Die Antiken Naturwissenschaften


Naturales Questiones
oder die antiken Naturwissenschaften




1. Griechische UrsprĂŒnge


Naturphilosophie als VorgÀnger der Naturwissenschaften



DIE FRÜHEN NATURPHILOSOPHEN (AS: 3 - 8)
Von den vorsokratischen [= vor Sokrates (470 - 399 v. Chr.) gelebt habenden] (Natur - ) Philosophen sind uns keine Schriften ganz erhalten, ĂŒbrig blieben nur Fragmente, die meist als aus dem Zusammenhang herausgerissene Splitter (z.B.: Zitate) nicht mehr als einige wenige Zeilen umfassen. Den Großteil unseres Wissens beziehen wir aus Quellen wie Platon und Aristoteles, welche sich ausfĂŒhrlich mit den Vorsokratikern beschĂ€ftigt haben, sodass wir dennoch in der Lage sind uns ein Bild von den damaligen Vorstellungen zu machen.
Das Ă€lteste im Wortlaut erhaltene Fragment eines Vorsokratikers ist der berĂŒhmte Satz des Anaximander von Milet ĂŒber Werden und Vergehen der Dinge; auf ihn geht auch der allgemeine spĂ€ter sehr oft verwendete Buchtitel "Über die Natur" (περĂŹ ϕĂșσεωs).
WĂ€hrend die ersten Schriften in Prosa verfaßt wurden, gingen einige Autoren (Xenophanes, Parmenides, Empedokles) bald dazu ĂŒber ihre Gedanken in Form eines Lehrgedichtes zu kleiden; in der SpĂ€tphase der vorsokratischen Philosophie kehrte man schließlich wieder zur Prosa zurĂŒck, wahrscheinlich wegen der Behandlung komplizierter Sachverhalte.
Thales, Anaximander, Anaximenes (alle von Milet) und Heraklit von Ephesos (alle 6.Jh nach dem Alter geordnet) begrĂŒndeten mit ihrer unvoreingenommenen Betrachtungsweise und grundsĂ€tzlichen Fragestellung nach dem Aufbau der Welt, nach Sein und Werden, nach dem Wahrnehmen und Erkennen die griechische Philosophie. All diesen Denkern gemeinsam ist ein kompromißloses Streben, den Dingen auf den Grund zu gehen, die UrsprĂŒnge (αρχαĂ­/principia) aufzuspĂŒren, verknĂŒpft mit dem unverrĂŒckbaren Glauben, mit denkerischer Kraft die Antwort auf diese Fragen zu finden. Dieses Streben nach dem GrundsĂ€tzlichen, der Wille zur Systematisierung und Abstrahierung, fĂŒhrte freilich oft zu heute seltsam anmutenden Spekulationen, zu kĂŒhnen Verallgemeinerungen, die ihre Eigendynamik entwickelten und sich recht wenig um die Erfahrung der alltĂ€glichen Sinneswelt kĂŒmmerten. So bezeichnet auch der Begriff "Physiker" (ϕυσικĂłs), wie die ersten Denker genannt wurden, mehr den Naturphilosophen als den Naturwissenschaftler, wobei diese zwei Bereiche lange Zeit eine unzertrennliche Einheit bildeten und sich erst im Hellenismus aufzuspalten begannen.

Zu den zentralen Problemstellungen, mit welchen sich die ionische Naturphilosophie befaßte bzw. aus denen sie ĂŒberhaupt erst hervorging, gehörte die Frage nach dem Aufbau der Materie, nach dem Werden und Vergehen der Dinge, nach den im Kosmos wirkenden KrĂ€fte (daher der Name Kosmologie). Sie wagten den Versuch, die ganze Vielfalt der stofflichen Erscheinungswelt auf ganz wenige, nur noch verstandesmĂ€ĂŸig erschließbare grundlegende Faktoren (στοιχεĂźα/elementa) zurĂŒckzufĂŒhren, auch Urstoffe genannt (z.B.: Thales: Wasser; Anaximenes: Luft; Heraklit: Feuer). Ihren reifsten Ausdruck hat die vorsokratische Elementenlehre schließlich im Lehrgedicht des Empedokles von Akragas (ca. 500 - 430 v. Chr.) gefunden, in welchem die spĂ€ter klassisch gewordenen vier Elemente vorgefĂŒhrt werden, die ĂŒber Platon und Aristoteles bis ĂŒbers Mittelalter hinaus ihre GĂŒltigkeit behalten haben.
Ein besonderer Aspekt der Elementarlehre ist das Problem der VerwandlungsfÀhigkeit der Materie. Weit davon entfernt, Elemente im heutigen Sinne des Wortes zu sein, handelt es sich bei diesen Urelementen mehr um hypothetische Grundkomponenten der Materie, die im stetigen Austausch miteinander stehen, sich in einander verwandeln, sich in neue Mischungen gruppieren und sich wieder auflösen können.
Ein weiterer wichtiger Punkt der sich aus diesen Fragen ergibt ist die Distanzierung von der Mythologie, wie zum Beispiel von frĂŒhen Schöpfungsmythen.
Ein scharfer Gegensatz in der ErklĂ€rung der gestaltenden KrĂ€fte tat sich im 5.Jh auf: wĂ€hrend Anaxagoras, der Lehrer des Sokrates, erklĂ€rte, dass der ganze Kosmos vom Geist (ΝοĂ»s) beherrscht und durchwaltet sei, und damit zum erstenmal die PolaritĂ€t Geist - Materie erkannte, machten die Atomisten ein physikalisches Prinzip (δĂźνοs), und den Zwang (ανĂĄγκη: ein unabĂ€nderliches KausalitĂ€tsprinzip) fĂŒr alle Vorgange im All verantwortlich.

Einige Einzelprobleme: (AS: 8 - 11)
Vorwegnehmend sei angemerkt, dass egal wie naiv die einzelnen Probleme auch erklÀrt werden das Entscheidende daran der Wille mythologische Vorstellungen abzulegen und Erscheinungen rational zu erklÀren ist.
    Astronomische Beobachtungen: Vorhersage der Sonnenfinsternis vom 28.5.585 v. Chr., Mond erhĂ€lt sein Licht von der Sonne Erdvorstellungen: Form (Zylinder, Scheibe), Weltkarte Meteorologische Erscheinungen: Donner, Blitz, Regenbogen, Erdbeben, Entstehung des Meeres und dessen Salzgehaltes (Verdunstung) Geologische Erscheinungen: Versteinerungen (MuschelabdrĂŒcke im Steinbruch Ă  frĂŒher: Meer), Anziehungskraft des Magnetsteines Mathematische Erkenntnisse: LehrsĂ€tze (Thaleskreis)


PYTHAGORAS UND DIE PYTHAGOREER (AS: 11 - 14)
Da man nicht genau weiß, welche Erkenntnisse und Überlieferungen genau auf Pythagoras (geb.: 532 in Samos, grĂŒndete in Kroton in Unteritalien religiös - philosophische Lebensgemeinschaft) zurĂŒckgehen und welche auf seine SchĂŒler, tut man gut daran, nicht von ihm, sondern von den Pythagoreer zu sprechen. Man versteht darunter zunĂ€chst den Kreis jener Schule welche im 5.Jh./Anf. 4.Jh. v. Chr. ihre BlĂŒte erlebte, sich aber ĂŒber Jahrhunderte bis tief in die SpĂ€tantike fortsetzte. Die AtmosphĂ€re dieser Schule, in der sich Spekulation und Wissenschaft, Mystik und Philosophie in eigenartiger Weise zusammenfanden, war zum einen der NĂ€hrboden fĂŒr eine reiche Legendenbildung und zum anderen aber auch die Quelle vielseitiger, vor allem mathematischer Erkenntnisse. Der Grundgedanke pythagoreischer Weltvorstellung bestand darin, dass sich die ganze Weltordnung auf Zahlen und Proportionen zurĂŒckfĂŒhren lasse, dass der ganze Kosmos eine "Harmonie" (αρμονĂ­α) sei.
Beispiele fĂŒr LehrsĂ€tze u. Erkenntnisse: Pythagorassatz, Irrationale Zahlen, Winkelsumme,...
In ihrem Kreis wurde auch erstmals das geozentrische Weltbild in Frage gestellt.


