Der Mond wird erobert

Der Mond wird erobert
Kalter krieg; Wettlauf zum Mond



A
ls am 20. Juli 1969 Edwin A. Aldrin und Neil A. Armstrong als erste Menschen auf dem Mond landeten, bedeutete dies f├╝r die USA einen der allergr├Âssten Siege ├╝ber ihren Gegner im Kalten Krieg, der Sowjetunion. In der Folgezeit betonte die sowjetische F├╝hrung immer wieder, dass sie nie eine Landung auf dem Mond geplant h├Ątten; die amerikanischen Bestrebungen seien demnach nur ein Schattenboxen gewesen. Erst k├╝rzlich freigegebenes Material belegt das Gegenteil. Pers├Ânliche Rivalit├Ąten, wechselnde politische Allianzen und b├╝rokratische Hemmnisse hatten Fehlschl├Ąge und Verz├Âgerungen im sowjetischen Mondlandeprogramm zur Folge. Dagegen fand das amerikanische Projekt bei Politikern und in der ├ľffentlichkeit breite Unterst├╝tzung. Der NASA und ihren Zulieferern standen zahlreiche kompetente und hochmotivierte Mitarbeiter und F├╝hrungskr├Ąfte zur Verf├╝gung. Zudem war die NASA finanziell besser und effektiver ausgestattet als ihr sowjetisches Pendant. Aus all diesen Gr├╝nden gingen die Vereinigten Staaten trotz dem anf├Ąnglichen R├╝ckstand als Sieger aus dem Rennen um den Mond hervor.

M
it dem Start von Sputnik 1, dem ersten k├╝nstlichen Erdtrabanten, hatte die UdSSR im Oktober 1957 das Raumfahrtzeitalter ganz unerwartet er├Âffnet. Der 3. November 1957 brachte der Welt dann die Sensation: Der erste lebende Passagier, die sowjetische H├╝ndin Laika, war mit Sputnik 2 in den Weltraum aufgestiegen. Nur zwei Jahre sp├Ąter funkte die sowjetische Sonde Lunik 1 die ersten Nahaufnahmen von der Mondoberfl├Ąche zur Erde. Im August 1960 wurden die beiden H├╝ndinnen Strelka und Belka nach 18 Erdumrundungen gesund und munter aus Sputnik 5 geborgen. Strelka warf sp├Ąter sechs gesunde Junge, wovon eines dem amerikanischen Pr├Ąsidenten (John F. Kennedy) geschenkt wurde. Am 12. April 1961 schliesslich umrundete der Kosmonaut Juri A. Gagarin als erster Mensch in einer Raumkapsel (Wostok 1) die Erde. Die Moskauer Machthaber gaben jede dieser Leistungen als Beweis f├╝r die gesellschaftliche und wirtschaftliche ├ťberlegenheit des Kommunismus aus.
Der sowjetische Vorsprung bei den Tr├Ągersystemen verst├Ąrkte in den USA die Furcht vor einer sogenannten Raketenl├╝cke. John F. Kennedy machte dies 1960 zu einem zentralen Thema seines Pr├Ąsidentschaftswahlkampfes. Kennedys Amtsvorg├Ąnger Dwight D. Eisenhower sah keinerlei Zusammenhang zwischen spektakul├Ąren Errungenschaften im Weltraum und der St├Ąrke seines Landes; er lehnte auch alle allein aus politischen Gr├╝nden geplanten Vorhaben dieser Art ab. Gleichwohl gr├╝ndete er im Juli 1958 die NASA, in der alle vorhandenen Ressourcen zum Aufbau eines zivilen Raumfahrtprogrammes zusammengef├╝hrt wurden. So war vielleicht unvermeidlich, dass die NASA schon bald auf prestigetr├Ąchtige Ziele dr├Ąngte.
Kennedy hingegen sah einen engen Zusammenhang zwischen der Erforschung des interplanetaren Raums und globaler Vollmacht. Vor dem Hintergrund der weltweiten Begeisterung ├╝ber Gagarins Flug entschied er, die USA h├Ątten die Sowjets in der bemannten Raumfahrt zu ├╝bertrumpfen. Am 20. April 1961 beauftragte er den Vizepr├Ąsidenten Lyndon B. Johnson, den er zu seinem obersten Berater f├╝r Weltraumfragen ernannt hatte, herauszufinden, ob die USA die M├Âglichkeit h├Ątte, die F├╝hrung im All zu ├╝bernehmen.
