Der Vietnamkrieg


DER VIETNAMKRIEG
( 1965 - 1975 )

1. Einleitung
Die Hilflosigkeit der Kolonialmacht Frankreich und die immer st√§rker werdende Armee des Vietminh (Viet Nam Doc Lap Dong Minh Hoi; ‘Liga f√ľr die Unabh√§ngigkeits Vietnams’), die f√ľr die Unabh√§ngigkeit ihres Landes k√§mpfte und unter kommunistischer F√ľhrung stand, veranlasste die amerikanische Regierung ab 1950 nach einem entsprechenden franz√∂sischen Hilfeersuchen zu umfangreicher Finanzhilfe und zur Entsendung amerikanischer Milit√§rberater nach Saigon.
Nach der endg√ľltigen franz√∂sischen Niederlage, verfolgte die USA zun√§chst noch weiter ihre ‘containment policy’ - Eind√§mmungspolitik - mit der sie nun S√ľdvietnam durch finanzielle Hilfe unterst√ľtzte, damit diese den Vormarsch des Kommunismus eind√§mmen.
Doch die Lage verschlechterte sich zunehmend und als einzige Alternative, der kommunistischen Kraft Einhalt zu gebieten, erschien den USA die Amerikanisierung des Krieges, zu deren Auslöser der Tonking - Zwischenfall im August 1964 diente.
Nun begann die stetige Truppenaufr√ľstung der Amerikaner (1969 waren es rund 540.000 amerikanische Soldaten in Vietnam) und die systematische Bombardierung wirtschaftlicher und milit√§rischer Ziele in Nord - Vietnam.
Trotz √ľberlegener Luftwaffe und Anwendung neuester Kampfmethoden konnten die USA zwar einen Gesamtsieg ihres Gegners verhindern, aber keinen Sieg erzwingen.
Weltweit nahm die Kritik an der amerikanischen Vietnampolitik zu (v.a. den Bombenabw√ľrfen auf die Zivilbev√∂lkerung, den brutalen Massakern und am Einsatz chemischer Mittel) und die zunehmende Zahl an Toten und Verwundeten sowie die zunehmende Belastung der amerikanischen Wirtschaft beunruhigte die amerikanische √Ėffentlichkeit so sehr, dass es 1969 im Zuge laufender Friedensgespr√§che zu einer Vietnamisierung des Konflikts kam, d.h. die s√ľdvietnamesische Armee wurde bei gleichzeitigem Abzug der amerikanischen Truppen massiv aufgebaut.
Nach nicht eingehaltenen Waffenstillstandsabkommen, kam es 1975 zur bedingungslosen Kapitulation der Saigoner Regierung und zur Wiedervereinigung beider Teile Vietnams unter der F√ľhrung Hanois.

"Die Vietnam - √Ąra zwang die Vereinigten Staaten, sich ihrer Grenzen bewu√üt zu werden; sie bezahlten f√ľr ihr Abenteuer in Vietnam einen Preis, der in keinem Verh√§ltnis zu irgendeinem vorstellbaren Gewinn stand".
Der Preis waren rund 1,5 Millionen Menschen (darunter 58.000 Amerikaner) die diesen Krieg mit ihrem Leben bezahlten (UHLIG, 1988:386); Gesamtausgaben der USA, die sich auf rund 400 Milliarden US Dollar beliefen.

Dieser oben knapp geschilderte Konflikt soll nun im folgenden detaillierter und umfangreicher dargestellt und die Ursachen und Hintergr√ľnde erl√§utert werden.


2. Die Anfänge des Konflikts

Pr√§sident EISENHOWER erl√§uterte Anfang 1954 auf einer Pressekonferenz die ber√ľhmte Domino - Theorie, die als Kernst√ľck der Rechtfertigungsideologie der amerikanischen Vietnampolitik gilt: "You had a row of dominoes set up, and you knocked over the first one, and what would happen to the last one was the certainty that it would go over very quickly. So you could have a beginning of a disintegration that would have the most profound influences". Mit anderen Worten, wenn man zul√§sst, dass die Kommunisten Vietnam vereinnahmen, geht man das Risiko ein, dass in einer Kettenreaktion ein s√ľdostasiatischer Staat nach dem anderen kommunistisch wird.
Als EISENHOWER diese Warnung aussprach, hatte im Indochina - Krieg bereits die Entscheidungsschlacht um die franz√∂sische Dschungelfestung Dien Bien Phu begonnen. Angesichts der drohenden Niederlage bat die franz√∂sische Regierung Washington um milit√§rische Unterst√ľtzung. Die schon von Pr√§sident TRUMANN begonnene milit√§rische und wirtschaftliche Unterst√ľtzung der Franzosen in Indochina wurde nun von der Eisenhower - Administration forciert fortgesetzt (bereits Ende 1950 beliefen sich die f√ľr die Unterst√ľtzung bewilligten Gelder auf 1,4 Millarden Dollar) um die bef√ľrchtete gewaltsame Expansion des Weltkommunismus zu unterbinden.
Trotz der massiven amerikanischen Hilfe und starker einheimischer antikommunistischer Kräfte kapitulierten die französischen Truppen am 7. Mai 1954, und bereits einen Tag später begann die Genfer Konferenz mit ihren Indochina - Beratungen. Neben den Großmächten Frankreich, England, USA und der Sowjetunion nahm zum ersten Mal auch die Chinesische Volksrepublik an einer internationalen Konferenz teil.
In dem nach 75 Verhandlungstagen am 21. Juli 1954 unterschriebenen Waffen - stillstandsabkommen wurde die Unabh√§ngigkeit der beiden K√∂nigreiche Laos und Kambodscha anerkannt und Vietnam selber durch eine Demarkationslinie am 17. Breitengrad in zwei Staatsh√§lften geteilt. Diese Teilung war allerdings verbunden mit der ausdr√ľcklichen Verpflichtung f√ľr die Regierungen in Hanoi und Saigon, innerhalb von zwei Jahren - sp√§testens bis Juli 1956 - gesamtvietnamesische Wahlen als Mittel zur Wiedervereinigung der beiden Staatsh√§lften durchzuf√ľhren.
Zur weiteren ‘Stabilisierung’ der Lage in S√ľdostasien im Sinne der Domino - Theorie strebten die USA ein antikommunistisches B√ľndnissystem an, mit dessen Hilfe sie einen Teil der Verantwortung f√ľr milit√§rische Aktionen auf die einheimischen Regierung und deren Armee √ľbertragen konnten.
Noch im September des gleichen Jahres rief der amerikanische Au√üenminister DULLES auf einer Konferenz in Manila die S√ľdostasien - Pakt - Organisation SEATO (South East Asia Treaty Organization) ins Leben, eine Verteidigungsgemeinschaft, der neben den USA, Frankreich, Gro√übritannien, Australien, Neuseeland an asiatischen Staaten nur Thailand, Pakistan und die Philippinen angeh√∂rten. Kollektiv wurde das Ziel verfolgt, "einem bewaffneten Angriff zu widerstehen und subversive Handlungen, die von au√üen gegen ihre territoriale Intergrit√§t und politische Stabilit√§t gerichtet werden, zu verhindern und zu bek√§mpfen ...". Die USA lie√üen dem Vertragstext einen Vorbehalt hinzuf√ľgen, dass sie nur im Falle von kommunistischen Aggressionen an den Pakt gebunden seien.

