Der Templerprozess und wie es dazu kam

Der Templerprozess und wie es dazu kam
Der Templerprozess und wie es dazu kam
von Eva Gollubits

Das beginnende 14. Jahrhundert erlebte eine der gr√∂√üten Trag√∂dien der Kirchengeschichte, den Prozess gegen die Templer. Ihr Orden, bisher hoch angesehen und reich, wurde von dem franz√∂sischen K√∂nig Philipp IV, dem Sch√∂nen, und seinen Ministern einer Reihe von Verbrechen angeklagt. Der K√∂nig lie√ü durch eine staatlich gelenkte Inquisition √ľber tausend Ritter verhaften, viele foltern und verbrennen. Papst Clemens V. wehrte sich zun√§chst gegen diese jedem Recht hohnsprechende Gewalttat, aber schlie√ülich wurde auch er von Philipp √ľberredet und hob den Orden auf dem Verwaltungsweg auf. Die Anklagen gegen die Templer waren falsch, ihre Gest√§ndnisse durch die Folter erpresst und daher wertlos. Die Ritter waren nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere Ordensleute ihrer Zeit. Nur brauchte Philipp IV. ihr Geld, ihre L√§ndereien und Burgen; daher erfanden seine Minister das M√§rchen von der Schuld des Ordens, um diesen vernichten zu k√∂nnen. Die Verantwortung f√ľr diesen vielleicht gr√∂√üten Justizmord des Mittelalters trifft vor allem den K√∂nig von Frankreich. Aber auch der Papst fehlte: Er lie√ü sich erpressen und wurde so ebenfalls zum Verfolger des Ordens, den er eigentlich h√§tte verteidigen m√ľssen. Heute klagen Historiker, Journalisten und Literaten vor allem das Papsttum an, Clemens und die Inquisition werden beschuldigt, einen ruhmreichen und unschuldigen Orden der Habsucht eines K√∂nigs geopfert zu haben.
Heute steht fest, dass die Templer unschuldig waren; sie blieben der Kirche treu, die sie verfolgte. Als M√§rtyrer f√ľr die Wahrheit verteidigten sie trotz Folter ihren Orden. Mit L√ľgen und Meineid h√§tten sie sich ihr Leben, Freiheit und ein bequemes Auskommen erkaufen k√∂nnen. Die Templer blieben trotz der Folter treue S√∂hne der Kirche, kein einziger starb f√ľr ein falsches Credo. Die Hauptschuldigen der Templertrag√∂die waren zweifelsohne Philipp der Sch√∂ne und seine Minister, vor allem sein Berater Nogaret. Dennoch trifft auch Clemens und seine Mitarbeiter ein nicht geringes Ma√ü an Schuld.

