Anorexie und Bulimie






Anorexie und

Bulimie




Die Ursachen
psychosomatischer Essstörungen
und ihre Auswirkungen auf den Betroffenen und sein Umfeld









Karl Kiser / Biologie
Matura - Arbeit 1999
Claudia Binz

Inhaltsangabe

1
Einleitung
Begriffsdefinitionen: Anorexie und Bulimie
Die Herkunft und Geschichte der Essstörungen

2
2.1 Der "Sinn" der Magersucht
2.2 Ursachen der Magersucht
2.3 Symptome und Auswirkungen der Magersucht

3
3.1 Der "Sinn" der Bulimie
3.2 Ursachen der Bulimie
3.3 Symptome und Auswirkungen der Bulimie

4
4.1 Essstörungen in unserer Gesellschaft: Eine Fallstudie
4.2 Analyse der Fallstudie

5
5.1 Das Umfeld der Betroffenen: ein Interview
5.2 Wer ist von Essstörungen betroffen?
5.3 Therapiemöglichkeiten

6
6.1 Schlusswort
6.2 Quellenangaben






1.1 Einleitung

Magersucht und Bulimie - Begleiterscheinungen unserer Zeit, unserer Konsumgesellschaft? Nein. Gegeben hat es sie schon immer, dennoch treten sie seit Mitte unseres Jahrhunderts verst√§rkt hervor. Immer mehr Menschen, mehrheitlich junge Frauen, sind davon betroffen, nicht wenige tragen √ľber die Jahre hinweg schwerwiegenden Sch√§den davon.
Eine Studie des amerikanischen "National Eating Disorder Screening Programs" belegt, dass 15% der jungen Frauen an Esst√∂rungen leiden, dass ungef√§hr 1000 junge Amerikanerinnen j√§hrlich an Essst√∂rungen sterben und dass √ľber 5 Millionen Amerikanerinnen von Essst√∂rungen betroffen sind. Essst√∂rungen sind psychosomatische, also psychisch bedingte Krankheiten, sind S√ľchte, sind √§usserst sch√§dlich f√ľr K√∂rper und Geist - und in den schlimmsten F√§llen todbringend. Und obwohl die Betroffenen sich √ľber die Folgen ihrer Krankheit genaustens im Klaren sind, sind sie nicht imstande, einen Schlussstrich zu ziehen. Gefangen in den Klauen des Schlankheitswahns, dem Streben nach dem Ideal.

1.2 Begriffsdefinitionen

    Anorexie

Das Wort ‚Anorexie‘, zu Deutsch ‚Magersucht‘, kommt aus dem Lateinischen (anorexia) und bedeutet soviel wie ‚Appetitlosigkeit‘, wobei diese Erkl√§rung √§usserst irref√ľhrend ist. Magers√ľchtige sind nicht appetitlos - ganz im Gegenteil. Das eigentlich erw√ľnschte Hungergef√ľhl, das den Betroffenen Selbstkontrolle vermittelt, ist qu√§lend und zerst√∂rerisch. Schliesslich sind sie so aufs Hungern fixiert, dass sich ihr ganzes Denken und F√ľhlen nur um das Essen, respektive das Nichtessen dreht - der Betroffene hungert sich buchst√§blich zu Tode. Selbst wenn sie bereits ein erhebliches Untergewicht aufweisen, halten die Patienten sich f√ľr fett.

    Bulimie

Das Wort ‚Bulimie‘, zu Deutsch ‚Fettsucht‘ ist ebenso wie die Magersucht eine psychosomatische Essst√∂rung, wenn auch weniger bekannt und bei weitem weniger offensichtlich als die Anorexie. Bei der Bulimie, Fachbegriff ‚Bulimia Nervosa‘ (der Zusatz "nervosa" weist auf die psychischen Ursachen der E√üst√∂rung hin), konsumiert, respektive verschlingt der Patient unm√§ssige Mengen an Nahrungsmitteln, oftmals verzehrt der Betroffene bis zu 10'000 kcal pro "Heisshungerattacke", und dies innert k√ľrzester Zeit. Unmittelbar nach einem solchen Anfall erbricht er sich (selbstinduziertes Erbrechen) oder nimmt

Abf√ľhrmittel zu sich, um die eingenommenen Kalorien schnellstm√∂glichst wieder loszuwerden.
Oftmals kommen die beiden S√ľchte auch gekoppelt vor, meist entwickeln sich langfristige Magers√ľchtige zu krankhaften Bulimikern. Die Unterscheidung der beiden ist schwierig, zwar sind beide Krankheitsbilder jeweils durch typische Merkmale gekennzeichnet, der √úbergang ist jedoch flie√üend. Bei vielen Patientinnen tritt eine Mischung von Symptomen auf, man spricht dann von einer Bulimanorexie.