Am 16. Juni ernannte das Staatsoberhaupt BAO DAI, den damals 53j√§hrigen vietnamesischen NGO DINH DIEM zum neuen Regierungschef S√ľdvietnams. DIEM war als Sohn eines hohen Beamten im franz√∂sisch - vietnamesischen Verwaltungsdienst ausgebildet worden, hatte jedoch sp√§ter ebenso entschieden eine Zusammenarbeit mit der Ho - Chi - Minh - Regierung wie mit den franz√∂sischen Kolonialherren abgelehnt und die v√∂llige Unabh√§ngigkeit Vietnams gefordert. Seit 1950 hielt er sich im Ausland auf (Japan, USA sowie in Europa). Das letzte Jahr vor seiner Ernennung zum Pr√§sidenten hatte der engagierte Katholik in einem belgischen Benediktiner - Kloster verbracht.
Als DIEM sein Amt antrat, befand sich S√ľdvietnam in einer fast chaotischen Situation. Weite Teile des Landes wurden von pseudo - relig√∂sen Sekten (wie z.B. ‘Cao Dai’, ‘Hoa Hao’ und ‘Binh Xuyen’) beherrscht, die ihre eigenen Armeen unterhielten und Steuern eintrieben. EISENHOWER bot DIEM, den er als den "Wundermann Asiens" bezeichnete, noch im gleichen Jahr amerikanische Hilfe an: "The purpose of this offer is to assit the Government of Vietnam in developing and maintaining a strong, viable state, capable of resisting attempted subversion or aggression through military means".
Diese innenpolitische Labilit√§t wurde noch dadurch krisenhafter, dass nach der Teilung Vietminh - Kader im S√ľden zur√ľckblieben, die im Untergrund ihre kommunistischen Aktivit√§ten fortsetzten sowie durch 880.000 vorwiegend katholischen Nordvietnamesen, die vor der kommunistischen Herrschaft fl√ľchteten.
Am 23. Oktober 1955 lie√ü DIEM die Bev√∂lkerung in einer Volksabstimmung dar√ľber entscheiden, ob sie seine Regierung oder die des abwesenden Kaisers BAO DAI (der seine Zeit lieber an der franz√∂sischen Riviera verbrachte) vorziehen wolle. Nachdem sich 98,2 % der W√§hler zu DIEM bekannt hatten, erkl√§rte er BAO DAI f√ľr abgesetzt, proklamierte am 26. Oktober Vietnam zur Republik und √ľbernahm als ihr erster Pr√§sident die volle Regierungsgewalt.
Die Wahlen zeigten eine herausfordernde Mi√üachtung demokratischer Prinzipien. Sie waren noch nicht einmal um den Schein der Korrektheit bem√ľht, denn in fast allen Abstimmungsbezirken wurden mehr Ja - Stimmen gez√§hlt als Personen gew√§hlt hatten.
Ermutigt durch die USA lehnte S√ľdvietnam alle Verhandlungen √ľber die - auf der Genfer Konferenz - international vereinbarten Wahlen ab.

In Nordvietnam forcierte man nun in allm√§hlicher Steigerung die Aktivit√§ten kommunistischer Terroristen in S√ľdvietnam.
Im September 1960 wurde auf einem Kongre√ü der Vietnamesischen Arbeiterpartei in Hanoi (‘Lao Dong Dang’) der Beschlu√ü gefa√üt, f√ľr den Kampf gegen das Diem - Regime und f√ľr die Wiedervereinigung eine Volksfront - Organisation zu schaffen.
Am 20. Dezember wurde die ‘Nationale Befreiungsfront’ (Front National de Lib√©ration du Vietnam - FNL) gegr√ľndet, in der sich die verschiedensten Widerstandsgruppen S√ľdvietnams zusammenschlossen.
Die Front - Organisation der FNL waren die ‘Vietcong’ (VC - Viet Nam Cong San, was ‘vietnamesischer Kommunist’ bedeutet) genannten s√ľdvietnamesischen Guerillas (von den amerikanischen Soldaten als "Charlie" bezeichnet), die ihren Einflu√übereich mit einem gnadenlosen Terror ausdehnten (UHLIG, 1988:384). Zur Einsch√ľchterung der Bev√∂lkerung geh√∂rte die systematische Ermordung von


