Rosa Luxemburg


Rosa Luxemburg

1871 - 1919



"Wenn die Unterdr├╝ckung zunimmt,
werden viele entmutigt,
aber sein Mut w├Ąchst....
wo immer geschwiegen wird,
dort wird er sprechen.
Und wo Unterdr├╝ckung herrscht
Und von Schicksal die Rede ist,
wird er Namen nennen."
Bert Brecht, Lob des Revolution├Ąrs






Rosa Luxemburg wurde am 5.M├Ąrz 1871 in Zamost (Russisch - Polen) als j├╝ngste von f├╝nf Geschwistern geboren. Da ihr Vater, Elias Luxemburg, der Holzh├Ąndler war Gesch├Ąftsbeziehungen nach Deutschland unterhielt und au├čerdem ein gro├čer Bewunderer Deutschlands war, waren die Umgangssprachen in der Familie Deutsch und Polnisch, - obwohl es sich um Juden handelte kein Jiddisch. Als Rosa drei Jahre ist, zieht die Familie nach Warschau um, weil der Vater hofft, dort bessere Gesch├Ąfte machen zu k├Ânnen. Rosa ist zwar ein ausgesprochen intelligentes Kind, aber h├Ą├člich (sie hat einen gro├čen Kopf und eine unf├Ârmige, gro├če Nase) und sehr klein. Als F├╝nfj├Ąhrige ist sie gezwungen wegen eines H├╝ftleidens (durch das sie ihr ganzes Leben lang hinken wird) ein Jahr lang im Bett zu verbringen. In dieser Zeit bringt sie sich selbst Lesen und Schreiben bei. 1884 tritt Rosa in das Zweite Warschauer Frauengymnasium ein. Es ist die beste Schule, auf die ein Kind aus einer polnisch - j├╝dischen Familie ├╝berhaupt gelangen kann, dass sie ein M├Ądchen ist, macht sie zu einer noch gr├Â├čeren Besonderheit. Die Unterrichtssprache ist Russisch und es ist den Sch├╝lern polnischer Herkunft verboten, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten. Die Lehrer sind Russen, es besteht ein Spitzelsystem. Sch├╝ler, die gegen das Verbot Polnisch zu sprechen versto├čen, werden von der Schule verwiesen. Die Zust├Ąnde an der Schule und die Unterdr├╝ckungspolitik des zaristischen Regimes in Russisch - Polen sind f├╝r Rosa der Anlass, sich einem geheimen Fortbildungszirkel anzuschlie├čen, in dem polnische Sprach und Kultur an die junge Generation vermittelt werden. Dort diskutiert man auch die politischen Ereignisse und ├╝ber Studenten, die diesen Fortbildungszirkel leiten lernt Rosa die damals noch sehr
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kleine Partei "Proletariat", die Kontakte zu der tonangebenden revolution├Ąren Partei "Narodnaja Wolja" (Volkswille) hat, kennen und tritt ihr bei. Am 14. Juni 1887 erh├Ąlt ihr (ausgezeichnetes) Abschlu├čzeugnis vom Gymnasium. Nach dem Abitur wohnt sie weiterhin bei den Eltern und betreibt Propaganda f├╝r die revolution├Ąre Bewegung. Sie ist noch sehr unerfahren in diesen Dingen, doch der von ihrem Engagement begeisterte Dachdecker Kasprzak, ein erfahrener Sozialist, unterst├╝tzt sie und bringt ihr die Lehren Marx nahe. Im Herbst 1888 kommt die Polizei der Organisation auf die Spur, es kommt zu ersten Verhaftungen, aus denen im Dezember des gleichen Jahres Massenverhaftungen werden. Rosa taucht in der Provinz unter und holt sich eine starke Lungenentz├╝ndung. Kasprzak sorgt daf├╝r, dass ein katholischer Priester, dem er erz├Ąhlt, sie sei eine J├╝din, die zum Christentum ├╝bertreten m├Âchte, deren Angeh├Ârige aber dagegen seinen und sie deshalb ins Ausland m├╝sse, sie unter einer Fuhre Stroh ├╝ber die Grenze bringt.