Innerhalb von zwei Wochen liess Johnson die Durchf├╝hrbarkeit verschiedener Raumfahrtprojekte untersuchen. Er liess sich unter anderem von Wernher von Braun beraten, der im zweiten Weltkrieg das Raketenwaffenprojekt (V1 und V2) der deutschen Heeresversuchsanstalt in Peenem├╝nde geleitet hatte und von der US - Armee in den letzten Tagen des Dritten Reiches mitsamt seinem Mitarbeiterstab in die USA geholt worden war, wo er nun eine Arbeitsgruppe von Raketeningenieuren leitete. In seinem Gutachten vom 29. April kam Braun zu dem Schluss, dass die Sowjetunion beim Errichten einer Raumstation kaum zu schlagen sei. Allerdings best├╝nde eine realistische Chance, ein dreik├Âpfiges Astronautenteam noch vor den Sowjets um den Mond zu schicken; beim Wettlauf um die erste Landung auf dem Mond seien die Chancen sogar sehr gut. Die Prognose f├╝r eine Mondlandung sei deshalb am Besten, weil daf├╝r "die jetzige St├Ąrke der sowjetischen Raketen um das Zehnfache verbessert werden m├╝sste. Wir haben zwar keine solche Rakete, doch die Sowjets vermutlich auch nicht". Bei einem sofortigen Einsatz aller verf├╝gbaren Mittel sei allerdings die Entwicklung eines geeigneten Tr├Ągersystems bis 1967 oder 1968 m├Âglich .
Am 8. Mai 1961 legte Johnson Pr├Ąsident Kennedy die Untersuchungsergebnisse vor. Der Bericht war unterzeichnet vom Verwaltungschef der NASA und dem Verteidigungsminister. Beide empfahlen noch vor Ende des Jahrzehnts eine bemannte Mondmission durchzuf├╝hren; "Unsere F├Ąhigkeiten sind ein wichtiges Element im internationalen Wettstreit zwischen dem sowjetischen System und dem unsrigen". F├╝r beide war die Erforschung des Mondes und der Planeten "ein Teil des Kampfes an den fliessenden Fronten des Kalten Krieges".
Kennedy schloss sich dieser Empfehlung an und trug sie am 25. Mai in einer gemeinsamen Sitzung von Senat und Repr├Ąsentantenhaus vor. Er gelobte, dass "noch vor Ende des Jahrzehnts" Amerikaner ihren Fuss auf den Mond setzen w├╝rden.
Der Aufruf des Pr├Ąsidenten fand bei der Bev├Âlkerung ein breites Echo. Innerhalb weniger Wochen erh├Âhte der Kongress das Budget der NASA um 89 Prozent; eine weitere Aufstockung um 101 Prozent folgte im Jahr darauf. Zwischen 1961 und 1963 nahm die Zahl der NASA - Mitarbeiter von 16'500 auf mehr als 28'000 zu.
Im ersten Jahr nach Kennedys Ank├╝ndigung entbrannte jedoch ein Expertenstreit dar├╝ber, wie man Menschen am besten zum Mond und zur├╝ck bringen k├Ânne. Ein Vorschlag war, die Teile eines Raumschiffes mit mehreren Raketen in eine Erdumlaufbahn zu bringen, es dort zusammenzubauen und dann im Orbit zu starten. Der Wissenschaftsberater des Pr├Ąsidenten, Jerome Weisner, und einige f├╝hrende Mitarbeiter der NASA bevorzugten anfangs ein solches "Rendezvous in der Erdumlaufbahn". Im Verlaufe der Diskussion sprachen sich jedoch immer mehr NASA - Ingenieure f├╝r eine andere Strategie aus, die sie Rendezvous in der Mondumlaufbahn nannten. Danach sollte das gesamte Apollo - Raumfahrzeug direkt aus dem Schwerefeld der Erde katapultiert werden und in einen Mond - Orbit einschwenken. Eine kleine Landef├Ąhre w├╝rde die Astronauten auf den Erdtrabanten und wieder zum Mutterschiff bringen k├Ânnen, das schliesslich zur Erde zur├╝ckkehrte. Dieses Vorgehen w├╝rde das Gesamtgewicht der Apollo - Kapsel deutlich reduzieren, so dass die gesamte Mission mit einer einzigen Saturn - V - Rakete durchzuf├╝hren sei.
Die NASA wies Weisners Einw├Ąnde zur├╝ck und genehmigte den Plan eines Rendezvous in der Mondumlaufbahn, weil sich so Kennedys Vision innerhalb der von ihm gesetzten Frist am ehesten realisieren zu lassen schien.
