Das Ende des Atomzeitalters

Das Ende des Atomzeitalters


Atomenergie ohne Zukunft

Kaum jemand gibt noch einen Pfifferling auf die Zukunft der Atomkraft. Die Bevölkerung ist mehrheitlich gegen neue Reaktoren und nicht bereit, die enormen Risiken dieser Technologie zu tragen. Bei vielen wirkt der Schock von Tschernobyl nach. Die deutschen Kraftwerksbetreiber, besonders die neun großen ElektrizitĂ€tsversorgungsunternehmen (EVU), sitzen in der Entsorgungsklemme, da noch immer kein Endlager fĂŒr atomaren MĂŒll existiert.

Angesichts dieser Situation gibt es nur eine sinnvolle Lösung: den Ausstieg aus der Atomenergie. Zwei Greenpeace - Studien zeigen, dass der Ausstieg ökologisch dringend geboten und ökonomisch machbar ist. Untersucht wurden dabei die volkswirtschaftlichen Kosten, die Folgen fĂŒr den Arbeitsmarkt sowie die Entwicklung des Kohlendioxid - Ausstoßes bis zum Jahr 2010. Die Ergebnisse sind eindeutig: Rund 40 Prozent Kohlendioxid - als Treibhausgas entscheidend an der globalen KlimaerwĂ€rmung beteiligt - und rund 85 Milliarden Mark ließen sich bis 2010 durch einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie einsparen.

Und nicht nur unter Kostenaspekten lohnt sich der Abschied vom Atomzeitalter: Die von Greenpeace geforderte Energiewende wĂŒrde zudem mehr als 100.000 zusĂ€tzliche ArbeitsplĂ€tze schaffen. Fazit: Die Atomenergie ist ein Dinosaurier der Energiepolitik - ein Auslaufmodell.


ReaktorunfĂ€lle ĂŒberall möglich


Atomkraftwerke (AKW) sind nicht sicher. Bei allen heute weltweit betriebenen Reaktortypen sind schwere UnfĂ€lle mit katastrophalen radioaktiven Freisetzungen möglich - nicht nur beim Tschernobyl - Typ. Ein solcher Reaktorunfall in Deutschland wĂŒrde die Landkarte Mitteleuropas verĂ€ndern und unermeßlichen Schaden verursachen.

Und Jahr fĂŒr Jahr wĂ€chst die Gefahr. Eine von Greenpeace in Auftrag gegebene und im April 1996 veröffentlichte Studie, verfaßt von einem ehemaligen leitenden AKW - Mitarbeiter, belegt dies. Ab einer Betriebsdauer von etwa 20 Jahren nimmt das Risiko eines Reaktorunfalles deutlich zu. In Deutschland sind unter anderem bei den alten Schrottreaktoren in Obrigheim und Stade gravierende Werkstoffprobleme bekannt geworden.

Aber auch der "Normalbetrieb" von Atomkraftwerken hat es in sich. Es ist erwiesen, dass im Umkreis des Reaktors in KrĂŒmmel LeukĂ€mieerkrankungen bei Kindern hĂ€ufier auftreten.


AtommĂŒll auf Reisen


Neben dem Risiko des Super - GAUs ist das wohl grĂ¶ĂŸte Problem der Atomenergie die Produktion von hochgiftigem und gefĂ€hrlichem AtommĂŒll - ein Problem, das fĂŒr Jahrmillionen in die Zukunft fortbesteht.

Um vom Entsorgungsnotstand abzulenken, verschieben Politik und Atomlobby hochgefĂ€hrlichen AtommĂŒll quer durch Europa. JĂ€hrlich fallen in deutschen Atomkraftwerken ca. 450 bis 500 Tonnen abgebrannter Brennelemente an, die "entsorgt" werden mĂŒssen. ZusĂ€tzlich werden "Altlasten" an Brennstoff aus dem stillgelegten AKW in Greifswald nach Osteuropa verschoben.