1.3 Geschichte der Essstörungen

"Freud vermutete unter anderem eine Furcht vor dem Frausein und der Heterosexualit√§t, andere stellen mit ihr einhergehende Hyperaktivit√§t fest, h√§ufig wird auch der Verdacht √ľberdurchschnittlicher Intelligenz oder √§hnlicher unfraulicher Eigenschaften ausgesprochen", so Brumberg in seinem Buch "Todeshunger", worin er die Geschichte der Magersucht vom Mittelalter bis heute aufrollt. Darin erf√§hrt man auch interessante Details wie "nur Verr√ľckte und Nymphomaninnen essen exzessiv Fleisch", und dass der Grad der Kultiviertheit, des Niveaus und der Bildung antiproportional zur K√∂rpermasse ist.
Kaum eine andere psychische St√∂rung ist in den letzten Jahren so h√§ufig in der Presse erw√§hnt worden wie die Anorexie. Immer wieder wird von "Ber√ľhmtheiten", insbesondere von Models oder Schauspielerinnen behauptet, sie seien magers√ľchtig. Das Krankheitsbild der Anorexia nervosa ist erstmals bereits 1873 beschrieben worden. Die Diagnose wird aber erst seit den 70er Jahren h√§ufiger gestellt, wobei nicht eindeutig gesagt werden kann, ob die Krankheit in der heutigen Gesellschaft tats√§chlich √∂fter auftritt, oder ob die gestiegene Aufmerksamkeit dazu f√ľhrt, dass die Krankheit h√§ufiger diagnostiziert wird.
Einen wahrhaftigen Anorexie - Boom hat in den sp√§ten 60er Jahren das spindeld√ľrre Model Twiggy (englisch, zu deutsch "Zweig", die Frau auf der Titelseite meiner Arbeit) ausgel√∂st - Frauen aller Alters - und Gesellschaftsklassen erkannten die von vielen M√§nnern als "Hungerhaken" verschriene Twiggy als Ideal an. Im Jahre 1965 ist nach der WHO ein rapider Anstieg an Neuzug√§ngen in Spit√§lern zu verbuchen, die aufgrund ern√§hrungsm√§ssiger Mangelerscheinungen meist zwangseingewiesen wurden, auch die Todesf√§lle der jungen Frauen durch Freitod oder freiwilliges (Ver - )Hungern nahm drastisch zu. Heute wird in 1000en von Frauenzeitschriften die schlanke Figur propagandiert: es gibt dabei jedoch zwei Fronten. Die einen sind die Bef√ľrworter der "gesunden" Figur, d.h des Normal - und des Idealgewichtes, die sich folgendermassen berechnen l√§sst:
Normalgewicht = Körpergrösse minus 100
Idealgewicht = Körpergrösse minus 100 minus 10%
Die andern sind die Vertreter der schlanken Figur, erstaunlicherweise meist Frauen - es hat sich herausgestellt, dass die meisten M√§nner eine d√ľnne Figur zwar √§sthetisch finden, doch f√ľr eine Partnerschaft eher eine "normale" Figur mit Vorz√ľgen und Makeln bevorzugen.

2 Die Anorexie

2.1 Der "Sinn" der Anorexie

Ziel der Anorexie ist der perfekte K√∂rper, gut oder grossartig ist nicht genug. Die Patienten haben Angst davor, fett zu sein. Sie leugnen, gef√§hrlich d√ľnn zu sein, wie ihre Selbstwahrnehmung gest√∂rt ist. Sie sind besessen von Essen und Di√§ten, sprechen st√§ndig davon, registrieren jede Kalorie, die sie zu sich nehmen. Sie betreiben st√§ndig und √ľberm√§ssig Sport. Ein wichtiger Faktor ist ebenso das Gef√ľhl der Selbstkontrolle, das der verwirrte Patient durch die bewusste Nahrungsverweigerung wieder herstellen kann. Etwa 50% der Patientinnen halten ausschlie√ülich Di√§t, bei den anderen treten aber auch bulimische Symptome (Essanf√§lle und selbst herbeigef√ľhrtes Erbrechen) auf.
Die Sterblichkeitsrate bei Eßstörungen liegt in einem Bereich von 5% - 20%.
Bezogen auf die Gesamtbev√∂lkerung tritt die Anorexie relativ selten auf. Bei Frauen in der Altersspanne vom 15. bis zum 25 Lebensjahr, die als Risikogruppe f√ľr Magersucht gelten, findet sich die Erkrankung allerdings bei ca. 2% der Betroffenen. Es sei erw√§hnt, dass nur etwa 5% der Erkrankten M√§nner sind. Anorexie beginnt oft schon in der fr√ľhen Jugend, h√§ufig kurz nach dem Einsetzen der ersten Menstruation. Neben diesem Erkrankungsgipfel um das 14. Lebensjahr, tritt die St√∂rung auch etwa im 18. Lebensjahr geh√§uft auf.


2.2 Die Ursachen der Anorexie

Bei der Entstehung der Anorexie wirken verschiedene Faktoren zusammen, die sich gegenseitig beeinflussen.

    Biologische Einfl√ľsse

Man vermutet, dass bei vielen anorektischen Patientinnen eine St√∂rung derjenigen Hirnregion vorliegt, die f√ľr die Steuerung des Essverhaltens, der sexuellen Aktivit√§t und der Menstruation zust√§ndig ist. Es ist allerdings auch m√∂glich, dass die Funktionsst√∂rung dieser Hirnregion erst im Laufe der Erkrankung, z.B. als Folge des Gewichtsverlustes, auftritt und nicht eigentliche Ursache der Sucht ist. F√ľr eine biologische Verursachung der Magersucht sprechen jedoch Untersuchungen, die zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der eineiige Zwilling von einer anorektischen Patientin ebenfalls an Magersucht leidet, etwa 50% betr√§gt. Bei zweieiigen Zwillingen liegt diese Wahrscheinlichkeit bei unter 10%. Diese Ergebnisse belegen, dass eine genetische Veranlagung an der Entstehung der Anorexie beteiligt ist.

    Psychologische Einfl√ľsse

Da die Anorexie besonders h√§ufig w√§hrend der schwierigen Entwicklungsphase der Pubert√§t einsetzt, ist man zu dem Schluss gekommen, dass die Erkrankung auftritt, wenn der junge Mensch sich von den ihm gestellten Anforderungen √ľberfordert f√ľhlt. W√§hrend der Pubert√§t entwickelt sich das M√§dchen zur Frau und der Junge zum Mann, und muss eine entsprechende neue Identit√§t finden. F√ľhlt sich die Betroffene davon √ľberfordert, entsteht ein tiefes Gef√ľhl der Unsicherheit. F√ľr viele Patienten scheint der Versuch, Kontrolle √ľber ihr K√∂rpergewicht aus√ľben zu k√∂nnen, ein Gef√ľhl von Sicherheit zu vermitteln. Das K√∂rpergewicht wird eine wichtige Quelle f√ľr ihr Selbstwertgef√ľhl.