DIE ATOMISTEN (AS: 14 - 21)
Von den BegrĂŒndern der antiken Atomphysik, von Leukipp von Milet (Anf. 5.Jh. v. Chr.) und Demokrit von Abdera (ca. 460 - 400 v. Chr.) sind kaum Fragmente im ursprĂŒnglichen Wortlaut erhalten, die sich direkt auf die Atomlehre beziehen, sondern nur aus indirekter Überlieferung recht eingehende Berichte. Die Atomistik ist nicht nur ein Versuch die Materie zu erklĂ€ren, sondern stellt ein geschlossenes weltanschauliches Konzept dar, welches nur als Antithese zur vorangegangenen und noch ĂŒber Jahrhunderte weiterwirkenden Naturphilosophie verstanden werden kann. Anders als vorher ist bei den Atomisten alles einem physikalischen Gesetz, dem Zwang, unterworfen und sie kennen nur einen unbegrenzten, unzentrierten Raum mit "vielen Kosmen", leerem Raum und unverĂ€nderlichen Atomen. Der Begriff "ĂĄτμοs" bezeichnet die Unteilbarkeit dieser Teilchen, die so winzig sind, dass sie sich unseren Sinnesorganen entziehen und die sich stĂ€ndig ungeordnet bewegen (demokriteische Wirbel). Die Atome unterscheiden sich lediglich durch ihre Form, ihre Lage und innerhalb von Stoffverbindungen durch ihre verschiedenartige Anordnung, die gerne mit der Anordnung von Buchstaben innerhalb eines Wortes verglichen wird.
Die Grenzen des Atomismus werden im geistig - seelischen Bereich mit allen Wahrnehmungen und Empfindungen sichtbar, so besteht nach Demokrit auch die Psyche aus Atomen. Die Lehre der Atomisten stieß bei zeitgenössischen und folgenden Philosophen auf heftigen Widerspruch; so kam es auch, dass sie vom ĂŒberwiegenden Einfluß des Aristoteles und seiner Schule verdrĂ€ngt wurde. Trotz dieses Widerstandes wurde sie von Epikur wieder aufgegriffen und in einigen Punkten modifiziert, sowie spĂ€ter von einigen hellenistischen Ärzten.



DIE UNIVERSALE NATURPHILOSOPHIE DER KLASSISCHEN UND NACHKLASSISCHEN ZEIT:


1. Platon (427 - 348/47) (AS: 21 - 26)
Im Timaios, seinem SpĂ€twerk, sollte sein kosmologisches Denken eine abschließende Darstellung finden und der seit Beginn der ionischen Naturphilosophie zur Diskussion stehenden Frage nach den UrsprĂŒngen der Welt, die unter den Atomisten eine bedrohlich materialistische Richtung eingeschlagen hatte, eine geisterfĂŒllte Antwort zu geben. Die ganze Weltauffassung Platons ist erfĂŒllt vom Gedanken, dass der ganze Kosmos eine sinnhaft und zweckmĂ€ĂŸig geordnete, beseelte Einheit bildet, die von einer geistigen Instanz, dem νοĂ»s, gestaltet und durchwaltet ist. Ein knappes astronomisches Weltbild wird entworfen mit sieben konzentrisch um die Erde sich drehenden SphĂ€ren des Mondes, der Sonne und der (damals bekannten) fĂŒnf weiteren Planeten, deren Bahn "schrĂ€g" ist gegenĂŒber einer achten, ruhenden SphĂ€re der Fixsterne, welches das Werk eines Schöpfers darstellte.
Im selben Werk macht er auch den ersten Versuch einer Klassifizierung der die Erde bevölkernden Lebewesen: es gibt nach ihm vier Gattungen (γĂ©νη): die der himmlischen Götter, der Vögel, der Wassertiere und der Landtiere.
Besonders ausfĂŒhrlich wird die Anthropologie dargelegt, die mit ihren (nicht buchstĂ€blich zu verstehenden, teils mit Humor vorgetragenen) ErklĂ€rungen ĂŒber Aufbau und Funktionen des Körpers und einem Exkurs ĂŒber die Krankheiten eine Auseinandersetzung mit damaligen medizinischen Theorien verrĂ€t.
Die spĂ€tere Geschichte der Naturwissenschaften ist aber von dieser Schrift kaum beeinflußt worden.

Im Staat zĂ€hlt Platon außerdem die folgenden vier Disziplinen auf, deren Kenntnis als "Vorbereitung" auf höhere Studien fĂŒr den kĂŒnftigen Philosophen notwendig ist: Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Harmonik, womit die FĂ€cheraufteilung des spĂ€teren Quadriviums bereits vorgegeben ist.

2. Aristoteles (384 - 322) (AS: 26 - 35)
Das naturphilosophische Denken des Aristoteles ist einerseits demjenigen Platons verwandt, was die ganzheitliche Auffassung des Kosmos und den unerschĂŒtterlichen Glauben an die Sinnhaftigkeit und ZweckmĂ€ĂŸigkeit der Natur betrifft; auf der anderen Seite aber unterscheidet sich Aristoteles grundsĂ€tzlich von Platon darin, dass er von den Dingen der Sinneswelt ausgeht und gelegentlich mit unglaublicher Sorgfalt den einzelnen Erscheinungen der Natur nachspĂŒrt, wobei er eine besondere Liebe zu den einzelnen PhĂ€nomenen entwickelte.
Den Begriff Bewegung (κĂ­νησιs) versteht Aristoteles in einem umfassenderen Sinn, als wir es heute tun, indem er grundsĂ€tzlich jede VerĂ€nderung als Bewegung bezeichnet. Recht ausfĂŒhrlich untersucht Aristoteles die GesetzmĂ€ĂŸigkeiten des freien Falls und des Wurfes mit den dazugehörenden Komponenten Raum und Zeit. Richtig erkannt hat er jedenfalls den Zusammenhang von Bewegung und Zeit, wenn er die Zeit als "Maßzahl der Bewegung" bezeichnet.
Die einzelnen Bestandteile des aristotelischen Denkens fĂŒgen sich zu jenem Weltbild zusammen, das ĂŒber mehr als ein Jahrtausend die weltanschaulichen Vorstellungen des Abendlandes prĂ€gte und erst in der Renaissance und der AufklĂ€rung StĂŒck fĂŒr StĂŒck zu Fall gebracht wurde:
Im Zentrum des Weltalls befindet sich unverrĂŒckbar und unbeweglich die Erde in Gestalt einer Kugel. In der diese umschließende HimmelssphĂ€re bewegen sich die Himmelskörper in ewigen, vollkommenen Kreisbewegungen. Der ganze Raum, der nicht unbegrenzt und leer ist, wird von der unverĂ€nderlichen FixsternsphĂ€re umgeben, die ebenfalls Kugelform besitzt. Die Fixsterne sind fest auf ihr angebracht und kreisen mit ihr in stetiger Kreisbewegung um die im Zentrum befindliche Erde.


3. Die stoische Physik (AS: 35 - 39)
Die von Platon und Aristoteles eingeschlagene Richtung der Naturbetrachtung hat ihre Fortsetzung in der Naturphilosophie der Stoa (gegrĂŒndet von Zenon von Kriton, 334 - 263 v. Chr.) gefunden, die in die drei Bereiche Logik, Physik und Ethik geteilt wurde, wobei die Physik alle Bereiche der toten und lebenden Natur des irdischen und ĂŒberirdischen Raumes umfaßt und somit Kosmologie und Theologie mit einschließt. Auch bei den Stoikern bildet die Natur eine unzertrennliche Einheit und wird - Ă€hnlich einem Lebewesen - von einer geistigen Kraft (λĂłγοs/ratio) durchdrungen und gelenkt. Wobei die Natur hier letztlich mit Gott identifiziert wird, daher auch die Forderung nach einem "naturgemĂ€ĂŸen Leben".