Die Anfänge des Ordens

Die Anfänge des Ordens

Der Templerorden wurden im Jahre 1120 von Hugue de Payens gegr√ľndet. Er sammelte eine Gruppe von 9 Rittern aus Burgund und der Champagne, um die Pilger auf den gefahrvollen Wegen zu den Heiligen St√§tten zu sch√ľtzen. K√∂nig Balduin II schenkte den ‚Armen Rittern Christi‘, wie sie genannt wurden, einen Teil seines Palastes, der auf den Fundamenten des Tempels von Salomon stand. Hier baute die Gemeinschaft neben dem Felsendom ihr Mutterkloster und erhielt so ihren Namen. 1128 wurde der Orden auf dem Konzil von Troyes kirchlich anerkannt. Der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux wurde zum eifrigen F√∂rderer der Templer und inspirierte ihre Regel. Seine Schrift ‚De laude novae militiae‘ veranlasste zahlreiche junge Adelige in ganz Europa, den wei√üen Mantel mit dem roten Kreuz zu tragen. Eine zweite Elite des Jahrhunderts, die Augustiner - Chorherren, die eine Kirche neben dem Felsendom besa√üen, wurden den Templern zum Vorbild f√ľr ihr gemeinsames Leben. Von den Zisterziensern kam die Strenge ihrer Askese, von den Augustinern die Freude am feierlichen Gottesdienst. Beide Ideale blieben bis zum tragischen Ende des Ordens lebendig. Der heilige Bernhard von Clairvaux schenkte seinen ritterlichen S√∂hnen die Marienminne und die hohe Achtung vor der Frau. Die Regeln wurden genau beachtet, √úbertretungen streng bestraft, die dem Orden sp√§ter vorgeworfene Unzucht z.B. mit lebenslangem Kerker. Die Gef√§ngnisse der Templer waren ber√ľchtigt: fehlbare Ritter mussten auf dem Boden sitzend essen, die Jagd, Leidenschaft adliger Herren, war den Templern verboten. Das Ideal der freiwilligen Armut wurde - wenigstens anfangs - hochgehalten. Der Gehorsam galt absolut; noch in Ketten forderten die Ritter, mit ihrem Gro√ümeister in Kontakt treten zu d√ľrfen, denn ohne ihn wollten sie nichts entscheiden. Auch ihre sakrale Architektur war Ausdruck dieser m√∂nchischen Askese. Prachtvolle Kirchen des Ordens gab es nur in Paris und London. Die Tempelherren bildeten die Elitetruppe der Kreuzzugsheere und nahmen f√ľr sich die Ehre in Anspruch, als erste die Schlacht zu er√∂ffnen. Auch als mongolische Horden Europa bedrohten, trugen die Templer nicht wenig zu seiner Verteidigung bei. Auf der Iberischen Halbinsel standen sie ebenfalls in vorderster Linie. Der Orden wurde zum Vorbild f√ľr alle anderen Ritterorden, auch die Johanniter, die sich zuerst nur der Krankenpflege gewidmet hatten, folgten ihrem Beispiel. Die viel sp√§ter gegr√ľndeten Deutschherren √ľbernahmen von den Templern Regel und Organisation. Dasselbe gilt f√ľr andere Ritterorden, vor allem f√ľr jene auf der Iberischen Halbinsel.

Die Macht der Templer
Die Macht der Templer

Die Ideale der Templer gerieten aber schlie√ülich ins Wanken, als aus den ‚Armen Rittern Christi‘ in kurzer Zeit reiche M√§nner geworden waren. Da sie die sichersten Boten zwischen West und Ost waren, √ľbergab man ihnen im Abendland das Gold, das f√ľr die Kreuzritter im Orient bestimmt war. Die Ritter besa√üen eine m√§chtige Flotte - kein Pirat h√§tte es gewagt, ein Schiff des Ordens zu kapern. Bald gen√ľgte es, den Betrag in Europa einzuzahlen, um mit einer Quittung die entsprechende Summe in Pal√§stina zu erhalten. So entstand der erste bargeldlose Bankverkehr. Da Gro√ügrundbesitzer manchmal in Geldn√∂ten steckten und K√∂nige Kriege finanzieren mussten, lieh man sich bei den reichen Templern das Geld, das man brauchte. Zwar durften Christen keine Zinsen nehmen, aber die Ritter hielten sich durch Leihgeb√ľhren schadlos. Auch Philipp der Sch√∂ne machte Templer jahrelang zu seinen Steuerbeamten und √ľbergab dem Tempel in Paris seinen Staatsschatz. Eine Ursache des Niedergangs des Tempels war die laxe Handhabung, mit der die Aufnahme der Mitglieder durchgef√ľhrt wurde; es gab keinerlei Form eines Noviziates. Aus dem Prozess wei√ü man, dass Familienbeziehungen eine Rolle spielten und Verwandte sich W√ľrden und √Ąmter zuschoben. Doch dieser Missstand ist nicht allein den Templern anzulasten: Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden die nachgeborenen S√∂hne des Adels f√ľr die geistliche Karriere bestimmt. Reichtum, Standesd√ľnkel und Kriegsruhm verf√ľhrten die Templer leider zu einem Hochmut, der wohl einmalig war. Sie trotzten P√§psten und K√∂nigen, ihre Rivalen, die Deutschherren, warfen sie praktisch aus Pal√§stina hinaus und gegen die Johanniter f√ľhrten sie, oft wegen nichtiger Prestigefragen, regelrecht Krieg. Ohne Zweifel ist diesem Hochmut auch zum guten Teil ihr Untergang zu verdanken. So d√ľrfte Philipp der Sch√∂ne unter anderem auch deshalb zum gnadenlosen Gegner des Ordens geworden sein, weil die Ritter seinen Stolz verletzt hatten. Milit√§risch zeigten sich die Templer bis zum Untergang des christlich beherrschten Nahen Ostens auf der gewohnten H√∂he; nach dem Verlust des Heiligen Landes blieben die Templer ohne eigentliche Aufgabe, nur in Spanien und Portugal brauchte man noch ihr Schwert. Sie waren nun also nicht viel mehr als ein stehendes Heer mit dem kommandierenden General in Paris. Diese bestausger√ľstete Streitmacht ohne wirkliche Aufgabe konnte vielleicht einmal gef√§hrlich werden.