Dorfältesten, von denen 1960 täglich ein halbes Dutzend auf grausame Weise getötet wurde.
Zur gleichen Zeit schuf sich Nordvietnam mit Hilfe der kommunistischen Partei ‘Pathet Lao’ einen Versorgungskorridor durch das benachbarte Laos, den sogenannten ‘Ho - Chi - Minh - Pfad’, der in Wirklichkeit kein Pfad, sondern ein ganzes Netz von Dschungelwegen war (von insgesamt 16.000 km L√§nge), auf denen nordvietnamischer Nachschub nach S√ľdvietnam transportiert werden konnte. Auf diese Weise wurde die entmilitarisierte Zone an der Demarkationslinie umgangen.
In Saigon verfolgte indessen die Diem - Regierung konsequent das Ziel, einen unabh√§ngigen Staat aufzubauen und seine Souver√§nit√§t zu verteidigen. Die USA verurteilten zwar Diems autorit√§re Regierungsweise, aber sie unterst√ľtzten seine Politik mit einer st√§ndig wachsenden Wirtschafts - und Milit√§rhilfe, die bis 1960 einen Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar erreicht hatte.
Um der auf dem Lande immer erfolgreicheren Guerilla - T√§tigkeit des Vietcong entgegenzuwirken, entwickelte Diems Bruder NHU (mit Unterst√ľtzung des zweiten Diem - Bruder NGO DINH CAN) ein Programm der Wehrd√∂rfer - sogenannte ‘Hamlets’, in denen die Bauern zum Selbstschutz bewaffnet wurden.
Der dritte Bruder, NGO DINH THUC, war katholischer Erzbischof und best√§rkte DIEM in seiner starren Haltung gegen√ľber den oppositionellen Buddhisten.

Die Auseinandersetzungen des Pr√§sidenten mit dem buddhistischen Klerus l√∂ste eine folgenschwere Krise aus, die schlie√ülich mit dem Sturz und der Ermordung Diems und seiner drei Br√ľder endete. Der Konflikt begann am 8. Mai 1963 mit blutigen Zwischenf√§llen in der alten Kaiserstadt Hu√©. DIEM hatte einen beabsichtigten Flaggenschmuck zum 2587. Geburtstag Buddhas verboten. Als die Buddhisten protestierten, scho√ü die Armee auf die Demonstranten. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte, und dieser Zwischenfall f√ľhrte wenig sp√§ter zur spektakul√§ren Selbstverbrennung des hohen buddhistischen W√ľrdentr√§gers QUANG DUC in Saigon, dem bald weitere solche rituellen Selbstmorde buddhistischer M√∂nche folgten.


3. Das militärische Engagement der USA in Vietnam

Im M√§rz 1961 unterst√ľtzten nordvietnamesische Truppen in dem benachbarten K√∂nigreich Laos eine Offensive der dort operierenden kommunistischen ‘Pathet Lao’ - Guerillas. Die USA, die darin eine Gefahr f√ľr das SEATO - Schutzgebiet sahen, reagierten mit einer Landung kleiner Kontingente amerikanischer Streitkr√§fte in dem SEATO - Mitgliedstaat Thailand. Kennedys Beraterteam empfahl zudem eine verst√§rkte Milit√§rhilfe f√ľr S√ľdvietnam, damit, falls Hanoi die Infiltration kommunistischer Truppen nach S√ľden nicht einstellen sollte, Vergeltungsma√ünahmen gegen Nordvietnam vorgenommen werden k√∂nnten.
Pr√§sident KENNEDY lehnte den Einsatz amerikanischer Kampftruppen ab, erh√∂hte aber die Zahl amerikanischer Milit√§rberater. Der 1954 erst aus 55 amerikanischen Offizieren bestehende Beraterstab in S√ľdvietnam wuchs bis Ende 1961 auf 1.364 Offiziere an; Ende 1962 betrug die Zahl bereits 9.865, und im November 1963 waren es rund 15.000 Experten, die Washington zur Unterst√ľtzung der Diem -


Regierung eingesetzt hatte. W√§hrend der ganzen Zeit waren in Washington Gegner und Bef√ľrworter einer solchen Hilfe aufeinandergeprallt.
1961 erkl√§rte der damalige Vizepr√§sident und sp√§tere Pr√§sident JOHNSON, der im Mai Saigon besucht hatte: "Die Grundentscheidung √ľber S√ľdostasien muss jetzt gef√§llt werden. Wir m√ľssen uns entscheiden, ob wir diesen L√§ndern nach besten Kr√§ften helfen oder den Kampf aufgeben und unsere Verteidigungslinie nach San Francisco zur√ľcknehmen wollen. In diesem Fall, und das ist noch wichtiger, w√ľrden wir der Welt kundtun, dass wir unsere Vertr√§ge nicht erf√ľllen und unseren Freunden nicht beistehen".
Die Verantwortung f√ľr das Vietnam - Problem wurde zunehmend vom State Department in das Verteidigungsministerium verlegt, und der damalige Verteidigungsminister MCNAMARA sowie hohe Milit√§rs waren noch Anfang 1963 davon √ľberzeugt, dass die Saigon - Regierung den Krieg innerhalb der Jahresfrist gewinnen werde.
Im September desselben Jahres kamen MCNAMARA und sein Generalstabschef TAYLOR zu einem ihrer fr√ľheren Lagebeurteilung entgegengesetzten Schlu√ü, dass n√§mlich der Krieg durch das diktatorische und dadurch unpopul√§re Diem - Regime nicht mehr gewonnen werden k√∂nne. Unmittelbar danach forderte KENNEDY √∂ffentlich ‘personelle Ver√§nderungen’ in der Saigoner Regierung. Nun forderten auch die vietnamesischen Gener√§le von DIEM, dass dieser seine Politik √§ndern solle. Die Brutalit√§t der Regierung Diems und ihre Unf√§higkeit zur politischen F√ľhrung veranlasste bereits im April 1960 achtzehn angesehene vietnamesische Politiker zu einem offiziellen Brief an DIEM, in dem sie Reformen forderten; zudem bezeichneten sie das Regime als diktatorisch, korrupt und unf√§hig.
Da sich DIEM aber auf keinerlei Verhandlungen einlie√ü, wurde er in der Nacht vom 1. zum 2. November 1963 durch einen milit√§rischen Staatsstreich gest√ľrzt und am n√§chsten Morgen zusammen mit seinem Bruder NHU ermordet. Dieser Putsch war - mit Ausnahme des Mordes - detailliert vorgeplant und von den amerikanischen Beratern gebilligt worden.
Nur drei Wochen später wurde Präsident KENNEDY ermordet und hinterließ seinem Nachfolger JOHNSON ein Vietnam - Problem, das auch er nicht lösen sollte.
DIEM hinterlie√ü in S√ľdvietnam eine Regierung, die nach nur dreimonatiger Amtszeit abtreten musste und einem Karusell von Umst√ľrzen, Putschversuchen, Korruption und Intrigen wich. 1964 gab es sieben Regierungen in Saigon, drei allein zwischen dem 16. August und dem 3. September. Parallel zu diesem Verfall der staatlichen Autorit√§t erlitten die Regierungstruppen im Kampf gegen den Vietcong eine Schlappe nach der anderen. W√§hrend in der Hauptstadt als Folge blutiger Stra√üenk√§mpfe zwischen Buddhisten und Katholiken zeitweise v√∂llige Anarchie herrschte, eroberten die Kommunisten 13 der insgesamt 44 s√ľdvietnamesischen Provinzen, und in weiteren 22 Provinzen waren die Kommunisten so aktiv, dass diese Provinzen offiziell zur Gefahrenzone erkl√§rt wurden.
Um der drohenden milit√§rischen Niederlage entgegenzuwirken, entschlo√ü sich Washington im Juli 1964 ihr ‘Milit√§risches Beistandskommando’ (MACV - Military
Assistance Command Vietnam) in Saigon und die Besatzung der amerikanischen Luftwaffenst√ľtzpunkte von 15.000 auf 20.000 Mann zu.