In den Familien anorektischer Patienten sind h√§ufig bestimmte Verhaltensmuster festgestellt worden. Die Patienten werden oft von ihren Eltern stark beh√ľtet, d.h. dass auch in der Familie nicht angemessen auf die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen reagiert wird. Ebenso scheinen Konflikte in der Familie in vielen F√§llen nicht angesprochen zu werden. Allerdings handelt es sich bei diesen Feststellungen um reine Beschreibungen typischer famili√§rer Verhaltensmuster; es ist durchaus m√∂glich, dass diese nicht die Ursache, sondern die Folge der Erkrankung sind. Das Krankheitsbild der Anorexie ist gerade f√ľr die Eltern sehr besorgniserregend, was dazu f√ľhren kann, dass sie ihr Kind sch√ľtzen und von Konflikten fernhalten m√∂chten.

    Gesellschaftliche Einfl√ľsse

In westlichen Gesellschaften hat sich das Sch√∂nheitsideal seit Anfang der 60er Jahre immer mehr in Richtung eines sehr schlanken K√∂rpers entwickelt. Paradoxerweise ist es auf der anderen Seite durch relativen Wohlstand und ein Nahrungs√ľberangebot gleichzeitig zu einem Anstieg des Durchschnittsgewichts gekommen. √úbergewicht wird insbesondere bei Frauen gesellschaftlich sehr negativ bewertet. √úbergewichtige M√§nner werden als stattlich bezeichnet, Frauen hingegen als fett. Durch Werbung und Filme erh√§lt man den Eindruck, dass nur schlanke Frauen erfolgreich und beliebt sind, dicke Frauen sind entweder graue M√§use oder "Ulknudeln". Gerade junge Frauen, die w√§hrend der Pubert√§t k√∂rperliche Ver√§nderungen durchlaufen und erst ein Gef√ľhl f√ľr ihren "neuen" K√∂rper entwickeln m√ľssen, k√∂nnen durch dieses Schlankheitsideal stark verunsichert werden.




2.3 Die Folgen der Magersucht

    Körperschema - Störung

Bei anorektischen Patientinnen kommt es zu einer St√∂rung der Wahrnehmung des eigenen K√∂rpers. Auch wenn sie im Laufe der Erkrankung schon extrem viel Gewicht verloren haben, √ľbersch√§tzen sie ihren K√∂rperumfang und halten sich f√ľr zu dick.
Infolge der verzerrten Wahrnehmung des eigenen K√∂rpers bem√ľhen die Betroffenen sich, ihr vermeintlich zu hohes Gewicht zu reduzieren. Das Essen nimmt einen zentralen Stellenwert im Leben der Betroffenen ein. Sie verwenden viel Energie darauf, Hungergef√ľhle zu unterdr√ľcken oder bereiten mit gro√üem Eifer wahre Festmahle f√ľr andere zu, an denen sie aber selbst nicht teilnehmen. In Hinblick auf die Ver√§nderungen des E√üverhaltens lassen sich zwei Gruppen von anorektischen Patientinnen unterscheiden:

b) Gewichtsverlust

Neben der strengen Di√§t setzen viele Anorektikerinnen zus√§tzlich Appetitz√ľgler, Abf√ľhrmittel und sportliche Bet√§tigung ein, um abzunehmen. Durchschnittlich verlieren anorektische Patientinnen 45 - 50% ihres Ausgangsgewichts. Liegt das K√∂rpergewicht um mindestens 15% niedriger als das Normalgewicht, wird die Diagnose der Anorexie gestellt. Viele Patientinnen magern bis auf 30 Kilogramm ab.

c) Körperliche Veränderungen

Durch den Gewichtsverlusts und die Mangelern√§hrung kann es zu schwerwiegenden k√∂rperlichen Sch√§den kommen. Aufgrund von hormonellen St√∂rungen bleibt die Menstruation meist aus, M√§nner werden meist impotent. Bei Beginn der St√∂rung vor der Pubert√§t wird die k√∂rperliche Entwicklung meist stark verz√∂gert. Auch Verlangsamung des Herzschlags, niedriger Blutdruck, Absinken der K√∂rpertemperatur, Hautprobleme, flaumartige Behaarung des R√ľckens, Muskelschw√§che, Haarausfall und Wassereinlagerung im Gewebe k√∂nnen als Folgen der Anorexie auftreten. Der Mineralstoffhaushalt ist in der Regel gest√∂rt. Diese k√∂rperlichen Befunde werden durch die Mangelern√§hrung verursacht und verschwinden meist vollst√§ndig, wenn sich das E√üverhalten langfristig normalisiert hat. Durch die konstante Mangelern√§hrung wird der Energieverbrauch herabgesetzt. Infolgedessen f√ľhrt normale Nahrungsaufnahme unter diesen Umst√§nden kurzfristig zu einer Gewichtszunahme.



d) Psychische Veränderungen

Bei anorektischen Patientinnen steht das beharrliche Streben, d√ľnner zu werden im Vordergrund. Verbunden damit besteht eine extreme Angst vor einer Gewichtszunahme. Schon eine Zunahme von wenigen Gramm, die aufgrund des gesenkten Energieverbrauchs ja schon nach recht geringer Nahrungsaufnahme folgen kann, l√∂st regelrechte Panik aus. Das f√ľhrt zu einem erneuten Versuch, das E√üverhalten (noch strenger) zu kontrollieren. Die Patientinnen befinden sich also in einem regelrechten Teufelskreis. H√§ufig zeigen sich bei den Betroffenen auch depressive Symptome und starke Reizbarkeit.