Die Leistung der Ă€lteren Stoa besteht nicht in einer selbstĂ€ndigen Erforschung der Natur, und ihren Details, sondern vielmehr im Blick fĂŒr die Einheit und die vollendete Schönheit der ganzen Natur.

Anders steht es mit dem wichtigsten ReprĂ€sentanten der Mittleren Stoa, Poseidonios von Apameia (135 - 51 v. Chr.). In zahlreichen Schriften (nur einzelne Fragmente erhalten) befaßt er sich mit den verschiedensten Erscheinungen der Natur aus den Bereichen der Astronomie, der Geographie und Ethnographie (= beschreibende Völkerkunde). Die wohl bedeutendste Schrift des Poseidonios, der in unermĂŒdlichem Forscherdrang den Einzelproblemen nachging, ist die Abhandlung Über den Ozean (ΠερĂŹ ΩκεανοĂ»). Hier wird seine epochemachende Entdeckung vorgetragen, die den Bewohnern des Mittelmeerraumes bisher verborgen geblieben war, dass die Gezeitenperioden mit dem Mondumlauf im Zusammenhang stehen. Bemerkenswert ist hierzu auch, dass er ĂŒber 30 Tage genaue Messungen durchgefĂŒhrt hat, was von einer mustergĂŒltigen methodischen Untersuchung zeugt.
Mit Poseidonios haben wir wohl den letzten bedeutenden Universalgelehrten der Antike vor uns, der einerseits einen umfassenden Blick fĂŒr die Einheit und Zusammengehörigkeit der Natur hatte, andererseits aber mit systematischer Forschung die einzelnen PhĂ€nomene zu erhellen suchte.



Die Fachwissenschaften der hellenistischen und spÀtgriechischen Zeit


DIE ENTSTEHUNG DER FACHWISSENSCHAFTEN (AS: 39 - 44)
Es lag in der Natur der Sache, dass sich aus der ganzheitlichen Naturbetrachtung, um die sich seit jeher die Philosophie bemĂŒhte und die immer ihr Anliegen blieb, allmĂ€hlich einzelne Fachwissenschaften herauslösten und sich verselbstĂ€ndigten. Damit beginnt sich die Kluft zu öffnen zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft, die bis jetzt eine unzertrennliche Einheit bildeten. Im 5.Jh. noch vereinzelt, im 4. und 3. Jh. auf breiter Front setzt jener Prozeß der Spezialisierung ein, dem die Naturwissenschaften ihre erstaunlichen Fortschritte verdanken, der aber auch die Gefahr in sich birgt, den Blick fĂŒr das Ganze zu rauben.

Die Bildung der Fachwissenschaften begĂŒnstigte in hohem Maße die Ă€ußeren Bedingungen der hellenistischen Zeit. Die Erweiterung des Gesichtskreises durch die weitgestreckten Grenzen des Alexanderreiches, die Überwindung traditioneller Bindungen und Öffnung gegenĂŒber fremden EinflĂŒssen, die Entstehung neuer Kulturzentren in den nachfolgenden Diadochenstaaten waren besonders geeignet, das wissenschaftliche Denken zu fördern. Das bedeutendste Kulturzentrum wurde unter Ptolemaios I. (305 - 283) Alexandria, der die berĂŒhmte Bibliothek grĂŒndete - sie soll etwa 400 000 Buchrollen umfaßt haben -, die unter Ptolemaios II. (283 - 247) eine einzigartige HochblĂŒte erlebte. Die Institution des Museions in Alexandria war - weit mehr als eine bloße Bibliothek - eine eigentliche Lebensgemeinschaft von Wissenschaftlern, die einen stĂ€ndigen Gedankenaustausch ermöglichte.

Kriterien, inwiefern sich ein Sachgebiet als selbstĂ€ndige Fachwissenschaft emanzipiert, sind etwa, dass eine Fachbezeichnung fĂŒr die betreffende Disziplin geschaffen wird, dass Gelehrte sich mehr oder weniger professionell mit dem Sachgebiet befassen, dass der Wissensstoff eine gewisse Gliederung und Systematisierung erfĂ€hrt und ein Schrifttum entsteht, dass sich eine ĂŒber lĂ€ngere Zeit sich fortsetzende Schultradition bildet, in welcher spĂ€tere Generationen die Erkenntnisse frĂŒherer verwerten und erweitern können.

Die Ă€lteste Fachwissenschaft, die sich herausgebildet hat und die ein reiches Schrifttum besitzt, ist die Astronomie; nicht zufĂ€llig konnte sie doch wohl auf babylonische Kenntnisse zurĂŒckgreifen. Die Fachbezeichnung (1) astronomia bzw. astronomikos - vorerst noch gleichbedeutend mit astrologia bzw. astrologos - erscheint schon bei den Vorsokratikern und ist im 5. Jh. ein gelĂ€ufiger Begriff.
Die (2) mathematike - zunĂ€chst allgemein fĂŒr ein wissenschaftliches Stoffgebiet gebraucht - wird als Fachbezeichnung fĂŒr Mathematik beim Pythagoreer Archytas (Anf. 4.Jh.), bei Plato und Aristoteles gelĂ€ufig, reicht der Sache nach jedoch in vorsokratische Zeit zurĂŒck.
Etwas spÀter scheint die Fachbezeichnung (3) geographia aufgekommen zu sein, die bei Strabon (1.Jh v. Chr.) als gelÀufiger Ausdruck erscheint.
Fachbezeichnungen wie (4) biologia/biologos oder gar zoologia/zoologos sind dagegen in der Antike nicht belegt, obwohl ein ganz beachtliches Schrifttum erhalten ist.
Weit verbreitet ist dagegen der Ausdruck (5) physikos, der aber ganz allgemein den Naturwissenschaftler oder Naturphilosophen bezeichnet und nicht unserem Physiker entspricht. Aber eine selbstÀndige Fachdisziplin, die mit unserer heutigen Physik verglichen werden könnte, existierte in der Antike nicht, wenngleich durchaus einzelne physikalische Fragen behandelt wurden.
Ganz spÀt, erst im 4.Jh. nach Christus, erscheint in den alchemistischen Schriften der Begriff (6) chymeia/chemeia, wobei diese Fachrichtung zwar ansehnliches eigenes Schrifttum produziert hat, aber nie das Niveau einer eigentlichen Wissenschaft erreichte.