3.1 Der Tonking - Zwischenfall (oder die Amerikanisierung des Krieges)

Am sp√§ten Nachmittag des 2. August 1964 wurde der amerikanische Zerst√∂rer ‘Maddox’ auf einer routinem√§√üigen Patrouillenfahrt im Golf von Tonking von drei nordvietnamesischen Kanonenbooten angegriffen. Die ‘Maddox’ er√∂ffnete ebenfalls, nach einigen wirkungslosen Warnsch√ľssen, das Feuer und trieb zusammen mit der zur Hilfe gerufenen Luftwaffe den Gegner in die Flucht. Pr√§sident JOHNSON befahl nun der amerikanischen Luftwaffe Vergeltungsangriffe auf H√§fen und Versorgungseinrichtungen an der nordvietnamesischen K√ľste. Etwa anderthalb Stunden, bevor die ersten Flugzeuge ihre Ziele in Nordvietnam erreichten, k√ľndigte JOHNSON diese Aktion in einer Erkl√§rung an das amerikanische Volk √ľber Rundfunk - und Fernsehstationen an. F√ľr ihn dienten die beschlossenen Ma√ünahmen der Verteidigung von Freiheit und Frieden in S√ľdostasien. Er schlo√ü seine Rede mit dem Satz: "Unsere Mission ist der Frieden". Mit diesen ersten amerikanischen Angriffen auf kommunistisches Territorium begann die verh√§ngnisvolle Eskalierung der amerikanischen Kriegsf√ľhrung in Indochina. Allerdings handelte es sich dabei nicht um eine langfristig geplante Interventionspolitik, sondern um eine Serie kleiner Entscheidungen, bei der ein Eskalationsschritt den anderen fast automatisch nach sich zog.

    Kriegsstrategien

Die amerikanische Kriegsf√ľhrung litt von Anfang an darunter, dass die eigenen Truppen politisch nicht motiviert waren, w√§hrend die Kommunisten sich als Pioniere des sozialen Fortschritts und Vork√§mpfer der nationalen Unabh√§ngigkeit eines wiedervereinten Vietnam empfanden und entschlossen waren, bis zum totalen Sieg √ľber ihre Gegner zu k√§mpfen. Die USA dagegen wollten Hanoi nur milit√§risch so weit unter Druck setzen, dass man sich dort zu Verhandlungen √ľber eine Anerkennung des Status quo der Teilung bereit finden w√ľrde.
Ein weiteres Handicap der amerikanischen Kriegsf√ľhrung bestand in der von vielen Amerikanern geteilten weltweiten Kritik, die den Kampf des amerikanischen Goliath gegen den vietnamesischen David als ‘Neokolonialismus’ verurteilte. Allerdings lieferten die Amerikaner selber ihren Kritikern manches Argument, so der General LEMAYS mit seiner bekannten Forderung, man m√ľsse Vietnam "zur√ľck in die Steinzeit bomben", oder General WESTMORELAND, der f√ľr seine ‘search and destroy’ - Taktik u.a. die Methode des t√§glichen ‘bodycount’, des ‘Leichenz√§hlens’, einf√ľhrte.
Zudem gingen die Einzelheiten √ľber das von einer US - Kompanie angerichtete Massaker von My Lai (bei dem vorwiegend Frauen und Kinder niedergemetzelt wurden) durch die Weltpresse.
Auch hatten die USA der ‘gr√ľnen’ Kriegsf√ľhrung Hanois nichts entgegenzusetzen: zahllose Tunnelsysteme (vgl. Abb. Nr. 2), die den Gegner verunsicherten und das Eintauchen in die Natur, das vor allem beim schon erw√§hnten Ho - Chi - Minh - Pfads demonstriert wurde. Die Pfade wurden - zur perfekteren Tarnung - begr√ľnt und belaubt, wobei sogar bepflanzte T√∂pfe mit Orchideen und Schlinggew√§chsen in die Baumkronen geh√§ngt wurden.