3 Die Bulimie

3.1 Der "Sinn" der Bulimie

Ziel der Bulimie ist es - - genau wie bei der Anorexie - den perfekten K√∂rper zu bekommen. Ebenso steht auch hier der st√§ndige Gedanke, das permanente Verlangen nach Essen im Vordergrund. Die Patientin kann sich die Nahrungsaufnahme, den Genuss, nicht verweigern und macht sich in Heisshungerattacken √ľber masslose Esswarenmengen her. Die Patientin kann das Essen in normalen Mengen nicht mehr geniessen, ihr Kopf schreit nach √úbers√§ttigung, nach dem V√∂llegef√ľhl. Anders als in der Anorexie ist der Gewichtsverlust in der Bulimie begrenzt, meist kaum vorhanden, da nur ein Bruchteil (man spricht von etwa 1/3) der eingenommenen Kalorien durch Erbrechen wieder ausgeschieden wird. Man nimmt an, dass ca. 5% der Frauen der Risikogruppe davon betroffen sind.

3.2 Die Ursachen der Bulimie

Die Ursachen sind √§hnlich wie in der Anorexie in biologische, psychologische und gesellschaftliche Einfl√ľsse unterteilt, die dieselben Urspr√ľnge haben.
Wie oben erwähnt, ist die Bulimie nicht wie die Anorexie eine komplette Genussverweigerung, sondern vielmehr ein verzweifeltes Anklammern. Oftmals haben rein bulimisch essgestörte Patienten auch einen stärkeren Sexualtrieb als Anorexiker.






3.3 Die Folgen der Bulimie

a) Physische Auswirkungen und medizinischen Komplikationen bei der Bulimie

√Ąhnlich wie in der Anorexie zeigt der Patient eine verringerte Herzt√§tigkeit und K√∂rpertemperatur sowie einen R√ľckgang des Kaloriengrundumsatzes. Bei Frauen kommt eine unregelm√§√üige oder ausbleibende Menstruation vor, bei M√§nnern Impotenz. Die feine K√∂rperbehaarung (K√∂rperflaum) nimmt zu, w√§hrend das Kopfhaar ausf√§llt. Die Haut ist blass und trocken, es stellen sich Kreislaufschw√§chen ein und Schwellungen oder Taubheit an H√§nden und F√ľ√üen oder im Gesicht. Bei Bulimikern sind ebenfalls ger√∂tete und gereizte Hautstellen an den H√§nden festzustellen durch das selbstinduzierte Erbrechen.
Das gr√∂√üte Risiko besteht, wenn selbstherbeigef√ľhrtes Erbrechen, Mi√übrauch von Medikamenten und extreme sportliche Bet√§tigung zusammen auftreten. Diese Kombination von Ma√ünahmen zur Gewichtskontrolle erh√∂ht das Risiko von Herzproblemen durch Muskelschwund oder auch durch St√∂rungen im Elektrolythaushalt.
Der Gebrauch von Abf√ľhrmitteln f√ľhrt gew√∂hnlich zu Eiweiss - und Mineralienmangel. Bulimiker leiden h√§ufig an Magen/Darm - Beschwerden: Bl√§hungen, V√∂llegef√ľhl, Sodbrennen, Unterleibsschmerzen und Verstopfung. Die Speiser√∂hre wird durch das wiederholte Erbrechen gereizt.
Selbst beigef√ľgtes Erbrechen f√ľhrt nicht zwangsl√§fig dazu, dass die Kalorien, die vorher, z.B. bei einem E√üanfall, zu sich genommen wurden, wieder abgegeben werden. Tats√§chlich werden bis zu zwei Drittel der aufgenommenen Kalorien im K√∂rper behalten. Je l√§nger eine Person den Zyklus Essen/Erbrechen beibeh√§lt, um so mehr Kalorien werden vom K√∂rper nicht mehr abgegeben. Anfangs werden die Betreffenden zwar Gewicht verlieren, der K√∂rper stellt sich im Lauf der Zeit aber auf dieses Verhalten ein. Das Erbrechen f√ľhrt auch dazu, dass das nat√ľrliche V√∂llegef√ľhl verlorengeht, so dass H√§ufigkeit und Ausma√ü der E√üanf√§lle mit der Zeit ansteigen. √úberm√§√üige Di√§t, z.B. durch √úberspringen von Mahlzeiten oder der Gebrauch von Appetithemmern, erh√∂ht die Gefahr von E√üanf√§llen noch.
Abf√ľhrmittel und entw√§ssernde Medikamente sind gef√§hrlich und unwirksam, wenn es darum geht, Kalorienaufnahme zu vermeiden. Abf√ľhrmittel zeigen ihre Wirkung erst dann, wenn der Hauptteil der Nahrung bereits verdaut und die Kalorien bereits aufgenommen worden sind.
Der Gebrauch von entw√§ssernden Mitteln hat praktisch keinen Einflu√ü auf die Kalorienaufnahme des K√∂rpers. Ein Gewichtsverlust wird einzig durch den Fl√ľssigkeitsverlust
erzielt. Beim Erbrechen wird der Zahnschmelz durch die Magensäure angegriffen. Durch das Putzen der Zähne nach dem Erbrechen wird keine Abhilfe geschaffen, sondern lediglich die Säure stärker in die Zähne geschrubbt.
Depressionen, Apathie, Unausgeglichenheit und zwanghafte Fixierung auf das Essen können ebenfalls durch unzureichende Nahrungsaufnahme verursacht werden.