DIE FACHWISSENSCHAFTEN IM EINZELNEN
    ad (1)Astronomie (AS: 44 - 60)
Dass die Astronomie als Ă€lteste griechische Wissenschaft, babylonische und Ă€gyptische Kenntnisse ĂŒbernehmen konnte, ist unzweifelhaft. Ganz verschiedene BedĂŒrfnisse waren es (Babylon: Astrologie; Ägypten: Kalender; Phönizier: nautische Astronomie) die seit Ă€ltesten Zeiten den Menschen veranlassten, den Sternenhimmel zu beobachten; der kĂŒhne Entwurf eines geschlossenen Weltbildes aber, wie er bereits bei den ersten Vorsokratikern (vgl. Seite 1) vorliegt, und das BemĂŒhen, mit mathematischen Gesetzen den Lauf der Gestirne zu erfassen, dĂŒrfte die eigene Leistung der Griechen sein. Die Astronomie war zur Zeit Platon, der gerne auf sie Bezug nimmt, lĂ€ngst als Fachwissenschaft etabliert.
Der erste in umfangreichen Fragmenten erfaßbare Astronom ist der etwas jĂŒngere Zeitgenosse und SchĂŒler Platons, Eudoxos von Knidos (ca. 391 - 338 v. Chr.), der sich vor allem dadurch einen Namen machte, dass er versuchte, mit mathematischen Überlegungen die Planetenbahnen zu erfassen. Er formulierte eine fĂŒr den Beobachter von der Erde aus gesehen brauchbare ErklĂ€rung fĂŒr die verschiedenen scheinbaren UnregelmĂ€ĂŸigkeiten der Planetenbewegungen wie StillstĂ€nde, RĂŒcklĂ€ufe und Schleifen, indem er fĂŒr die Himmelskörper mehrere sich um verschiedene Achsen drehende Himmelskugelschalen annimmt (z.B.: drei fĂŒr die Sonne). Eine weitere, fĂŒr die Folgezeit bedeutende Leistung des Eudoxos besteht darin, dass er eine Beschreibung der Sternbilder und ihrer Lage zusammenstellte.
Ihren Höhepunkt erlebte die griechische Astronomie zweifellos unter Aristarch von Samos (ca. 310 - 230 v. Chr.) und Hipparch von Nikaia (ca. 180 - 125 v. Chr.), die beide wenigsten zeitweise in Alexandria wirkten. Aristarch hatte es unternommen, unter Anwendung trigonometrischer Gesetze das AbstandsverhĂ€ltnis zwischen Erde - Mond und Erde - Sonne zu berechnen. Seine kĂŒhnste Leistung, die in Fragmenten eindeutig bezeugt ist, bestand darin, dass er das hergebrachte geozentrische Weltbild verwarf und durch seine Lehre einer doppelten Bewegung der Erde um ihre eigene Achse und um die Sonne zum erstenmal klar ein heliozentrisches Konzept vertrat, das leider bei seinen Nachfolgern unberĂŒcksichtigt blieb und erst von Kopernikus wieder aufgegriffen wurde. FĂŒr die QualitĂ€t der wissenschaftlichen Forschungen Hipparchs zeugen seine PrĂ€zisionsmessungen.
Die umfassendste Darstellung des astronomischen Wissens der Antike enthĂ€lt zweifellos die Syntaxis mathematica des Klaudios Ptolemaios (ca. 100 - 170 n. Chr.), der nicht nur reiches Material frĂŒherer Gelehrter in vorbildlicher Systematik handbuchartig zusammenstellt, sondern eine Menge eigener Beobachtungen und Berechnungen miteinbezieht. Das unter dem arabischen Titel Almagest bekannt gewordene, 13 BĂŒcher umfassende Werk fand in arabischer, spĂ€ter in lateinischer Übersetzungen eine riesige Verbreitung und bestimmte bis zu Kopernikus das astronomische Weltbild des Abendlandes. Sehr ausfĂŒhrlich geht er den scheinbaren Anomalien der Planetenbewegungen nach.
Das Geheimnis antiker erstaunlich prĂ€ziser Meßresultate beruht im Prinzip auf VisiergerĂ€ten mit genauen Gradeinteilungen und auf Langzeitbeobachtungen.


    ad (2)Mathematik
Dieses Gebiet wird nicht weiter behandelt, da es, moderner Gewohnheit folgend, nicht zu den Naturwissenschaften gezÀhlt wird.

    ad (3)Geographie (AS: 60 - 75)
Die infolge der griechischen Kolonisation ĂŒber den ganzen Mittelmeerraum und das Schwarze Meer sich erstreckenden Handelsbeziehungen ließen das BedĂŒrfnis aufkommen, das noch von Homer geprĂ€gte fabulöse Erdbild durch gesicherte, auf Erfahrung beruhende Kenntnisse zu ersetzen. Eine entscheidende Erweiterung ĂŒber diesen Bereich hinaus nach Osten und SĂŒden erfuhr das damalige Weltbild durch die Perserkriege und die immer hĂ€ufiger werdenden Kontakte mit Ägypten.
Der Indienfeldzug Alexanders des Großen brachte eine bedeutende Erweiterung des Horizonts nach Osten. Etwa zur selben Zeit unternahm Pytheas von Marseille seine viel umstrittene Entdeckerfahrt der NordkĂŒste Europas entlang bis ĂŒber Britannien hinaus, wo er von der sagenhaften, nie sicher lokalisierten Insel Thule hört, die von nun an gewöhnlich die Nordbegrenzung der Oikumene (bewohnte damals bekannte Welt) bildet. Überdies ist der Umstand beachtenswert, dass Pytheas völlig richtig die Erscheinung der Mitternachtssonne in der Polarregion schildert.
Die zahlreichen VorstĂ¶ĂŸe in die Weltmeere hinaus nach SĂŒden, Osten und Norden und die bald besser verbĂŒrgten, bald phantasievoll ausgeschmĂŒckten Nachrichten aus weitentfernten Regionen riefen nach dem Entwurf eines neuen, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhenden Erdbildes. Es ist zweifellos das Verdienst des Eratosthenes von Kyrene (ca. 285 - 210 v. Chr.), des hervorragenden Gelehrten und Bibliothekars von Alexandria, eine solche "Richtigstellung der Geographie" geleistet zu haben, weshalb er nicht zu unrecht gemeinhin als der BegrĂŒnder der wissenschaftlichen Geographie gilt. Seine Hauptleistung liegt darin, dass er die Geographie auf mathematisch - astronomische Grundlagen zurĂŒckfĂŒhrt. Er sah seine Hauptaufgabe darin eine Erdkarte zu entwerfen und fĂŒhrte dazu als Grundlage ein rechtwinkeliges Koordinatensystem ein von Parallelkreisen und Meridianen.
Die angesprochene mathematische Ausrichtung der Geographie in der HochblĂŒte der hellenistischen Wissenschaft mit ihren nicht immer widerspruchslosen Berechnungen und ihren oft kĂŒhnen Spekulationen hinsichtlich der Grenzen der Oikumene fĂŒhrte zur Reaktion, dass man sich auf eine praxisorientierte, allgemeiner zugĂ€ngliche LĂ€nderbeschreibung zurĂŒckfand und in der Geographie nicht mehr ein Anwendungsfeld der Mathematik, sondern vielmehr ein ErgĂ€nzungsgebiet der Geschichtsschreibung sah. Das umfassendste lĂ€nderkundliche Werk der Antike ist die Geographia des Strabon (64/63 v. Chr. - 20 n. Chr.) mit eben einem starken Bezug zur Geschichtsschreibung.
Ein letztes Monument alexandrinischer Wissenschaft, in welchem das bisherige Wissen, verbunden mit eigenen Beobachtungen und Überlegungen, zusammengefaßt und gleichsam als VermĂ€chtnis der Nachwelt ĂŒberliefert wird, ist das geographische Werk des Klaudios Ptolemaios (ca. 100 - 170 n. Chr.).

    ad (4) Biologie (und Mineralogie) (AS: 75 - 92)
Zwar hat sich die Biologie in der Antike nie zu einer selbstĂ€ndigen Wissenschaft entwickelt, doch ist ein reiches zoologisches und botanisches Schrifttum erhalten. Wir verdanken dieses zum ĂŒberwiegenden Teil dem breitgefĂ€cherten Interesse des Aristoteles und seiner SchĂŒler, die nicht nur großrĂ€umig das Wesen des ganzen Kosmos zu ergrĂŒnden suchten, sondern auch mit unermĂŒdlicher Hingabe allen Details der Natur nachgingen und in liebevoller Kleinarbeit Tiere, Pflanzen und sogar Steine beobachteten, in denen sich das sinnvolle Walten der Natur ebenso zeigen konnte wie in den Bahnen der Gestirne.
Das zoologische Werk des Aristoteles steht einzig da; es hat in der Folgezeit keine Fortsetzung gefunden, die sich auch nur entfernt mit dem wissenschaftlichen Niveau aristotelischer Forschung vergleichen ließe. Zwar zeigt sich in hellenistischer und römischer Zeit ein verbreitetes Interesse an der Tierwelt - so sind von Ptolemaios II. große Tierschauen veranstaltet worden, und bildliche Darstellungen besonders exotischer Tiere waren beliebt -, doch war dieses Interesse weitgehend auf das MerkwĂŒrdige und Außergewöhnliche ausgerichtet, mit dem sich auch leicht das Fabulöse verband.
Der eigentliche BegrĂŒnder der wissenschaftlichen Pflanzenkunde ist der bedeutendste SchĂŒler des Aristoteles und spĂ€tere Schulleiter des Peripatos, Theophrast von Eresos (370 - 285 v. Chr.), dessen botanische Forschungen in zwei Werken ĂŒberliefert sind, in der Historia plantarum und in den Causae plantarum. Theoprast zeichnet sich jedoch gegenĂŒber Aristoteles aus durch eine stĂ€rkere Gewichtung der Beobachtung und einer spĂŒrbaren ZurĂŒckhaltung gegenĂŒber der Theorie. Die Nachwirkungen der botanischen Studien des Theophrast in spĂ€thellenistischer und römischer Zeit waren vielfĂ€ltig, wenngleich das Niveau hellenistischer Wissenschaft nie mehr erreicht wurde.
Das Interesse an der Pharmakologie wuchs mit der Entfaltung der medizinischen Wissenschaft. Schon Theophrast hatte eine Zusammenstellung von HeilkrĂ€utern angefĂŒhrt. In spĂ€thellenistischer Zeit wurde die Heilmittelkunde weiter ausgebaut. Das bedeutendste und umfangreichste pharmakologische Werk der Antike schließlich ist die etwa 60 n. Chr. entstandene Materia medica des Dioskurides, welche neben tierischen und mineralischen Heilstoffen zum ĂŒberwiegenden Teil pflanzliche Pharmaka anfĂŒhrt.
Ein Versuch der systematischen Gesamtbetrachtung der Mineralogie liegt ebenfalls in der Schrift des Theophrast vor, dessen Verdienst es ist, mit den bescheidenen Mitteln die ihm zur VerfĂŒgung standen, die mineralischen Stoffe geordnet zu haben. Da noch keinerlei Einsicht in den chemischen Aufbau der Materie, ja noch nicht einmal der Begriff des chemischen Elements vorhanden war, musste sich eine systematische Betrachtung der Mineralien - ĂŒbrigens bis ins 18.Jh. hinein - mit der Feststellung sehr Ă€ußerlicher Merkmale begnĂŒgen.