Die amerikanische Luftwaffe beantwortete diese ‘Begr√ľnung’ mit Entlaubungsaktionen (Strategie der ‘verbrannten Erde’) indem sie u.a. das dioxinhaltige ‘Agent Orange’ verspr√ľhte - mit der Folge, dass nicht nur eine Waldfl√§che von der Gr√∂√üe Baden - W√ľrttembergs abstarb, sondern auch unz√§hlige Menschen an den Folgen erkrankten, starben und auch heute noch daran leiden.

Vietcong - Angriffe auf amerikanische Milit√§reinrichtungen bei Pleiku im Februar 1965 f√ľhrten innerhalb k√ľrzester Zeit zu einer systematischen Bombardierung nordvietnamesischer Bereitstellungsr√§ume unmittelbar n√∂rdlich vom 17. Breitengrad (bekannt unter dem Codenamen ‘Rolling Thunder’). Ein paar Wochen sp√§ter griffen in Danang am China Beach die ersten amerikanischen Bodentruppen in den Krieg ein. Im August 1965 belief sich die St√§rke bereits auf 125.000 Mann, und bis 1967 wurde diese Zahl auf rund 550.000 Mann gesteigert. Im gleichen Zeitraum wuchs die St√§rke an kommunistischen Streitkr√§ften von 90.000 auf 200.000 Mann, von denen nur die H√§lfte Einheiten der regul√§ren nordvietnamesischen Armee waren.

    Die Tet - Offensive

Im September 1965 √ľbernahm General THIEU als Pr√§sident nach der langen Staatsstreichserie als Pr√§sident in Saigon die volle Regierungsgewalt, die er bis wenige Tage vor der Kapitulation Saigons im Fr√ľhjahr 1975 behielt. Der autorit√§r regierende THIEU erwies sich f√ľr die USA als ein ebenso eigenwilliger, mi√ütrauischer und unbequemer Partner, wie es der gest√ľrzte Pr√§sident DIEM gewesen war. Allerdings schien sich die politische und milit√§rische Lage unter der Thieu - Regierung zun√§chst entscheidend zugunsten S√ľdvietnams zu wenden.
Als sich im Oktober 1966 in Manila mit Pr√§sident JOHNSON an der Spitze die Regierungschefs der Staaten versammelten, die Washingtons Kriegsf√ľhrung in Vietnam aktiv unterst√ľtzten - neben den SEATO - Mitgliedern vor allem S√ľdkorea -, da wurde auf dieser Konferenz bereits der unmittelbar bevorstehende Endsieg der Allierten in Indochina gefeiert.
Um so gr√∂√üer war der Schock, als die Kommunisten in der ersten Februarwoche 1968 die Kampfruhe des buddhistischen Neujahrsfestes (Tet) brachen und an allen wichtigen Pl√§tzen in S√ľdvietnam zu einer den Gegner v√∂llig √ľberraschenden Gro√üoffensive antraten (vgl. Abb. 3). 36.000 nordvietnamesische Soldaten sowie Vietcong - Guerillas griffen nach einem detailliert geplanten und genau koordinierten Plan 28 von den insgesamt 44 s√ľdvietnamesischen Provinzhauptst√§dten an und zerst√∂rten Flugpl√§tze und St√ľtzpunkte, f√ľhrten in Saigon tagelange Stra√üenk√§mpfe, konnten dort sogar zeitweise die amerikanische Botschaft besetzen und eroberten f√ľr Wochen den Kern der alten Kaiserstadt. Die Kommunisten gingen √ľberall, wo sie eindrangen mit grausamen Terror vor (so wurden in Hu√© nach der R√ľckeroberung durch Regierungstruppen Massengr√§ber mit den Leichen von Tausenden ermordeter Zivilisten entdeckt). Die Hoffnung der Kommunisten, dass sie mit dieser Offensive einen allgemeinen Volksaufstand entfachen k√∂nnten, wurde bitter entt√§uscht. Ihr milit√§rischer Gro√üangriff blieb letztlich erfolglos; dennoch bedeutete er politisch - psychologisch f√ľr Hanoi einen beispiellosen Triumph, weil er in Washington die Bereitschaft zur Aufnahme von Friedensverhandlungen ausl√∂ste. Diese Bereitschaft wurde von



Pr√§sident JOHNSON - gleichzeitig mit dem resignierten Verzicht auf seine Wiederwahl - am 31. M√§rz 1968 √∂ffentlich verk√ľndet.
Die Tet - Offensive kostete ungef√§hr 1.000 amerikanischen und 2.000 s√ľdvietnamesischen Soldaten das Leben, doch mit ca. 32.000 Todesopfern waren die Verluste auf Seiten der Nordvietnamesen mehr als zehnmal so hoch. Es war das erstemal, dass die Guerilleros sich zeigten, dass sie sich an offenen Gefechten beteiligten, und die Entscheidung zu einen Angriff auf breiter Front zwang sie, sich auf einem Gel√§nde zum Kampf zu stellen, das sie normalerweise nie gew√§hlt h√§tten. Die √ľberlegene amerikanische Feuerkraft vernichtete fast die gesamte Infrastruktur der Guerilla.