    Prognose


Nach einer Behandlung zeigt sich bei etwa 30% der Patientinnen eine vollst√§ndige Besserung, d.h. sie erreichen zumindest ann√§hernd das Normalgewicht und haben regelm√§ssig ihre Menstruation. Bei 35% l√§sst sich zwar eine Gewichtszunahme feststellen, der Bereich des Normalgewichts wird allerdings nicht erreicht. Das Krankheitsbild bleibt bei ca. 25% der Betroffenen chronisch bestehen. Auch nach einer Gewichtsnormalisierung h√§lt bei vielen Betroffenen die verzerrte Einstellung zu Gewicht und Figur an. Generell sind die Besserungschancen aussichtsreicher, wenn die Erkrankung fr√ľh begonnen hat. Bei einem sehr fr√ľhen Beginn vor dem 11. Lebensjahr ist die Voraussage dagegen deutlich schlechter.

4 Essstörungen im Alltag

4.1 Essstörungen in unserer Gesellschaft: eine Fallstudie

Als ich mich mit dem Thema "Essst√∂rungen" auseinanderzusetzen begann, begriff ich, dass dies ein allt√§gliches, immer vorhandenes Problem ist, und dass viel mehr Leute davon betroffen sind, als dass ich es jemals angenommen h√§tte. Ern√§hrungswissenschaftler nennen Prozentzahlen von bis zu 62% der jungen Frauen zwischen 13 und 32 Jahren, wobei man wissen muss, dass "Essst√∂rungen" verschiedentlich interpretiert werden k√∂nnen; Anorexie und Bulimie bis tempor√§re Nahrungsverweigerung, exzessiver Sport, Genussverweigerung und schlechtes Gewissen sind nur einige der Punkte, die man allein oder kollektiv als gest√∂rtes Essverhalten bezeichnen k√∂nnte. Deshalb beschloss ich, einen Fragebogen zu gestalten und mir aufgrund der Antworten der m√§nnlichen und weiblichen Sch√ľlerInnen des 3. und 6. Gymnasiums sowie der 3. Sekundarschule Sarnen ein Bild zu machen. Die Ergebnisse habe ich im Folgenden zusammengefasst.
Anzahl der ausgeteilten Fragebögen: 84
Fragebögen am Gymnasium: 68
Klasse 3a: 24 / Klasse 3c: 23 / Klasse 6b: 21

Fragebögen an die 3. Klasse der Sekundarschule: 16
Anzahl der ausgef√ľllten Frageb√∂gen: 82
Gymnasium: 66, davon 38 weiblich, 28 männlich
Sekundarschule. 16, davon 9 weiblich, 7 männlich

4.2 Analyse der Fallstudie

Am Beispiel der Fallstudie ist klar ersichtlich, dass Essst√∂rungen ein reales Problem unserer Zeit, Gesellschaft und unserer Altersklasse sind. Was besonders auff√§llt ist die hohe Zahl der weiblichen Betroffenen - M√§nner scheinen sich viel weniger mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. Ob sie sich weniger Gedanken dar√ľber machen oder sich schlichtweg diesem hochstilisierten Menschenbild, also Idealbild nicht unterwerfen, bleibt unklar.

à Bei Frage Eins ist der Unterschied klar erkennbar; mehr als die Hälfte der befragten Frauen nehmen an, jemanden zu kennen, bei dem eine Essstörung vorliegt, doch nur 8% der Männer; während sich 1/3 der Frauen sich sicher sind, einen Betroffenen zu kennen, sind es bloss 17% der Männer.

√† Frage Zwei kristallisiert das K√∂rperverh√§ltnis der beiden Geschlechter heraus; es zeigt sich, dass viel weniger Frauen mit ihrem K√∂rper zufrieden oder teilweise zufrieden sind als M√§nner, sehr wenige Frauen f√ľhlen sich in ihrem K√∂rper vollkommen wohl, viele (M√§nner wie Frauen) sind teilweise mit sich zufrieden.

√† Frage Drei geht der Ursache des Unwohlseins auf den Grund, dabei stellt sich heraus, dass Frauen sich oft zu dick, unwohl oder nicht von ihrer Umwelt akzeptiert f√ľhlen, w√§hrenddem M√§nner sich am ehesten zu d√ľnn f√ľhlen.

à Bei Frage Vier stellt sich heraus, dass knapp mehr als die Hälfte der Frauen ihr Essverhalten als anormal ansehen, jedoch nur knapp 1/3 der Männer.

Nach gr√ľndlichem Studieren und abgeschlossener Analyse der Frageb√∂gen war neben dem Unterschied der Geschlechter auch eine klare Altersdifferenz ersichtlich. W√§hrend sich in der dritten Sekundar - sowie Gymnasialklasse die Angesprochenen wenig bis keine Gedanken √ľber Essverhalten und Essst√∂rungen machen, ist die Anteilnahme der 18 - und 19 - j√§hrigen der sechsten Gymnasialklasse auffallend. Auch die meisten selbst Betroffenen stammen aus dieser Altersgruppe. Zwischen Sekundar - und Gymnasialstufe war kein nennenswerter Unterschied festzustellen.




5 Feldstudie

5.1 Das Umfeld der Betroffenen: Ein Interview

Nach einem l√§ngeren Gespr√§ch mit einer Psychologin der Suchtpr√§ventions - und Suchtbek√§mpfungsstelle in Luzern entschloss ich mich deren Vorschlag anzunehmen und ein Interview mit einer ehemaligen Anorexiepatientin durchzuf√ľhren. Sie kontaktierte die junge Frau und ihre Familie und organisierte ein Treffen mit Sonja (18), der ehemaligen Patientin, und ihrer Mutter Maria in Luzern.

