Der Naturalismus und seine Hauptvertreter






DER NATURALISMUS
UND
SEINE HAUPTVERTRETER:

GERHART HAUPTMANN
HENRIK IBSEN
FJODOR DOSTOJEWSKIJ







Inhaltsverzeichnis:


Politischer und Gesellschaftlicher Hintergrund


Durch die Industrielle Revolution Ă€ndern sich im 19. Jahrhundert die wirtschaftlichen, politischen und sozialen ZustĂ€nde dramatisch. Das schnelle Anwachsen der Bevölkerung (siehe Tabelle unterhalb), der Aufstieg der exakten Naturwissenschaften und der Technik, die fortschreitende Industrialisierung und die mit der Landflucht verbundene VerstĂ€dterung schufen ein Zeitalter der Massenbewegungen. Das im frĂŒhen 19. Jahrhunderte fĂŒhrende BĂŒrgertum wurde in seiner Vorherrschaft immer mehr vom neu enstandenen Vierten Stand den Arbeitern bedroht. Die Frau erkĂ€mpfte sich ein umfangreicheres Recht auf Selbstgestaltung ihres Lebens, den Zutritt zu den öffentlichen BildungsstĂ€tten und schließlich den Eintritt in das Wirtschafts und Berufleben.


1857
1869
1900
Gesamtbevölkerung
32.261.000
35.812.000
46.974.000
Wien samt VorstÀdte
431.147
827.567
1.702.000

EINWOHNERZAHLEN ZUR ZEIT DER ÖSTERREICH - UNGERISCHEN MONARCHIE

Die Wirtschaft stand im Zeichen eines stĂ€ndig wachsenden Konkurrenzkampf um Rohstoffqellen und AbsatzmĂ€rkte. Diese fĂŒhrte zu einer Verarmung des vierten Standes, und die "soziale Frage" wurde zum Hauptproblem der Innenpolitik.
Weltpolitisch ist die Zeit des Naturalismus vom Nationalismus und Imperialismus, und den daraus entstehenden Konflikten zwischen den europĂ€ischen Staaten bestimmt, die schließlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) fĂŒhrten.

2 Vorherrschende Weltanschauung


Zu den wichtigsten philosophischen Richtungen und Theorien der Zeit zÀhlten:

2.1 Der Positivismus


Der Positivismus des französischen Philosophen AUGUST COMTE ĂŒbte starken Einfluß auf die naturalistischen Autoren aus. Der Positivismus lĂ€sst nur die Naturwissenschaften als Wissenschaften gelten. Sie allein beschĂ€ftigen sich mit dem "Positiven", d.h. mit dem Erfahrbaren und Beweisbaren.

2.2 Der Utilitarismus


Der Utilitarismus meint, dass der Wert einer Handlung erst durch ihre Folgen bestimmt wird. Moralisch gut sei, was der Selbsterhaltung der Gruppe und des einzelnen diene. Ziel allen Strebens mĂŒsse es sein, dass grĂ¶ĂŸtmögliche GlĂŒck der grĂ¶ĂŸtmöglichen Zahl von Menschen zu verwirklichen.

2.3 Die materialistische Geschichtsauffassung


Die materialistische Geschichtsauffassung von Karl Marx und Friedrich Engels sieht die Geschichte als stÀndigen Kampf zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, Herrenmenschen und Sklaven. Nicht einzelne Persönlichkeiten machen Geschichte, sie agieren nur als Vertreter ihrer Klasse. Es sind die materiellen VerhÀltnisse, die den Lauf der Geschichte bestimmen. Marx entwickelte die Theorie einer klassenlosen Gesellschaft, die durch die Revolution des Proletariats geschaffen werden sollte.

2.4 Die Milieutheorie


Die Milieutheorie des Franzosen Hippolyte Taine sieht den Menschen als abhÀngig von der Umwelt, in der er sich bewegt. Das Leben und die Handlungen des einzelnen sind vom Milieu bestimmt. "Dem Menschen sind nur die Erde und das kurze Leben auf ihr gegeben. Er ist eingespannt in einen naturgesetzlichen Ablauf der Dinge. Die Willensfreiheit ist eine Illusion."[1]

2.5 Die Evolutionstheorie


Die Evolutionstheorie von Charles Darwin besagt, dass die höher organisierten Lebewesen sich aus einfacher organisierten entwickelt hĂ€tten und der Mensch das vorlĂ€ufig letzte Glied dieser lĂŒckenlosen Entwicklung sei. Darwin sah im Kampf ums Dasein und der natĂŒrlichen Zuchtwahl den Motor dieser Entwicklung.

Wichtige Erfindungen und Entdeckungen der Zeit:

    Dampfturbine; Parson (1884) Benzinautomobil; Daimler, Benz,Marcus (1885) Spannbeton; Deohring (1888) Drehstrommotor; Dovilo - Dobrowolski; (1891) Röntgenstrahlen; Röntgen (1895) FilmvorfĂŒhrung; Meßter, Pathe (1895) Radioaktive Strahlung; Becquerel (1896) Dieselmotor; Diesel (1897) Motorflug; Gebr. Wright (1903)


3 Charakteristika der Stilform


Im Bann der ĂŒberwĂ€ltigenden Fortschritte der Naturwissenschaft, Technik und Medizin, begann man um 1880, die wissenschaftlichen Methoden auch in der Poesie anzuwenden:

    Beobachtung Genauigkeit strenge ObjektivitÀt

Der Dichter sollte die selbe Haltung gegenĂŒber der Außenwelt einnehmen wie ein Arzt oder Naturforscher. Er sollte nicht von der Darstellung Abstoßendem, Krankhaftem oder HĂ€ĂŸlichem zurĂŒckschrecken. Der Naturalismus strebte nicht nach Schönheit, sondern nach ungeschminkter, vor nichts ausweichender Wiedergabe der Wahrheit und nach Wirklichkeitstreue. (Soseinsdichtung). Alles ĂŒbernatĂŒrliche und unerklĂ€rliche wurde abgelehnt. Man beschrĂ€nkte sich auf Darstellung des Ă€ußeren Erscheinungsbildes der Welt. Man strebte nach einer objektiven, phonographischen und fotografischen Wirklichkeitsabbildung der Außenwelt. Man stellte gerade das HĂ€ĂŸliche, Böse, NiederdrĂŒckende, Banal - AlltĂ€gliche, Krankhafte und Geschmacklose in einer bisher noch nicht gekannten Kraßheit dar. Es kam bei der Stoffwahl zum Aufsuchen der Schattenseiten des Lebens. So wurden Proletarier und unterste soziale Schichten der Gesellschaft zu Helden, die Elendsviertel der GroßstĂ€dte zu SchauplĂ€tzen. Die des Naturalismus nannten daher die neue Dichtung auch: Asphaltliteratur, Elendsmalerei oder Armeleutemilieudarstellung. Statt moralischer Vorbilder wurde eine Analyse Menschlicher AbhĂ€ngigkeit geboten.