    Die Vietnamesierung des Krieges

Bereits am 10. Mai 1968 begannen in Paris Vorverhandlungen zwischen Vertretern der amerikanischen und der nordvietnamesischen Regierung, die sich mit h√§ufigen Unterbrechungen das ganze Jahr hinzogen. Der wichtigste und auch schwierigste Punkt war hierbei, ob und wie die Saigoner Regierung und die s√ľdvietnamesische FNL an den Verhandlungen beteiligt werden k√∂nnten, da beide den sich gegenseitig ausschlie√üenden Alleinvertretungsanspruch f√ľr S√ľdvietnam erhoben. Zudem forderte Hanoi als Vorleistung die v√∂llige Einstellung der amerikanischen Luftangriffe auf Nordvietnam, w√§hrend es sich selber nach der alten kommunistischen Taktik "Gleichzeitig K√§mpfen und Verhandeln" das Recht vorbehielt, seine milit√§rischen Aktivit√§ten fortzusetzen.
Das Zustandekommen der Verhandlungen wurde von der sowjetischen Regierung beg√ľnstigt, wohingegen die Chinesische Volksrepublik mit heftigen Widerstand reagierte. Schon fr√ľher in diesem Konflikt bef√ľrchtete die amerikanische Regierung eine Intervention der beiden Gro√üm√§chte (vor allem der chinesischen Truppen, wie man sie schon in Korea erlebt hatte).
Peking f√ľrchtete den wachsenden sowjetischen Einflu√ü in Hanoi und sah die Gefahr, dass als Ergebnis der Friedensverhandlungen ein von Moskau abh√§ngiges wiedervereintes Vietnam entstehen und durch den Anschlu√ü von Laos und Kambodscha zu einer chinafeindlichen Regionalmacht werden k√∂nnte. Diese Furcht vor einer gegen Peking gerichteten sowjetischen Einkreisungspolitik bestimmt bis heute die chinesische Haltung gegen√ľber den drei Indochina - Staaten.
Im November 1968, JOHNSON hatte den geforderten Bombardierungsstopp von Hanoi verf√ľgt, konnten endlich die offiziellen Friedensverhandlungen beginnen.
In den USA hatte im selben Jahr Richard NIXON die Präsidentsschaftswahl gewonnen (er bestritt seinen Wahlkampf hauptsächlich mit dem Versprechen, den Krieg in Vietnam zu beenden) und zusammen mit seinem Sicherheitsberater Henry KISSINGER verfolgte er daher von Anfang an das Ziel, die amerikanische Intervention in Indochina zu beenden und die amerikanischen Truppen "vom Schlachtfeld und
aus der Gefangenschaft nach Hause zu bringen". Auch wollte man einen ‘ehrenvollen Frieden’, der nach der bisher verfolgten amerikanischen Politik eigentlich in einer Garantie der Eigenstaatlichkeit S√ľdvietnams h√§tte bestehen m√ľssen; doch Kissinger gab zu verstehen, dass es ihm prim√§r darum gehe, von Hanoi die Respektierung einer ‘Anstandsfrist’ nach dem amerikanischen Truppenabzug zu erreichen.

Trotz der ‘Bem√ľhungen’dauerte es noch vier Jahre, bis der Friede eintrat.
Die Forderung der Kontrahenten bei den Friedensverhandlungen sahen in der Essenz folgenderma√üen aus: Washington forderte als Gegenleistung f√ľr den Abzug der eigenen Truppen den sofortigen R√ľcktritt der Thieu - Regierung und die Bildung einer Koalitionsregierung aus Vertretern der FNL und der sogenannten ‘Dritten Kraft’ (die nichtkommunistischen neutralistischen Gegner des Thieu - Regimes).
Saigon forderte den sofortigen R√ľckzug der nordvietnamesischen Truppen hinter die Demarkationslinie, danach freie Wahlen unter internationaler Kontrolle.

Der mit der Midway - Erkl√§rung Nixons beginnende amerikanische Truppenabzug aus S√ľdvietnam war eine Vorleistung gegen√ľber Hanoi, von dem man keine Zusicherungen hinsichtlich der geforderten nordvietnamesischen Truppenreduzierung erhalten hatte. Die schon von Pr√§sident JOHNSON eingeleitete ‘De - Eskalierung’ des Vietnamkrieges bekam nun den Namen ‘De - Amerikanisierung’ bzw. ‘Vietnamisierung’. W√§hrend Washington bis Anfang 1973 die gesamten 550.000 Mann starken Truppen aus Vietnam zur√ľckzog, wurden mit massiver amerikanischer R√ľstungshilfe die regul√§ren s√ľdvietnamesischen Streitkr√§fte auf √ľber 500.000 Mann fast verdoppelt und daneben ‘Volksstreitkr√§fte’ in der gleichen St√§rke aufgebaut (Thieus Luftwaffe wurde die drittst√§rkste der Welt). Nachdem die amerikanischen Truppen seit 1965 die Hauptlast der K√§mpfe getragen hatten - mit mehr als 40.000 Todesopfern und einer Vielzahl an Verwundeten - √ľbernahm ab 1969 die s√ľdvietnamesische Armee die Verteidigung ihres Landes.
Als im September 1969 der nordvietnamesische Staats - und Parteichef HO CHI MINH starb, vollzog sich in Hanoi ein fast reibungsloser √úbergang auf eine kollektive F√ľhrung mit einem Triumvirat alter Kampfgef√§hrten Ho Chi Minhs - dem Partei - Generalsekret√§r LE DUAN, dem Ministerpr√§sidenten DONG sowie dem Verteidigungsminister NO NGUYEN GIAP - an der Spitze. Ihnen hatte HO ein politisches Testament hinterlassen, das die Fortsetzung des Freiheitskampfes bis zur Wiedervereinigung des geteilten Vietnams forderte und seinen alten Plan der Schaffung eines Gro√ü - Indochina - Staates unter Anschlu√ü von Laos und Kambodscha aufrechterhielt. Zudem riet HO CHI MINH seinen Nachfolgern, alles zu tun, um die durch den Konflikt zwischen Peking und Moskau gef√§hrdete Einheit im sozialistischen Lager wiederherzustellen.
HO selber hatte sich stets bem√ľht, eine neutrale Haltung im Konflikt der beiden kommunistischen Gro√üm√§chte zu bewahren. Mit zunehmender Eskalierung des Krieges aber wurde Hanoi immer abh√§ngiger von der Lieferung moderner sowjetischer Waffen. 1965 kam es zu einem Milit√§rhilfe - Vertrag, der sowjetische R√ľstungshilfe im Wert von rund zwei Millarden Dollar an Vietnam vorsah. Auch der politische Einflu√ü Moskaus in Nordvietnam verst√§rkte sich zunehmend. Als nicht zuletzt durch Moskaus Vermittlung 1968 die Vorbereitungen direkter nordvietnamesisch - amerikanischer Verhandlungen begannen, wurde das von Peking zun√§chst als ‘antichinesische Verschw√∂rung der sowjetischen und amerikanischen Imperialisten’ verurteilt. Je deutlicher sich jedoch die Tendenzen der amerikanischen De - Eskalierungspolitik abzeichneten, desto mehr verlagerte sich die chinesische Furcht vor einer Einkreisung von dem traditionellen amerikanischen Feindbild auf den neuen Gegner Sowjetunion.