Bereits in den siebziger Jahren schlossen die deutschen ElektrizitĂ€tsversorgungsunternehmen deshalb VertrĂ€ge mit der Firma Cogema, Betreiberin der französischen Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) La Hague, und der Firma British Nuclear Fuels Limited (BNFL), Betreiberin der britischen WAA in Sellafield. Deutscher AtommĂŒll wird seither ins Ausland gebracht, um dort - zu horrenden Kosten - wiederaufgearbeitet zu werden. Der Transport der strahlenden Fracht ĂŒber Grenzen und tausende Kilometer birgt jedoch riesige Gefahren - vor allem fĂŒr die Menschen entlang der Transportstrecken. JĂ€hrlich laufen ĂŒber 100 solcher Transporte ĂŒber Straße und Schiene.

AtommĂŒll wird aber auch in Deutschland selbst hin und her kutschiert - von den hiesigen Atomkraftwerken in Zwischenlager wie im niedersĂ€chsischen Gorleben. 1995 wurde der erste BehĂ€lter mit abgebrannten Brennelementen aus dem Atomkraftwerk Philippsburg in Gorleben eingelagert. Dort landet auch der MĂŒll, der - Ă€hnlich einem Bumerang - nach der Wiederaufarbeitung aus La Hague und Sellafield zurĂŒckkommt: bis zum Jahr 2003 jĂ€hrlich rund 15 Transporte aus Frankreich plus fĂŒnf bis sechs Transporte jĂ€hrlich aus Sellafield (zwischen 2000 und 2004).


Zwischenlager - Kartoffelscheunen sind keine Dauerlösung


Die Abklingbecken der 19 noch laufenden deutschen Atomkraftwerke (AKW) bieten insgesamt Platz fĂŒr 4000 Tonnen hochradioaktiver AbfĂ€lle. Brennelemente von einem ins andere Atomkraftwerk zu verschieben, ist nicht erlaubt.

Bisher existieren zwei Zwischenlager fĂŒr AtommĂŒll: in Gorleben (Niedersachsen) und Ahaus (Nordrhein - Westfalen). Ihre KapazitĂ€t belĂ€uft sich auf insgesamt 5300 Tonnen AbfĂ€lle. Zwischenlagern heißt: Abgebrannte Brennelemente aus den AKW oder verglaste hochaktive AbfĂ€lle aus der WAA werden in sogenannte Castor - BehĂ€lter verpackt und in scheunenĂ€hnlichen Hallen abgestellt - ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen.

Laufen die deutschen AKW weiter, wĂ€chst auch der MĂŒllberg Jahr fĂŒr Jahr. Die vorhandenen LagerkapazitĂ€ten werden dann bald nicht mehr ausreichen. Die von Gorleben wurde 1995 erhöht und es lĂ€uft ein Antrag, um die KapazitĂ€t von Ahaus erweitern zu dĂŒrfen. Gleichzeitig plant die Atomindustrie in Lubmin bei Greifswald (Mecklenburg - Vorpommern) ein neues Zwischenlager. Und die Betreiber der Atomkraftwerke Obrigheim und Philippsburg kĂŒndigten an, mehr Platz vor Ort an den Anlagen schaffen zu wollen.

Als Warteschleife fĂŒr ihren AtommĂŒll kommen die Zwischenlager den Atomstrategen gerade recht. Denn was erst einmal fĂŒr 50 bis 100 Jahre in einer Scheune verschwinden kann, braucht jetzt kein Endlager. So lĂ€sst sich das Entsorgungsdesaster noch weitere Jahre verharmlosen - und das Problem des Wohin auf kĂŒnftige Generationen abwĂ€lzen.


Atomtransporte - mehr als nur ein Restrisiko


Seit Ende der 80er Jahre hat Greenpeace immer wieder gegen die riskanten, unfalltrĂ€chtigen Atomtransporte protestiert. Dazu gehörten Aktionen in DĂŒnkirchen - dem französischen Hafen, von wo deutscher AtommĂŒll nach Sellafield verschifft wird - und vor den AKW Unterweser, Gundremmingen, Philippsburg, Brokdorf oder Greifswald.

Ende April 1996 besetzen Aktivisten die Schienenausfahrt des AKW WĂŒrgassen (Nordrhein - Westfalen). Elf Tage lang demonstrieren sie dort gegen einen weiteren Abtransport abgebrannter Brennelemente zur Wiederaufarbeitung nach La Hague in Frankreich. Zum Abschluß der Aktion errichteten sie einen zehn Meter hohen Turm und hĂ€ngten ein Banner mit der Aufschrift: "Der WAA - hnsinn geht weiter. WĂŒrgassen - La Hague - Gorleben. Greenpeace fordert den sofortigen Stopp aller Transporte aus deutschen Atomkraftwerken ins Ausland."