    ad (5)Physik (und Technik) (AS: 92 - 101)
Physikalische Probleme - so zeigen die geringen erhaltenen Spuren - wurden schon von den Vorsokratikern angegangen. Genauere Einblicke in die Diskussion physikalischer Sachfragen erhÀlt man bei Aristoteles, der in seinen naturphilosophischen Schriften auf verschiedene Probleme eingeht. Wenn auch viele seiner Thesen widerlegt sind, so ist doch bedeutend, dass Aristoteles zum ersten Mal physikalische LehrsÀtze aufstellt.
Zu den wenigen erhaltenen physikalischen Schriften, gehören zwei Abhandlungen des Archimedes (287 - 212 v. Chr.), des wohl berĂŒhmtesten Mathematikers und Ingenieurs der Antike, der durch die Erfindung und Konstruktion seiner Kriegsmaschinen den Römern, die seine Heimatstadt Syrakus belagerten, lange zu schaffen machte.
Neben dieser mehr mathematischen Betrachtung physikalischer Fragen richtete sich besonders in der spÀteren Zeit das Interesse auch auf die praktische Anwendung, das sich in einer Reihe technischer Schriften niedergeschlagen hat, die kein wissenschaftliches Niveau beanspruchen.

    ad (6)Chemie (und Alchemie) (AS: 101 - 111)
Eine selbstĂ€ndige Fachwissenschaft der Chemie hat sich in der Antike nie herausgebildet, fehlten doch alle Voraussetzungen fĂŒr eine wissenschaftliche Analyse der Stoffe. Das schließt jedoch nicht aus, dass auf rein empirischen Wege vielfĂ€ltige Erkenntnisse in stofflichen Belangen gewonnen wurden, die man bald mit spekulativen Theorien der Naturphilosophie in Verbindung brachte, bald mehr im Lichte der Magie und Zauberei betrachtete.
Die Bezeichnung chymeia bzw. chemeia kommt erst bei den spĂ€tantiken Alchemeisten auf, doch bereits Demokrit hat eine Schrift verfaßt, in welcher er - so lassen die wenigen Spuren erkennen - den Versuch machte, die geschmackliche Wirkung von Stoffen wie sĂŒĂŸ, bitter, salzig u. a. auf bestimmte Atomformen (wir wĂŒrden sagen Molekularstrukturen) zurĂŒckzufĂŒhren.
Das 4. Buch der Metereologica des Aristoteles bietet eine geschlossene Darstellung des auch sonst bei ihm bezeugten Materiekonzepts mit den vier Grundelementen, denen je zwei GrundqualitĂ€ten zugeordnet sind (vgl. gr. Klassik: Aristoteles). Er weiß sehr wohl zwischen rein mechanischen Stoffmischungen und Stoffverbindungen (chemische Verbindungen), "bei denen die sich verbindenden Stoffe sich verwandeln und eine neue Einheit bilden", zu unterscheiden. Diese Anschauung, dass sich bei einer Stoffverbindung die Stoffe tiefgreifend verĂ€ndern (= Transmutationslehre), wird zur unentbehrlichen Grundlage des spĂ€teren alchemistischen Denkens.
In der Alchemie werden einerseits uralte handwerkliche Erfahrungen vor allem aus dem Gebiet der Metallurgie, FĂ€rberei und der Glasherstellung verarbeitet, auf der anderen Seite aber auch naturphilosophische Spekulationen miteinbezogen, so besonders die Transmutationslehre, die das Ziel der Alchemie aller Zeiten erreichbar erscheinen ließ, aus minderwertigen Stoffen Gold herzustellen; vielfach gibt eine magisch - okkultistische Komponente dem Ganzen noch einen mystisch - sakralen Anstrich.
Ein Großteil der alchemistischen BemĂŒhungen dreht sich um metallurgische Probleme, sei es, dass Metalle in gediegener Form dargestellt wurden, die in der Natur gewöhnlich nur in Form von Oxyden oder Sulfiden vorkommen, sei es, dass Legierungen gesucht wurden, die als Ersatz oder als FĂ€lschung kostbarer Stoffe wie Gold oder Silber dienen konnten. Eine ganze Menge von Rezepten ist auch der FĂ€rbung von Textilien und Steinen gewidmet.
Zur Einleitung chemischer Prozesse bediente man sich der verschiedensten GerÀte und teilweise recht anspruchsvollen Apparaturen, von denen Beschreibungen und Skizzen erhalten sind.











2. Weitere Entwicklung


Die Naturbetrachtung in der römischen Zeit


EINFÜHRUNG (AS: 111 - 112)
Es ist eine Tatsache, dass die wesentlichen Forschungsarbeiten und kreativsten Leistungen der antiken Naturwissenschaften im griechischen Kulturkreis des 4. - 2.Jh. v. Chr. erbracht worden sind und dass in römischer Zeit kaum mehr entscheidende neue Impulse hinzugekommen sind. Es wĂ€re vermessen, letztlich erklĂ€ren zu wollen, weshalb die Römer so ganz andere Interessen hatten; dass sie von Natur aus mehr auf die Praxis der Politik ausgerichtet waren und mehr Sinn fĂŒr Recht und Rhetorik als fĂŒr theoretisches Denken und Forschen hatten, sind nur schablonenhafte ErklĂ€rungsversuche, die etwas Wahres an sich haben mögen, die aber das Problem nicht grundsĂ€tzlich erklĂ€ren können. Nun darf aber nicht ĂŒbersehen werden, dass sich in römischer Zeit zwei ganz neue Aspekte in den Vordergrund getreten sind, die der Geschichte der Naturwissenschaften eine neue Wendung gegeben haben: einerseits das AbrĂŒcken von der Spezialisierung der Fachwissenschaften hin zur Gesamtschau einer enzyklopĂ€dischen (EnzyklopĂ€die = umfassendes Nachschlagewerk in lexikalischer Form, in dem Informationen zu allen Wissensgebieten oder zu einem Fachgebiet enthalten sind) Naturbetrachtung und andererseits die Transponierung (= BrĂŒckenschlagen bzw. Übersetzen) des wissenschaftlichen Stoffes auf eine gemeinverstĂ€ndliche Ebene der Schule, die zu einer Verbreitung und Weitergabe gewonnener Einsichten, aber schließlich auch zu einer Reduzierung und Trivialisierung des breiten Stoffes fĂŒhrte.