Rosa geht nach Z├╝rich, wo sie an der einzigen Universit├Ąt immatrikuliert, an der damals M├Ąnner und Frauen gleichberechtigt studieren k├Ânnen. Z├╝rich galt zu der Zeit als der bedeutendste Sammelpunkt der polnischen und russischen Emigration und seine Universit├Ąt als eine Hochschule f├╝r Revolution├Ąre. Studenten debattierten stundenlang ├╝ber die Revolution, alles Andere erscheint unwichtig. Rosa hat nur ein mokantes L├Ącheln f├╝r Diskussionen, die zu nichts f├╝hren: Sie m├Âchte arbeiten. An der Universit├Ąt belegt sie zun├Ąchst Mathematik und Philosophie, sp├Ąter Volkswirtschaft und ├ľffentliches Recht, au├čerdem anfangs "zum Spa├č" Astronomie, Botanik und Zoologie. Sie ist eine ├╝berzeugte Marxistin, was sie aber nicht davon abh├Ąlt, die Marxsche Lehre kritisch zu betrachten. So sehr sie einerseits f├╝r die Durchsetzung der sozialistischen Gesellschaftsordnung k├Ąmpft und lebt, so besteht sie auf der anderen Seite auch darauf, f├╝r sich ein bi├čchen individuelles Gl├╝ck zu beanspruchen. Sie verliebt sich in Leo Jogiches, einen schwierigen, verschlossen wirkenden, von Selbstzweifeln geplagten Mann, der sich voll und ganz auf den Sozialismus konzentriert. Sein Wahlspruch ist: "Mann muss arbeiten, das ist alles" F├╝r f├╝nfzehn Jahre sind sie ein Paar, doch aus Gr├╝nden der Staatsb├╝rgerschaft und der Tarnung k├Ânnen sie nicht heiraten. Sie f├╝hren eine sehr enge, aber auch sehr konfliktbeladene Beziehung. Was ihm Rosa bedeutet hat, wird eigentlich erst nach ihrem Tod sichtbar, als er sich f├╝r die Aufkl├Ąrung des Mordes an ihr einsetzt und daf├╝r mit dem Leben bezahlt. In Rosas kleinem Zimmer in Z├╝rich treffen sie h├Ąufig mit Freunden zusammen, die ├Ąhnliche Ansichten haben, wie sie. Gemeinsam erarbeiten sie ein politisches Programm, in dem sie die Revolution in ganz Ru├čland und allen kapitalistischen L├Ąndern fordern. Um auf ihr Programm aufmerksam zu machen, gr├╝nden sie eine Zeitung und versuchen auf diesem Weg Propaganda zu machen. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der, unter F├╝hrung ehemaliger Mitglieder der Partei "Proletariat" entstandenen, Partei PPS (Polska Partia Socjalistyczna - Vereinigte Polnische Sozialistische Partei), die auf dem dritten Internationalen Sozialistenkongre├č, der vom 6. Bis 12. August in Z├╝rich stattfindet, daf├╝r sorgt, dass Rosas Mandat angefochten wird. Im M├Ąrz 1894 gr├╝nden Rosa, Leo und einige andere Freunde die SDKP - "Sozialdemokratie des K├Ânigreiches Polen" - . Durch diese Parteigr├╝ndung wird Rosa endg├╝ltig zur Berufsrevolution├Ąrin. In den Jahren zwischen 1893 und 1896 reist sie st├Ąndig zwischen Z├╝rich und Paris, wo die Zeitung der Partei gedruckt wird, hin und her. Sie ist gekr├Ąnkt, das Leo in seine
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Briefen immer nur ├╝ber Revolution spricht und in den Briefen aus dieser Zeit an ihn, die fast alle erhalten sind, wird deutlich wie kompliziert die Beziehung zwischen ihnen ist. 1896 wird die Zeitung wegen mangelndem Erfolg eingestellt. Rosa schreibt nun in Zeitungen in Italien und Deutschland gegen den Nationalismus. Vom 27. Juli bis 1. August 1896 findet in London ein weiterer Sozialistenkongre├č statt. Diesmal wird Rosas Mandat nicht angefochten, - die SDKP stellt sogar eine ganze Delegation. Am 1. Mai 1897 promoviert sie mit magna cum laude als Doktor des ├Âffentlichen Rechts. Kurz darauf f├Ąhrt sie mit Leo in Urlaub und die beiden diskutieren Rosas Entschlu├č nach Deutschland zu gehen, um dort arbeiten zu k├Ânnen. Leo stimmt ihr zu, und um in Deutschland ├Âffentlich auftreten zu d├╝rfen, geht sie am 19. April 1898 mit dem in Z├╝rich lebenden deutschen Gustav L├╝beck eine Scheinehe ein.