Als Themen wÀhlte man:

    • Alkoholismus Armut Das Leben in den Mietskasernen Arbeiterausbeutung Ehebruch Die uneheliche Mutter und ihr Kind BrutalitĂ€t und Verbrechertum

Um eine Abweichung von der Wirklichkeit zu vermeiden, lies man die Helden in der UMGANGSSPRACHE, im DIALEKt und JARGON sprechen. Im Drama verzichtete man auf Vers, Reim, Monolog und strengen Aufbau des Handlungsverlaufes. Im Roman ĂŒberwiegt die Beschreibung des sinnlich Wahrnehmbaren, des Milieus und der Ă€ußeren Charakteristik des Helden.
Der Mensch wurde als Produkt des KrĂ€ftespieles von Rasse, Vererbung, geschichtlicher Lage und Umwelt betrachtet. Besonders das Milieu, in das der Mensch hineingeboren wurde, glaubte man bestimme die Entfaltung seiner ererbten Anlagen. Man empfand daher auch den einzelnen Menschen nicht mehr fĂŒr seine Haltungen, Entscheidungen und Handlungen im Leben als selbst verantwortlich. Der klassische "Bösewicht" verschwand aus der Literatur, und es kam zu einem SITTLICHEN RELATIVISMUS, zu einem Standpunkt jenseits von Gut und Böse. Man war ĂŒberzeugt, alles verstehen und erklĂ€ren zu können.

Vertreter des Naturalismus und ihre Werke

4.1 Henrik Ibsen (1828 - 1906)


Ibsen wurde als Sohn eines Kaufmanns am 20. MĂ€rz 1828 in Skien (Norwegen) geboren. Er besuchte die Mittelschule seiner Heimatstadt und kam, nachdem sein Vater verarmt war, 1844 zu einem Apotheker in die Lehre nach Grimstad. 1850 zog er Christiania (heutiges Oslo), um das Abiturentenexamen (Matura) nachzuholen. Der Versuch mißglĂŒckte. Er erhielt aber bald eine Anstellung als Dramaturg und Regisseur an der NationalbĂŒhne in Bergen, die er bis 1857 innehatte. Danach war er als kĂŒnstlerischer Direktor am Norwegischen Theater in Christiania tĂ€tig. Als das Schauspielhaus 1862 den Konkurs anmeldete, ging er als kĂŒnstlerischer Berater an das alte Christiania - Theater. Im FrĂŒhjahr 1864 verließ Ibsen nach öffentlichen Anfeindungen das Land ("alle waren wider mich, ich wurde in Acht und Bann getan")[2]. Mit seinen Gegner, wegen derer er das Land verließ, rechnete er in seinem StĂŒck "Ein Volksfeind" ab.
ZunĂ€chst verbrachte er vier Jahre in Rom. 1886 siedelte er nach Deutschland um. Erst 1891 kehrte der Dichter, zu europĂ€ischen Ruhm gelangt, nach Christinia zurĂŒck, wo er am 23. Mai 1906 verstarb.
Henrik Ibsen gilt neben Zola (Frankreich) als der bedeutendste Wegbereiter des europĂ€ischen Naturalismus. Seine Dramen waren Vorbild fĂŒr viele der ihm nachfolgenden Naturalisten.

Werke: (ausschließlich Dramen)


Catilina 1849
Das HĂŒhnengrab 1850
Johannisnacht 1852
Frau Inger auf Oestrot 1854
Das Fest auf Solhaug 1855
Die Helden auf Helgeland 1857
Komödie der Lieber 1862
Die KronprÀtendenten 1863
Brand 1866
Peer Gynt 1867
Der Bund der Jugend 1869
Kaiser und GalilÀer 1873
Die StĂŒtzen der Gesellschaft 1877
Ein Puppenheim (dt. Nora) 1879
Die Gespenster 1881
Ein Volksfeind 1882
Die Wildente 1884
Rosmersholm 1886
Die Frau vom Meer 1888
Baumeister Solness 1892
Klein Eyolf 1894
John Gabriel Borkmann 1896
Wenn wir Toten erwachen 1899


4.1.1 Ein Volksfeind


Das StĂŒck spielt in einer Norwegischen KĂŒstenstadt in der 2. HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts. Das Schauspiel ist in fĂŒnf Akte gegliedert und wurde am 13. Januar in Christiania (heutiges Oslo) uraufgefĂŒhrt.
Der Badearzt Dr. Stockmann entwickelt die Idee, seine Heimatstadt zum Kurort zu machen, und verhilft der Stadt damit zu Wohlstand und Ansehen. Sein Bruder Peter, ein einflußreicher Beamter, realisiert das Vorhaben. Alles ist in bester Ordnung, doch dann entdeckt Dr. Stockmann, dass das Wasser der Badeanstalt nicht heilend, sondern gesundheitsschĂ€dlich ist. Die Wasserleitung fĂŒhrt durch einen giftigen Sumpf, und so wird das Wasser mit Keimen infiziert. Dr. Stockmann möchte seine Entdeckung sofort publik machen, um den MißstĂ€nden Abhilfe zu verschaffen. Zuerst findet er UnterstĂŒtzung bei der Zeitung des Ortes, deren Redakteure diesen Skandal vor allem gegen die Obrigkeit benutzen wollen. Stockmann ist sich sicher, die Mehrheit der BĂŒrger auf seiner Seite zu haben. Doch bevor der Skandal in der Zeitung veröffentlicht wird, sucht Peter die Redakteure der Zeitung auf. Er macht ihnen klar, dass die Sanierung der Badeanstalt Unsummen an Steuergeld verschlingen wĂŒrde, und dass die Anstalt fĂŒr mindestens zwei Jahre geschlossen werde mĂŒsse. Nach und nach kĂŒndigen alle Dr. Stockmann die Folgschaft auf, und er steht mit seiner Forderung nach Veröffentlichung der MißstĂ€nde und deren Sanierung allein da. Trotzdem lĂ€sst er sich nicht beirren und möchte an die Öffentlichkeit treten. Doch kein Buchdrucker ist bereit, fĂŒr in FlugblĂ€tter zu drucken, und niemand stellt ihm einen Saal zur VerfĂŒgung. Schließlich kommt es dennoch im Saal des Hauses von KapitĂ€n Horster, der als einziger BĂŒrger der Stadt zu ihm hĂ€lt, zu einer BĂŒrgerversammlung, bei der Tomas Stockmann seine Ideen vortragen und seine Anklagen erheben kann. In seiner Rede weicht er weitgehend vom Thema ab und kritisiert die Obrigkeit und die Mehrheit der Masse, die immer auf Kosten einer Minderheit entscheidet. WĂ€hrend dieser Rede verliert er auch seine letzten Sympathisanten, wird als "Volksfeind" beschimpft und aus der Halle gejagt.
Aufgrund der Veröffentlichungen sinken die Aktien der Badeanstalt rapide im Wert. Dr. Stockmanns Schwiegervater nĂŒtzt dies aus, und er kauft einen Großteil der Aktien um den Erbteil von Stockmanns Frau und ihrer Kinder. Der Schwiegervater möchte den Badearzt dazu ĂŒberreden, seine Behauptungen zurĂŒckzunehmen, um das Erbe der Kinder zu sichern. Doch Dr. Stockmann bleibt bis zuletzt der unbeugsame und kompromißlose Idealist, der er immer war. Obwohl er Haus und Anstellung verliert, möchte er im Ort bleiben und weiter seinen Kampf fĂŒr Wahrheit und Gerechtigkeit fĂŒhren.