DIE PHILOSOPHSCHE NATURBETRACHTUNG (AS: 112 - 116)
In der Tradition der ganzheitlichen Naturbetrachtung, wie sie in der griechischen Philosophie der vorklassischen und klassischen Zeit begrĂŒndet, von der Stoa und Epikur weitergefĂŒhrt worden war, stehen auf römischer Seite auch zwei Werke, die nicht eigentlich naturwissenschaftlichen Charakter haben, aber einen wichtigen Platz in der Entwicklung dieser einnehmen: Es sind dies auf epikureischer Seite die 6 BĂŒcher De rerum natura des Lukrez und auf stoischer Seite die Naturales Questiones des Seneca:
Das Lehrgedicht des T. Lucretius Carus (97 - 55 v. Chr.) erhebt den Anspruch, das Wesen (natura) der ganzen sinnlich wahrnehmbaren Welt (rerum) aus atomistischer Sicht erklĂ€ren zu können. Eine besondere Leistung des Lukrez liegt darin, dass er zum erstenmal griechische Naturphilosophie in den römischen Kulturbereich einfĂŒhrt und, nachdem hellenische Dichtung, Historiographie (Geschichtsschreibung) und Rhetorik lĂ€ngst ihren Einzug gehalten haben, den Römern nun auch den Zugang zur Naturbetrachtung eröffnet.
Eine weitere wesentliche Bedeutung des lukrezischen Lehrgedichts besteht darin, dass es die umfangreichste und detaillierteste Darstellung der Atomphysik aus der ganzen Antike enthĂ€lt und somit nicht nur fĂŒr die Kenntnisse der atomaren Vorstellung Epikurs aufschlußreich ist, sondern auch eine FĂŒlle von Material, das ĂŒber Epikur hinaus auf Demokrit und seine Umgebung zurĂŒckgeht. Er trĂ€gt im Zusammenhang mit der BeweisfĂŒhrung zur Existenz von Atomen eine ganze Beispielsreihe von Naturbeobachtungen zusammen - Stoffe, die verdunsten, sich abnĂŒtzen oder sonstwie verflĂŒchtigen -, welche das Vorhandensein unsichtbarer materieller VorgĂ€nge veranschaulichen sollen.


Naturales Questiones

    VorlÀufer und Quellen (Rec.: 516 - 520)
Anfangs war es das Hauptanliegen der griechischen Philosophen, NaturvorgÀnge, die mythologisch gedeutet wurden, rational zu erklÀren. Den Griechen blieb systematisches Experimentieren so gut wie unbekannt; sie begegneten den NaturphÀnomenen vorwiegend spekulativ, erklÀrten auch das kosmische Geschehen eher biologisch als mathematisch - mechanisch. Dies wirkt bei Seneca nach; auch er versucht die Wahrheit viel mehr durch Argumente als durch Experimente zu erkennen.
Die Vorsokratiker zitiert er nicht so sehr aus erster Hand, sondern ĂŒbernimmt ihre Ansichten aus Referaten bei Aristoteles, Theophrast und anderen Doxographen. Auch platonische Denkformen wirken wohl bei Seneca ein.
Eine meteorologische Literatur gibt es erst seit Aristoteles, der die Meteorologie wissenschaftlich begrĂŒndete. Dessen Grundmuster scheint bei Seneca durch, besonders auch der physikalische Grundsatz der Verwandlung der Elemente ineinander. Es ist zwar nicht zu beweisen, dass er das Buch des Aristoteles unmittelbar benĂŒtzte, doch spricht alle Wahrscheinlichkeit fĂŒr grĂŒndliche LektĂŒre.
Kallisthenes, der Großneffe des Aristoteles, schrieb mehrere BĂŒcher ĂŒber den Untergang der StĂ€dte Helike und Buris (373 v. Chr.). Seneca zitiert sie mehrfach, doch ist auch hier unmittelbare Verwendung nicht zu beweisen; vielleicht ist Poseidonios Zwischenquelle.
Auch Theophrast, der Nachfolger des Aristoteles, schrieb ĂŒber meteorologische Fragen unter anderem ĂŒber die Nilschwelle. Hier geht er an mehreren Stellen (namentlich) auf diesen zurĂŒck. Derselbe stellte auch die Ansichten seiner philosophischen VorgĂ€nger ĂŒber physikalische Probleme zusammen, und es ist wahrscheinlich, dass Seneca diese Zusammenstellung benĂŒtzte.
Trotz des Aufschwungs der Einzelwissenschaften im Hellenismus fanden die Philosophen keinen rechten Zugang zu ihnen. Erst Chrysipp (ca. 281 - 208 v. Chr.) erklÀrte die Fachwissenschaften zur Vorschule der Philosophie. Auch er schrieb naturwissenschaftliche Untersuchungen (Physika zetemata) und wurde so VorlÀufer Senecas.
Von dem Weltbild der Stoa ĂŒbernahm Seneca den ausgeformten Physisbegriff, der auf ein organisches, ebenso theologisch wie physikalisch als Einheit zu erfassendes Weltganzes zielt, dazu die Vorstellung der Weise mĂŒsse im Einklang mit der Weltseele "naturgemĂ€ĂŸ" leben. Das stoische Weltbild wurde durch die sympatheia ergĂ€nzt. Alle Elemente stehen in Zusammenhang miteinander und hĂ€ngen voneinander ab. Zugleich kristallisiert sich stoische Physik im zentralen Begriff des Kontinuums in Raum, Zeit, Materie und der kontinuierlichen Ausbreitung der physikalischen Erscheinungen.
Poseidonios, der durch Reisen und Durchforschung der Ă€lteren Literatur das Beobachtungsmaterial vermehrte, hat mit Sicherheit auf die Naturales Questiones eingewirkt, auch wenn er den Sinn fĂŒr Beobachtungen nicht weitergegeben hat, weil sich seine Nachfolger zumeist mit dem von ihm erbrachten Material begnĂŒgen.
Auch dass Seneca kosmologische und psychologische Fragen gleichermaßen behandelt, geht vielleicht auf Poseidonios zurĂŒck. Zudem könnte er die Überzeugung, dass die erklĂ€rende Naturbetrachtung Geist und Charakter zugleich bildet, ihm verdanken.
Römisches verwendet Seneca kaum. Mit Lukrez ist er insofern verwandt, als beide durch rationales ErgrĂŒnden der letzten Dinge die Menschen von quĂ€lenden Vorstellungen befreien wollen, doch scheint er weder Lukrez viel benĂŒtzt zu haben, noch finden sich bei ihm grĂ¶ĂŸerer Spuren des Römers Varro.
Da sich Seneca schon frĂŒh mit naturwissenschaftlichen Fragen beschĂ€ftigte, las er wohl nahezu zeitlebens zu diesem Thema, doch wissen wir nicht, wieweit er die ĂŒber dreißig Autoren, die er zitiert, selbst ausgewertet hat. Er wird vielfach aus dem GedĂ€chtnis zitieren, denn seine Referate aus (z.B.) Aristoteles sind manchmal ungenau. Am meisten scheint er Poseidonios direkt auszuwerten. Vieles sonstige mag aufbereiteten Doxographien entstammen, doch wird Seneca, neben der LektĂŒre vieler Originalwerke, nicht nur eine einzige Zusammenstellung verwendet haben, sondern mehrere nebeneinander.
Seneca verschwieg wohl auch die Namen von Theoretikern; ihm kam es nicht in erster Linie auf eine Doxographie an, sondern auf die Inhalte von Theorien, und er wollte auch nicht als KleinigkeitskrĂ€mer erscheinen. Im ĂŒbrigen verwendet Seneca die Quellen nach eigenem Urteil und gibt nicht fremde Ideen mechanisch wieder, sondern kommentiert sie selbstĂ€ndig. Er wĂŒrdigt Gelehrte auch nicht nach Schule oder Weltanschauung, sondern einzig nach ihrem naturwissenschaftlichen Scharfsinn. Freilich, auch er ĂŒbernahm aus seinen Quellen die SchwĂ€che griechischer Naturforschung: rasche Systembildung auf schmaler Faktenbasis.