Die Aktion in WĂŒrgassen machte auf das unsinnige und gefĂ€hrliche AtommĂŒll - Karussell aufmerksam - zur gleichen Zeit war erstmals ein BehĂ€lter mit hochaktiven atomaren AbfĂ€llen aus der Wiederaufarbeitung in La Hague nach Deutschland zurĂŒckgekommen.

Dieser Transport ins Zwischenlager Gorleben stieß - vor allem in der Region - auf erbitterten Widerstand der Bevölkerung und beschĂ€ftigte 19 000 Polizisten mit einem Kostenaufwand von 90 Millionen Mark - Kosten, die der Steuerzahler trĂ€gt, obwohl an der Nutzung der Atomenergie allein die Energieversorger verdienen.


TransportbehÀlter unsicher


Die enormen Gefahren dieses Transportes offenbarte bereits im April 1996 eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie des IngenieurbĂŒros "intac". Die Hannoveraner Wissenschaftler monierten entscheidende Schwachstellen des TransportbehĂ€lters TS 28 V: Der BehĂ€lterdeckel sei nur aufgesetzt, statt in den Rumpf des BehĂ€lters eingelassen.

WĂ€hrend des Transportes schließe nur ein einziger Deckel den BehĂ€lter, und die Schweißnaht zur Bodenplatte sei bei einem Unfall ein mögliche Gefahrenstelle fĂŒr Lecks. Feuertests mit dem BehĂ€ltertyp fehlten, Aufpralltests seien nur an einem verkleinerten Modell simuliert worden. Greenpeace - Atomexperten wiesen zudem darauf hin, dass im Falle eines Defektes in Deutschland derzeit keine Möglichkeit bestehe, derartige Glaskokillen - BehĂ€lter zu reparieren.

Dass die Strahlung in der NÀhe von Atomtransporten gesundheitsschÀdlicher ist, als bislang angenommen, belegte im Sommer 1995 eine Studie des Marburger Nuklearmediziners Horst Kuni. Kuni errechnete eine 30mal höhere biologische Wirksamkeit von Neutronenstrahlung, als die deutsche Strahlenschutzverordnung vorschreibt. Bislang haben weder der Bund noch die Umweltministerien der LÀnder diesen Erkenntnissen Rechnung getragen.


Wiederaufarbeitung - schmutzig und teuer


Über 4000 Tonnen hochradioaktive ausgediente Brennelemente wurden bislang zur Wiederaufarbeitung ins Ausland transportiert. Wiederaufarbeitung ist ein schmutziges GeschĂ€ft. Es vervielfacht das Volumen des angelieferten AtommĂŒlls auf das 20fache. Alle eingesetzten Materialien - etwa Werkzeuge, BehĂ€lter - werden radioaktiv verseucht. Die sogenannten "Recyclingprodukte" sind das aus dem AtommĂŒll abgespaltene und wiederaufgearbeitete Uran und Plutonium. Diese Produkte - sowie der vervielfĂ€ltigte "Rest"mĂŒll - werden an die Vertragsstaaten zurĂŒckgeschickt.

Bundesumweltministerium und AKW - Betreiber behaupten, es handele sich bei der Wiederaufarbeitung um "schadlose Verwertung" des AtommĂŒlls, wie es das Atomgesetz vorschreibt. Doch Natur, Mensch und Umwelt werden bei diesem Verfahren verseucht. Greenpeace fordert, die Wiederaufarbeitung von deutschem AtommĂŒll in Frankreich und Großbritannien sofort zu stoppen.

Aus der WAA in La Hague wird ĂŒber eine Pipeline stĂ€ndig radioaktives Wasser in den Ärmelkanal abgegeben. Nach deutschem Recht mĂŒsste der Löwenanteil dieser radioaktiven Substanzen endgelagert werden, um ihre Verbreitung zu verhindern. Die Betreiber der WAA in Sellafield pumpen ebenfalls AbwĂ€sser ins Meer: Die Irische See zĂ€hlt zu den am stĂ€rksten radioaktiv verschmutzten Meeren der Welt. 1993 wies Greenpeace nach, dass die StrĂ€nde um Sellafield stark mit Plutonium verseucht sind - die Konzentration dieses hochgiftigen Stoffes betrĂ€gt dort das 34.000fache des Durchschnittswertes in deutschem Ackerboden. Leidtragende sind vor allem Kinder, die dort wohnen. In der Gegend um Sellafield kommt LeukĂ€mie bei Kindern bis zu zehnmal hĂ€ufiger vor als im restlichen Großbritannien.