Claudia: "Zuerst m√∂chte ich mich herzlich bei Euch daf√ľr bedanken, dass Ihr Euch beide f√ľr
dieses Interview zur Verf√ľgung gestellt haben, um mit mir √ľber Deine Krankheit zu sprechen.
Ich denke, das ist sehr schwierig f√ľr Dich, Sonja."
Sonja: "Mittlerweile nicht mehr so sehr, obwohl es verst√§ndlicherweise noch immer nicht oder auch nicht mehr eines meiner Lieblingsthemen ist. Ich begann damit, als ich knapp 15 war, kurz nachdem ich meine 1. Periode gekriegt habe, daran kann ich mich noch erinnern. Ich hatte enorm zugenommen, und da ich noch nie besonders schlank gewesen bin, hat mich das sehr belastet. Ich begann damit, jegliche S√ľssigkeiten von meinem Nahrungsplan zu streichen, keine Schokolade mehr, keine Guetzli, kein gar nichts. Gem√ľse, literweise Wasser, was man so zu sich nimmt w√§hrend einer Di√§t. Ich zog es durch und habe innerst k√ľrzerster Zeit etwa 7 Kilo abgenommen. Ich war sehr gl√ľcklich dar√ľber, meine Mutter eher weniger."
Maria: "Nun ja, nat√ľrlich nicht. Also...eigentlich schon, denn ich sah, wie gl√ľcklich es Sonja machte, endlich Gewicht verloren zu haben, zumal sie so lange damit gek√§mpft hatte. Ich kannte jedoch eine andere Mutter, deren Tochter mit 17 magers√ľchtig geworden war und hatte deshalb - jetzt wohl berechtigterweise - meine Bedenken."
C.: "Hast Du mit Sonja dar√ľber gesprochen?"
M.: "Zu Anfang nicht, denn ich wollte sie nicht angreifen oder gar verletzen, doch als sie nach 5 Monaten sehr viel Gewicht verloren hatte und intensiv Sport betrieb, hatte ich ein wenig ein mulmiges Gef√ľhl, ich traute dem Frieden nicht mehr so ganz. Zudem war sie sehr reizbar geworden, sie hatte aufgeh√∂rt, das Nachtessen mit der Familie einzunehmen, kam Mittags nicht mehr nach Hause, weil sie angeblich in der Schule ass...und so weiter. Da habe ich sie zum ersten Mal darauf angesprochen. Sie ging √ľberhaupt nicht darauf ein, sagte, ich sollte nicht so ein Theater machen, das sei alles ganz normal."
C.: "Wusstest Du damals schon, dass dies ein Problem f√ľr Dich werden k√∂nnte, oder dachtest Du, Du k√∂nntest damit aufh√∂ren, wann immer Du wolltest? Wolltest Du √ľberhaupt damit aufh√∂ren?"
S.: "Damals nicht. Also ich wollte nicht aufhören, aber ich sah es auch nicht als Problem an. Erst als ich auf 47 Kilo abgemagert hatte; vorher war ich 59 Kilo schwer bei einer Grösse von 1,61m; da hatte ich meinen ersten Kollaps, als ich an einem 5 - Kilometer - Lauf teilnahm...bei Kilometer Drei bin ich einfach zusammengeklappt. Schwarz vor den Augen, zack, weg.
M.: "Ich habe sie dann zum Arzt geschickt, Termin ausgemacht, und sie ist einfach nicht hingegangen..."
S.: "Ich wollte nicht, dass jemand in mir hermstochert, Sachen fragt und so."
M.: "Ich habe sie dann begleitet, nachdem sie zwei weitere Termine versäumt hatte. Der Arzt, der sie doch schon von Kindesschuhen auf kennt, war etwas verwirrt, als er sie sah. Und geschockt, nachdem sie sich ausgezogen hatte und er ihre Rippen zählen konnte. Wieviel wogst Du damals etwa?"
S.: "Etwa 43 Kilo."
C.: "In welchem Zeitraum muss ich mir das Ganze denn nun etwa vorstellen?"
S.: "Angefangen hat es, als ich 15 war....im August oder so. Bis zum Dezember hatte ich 7 Kilo weniger, bis April so um die 15. Das erste Mal beim Arzt war ich im Juni, als 10 Monate später."
C.: "Du hast also innert 10 Monaten ungef√§hr 17 Kilo abgenommen. Wie hast Du Dich gef√ľhlt?"
S.: "Hm...komisch. Einerseits stark, grossartig. Andererseits f√ľhlte ich mich noch immer fett, vielleicht fetter denn je. Ich hatte mir einen grossen Spiegel gekauft, ich stellte mich dreimal am Tag davor und fand mich h√§sslich und fett. Und die Waage nat√ľrlich, auch drei - bis viermal pro Tag. Aber beim Essen, also beim Nicht - Essen, da ging‘s mir gut. Hunger, das war mal so ein ausgepr√§gter Trieb...jetzt, also damals konnte ich ihn pl√∂tzlich unterdr√ľcken. Ich ass nur noch, wenn ich wollte, und das war eigentlich sehr selten. Viel Wasser, unges√ľsster Tee, schwarzer Kaffee f√ľr die Fettverbrennung, Kn√§ckebrot und Darvida, Selleriestangen, R√ľebli. Etwa 300 Kalorien pro Tag. Und viel Sport."
C.: "Wann und wieso wurdest Du in die Klinik eingeliefert?"
M.: "Zwangseingeliefert wurde sie. Mit H√§nden und F√ľssen hat sie sich gewehrt."
S.: "Klar, ich wollte nicht. So Ende Juli dann, mit 42 Kilo. Ich sah nicht ein, wieso. Die nahmen mir Blut, massen Werte und Zentimeter und versicherten mir immer wieder, alles werde gut werden. F√ľr mich war alles gut. Dort, in der Klinik, die ist in Luzern, lernte ich dann ein 16 - j√§hriges M√§dchen kennen, Katja, die auf 38 Kilo war. Sie sah aus wie ein Skelett. Sie hatte 4 Kilo weniger als ich, doch ich fand, da seien Welten dazwischen. Ich wollte nicht so sein wie sie. Sie war bleich, weiss, leer, ausgeh√∂hlt, sah aus wie eine Leiche, innerlich kaputt. Sie wollte lieber sterben, als zu essen. Da wollte ich mich √§ndern, ich konnte aber nicht."
C.: "War das der Wendepunkt? Wann hast Du selbst, f√ľr Dich, beschlossen, mit der Anorexie aufzuh√∂ren?"
M.: "Sie begann dann so eine Gruppentherapie, sp√§ter eine Einzeltherapie. Intensiv, brutal, aber wirksam. Sie machte sich Gedanken √ľber sich, √ľber ihre Zukunft, und sah, dass die Magersucht darin keinen Platz hatte. Damals sagte mir ihr Arzt: der Gipfel ist √ľberwunden. Ich glaubte ihm nicht, hatte von andern M√ľttern schon viel geh√∂rt, R√ľckf√§lle und so. Doch er hatte Recht. Fast unglaublich, aber Sonja hatte nie einen R√ľckfall."
S.: "Ja, ich hatte wohl Gl√ľck, dass ich so fr√ľh eingeliefert wurde. Katja k√§mpft nun schon seit 3 Jahren damit, sie sagt, sie werde es nie schaffen."
C.: "Bist Du in der Therapie auf die Ursache Deiner Krankheit gestossen?"
S.: "Nicht wirklich. Ich habe schon immer Probleme mit mir selbst gehabt, wurde als Kind oft von Klassenkameraden geh√§nselt, mein Selbstvertrauen hielt sich in Grenzen. Ich litt unter meinem √Ąusseren. Meine Familie hat mich immer unterst√ľtzt, aber ich musste es f√ľr mich selbst lernen, lernen, mich zu lieben. Das war und ist auch heute noch das Schwierigste. Ich habe Probleme damit, einen Partner zu finden, da ich immer annehme, dass ein Mann mich nicht akzeptieren kann, wie ich bin. Ich bin immer noch in Therapie, zumindest bis Ende dieses Jahres. Danach werde ich weitersehen. Ich will noch so viele Dinge tun, habe Perspektiven, Ziele. Aber meine erste Priorit√§t, das bin ich selber. Ich muss mich zuerst selbst heilen, und ich weiss nicht, wann dieser Prozess abgeschlossen ist."
C.: "Sonja, Maria, vielen Dank f√ľr dieses Interview."


