Die Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert - Absolutis

Die Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert -
Absolutistische Tendenzen und ihre Überwindung
Eine schriftliche Arbeit verfasst von Lawrence Markwalder und Denis Nordmann im Juni 1999



Inhaltsverzeichnis
1. Das Zeitalter des Absolutismus
1.1. Europa: Die Entwicklung des Absolutismus
1.2. Sonderfall Schweiz
1.3. Das Patriziat entsteht - Die schweizer Spielform des Absolutismus
1.4. ZĂŒrich in der Zeit des Absolutismus
1.5. Der Bauernkrieg von 1653
1.6. ZĂŒrich: Wie die Landschaft regiert wurde
1.7. Konfessionelle Konflikte
1.8. Die Entwicklung des NeutralitÀtsprinzips
1.9. Die "fremden Dienste"
2. Die Helvetische Revolution
2.1. Der industrielle Aufschwung im 18. Jahrhunderts
2.2. Die Industrialisierung in ZĂŒrich
2.3. Die Vorboten einer neuen Zeit
2.4. Der Helvetismus
2.5. Das Memorial von StÀfa
2.6. Der Untergang der alten Eidgenossenschaft
3. Die kleine und grosse Restauration
3.1. Das Ende eines Versuches
3.2. Ein erster Schritt zurĂŒck: Die Mediation von 1803
3.3. Die Restauration von 1815
Quellenverzeichnis




Die Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert -
Absolutistische Tendenzen und ihre Überwindung

    Das Zeitalter des Absolutismus

1.1. Europa: Die Entwicklung des Absolutismus

In den meisten Staaten waren um 1500 Landesherren - Könige, Her - zöge,
FĂŒrsten oder wie ihre Titel auch immer lauteten - an der Macht
und sorgten fĂŒr Recht und Sicherheit in ihrem Untertanengebiet. Die
Gesellschaft war in verschiedene soziale Schichten gegliedert. Am
besten gestellt war das Patriziat - der Adel. Das StadtbĂŒrgertum um - fasste
gut verdienende HĂ€ndler und Handwerker. Die zahlreichen
Bauern bildeten selbst einen Stand.
Die StÀndevertreter trafen sich mit dem Landesherren an Versammlun - gen.
Ohne die StÀndevertretung konnte der Landesherr z.B. keine neuen
Gesetze erlassen oder neue Steuern erheben.
Im 16. und vor allem im 17. Jahrhundert versuchten die Landesherren
immer wieder die Macht der StÀnde zu minimieren oder sogar aufzu - heben,
um zu absoluten Monarchen aufzusteigen.
Um dies zu erreichen, bildeten die Landesherren stÀndige Heere, bau - ten
ihren Verwaltungsapparat aus, fĂŒhrten regelmĂ€ssige Steuern ein
und liessen sich meist eine prunkvolle Residenz erbauen.
Um den Widerstand des Adels zu brechen, gewÀhrten ihnen die Lan - desherren
Privilegien wie eine weitgehende Steuerbefreiung oder die
Reservierung von Offiziersposten. Aber vor allem auf regionaler Ebe - ne
waren die Landesherren noch auf die Mitarbeit des Adels angewie - sen.
Auf diese Weise blieb die StÀndeordnung unter der absoluten
Monarchie durchaus erhalten, nur wurde sie durch den Glanz des
Hofes ĂŒberdeckt. Daher sollte man die Macht absolutistischer Herr - scher
nicht mit der MachtfĂŒlle moderner Diktatoren verwechseln.
Der Absolutismus ergriff zuerst Spanien, dann Frankreich, wo seit 1614
die StÀndevertretung nicht mehr einberufen wurde. Von Frankreich
aus griff der Absolutismus auf die meisten europÀischen Monarchien
ĂŒber, so dass man die zweite HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts als Epoche
des Absolutismus bezeichnen kann.

    Sonderfall Schweiz - Staatenbund im Alleingang?

Zwischen den zusehends straffer organisierten europÀischen Monar - chien
wirkte die alte Eidgenossenschaft wie ein Überbleibsel aus dem
SpÀtmittelalter. Die Eidgenossenschaft bildete keinen Staat im moder - nen
Sinn, sondern war nur ein loses BĂŒndnis aus autonomen Klein - staaten.
Es gab keine gemeinsame Verfassung und schon gar keine
zentralistisch organisierte Regierung. Der Zusammenhalt dieses kom - plexen
Staatenbundes war durch eine Vielfalt von Bundesbriefen und
SonderbĂŒndnissen möglich gewesen. Einigkeit gab es nicht einmal im
Bezug auf die Àusseren Grenzen. Den Kern des Ganzen bildeten die
sogenannten 13 Orte mit ihren lÀndlichen Untertanengebieten und
den Gemeinen Herrschaften, welche von diesen verwaltet wurden.
Zum weiteren Umkreis gehörten die zugewandten Orte. AltertĂŒmliche
BauernbĂŒnde, stolze Stadtrepubliken, geistliche FĂŒrstentĂŒmer und vie - le
Untertanengebiete - alles war vorhanden und bildete einen höchst
unterschiedlich zusammengewĂŒrfelten Staatenbund.
Die einzige Institution des Bundes war der Delegiertenkongress, die
sogenannte Tagsatzung. Diese traf sich mehrmals jÀhrlich in Baden,
ab 1713 in Frauenfeld. Jeder Ort schickte zwei Gesandte, die zuge - wandten
Orte je einen.