Als Rosa am 12. Mai 1898 in Berlin eintrifft, wirkt die Stadt auf sie "kalt, massiv und geschmacklos". Unterwegs hat der Zug gegen 12 Uhr nachts einen Menschen ├╝berfahren, was sie als unangenehmes Omen ansieht. Die ersten Tagein Berlin verbringt sie mit Wohnungssuche, sobald sie eine gefunden hat, stellt sich Rosa bei der Gesch├Ąftsstelle des SPD - Parteivorstandes vor. Sie kann der Partei in den Ostgebieten n├╝tzlich sein und reist noch im gleichen Jahr nach Oberschlesien, um Propaganda f├╝r die SPD zu betreiben. Die Arbeit erweist sich als k├Ârperlich sehr anstrengend, die Unterbringungsm├Âglichkeiten sehr primitiv. Am 17. Juni f├Ąhrt Rosa nach Berlin zur├╝ck, - am Ende ihrer Kr├Ąfte. An Leo schreibt sie :"Ich sehe aus wie der Tod und krieche kaum." Nach der Wahl stellt sich raus, dass ihr Einsatz nicht umsonst gewesen ist: In einigen Gebieten stiegen die f├╝r die Sozialdemokraten abgegebenen stimmen um ├╝ber das Doppelte. Auf dem Parteitag der SPD, der zwischen dem 3. Und 8. Oktober 1898 in Stuttgart stattfindet, ist unter den zweihundertf├╝nfzehn Delegierten auch Rosa. Auch f├╝r sie eine ├ťberraschung. Innerhalb der Partei muss sie sich jedoch von Anfang an dagegen wehren, nur als Vork├Ąmpferin der Frauenrechte zu gelten. F├╝r sie geht es nicht allein um die Emanzipation der Frau, sonder um die Emanzipation der Menschen. Im September 1898 wird ihr die Leitung der "S├Ąchsischen Arbeiterzeitung" ├╝bertragen. Doch durch Streitigkeiten mit der Redaktion legt sie bald darauf ihr Amt nieder. Auf dem Parteitag in Stuttgart hat Rosa Luxemburg Clara Zetkin kennengelernt, mit der sie ein Leben lang befreundet sein wird.
In den Jahren zwischen 1899 und 1914 bereist Rosa neben ihrer theoretischen Arbeit als Agitatorin f├╝r die SPD fast alle Gegenden des Deutschen Reiches. Sie wird zu einer bekannten und bei den Massen beliebten Rednerin, die ihre Zuh├Ârer mitrei├čen kann. Auf einer Rede 1903 kritisiert sie Wilhelm II : "Der Mann, der von der guten und gesicherten Existenz der deuschen Arbeiter spricht, hat keine Ahnung von den Tatsachen." Sie wird wegen Majest├Ątsbeleidigung angeklagt und zu drei Monaten Gef├Ąngnis verurteilt. Ende August tritt sie die Strafe in Zwickau an, wird aber nach sechs Wochen wieder entlassen, da es durch die Kr├Ânung des K├Ânigs Friedrich August von Sachsen zu einer Amnestie politischer Straft├Ąter kommt. Da sie von einem K├Ânig keine Gnade will, weigert sich Rosa zun├Ąchst, ihre Zelle zu verlassen, - man muss sie regelrecht rauswerfen. W├Ąhrend dieser Zeit kommt es in ihrer Beziehung zu Leo zu immer gr├Â├čeren Konflikten. Er ist eifers├╝chtig auf ihre Karriere, sie entt├Ąuscht, ihn immer aus seiner Verschlossenheit r├╝tteln zu m├╝ssen. Sie ├╝berlegt, ob sie sich von ihm trennen soll. 1900 schreibt sie an ihn: "Um Dir meinen Zustand