Der Anfang vom Ende
Der Anfang vom Ende

Aber Philipp IV hatte vorerst keinen Grund zur Klage, im Gegenteil, beim Kampf der Krone Frankreichs gegen Papst Bonifaz VIII stellten sich die Templer offen auf die Seite des K√∂nigs. Der einzige Grund, gegen den Orden vorzugehen, war der Raub seines Verm√∂gens. Philipp war allerdings doch nicht gewissenlos genug, einen ganzen Orden zu vernichten, ohne wenigstens der √Ėffentlichkeit schwer wiegende Gr√ľnde vorzulegen. Er h√§tte es nach au√üenhin nie gewagt, gegen die Templer vorzugehen, nur um seine Kassen zu f√ľllen. Sein Ratgeber Nogaret, der bereits Papst Bonifaz VIII beim Attentat von Anagni gefangengesetzt und damit auf seine Weise zu dessen baldigem Tod beigetragen hatte, besa√ü weniger Hemmungen. Auch Marigny, der Finanzminister Philipps, kannte kaum religi√∂se Bedenken. Man musste die Templer der Ketzerei und Unmoral anklagen. Der K√∂nig lie√ü sich, ohne zu z√∂gern, auf diese F√§hrte locken.
Erstmals wurde der Orden durch Esquiu de Floryan am Hof K√∂nigs Jaime II von Arag√≥n. Er sagte, man verleugne Christus bei der Aufnahme in den Orden, bespeie das Kreuz, gebe sich schamlose K√ľsse und erlaube die Sodomie. In den Kapiteln werde ein G√∂tzenbild angebetet, und der Gro√ümeister ma√üe sich priesterliche Funktionen an, indem er Rittern die Absolution erteile. Jaime II hatte oft √Ąrger mit den Templern, weil sie die sch√∂nsten G√ľter und st√§rksten Burgen besa√üen und die besten Gesch√§fte machten. Selbst im Wappen von Arag√≥n fand sich das Templerkreuz. Jaime konnte es noch nicht wagen, den starken Orden anzugreifen, aber er gab ihm den Rat, sich an Philipp von Frankreich zu wenden, der schon beste Erfahrungen im Kampf gegen die Kirche hatte. Floryan ging also weiter zu dessen Beratern und wurde von Guillaume de Nogaret, der einen weiten Ruf als Kirchenhasser hatte, freudig empfangen. Nogaret spielte den Glaubenseiferer und √ľberzeugte den K√∂nig, dass er gleichzeitig seinen Glauben verteidigen und dem Staat nutzen k√∂nnte, wenn er den Orden beim Papst in Ungnade fallen lie√üe. Philipp steckte zu dieser Zeit n√§mlich in einer gro√üen Finanzkrise, er hatte seit Monaten kein Geld mehr f√ľr die Bauarbeiten am Notre Dame und seinem K√∂nigsschloss, und es gab gro√üe Inflation. Nogaret wurde in seinen Bestrebungen von Philipps Beichtvater, dem Gro√üinquisitor Wilhelm Imbert, und dessen Finanz - und Bauminister Marigny unterst√ľtzt. Nogaret fragte auch den Papst um Rat, ob er schon von den Ger√ľchten geh√∂rt habe und was zu unternehmen sei. Auch dem Orden waren diese Verleumdungen schon zu Ohren gekommen, und Gro√ümeister Jaques de Molays hatte den Papst seinerseits schon mit einer Untersuchung beauftragt, die die Unschuld der Ritter beweisen sollte. Trotz dieser p√§pstlichen Untersuchung, die eigentlich jegliche Nachforschungen im Auftrag eines weltlichen Herrschers verbietet, ging Philipp √ľber seinen Strohmann Imbert gegen einzelne Mitglieder des Ordens vor. Falls Clemens Probleme machen sollte, konnte man ihm selbst Vorw√ľrfe wegen seines unsteten Lebenswandels machen und ihm mit Absetzung durch ein Appell an das haupts√§chlich mit Franzosen besetzte Konzil drohen. Man