Die Menschen in Ibsens StĂŒck denken nur an den Profit und ihren Wohlstand, das Wohl anderer kommt erst weit hinter ihren eigenen Interessen. Nur Dr. Stockmann ist bereit gegen das Unrecht anzukĂ€mpfen. Die BĂŒrger haben fĂŒr seine Haltung aber kein VerstĂ€ndnis, sie sehen in ihm einen Feind des Volkes und bekĂ€mpfen ihn mit allen Mitteln.

Fjodor Dostojewskij (1821 - 1881)


Fjodor Michailowitsch Dostojewskij wurde als Sohn eines Arztes am 11.11.1821 in St. Petersburg geboren, studierte an der MilitĂ€ringenieurschule in St. Petersburg und war dann als Schriftsteller tĂ€tig. Seit seiner Jugend litt er an Epilepsie. Als Mitglied eines Sozialistenbundes wurde er 1849 zum Tod verurteilt und auf der RichtstĂ€tte zu vierjĂ€hriger Zwangsarbeit zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien begnadigt. Erst zehn Jahre spĂ€ter (1859) gelang ihm nach mehrjĂ€hrigen MilitĂ€rdienst die RĂŒckkehr nach St. Petersburg. Danach war Dostojewskij ĂŒberzeugter Christ und Gegner des atheistischen Sozialismus. Die Erlebnisse dieser Leidensjahre hielt er in seinem Werk "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" fest.
Dostojewskij kam zur Überzeugung, dass allein das Volk die christliche Wahrheit unverfĂ€lscht hĂŒte, wĂ€hrend sie den Intellektuellen durch Anschluß an die westeuropĂ€ische Entwicklung verloren gegangen sei. Die durch drohendes SchuldgefĂ€ngnis erzwungenen Aufenthalte in Westeuropa bestĂ€rkten ihn in seinem Glauben. Dostojewskij setzte sich fĂŒr einen idealen patriarchalischen Zarismus ein und vertrat panslawistische Ansichten. Er verstarb am 9.2.1881 in St. Petersburg und gilt neben Leo Tolstoi (1828 bis 1910) als der bedeutendste Naturalist Rußlands.

Stilistisch und dramatisch knĂŒpfte er zunĂ€chst an Gogol an. In seine großen Romanen sind die unterdrĂŒckten, leidenden Menschen seiner Heimat die Helden und werden zu MĂ€rtyrern der Menschheit gemacht. Die meisten Romane fĂŒhren den Leser in eine Welt des Elends der ZuchthĂ€usler und Verbrecher. Religiös - philosophische Themen finden sich in seinen Werken ebenso, wie politisch - gesellschaftliche Ideen. Dostojewskij gibt in seinen Romanen nicht nur ein klares Bild der Außenwelt, sondern durchleuchtet auch die menschliche Seele mit all ihren AbgrĂŒnden.
Er ĂŒbte großen Einfluß aus, besonders auf Maxim Gorki, auf Friedrich Nietzsche und den deutschen Naturalismus.

Zu seinen wichtigsten Werken zÀhlen:

Novellen: Die Sanfte (1876)
Romane: Schuld und SĂŒhne (1866)
Die BrĂŒder Karamasow (1879 - 1880)
Die DĂ€monen (1872)
Der Idiot (1868)

Der Idiot


Der Roman der Idiot von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij spielt im Rußland des spĂ€ten 19. Jahrhunderts. Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die durch einen grĂ¶ĂŸeren Zeitsprung in der Handlung getrennt sind. Die Geschichte spielt ihm Milieu der Adeligen und des reichen BĂŒrgertums.