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und mein Handeln in der letzten zeit zu erkl├Ąren, sage ich nur kurz, dass ich aus der ganzen letzten zeit, geschlossen habe, dass du aufgeh├Ârt hast, mich zu lieben, vielleicht sogar mit jemandem anderes besch├Ąftigt bist, dass ich jedenfalls aufgeh├Ârt habe, f├╝r Dich der Mensch zu sein, der Dich im Leben gl├╝cklich machen k├Ânnte - soweit das ├╝berhaupt m├Âglich ist. Mir ist das Herz schon so schwer vor Erm├╝dung vom ├Ąu├čeren und inneren Herumzigeunere, dass ich direkt ohnm├Ąchtig werde, wenn ich Deine Briefe ├Âffne und sechs B├Âgen allein Abhandlungen ├╝ber die PPS oder ├╝ber unsere Beziehungen zueinander lese, aber nicht ein Kr├╝melchen sichtbaren, praktischen, normalen Lebens. Ich bin so m├╝de, so m├╝de. La├č uns um Himmels willen anfangen zu leben. Lieber Leo, lass und doch anfangen zu leben." Als 1905 in Ru├čland die erste Revolution ausbricht, reist Rosa Ende des Jahres nach Warschau, in der Hoffnung, dort die Revolution mit vorantreiben zu k├Ânnen, in Warschau trifft sie auch Leo wieder, die beiden geben sich unter falschem Namen als deutsche Journalisten aus. Sp├Ąter sagt Rosa ├╝ber die Zeit in Warschau, es sei mit die Gl├╝cklichste ihres Lebens gewesen. Im Januar 1906 entschlie├čt sie sich nach Petersburg zu reisen, um bei einem Parteitag der russischen Sozialdemokratie Deutschland zu vertreten. Doch bevor sie abreisen kann, wird sie am Abend des 4. Januars 1906 verhaftet. Die Haftbedingungen sind unzumutbar, sie erleidet einen Anfall von Gelbsucht, der nicht behandelt wird, doch trotzdem verweigert sie die Hilfe von au├čen, aus dem Gef├Ąngnis entlassen zu werden. Schlie├člich kauft der Parteivorstand der SPD sie frei. Am 8. August 1906 darf sie Warschau endlich verlassen, sie ist in schlechter k├Ârperlicher Verfassung. Sie reist nach Kuokkala in Finnland, wo sie mit Gleichgesinnten das Scheitern der Revolution diskutiert. Am 14. September 1906 verl├Ąsst Rosa Finnland. Bei ihrer Landung in Hamburg ist erwartet sie, verhaftet zu werden, doch ihre Bef├╝rchtung erweist sich als unbegr├╝ndet. Am 23. September des gleichen Jahres ist sie auf dem SPD - Parteitag in Mannheim. Gegen Ende des Jahres kommt es zum Bruch mit Leo. Die Gr├╝nde daf├╝r sind nicht ganz klar. Einerseits wird behauptet Leo h├Ątte in Krakau ein Verh├Ąltnis mit einer gewissen Izolska gehabt, andererseits wird behauptet, Rosa h├Ątte ihn wegen einem Anderen, Kostja, der 22j├Ąhrige Sohn ihrer Freundin Clara Zetkin, verlassen. Leo weigert sich aus Rosas Wohnung in Berlin auszuziehen und macht ihr wiederholt Eifersuchtsszenen. Er droht sogar, sie und Kostja umzubringen. In Angelegenheiten der polnischen Partei muss sie weiterhin mit Leo verkehren, was in rein sachlich gehaltenen Briefen geschieht. Trotzdem ist es auch f├╝r sie nicht leicht die letzten f├╝nfzehn Jahre ihrer Beziehung zu Leo einfach zu vergessen. Sie wird skeptischer in der Haltung gegen├╝ber Anderen und auch sich selbst. "Deshalb glaube ich auch nie ein Wort niemandem". Sie beginnt ihre Zuneigung auf Katzen zu konzentrieren.