Gegen Ende 1962 hatten sich die USA auf den Weg zum n├Ąchsten Himmelsk├Ârper gemacht - nicht so jedoch die Sowjetunion.

N
och bis vor wenigen Jahren behaupteten sowjetische Regierungsvertreter, die USA seien allein zu diesem vermeintlichen Wettlauf angetreten. Das sowjetische Mondfahrtprogramm war ein streng geh├╝tetes Geheimnis gewesen, das sich erst unter Michail Gorbatschows Glasnost - Politik, der Offenheit in allen ├Âffentlichen Angelegenheiten, und insbesondere nach dem Zusammenbruch der UdSSR zu l├╝ften begann. Mehrere hochrangige Funktion├Ąre des Raumfahrtprogrammes der sechziger Jahre - allen voran Wassili P. Mischin, der das bemannte Projekt von 1966 bis 1974 leitete - durften erst k├╝rzlich ihre Aufzeichnungen ver├Âffentlichen. Am 18. August 1989 druckte die sowjetische Tageszeitung "Iswestija" einen ausf├╝hrlichen und bis dahin beispiellos freiz├╝gigen Bericht ├╝ber die erfolglosen Anl├Ąufe. Immer neue Photos und technische Beschreibungen wurden ver├Âffentlicht. Eine k├╝rzlich fertiggestellte Studie des franz├Âsischen Weltraumwissenschaftlers Christian Lardier hat wichtige Hintergrundinformationen zutage gef├Ârdert. Inzwischen haben wir ein recht deutliches Bild vom wirklichen Umfang des sowjetischen Mondfahrtprogramms gewinnen k├Ânnen.
Bei seinem ersten Gipfeltreffen mit dem sowjetischen Premierminister Chruschtschow im Juni 1961 schlug Kennedy zweimal vor, eine gemeinsame amerikanisch - sowjetische Mondexpedition zu unternehmen. Chruschtschow ging darauf nicht ein, was wohl zumindest teilweise daran lag, dass die Sowjetunion von Kennedys Ank├╝ndigung eines Landungsvorhabens ├╝berrascht worden war. Die sowjetische F├╝hrung war so von ihrem Vorsprung ├╝berzeugt gewesen, dass sie eine Konkurrenz der USA auf diesem Gebiet nie ernsthaft erwogen hatte.
Erst nach einer mehr als dreij├Ąhrigen internen politischen Debatte verk├╝ndete der Kreml z├Âgernd ein eigenes Mondfahrtprogramm. Bis dahin hatten die sowjetischen Entwicklungsb├╝ros verbissen um Zust├Ąndigkeiten und Mittel f├╝r solche Unternehmungen gek├Ąmpft. Diese Konflikte blockierten lange die Ausarbeitung eines koordinierten Aktionsplans.
Eines dieser Entwicklungsb├╝ros leitete Sergei P. Korolew, der f├╝hrende Raumfahrtingenieur der UdSSR. Er war gewissermassen der russische Wernher von Braun. Korolew hatte sowohl die bis dahin f├╝r alle Raummissionen verwendeten Raketen entworfen, als auch die meisten Programme zur Entwicklung von Nutzlasten; er war ein energischer und begeisterter Bef├╝rworter der bemannten Raumfahrt. Seine T├Ątigkeit war so geheim, dass zu seinen Lebzeiten nur vom "Cheftechniker" die Rede war; erst nach seinem Tode wurde sein Name ├Âffentlich genannt.
Zu Beginn der sechziger Jahre entflammte ein auch pers├Ânlich bedingter organisatorischer Streit zwischen Korolew und Walentin P. Gluschko, dem Leiter des Laboratoriums f├╝r Gasdynamik und Hauptentwickler der sowjetischen Raketentriebwerke. Ihre Gegnerschaft reichte bis in die dreissiger Jahre zur├╝ck, als Korolew auch aufgrund von Gluschkos Aussagen in ein Zwangsarbeitslager geschickt worden war.
Der fachliche Konflikt entbrannte um das Antriebskonzept f├╝r die n├Ąchste Raketengeneration: Als Treibstoff wollte Korolew energiereichen fl├╝ssigen Wasserstoff verwenden (der auch in den oberen Stufen der amerikanischen Saturn 5 verwendet wurde); Gluschko hingegen interessierte sich ausschliesslich f├╝r die Entwicklung eines Antriebs mit lagerf├Ąhigen, aber hochgiftigen selbstz├╝ndenden Raketentreibstoffen wie Hydrazin und Distickstofftetroxid.