FĂŒrst Lew Nikolajewitsch Myschkin ist der letzte Abkömmling eines verarmten Adelsgeschlecht. Nach dem Tod seines Vaters wird er von einem Freund der Familie aufgenommen. FĂŒrst Myschkin, der an Epilepsie leidet, wird Zwecks Heilung von seinem Ziehvater in die Schweiz geschickt. Nach dem Tod des Ziehvaters kehrt der FĂŒrst 25 jĂ€hrig aus der Schweiz nach St. Petersburg zurĂŒck um das Erbe anzutreten. Sein Leiden hatte sich wĂ€hrend des Auslandaufenthalts gebessert, konnte jedoch nicht vollstĂ€ndig geheilt werden.
Auf der Reise zurĂŒck nach Rußland lernt er Parfen Rogoschin, den Sohn eines reichen Kaufmanns kennen. Dieser erzĂ€hlt ihm ĂŒber seine unglĂŒckliche Liebe zu Nastasja Filipowa und weckt das Interesse des FĂŒrsten an dieser schönen, unnahbaren Frau.
In Petersburg angekommen sucht er die Generalin Jepantschin, eine entfernte Verwandte, auf. Aufgrund seiner Ă€rmlichen Ă€ußeren Erscheinung wird er zwar zunĂ€chst mißtrauisch behandelt, kann dann aber das Herz der Generalin und ihrer Töchter gewinnen. Der FĂŒrst bekommt so Einlass in die höchste Kreise und kann mehr ĂŒber Nastasja Filippowa in Erfahrung bringen:
Sie ist die Tochter des verstorbenen Gutsbesitzers Filipp Alexandrowitsch Baraschkow. Ihr Pflegevater Tozkij lĂ€sst ihr beste Erziehung und Bildung zu Teil werden. Tozkij nutzt die ihre AbhĂ€ngigkeit aus und sie wird seine Geliebte. Er fĂŒrchtet sich nun vor der Rache der erwachsenen Frau und versucht sie durch Geschenke und finanzielle Zuwendungen zu besĂ€nftigen. Die Angst vor der Rache hindert ihm auch an der Heirat mit einer der Töchter des General Jepantschin, und so beschließt er und der Vater der Braut das Problem Nastasja Filippowa endgĂŒltig zu lösen. Ihr Plan ist es sie zu einer Heirat mit Ganja, Gawrilia Ardalionowitsch Iwolgin, zu bewegen. Tozkij und der General bieten ihr 15.000 Rubel fĂŒr den Fall, das die Ehe zustande kommt.
Auf ihrer Geburtstagsfeier, zu der auch FĂŒrst Myschkin erscheint, soll sie die Verlobung mit Ganja bekannt geben, doch sie lehnt den Heiratsantrag spöttisch ab. Daraufhin kommt es zu hitzigen StreitgesprĂ€chen und Diskussionen. Da taucht plötzlich Rogoschin auf und bietet ihr öffentlich 100.000 Rubel falls sie ihn heirate. Nun bittet auch der FĂŒrst sie ihre Hand. Nastasja lehnt jedoch den Antrag des FĂŒrsten ab, da sie glaubt sie wĂ€re nicht gut genug fĂŒr den FĂŒrsten und zieht mit Rogoschin.
Nastasja Filippowa verschiebt den Hochzeitstermin immer wieder und flĂŒchtet vor Rogoschin. Dieser reist ihr hinterher, wird jedoch immer nur von ihr verspottet und zurĂŒckgewiesen. Auch der FĂŒrst sucht wieder Nastasja regelmĂ€ĂŸig auf, obwohl er Rogoschin versprechen musste, Nastasja nicht mehr zu treffen.
FĂŒrst Myschkin ist gerade in Moskau eingetroffen und dabei Nastasja Filippowa aufzusuchen, als sich seine Krankheit wieder bemerkbar macht. Verwirrt lĂ€uft er durch die Stadt und kehrt schließlich in sein Hotel zurĂŒck, wo er einen epileptischen Anfall erleidet. Der FĂŒrst wird von Lebedew, einem befreundeten Beamten, der ihn geradezu verehrt, aufgenommen und gepflegt. Um die völlige Erholung von dem Anfall zu garantieren, nimmt er den FĂŒrsten mit in die Sommerfrische außerhalb Moskaus.
Die meisten Freunde und Bekannte des FĂŒrsten befinden sich ebenfalls auf Sommerfrische und statten ihm einen Besuch ab. Es erscheint auch ein junger ungepflegter Mann, der sich als unehelicher Sohn des Ziehvaters Myschkins ausgibt. Dieser erhebt nun Anspruch auf einen Teil des Erbes. Es stellt sich allerdings heraus, dass er lĂŒgt und sĂ€mtliche AnsprĂŒche frei Erfunden sind. Myschkin ĂŒberlĂ€sst ihm aber dennoch die Summe von 10000 Rubel.
Der naive FĂŒrst, der nicht fĂ€hig ist die Menschen richtig einzuschĂ€tzen, wird immer wieder mit Intrigen konfrontiert, an denen er schließlich zerbricht. Auch seine Liebe zu Nastasja endet in einer Katastrophe. Seine Krankheit tritt immer stĂ€rker zu Tage, und schließlich wird er seelisch gebrochen und unheilbar geisteskrank in die Schweizer Heilanstalt zurĂŒck gebracht.

Gerhart Hauptmann (1862 - 1946)


Gerhart Hauptmann wurde am 15. November 1862 in Ober - Salzbrunn als Sohn eines schlesischen Gasthausbesitzers geboren. UrsprĂŒnglich wollte er Landwirt werden, widmete sich aber sehr bald der Bildhauerei. FĂŒr seine Dichtung wurde der Besuch von naturwissenschaftlichen und philosophischen Vorlesungen in Jena bedeutsam. Nach Reisen in die Schweiz, nach Spanien und Italien 1883/84 scheiterte sein Versuch, als Bildhauer in Rom zu leben. Mit der klassizistischen Tragödie DER TOD DES TIBERIUS (1884) unternahm er einen ersten dramatischen Versuch. 1885 heiratete er die Großkaufmannstochter Marie Thienemann und wurde damit finanziell unabhĂ€ngig. Gemeinsam mit seiner Frau lebte er nun in Berlin. Dann aber wurde der Einfluß von Henrik Ibsen[3] und den russischen Naturalisten Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewskij[4] ĂŒbermĂ€chtig. In seiner eigenen naturalistischen ErzĂ€hlweise schrieb Hauptmann im Jahre 1888 die novellistische Studie BAHNWĂ€RTER THIEL[5]. In seinem ersten sozialen Drama VOR SONNENAUFGANG (1889) zeigte er in krassen Farben die Kehrseite des Lebens und ließ die Menschen in ihrer Alltagssprache reden. Die Wirkung dieses StĂŒcks war von historischer Bedeutung. Die Leute waren darĂŒber empört und begeistert zugleich. Die illusionslose AtmosphĂ€re, die rĂŒcksichtslose Darstellung des verkommenen Trieblebens und die profane Alltagssprache - das alles machte Gegner und AnhĂ€nger hellwach.[6] Schon wenige Monate spĂ€ter folgte mit FAMILIE SELICKE (1889) der Freunde Arno Holz und Johannes Schlaf ein ganz Ă€hnliches Thema in kleinbĂŒrgerlichen Kreisen. Hauptmann selbst rollte im FRIEDENSFEST (1890) noch einmal eine Familientragödie auf. Einen durchschlagenden Erfolg hatte der Dichter erst mit seinem dritten Familiendrama EINSAME MENSCHEN, das er 1891 schrieb.