Am ersten Oktober 1907 nimmt Rosa Luxemburg die T├Ątigkeit als Dozentin an der SPD - Parteischule auf. Neben der Lehrt├Ątigkeit aber geht f├╝r Rosa die kritische Auseinandersetzung mit anderen SPD - Parteimitgliedern weiter. Innerhalb der SPD kommt es zu immer gr├Â├čeren Konflikten. Die Partei spaltet sich in drei Bl├Âcke: Die Reformisten neigen immer mehr der offiziellen Regierungspolitik zu, das marxistische Zentrum verteidigt angeblich die reine Lehre, im revolution├Ąr - radikalen Fl├╝gel treffen Rosa, Clara Zetkin und einige - wenige - zusammen. Rosa k├Ąmpft mit allen ihr zur Verf├╝gung stehenden Mitteln gegen den Krieg. Sie versucht, die Massen dar├╝ber aufzukl├Ąren, dass ihnen ein Krieg nichts bringen w├╝rde, was dazu f├╝hrt,
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dass sie sich am 20. Februar 1914 vor der zweiten Strafkammer des Landesgerichts
Frankfurt am Main wegen "Aufwiegelung der Massen zum Ungehorsam gegen die Obrigkeit" verantworten muss. Sie wird zu einer Gef├Ąngnisstrafe von einem Jahr verurteilt, sie legt Berufung ein. ├ťberall in Deutschland protestieren Arbeiter gegen ihre Verurteilung. In dem zweiten Proze├č, der am 29. Juni 1914 vor dem Landgericht II Berlin beginnt kommt es zu einer Vertagung des Prozesses auf unbestimmte Zeit. Am abend des 29. Juli 1914 findet im Cirque Royal ein gro├čes Antikriegsmeeting der belgischen Arbeiter statt. F├╝r Stunden kommt bei manchen Delegierten kommt die Illusion auf, es sei noch nicht alles verloren. Doch Rosa sitzt nur da, die H├Ąnde vors Gesicht geschlagen und lehnt es trotz mehrfacher Aufforderung ab, das Wort zu ergreifen. Sie hat begriffen, dass auch eine leidenschaftliche rede jetzt nichts mehr ├Ąndern w├╝rde. Niedergeschlagen reist sie kurz darauf ab. W├Ąhrend noch einmal eine Delegation der SPD nach Paris reist, um mit franz├Âsischen Sozialisten zu sprechen, kommt es in der Parteif├╝hrung zu dem Entschlu├č zu Kaiser und Reich zu stehen. Als Deutschland am 1. August 1914 Ru├čland und Frankreich den Krieg erkl├Ąrt; ist Rosa verzweifelt. Sie ist entsetzt, mit welcher Selbstverst├Ąndlichkeit die SPD der patriotischen Stimmung, die im ganzen Land herrscht folgt. Sie schreibt: "Im Frieden gelten im Inneren jedes Landes Klassenkampf, nach au├čen die internationale Solidarit├Ąt, im Krieg gelten im Inneren des Landes die Klassensolidarit├Ąt, nach au├čen der Kampf zwischen den Arbeitern verschiedener L├Ąnder." Die kleine Gruppe um Rosa in Berlin diskutiert dar├╝ber, ob man zum Zeichen des Protests aus der Parte austreten soll. Rosa lehnt das ab, - man k├Ânne schlie├člich nicht aus der ganzen Menschheit austreten. Durch ihren hartn├Ąckigen Kampf gegen die offizielle Politik trifft sie auf Karl Liebknecht, die Beiden beschlie├čen zu handeln und unternehmen eine Agitationsreise durch West - und S├╝ddeutschland.