1.3. Das Patriziat entsteht - Die schweizer Spielform des Absolutismus
In den acht StĂ€dten und fĂŒnf Landorten (13 Orte) der alten Eidgenos - senschaft
erstarrte nach der Dynamik der Reformationszeit das politi - sche
Leben. Die Herrschaft beschrÀnkte sich auf einen immer kleine - ren
Kreis von Familien. In den Landsgemeindekantonen versuchten
die Behörden, die Rechte der Landsgemeinde massiv zu beschrÀnken.
Es gelang zwar nicht, die Volksversammlung auszuschalten, jedoch
deren Rechte einzuschrÀnken. Durch diese Massnahmen gelangten
die Patrizier zu einer ĂŒberragenden Stellung. Durch Söldnerwerbung,
Handel und Industrie kamen sie teils zu grossem Reichtum.
Gleichzeitig wurden in den StÀdten sowie in den Landsgemeinde - kantonen
Neuaufnahmen ins Landrecht eingeschrÀnkt und Fremde von
der Nutzung des Gemeindebodens ausgeschlossen. Dadurch entstand
eine breite Schicht von rechtlosen Kleinbauern, den sogenannten
Hintersassen, welche oft mit dem schlechteren Boden vorliebnehmen
mussten. Sie bildeten die unterste Schicht der bÀuerlichen Gesellschaft.
Am extremsten zeigte sich der Absolutismus wohl in Bern und in den
katholischen Stadtrepubliken Luzern, Freiburg und Solothurn, wo das
Patriziat schon immer eine starke Stellung gegenĂŒber den ZĂŒnften der
Handwerker eingenommen hatte. Dort sank der Anteil der zur Regie - rung
zugelassenen Familien drastisch. Intrigen und CliquenkÀmpfe unter
den rivalisierenden Familien waren an der Tagesordnung. So wurde
eine klare Mehrheit der BĂŒrger vom politischen Leben ausgeschlossen.
Ausserhalb des Patriziates gab es keine Möglichkeit mehr, in die Poli - tik
Einfluss zu nehmen. Im Regierungsstil vermischte sich republikani - sche
Tradition mit absolutistischem Machtanspruch, vom feierlichen
Zeremoniell bei der Eröffnung des Grossen Rates bis hin zum golde - nen,
mit einer Krone verzierten Thronsessel fĂŒr den Berner Schultheiss.
Auch die ZunftstĂ€dte wie ZĂŒrich, Basel und Schaffhausen unterstĂŒzten
das Patriziat, welches sich jedoch nicht so exklusiv herausbildete wie
in Bern oder in den katholischen StÀdten. Die Zunftmeister, selbst Patri - zier,
verhinderten dort die Aufnahme von neuen BĂŒrgern ins Landrecht
und die RegierungsgeschÀfte lagen ganz in ihren HÀnden.
Auch gegenĂŒber der Landschaft setzten die StĂ€dte ihre MachtansprĂŒ - che
durch. Volksanfragen wie zur Zeit der Reformation verschwanden
im 17. Jahrhundert gÀnzlich. Die Landschaft wurde zum Untertanen - gebiet
der "gnÀdigen Herren". Zu der Obrigkeit gehörte auch der
Pfarrer. Ihm oblag es, Gehorsam zu predigen und von der Kanzel die
vielen Mandate zu verlesen, die das Landvolk immer wieder ermah - nen
sollten, folgsam gegenĂŒber der gottgewollten Obrigkeit zu sein.
Der Schultheiss von Bern, Inhaber des
höchsten Amtes der Republik, prÀsentiert
sich in der nĂŒchternen, schwarzen Amts -
tracht, wie es sich fĂŒr den Beamten einer
protestantischen Republik gehört. Er trÀgt
die Ehrenzeichen der höchsten Staats -
gewalt: Zepter und Siegel der Rebublik.



1.4. ZĂŒrich in der Zeit des Absolutismus

An der Spitze der Stadt ZĂŒrich standen zwei BĂŒrgermeister. Sie leite - ten
die Sitzungen des "Kleinen Rates", der ausser ihnen noch 48 Mit - glieder
umfasste. Dieser bildete die eigentliche Regierung. Er ernann - te
die Beamten und beaufsichtigte sie, hielt Gericht ĂŒber die BĂŒrger,
die gegen ein Gesetz verstossen hatten, empfing fremde Gesandte
und beriet ĂŒber alle möglichen Probleme: Ă€ussere Gefahren, Bauten,
Einnahmen und Ausgaben und vieles anderes mehr. FĂŒr wichtige Ge - schĂ€fte
zog er die "Zwölfer", im Ganzen 162 Personen, hinzu. Jede
Zunft ernannte 12 (daher der Name), die Konstaffel 18 "Zwölfer".
Ausserdem ordnete jede Zunft ihre beiden Zunftmeister, die Konstaffel
vier Mitglieder, in den Kleinen Rat ab. Die ĂŒbrigen 20 Kleinen RĂ€te
wurden von den "Zwölfern" gewÀhlt. Mit diesen etwas komplizierten
System war dafĂŒr gesorgt, dass alle ZĂŒnfte im Kleinen und im Grossen
Rat einigermassen gleichmÀssig vertreten waren.
Es war aber allen BĂŒrgern, die nicht ein "zĂŒnftisches" Handwerk aus - ĂŒbten,
erlaubt, sich einer beliebigen Zunft anzuschliessen. Auch reich
gewordene Handwerkerfamilien, deren Angehörige lÀngst andere
Berufe ausĂŒbten, blieben in ihrer Zunft. Daher waren die ZĂŒnfte keine
reinen Handwerkervereinigungen mehr. Dies bewirkte aber auch, dass
sehr bald die reichen, patrizischen Mitglieder der ZĂŒnfte das Sagen
hatten und so ausschliesslich sie Mitglieder des "Zwölfers" oder des
kleinen Rates wurden.



2 BĂŒrgermeister
Kleiner Rat (48) Grosser Rat (162)
12·2 Zunftmeister 12·12 ZĂŒnfter
4 Konstaffler 18 Konstaffler
20 vom Grossen Rat gewÀhlt
Soziale Schichten
Im Prinzip war jeder BĂŒrger in jedes Amt wĂ€hlbar. Die Wirklichkeit
sah aber anders aus. Die Einwohner der Stadt gliederten sich in 3
Schichten:
• Die vornehmen BĂŒrger, die Patrizier (etwa 25% der Einwohner):
Kaufleute, Familien mit Grundbesitz auf dem Land, Berufsoffiziere,
die gegen Bezahlung in den Heeren der europÀischen Herrscher
Kriegsdienst geleistet hatten. Sie beherrschten die Konstaffel und
waren in den meisten ZĂŒnften massgebend. Sie stellten die BĂŒrger - meister,
den Kleinen Rat und die meisten "Zwölfer".
• Die einfachen BĂŒrger (etwa 50% der Einwohner): Handwerker und
KleinhÀndler. Die Mitgliedschaft in einer Zunft sicherte ihnen die
Existenz. Die Vorschrift der Zunft verhinderte nÀmlich, dass ein Hand - werksbetrieb
zu gross wurde oder dass zu viele Handwerksbetrie - be
entstanden. In der Politik hatte der einfache BĂŒrger dagegen
kaum mitzureden.


Bauernkrieg, 1653 "UnternÀhrer und Hinterueli, die letzten freien Entlibucher"
• Die "NichtbĂŒrger" (etwa 25% der Einwohner): Sie ĂŒbten einen
nichtzĂŒnftischen Beruf aus oder waren als Gesellen oder Arbeiter
irgendwo angestellt. Sie hatten keine politischen Rechte. Die Mög - lichkeit,
das ZĂŒrcher BĂŒrgerrecht zu erwerben, wurde immer mehr
eingeschrÀnkt und schliesslich ganz aufgehoben.