Obwohl inzwischen vier Rechtsgutachten die RechtmĂ€ĂŸigkeit der Wiederaufarbeitung im Ausland bestreiten, ist dies fĂŒr die Atomwirtschaft kein Grund zum Umdenken. Allein die extrem hohen Kosten haben dazu gefĂŒhrt, dass mittlerweile auch in diesen Kreisen die Wiederaufarbeitung in Frage gestellt wird.


Umwandlung der VertrÀge


Neben den bestehenden VertrĂ€gen zur Wiederaufarbeitung, gĂŒltig bis zur Jahrtausendwende, wurden von den deutschen Energieversorgern mit La Hague und Sellafield neue VertrĂ€ge bis zum Jahre 2005 geschlossen. Sie decken alle in Deutschland anfallenden Brennelemente ab, die etwa zu zwei Dritteln nach Frankreich, zu einem Drittel nach England gehen.

Bereits 1994 wurde bekannt, dass beispielsweise die PreussenElektra mit der Cogema ĂŒber die Umwandlung dieser NeuvertrĂ€ge in langfristige ZwischenlagervertrĂ€ge verhandelt. Die Verhandlungen sind mittlerweile abgeschlossen. Auch ElektrizitĂ€tsunternehmen aus SĂŒddeutschland haben Ă€hnliche PlĂ€ne. Werden die Verantwortlichen sich handelseinig, fĂ€llt zwar die Wiederaufarbeitung weg, das Verschieben von AtommĂŒll nach Frankreich lĂ€uft aber weiter. Die Atomkraftwerksbetreiber versuchen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die teure Wiederaufarbeitung loszuwerden und das fehlende Endlager zu vertuschen.






AtommĂŒll in AKW zwischenlagern


Weder die Wiederaufarbeitung im Ausland noch die Inbetriebnahme externer Zwischenlager sind akzeptable
Lösungen. Die Folgen der Wiederaufarbeitung, die Transportrisiken und Unfallgefahren lassen sich nur begrenzen, wenn endlich Schluß ist mit dem unnötigen AtommĂŒll - Tourismus.

Greenpeace fordert: Solange kein Endlager existiert, mĂŒssen die abgebrannten Brennelemente in den Abklingbecken der Atomkraftwerke selbst gelagert werden. SpĂ€testens wenn diese Becken voll sind, heißt es: Abschalten.


Kein Endlager: Die AtommĂŒll - Misere


Bis heute gibt es in Deutschland kein Endlager fĂŒr AtommĂŒll, das von allen gesellschaftlichen Gruppen akzeptiert wird. Die hektische Suche, die derzeit vom Bund betrieben wird, ist ein selbstverschuldetes Dilemma. Jahrelang haben die Verantwortlichen nur an die Nutzung der Atomenergie, nicht aber an deren Kehricht gedacht. Deshalb verfĂ€llt der fĂŒr die "Entsorgung" zustĂ€ndige Bund nun auf gefĂ€hrliche und unverantwortliche Lösungen. Das undichte Endlager Morsleben in Sachsen - Anhalt soll als Notnagel herhalten, das Planfeststellungsverfahren fĂŒr Schacht Konrad in Niedersachsen im Eiltempo zu Ende gebracht und die Untersuchung des Salzstockes Gorleben trotz massiver Kritik von Experten weitergefĂŒhrt werden.

UngerĂŒhrt wischt die fĂŒr die Entsorgung verantwortliche Bundesregierung alle Bedenken vom Tisch - als handele es sich bei einem AtommĂŒll - Endlager um irgendein Altreifenlager und nicht um Katakomben fĂŒr den gefĂ€hrlichsten MĂŒll, den die Industriegesellschaft je produziert hat.