    Die Absicht des Werkes (Rec.: 521 - 522)
In den Naturales quaestiones liegt Seneca die Stellung des Menschen in der Welt fest. Wie Cicero Rom den Zugang zur Philosophie bahnte, will er seiner Zeit die ganze Philosophie darstellen, will, wie er sagt, die Welt durchschreiten, ihre Ursachen und Geheimnisse ergrĂŒnden und anderen zur Kenntnis bringen. So wird der Mensch BĂŒrger im großen und wahren Staat des Kosmos. Physik wird Theologie, erschließt den Sinn des Lebens, der in Erkenntnis des Alls, Gottes und der wahren Natur des Menschen besteht.
Immer schon wurde bei den Naturales quaestiones nach dem VerhĂ€ltnis von Fachwissenschaft und ethischen Teilen gefragt. Es ist ein alter Vorwurf, das Werk klaffe in NaturerklĂ€rung und ethischer Lehre auseinander. Doch ist es falsch, von einer Verbindung physikalischer Probleme mit ethischer ParĂ€nese (= 1. Mahnpredigt 2. (beabsichtigte) Nutzanwendung einer Predigt) zu sprechen, denn Naturerkenntnis ist fĂŒr Seneca Grundlage jeder Ethik, und sowohl die naturwissenschaftlichen AusfĂŒhrungen wie die moralischen waren ihm gleichwertige Teile seines Werkes. Senecas Ethik ruht auf naturwissenschaftlicher Grundlage, und selbst Erörterungen wie die ĂŒber den Spiegel dienen der Erhellung der Begriffe, die ihrerseits zur Erfassung der Natur und rechter Lebensgestaltung hilft.
Die KlĂ€rung schwieriger Sachverhalte bildet die Vorstufe zur Zergliederung philosophisch - ethischer Probleme. Seneca macht es dabei dem Leser nicht leicht. Seine eigene Ansicht zu einem Problem ließe sich meist auf zwei Seiten darstellen, doch lĂ€sst er uns miterleben, wie er forscht und sucht und er weiß, dass so geĂŒbter Scharfsinn auch anderen Fragen gewachsen ist. Im Verstehen des Weltprozesses erlangte das Denken Leichtigkeit und fĂŒhrt die Seele zur Weisheit.
Der forschende Mensch erkennt die Natur, und dies ist das grĂ¶ĂŸte Erreichbare. Obschon die Dinge selbst dem Bereich des Unwichtigen (Adiaphora) angehören, nimmt von ihrer transsubjektiven GegenstĂ€ndlichkeit das sittlich - religiöse Leben seinen Ausgang. Anfangs eröffnen die Sinne den Zugang zur Wirklichkeit, doch dann wird der Zusammenhang der Welt begrifflich erforscht. Im Erfahren göttlichen Wirkens kehren wir zum Urgrund, zur Gottheit zurĂŒck.
Naturwissenschaft schenkt uns Einsicht in den gottdurchwirkten Kosmos; Naturerkenntnis wird Erkenntnis der Gottheit. Zugleich erweist sich die Gottheit als vollkommene Vernunft und als Norm zur Heranbildung eines ebenso vernĂŒnftigen Seelenhegemonikons in unserem Inneren. So entsteht eine ethisch wertvolle Haltung aus der Erkenntnis der göttlichen Vernunft, die Kosmos und Mensch durchdringt. Die Erkenntnis des Weltlogos gibt uns Klarheit ĂŒber die eigene Bestimmung. Sie ermöglicht vernunftgemĂ€ĂŸe LebensfĂŒhrung, rechten Verstand und Gesundheit der Seele,; in diesem naturgemĂ€ĂŸen Leben liegt der SchlĂŒssel zum LebensglĂŒck. Die Einsicht in den Weltprozeß lĂ€sst den stoischen Weisen jene Vollendung erreichen, die Tugend genannt und der zur höchsten Erkenntnis fĂ€higen Vernunft gleichgesetzt wird.
Seneca verwendet die Vorstellung vom göttlichen Urfeuer und seine KeimkrÀften, die bei rechter Lebensweise zur Entfaltung kommen. Luxus ist dann Abwendung von der Natur. Zugang zur Natur bietet aber auch deren Schönheit, so dass neben die Erkenntnis der Naturgesetze auch das Àsthetische Erleben tritt; doch verfolgt Seneca diesen Gedanken nicht sehr weit.

    Senecas Naturbild (Rec.: 524 - 525)
Die Wissenschaft unserer Tage beschreibt die Natur als mathematisch faßbares Netz von PhĂ€nomenen; der Römer hingegen folgt dem in Hellas (Griechenland) ausgeformten Physisbegriff, der auf ein organisches, theologisch und physikalisch als Einheit zu fassendes Ganzes zielt. Die RationalitĂ€t der Welt ist das Werk einer ĂŒberlegenen Intelligenz. Der Mensch besitzt einen Teil dieser Intelligenz, verwendet ihn aber nicht selten falsch. Die Welt wird durch die Vorsehung Gottes gelenkt. Gott ist der Geist des Universums, ist Logos und Vorsehung zugleich. Er ist der Schöpfer der Welt, Ursache der Ursachen, Natur und Fatum, schöpferischer Seinsgrund und schaffende Vernunft. Er vermischt sich mit Natur und Welt, durchwaltet sein Werk und sorgt fĂŒr die Erhaltung des Geschaffenen und damit seiner selbst.
Der menschliche Geist erkennt, dass die Natur im ganzen harmonisch, jedoch aus GegensĂ€tzen zusammengesetzt ist. Alles hat eine Ursache, die wir freilich nicht immer erkennen. Die Natur ist ein lebendes Wesen. Die Elemente, die sie bilden, befinden sich in dauerndem Austausch und Kreislauf. Alles entsteht aus allem. Urelement war das Feuer, das die Verdichtung der ĂŒbrigen Elemente erzeugte. Das Feuer ist mit dem Weltgrund und Gott identisch. Es kreist im All und nĂ€hert sich von den AusdĂŒnstungen der Erde, so dass ein stĂ€ndiger Austausch zwischen Himmel und Erde erfolgt. Auch die Gestirne erhalten Nahrung von der Erde.
Ein solcher Energiestrom setzt Spannung der Elemente voraus. Sie ist der tonos, der die Einheit der Welt stiftet und besonders in der Luft erscheint, die das große Band des Universums bildet. Die Luftspannung erklĂ€rt das Wachsen der Pflanzen, das Ansteigen des Wassers, das Erdbeben. Kleanthes hatte diese Lebenskraft in der WĂ€rme erblickt, Poseidonios im Pneuma, Seneca, wie gesagt, in der Luft. Der Kosmos, der als Organismus dem Gesetz des Alterns unterliegt, zerstört und erneuert sich nach den ewigen Regeln des in ihm wirkenden Logos. Der in Perioden auftretende Weltbrand (ekpyrosis) reinigt die Welt von allem Schlechten.