1.5. Der Bauernkrieg von 1653

Der lĂ€ndliche Unmut gegen die HerrschaftsansprĂŒche der Stadt Ă€usserte
sich schon seit der Reformation immer wieder in Form von Unruhen.
Die Aristokratisierung der stÀdtischen Obrigkeit verschÀrfte diesen
Spannungszustand noch. WÀhrend des DreissigjÀhrigen Krieges
(1618 - 1648), von dem die Eidgenossenschaft mit Ausnahme von Grau - bĂŒnden
verschont blieb, wurden zur Befestigung der Grenzen neue
Steuern erhoben. Ferner geriet der Getreide - und Salzhandel in die
Hand der StĂ€dte und LuxusgĂŒter wurden verboten. Diese neuen Bela - stungen
fĂŒhrten noch wĂ€hrend des Krieges zu einem Aufstand im
ZĂŒrcherland und in der Ostschweiz. Der Aufstand endete jedoch mit
der Hinrichtung der AnfĂŒhrer der AufstĂ€ndischen.
Der grösste Aufstand erfolgte erst nach dem DreissigjÀhrigen Krieg.
Bern und Luzern werteten ihre MĂŒnzen ab und wĂ€hlten eine so knap - pe
Umtauschfrist, dass die Landbevölkerung erst davon erfuhr, als die - se
lÀngst verstrichen war. Dies riss das Berner und Luzerner Untertanen - gebiet
in einen grossen Aufruhr, zu welchem sich bald auch die Kan - tone
Solothurn und Basel gesellten. In diesem Bauernkrieg, welcher
unter der FĂŒhrung reicher Bauern wie Hans Emmenegger und Niklaus
Leuenberger stand, ging es weniger um die wirtschaftlichen Nöte der
Kleinbauern, sondern um die Wahrung der althergebrachten Rechte
und Freiheiten, welche in die HĂ€nde der Aristokraten gelangt waren.
Trotz des Verbotes der Tagsatzung sammelten sich die aufstÀndischen
Bauern aus Bern, Luzern, Solothurn und Basel 1653 in Huttwil und
beschworen die Erneuerung der alten eidgenössischen BĂŒnde. Dem
Bund der Herren stellten sie einen Bund der Bauern entgegen.
Trotzdem war es fĂŒr die stĂ€dtischen Herren ein leichtes, den Bauern - aufstand
niederzuwerfen. Mit drakonischer HĂ€rte wurde das Landvolk
bestraft. Das Kriegsgericht der Tagsatzung fÀllte Strafen wie Todesur - teile,
VerstĂŒmmelungen, hohe Bussen und den Entzug aller Rechte oder
Privilegien. Mit diesem Sieg der Obrigkeit endete die grösste Bauern - erhebung
in der Geschichte der Eidgenossenschaft.


1.6. ZĂŒrich: Wie die Landschaft regiert wurde

Die Bewohner der Stadt ZĂŒrich begnĂŒgten sich nicht damit, sich selbst
regieren zu können. Schon seit dem 14. Jahrhundert strebten sie nach
der Herrschaft ĂŒber die Landschaft in ihrer Umgebung. Zum Teil durch
Kauf, zum Teil durch Kriege erwarb sich die Stadt von den verschiede - nen
Adeligen alle Rechte, um die Bauern in den Dörfern zu beherr - schen.
In der Reformationszeit kamen auch alle Klöster mit ihrem gros - sen
Grundbesitz in den Besitz der Stadt. Im 16. Jahrhundert besass
die Stadt etwa das Gebiet, welches heute den Kanton ZĂŒrich bildet.
In den Dörfern unterstanden die Menschen, die frĂŒher adelige Herren
ĂŒber sich gehabt hatten, nun einem Herrscher: der Stadt ZĂŒrich. Wie
der absolutistische Monarch Ludwig XIV. ĂŒber Frankreich, so ĂŒbte die
Stadt ZĂŒrich die absolute Macht ĂŒber die ZĂŒrcher Landschaft aus.
NatĂŒrlich konnten BĂŒrgermeister und Rat von ZĂŒrich nicht in jedem
Dorf selbst fĂŒr Ordnung sorgen. Aus diesem Grund war das Herrschafts - gebiet
in Landvogteien eingeteilt. Das Amt des Landvogtes wurde je - weils
fĂŒr einige Jahre einem Ratsherren ĂŒbertragen, der vom
Landvogteischloss aus Aufgaben und Rechte der Stadt wahrnahm. Die
Schlösser ĂŒbernahm die Stadt von den frĂŒheren adeligen Herren.
Die Lage der Bauern in den Dörfern
FĂŒr die Bauern brachte dieser Übergang folgende VerĂ€nderung:
• Die Kriege der frĂŒheren adeligen Herren, bei denen oft Dörfer ge - plĂŒndert
wurden, fielen weg. Es herrschte Friede und Ordnung.
• FĂŒhrte die Stadt Krieg, mussten die Bauern mit in den Krieg ziehen.
• Die Stadt erhob keine neuen Steuern.
• Die Stadt liess den Bauern eine gewisse SelbstĂ€ndigkeit. Diese durf - ten
beispielsweise den Dorfvorsteher (Untervogt) selbst vorschlagen.
• Die ZĂŒnfte hinderten die Entwicklung des Handwerks, damit die
stÀdtischen Handwerker keine Konkurrenz erhielten.
• Die Bauern waren der Stadt Gehorsam schuldig. Ihre Meinung war
nicht gefragt.
Die Stimmung der Bauern auf dem Land
Die militĂ€rische Macht der Stadt gegenĂŒber der Landschaft war nicht
sehr gross. Die Stadt stellte nur zehn Prozent der Soldaten, die Land - schaft
neunzig Prozent. Eine Polizei gab es nicht; der Landvogt verfĂŒg - te
etwa ĂŒber ein Dutzend bewaffneter Knechte. Trotzdem gab es sel - ten
Unruhen oder gar AufstĂ€nde. Dies hat folgende GrĂŒnde:
• Innerhalb eines lĂ€ndlichen Dorfes waren die Unterschiede zwischen
Reich und Arm oft gross.
• Die reichen Bauern wurden vom Landvogt mit tieferen Steuern zu - frieden
gestellt, und die armen Leute waren zu sehr mit ihrem eige - nen
Existenzkampf beschÀftigt, als dass sie sich noch mit politischen
Fragen auseinandersetzen konnten.
• Die Pfarrer, die alle aus der Stadt kamen, ermahnten in der Predigt
zum Gehorsam gegenĂŒber der Obrigkeit der Stadt ZĂŒrich.
• Bei einem Aufstand hĂ€tte man vielleicht Landvögte vertreiben, nicht
aber die Stadt erobern könne. Diese war viel zu gut befestigt.
• Die Bauern hatten keine Vorstellung, was fĂŒr eine Ordnung an die
Stelle der bestehenden treten könnte.
Die Zufriedenheit der Landbevölkerung hing ausserdem stark davon
ab, wie gerecht und uneigennĂŒtzig der Landvogt sein Amt ausĂŒbte.