5.2 Wer ist von Essstörungen betroffen?

In der Vergangenheit wurde angenommen, dass nur M√§dchen im Teenager - Alter und junge Frauen von dieser Essst√∂rung betroffen werden k√∂nnen, und sie stellen noch immer die Mehrzahl der Befallenen. Allerdings findet sich Magersucht mehr und mehr bei Personen beiderlei Geschlechts und jeden Alters, sogar bei Kindern, denen (durch Kino, Fernsehen, Freunde oder die Familie) der Eindruck vermittelt wird, dass die √§u√üere Erscheinung allesentscheidend ist. Manche Personen, wie Athleten und solche, bei denen die k√∂rperliche Erscheinung beruflich eine Rolle spielt (z.B. T√§nzer, Turner, Skispringer, L√§ufer, Ringer und Models) sind daf√ľr besonders empf√§nglich.

5.3 Therapiemöglichkeiten

Die Behandlung beginnt mit einer medizinischen Untersuchung, um den Zustand des Patienten zu bestimmen. In manchen F√§llen ist die Einweisung in ein Krankenhaus notwendig. In der Regel wird eine kombinierte Therapie mit Unterst√ľtzung von Arzt, Ern√§hrungsberater und Psychotherapheut benutzt, um die physische Gesundheit
wiederherzustellen und gest√∂rte Selbstwahrnehmung zu √ľberwinden. Die Familie und Freunde k√∂nnen wertvolle Unterst√ľtzung bringen, und Selbsthilfegruppen k√∂nnen von
Nutzen sein.
Die Therapie der Anorexie ist in zwei Abschnitte unterteilt. Vordringlichstes Anliegen ist zunächst eine Gewichtszunahme, um den körperlichen Folgeschäden entgegenzuwirken. Insbesondere wenn das Körpergewicht unter 75% des Normalgewichts liegt, die körperliche Verfassung lebensbedrohlich ist oder aufgrund der depressiven Verstimmung Selbstmordgefahr besteht, sollte die Behandlung zunächst im Krankenhaus stattfinden.
Da bei anorektischen Patientinnen oft nur wenig Einsicht hinsichtlich der Schwere ihrer Erkrankung besteht, m√ľssen bei k√∂rperlicher Lebensbedrohung oft zun√§chst N√§hrstoffe durch Infusion zugef√ľhrt werden. So bald wie m√∂glich sollten die Betroffenen die Verantwortung f√ľr ihre Gewichtszunahme aber selbst √ľbernehmen. Dabei kann es sinnvoll sein, bestimmte Belohnungen anzubieten, die sie f√ľr Erfolge bei der Ern√§hrungsumstellung erhalten.
Langfristig kann eine Normalisierung des Gewichts jedoch nur erreicht werden, wenn auch die Ursachen der Anorexie behandelt werden. Aufgrund der Vielfalt der Faktoren, die an der Entstehung der Störung beteiligt sind, umfaßt die Therapie verschiedene Komponenten:

√† In der Therapie sollen die Patientinnen die Richtigkeit ihrer Vorstellungen zur Bedeutung von Gewicht und Figur √ľberpr√ľfen. So soll z.B. eine Betroffene hinterfragen, ob Schlankheit tats√§chlich mit beruflichem und privatem Erfolg im Zusammenhang steht. Hat man auf diesem Weg herausgefunden, was die Patientin sich vom Schlanksein erhofft, kann mit ihr besprochen werden, auf welche andere Weise sie diese Ziele erreichen kann. Sie lernt, dass ihr Selbstwertgef√ľhl nicht allein von ihrem Gewicht abh√§ngt.