Ihr Dissens wurde so feindselig, dass Gluschko die Zusammenarbeit mit Korolew bei der Entwicklung einer neuen Rakete verweigerte. Statt dessen tat er sich mit dem von Wladimir N. Tschelomei geleiteten Entwicklungsb├╝ro zusammen, um sich gegen Korolew um den Zuschlag f├╝r die Mondmission zu bewerben. Tschelomeis Gruppe hatte zwar milit├Ąrische Raketen entwickelt, jedoch noch keinerlei Erfahrung mit Weltraum - Tr├Ągersystemen gesammelt. Allerdings arbeitete Chruschtschows Sohn Sergei bei Tschelomei; das bot in einem System, in dem pers├Ânliche Beziehungen oftmals entscheidend waren, viele Vorteile. Tschelomei wiederum wollte das Arbeitsgebiet seines Entwicklungsb├╝ros auf Kosten von Korolew erweitern.
Nachdem Tschelomei einige wesentliche Fortschritte gemacht hatte, beauftragte der Kreml im August 1964 sein Entwicklungsb├╝ro mit dem Bau einer Rakete (UR - 500, sp├Ąter in "Proton" umbenannt) mit der eine Mondumrundung ohne Einschwenken in eine Umlaufbahn m├Âglich w├╝rde, sowie mit dem Bau eines Raumschiffs. Damit sollten bis zum Oktober 1967, dem 50. Jahrestag der bolschewistischen Oktoberrevolution, Kosmonauten um den Mond geschickt werden. Tschelomeis Sieg ├╝ber Korolew hatte jedoch nur kurzen Bestand, denn schon im Oktober 1964 wurde Chruschtschow vom Politb├╝ro aller ├ämter enthoben.
Die nachfolgende F├╝hrung merkte rasch, dass nur geringe Fortschritte erzielt worden waren, obwohl Tschelomeis Gruppe den gr├Âssten Teil der zur Entwicklung des Mondfahrtprogramms vorgesehenen Mittel erhalten hatte. Schon bald fiel das gesamte Entwicklungsb├╝ro in Ungnade; sein Kontrakt f├╝r die Vorbereitung einer Mondumrundung wurde gestrichen.
Korolew war unterdessen nicht v├Âllig aus dem Raumfahrprogramm entfernt worden. Nach seinen Erfolgen bei der Umr├╝stung von Interkontinentalraketen f├╝r die ersten sowjetischen Raumsondenfl├╝ge hatte er an der Konstruktion einer Hochleistungs - Tr├Ągerrakete, der N - 1, gearbeitet. Mitte 1962 genehmigte die Keldysch - Kommission die Entwicklung einer N - 1 mit einer Nutzlast von 75 Tonnen, lehnte jedoch Korolews Plan f├╝r ihren Einsatz zu Mondmissionen aus der Erdumlaufbahn ab.
Die ersten Testfl├╝ge der N - 1 waren f├╝r 1965 vorgesehen. Wegen dem Konflikt mit Gluschkos Gasdynamik - Laboratoriums musste Korolew eine andere Bezugsquelle f├╝r Raketenmotoren finden. Er wandte sich an das Entwicklungsb├╝ro von Nikolai D. Kusnetsow, das zuvor Flugzeugtriebwerke konstruiert hatte. Diese Arbeitsgruppe musste deshalb bei der Entwicklung von Raumtriebwerken ganz von vorne beginnen. In der zur Verf├╝gung stehenden kurzen Zeit konnte Kusnetsow nur einen herk├Âmmlichen, verh├Ąltnism├Ąssig schwachen Raketenmotor entwickeln. Dreissig solcher Triebwerke waren in der ersten Raketenstufe erforderlich, um die f├╝r eine Mondmission erforderliche Schubkraft zu erzeugen. (Die erste Stufe der amerikanischen Saturn 5 ben├Âtigte nur f├╝nf Triebwerke.)
Nach Chruschtschows Sturz ├Ąnderte sich die Zielsetzung des sowjetischen Raumfahrtprogramms. Im Dezember 1964 erteilte die Keldysch - Kommission - die jetzt nicht mehr bef├╝rchten musste, in der Partei - und Regierungsspitze ├ärger zu erwecken - Korolews Plan einer bemannten Mondmission eine vorl├Ąufige Genehmigung. Dieser ├╝berarbeitete Vorschlag basierte auf einer weiterentwickelten, st├Ąrkeren N - 1 - Tr├Ągerrakete und einem Rendezvous - Verfahren ├Ąhnlich dem f├╝r die Apollo - Missionen geplanten. Ein erster Landeversuch war f├╝r 1968 vorgesehen - in der Hoffnung, man k├Ânne die USA doch noch schlagen.