Morsleben: Persilschein bis 2000


Im ehemaligen Salzbergwerk bei Morsleben in Sachsen - Anhalt - bis Ende 1990 von der DDR als AtommĂŒllager benutzt - wird seit Anfang 1994 wieder schwach strahlender Abfall vergraben. Das vom Gesetz vorgeschriebene Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung fand nicht statt. Grundlage fĂŒr den Betrieb ist eine Genehmigung aus DDR - Zeiten, als Rechtfertigung dienen mangelhafte Sicherheitsanalysen. ZunĂ€chst gilt dieser Persilschein bis zum 30. Juni 2000.

Bis Mitte 1996 lagerten bereits ĂŒber 33 000 FĂ€sser mit strahlendem MĂŒll in Morsleben. Bis 2000 sollen dort insgesamt 40 000 Kubikmeter MĂŒll vergraben werden - trotz unkontrollierter ZuflĂŒsse aus dem Deckgebirge, die ein Absaufen und EinstĂŒrzen des Bergwerkes befĂŒrchten lassen.

1994 klagte Greenpeace gegen das Land Sachsen - Anhalt, um ein Ende der Einlagerung zu erreichen. Im Herbst 1995 entschied das zustĂ€ndige Gericht, dass die einmal erteilte Genehmigung nicht mehr anfechtbar sei. Im ĂŒbrigen sei Sachsen - Anhalt nicht "zustĂ€ndig", sondern das Bundesamt fĂŒr Strahlenschutz in Salzgitter. Greenpeace hat gegen dieses Urteil beim Oberverwaltungsgericht in Berlin Revision eingelegt.

Offenbar sollen nun auch noch die Einlagerbedingungen fĂŒr Morsleben geĂ€ndert werden. Auf der Jahrestagung Kerntechnik 1996 kĂŒndigten Vertreter des Bundesamtes fĂŒr Strahlenschutz an, man wolle auch höherradioaktiven MĂŒll fĂŒr die Einlagerung zulassen. StĂŒck fĂŒr StĂŒck erschleicht sich der Bund so ein Endlager fĂŒr alle Arten von AtomabfĂ€llen.


Schacht Konrad: ohne Langzeitsicherheit


Seit 1976 ist die ehemalige Eisenerzgrube Konrad in Niedersachsen als Endlager im GesprĂ€ch: Die Bundesregierung plant, dort 95 Prozent aller bundesdeutschen Atom - AbfĂ€lle zu vergraben. Mehr als 250 000 Einwendungen erreichten das NiedersĂ€chsische Umweltministerium wĂ€hrend des Planfeststellungsverfahren - Beleg fĂŒr ernstzunehmende Bedenken und Ängste der Bevölkerung.

Der Nachweis der Langzeitsicherheit und eine UmweltvertrĂ€glichkeitsprĂŒfung fehlen bisher. Trotzdem drĂ€ngt der Bund, das Verfahren möglichst schnell abzuschließen. Im MĂ€rz 1996 wies Bundesumweltministerin Angela Merkel ihre niedersĂ€chsische Amtskollegin Monika Griefahn an, das Genehmigungsverfahren zĂŒgig fortzufĂŒhren. Griefahn hatte zuvor die Nachbegutachtung einer TÜV - Studie gefordert und die Arbeit am Verfahren gestoppt.

"Untersuchungsbergwerk" Gorleben: Reiner Etikettenschwindel


Mitte der 80er Jahre begann faktisch der Bau des Endlagers Gorleben. Obwohl der Bund beteuerte, lediglich ein "Untersuchungsbergwerk" zu errichten, wird inzwischen bereits ein horizontaler Verbindungsstollen zwischen den beiden SchĂ€chten des Bergwerkes angelegt. Dabei liegen seit Jahren geologische Befunde unabhĂ€ngiger Wissenschaftler vor, die belegen, dass der Salzstock im Kontakt mit Grundwasser steht. WasserfĂŒhrende Sand - und Kiesschichten reichen sogar weit in den Salzstock hinein. Damit stehen Wege fĂŒr den Transport von radioaktiven Schadstoffen vom Salzstock bis in die obersten Grundwasserhorizonte offen. Im MĂ€rz 1996 stießen die Bohrtrupps tief im Salzstock, im Bereich des geplanten Endlagers, auf Wasservorkommen. Das Bundesamt fĂŒr Strahlenschutz behauptete, es handele sich lediglich um begrenzte Reservoirs.