Da bei der Bulimie ein gesundheitsgef√§hrdendes Untergewicht vorhanden ist, muss die Patientin nicht k√ľnstlich ern√§hrt werden. Hauptziel der Therapie ist es, ihr Selbstbild zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren.

    Körperorientierte Therapie

In der k√∂rperorientierten Therapie sollen die Betroffene ein besseres Gef√ľhl f√ľr ihren K√∂rper bekommen, so dass sie auf ihre K√∂rpersignale (z.B. Hunger) angemessen reagieren und ihren K√∂rperumfang realistisch einsch√§tzen k√∂nnen.
Generell soll mit anorektischen Frauen die Bew√§ltigung von Problemen ge√ľbt werden. Dabei werden gemeinsam mit der Patientin verschiedene L√∂sungsalternativen entwickelt, die sie bei allt√§glichen Schwierigkeiten anwenden kann, bei denen sie sonst auf ihr gest√∂rtes E√üverhalten als Mittel der Bew√§ltigung zur√ľckgegriffen hat.



    Familienorientierte Therapie

Die familienorientierte Therapie wird insbesondere bei j√ľngeren Anorektikern eingesetzt, die noch bei ihrer Familie wohnen. Dabei soll die Familie darauf hingewiesen werden, wie sie auf das gest√∂rte Essverhalten der Patientin reagiert. In diesem Zusammenhang kann es hilfreich sein, wenn der Therapeut an Mahlzeiten in der Familie teilnimmt. Manchmal besch√§ftigen die Familienmitglieder sich so stark mit der Anorexie, dass sie sich um andere Probleme nicht mehr k√ľmmern k√∂nnen oder wollen. Die Betroffene erh√§lt auf diese Weise die ungeteilte Aufmerksamkeit, und die Familienmitglieder m√ľssen sich nicht mit sich und ihren eigenen Konflikten besch√§ftigen. Wird diese Reaktionsweise, die zu der Aufrechterhaltung der St√∂rung beitragen kann, unterbrochen, tritt h√§ufig eine Besserung ein. Gerade die Eltern erleben es meist als sehr erleichternd, wenn sie im Umgang mit der Erkrankung ihres Kindes von einem Therapeuten unterst√ľtzt werden.

6.1 Nachwort

Nach einem halben Jahr, das mit Gespr√§chen, Diskussionen, Recherchieren und Selbstreflexion ausgef√ľllt war, schliesse ich mein Maturaarbeit im Fach Biologie nun ab. Was hat sie mir pers√∂nlich gebracht? Ich muss ehrlich sagen, ich bin schockiert. Ich bin schockiert, dass eine junge Frau wie Sonja wissentlich ihren K√∂rper und ihren Geist im Sinne der Sch√∂nheit zugrunde richtet. Oder dass auf einem der Frageb√∂gen eine 18 - j√§hrige Gymnasiastin schreibt, sie f√§nde sich dick, unattraktiv, f√ľhle sich unwohl und sei seit 2 Jahren bulimisch. Oder dass die neuen Zahlen der Suchtstellen Bereich Essst√∂rungen einen Anstieg von 3% verzeichnen. Ich wusste, dass Essst√∂rungen ein reales Problem unserer Gesellschaft und meiner Altersgruppe darstellen - dennoch ist es ein Unterschied, ob man beil√§ufig davon h√∂rt, oder ob man nach abgeschlossenen Nachforschungen das selbst recherchierte Material mit allen Aussagen und Zahlen vor sich liegen hat.
Es l√§sst sich kein einheitliches Urteil f√§llen, kein allgemeing√ľltiger Grund f√ľr Essst√∂rungen. Psychische, physische oder soziale Probleme k√∂nnen Gr√ľnde sein, es kann ein "Auf - sich - aufmerksam - machen" sein, Selbsthass oder Verzweiflung. Die Opfer k√∂nnen beh√ľtet, vern√§chl√§ssigt, arm sein oder reich. Woran es aber allen Betroffenen mangelt, das l√§sst sich einfach sagen: Es mangelt ihnen an Selbstliebe und Selbstbewusstsein.
"Ich liebe mich" w√§re wohl der Satz, den nicht nur die Betroffenen, sondern viele von uns tagt√§glich uns selbst zufl√ľstern sollten. "Ich liebe mich: dass ich bin, wer ich bin, und wie ich bin".



6.2 Quellenangaben

Literatur

1) Monika Gerlinghoff, Herbert Backmund, Norbert Mai: Magersucht und Bulimie. Verstehen und bewältigen. Taschenbuch - 269 Seiten (1999); Beltz Fachbuch
2) Monika Gerlinghoff: Magers√ľchtig. Eine Therapeutin und Betroffene berichten.
Taschenbuch - 219 Seiten (1996); Piper, M√ľnchen
3) Ulrike Karren: Die Psychologie der Magersucht. Erklärung und Behandlung von Anorexia nervosa. Taschenbuch - 144 Seiten (1990); H. Huber, Göttingen
4) Joan Jacobs Brumberg: Todeshunger. Die Geschichte der Anorexia nervosa vom Mittelalter bis heute. Gebundene Ausgabe - 281 Seiten (1994); Campus Verlag


Websites

1) http://www.rcpsych.ac.uk/public/help/anor/anor_frame.htm
2) http://www.rcpsych.ac.uk/public/help/anor/anor_frame.htm
3) http://www.aabainc.org/general/bulimia.html
    http://www.aabainc.org/general/bulimia.html


Titelbild

Model Twiggy: http://www.geocities.com/Broadway/Balcony/7514/twigs85.html


4986 Worte in "deutsch"  als "hilfreich"  bewertet