Mit DIE WEBER[7] (1892) schilderte Hauptmann das Elend und die UnterdrĂŒckung der armen Bevölkerungsschicht zur Zeit der schlesischen WeberaufstĂ€nde 1844. Sein Großvater war selbst ein armer Weber gewesen. Die erste Fassung des StĂŒcks schrieb der Dichter 1891 in schlesischer Mundart unter dem Titel DE WABER. Im Mittelpunkt steht hier das Volk. Damit wurde das Schauspiel zu einem der stĂ€rksten sozialen Dramen ĂŒberhaupt. Es hat nicht die gewohnte Einteilung in Akte, sondern aneinandergereihte Handlungsabschnitte, die alle auf ein gemeinsames Ziel hinsteuern. Dieses gemeinsame Ziel war, die herrschende Not und Ausbeutung der Weber hervorzuheben. Hauptmann wollte an das Mitleid appellieren, ohne den Kampf auf die Straße zu tragen. Darum sind DIE WEBER zwar ein soziales Schauspiel von ergreifender Wirkung, jedoch ist es kein Revolutionsdrama. Immerhin schien das StĂŒck die politische Sicherheit Preußens zu gefĂ€hrden, denn die fĂŒr MĂ€rz 1892 vorgesehene UrauffĂŒhrung wurde vom Berliner PolizeiprĂ€sidenten verboten, weshalb sie ein Jahr spĂ€ter als geschlossene Vorstellung stattfand. Obwohl das Familiendrama EINSAME MENSCHEN der erste wirkliche Erfolg des Dichters war, wurde Hauptmann nun auch außerhalb seiner Heimat bekannt. Er hatte seinen Ruf als fĂŒhrender Dramatiker des Naturalismus fest begrĂŒndet.
Aber noch im selben Jahr bewies der Dichter, das er auch eine humoristische Begabung besaß. Dazu bot ihm seine erste Komödie KOLLEGE CRAMPTON (1892) Gelegenheit. Die Titelfigur entstand nach dem Modell eines Professors jener Kunstakademie, die Hauptmann einst selbst besucht hatte.

Im September 1893 kommt es in Berlin zur UrauffĂŒhrung des StĂŒcks DER BIBERPELZ. Diese Diebskomödie gilt neben Lessings MINNA VON BARNHELM und Kleists ZERBROCHENEM KRUG als eines der wenigen klassischen deutschen Lustspiele. Auf die durch ihre WirklichkeitsnĂ€he so ĂŒberraschende Komödie folgte eine Traumdichtung. Es ist das symbolische Drama HANNELES HIMMELFAHRT (1893). Nach einer schweren Lebenskrise in diesem Jahr wurde seine erste Ehe getrennt.
Anschaulich und eindrucksvoll zeichnete Gerhart Hauptmann mit FLORIAN GEYER (1895) ein historisches GemĂ€lde der politischen Tragödie des Bauernkrieges 1524/25, in der er die Uneinigkeit der Deutschen in ihrem politischen Denken scharf kritisierte. Der Dichter entwarf in diesem StĂŒck ĂŒberzeugende Charaktere und ließ sie eine ungewöhnlich gelungene archaistische[8] Sprache sprechen. FLORIAN GEYER galt dennoch als Mißerfolg des Autors. Das historische Zeitbild erwies sich als zuwenig bĂŒhnenwirksam.

Hauptmann schrieb nicht nur naturalistische Dramen, er neigte auch zum Symbolismus[9] und zur Versromantik, und er wandte sich ebensosehr dem MĂ€rchen - und Mysterienspiel wie der klassizistischen Verstragödie zu. Mit seinem lyrischen SelbstportrĂ€t, dem MĂ€rchendrama DIE VERSUNKENE GLOCKE (1896), ĂŒberraschte Hauptmann seine AnhĂ€nger. In dem Schauspiel FUHRMANN HENSCHEL (1898) schilderte er wiederum die plötzliche Wandlung des Charakters zum Bösen, an dem der Titelheld schlußendlich zerbricht.
Mit SCHLUCK UND JAU (1990) kehrte Gerhart Hauptmann kurz in die Welt der Romantik zurĂŒck. Er nahm das alte orientalische Motiv vom KöNIG FĂŒR EINEN TAG auf, das vor ihm schon William Shakespeare in dem Vorspiel zu DER WIDERSPENSTIGEN ZĂ€HMUNG und Ludvig Holberg in JEPPE VOM BERGE verwertet hatten. Im selben Jahre schuf Hauptmann aber auch als GegenstĂŒck zum KOLLEGEN CRAMPTON die Vater - Sohn - Tragödie MICHAEL KRAMER. Nach der Sage DER ARME HEINRICH (1902) entstand das kraftvolle Schauspiel ROSE BERND. Das StĂŒck wurde im Oktober 1903 in Berlin uraufgefĂŒhrt. 1904 schloß Gerhart Hauptmann eine zweite Ehe und lebte nun mit seiner Frau in Agnetendorf (Schlesien).

Mit UND PIPPA TANZT (1906) schrieb der Dichter ein GlashĂŒttenmĂ€rchen, das mythische und auch magische ZĂŒge trĂ€gt. Nach den weiteren Traum - und MĂ€rchenspielen KAISER KARLS GEISEL (1908) und GRISELDA (1909) begab sich Hauptmann mit der zeitsatirischen Tragikomödie DIE RATTEN[10], die er 1911 schrieb, wieder ganz auf den Boden des Naturalismus. In der ĂŒberzeugend echt dargestellten Welt einer armseligen Mietskaserne ging es nicht um einen Einzelfall im Sinne des französischen Schriftstellers Emile Zolas, sondern um ein allgemein menschliches und zeitloses Thema: den aus GefĂŒhlen entstehenden Zwiespalt und Kampf der natĂŒrlichen und der falschen Mutter um ein Kind. Dennoch ist es nicht diese Haupthandlung, die dem StĂŒck den Titel gibt, vielmehr geht dessen Sinn aus den weltanschaulichen Äußerungen des evangelischen Theologen Karl Johann Philipp Spitta hervor, der als Vertreter der jĂŒngeren Generation am LebensgebĂ€ude der Älteren rĂŒttelt, so wie Ratten am GebĂ€lk einer morschen Zeit nagen.
Ähnlich wie in EINSAME MENSCHEN schilderte Hauptmann in GABRIEL SCHILLINGS FLUCHT (1912) die Unentschlossenheit eines KĂŒnstlers, der zwischen zwei Frauen steht und nur im Freitod eine Lösung findet. 1912 erhielt Gerhart Hauptmann den Nobelpreis fĂŒr Literatur. Das Familiendrama VOR SONNENUNTERGANG (1932) war eines seiner letzten Werke im naturalistischen Genre.