Am 18. Februar 1915 wird Rosa zwecks Strafantritt aus dem Frankfurter Proze├č verhaftet. Im Gef├Ąngnis schreibt sie jedoch weiter Artikel, die mit Hilfe einer sympathisierenden Gef├Ąngnisbeamtin herausgeschmuggelt werden. Als im M├Ąrz die erste Ausgabe der Zeitschrift "Internationale", die Rosa und Karl Liebknecht gegr├╝ndet haben, erscheint, werden Rosa, Clara, der Drucker und der Verleger der Zeitschrift des Hochverrats angeklagt. Das Verfahren wird zwar eingestellt, aber die Zeitschrift wird konfisziert. W├Ąhrend ihres Gef├Ąngnisaufenthaltes verschlechtert sich Rosas Gesundheitszustand zusehends. Ihre Sekret├Ąrin und Freundin Mathilde Jacob, die in Rosas Abwesenheit auch f├╝r deren geliebte Katze Mimi sorgt, darf ihr einmal pro Woche Zusatznahrung bringen. Am 22. Januar 1916 wird Rosa endlich entlassen, doch schon im Juli des gleichen Jahres in Sicherheitshaft genommen. Zuerst bringt man sie in das Weibergef├Ąngnis in Berlin, doch da sie eine Tafel Schokolade nach einem Beamten schleudert, wird sie in das Polizeipr├Ąsidium strafverlegt. Ihre Zelle dort ist elf Kubikmeter gro├č, schmutzig, verwanzt und sehr primitiv eingerichtet, trotzdem schreibt sie weiterhin Flugbl├Ątter und Artikel. Ende Oktober 1916 kommt Rosa auf die Festung Wronke in Posen, - Luxus im Vergleich zu dem Polizeipr├Ąsidium in Berlin. W├Ąhrend dieser Zeit steht sie in regelm├Ą├čigem Briefwechsel mit Hans Diefenbach, einem alten Freund, der ihr durch seine Briefe hilft, die einsame zeit im Gef├Ąngnis zu ├╝berstehen. Im Juli 1917 wird Rosa in das Gef├Ąngnis nach Breslau verlegt, "ein d├╝sterer Bau". Wenig sp├Ąter erreicht sie die Nachricht, dass Hans Diefenbach in der Nacht vom 24. Auf den 25. Oktober 1917 von
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einer Granate zerrissen worden ist. In seinem Testament hinterl├Ąsst er ihr die Zinsen von f├╝nfzigtausend Mark aus seinem Verm├Âgen bis an ihr Lebensende. Zwischen dem 6. Und 9. April 1917 wird die "Unabh├Ąngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands" (USPD) unter der F├╝hrung Karl Kautskys gegr├╝ndet. Auch der Spartakusbund um Rosa schlie├čt sich der USPD an. Durch die lange Zeit im Gef├Ąngnis wird Rosa immer depressiver. 1918 schreibt sie: "Meine Nerven, meine Nerven. Ich kann nicht mehr schlafen."
Am 9. November 1918 wird Rosa endlich entlassen. Vorerst bleibt sie in Breslau bei freunden, da noch keine Z├╝ge nach Berlin verkehren. Sobald es m├Âglich ist, reist sie nach Berlin. Am Bahnhof wird sie von Leo und Karl Liebknecht erwartet, die sie bitten die Redaktion der "Roten Fahne", einem Konkurrenzblatt zu dem von der SPD kontrollierten Blatt "Vorw├Ąrts". Mit ungeheurer Energie st├╝rzt sich Rosa sofort in die Arbeit. Doch es wird nicht leicht f├╝r sie und die anderen Mitglieder des Spartakusbundes, denn die SPD sorgt unter Anderem daf├╝r, dass am 11. November das Setzer - und Druckerpersonal sich weigert, die Zeitung zu drucken. Auch durch regierungstreue Soldaten, die immer wieder in der Redaktion des Blattes erscheinen, kommt es zu Auseinandersetzungen. Schon bald kommt es in der ├ľffentlichkeit, durch die schonungslosen Artikel der Zeitung angestachelt, zu dem Vorwurf, Rosa und der Spartakusbund wollen einen Sowjetstaat russischer Pr├Ągung in Deutschland herstellen. Wie weit dieser Vorwurf gerechtfertigt ist, bleibt umstritten. Anfang Dezember spricht Rosa auf sechs ├Âffentlichen Versammlungen des Spartakusbundes, um dessen Programm bekannt zu machen. Ungef├Ąhr um die gleiche Zeit tritt der Spartakusbund aus der USPD aus. Immer wieder werden Ger├╝chte ausgestreut, Spartakus sei f├╝r Mordtaten verantwortlich und bef├╝rworte den Terror. Am 29. Dezember 1918 treten im Festsaal des Preu├čischen Abgeordnetenhauses die Delegierten des Spartakusbundes zur Reichskonferenz zusammen. Man beschlie├čt eine eigene Partei, die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) zu gr├╝nden. Bereits am folgenden Tag schreibt die "Deutsche Allgemeine Zeitung": Zur Niederwerfung dieser Partei werden Theorien nicht gen├╝gen. Es kommt darauf an, ihr Gewalt gegen├╝berzustellen."