DIE NATURKUNDL. ENZYKLOPÄDIE DES ÄLTEREN PLINIUS (AS: 116 - 120)
Plinius(23 - 79 n. Chr.) hatte es sich (erstmals in der römischen Literatur) zur Aufgabe gemacht, angefangen von der Kosmologie ĂŒber die Geographie, Anthropologie, Zoologie und Botanik bis hin zur Metallurgie und Mineralogie und - zum krönenden Abschluß - zur Edelsteinkunde eine umfassende (37 BĂŒcher), systematisch geordnete Naturkunde in seiner naturalis historia anzulegen.
Was fĂŒr eine Arbeitsleistung hinter dem Riesenwerk steht, kann man ermessen, wenn man sich vergegenwĂ€rtigt, dass Plinius nach seinen eigenen Angaben 2000 Volumina (Buchrollen) gelesen und 20 000 GegenstĂ€nde (res dignae cura) - NachzĂ€hlungen ergeben sogar 34 000 - behandelt hat. Als Quellen nennt er in seinem Registerband 146 römische und 327 auslĂ€ndische (meist griechische) Autoren, von denen er freilich nur etwa 100 auserlesene aus erster Hand kennt.
Plinius war kein Wissenschaftler und kein Forscher - dazu hĂ€tte ihm seine berufliche Beanspruchung als Flottenkommandant keine Zeit gelassen -, sondern ein vielseitig interessierter, unermĂŒdlicher Sammler. Sein Schaffen ist getragen von einem begeisterten, ehrfĂŒrchtigem Staunen ĂŒber die wunderbare Vielfalt der Natur mit ihren Geheimnissen und Gesetzen. Das erste Mal begegnet man hier gewissermaßen einem wissenschaftlichen Apparat: Plinius hatte offenbar gewöhnlich einen Stab von HilfskrĂ€ften um sich, einen Lektor, der aus Buchrollen vorlas, einen SekretĂ€r, dem er Angaben diktierte. Wiederholt wird berichtet, wie er AuszĂŒge machte und Notizen aufschrieb; selbst wĂ€hrend des Vesuvausbruches (bei dem er schließlich den Tod fand), in unmittelbarer Bedrohung, hat er noch - so berichtet sein Neffe Plinius der JĂŒngere - eifrig notiert und diktiert.
Abgesehen von ihrem unschĂ€tzbaren Wert fĂŒr die frĂŒhe Geschichte der Naturwissenschaften dank der Masse von Zitaten stellt seine Naturkunde eine Fundgrube dar zur Wiedergewinnung antiker Technologien. Dass in dem Riesenwerk auch offensichtliche IrrtĂŒmer und MißverstĂ€ndnisse vorkommen, wird der Gesamtleistung des Plinius keinen Abbruch tun.


DIE NATURWISSENSCHAFTEN IM ENZYKLOPÄDISCHEN SCHULWISSEN DER SPÄTANTIKE (AS: 120 - 123)
Varro hat mit seinen heute verlorenen Disciplinae (33 v. Chr.) - sie umfaßte neben den septem artes liberales (Trivium: Grammatik, Rhetorik, Dialektik; Quadrivium: Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik) noch die Medizin und die Architektur - zum erstenmal ein fĂ€cherĂŒbergreifendes Bildungsprogramm entworfen. Der junge Augustin plante unter demselben Titel ein Ă€hnliches Unterfangen. Die Reihe der enzyklopĂ€dischen Sammlungen wurde dann fortgesetzt von Martianus, Capella, Boethius und Cassiodor.

Der Wissensstoff der Antike fand zwar durch diese enzyklopĂ€dischen Werke eine beachtliche Verbreitung und tiefgreifende Nachwirkung, prĂ€gten sie doch in entscheidendem Maß den Wissenshorizont des Mittelalters. Die Verknappung auf einen Grundstock von immer wieder weitertradiertem, kaum noch reflektiertem Schulwissen fĂŒhrte aber auch zu einer empfindlichen Reduzierung und VerkĂŒmmerung der FĂŒlle bisher erarbeiteter naturwissenschaftlicher Forschung. Das breitgefĂ€cherte Spektrum antiker Naturwissenschaften ließ sich im Quadrivium nicht unterbringen, fanden doch darin Biologie, Physik und Chemie keinen Platz.

Das letzte bedeutende Werk in dieser Reihe, das den Wissensstoff der Antike, weit ĂŒber den Rahmen der septem artes liberales hinaus, zusammenfaßt und gleichsam als VermĂ€chtnis ans Mittelalter weitergibt, sind die Etymologiae Bischofs Isidor von Sevilla (600 - 636 n. Chr. Bischof von Sevilla). Die Vermittlerrolle, die dem Werk spĂ€ter in viel umfassenderem Sinn zukam, war schon in seiner Anlage begrĂŒndet, wollte es doch der nachantiken klerikalen und höfischen Gesellschaft des Westgotenreichs den Zugang zur antiken Bildung eröffnen. Von den 20 BĂŒchern der Etymologiae sind gerade 3 den artes liberales gewidmet; die BĂŒcher 4 - 20 beziehen weitere Berichte der Theologie, der Naturphilosophie, der Anthropologie, der Medizin, des Rechts, der Kulturgeschichte u. a. m. mit ein. FĂŒr das Gebiet der Naturwissenschaften von Belang sind innerhalb des Quadriviums die Angaben ĂŒber die Kosmologie; außerhalb der Freien KĂŒnste wird auf die Zoologie, auf die Mineralogie und Metallurgie und auf die Botanik der Nutzpflanzen (im Zusammenhang mit der Landwirtschaft) eingegangen.



Zur Wiederentdeckung der antiken Naturwissenschaften in der Renaissance (AS: 123)


Abgesehen vom kĂ€rglichen Rest antiker Gelehrsamkeit, der sich in den spĂ€ten EnzyklopĂ€dien des Cassiodor und des Isidor ins Mittelalter hinein retten konnten, stand immerhin die Naturalis historia des Plinius die ganze Zeit zur VerfĂŒgung; von ihrer Verbreitung und Beliebtheit zeugen ĂŒber 200 heute noch erhaltene Handschriften aus dem 9. - 15.Jh. Ab dem 12. Jh. finden auch Senecas Naturales quaestiones eine respektable Verbreitung. Im SpĂ€tmittelalter erweitert sich der Gesichtskreis durch die lateinische Übersetzung griechischer Werke, die - zum Teil auf dem Umweg ĂŒber das Arabische - Eingang in den abendlĂ€ndischen Kulturbereich fanden. Sie alle konnten aber die typische mittelalterliche Geisteshaltung nicht Ă€ndern, getreulich alte Erkenntnisse abzuschreiben, zu lehren und zu kommentieren, aber kaum je sie an den PhĂ€nomenen der Natur zu ĂŒberprĂŒfen oder gar durch eigene Forschung zu erweitern.
Die entscheidenden Impulse zur Neuorientierung der Wissenschaft wurden erst dadurch gegeben, dass zum einen im Vorfeld der Eroberung Byzanz (1453) Hunderte von griechischen Handschriften in den Westen gerettet wurden und man zum anderen auch hier selbst mit ganz neuem Eifer in den Klosterbibliotheken nach verschollenen Autoren zu suchen begann. Dem neuerwachenden Interesse an der antiken Literatur kam nach der Mitte des 15.Jh. die umwÀlzende technische Neuerfindung des Buchdrucks sehr zustatten, taten sich doch nun ungeahnte Möglichkeiten der Verbreitung wiedergewonnener Texte auf.
Somit standen Ende des 15./Anfang des 16.Jhs. alle einschlĂ€gigen Werke der antiken Wissenschaften, soweit sie ĂŒberhaupt erhalten geblieben waren, einem grĂ¶ĂŸeren Leserkreis zur VerfĂŒgung und boten vielfĂ€ltige AnstĂ¶ĂŸe zu neuen Forschungen. So hatte sich Kolumbus fĂŒr seine Entdeckerfahrten nach Amerika nachweislich von antiken ErwĂ€gungen bei Aristoteles und Strabon ĂŒber die Möglichkeit, von Spanien auf dem Westweg nach Indien zu gelangen, inspirieren lassen.
Ähnlich wie bei der Erweiterung des Erdbildes gingen wenige Jahrzehnte nach Kolumbus auch bei der Konzipierung des neuen Weltbildes entscheidende Impulse von der Antike aus. 1543 erschien das Epochemachende Werk des Kopernikus De revolutionibus orbium caelestium, welches das immer noch gĂŒltige ptolemĂ€ische Weltbild ĂŒberwand und das heliozentrische Weltbild begrĂŒndete. Dabei ist wenig bekannt, dass Kopernikus in seiner bereits 1530 abgefaßten Praefatio an Papst Paul III. sich ausdrĂŒcklich auf Aristarch von Samos, den antiken BegrĂŒnder des heliozentrischen Weltbildes, beruft und die einschlĂ€gigen Stellen bei Plutarch u.a. zitiert; die Hinweise des Kopernikus sind dann leider in der erst spĂ€ter erfolgten Drucklegung einer KĂŒrzung zum Opfer gefallen.
Auch in der Biologie (Pflanzen - und Tierkunde) sowie in der Physik (Atomlehre aufgegriffen von Leonardo da Vinci und spÀter von Galilei) ist antikes Wissen verwertet worden.

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