Am 6. Juni 1946 verstarb Gerhart Hauptmann in seinem Haus in Agnetendorf. Er galt zu seiner Zeit als ReprÀsentant des deutschen Geistes und Nachfahre Johann Wolfgang Goethe. Er entwickelte das auf Umweltschilderungen gerichtete naturalistische Drama zu seiner Höhe und eroberte damit das deutsche Theater.

4.3.1 BahnwÀrter Thiel


BahnwĂ€rter Thiel ist ein durchaus krĂ€ftiger Mensch von herkulischer Gestalt. Mit großer Sorgfalt regelt er einen BahnĂŒbergang mitten im Wald. Thiel lernt ein schmĂ€chtiges FrĂ€ulein kennen, das ihn von nun an auf seinem langen Weg zur Arbeit begleitet. Die beiden heiraten und seine zierliche Frau bekommt ein ebenso zartes Kind, das auf den Namen Tobias getauft wird. Nach zweijĂ€hriger Ehe stirbt des BahnwĂ€rters Frau. Thiel schwört an ihrem Sterbebett, fĂŒr das Wohlergehen des Jungen zu sorgen.
Nach knapp einem Jahr heiratet er abermals. Seine Frau Lene ist eine eher korpulente, aber starke Bauernmagd. Thiel ist der Meinung, dass sein von Geburt an schwĂ€chlicher Sohn Tobias mĂŒtterliche FĂŒrsorge benötige. Obwohl Lene eine musterhafte Wirtschafterin ist, muss der BahnwĂ€rter drei Dinge in Kauf nehmen: ihre harte, herrschsĂŒchtige GemĂŒtsart, ihre Zanksucht und ihre brutale Leidenschaftlichkeit. Schon bald hat seine Frau das Sagen im Haus. Nur wenn sie vorhat, Tobias zu bestrafen, schreitet Thiel ein. Mit der Zeit schwindet auch dieser Widerstand. Sein einsamer Arbeitsplatz mitten im Wald wird zu seinem liebsten Aufenthalt. Thiels Gedanken sind fortwĂ€hrend bei seiner verstorbenen Frau, wenngleich er von seiner jetzigen Angetrauten abhĂ€ngig geworden ist.
Zwischen dem BahnwĂ€rter und seinem Sohn entwickelt sich eine liebevolle Beziehung. In dem Maße, wie diese zunimmt, verringert sich die Liebe der Stiefmutter zu Tobias und schlĂ€gt sogar in Abneigung um, als Lene ebenfalls einen Jungen zur Welt bringt. So kommt es, dass sie Tobias immer öfter grundlos mit SchlĂ€gen bestraft. Dies geschieht freilich nur, wenn der BahnwĂ€rter nicht Zuhause ist. Als Thiel zu ungewohnter Zeit von seiner Arbeit zurĂŒckeilt, um den vergessenen Proviant zu holen, hört er bereits vor der HaustĂŒr, wie Lene seinen Sohn mißhandelt. ErzĂŒrnt betritt er sein Haus. Als er Lene erblickt, ĂŒberkommt ihm jedoch wieder seine GleichgĂŒltigkeit, die ihm jeglichen Widerstand untersagt. Thiel steckt sich seinen Proviant ein und verschwindet.
Um einen Acker in der NĂ€he seines Arbeitsplatzes zu bewirtschaften, nimmt er Lene und seine beiden Söhne mit. WĂ€hrend seine Frau eifrigst den fruchtbaren Boden bearbeitet und auf ihren SĂ€ugling aufpaßt, geht der WĂ€rter mit seinem Ă€lteren Sohn entlang der Schienen spazieren. Nach einer Mittagspause besteht Lene darauf, dass Tobias nun auf seinen Bruder aufpassen solle, wĂ€hrend sie arbeite. Bevor seine Frau mit den Kindern losgeht meint Thiel noch, sie solle achtgeben, dass der Bub den Gleisen nicht zu nahe komme.
Einige Zeit spĂ€ter ertönt der laute Signalton eines Personenzuges. Da der Zug nicht mehr rechtzeitig anhalten kann, ĂŒberrollt er den kleinen Tobias. Der schwer verletzte Junge wird zum Bahnarzt gebracht, wo er kurz darauf stirbt. Der BahnwĂ€rter ist von dem Vorfall dermaßen geschockt, dass er bewußtlos wird. Nachdem Thiel heimgetragen worden ist, kĂŒmmert sich seine Frau um ihn. Aufgrund der erlebten Strapazen wird sie mĂŒde und schlĂ€ft ein.
Am nĂ€chsten Morgen werden Lene und ihr eigenes Kind tot aufgefunden. Nachdem der WĂ€rter an der UnglĂŒcksstelle seines Sohnes gefunden wird, verhaftet man ihn und bringt den Geisteskranken in eine Irrenanstalt.