1.7. Konfessionelle Konflikte

Der immer noch bestehende, versteckte Spannungszustand zwischen
den konfessionellen Lagern wurde vor allem in den Gemeinen Herr - schaften
ausgetragen. In dieser Pufferzone kam es alle paar Jahre zu
kleineren Konflikten, da die katholischen Orte seit 1531 eine Mehr - heit
in der Verwaltung dieser Gebiete besassen. Immer wieder fĂŒhlten
sich die Protestanten von der katholischen Obrigkeit unterdrĂŒckt oder
auch umgekehrt. Auch in der Tagsatzung, die sich mit den konfessio - nellen
Fragen zu beschÀftigen hatte, besassen die Katholiken die
Mehrheit.
In diesen konfessionellen Konflikten vermittelten meistens Freiburg und
Solothurn (katholisch) und Basel und Schaffhausen (reformiert).
FĂŒr ZĂŒrich und Bern schien die nach dem Bauernkrieg bestehende
SolidaritĂ€t der herrschenden Aristokratien eine gĂŒnstige Gelegenheit,
einen Anlauf zur Behebung dieser Situation zu starten.
Drei Jahre nach dem Bauernkrieg standen ZĂŒrich und Bern den katho - lischen
Orten mit der Waffe in der Hand gegenĂŒber. Dieser Konflikt
endete jedoch mit der Niederlage des Berner Heeres bei Villmergen
und ZĂŒrichs erfolgloser Belagerung von Rapperswil.
1712 starteten die reformierten Orte ZĂŒrich und Bern wiederum eine
Offensive gegen die Vorherrschaft der katholischen Orte. Diesmal sieg - ten
ZĂŒrich und Bern gegen die katholischen Orte, welche dadurch die
Mitspracherechte in den strategisch wichtigen Gemeinen Herrschaf - ten
Baden, Unteres Freiamt und Rapperswil verloren, wÀhrend Bern in
die Verwaltung dieser und der ostschweizerischen Gemeinen Herr - schaften
neu eintrat.
Die konfessionellen StreitfÀlle wurden von nun an auch von einer un - abhÀngigen
Kommission beurteilt. Die Spannung um die Gemeinen
Herrschaften nahm von da an merklich ab, auch wenn keine eigentli - che
Versöhnung zwischen den beiden konfessionellen Lager zustande
kam.

1.8. Die Entwicklung des NeutralitÀtsprinzips

Zur Neutralisierung der Schweiz in den europÀischen Konflikten des
17. und 18. Jahrhunderts hat neben der konfessionellen Uneinigkeit
auch das Söldnerwesen massgeblich beigetragen. Seit 1614 waren
alle Orte einschliesslich ZĂŒrich, welches wegen der Reformation dem
Soldabkommen zuerst nicht beigetreten war, in einem Soldabkommen
mit Frankreich verbunden. Gleichzeitig waren die katholischen Orte
auch Spanien und Savoyen, die reformierten Orte den deutschen FĂŒr - sten
und den Niederlanden verpflichtet. Diese MĂ€chte lagen in dau - ernden
Kriegen miteinander. Dadurch entstand fĂŒr die Eidgenossen
eine höchst merkwĂŒrdige NeutralitĂ€tspolitik. So standen sich zum Bei - spiel
in der Schlacht von Malplaquet (1709) schweizer Söldner auf
französischer und niederlĂ€ndischer Seite gegenĂŒber. Wer immer ĂŒber
genug Gold verfĂŒgte konnte in der Eidgenossenschaft Soldaten kau - fen.
Es galt das Sprichwort: "Pas d’argent, pas de Suisses".
Aber schon seit dem dreissigjĂ€hrigen Krieg bemĂŒhten sich die Eidge - nossen
um NeutralitÀt in den europÀischen Auseinandersetzungen.
Der dreissigjĂ€hrige Krieg, mit dem Schicksal GraubĂŒndens und der
benachbarten Reichsgebiete, fĂŒhrte erstmals zur bewussten Haltung
eines "Neutralstandes". Die ungern geduldeten DurchmÀrsche der
Schweden und Spanier durch Grenzgebiete im Norden waren Mahn - zeichen.
Die inneren konfessionellen Streitigkeiten wurden angesichts
der aussenpolitischen Lage gedÀmpft, und schliesslich die Landesver - teidigung
besser organisiert. Die StÀdte modernisierten ihre Befesti - gungen.
Erst 1647 kam es zum Abschluss einer einheitlichen Heeresordnung, dem "Defensionale", in welchem ein eidgenössischer Kriegs - rat
und eine auf den kantonalen Kontingenten beruhende Aufgebots - organisation
geschaffen wurde.
Am WestfĂ€lischen Friedenskongress gelang es dem Basler BĂŒrgermei - ster
Wettstein, assistiert durch den Herzog von OrlĂ©ans, der als FĂŒrst
von Neuenburg ein Interesse an schweizerischen Belangen zeigte,
die völkerrechtliche Lösung vom Reich zu erlangen. Kaiser und Reich
akzeptierten diesen zeitgemÀssen Entwurf der staatlichen SouverÀni - tÀt.
So fand eine lange Entwicklung ihren Abschluss; die Entfremdung
aus dem seit seiner GrĂŒndung so anders gewordenen Heiligen Römi - schen
Reich Deutscher Nation.
Als der französische König die spanische Freigrafschaft im Westen
Berns annektierte und zum bedrohlichen, direkten Nachbarn der
Schweiz wurde, erklÀrte die Tagsatzung zum ersten Mal formell die
bewaffnete NeutralitÀt. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die
NeutralitÀt der Eidgenossenschaft auch von den GrossmÀchten aner - kannt,
indem sie nicht mehr in die europĂ€ischen FriedensschlĂŒsse ein - bezogen
wurde.
Das Hauptgewicht der aussenpolitischen Beziehungen lag im 17. und
18. Jahrhundert auf der Verbindung mit Frankreich, auch wenn zeit - weise
nicht alle Orte mit dem Königreich in einem vertraglichen Ver - hÀltnis
standen, so hatte doch das französische Gold einen gewalti - gen
Einfluss auf die eidgenössische Politik. In den Glanzzeiten des
Louis XIV. benahm sich die Eidgenossenschaft wie ein französisches
Protektorat.