Gerade als das sowjetische Raumfahrtprogramm anzulaufen begann, starb Korolew v├Âllig unerwartet im Januar 1966 w├Ąhrend einer einfachen Operation. Damit war das Unternehmen seines f├Ąhigsten und erfolgreichsten Kopfes beraubt. Seinem Nachfolger Wasili Mischin fehlten vergleichbare F├╝hrungsqualit├Ąten wie auch das entsprechende Durchstehverm├Âgen. Streitigkeiten mit diversen anderen Ministerien und Entwicklungsb├╝ros verz├Âgerten den Fortschritt. Tschelomei forcierte auch weiterhin die Pl├Ąne f├╝r ein alternatives Mondlandeverfahren. Zu allem ├ťbel erwies sich die weiterentwickelte N - 1 - Tr├Ągerrakete als zu schwach, so dass sie erneut ├╝berarbeitet werden musste.
Erst im November 1966 genehmigte die Keldysch - Kommission das Mondlandeprojekt endg├╝ltig. Regierung und Partei erliessen im darauffolgenden Februar ein gemeinsames Dekret zur Unterst├╝tzung des Projekts; dennoch blieben die zur Verf├╝gung gestellten Mittel unzureichend. In der Zwischenzeit hatte man den Termin f├╝r einen ersten Landeversuch auf dem Mond in die zweite H├Ąlfte des Jahres 1969 verschoben.

I
n den USA wusste man von der sowjetischen Weiterentwicklung der N - 1, war sich jedoch ├╝ber eine m├Âgliche Verwendung nicht im klaren. Im Jahre 1964 beobachteten US - Aufkl├Ąrungssateliten den Bau einer Startrampe f├╝r eine neue, grosse Tr├Ągerrakete; drei Jahre sp├Ąter wurde eine zweite derartige Baustelle entdeckt. In einem im M├Ąrz 1967 angefertigten und 1992 freigegebenen Bericht meinte der amerikanische Geheimdienst CIA, dass "die Sowjets je nach ihrer Einsch├Ątzung des Apollo - Zeitplanes m├Âglicherweise hoffen, als erste den Mond erreichen zu k├Ânnen, und darum ihr Raumfahrtprogramm mit allen Kr├Ąften vorantreiben".
Nach zehn erfolgreichen Starts der mit zwei Astronauten besetzten Gemini - Kapsel in den Jahren 1965 und 1966 schien den ersten Apollo - Testfl├╝gen im Jahre 1968 nichts mehr im Wege zu stehen. Am 27. Januar 1967 erlitt das Projekt jedoch einen tragischen R├╝ckschlag: W├Ąhrend einer ├ťbung auf der Startrampe brach in der Kapsel Apollo 204 (sp├Ąter in Apollo 1 umbenannt) ein Kabelbrand aus, bei dem die drei Astronauten Roger Chaffee, Virgil Grissom und Edward White ums Leben kamen da sich die T├╝re nicht ├Âffnen liess. Trotz heftiger Kritik gab die NASA ihre Pl├Ąne nicht auf. Nahezu ohne Eingriff durch den Kongress oder das Weisse Haus f├╝hrte die Raumfahrtbeh├Ârde eine Untersuchung des Ungl├╝cks durch und vermochte schon bald die Ursachen zu identifizieren und zu beheben.
Ende 1967 hatte die NASA einen neuen Zeitplan f├╝r ihr Apollo - Programm ausgearbeitet: Der erste Mondlandeversuch sollte nun Mitte 1969 stattfinden, also etwa gleichzeitig mit den Sowjets.

E
in zweiter Wettstreit entspann sich darum, wer als erster in die N├Ąhe des Mondes gelangen w├╝rde. Nach dem Sturz Chruschtschows beauftragte die neue sowjetische F├╝hrung unter Leonid Breschnew und Alexei Kossygin Korolew mit der Ausarbeitung einer Mission zur Mondumrundung, die an das abgesagte Tschelomei - Projekt ankn├╝pfen sollte. Noch immer hoffte man, einen solchen Flug im Oktober 1967 durchf├╝hren zu k├Ânnen.
Nach fast einem Jahr oft sehr harter Verhandlungen kamen Korolew und Tschelomei im September 1965 ├╝berein, auf die von Tschelomei entwickelte UR - 500 eine zweite, von Korolew urspr├╝nglich f├╝r die N - 1 entwickelte Stufe aufzusetzen. Mit dieser Tr├Ągerrakete sollte eine f├╝r zwei Kosmonauten geeignete Version der neuen Sojus - Raumkapsel gestartet werden, die Korolews Arbeitsgruppe entwickelt hatte.