4. Der Zusammenbruch S√ľd - Vietnams

Am 19. Juli 1972 nahm KISSINGER mit dem nordvietnamesischen Chefunterhändler LE DUC THO seine Geheimverhandlungen auf, die nach zahllosen Gesprächsrunden am 13. Dezember ergebnislos abgebrochen wurden. Daraufhin befahl der gerade wiedergewählte NIXON, am 18. Dezember die amerikanischen Luftangriffe auf Nordvietnam wieder aufzunehmen und die nordvietnamesischen Häfen zu verminen.
Dieser milit√§rische Kraftakt, der mit ultimativen politischen Drohungen auch an die Adresse Saigons verkoppelt war - die Thieu - Regierung hatte sich geweigert, Verhandlungsergebnisse anzuerkennen -, zeigte schnell die beabsichtigte Wirkung. Am 26. Dezember erkl√§rte sich Hanoi zu neuen Verhandlungen bereit, die nach Einstellung des Bombardements am 8. Januar 1973 wieder aufgenommen wurden und es kam schon am n√§chsten Tag zu einer Einigung. Am 23. Januar wurde das Abkommen von den vier Au√üenministern der USA, Nordvietnams, S√ľdvietnams und der Provisorischen Revolutionsregierung in Paris unterschrieben, und der Waffenstillstand trat damit in Kraft.
Bis Ende des Jahres 1973 hatten sich die vietnamesischen Gegner gegenseitig mehr als 100.000 Verletzungen des Waffenstillstands bei der Internationalen Überwachungs - kommission angeklagt, diese war aber auf Grund fehlender Kontrollmöglichkeiten funktionsunfähig und stellte ihre Arbeit nach wenigen Monaten ein.
Bei den Versuchen der beiden Seiten, gewaltsam ihr Territorium zu vergrößern, sind im ersten Jahr des Waffenstillstands mit 100.000 Todesopfern fast ebenso viele Menschen ums Leben gekommen wie im letzten Kriegsjahr.
Im Dezember 1974 begann Hanoi - nach dem Abzug der amerikanischen Streitkr√§fte und angesichts der L√§hmung der Nixon - Regierung durch die Watergate - Krise - mit einer Welle von Angriffen, die zu einem konventionellen Eroberungsfeldzug koordiniert wurden und den Widerstand der zahlen - und r√ľstungsm√§√üig gleich starken s√ľdvietnamesischen Armee in wenigen Wochen wie ein Kartenhaus zusammenbrechen lie√ü.
Die Hauptursachen dieser milit√§rischen Katastrophe, die √ľber das Thieu - Regime hereinbrach, waren die schwache Kampfmoral der politisch nicht motivierten Truppen sowie die v√∂llig kriegsm√ľde Bev√∂lkerung.
Nach einer fast kampflosen Preisgabe des Zentralen Hochlandes und einer wilden Flucht von Millionen Zivilisten und Soldaten brach der Verteidigungsring um Saigon schnell zusammen.
Am 21. April 1975 erkl√§rte Pr√§sident THIEU seinen w√§hrend vier Verhandlungsjahren von Hanoi vergeblich geforderten R√ľcktritt und begab sich - gefolgt von Zehntausend anderen Fl√ľchtlingen - ins Exil. Seine Nachfolge √ľbernahm der Ex -
General DUONG VAN MINH, der am 30. April die bedingungslose Kapitulation unterschrieb.
Die Verantwortung in Saigon √ľbernahm ein sogenannter Milit√§rischer Revolutionsausschu√ü unter F√ľhrung des nordvietnamesischen Generals TRAN VAN TRA.