Trotzdem wird der Standort Gorleben hartnĂ€ckig verteidigt. Dabei ist jede weitere Untersuchung völlig sinnlos: Das Salzstock - Innere kann noch so gĂŒnstige Eigenschaften aufweisen, die MĂ€ngel des Deckgebirges können damit nicht mehr ausgeglichen werden.

So bleibt nur, die SchĂ€chte wieder zu verfĂŒllen und den menschlichen Eingriff so gut wie möglich rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Auch das Zwischenlager und die Verpackungsanlage fĂŒr AtommĂŒll mĂŒssen aufgegeben werden. Mit dem Aus fĂŒr das Endlager gĂ€be es keinen Grund, sie an diesem Ort zu betreiben.

Um diesem drohenden Ende von Gorleben vorzubeugen, beauftragte die Bundesregierung die Bundesanstalt fĂŒr Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), mögliche Alternativen zu Gorleben in den Neuen BundeslĂ€ndern zu untersuchen. Seit Mitte 1995 liegen die Abschlußberichte vor. Eine der Untersuchungen zu möglichen Endlagerstandorten im Wirtsgesteins Granit scheint lediglich Alibicharakter zu haben - der fachliche Gehalt des Endberichts geht gegen Null.

Der Bericht zu möglichen Endlagern in Salzformationen schlĂ€gt vier alternative Standorte vor. Wichtig bei der Auswahl waren vor allem ausreichende Tiefe und großes Lagervolumen sowie eine vollstĂ€ndige Überdeckung mit einer Tonschicht. Die genannten möglichen Standorte liegen in Niedersachsen oder nahe der niedersĂ€chsischen Grenze: Waddekath, Zwischenahn, Wahn und GĂŒlze - Sumte. Eine abschließende Bewertung der Standorte erlaubt der Bericht allerdings nicht. Klar ist nur, dass Salz als Endlagermedium weiter favorisiert wird.

Der Standort Gorleben taucht im Bericht nicht auf. Damit sollte augenscheinlich vermieden werden, dass bei einem Vergleich seine Nicht - Eignung offenbar wird: Eines der wichtigsten Kriterien - die vollstĂ€ndige Überdeckung mit Ton - wird von Gorleben nicht erfĂŒllt. Bittere Bilanz: Die Bundesregierung will dennoch am Endlager Gorleben festhalten. Lehren scheint man aus den Untersuchungsergebnissen nicht zu ziehen. Statt ernsthaft ĂŒber Konzepte zum Ausstieg aus der Atomenergie nachzudenken, laufen die Atommeiler weiter, wĂ€chst und wĂ€chst die strahlende Hinterlassenschaft.


Energie - Konsens: Alle an einen Tisch


Im Dezember 1992 boten die damaligen Chefs der Energiekonzerne VEBA und RWE, Klaus Piltz und Friedhelm Gieske, eine Debatte ĂŒber die kĂŒnftige Richtung der Energiepolitik an. Sie hatten erkannt, dass angesichts der Entsorgungsmisere grundlegende politische Entscheidungen gefordert sind.

Greenpeace und andere Umweltschutzorganisationen wie der BUND oder die Internationalen Ärzte fĂŒr die VerhĂŒtung des Atomkrieges (IPPNW) begannen Anfang 1993 mit Parteien, Gewerkschaften und den AKW - Betreibern sogenannte "Energiekonsens - GesprĂ€che".

Das Greenpeace - Ziel hieß: Ausstieg aus der Atomwirtschaft, Einstieg in eine Energiepolitik, die auf effiziente Energienutzung und regenerative Energiequellen setzt. Nach wenigen Monaten war klar, dass Bundesregierung und Stromwirtschaft nicht ernsthaft an einer Energiewende interessiert waren. Greenpeace verließ den Verhandlungstisch im Oktober 1993. Die Energiekonsens - GesprĂ€che verliefen ohne Ergebnis im Sande.

1994 legte Greenpeace zwei Studien zum Ausstieg aus der Atomwirtschaft bis zum Jahr 2000 vor und zeigte: Die Energiewende ist machbar. Dazu gehört - neben dem Atomausstieg - eine verbesserte Energie - Effizienz sowie der verstÀrkte Einsatz erneuerbarer Energien. Mit einer Solarenergie - Kampagne hat Greenpeace bewiesen: Bei kostensenkender Serienproduktion könnte die Photovoltaik - die direkte Umwandlung von Sonnenlicht in Strom - auch in Deutschland den Marktdurchbruch schaffen.