Wenngleich die ersten Testfl├╝ge der UR - 500 im Jahre 1966 erfolgreich waren, offenbarten sich bei den folgenden Starts mehrere gravierende Probleme. Zudem endete der Jungfernflug der neuen Sojus - Raumkapsel im April 1967 mit ihrem Absturz, wobei der Kosmonaut Wladimir Komarow ums Leben kam. Eine Mondumrundung mit einem Menschen an Bord bereits im Oktober 1967 wurde damit unm├Âglich.
Hingegen verlief die Mission Sond 5 im September 1968 erfolgreich. Die mit der UR - 500 gestartete umgebaute Raumkapsel vom Typ Sojus brachte verschiedene Tiere, darunter mehrere Schildkr├Âten, um den Mond und sicher zur├╝ck zur Erde. Damit schien der Aufbruch eines Kosmonauten zu dem Erdtrabanten unmittelbar bevorzustehen.
Zur Zeit der Sond - 5 - Mission planten die USA einen Flug zum Mond f├╝r fr├╝hestens Mitte 1969. Es sollte jedoch anders kommen. Mitte 1968 war die Weiterentwicklung eines Kommando - und Servicemoduls f├╝r die Apollo - Mission, das Astronauten in eine Mondumlaufbahn und wieder zur├╝ck zur Erde bringen sollte, so weit gediehen, dass im Oktober ein erster Testflug in der Erdumlaufbahn stattfinden konnte. Die Entwicklung des Mondlandemoduls lag jedoch um Monate hinter dem Zeitplan zur├╝ck; es schien unwahrscheinlich, dass es im Februar oder M├Ąrz 1969 f├╝r einen ersten Testflug in der Erdumlaufbahn zur Verf├╝gung stehen w├╝rde.
Wegen dieser Verz├Âgerung bestand die Gefahr, dass das urspr├╝nglich von Kennedy gesetzte Ziel nicht mehr einzuhalten war. Am 9. August 1968 schlug darum George M. Low, stellvertretender Direktor des NASA - Zentrums f├╝r bemannte Raumfahrt im Houston (Texas), vor, in das Apollo - Programm einen zus├Ątzlichen Flug aufzunehmen, bei dem das Kommando - und Servicemodul mit einer Besatzung von drei Astronauten von einer Saturn 5 in eine Mondumlaufbahn geschossen werden sollte.
Eine solche Mission war freilich riskant. Zum einen w├╝rden die Astronauten viel fr├╝her als urspr├╝nglich vorgesehen in die N├Ąhe des Mondes geschickt; und zum anderen w├Ąre dies erst der zweite Flug der umgebauten Apollo - Raumkapsel nach dem Brand von 1967. Auch die Saturn 5 hatte erst zwei Starts absolviert, wobei beim zweiten mehrere gr├Âssere Probleme aufgetreten waren. Andererseits bot Lows Vorschlag die Gelegenheit, lange vor dem urspr├╝nglichen Termin Erfahrungen mit einer so weit von der Erde wegf├╝hrenden Mission zu sammeln. Die Chancen f├╝r das Einhalten des Apollo - Zeitplans w├╝rden dadurch deutlich verbessert. Vielleicht w├╝rde es den USA damit sogar gelingen, vor der UdSSR in Mondn├Ąhe zu gelangen.
Lows Plan setzte sich in der NASA schnell durch; nur ihr Verwaltungschef und der Leiter des Programms f├╝r bemannte Raumfahrt sprachen sich zun├Ąchst dagegen aus. In etwas mehr als einer Woche ├╝berarbeitete man den gesamten Apollo - Zeitplan und erg├Ąnzte das Programm um eine zus├Ątzliche Mission - nur vier Monate vor ihrem Start. Die Risiken dieses Fluges blieben bis nach dem erfolgreichen Test des Kommando - und Servicemoduls beim 260 Stunden dauernden Flug von Apollo 7 im Oktober geheim. Am 11. November setzte die NASA - Direktion den Start von Apollo 8 zum Mond f├╝r den 21. Dezember offiziell an.
Die UdSSR setzte alles daran, den Anschluss nicht zu verlieren. Im Oktober 1968 testete sie erfolgreich eine verbesserte Version der Sojus - Raumkapsel mit einem Kosmonauten an Bord in der Erdumlaufbahn. Der Sond - 6 - Mission, bei der einen Monat sp├Ąter eine ├Ąhnliche, jedoch unbemannte Raumkapsel um dem Mond geschossen wurde erging es schlechter: Beim Wiedereintritt in die Erdatmosph├Ąre fiel er Druck ab, wobei eine Besatzung sicherlich ums Leben gekommen w├Ąre.