5. Die Wiedervereinigung Vietnams und ihre Folgen

Die Eroberung S√ľdvietnams durch die nordvietnamesischen Streitkr√§fte wurde von den Westm√§chten wie ein unvermeidliches Verh√§ngnis zur Kenntnis genommen. Die kommunistischen Staaten hingegen feierten die Eroberung als ‘Befreiung’.
Als im November 1975 erste Verhandlungen √ľber die Wiedervereinigung von Nord - und S√ľdvietnam aufgenommen wurden, war der Vertreter des S√ľdens kein Mitglied der Provisorischen Revolutionsregierung, sondern ein im S√ľden geborener hoher Funktion√§r des nordvietnamesischen Politb√ľros namens PHAM HUNG.
Nachdem General TRAN VAN TRA am Tage der Kapitulation Saigons, das sofort in Ho - Chi - Minh - Stadt umbenannt wurde, mit der Gleichschaltung der Verwaltung und Verwirklichung der ‘Nationalen volksdemokratischen Revolution’ begonnen hatte, fanden am 25. April 1976 die ersten gesamtvietnamesischen Wahlen statt; damit wurde im Grunde das nachgeholt, was nach den Beschl√ľssen der Genfer Indochinakonferenz 1954 bereits 19 Jahre vorher h√§tte geschehen sollen. Die Wahlen endeten mit dem vorprogrammierten Sieg der Hanoi - Gefolgschaft.
Am 25. Juni 1976 proklamierte die Nationalversammlung auf ihrer ersten Sitzung offiziell die Wiedervereinigung beider Teile Vietnams.
Die politische Gleichschaltung bedeutete in ihrer ersten Phase die ‘S√§uberung’ der Verwaltung und des √∂ffentlichen Lebens. Innerhalb weniger Monate verschwanden rund 200.000 Menschen in sogenannten Umerziehungslagern; Unter diesen zu unbefristeter Zwangsarbeit verdammten politischen H√§ftlingen befanden sich neben h√∂heren Beamten und Offizieren der Thieu - Regierung auch prominente Gegner des fr√ľheren Regimes, unter anderem der Buddhisten - M√∂nch THICH TRI QUANG und der F√ľhrer der oppositionellen Katholiken, Pater TRAN HUN TANH.
Die im September 1975 durchgef√ľhrte W√§hrungsreform war praktisch eine Enteignung aller besitzenden S√ľdvietnamesen und traf besonders den st√§dtischen Mittelstand.
Aus den durch die Zuwanderung w√§hrend des Krieges √ľberv√∂lkerten St√§dten wurden Millionen Menschen in ‘Neue Wirtschaftszonen’ deportiert und dort als landwirtschaftliche Arbeitskr√§fte eingesetzt. Gleichzeitig wurde ein politischer Kontrollmechanismus, der von der Parteizentrale - die Partei nannte sich wieder ehrlich ‘Kommunistische Partei Vietnams - bis in die letzte Familie reichte.
Der Parteikongre√ü beschlo√ü einen F√ľnfjahresplan mit dem Ziel, Vietnam zu einem sozialistischen Musterstaat mit moderner Industrie und Landwirtschaft, einer m√§chtigen nationalen Verteidigung und einer fortschrittlichen Kultur und Wissenschaft zu entwickeln. Dabei wurde S√ľdvietnam die fast koloniale Funktion eines Lebensmittel - Produzenten zugewiesen, wohingegen f√ľr das n√∂rdliche Vietnam vor allem der Ausbau der Industriewirtschaft geplant wurde (und dies im wesentlichen mit sowjetischer Wirtschaftshilfe).





6. Die Antikriegsbewegung

Proteste an dem Vietnamkrieg wurden in den USA nach dem Tonking - Zwischenfall 1964 laut, verstreuten sich aber √ľber das ganze Land und waren haupts√§chlich auf einige Universit√§ten beschr√§nkt.
Eine Umfrage (‘Harris Poll’) zeigte 1965 das lediglich 57 % der Amerikaner die Vorgehensweise ihrer Regierung in Vietnam ‘richtig’ fanden.
Bereits zu diesem Zeitpunkt verbrannten die ersten US - Rekruten ihre Einberufungsbefehle.
Die von den Pr√§sidenten ge√§u√üerten Halb - und Unwahrheiten √ľber Ziel und Verlauf des Krieges untergruben das Vertrauen der Bev√∂lkerung in die Regierung. Insbesondere die anfangs erfolgreiche Tet - Offensive der Kommunisten 1968, nur wenige Wochen nach den optimistischen Siegeserkl√§rungen von General WESTMORELAND, ersch√ľtterten die Glaubw√ľrdigkeit. Es entstand eine Vertrauensl√ľcke ("credibility gap") zwischen Volk und Regierung.
Das wahre Ausma√ü der offiziellen Verschleierungen enth√ľllte sich im Jahre 1971, nach der Ver√∂ffentlichung der ‘Pentagon Papers’ in der New York Times; der Oberste Gerichtshof gab hier dem Ersuchen NIXONS die Ver√∂ffentlichung zu verbieten nicht statt. So wurde z.B. bekannt, dass der Zwischenfall von Tonking 1964 eine vom Pentagon vorbereitete Provokation war, um dem Kongre√ü gegen√ľber einen ‘offiziellen’ Grund zur Bombardierung Nordvietnams zu haben.
Auch durch die Ver√∂ffentlichung der Unmenschlichkeit und Brutalit√§t des Krieges (insbesondere der Vorfall von May Lai) durch die Medien nahm der Widerstand nicht nur im Inland betr√§chtlich zu; die Rede war nun von einem ‘schmutzigen ‘ Krieg der Amerikaner.
Die Bildung von Organisationen wie ‘Vietnam - Veteranen gegen den Krieg’ bewiesen, dass die Protestbewegung nicht nur von Studenten, die sich vor der Einberufung f√ľrchteten getragen wurde.
Ho Chi Minh wurde in dieser Zeit zu einer Symbolfigur des Kampfes gegen Kolonialismus und Unterdr√ľckung, ja gegen die ‘etablierte Gesellschaft’ schlechthin. Sein Bild fand sich von jetzt an auf jedem Universit√§tscampus der westlichen Welt, und die 68 - er Generation stellte im Namen der vietnamesischen Revolution nicht nur au√üenpolitische Forderungen, sondern begann auch Strukturen im jeweils eigenen Land zu hinterfragen. Das Verlangen nach einem ‘Sieg des vietnamesischen Volkes’ begann ein Teil des damaligen Zeitgeistes zu werden; nie wieder auch hat das Bild des "h√§√ülichen Amerikaners" solche Dimensionen angenommen wie zur Zeit des Vietnam Krieges.
Das Ausma√ü des ‘anti - war - movement’ zeigte sich am 15. Oktober 1969, als √ľberall in den Vereinigten Staaten sogenannte ‘Moratoriums’ - Demonstrationen statt fanden. In New York kamen kamen zwanzigtausend Menschen zu einer Kundgebung zusammen, vor dem Wei√üen Haus in Washington f√ľnfzigtausend und in Boston waren es gar hunderttausend Demonstranten, die den Krieg verurteilten.
1971 protestierten dann sogar 250.000 Menschen in Washington gegen die Fortsetzung des Krieges.
Dieser immense öffentliche Druck hat maßgeblich zu einem Umdenken der Regierung und zu einer forcierten Beendigung des Krieges beigetragen.


"NO MORE VIETNAMS"









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