse wird als AussĂ€tziger behandelt und im Mai 1892 offiziell zur Wiederherstellung seiner Gesundheit beurlaubt. Die Beurlaubung dient aber in Wirklichkeit - wie auch in "Unterm Rad" - dazu, einen Seminaristen, der dem Leistungsdruck nicht standhĂ€lt, unauffĂ€llig aus der Anstalt zu entfernen. Mit dem Austritt trat fĂŒr ihn eine Zeit der Depression ein, und er litt an einer schweren Nervenkrise, in der er auch einen Selbstmordversuch unternahm.
Durch diese Gemeinsamkeiten von Hesses Leben und jenem seiner Romanfiguren wird die starke emotionelle Bindung des Autors mit seinen Werken offenbar. So betrachtet wird Unterm Rad zu einer ironischen Abrechnung mit der Schule. Hesse weist nach, dass das was Heilner und Hans persönlich widerfĂ€hrt, auf MißstĂ€nde des Erziehungs - und Schulwesens im allgemeinen zurĂŒckzufĂŒhren ist.
"Wie ein Urwald gelichtet, gereinigt und gewaltsam eingeschrĂ€nkt werden muss, so muss die Schule den natĂŒrlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschrĂ€nken. Ihre Aufgabe ist es, ihn nach obrigkeitlicherseits gebilligten GrundsĂ€tzen zu einem nĂŒtzlichen Gliede der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige Ausbildung alsdann die sorgfĂ€ltige Erziehung in der Kaserne krönend beendet" [20]
Der Vater, Josef Giebenrath, entspricht dem gĂ€ngigen Klischee des deutschen Klein - oder SpießbĂŒrgertums. Er hat keine individuellen ZĂŒge, und hĂ€tte mit jedem Nachbarn Name und Wohnung tauschen können, ohne dass eine VerĂ€nderung eingetreten wĂ€re.
Hans und Hermann verkörpern die gegensĂ€tzlichen Komponenten einer Persönlichkeit. Mit dem Tod von Hans lĂ€sst Hesse auch den bĂŒrgerlichen Teil seiner eigenen Persönlichkeit zurĂŒck. Die Zukunft gehört der von Hermann reprĂ€sentierten Komponente. Die Rettung ist, wie auch bereits in Narziß und Goldmund dargestellt, nur durch die Kunst gegeben.

5. LITERATURVERZEICHNIS

Hermann Hesse: Demian, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1974

Hermann Hesse: Unterm Rad, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1972

Hermann Hesse: Narziß und Goldmund, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1973

Siegfried Unseld: Hermann Hesse - eine Werkgeschichte, Frankfurt am Main,
Suhrkamp 1973

Diverse: Interpretationen Hermann Hesse, Ditzingen, Reclam

Martin Pfeifer: ErlÀuterungen zu Hermann Hesse, Hollfeld, Bange

Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion: DUDEN Fremdwörterbuch, Mannheim, Bibliographisches Institut 1982

6. QUELLENNACHWEISE

[1] Martin Pfeifer: ErlÀuterungen zu Hermann Hesse, S. 11
[2] Siegfried Unseld: Hermann Hesse - eine Werksgeschichte, S. 53
[3] gnostische Gottheit (Gnostizismus: alle religiösen Richtungen, die die Erlösung durch [philosophische] Erkenntnis Gottes und der Welt suchen)
[4] Hermann Hesse: Demian, S 32
[5] Hermann Hesse: Demian, S. 163
[6] Diverse: Interpretationen Hermann Hesse, S. 113
[7] Diverse: Interpretationen Hermann Hesse, S. 115
[8] "Neuling": Mönch oder Nonne wÀhrend der Probezeit
[9] Hermann Hesse: Narziß und Goldmund, S.83
[10] Diverse: Interpretationen Hermann Hesse, S. 117
[11] die Weierentwicklung und Abwandlung der Philosophie und besonders der Ideenlehre Platos
[12] enthaltsam lebender Mensch
[13] Diverse: Interpretationen Hermann Hesse, S. 120
[14] Hermann Hesse: Narziß und Goldmund, S. 320
[15] Diverse: Interpretationen Hermann Hesse, S. 7
[16] Hermann Hesse: Unterm Rad, S. 77
[17] Hermann Hesse: Unterm Rad, S. 93
[18] von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßener, Entrechteter, Unterpriviligierter
[19] Hermann Hesse: Unterm Rad, S. 164
[20] Hermann Hesse: Unterm Rad, S. 117

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