Am 15. Januar 1919 erscheint in der letze Ausgabe der "Roten Fahne" bis zum Februar ein Artikel Karl Liebknechts, der mit dem Satz endet: "Und ob wir dann noch leben werden, wenn das Ziel erreicht wird - leben wird unser Programm. Es wird die Welt der erl├Âsten Menschen beherrschen. Trotzalledem." Noch am selben Abend werden er und Rosa verhaftet und in das Eden - Hotel in Berlin gebracht. Rosa wird brutal zusammengeschlagen und ├╝ber den Boden geschleift. Schlie├člich wird sie in ein Auto gezerrt, das anf├Ąhrt. Nach etwa hundert Metern zieht einer der Bewacher einen Revolver und legt auf die Gefangene an. Sie ist noch bei Bewu├čtsein. Leise sagt sie: "nicht schie├čen." Beim ersten Versuch versagt die Waffe, der zweite Schu├č aber l├Âst sich. Rosa ist tot. Ihre Leiche wird von den M├Ąnnern in das schlammige Wasser des Landwehrkanals geworfen. Erst am 31. Mai wird ihre Leiche angeschwemmt. Nachdem sie zur Beerdigung freigegeben ist, wird sie am 13. Juni 1919 neben dem Grab von Karl Liebknecht beigesetzt. Ihre M├Ârder werden zu nicht einmal zwei Jahren Gef├Ąngnis verurteilt.


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Rosa Luxemburg

(1871 - 1919)

1871: 5.M├Ąrz geboren in Zamost
1880: Rosa tritt in das zweite Warschauer M├Ądchengymnasium ein
1887: 14.7., Abitur
1889: Flucht aus Polen
1890: Immatrikulation Rosas an der Universit├Ąt Z├╝rich
1893: Rosas Mandat wird auf dem Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongre├č in Z├╝rich abgelehnt
1897: 1.Mai, Rosa promoviert magna cum laude als Doktor des ├Âffentlichen Rechts
1898: Scheinehe mit Gustav L├╝beck, Rosa geht nach Berlin
1899: (Ende Dezember) Reise nach Oberschlesien
1900: Rosa auf dem Internationalen Sozialistenkongre├č in Berlin
1903: Scheidung von Gustav L├╝beck
Reise in ├Âstliche Provinzen des Deutschen Reiches
1904: Gef├Ąngnisstrafe wegen Majest├Ątsbeleidigung
1905: 29.12., Reise nach Warschau
1906: Haft in Warschau
(August) Reise nach Finnland
(September) SPD - Parteitag in Mannheim
(gegen Ende des Jahres) Trennung von Leo Jogiches
1907: 1.10., Beginn als Dozentin an der SPD - Parteischule
1914: 20.2., Verurteilung zu einem Jahr Gef├Ąngnis
Teilnahme an der Sitzung des Internationalen Sozialistischen B├╝ros in Br├╝ssel
1915: 18.2., Rosa wird zwecks Strafantritt verhaftet
1916: Rosa von Februar bis Juli in Freiheit
dann in Sicherheitshaft, erst auf dem Berliner Polizeipr├Ąsidium, dann Frauengef├Ąngnis Barnimstra├če
ab Oktober: Festung Wronke, Provinz Posen
1917: Rosa im Gef├Ąngnis in Breslau, Verschlimmerung des nerv├Âsen Magenleidens
1918: 9.11., Haftentlassung Rosas
Reise Rosas nach Berlin
Arbeit in der Redaktion der>>Roten Fahne<<
29. - 30.12., Gr├╝ndungsparteitag der KPD
1919: 15.1. abends, Verhaftung Rosas in Berlin - Wilmersdorf, Mi├čhandlung im Eden - Hotel, - Ermordung
31.5., ihre Leiche wird angeschwemmt
13.6., Beerdigung in Berlin - Friedrichsfelde


>>Eine Welt muss umgest├╝rzt werden, aber jede Tr├Ąne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage....<<
R.L. 1918





Quelle:
Frederik Hetmann "Rosa L."

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