Mauschel - Kompromisse helfen nicht


Seit der gescheiterten Energie - Konsensrunde bemĂŒhte sich Niedersachsens MinisterprĂ€sident Gerhard Schröder, billige Mauschel - Kompromisse mit Bundesumweltministerin Angela Merkel auszuhandeln. Schröders Interesse ist klar: Sowohl Konrad als auch Gorleben liegen in Niedersachsen. Die BĂŒrde der AtommĂŒll - Entsorgung trĂŒge das nördliche Bundesland quasi alleine. Schröder bot einen Deal an: das Endlager Konrad als eine Art "Bauernopfer" - unter der Bedingung, dass Gorleben endgĂŒltig vom Tisch ist.

Ein seriöser Weg, die Probleme der risikoreichen Atomenergie in den Griff zu bekommen, ist dies sicher nicht. Nötig sind verantwortungsvolle, zukunftsfÀhige Konzepte - und kein Politpoker.

Auch der PrĂ€sident des Atomforums Wilfried Steuer will eine Debatte um die Energiezukunft lieber im "stillen KĂ€mmerlein und nicht auf auf dem Marktplatz" fĂŒhren. KonsensgesprĂ€che, die diesen Namen auch verdienen, mĂŒssen jedoch alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligen. Ziel eines solchen "Gipfeltreffens" darf nicht nur ein Teilkonsens ĂŒber die Entsorgung sein, der Ausstieg aus der Atomenergie muss zur Diskussion stehen. An Lippenbekenntnissen - auch der Energieversorger - fehlt es nicht. Im Juni 1996 sagte Hans - Dieter Harig, Chef von PreussenElektra, der Illustrierten Stern zur Zukunft der Atomwirtschaft: "Finden wir etwas Besseres, machen wir es."


Die Lösung heißt: Ausstieg aus der Atomenergie.

Greenpeace ist grundsĂ€tzlich zu GesprĂ€chen ĂŒber die Energiezukunft mit allen Interessierten bereit. Dabei mĂŒssen aber zwei Voraussetzungen erfĂŒllt sein: Die GesprĂ€che mĂŒssen offen gefĂŒhrt werden - Geheimverhandlungen hinter verschlossenen TĂŒren lehnt Greenpeace strikt ab. Weiterhin muss der Ausstieg aus der Atomenergie GesprĂ€chsthema sein. Faule Kompromisse ĂŒber Einzelpunkte unterstĂŒtzen nur den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. Denn sicher ist: Die Atomenergie ist ein Dinosaurier der Energiepolitik - eine veraltete und gefĂ€hrliche Technologie. Sie gehört abgeschafft und muss einer intelligenteren, effizienteren, umweltfreundlicheren und preiswerteren Energieversorgung Platz machen.


Greenpeace fordert:

Den Atomausstieg: Alle deutschen Atomkraftwerke sind innerhalb von fĂŒnf Jahren abzuschalten. Die Ă€ltesten Reaktoren - z. B. in Stade und Obrigheim - mĂŒssen sofort vom Netz.
Den sofortigen Stopp der Wiederaufarbeitung von AtommĂŒll im Ausland.
Den sofortigen Stopp aller Atomtransporte.
AtommĂŒll muss grundsĂ€tzlich dort bleiben, wo er sich gerade befindet.
Aufgabe sĂ€mtlicher Endlagerprojekte, die zur Zeit verfolgt werden. Über "Lösungen" des AtommĂŒllproblems wird nur im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus der Atomenergie gesprochen.
Einstieg in eine neue Energiepolitik, die auf Energiesparen, rationellem Energieeinsatz und erneuerbaren Energiequellen aufbaut.


Das können Sie tun:

UnterstĂŒtzen Sie die Greenpeace - Forderung nach einem raschen Ausstieg aus der risikoreichen Atomenergie.
Gehen Sie sparsam mit Energie um. Verzichten Sie z. B. auf Standby - Schaltungen und achten Sie beim Kauf von ElektrogerÀten auf deren Energieverbrauch.
Setzen auch Sie auf erneuerbare Energien, z. B. die Solarenergie. Installieren Sie auf Ihrem Dach eine Photovoltaik - Anlage und/oder Solarkollektoren.

3079 Worte in "deutsch"  als "hilfreich"  bewertet