hatte noch nichts gegen den Orden in der Hand, nur die Aussage des ehemaligen Zuchth√§uslers Esquiu de Floryan. Philip beauftragte Nogaret damit, Material gegen die Tempelherren zu sammeln. Dieser st√∂berte in der Gosse verjagte ehemalige Templer auf, die nat√ľrlich bereitwillig erz√§hlten, was immer der Minister h√∂ren wollte. Nogaret wusste aber, dass das allein zu wenig und zu unglaubw√ľrdig war, um den Orden beim Papst zu verleumden. Seine einzige M√∂glichkeit war es, Templer festzunehmen und unter der Folter Gest√§ndnisse von ihnen zu erpressen. Die wichtigste Waffe des Beraters war die Propaganda, die zu diesem Zweck zum ersten Mal mit einer derartigen Durchschlagskraft eingesetzt wurde. Der gro√üe Fehler der Templer war es, dass sie sich nicht um die √∂ffentliche Meinung scherten. Zu Beginn des Jahres 1307 war der Papst von den b√∂sen Ger√ľchten so beunruhigt, dass er den Gro√ümeister von Zypern, wo sich die Templer nach den erfolgreichen Schlachten niedergelassen hatten, nach Frankreich zitierte. Jaques de Molay kam mit einer kleinen Armee und fast dem gesamten Templerschatz, mit dem er Philipp wohl beeindrucken wollte, nach Paris. Er untersch√§tzte die neuen M√§chte im Staat vollkommen: Die Ritterheere waren abgel√∂st worden von den so genannten ’Gens du Roi‘, sehr schlagkr√§ftigen Polizistenheeren, und die Monarchisten von den Folter bejahenden Legisten. Die Zeit der Ritter war vorbei, obwohl sich die Templer das nicht eingestehen wollten. Jaques de Molay bezog den Tempel in Paris, der gr√∂√üer und pr√§chtiger war als Philipps eigenes K√∂nigsschloss. Philipp war h√∂chst eifers√ľchtig auf den Reichtum. In seinen Kassen herrschte zur Zeit vollkommene Ebbe: Im Jahr 1306 hatte es wegen der Inflation einen gro√üen Aufstand gegeben, w√§hrend dem der K√∂nig im stark befestigten Tempel Zuflucht suchen musste. In dieser Zeit zeigten die Templer dem K√∂nig all ihre Reicht√ľmer und Sch√§tze, was Philipp nur noch neidischer auf den Orden machte, besonders, da er zu dieser Zeit schon im Ausland als ‚Falschm√ľnzerk√∂nig‘ verspottet wurde. Im September 1307 beriet Philipp mit dem Staatsrat, wie man die mittlerweile beim Volk so unbeliebt gemachten Templer in die Knie zwingen k√∂nnte. Die Verhaftungen sollten unter Nogaret im Auftrag der Inquisition erfolgen. Denn im Namen der Kirche hatte Gro√üinquisitor Imbert den K√∂nig gebeten, die landesgef√§hrlichen Ketzer, voran den Gro√ümeister, zu verhaften. Philipp gehorchte also nur der Kirche, wie es die Dokumente formulierten, wenn er seinen Verwaltern im ganzen Reich den Befehl erteilte, die Templer festzunehmen. Am 14. September wurde also die Verhaftung der Templer beschlossen, und schon am 22. September gingen Dekrete an alle Statthalter, sich in den fr√ľhen Morgenstunden des 13. Oktobers mit Bewaffneten bereitzuhalten. Ein zweites, versiegeltes Schreiben, das erst an besagtem Morgen zu √∂ffnen war, erhielt den Befehl zur Verhaftung der Templer. Papst Clemens war inzwischen zur Kur. Erst Anfang Oktober begann er mit seinen Untersuchungen √ľber die Templeraff√§re. Der Orden selbst hatte keine Ahnung, welche Dimensionen das ihnen drohende Unheil schon angenommen hatte.