1.9. Die "fremden Dienste"

Die Basis der fremden Dienste waren VertrÀge mit jenen Staaten die
schweizer Söldner benötigten. Der wichtigste Abnehmer war Frank - reich.
Das SoldbĂŒndnis mit Frankreich, erstmals 1521 abgeschlossen
und immer wieder erneuert, bildet den einzigen aussenpolitischen
Nenner in der Eidgenossenschaft. ZĂŒrich, das in Folge der Reformati - on
die fremden Dienste abgelehnt hat, trat 1614 diesem BĂŒndnis bei.
Alle anderen SoldvertrÀge wurden nur von einzelnen Orten abgeschlos - sen.
Die BĂŒndnisse bildeten einen Rahmenvertrag, welcher die Höchst - zahl
anzuwerbender Söldner festlegte und den Vertragspartner zu re - gelmÀssigen
Zahlungen an die Orte verpflichtete. Im Falle Frankreichs
kam noch die GewÀhrung von Handelsprivilegien dazu. Eigentliche
Soldunternehmer, patrizische Familien, betrieben das WerbegeschÀft
mit obrigkeitlicher Genehmigung. Es handelte sich in der Regel um
Elitetruppen, die von eigenen Offizieren und nach eigenem Recht be - fehligt
wurden. Nach wie vor schien der fremde Dienst politische und
ökonomische Notwendigkeit zu sein. Die fremden Dienste garantier - ten
bei gleichmÀssiger Verteilung auf die Staaten die NeutralitÀt und
eine zeitgemĂ€sse Ausbildung von Offizier und Mannschaft. FĂŒr arme
Gebirgskantone bedeuteten sie vertraglich gesicherte Staatseinnah - men.
Die fremden Dienste boten aber auch Aufstiegsmöglichkeiten fĂŒr
die Untertanen. Aber es wurden natĂŒrlich auch soundsoviele Schwei - zer
durch soziale Not in diese Dienste einzutreten gezwungen.
Die einst so ungebundenen fremden Dienste nahmen im Laufe des
17. Jahrhunderts den Charakter von ausgesprochenen Garnisons - diensten
mit periodischen KriegseinsÀtzen an. Ihr AushÀngeschild waren
die "Schweizergarden", die Leibwachen verschiedener Monarchen.
Das SoldbĂŒndnis von 1663 erlaubte dem französischen König Ludwig
XIV. das Anwerben von bis zu 16 000 Söldnern in der Schweiz. Die
Kantone erhalten dafĂŒr jĂ€hrliche Pensions - Zahlungen, ebenso Erleich - terungen
im Salz und Getreidehandel und bei den Warenzöllen.



Zur Unterzeichnung von diesem zog ein Tross von 200 Personen unter
FĂŒhrung des ZĂŒrcher BĂŒrgermeisters Johann Heinrich Waser nach Pa - ris.
Johann Heinrich Blunschli beschreibt dies so: "Anno 1663 im
Oktober reisten die Herren Abgesandten der 13 Orte und die zuge - wandten
der Eidgenossenschaft nach Paris. Es waren Herren, Kam - merdiener
und Reiter zu Pferd, um die 200 Personen. Überall im Kö - nigreich,
wo die Herren Ehrengesandten durchreisten, wurden sie so
prÀchtig empfangen, wie der König. Nachdem sie mit grossem Pomp
in Paris eingeritten waren - es hatte eine unglaubliche Menge Zu - schauer
-, wurden sie durch den Grafen Harcourt in 40 Kutschen zur
königlichen Audienz abgeholt und köstlich bewirtet." Eine Woche lang
geniessen die Abgesandten das Pariser Stadtleben: Allabendliche
EmpfÀnge, Theater mit MoliÚre, ein Festakt in der Notre - Dame zum
Schluss, und alles auf Kosten des Königs. Nach vierwöchigem Aufent - halt
kehren sie Ende November wieder in die Schweiz zurĂŒck.
Louis XIV. trÀumt von der Vorherrschaft in Europa, und dies zu jedem
Preis. Auch die Eidgenossen gehören mit in seine PlÀne. Das Abkom - men
mit ihnen garantiert den ungestörten Nachschub von Söldnern - truppen
fĂŒr Ludwigs kriegerische Unternehmungen. Zudem bindet die
AbhÀngigkeit der Kantone von den Geldzahlungen die Eidgenossen - schaft
politisch an Frankreich.
Die SoldvertrĂ€ge bedeuten ein lukratives GeschĂ€ft fĂŒr die Staatskas - sen
der Kantone und die Soldunternehmer, die sogenannten Pensions - herren.
Überzeugte BefĂŒrworter des BĂŒndnisses sind auch die Textil - kaufleute.
Sie seztzen auf den Export und versprechen sich Handels - vorteile.
Louis XIV. liess die Unterzeichnung der BĂŒndnisses auf einem Wand - teppich
festhalten. Der Auftrag fĂŒr ein GemĂ€lde von gleichem Umfang
wĂŒrde einen Bruchteil der Tapisserie - Kosten ausmachen. Wandteppi - che
sind demnach ein Luxusgut, das Reichtum und Macht reprÀsen - tiert.
Sie gehören zur Grundausstattung jedes fĂŒrstlichen Hofes im 16.
und 17. Jahrhundert. Der Bedarf Ludwig XIV. ist so gross, dass es zur
Errichtung einer eigenen WerkstÀtte kommt. Die "Manufacture des Go - belins"
produziert ausschliesslich fĂŒr den Hof. Die "Petite AcadĂ©mie",
das ideologische Zentrum fĂŒr die höfische Kunstproduktion, bestimmt
das Bildprogramm, die Hofmaler fĂŒhren die Zeichnungen aus, und
die WerkstÀtten stellen die Teppiche nach Vorlage her.
Wandteppich von Louis XIV., welcher die Unterzeichnung des SoldbĂŒndnisses von 1663
mit den Eidgenossen zeigt.






    Die Helvetische Revolution

2.1. Der industrielle Aufschwung im 18. Jahrhunderts

Der Sieg der reformierten Orte im 2.Villmergerkrieg schloss nicht nur
eine 200jÀhrige Periode von GlaubenskÀmpfen ab, sondern verschob
auch die MachtverhÀltnisse in der alten Eidgenossenschaft zu Gun - sten
der StÀdte, die sich in einem industriellen Aufschwung befanden.
Die politischen VerhÀltnisse Ànderten sich aber bis 1798 kaum. Nach
wie vor herrschte die Aristokratie. Auf der sozialen sowie auf der
wirtschaftlichen Ebene fanden jedoch tiefgreifende Reformen statt.
Erstmals keimte die Hoffnung auf, auf der Basis des gesunden Men - schenverstandes
liesse sich eine neue Morallehre begrĂŒnden, die fĂŒr
Menschen verschiedener Konfession Geltung hÀtte. Damit aber die
Welt besser werden konnte, galt es das Wissen zur Öffentlichkeit zu
bringen. Die Verbesserung der Landwirtschaft wurde lautstark propa - giert.
Mit Schriften und Preisausschreibungen wurde versucht Feld - nutzung
und Arbeitsmethoden zu verbessern. Bekannt ist das Beispiel
des ZĂŒrcher Bauern Kleinjogg, welcher mit einem nach neuartigen
Prinzipien gestalteten Musterhof zu Reichtum gelangte.
Langsam fasste die Idee einer gewinnbringenden Wirtschaft auf dem
Lande Fuss. Die Allmenden wurden der allgemeinen Weidenutzung
entzogen und unter den reichen Bauern aufgeteilt. Der Übergang zur
StallfĂŒtterung des Viehs erlaubte die DĂŒngung der Felder und die bes - sere
Nutzung des Brachlandes. Wegen dem Bevölkerungswachstum
und den damit verbundenen, periodischen Hungersnöten, wurden ver - mehrt
Kartoffeln und Klee angebaut.
Die Bevölkerung wuchs, vor allem auf dem Lande, von 1.2 Millionen
im Jahre 1700 auf 1.6 Millionen im Jahre 1800. Zwar mochten die
fremden Dienste 50 000 - 80 000 MĂ€nner zeitweise zu absorbieren,
aber das Interesse nahm im Laufe des 18. Jahrhunderts merklich ab.
Mehr denn je waren Kleinbauern und Tagelöhner nun auf zusÀtzliche
Verdienste angewiesen. Von dieser Bevölkerungssituation profitierte
vor allem die aufkommende Verlagsindustrie. Baumwollspinnerei, Baum - wollweberei,
Tuchdruckerei, Seidenbandindustrie, Seidenstoffweberei
und Stickerei erlebten vor allem in den nördlichen und östlichen Lan - desteilen
einen grossen Aufschwung. Um Genf, Neuenburg und im
Jura bereitete sich die Uhrenindustrie aus, die ebenfalls im Verlags - system
betrieben wurde. Hunderttausende lebten auf dem Land bald
von der Heimarbeit. Das 18. Jahrhundert wurde zur eigentlichen Epo - che
der Industrialisierung der Schweiz, welche bis zur Helvetischen
Revolution zum meist industrialisierten Land des Kontinents aufstieg.
Wenn auch die Verlagsindustrie die Armut nicht beseitigen konnte, so
fĂŒhrte sie doch zeitweise zu einem gewissen Wohlstand auf dem Lan - de,
und fĂŒr viele Heimarbeiter sank die Landwirtschaft zu einer Ne - benbeschĂ€ftigung
ab. Aber um so mehr hingen sie von den heftigen
Preisschwankungen des Marktes ab. Im Jahre 1723 musste in der
textilen Hauswirtschaft durchschnittlich 1 - 3 Tage gearbeitet werden,
um 5 Pfund Brot zu verdienen; 1762 waren er dagegen nur noch ein
halber Tag. Im Hungerjahr 1771 brauchte man dazu fast eine Woche
und 1780 wieder nur einen Tag.