Dennoch bereitete sich die Sowjetunion darauf vor, bereits Anfang Dezember eine Sond - Mission mit zwei Kosmonauten an Bord um den Mond zu schicken. Sowohl Mischin als auch die Besatzung wollten die erheblichen Risiken auf sich nehmen, wusste man doch, dass die USA ein ├Ąhnliches Unternehmen f├╝r Ende des Monats geplant hatten. Dies war vielleicht die letzte Chance, den USA zuvorzukommen - h├Ątte man sie wahrgenommen. Nur wenige Tage vor geplanten Start aber sagte die sowjetische F├╝hrung das Unternehmen ab, vermutlich weil es zu gef├Ąhrlich schien.
W├Ąhrend der letzten Trainingswochen wusste die Apollo - 8 - Besatzung von der geplanten Mondumrundung der Sowjets. Kommandant Frank Borman zufolge ging ein Seufzer der Erleichterung durch die Gruppe, als der letzte m├Âgliche Termin verstrichen war und feststand, dass ihnen niemand zuvorkommen konnte.
Am heiligen Abend 1968 schwenkte Apollo 8 in eine Umlaufbahn um den Mond ein und beendete damit diesen Prestige - Wettkampf der beiden Weltm├Ąchte. Die bei der Mission gesammelten Erfahrungen ebneten den Weg f├╝r den historischen Flug von Apollo 11 sieben Monate sp├Ąter, bei dem Armstrong und Aldrin die Flagge der USA im Meer der Ruhe hissten.
Nach diesen triumphalen Erfolgen w├Ąre die Welt mit dem sowjetischen bemannten Mondprogramm nicht mehr sonderlich zu beeindrucken gewesen. Zwar gaben die Sowjets den Erdtrabanten nicht sofort als Forschungsziel auf und setzten im September und November 1970 bei dem Missionen Luna 16 und Luna 17 jeweils ein ferngesteuertes Fahrzeug darauf ab. Doch kurz darauf sah die sowjetische F├╝hrung ein, dass Kosmonauten sich in einem Mond - Orbit keine Lorbeeren mehr verdienen w├╝rden und strich ihr Umrundungsprogramm endg├╝ltig.
Das Programm zur Landung auf dem Mond erlitt ein noch schm├Ąhlicheres Schicksal. Im Februar 1969 endete der erste Start einer N - 1 bereits nach einer Minute. Beim zweiten Versuch am 3. Juli, nur dreizehn Tage vor dem Aufbruch von Apollo 11, explodierte die Tr├Ągerrakete auf der Rampe und zerst├Ârte einen grossen Teil Starteinrichtungen. Dieses Ungl├╝ck warf das sowjetische Programm um zwei Jahre zur├╝ck. Zwei weitere Startversuche der N - 1 im Juli 1971 und November 1972 schlugen ebenfalls fehl.
Wenn sie schon nicht gesiegt hatten, so wollten die Leiter des Korolew - Entwicklungsb├╝ros wenigstens die Besten sein. W├Ąhrend die Astronauten der sechs Apollo - Missionen dem Erdtrabanten immer nur Stippvisiten abgestattet hatten, planten Mischin und seine Arbeitsgruppe l├Ąngere Arbeitsaufenthalte. Anfang 1974 glaubte Mischin die Ursachen der fr├╝heren Fehlschl├Ąge gefunden zu haben und unmittelbar vor einem Erfolg zu stehen. Im Mai 1974 wurde er jedoch als Chef des Entwicklungsb├╝ros entlassen und durch Gluschko ersetzt - den Mann, der sich mehr als ein Jahrzehnt zuvor mit Korolew um die N - 1 - Tr├Ągerrakete gestritten hatte.
Eine der ersten Amtshandlungen Gluschkos bestand darin, das N - 1 - Programm zu streichen und die zehn noch vorhandenen Tr├Ągerraketen verschrotten zu lassen. Mischin wollte zumindest die beiden nahezu fertiggestellten Exemplare erproben, was jedoch abgelehnt wurde. Statt das ├╝ber mehr als ein Jahrzehnt mit erheblichem Einsatz vorangetriebene Mondprogramm fortzusetzen, versuchte Gluschko und seine Vorgesetzten mir nahezu krankhaftem Eifer, alle Spuren seiner Existenz zu tilgen. Seit den fr├╝hen siebziger Jahren konzentrierte sich die sowjetische bemannte Raumfahrt auf Langzeitfl├╝ge in der Erdumlaufbahn.