Der 13. Oktober 1307 und seine Folgen
Der 13. Oktober 1307 und seine Folgen

Der 13. Oktober 1307 ging schlie√ülich als der ‚Blutige Freitag‘ in die franz√∂sische Geschichte ein. Am fr√ľhen Morgen tauchte Nogaret mit Bogensch√ľtzen vor dem Tempel in Paris auf. Im Namen der Inquisition verhaftete Nogaret schnell die √ľberraschten Tempelherren. Zur selben Stunde wurden in ganz Frankreich alle Templer verhaftet, angeblich entkam nur ein Dutzend den Polizeitruppen. So wurde die st√§rkste Milit√§rmacht ihrer Zeit von den Schergen des K√∂nigs unter F√ľhrung eines Schreibers √ľberw√§ltigt. Eigentlich h√§tte Imbert die Verh√∂re der Templer vornehmen m√ľssen, doch Nogaret begann sofort mit strenger Folter und steckte die W√ľrdentr√§ger in Einzelzellen. Den Rittern wurde eine lange Liste von Missetaten vorgelegt, die im Orden seit langem √ľblich seien. Wer gest√§ndig war, dem wurde Freiheit und Verzeihung sowie eine ordentliche Pension aus den G√ľtern des Ordens versprochen. Man m√ľsse zuvor nur noch die kleine Formalit√§t erf√ľllen, die Aussagen mit einem Eid zu bekr√§ftigen und zu unterschreiben. Die Ritter und Sergeanten, die meist nicht lesen und schreiben konnten, hatten nicht einmal den Hauch einer M√∂glichkeit, festzustellen, was man ihnen da vorlegte. Wer weiter leugnete, wurde dagegen auf das Rad gespannt, einmal, zweimal, am Tag, in der Nacht, bis auch er endlich gestand - oder starb. Es ist ungewiss, welche Folter genau gegen die Ordensleute angewandt wurde. Nur in einer Schrift wird erw√§hnt, was mit denen geschah, ‚qui semper negaverunt et negant‘, also mit denen, die immer bei ihrem ‚Nein‘ bleiben. Die Ritter wurden erst durch lange Einzelhaft m√ľrbe gemacht, dann folgte Haft bei Wasser und Brot. Den Standhaften wurden als n√§chster Schritt die Folterinstrumente gezeigt, und wenn das noch immer nicht wirkte, wurden diese auch angewandt.