Die Weber


Da beim Webefabrikanten Dreißiger Liefertag ist, erscheinen zahlreiche Weber, um ihre vollbrachte Arbeit abzuliefern und sich dafĂŒr entlohnen zu lassen. Die völlig verarmten Leute beklagen das geringe Entgelt, und einige von ihnen fordern dringend benötigte LohnvorschĂŒsse. Auch der Alte Baumert und BĂ€cker - beide Weber - befinden sich in der Menschenmenge. Als der selbstsicher auftretende BĂ€cker seine Webe abgibt, beschwert er sich mit forschen Worten ĂŒber das viel zu niedrige Entgelt. Daraufhin wird Dreißiger geholt, der ihn persönlich des Hauses verweist. Nach dem Zwischenfall hĂ€lt Dreißiger eine Rede, in der er die aufgebrachten Leute beschwichtigen kann. Trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage, kĂŒndigt er an, weiteren zweihundert Webern Arbeit zu bieten.
Auf dem Weg nach Hause trifft der Alte Baumert auf Moritz JĂ€ger, einen jungen Burschen aus der Nachbarschaft, der ein angenehmes Leben als Soldat fĂŒhrt. Der Alte Baumert lĂ€dt ihn zu sich ein. Die verarmte Weberfamilie lebt als Untermieter in einem desolaten Haus und hat kaum etwas zu essen. Sie teilen ihr sorgenvolles Schicksal mit vielen anderen Webersleuten. Obwohl es JĂ€ger gut geht, ist er von ihrem Leid schwer betroffen und will sich fĂŒr die armen Leute einsetzen. Er liest der Familie Teile aus dem rebellischen "Blutgericht", das auch "Dreißiger Lied" genannt wird, vor. Das Werk verurteilt das ausbeuterische Schaffen der Fabrikanten. Die Familie ist von den Worten begeistert und verspĂŒrt den Drang nach VerĂ€nderung.
Danach kehren der Alte Baumert und JĂ€ger in eine Schenkstube ein. Mit der Zeit wird die Zahl der Weber im Wirtshaus immer grĂ¶ĂŸer. Auch BĂ€cker befindet sich unter ihnen. Es wird ĂŒber die herrschende Armut und Not geredet. Als ein Gendarm in der Schenkstube auftaucht, wird es still. Der unwillkommene Gast verkĂŒndet, dass das "Dreißiger Lied" absofort verboten ist und wer es singt, wird verhaftet. Nachdem der Gendarm geht, stimmen die Weber das verbotene Lied an und ziehen zu Dreißiger, um gerechtere Löhne zu fordern.
Der Fabrikant ist ĂŒber diese Versammlung erbost, und lĂ€sst durch seine Fabrikarbeiter JĂ€ger festnehmen. Der Polizeiverwalter kommt und versucht, den Verhafteten zu verhören. JĂ€ger ist jedoch unbekĂŒmmert und verwehrt jede Antwort. Die vor dem Haus versammelte Menschenmenge fordert, JĂ€ger wieder frei zu lassen. Von den Webern unbeeindruckt lĂ€sst der Polizeiverwalter den AufstĂ€ndischen abfĂŒhren. Plötzlich beginnt der Konflikt zu eskalieren. Den Webern gelingt es, JĂ€ger zu befreien und die Polizei zu vertreiben. Danach stĂŒrmt die aufgebrachte Menge das Haus. Der Fabrikant kann noch rechtzeitig flĂŒchten. Die AufstĂ€ndischen sind vom Reichtum Dreißigers bestĂŒrzt und beschließen, das Haus völlig zu verwĂŒsten.
Von ihrem Erfolg gestĂ€rkt ziehen sie in die Nachbarortschaft, um es dem Fabrikanten Dittrichen gleich zu tun. WĂ€hrend der Wanderung vergrĂ¶ĂŸert sich die Menschenmenge fortdauernd. Schließlich kehren sie auch beim angesehenen Weber Hilse ein und fordern ihn vergebens auf, am Aufstand teilzunehmen. Das MilitĂ€r erscheint, um den Webern Einhalt zu gebieten. Die aufgebrachte Menge lĂ€sst sich aber nicht einschĂŒchtern und es kommt zum Kampf. Dabei wird das Haus des Alten Hilse schwer getroffen, und der daheimgebliebene Weber kommt ums Leben. Den AufstĂ€ndischen gelingt es jedoch, dass MilitĂ€r vorerst zu vertreiben.

4.3.3 Die Ratten


Auch die Familie des Maurerpoliers John wohnt in diesem Haus. Frau John hĂ€lt den Theaterfundus, den der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter am Dachboden eingerichtet hat, in Ordnung. Auf diesem Dachboden möchte auch das polnische DienstmĂ€dchen Pauline Piperkarcka ihr Kind zur Welt bringen. Sie gesteht Frau John, dass sie sich und das Kind umbringen will, da sie von ihrem BrĂ€utigam verlassen worden ist. Frau John, deren eigenes Kind im zartesten Alter gestorben ist und die sich brennend wieder nach einem sehnt, beschwört sie, diese SĂŒnde nicht zu begehen: sie soll das Kind zur Welt bringen und es Frau John ĂŒberlassen, die es als ihr eigenes großziehen wird. Herr John, der im Ausland gearbeitet hat, kehrt nach Berlin zurĂŒck, um die Geburt seines Sohnes am Standesamt anzumelden. Frau John umhegt das Kind mit grĂ¶ĂŸter Sorgfalt und Liebe. Nach einiger Zeit jedoch kehrt das DienstmĂ€dchen Piperarcke zurĂŒck und möchte ihr Kind besuchen. Frau John aber verwehrt ihr diesen Wunsch und schlĂ€gt sie ins Gesicht. WĂ€hrend Frau John fĂŒr zwei Wochen zu ihrer SchwĂ€gerin zieht erfĂ€hrt Herr John, dass das Kind gar nicht sein eigenes, sondern das des DienstmĂ€dchens ist. Pauline Piperarcka hat auch schon Anzeige erstattet, ist aber spurlos verschwunden. Kurz vor ihrem Verschwinden wurde sich öfters mit dem verkommenen Bruder von Frau John gesehen. Als Frau John nach Berlin zurĂŒckkehrt gesteht ihr der Bruder, dass er mit Pauline ĂŒber das Kind gesprochen habe. Dabei sei es zum Streit gekommen, es sei etwas passiert und nun mĂŒsse er fĂŒr einige Jahre verschwinden. Frau John begreift was geschehen ist, und stammelt immer wieder vor sich hin: "Ick bin keen Merder, det wollte ick nich."[11] Wenig spĂ€ter erscheint auch die Polizei, um das widerrechtlich zurĂŒck gehaltene Kind ins Waisenhaus zu bringen. Vor Angst und Verzweiflung von Sinnen, will Frau John mit dem Kind auf die Straße laufen, um sich mit ihm zusammen umzubringen. Den Hausbewohnern gelingt es jedoch das Kind zu retten.