N
ach dem sprichw├Ârtlichen Flagge - Zeichen auf dem Mond reduzierten auch die Vereinigten Staaten ihr Mondprogramm. Die sechste und letzte Apollo - Mission verliess den Erdtrabanten im Dezember 1972. Den Vorgaben Kennedys war mehr als Gen├╝ge getan.
Was hat dieser Sieg den USA gebracht? Diese Frage kann man wohl nur vor dem Hintergrund der damaligen globalen Verh├Ąltnisse beantworten. Der Wettlauf zum Mond war eine Operation des Kalten Krieges und spielte somit eine wichtige aussenpolitische Rolle. Mit ihrem Erfolg untermauerte die amerikanische Nation in den sechziger Jahren ihren Anspruch auf politische und milit├Ąrische F├╝hrung in der Welt. Zudem war die Mondlandung eine ├╝berzeugende Demonstration sowohl des Durchsetzungswillens als auch der technischen F├Ąhigkeiten der Vereinigten Staaten.
Der Fehlschlag des sowjetischen Programms war ebenfalls mehr als bloss ein Imageverlust. Im Jahre 1961 hatten viele Menschen ├╝berall auf der Erde - selbst in den USA - angenommen, die UdSSR k├Ânne mit ihrer zentralen Planwirtschaft langfristige Ziele in der Raumfahrt energisch und erfolgreich umsetzen. Nachdem die Sowjetunion aber immer mehr ins Hintertreffen geraten war, zerst├Ârte dies den Glauben an die Tauglichkeit des Sozialismus, und ihr Einfluss in der Weltpolitik verringerte sich.
W├Ąhrend seiner kurzen Pr├Ąsidentschaft stand Kennedy dem Gedanken an einen Wettstreit im Weltraum mit gemischten Gef├╝hlen gegen├╝ber. Schon in seiner Antrittsrede hatte er der Sowjetunion vorgeschlagen, "den Weltraum gemeinsam zu erkunden". Kurz nach seiner Vereidigung forderte er die NASA und das Aussenministerium zur Entwicklung von Pl├Ąnen f├╝r eine verst├Ąrkte amerikanisch - sowjetische Zusammenarbeit in der Raumfahrt auf. Genau an jenem Tag, an dem Kennedy die entsprechenden Pl├Ąne ├╝berreicht wurden, umrundete Gagarin als erster Mensch die Erde. Daraufhin beschloss Kennedy, die Vereinigten Staaten sollten die F├╝hrung in der Raumfahrt anstreben. Aber noch in seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 20. September 1963 - zwei Monate vor seiner Ermordung - fragte er: "Warum sollte der erste Flug eines Menschen zum Mond das Ergebnis eines Wettstreits von Nationen sein?"
Erst heute scheint Kennedys Traum von einer Zusammenarbeit der beiden grossen Raumfahrtnationen wahr zu werden. Am 15. Dezember 1993 unterzeichnete der amerikanische Vizepr├Ąsident Al Gore und der Verwaltungschef der NASA Daniel S. Goldin mit der russischen Seite einen Vertrag ├╝ber gemeinsame Raumfahrtprojekte. Angestrebt wird die Entwicklung einer internationalen Raumstation. Diese soll haupts├Ąchlich aus amerikanischen und russischen, aber auch aus europ├Ąischen, japanischen und kanadischen Komponenten bestehen und kurz nach der Jahrtausendwende in Betrieb genommen werden.
Mehr als dreissig Jahre lang trieb die Rivalit├Ąt des Kalten Krieges sowohl die amerikanische als auch die sowjetische bemannte Raumfahrt an. Entsprechende Kampagnen im 21. Jahrhundert d├╝rften - wenn ├╝berhaupt - wohl nur mehr in enger multilateraler Zusammenarbeit unternommen werden. Dabei k├Ânnte sich an der Raumstation eine neue Aussenpolitik bew├Ąhren, indem sich die Nationen der Welt zur friedlichen Erkundung des Sonnensystems vereinen.






Literaturangabe:

    "Spektrum der Wissenschaft", August 1994 "Geschichtsbuch 4", Cornelsen Verlag "Durch Geschichte zur Gegenwart", Band 1 und Band 4 "Das neue Duden Lexikon" "Weltraumfahrt", Mondo Verlag

3971 Worte in "deutsch"  als "hilfreich"  bewertet