Großmeister Molay
Großmeister Molay

Der Gro√ümeister Molay wurde sofort in Einzelhaft gesteckt. Philipp hatte keine Skrupel, das zu tun, obwohl Molay noch am 12. Oktober den Sarg der Schw√§gerin des K√∂nigs zu Grabe getragen hatte. √úberhaupt war Molay, ein geb√ľrtiger Els√§sser, dem K√∂nig immer wohlgesinnt. Seit er 1291 Gro√ümeister geworden war, hatte er nie Streit mit dem franz√∂sischen Herrscher gehabt. Er war ein sehr ruhiger Gro√ümeister und stets unparteiisch, trotzdem war seine F√ľhrung f√ľr die Templer nicht unbedingt gut: Er setzte keine Reformen durch und war gegen eine Verschmelzung seines Ordens mit den Johannitern, was die Templer wahrscheinlich ihren Fortbestand gekostet hat. Er war ein Verwalter, wo es einen echten Gro√ümeister gebraucht h√§tte. Jetzt schmorte der h√∂chste W√ľrdentr√§ger der Tempelherren in einer Einzelzelle. Erst nach zehn Tagen kam Nogaret in sein Verlie√ü, um ihn zu verh√∂ren. Ganz beil√§ufig erw√§hnte der Minister, dass etliche Templer die ihnen vorgeworfenen Missetaten gestanden h√§tten und deutet auch die Folter an. Er hatte vorher schon einen Knappen des Gro√ümeisters verh√∂rt, der unter dem Rad gestand, von Molay in einer einzigen Nacht dreimal missbraucht worden zu sein. Nogaret erpresst ihn damit, die Schuld des Ordens einzugestehen. Erst am 24. Oktober wurde der Gro√ümeister durch Imbert verh√∂rt, wobei er unter Druck gestand, in seinem eigenen Namen und im Namen der anwesenden W√ľrdentr√§ger des Ordens, dass der Orden ‚seit langen Zeiten durch die Verf√ľhrung des Satans bei der Aufnahme Christus verleugnet, das Kruzifix bespien und alia enormia ausgef√ľhrt habe.‘ Molay wird gezwungen, auch andere Ordensleute zu solchen falschen Gest√§ndnissen aufzufordern. Die an Gehorsam gewohnten Ritter folgten dem Gebot schnell.

Der Schatz der Templer
Der Schatz der Templer

In der Zwischenzeit inspizierte und registrierte Finanzminister Marigny den Templerschatz. Die offizielle Erkl√§rung f√ľr die Annektierung des Templerschatzes war, dass er f√ľr einen sp√§teren Kreuzzug verwendet werden sollte, der nat√ľrlich nie durchgef√ľhrt wurde. Man wird nie genau erfahren, was mit dem Schatz geschehen ist. Aber es gen√ľgt schon, die verschiedenen M√ľnzen der Regierungszeit Philipps miteinander zu vergleichen, um zu wissen, wo das Geld des Ordens geblieben ist. Au√üerdem begannen ab 1307 die Bauarbeiten am k√∂niglichen Schloss wieder. Auch der Kapellenkranz um Notre Dame und die Conciergerie des Palais Royal, das sp√§tere Gef√§ngnis Marie Antoinettes, stammt aus dieser Zeit. Das R√§tsel um den verschollenen Templerschatz d√ľrfte somit auf h√∂chst unspektakul√§re Weise gel√∂st sein. Auch die Archive des Ordens, in denen sich Bittbriefe und Schuldscheine der Krone befanden, verschwanden. Philipp zog noch im Oktober ins Gro√ümeisterschloss. Molay hingegen musste noch sieben Jahre auf seinen Prozess warten.