Eine Übersicht seiner Werke


Schauspiele

Vor Sonnenaufgang 1889
Das Friedensfest 1890
Einsame Menschen 1891
DIE WEBER 1892
Florian Geyer 1895
Fuhrmann Henschel 1898
Michael Kramer 1900
Rose Bernd 1903
DIE RATTEN 1911
Gabriel Schillings Flucht 1912
Der weiße Heiland 1920
Vor Sonnenuntergang 1932
Atriden - Tetralogie 1941 - 48

Lustspiele

Kollege Crampton 1892
Der Biberpelz 1893
Schluck und Jau (RĂŒpelspiel) 1900
Die Jungfern vom Bischofsberg 1907

MĂ€rchen - und Traumspiele

Hanneles Himmelfahrt 1894
Die versunkene Glocke 1896
Und Pippa tanzt 1906
Schauspiele aus Legende und Sage

Der arme Heinrich 1901
Kaiser Karls Geisel 1908
Griselda 1909

Novellen

BAHNWĂ€RTER THIEL 1888
Der Ketzer von Soana 1918

Romane

Atlantis 1912
Phantom 1922
Die Insel der großen Mutter 1924
Wanda 1928
Im Wirbel der Berufung 1936

Epen

Promethidenloos 1885
Anna 1921
Der große Traum 1942 - 43

Gedichte

Ährenlese 1939
Neue Gedichte 1946

5 Bildende Kunst


Auch in der Malerei suchte man eigene Ausdrucksformen fĂŒr das neue Zeit - und LebensgefĂŒhl. ZunĂ€chst kam es zu einer Aufhellung der Farbtöne und zu einer neuen Stoffwahl.
Parallel zur naturalistischen Dichtung bevorzugte die neue Kunst zunĂ€chst Motive aus den unteren Schichten der Gesellschaft und schreckte auch vor der Darstellung des HĂ€ĂŸlichen nicht mehr zurĂŒck. Man strebte, wie die Dichter, nach Wahrhaftigkeit und Abbildung der Wirklichkeit. Nicht mehr im Atelier, sondern im Freien wurde gemalt. So setzte die Freiluftmalerei (Pleinairismus) ein.
Doch schon die eigentlichen Naturalisten wandten sich bald vom bloßen Darstellen der Objekte ab. Es entwickelte sich der Wunsch, die Wirkung und den inneren Eindruck der Dinge wiederzugeben. FrĂŒh machte man den Schritt vom Naturalismus zu Impressionismus, zu dem sich fast alle naturalistischen Maler schließlich weiterentwickelten.

5.1 Wilhelm Leibl (1844 - 1900)


Wilhelm Leibl stand anfangs unter dem Einfluß des französischen Naturalisten COURBET, er entwickelte aber bald eine Farbkultur und einen Stil, der ihn zum bedeutendsten Maler Deutschlands am Ende des 19. Jahrhunderts machte. Aus der Unmittelbarkeit der Beobachtung malte er herbe, erdnahe Bauern Oberbayerns in einem klaren Realismus, ohne die Wirklichkeit zu verfĂ€lschen oder zu versĂŒĂŸlichen. Sein Malstil fand aber nicht ungeteilten Zuspruch. Wie den meisten Naturalisten, wurde auch ihm vorgeworfen, sich hauptsĂ€chlich dem "HĂ€ĂŸlichen" verschrieben zu haben.

Seine Werke: BĂ€uerinnen in der Kirche
Die Dachaurinnen
Die Dorfpolitiker
Die Kritiker
Der Spargroschen

5.2 KĂ€the Kollwitz (1867 - 1945)


Die KĂŒnstlerin vermengt in ihren Lithographien und Radierungen naturalistische und impressionistische Elemente, wĂ€hrend ihre Holzschnitte eine Verwandtschaft mit dem spĂ€teren Expressionismus zeigen. So wie Hauptmann[12] beschĂ€ftigte auch sie sich mit dem Weberaufstand und schuf zu diesem Thema eine Blattfolge.

Werke: Die Blattfolgen zum Weberaufstand und zu den Bauernkriegen
Mutter, Kind und Tod
Selbstbildnisse

Literaturverzeichnis


    Henrik Ibsen: Ein Volksfeind, Stuttgart, Philipp Reclam jun., 1968

    Fjodor Michailowitsch Dostojewskij: Der Idiot, MĂŒnchen, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1990

    Gerhart Hauptmann: BahnwÀrter Thiel; Stuttgart, Philipp Reclam jun., 1963

    Gerhart Hauptmann: Die Weber, Frankfurt - Berlin, Ullstein Verlag, 1993

    Gerhart Hauptmann: Die Ratten, Frankfurt - Berlin, Ullstein Verlag, 1990

    Manfred Kluge und Rudolf Radler (Herausgeber): Hauptwerke der
    deutschen Literatur; Einzeldarstellungen und Interpretationen, MĂŒnchen, Kindler Verlag, 1974

    Herbert Pochlatko, Karl Koweindl und Egon Amon (Herausgeber):
    EinfĂŒhrung in die Literatur des deutschen Sprachraumes
    von ihren AnfÀngen bis zur Gegenwart,
    Wien, Wilhelm BraumĂŒller Verlag, 1984

    W. Bortenschlager (Herausgeber): Deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts, Wels, Leitner & Co., 1976

    Verner Alpe: Knaurs SchauspielfĂŒhrer, MĂŒnchen / ZĂŒrich, Droemersche Verlagsanstalt, 1957

    Otto Nedden und Karl Ruppel: Reclams SchauspielfĂŒhrer; Stuttgart,
    Philipp Reclam Jun., 1969

    W. Grabert und A. Mulot (Herausgeber): Geschichte der Deutschen Literatur
    Bayerischer Schulbuch - Verlag, 1964

    Robert Killinger (Herausgeber): Literaturkunde; Gestalten und Verstehen
    Wien, Verlag Hölder - Pichler - Tempsky, [Killinger:]1Literaturkunde, Gestalten und verstehen, Seite 186
    [2]Reclams SchauspielfĂŒhrer, Seite 496
    [3]Siehe Kapitel 4 Vertreter des Naturalismus und ihre WerkeHenrik Ibsen (1828 - 1906)
    , Seite 6
    [4]Siehe Kapitel 4.2 Fjodor Dostojewskij (1821 - 1881), Seite 8
    [5]Siehe Kapitel 4.3.1 BahnwÀrter Thiel, Seite 13
    [6]Verner Alpe: Knaurs SchauspielfĂŒhrer, Seite 292
    [7]Siehe Kapitel 4.3.2 Die Weber, Seite 15
    [8]RĂŒckriff auf veraltete Wörter, Sprach - oder Stilformen
    [9]seit etwa 1890 verbreitete und als Gegenströmung zum Naturalismus entstandene literarische Bewegung, die eine symbolische Darstellungs - und Ausdrucksweise anstrebt.
    [10] Siehe Kapitel 4.3.3 Die Ratten, Seite 16
    [11] Gerhart Hauptmann: Die Ratten, Seite 90
    [12] Siehe Kapitel 4.3 Gerhart Hauptmann (1862 - 1946), Seite 11
    1992

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