2.2. Die Industrialisierung in ZĂŒrich

Da die Bevölkerung zwischen 1500 und 1800 stark zunahm, bot die
Landwirtschaft nicht mehr allen Bewohnern Arbeit und konnte auch
nicht mehr alle ernĂ€hren. ZĂŒrich musste Getreide aus dem Ausland
einfĂŒhren. Viele ZĂŒrcher wurden notgedrungen Soldaten in den Ar - meen
der europÀischen Herrscher. Auch in der Stadt waren nicht mehr
alle Bewohner in den traditionellen Handwerksberufen tÀtig.

Kachelofen der Familie Pfau, fĂŒr das
ZĂŒrcher Rathaus hergestellt. Auf den
abgebildeten Kacheln wird die Schwei -
zerischen NeutralitÀt mit dem Sinnbild
von Skylla und Charybdis dargestellt.
Skylla und Charybdis stehen fĂŒr die
europÀischen GrossmÀchte.
Textilindustrie
Es war daher fĂŒr ZĂŒrich von grosser Bedeutung, dass kluge und wage - mutige
Unternehmer eine neues Gewerbe einfĂŒhrten, das ArbeitsplĂ€t - ze
schuf und Produkte herstellte, die im Ausland verkauft werden konn - te
und Geld einbrachten. Dies ist die Herstellung von Stoffen aus Sei - de
oder Baumwolle, die Textilindustrie.
Exkurs: Die Hafnerei
Neben der Textilindustrie gab es in ZĂŒrich und Umgebung noch ein
anderes spezialisiertes Handwerk. Die Hafnerei. Ein Gewerbe das
besonders in Winterthur und auf der Landschaft blĂŒhte, war der Ofen - bau.
In Winterthur, das in dieser Hinsicht im 17. Jahrhundert zu be - sonderer
BerĂŒhmtheit gelangte, lassen sich Ofenbauer bis zurĂŒck ins
15. Jahrhundert nachweisen. Dabei bildete die Familie Pfau eine ei - gentliche
Dynastie von Hafnern, deren Arbeiten zu den Spitzenerzeug - nissen
der Ofenbaukunst gehörten. Die Hafner in der Stadt ZĂŒrich
hatten der QualitÀt aus Winterthur und anderen Orten nichts entge - genzusetzen.
Gern wurde deshalb bei der Einrichtung des neu erbau - ten
ZĂŒrcher Rathauses das Geschenk aus Winterthur, zwei prachtvolle
Öfen, akzeptiert.
Die Hafnermeister der Landschaft, die neben Öfen auch glasiertes
Kochgeschirr herstellten, waren eine ernstzunehmende Konkurrenz fĂŒr
die stadtzĂŒrcherischen Hafner. Der Rat gestattete ihnen jedoch 1738
ausdrĂŒcklich, auch weiterhin an den JahrmĂ€rkten ihre Ware feilzubie - ten.
In der Zeit zwischen den JahrmÀrkten jedoch war der Geschirr - verkauf
allen fremden und einheimischen Hausierern verboten. In die - ser
Zeit konnten die zĂŒrcher Hafner ohne Konkurrenz verkaufen.

2.3. Die Vorboten einer neuen Zeit

Eine neue Zeit kĂŒndigte sich in neuen Ideen an. Die reformierte Theo - logie
befreite sich von den starren LehrsÀtzen, mit denen die Kirche
Pfarrer und GlÀubige disziplinierte. Die wiedererlangte Freiheit nutz - ten
zum einen die Rationalisten mit ihrer Vorstellung von einer vernunft - geregelten
Religion und auf der anderen Seite die Pietisten, welche
den frommen Lebenswandel in den Mittelpunkt des Glaubens rĂŒckten.
In der Naturforschung war die kopernikanische Wende zum heliozen - trischen
Weltbild ĂŒberall vollzogen. Beobachtungen und Experimente
wurden als Erkenntnismittel in ihr Recht gesetzt. Grosses Ansehen erwarb der Mathematiker Leonard Euler, der Alpenforscher Horaz
Bénédict de Saussure, der 1787 als einer der ersten den Montblanc
bestiegen hatte und Albrecht von Haller, der es als Arzt und Biologe
sowie als Dichter der Alpen zu Weltruhm brachte. Diese wissenschaft - lichen
Fortschritte bewegten viele Patrizier aus persönlicher Liebhabe - rei,
Naturalienkabinette anzulegen, in denen sie Steine, gepresste Pflan - zen,
Tierknochen, aber auch Kupferstiche, MĂŒnzen und Kunstgegen - stĂ€nde
sammelten.
Politische Bedeutung gewann die Naturrechtslehre, zu der die West - schweiz
einen grossen Beitrag geleistet hatte. Ihre Vertreter gingen
davon aus, dass die Menschen von Natur aus gleich und frei seien.
Der Genfer Uhrmachersohn J. - J. Rousseau stand jedem Menschen ein
Widerstandsrecht gegen jegliche Beherrschung zu, sofern der Mensch
nicht mit einem anderen vertraglich in einem VerhÀltnis steht.
Die Erziehungsexperimente von Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827) er - langten
eine weit ĂŒber die Schweiz hinausreichende Bedeutung. Er
forderte eine umfassende Bildung fĂŒr das ganze Volk, speziell aber fĂŒr
die lÀndlichen Untertanen, die durch harte Berufsarbeit dem Elend
entrinnen sollten. Zwischen 1770 und 1800 soll sich der Alphatbe - tisierungsgrad
von 15% auf 25% erhöht haben. Kirche und Obrigkei - ten,
in deren HĂ€nden die Volksschule lag, hatten ein Interesse an lese - kundigen
Untertanen. Aber die Untertanen hatten zu Hause selten mehr
als einige BĂŒcher und Volkskalender, die sie von Hausierern erworben
hatten. Erst die Lesegesellschaften ermöglichten grösseren Gruppen
die LektĂŒre zeitgemĂ€sser Autoren. Diese gab es sogar in den Untertanen - gebieten,
sieben allein in der ZĂŒrcher Landschaft. Man sass gemein - sam
zusammen und trank Kaffee, um den Verstand zu schÀrfen. In
einer solchen Runde hat der Bauer Ulrich BrÀcker (1735 - 1785) auch
die Werke Shakespeares kennengelernt. Er verfasste spÀter selbst die
autobiographische Lebensgeschichte des "armen Mannes im
Tockenburg", welche einen einmaligen Einblick ins Leben des einfa - chen
Mannes gestattet.