Die Reaktion des Papstes
Die Reaktion des Papstes

Obwohl Papst Clemens am 13. Oktober in Paris war, erfuhr er erst aus der Zeitung von der Verhaftung der Templer. Er z√∂gerte bis zum 27. Oktober, bis er zaghaften schriftlichen Protest beim K√∂nig einlegte. Auf eine Antwort auf dieses Schreiben musste er zwei Monate lang warten. Nicht einmal seine Legaten wurden in diesem Zeitraum von Philipp empfangen. Der K√∂nig musste Zeit gewinnen, er brauchte erst eine gro√üe Zahl von Gest√§ndnissen, ehe er zum Papst gehen konnte. Clemens wagte nicht, streng gegen den K√∂nig vorzugehen, er f√ľrchtete um sein eigenes Leben: Das Attentat gegen seinen Vorg√§nger Bonifaz, das ebenfalls von Nogaret vorbereitet worden war, lag schlie√ülich erst wenige Jahre zur√ľck. Er selbst nahm die unter Folter erpressten Gest√§ndnissen als einwandfrei an, da er selbst √ľberzeugter Legist war. Der als Bertrand de Got in geborene Papst hatte in Rom Jura studiert, bevor er Erzbischof von Bordeaux wurde. Seine Papstkr√∂nung wurde in Lyon vorgenommen. Vom franz√∂sischen K√∂nig beeinflusst, weigerte er sich, nach Rom zu gehen und leitete so das Exil von Avignon ein. Als Papst setzte er vor allem Familienmitglieder in h√∂here √Ąmter ein, was f√ľr ihn aber eher ein Schaden war. Schon w√§hrend seiner ganzen Amtszeit hatte er sich sehr von Philipp beeinflussen lassen, so auch jetzt. Der K√∂nig war hart und versuchte, Clemens zur Verurteilung des Ordens zu erpressen, und Philipp war ein Mann, dem man schwer etwas abschlagen konnte. Er war ein sehr w√ľrdiger K√∂nig, seine Ratgeber, Minister und Kirchenf√ľrsten dienten ihm mit Hingabe. Dank seiner guten Taktik war Philipp w√§hrend des ganzen Templerprozesses stets der Agierende, der den Papst an die Wand spielte. Zweifelsohne war er ein sehr guter Politiker, der den kr√§nklichen Papst unter Druck zu setzen wusste. Schon drei Tage nach der Verhaftung der Ordensm√§nner sandte er Schreiben ins Ausland, Aufforderungen an die K√∂nige Englands, Arag√≥ns und Portugals, √§hnliche Ma√ünahmen zu ergreifen. Auch die Dominikaner, Franziskaner und Augustiner wurden gegen die Templer aufgehetzt. Nun endlich war selbst der Papst, der von allen Seiten nur noch Schlechtes √ľber den Orden h√∂rte, von der Schuld desselben √ľberzeugt. Am 22. November erlie√ü er ein Dekret, in dem er alle F√ľrsten aufforderte, die Tempelherren zu verhaften und deren G√ľter der Kirche zu √ľbergeben. Damit war das Schicksal des Ordens endg√ľltig besiegelt. Im Ausland gab es jedoch Protest gegen die Ma√ünahmen Clemens': Eduard II. von England wagte auszusprechen, was in Frankreich jeder wusste, sich aber niemand auszusprechen traute: N√§mlich, dass nur die Habsucht Philipps an der Verhaftung im Sommer Schuld war. Da er aber mit Philipps Tochter verheiratet war, lie√ü er die Sache auf sich beruhen. Er lie√ü zwar die englischen Templer festnehmen, jedoch ging er dabei h√∂chst nachl√§ssig und mild vor, sodass in seinen Gef√§ngnissen nur ungef√§hr 280 Ritter festgehalten wurden. Er zeigte nur Gehorsam gegen√ľber dem Papst, sprach die Gefangenen aber von jeder Schuld frei. Genauso geschah es in Deutschland, wo es ohnehin nur eine geringe Zahl von Templern gab. In Portugal wurden die Ritter nicht nur freigesprochen, es wurde sofort ein neuer Orden, die Christusritter, gegr√ľndet, der alle Tempelg√ľter √ľbernahm. Nur in Italien wurden die Ordensleute so grausam verfolgt wie in Frankreich. Generell war das Ausland aber √ľberzeugt von der Unschuld des Tempels, und man verachtete den Papst wegen seiner Schw√§che dem Philipp gegen√ľber.


Die Entscheidung
Die Entscheidung

Erst vier Jahre nach den Verhaftungen wurde das Konzil von Vienne angesetzt, bei dem sich entscheiden sollte, wie es mit den Templern weiterging. Es war schon vor Beginn sicher, dass Clemens den Orden vernichten wollte. Am 16. Oktober 1311 fanden sich schlie√ülich nur wenige Teilnehmer und kein einziger K√∂nig in Vienne ein. Clemens beauftragte zwei Aussch√ľsse des Konzils, in denen lauter dem Orden feindlich gesinnte M√§nner sa√üen, mit der Templerfrage. Die Konzilsv√§ter standen unter gro√üem Druck: Es war allgemein bekannt, dass Philipp mit einem gro√üen Heer in Lyon, also nahe Viennes wartete. W√ľrde man f√ľr die Templer stimmen, k√§me er schnell, um nach dem rechten zu sehen. Auch der Papst sprach sich jetzt unmissverst√§ndlich gegen den Orden aus. Trotzdem war die Mehrheit √ľberzeugt von der Unschuld der Ritter, und so lie√ü Clemens die Sache ab Dezember ruhen. Er wollte die Ankunft Philipps im M√§rz abwarten. Der K√∂nig handelte mit dem Papst in Briefen aus, dass dieser den Orden aufheben w√ľrde, wenn Philipp seine Bestrebungen, den Namen des Papstes Bonifaz in den Schmutz zu ziehen, sein lie√üe. Am 20. M√§rz kam der K√∂nig endlich nach Vienne. Clemens n√ľtzte die Situation zu seinen Gunsten und schlugt dem Konzil zwei M√∂glichkeiten in der Templersache vor: Die eine sei, dass man den Templern eine Verteidigung zugestehe, was aber ein neues Verfahren, endlose Verhandlungen und eine nicht abzusehende Fortdauer des Konzils in dieser unfreundlichen Kleinstadt bedeute. Die zweite sei die Aufhebung des Ordens auf dem Verwaltungsweg, gerechtfertigt durch die erpressten Gest√§ndnisse der Ritter. Es gab nur einen Einspruch gegen die Aufhebung. Am 3. April 1312 war es endlich so weit: Philipp hatte sein Ziel erreicht. Mit der Bulle ‚Vox in Excelso‘ wurde der Templerorden aufgel√∂st. In einer zweiten Bulle, ‚Ad providam Christi Vicarii‘, sprach der Papst die ehemaligen Tempelg√ľter den Johannitern zu, vom Templerschatz war aber keine Rede. Philipp besa√ü sogar noch die Frechheit, den Johannitern eine Rechnung √ľber den Unterhalt der verhafteten Templer zu stellen, wof√ľr er nochmals 1 Million Pfund kassierte. Eigentlich war so der wahre Erbe des Tempels nicht das Hospital, sondern der franz√∂sische K√∂nig. Alle anderen europ√§ischen K√∂nige verkauften die G√ľter und gaben einen Teil des Geldes an die Johanniter weiter.
Nach der Legende organisierten sich die √ľberlebenden Templer als Geheimgesellschaft. Kreise innerhalb des Freimaurertums behaupten, die Loge sei Nachfolgerin des alten Tempels. Beweise f√ľr eine wie auch immer geartete Fortdauer der Ordensgemeinschaft gibt es jedoch keine: Mit dem Konzil von Vienne war der Templerorden als katholische Institution vernichtet. Wenn etwas von den Templern den Untergang des Ordens √ľberlebte, dann waren dies ihr Geist, ihre Ideale. Der Christusorden in Portugal f√ľhrte stolz das alte Templerkreuz im Wappen und √ľberwand unter Heinrich dem Seefahrer auf dem Meer den Islam. Die Christusritter - aber auch der Orden von Montesa in Spanien - hatten keinerlei Nachwuchssorgen und straften somit die Behauptung Papst Clemens L√ľgen, es werde niemand mehr in einem so √ľbel beleumdeten Orden eintreten wollen.

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