2.4. Der Helvetismus

Ein neues NationalgefĂŒhl, das vom Gegensatz zu den umliegenden
absolutistischen Monarchien lebte, breitete sich aus. Die Helvetische
Gesellschaft (1761) und andere patriotische und aufklÀrerische Zirkel
wurden gegrĂŒndet, welche ihre Heimatliebe mit der Förderung des
Guten und GemeinnĂŒtzigen verbanden.



2.5. Das Memorial von StÀfa

Es blieb aber nicht nur bei diesen ideellen Bestrebungen von Rousseau,
Pestalozzi und der Helvetischen Gesellschaft, sondern im ganzen
18. Jahrhundert flammten immer wieder neue Volkserhebungen, Verfas - sungskÀmpfe
und Verschwörungen gegen die Herrschaft des Patriziats
auf. Immer entschiedener verlangten die vom politischen Leben ausge - schlossenen
BĂŒrger Teilnahme an der politischen Macht. Schon unter
dem Eindruck der französischen Revolution verfassten Untertanen aus
dem ZĂŒrcher Seeland das Memorial von StĂ€fa (1794), das die Gleichstellung
von Stadt - und LandbĂŒrgern, Handels - und Gewerbefreiheit,
Ablösung der noch bestehenden Feudallasten und freie Zulassung zu
Studium und OffiziersÀmtern verlangte. Mit harter Hand wurden auch
die AufrĂŒhrer von StĂ€fa bestraft. Unerbittlich hielten die Patrizier an
ihren Vorrechten fest.


2.6. Der Untergang der alten Eidgenossenschaft

Im ersten Koalitionskrieg der europÀischen MÀchte gegen das revolu - tionÀre
Frankreich verhielten sich die Eidgenossen neutral. Nachdem
Napoleon Bonaparte aber Norditalien in seine Hand gebracht hatte,
erhöhte sich der militÀrische Druck auf die Eidgenossenschaft, denn
die schweizer PĂ€sse waren als direkte Verbindung zwischen Paris und
Mailand von strategischem Interesse fĂŒr die französische Revolutions - armee.
Im Dezember 1797 besetzte Frankreich vorerst die Besitzun - gen
des Bistums Basel im Jura.
In der Stadt Basel gewÀhrte darauf der Grosse Rat eilig den Unterta - nen
Freiheit und Rechtsgleichheit. Ein entschiedener Verfechter der de - mokratischen
Erneuerung war hier der Oberzunftmeister Peter Ochs
(1752 - 1821): "Wir wollen dem Gewitter zuvorkommen. Aus freiem
Willen wollen wir uns revolutionieren. Zeigen wir einmal der Welt,
wie sich eine Aristokratie von sich aus demokratisiert."
In der Waadt war FrĂ©dĂ©ric CĂ©sar La Harpe (1754 - 1838) ein glĂŒhen - der
Verfechter der Revolution. Noch vor dem Einmarsch der Franzo - sen
wurde die Befreiung von Bern und die Lemanische Republik aus - gerufen.
Am 28 Januar 1798 zogen schliesslich die französischen
Revolutionstruppen als "Freunde und BrĂŒder" in Lausanne ein.
Die Tagsatzung konnte sich zu keinem entschlossenen Vorgehen ge - gen
den französischen Einmarsch entschliessen. Im Unterwallis und in
den sĂŒdlichen AlpentĂ€lern sagten sich die Untertanen von ihren Her - ren
los, in ZĂŒrich und Schaffhausen wurde die Rechtsgleichheit der
Untertanen gewÀhrt. In den Gemeinen Herrschaften wurden die fran - zösischen
Truppen als Befreier von der Patrizierherrschaft begrĂŒsst.
Die alte Herrschaft befand sich in völliger Auflösung. Bern stand allein
gegen das französische Heer und wurde in der Schlacht von Grau - holz
geschlagen. Am 5. MĂ€rz 1798 zogen die Sieger in die Stadt
ein. Der Widerstand in den innerschweizer Alpengebieten hielt zwar
noch einige Zeit stand, der Untergang der alten Eidgenossenschaft
war aber mit dem Fall Berns besiegelt.
Die von vielen herbeigesehnte helvetische Revolution hatte gesiegt,
aber sie trug den Stempel der Fremdherrschaft. Ein Verfasungsentwurf
von Peter Ochs wurde von Napoleon mit wenigen Änderungen gleich
als Staatsgrundlage proklamiert. Sie machte aus dem zersplitterten
Staatenbund der alten Eidgenossenschaft den unteilbaren Einheitsstaat
der Helvetischen Republik. Der erste Artikel der neuen Verfassung be - stimmte:
"Es gibt keine Grenzen mehr zwischen den Kantonen und
den unterworfenen Landen, noch zwischen einem Kanton und dem
andren". Oberste Gewalt war das ganze Volk. Wie in Frankreich
stand ein Direktorium von fĂŒnf Mitgliedern an der Spitze des Staates.
Es war aber auch klar, dass die alten MĂ€chte sich mit einer so radika - len
UmwÀlzung des politischen Systems abfinden mochten.
Trikolore der Helvetischen Republik.
Nach dem französischen Vorbild fĂŒhrte
auch die neue Republik die Trikolore
im Wappen. In Anlehnung an die
Tradtion standen Gelb und Rot fĂŒr Uri
und Schwyz, die BegrĂŒnder der
schweizerischen Freiheit, wÀhrenddem
GrĂŒn die neue Freiheit symbolisierte.

Wie sah die Schweiz wÀh - rend
der Zeit der Helveti - schen
Republik aus?

    Die kleine und grosse Restauration

3.1. Das Ende eines Versuches

Über der Helvetischen Republik stand von Anfang an ein Unstern.
Fremde Herren hatten den ersten schweizer Staat aus der Taufe geho - ben
und so eng an sich gekettet, dass er sich nie frei entwickeln konn - te.
Mit direkten Interventionen, mit Intrigen und DruckausĂŒbung setzte
die französische Regierung immer wieder ihren Willen durch.
In die imperialen PlĂ€ne des kĂŒnftigen Kaisers passte der innerlich zer - strittene
und zerfallende schweizer Staat nicht. 1802 zog Bonaparte
die Truppen ab. Die voraussehbaren Unruhen in der Schweiz gaben
ihm den Vorwand fĂŒr eine erneute Intervention. Dies geschah auch
und 1802 stiessen im "Stecklikrieg", wie der Name sagt, nur behelfs - mÀssig
ausgerĂŒstete Truppen bis nach Bern vor, wo die helvetische
Regierung residierte. Diese flĂŒchtete in aller Eile nach Lausanne und
bat Frankreich um UnterstĂŒtzung. Erst kurz vor dem Fall Lausannes
schaltete sich Napoleon ein, erklÀrte sich zum Vermittler und liess sei - ne
Truppen wieder in die Schweiz vorrĂŒcken. Der Vermittlungsbeschluss
beinhaltete die von Napoleon verfasste Gesamtverfassung, die die
SouverÀnitÀt der Kantone wiederherstellte, aber die Untertanen - verhÀltnisse
nicht duldete. Um seinen eigenen Anteil an der Verfas - sung
herunterzuspielen, bezeichnete er diese als Mediationsakte, was
soviel wie Vermittlungswerk heisst.
Am 10. MÀrz 1803 hörte die Helvetische Republik auch rechtlich auf
zu bestehen. Der Versuch einer besseren Schweiz war gescheitert.


3.2. Ein erster Schritt zurĂŒck: Die Mediation von 1803

GemÀss der Mediatonsakte war die Schweiz ein Staatenbund von
neunzehn gleichberechtigten Kantonen, die den bis heute gĂŒltigen
Namen "Schweizerische Eidgenossenschaft" erhielt. Die Akte gab auch
der folgenden Epoche ihren Namen: "Mediationszeit".
Die Mediation verlangte, dass die Kantone wieder in ihre Rechte ein - gesetzt
werden sollten. Zu den 13 alten Kantonen kamen sechs neue
hinzu, die ehemaligen Untertanengebiete Aargau, Thurgau, Tessin und
Waadt und die ehemaligen zugewandten Orte St. Gallen und Grau - bĂŒnden.
In den Landsgemeindekantonen wurden die alten ZustÀnde
mehr oder weniger wiederhergestellt, in den neuen Kantonen dage - gen
behielten die AnhÀnger der Helvetischen Republik die Oberhand
Die alte und die neue Schweiz existierten nebeneinander.

3.3. Die Restauration von 1815

Die Niederlage Napoleons in Russland bedeutete auch das Ende die - ser
diffusen politischen Situation. In der Restauration von 1815 stellte
der Wiener Kongress, dessen Ziel es war, Europa nach dem Fall Napoleons
I. neu zu ordnen, den alten, neutralen Staatenbund wieder
her. Die Aristokraten traten wieder in ihre Vorrechte ein, in der Tags - atzung
verfĂŒgte wieder jeder Kanton ĂŒber eine Stimme und die
Niederlassungs - und Gewerbefreiheit fielen dahin. Als neue Kantone
wurden Genf, Wallis und Neuenburg zur Schweiz geschlagen. Bern
erhielt von den Wiener Diplomaten den Jura als Ersatz fĂŒr die verlo - rengegangenen
Untertanengebiete im Aargau und in der Waadt. FĂŒr
die nÀchsten 15 Jahre schien das Rad der Geschichte zur aristokrati - schen
Tradition zurĂŒckgedreht.



Quellenverzeichnis

• Aus "Die Schweiz und ihre Geschichte" erschienen Lehrmittelverlag
des Kantons ZĂŒrich, 1998: Helmut Meyer: "Die Schweiz im Zeital - ter
der konfessionellen Spaltung - 16. und 17. Jahrhundert" und
Pierre Felder: "Vom Ancien Régime zu den AnfÀngen der moder - nen
Schweiz - 18. Jahrhundert bis 1884"
• Dieter Fahrni: "Schweizer Geschichte - Ein historischer Abriss von
den AnfÀngen bis zur Gegenwart" erschienen Pro Helvetia, 1996
• "Geschichte des Kantons ZĂŒrich, Band 2" erschienen Werd Verlag
• "Schweizerisches Landesmuseum ZĂŒrich: Zeitreise, Vademekum fĂŒr
Lehrpersonen"
• Ulrich Im Hof: "Die Schweiz" erschienen Kohlhammer
• Christoph Mörgeli: "Memorial und StĂ€fner Handel 1794/1795"
erschienen Lesegellschaft StÀfa, 1995
• Andres Furger: "Schweizerisches Landesmuseum ZĂŒrich und
Prangins" erschienen Museen der Schweiz




Hatte das Volk Einfluss auf politische Entscheidungen?

Wie gingen die Eidgenossen mit dem Absolutismus um?

Wie wurde ZĂŒrich regiert?

Wie wirkte sich der Absolutismus in ZĂŒrich auf die Gesellschaft aus?

Wie kam es zum Bauern - krieg von 1653?

In welcher Lage befanden sich die ZĂŒrcher Bauern?

Was hatten die StadtzĂŒrcher fĂŒr ein Einkommen?

Weshalb lehnten sich die Bauern nicht auf?

Weshalb entwickeln die Eid - genossen das Prinzip der be - waffneten NeutralitÀt?

Was fĂŒhrte zu den Villmerger Kriegen?

Wann erklÀrte die Eidgenos - senschaft zum ersten Mal die bewaffnete NeutralitÀt?

Warum traten Eidgnossen in "fremde Dienste" ein?

Was brachte der Soldvertrag fĂŒr Vorteile mit sich?

Welche sozialen und wirt - schaftlichen Reformen fan - den im 18. Jh statt?

Welche Industriezweige ent - wickelten sich im 18. Jh?

Wovon lebten die ZĂŒrcher?

Welche wissenschaftliche Erkenntnisse lÀuteten die Helvetische Revolution ein?

Was beinhaltet der Hel - vetismus?

Weshalb haben sich die StĂ€fner gegen die Stadt ZĂŒ - rich aufgelehnt?

Wie sah die Schweiz wÀh - rend der Zeit der Helveti - schen Republik aus?

Warum kam es 1803 zum Untergang der Helvetischen Republik?

Was bedeutete der Fall Na - poleons fĂŒr die Schweiz?

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