Die Wende in der DDR im Spiegel der Presse

Inhalt


    Einleitung

    Geschichtlicher ├ťberblick Politische Entwicklung bis zur Gr├╝ndung der DDR 1949 Wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung bis 1989 Die Bedeutung der Presse in der DDR

    Zuspitzung der Lage in der DDR Erste kritische Reaktionen der offiziellen Presse R├╝ckschritt in den alten Stil

    Zusammenfassung


















1. Einleitung

Es war zun├Ąchst nur ein B├╝rokraten - Satz: "Privatreisen nach dem Ausland k├Ânnen ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden." Es wurde der sch├Ânste Satz in der deutsch - deutschen Geschichte. Er zerbrach die Mauer und ├Âffnete die Grenze.

Aus der Geschichte der DDR wird klar, warum die Presse immer ein Sprachorgan der Regierung war. Doch pl├Âtzlich wollten die Menschen lesen, was sie bedr├╝ckt und wie sie damit umgehen k├Ânnen und nicht, wie gut diese Regierung ist.
In wieweit hat die Presse der DDR diesen Wandel geschafft und wurde sie den Anforderungen der Menschen im Aufbruch gerecht?

2.1. Geschichtlicher ├ťberblick: Politische Entwicklung bis zur Gr├╝ndung der DDR 1949

Nach dem 2.┬áWeltkrieg teilten die vier Siegerm├Ąchte USA, UdSSR, Gro├čbritannien und Frankreich Deutschland in vier Besatzungszonen ein, r├╝ckten im Juli 1945 in die im Zonenabkommen festgesetzten Besatzungszonen ein und ├╝bernahmen die Regierungsgewalt. Die sowjetische Zone umfa├čte Mecklenburg, Brandenburg, Sachsenanhalt, Sachsen und Th├╝ringen, die anderen Bundesl├Ąnder wurden unter den ├╝brigen Alliierten aufgeteilt. Die Oberbefehlshaber der vier Zonen bildeten den Alliierten Kontrollrat mit Sitz in Berlin, das zu keiner der vier Besatzungszonen geh├Ârte, sondern von Truppen aller vier M├Ąchte besetzt, in vier Sektoren aufgeteilt und der Alliierten Hohen Kommission Berlin unterstellt worden war.
Auf der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 einigten sich Gro├čbritannien, die USA und die UdSSR darauf, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln. Mit dem Beginn des Kalten Krieges r├╝ckte allerdings die Vereinigung der vier Besatzungszonen zu einem deutschen Staat in immer weitere Ferne. 1947 schlossen sich die britische und die amerikanische Zone zur Bizone zusammen, 1948 vereinigten sie sich mit der franz├Âsischen Zone zur Trizone. Im M├Ąrz 1948 verlie├č der sowjetische Vertreter den Alliierten Kontrollrat, der sich damit aufl├Âste. Im Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland erlassen, im Oktober folgte die Verk├╝ndung der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik - die DDR war entstanden.

2.2. Geschichtlicher ├ťberblick: Wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung der DDR bis 1989

Am 7.┬áOktober 1949 konstituierte sich der zweite Deutsche Volksrat als provisorische Volkskammer, rief die "Deutsche Demokratische Republik" aus und nahm eine gesamtdeutsch konzipierte, parlametarisch - demokratische Verfassung an. Gleichzeitig bildete sich die "Nationale Front des Demokratischen Deutschland" (die sp├Ątere "Nationale Front" der DDR), ein Aktionsb├╝ndnis aller Parteien und Massenorganisationen in der DDR, das unter der F├╝hrung der SED die Parteien in ihrem Sinn koordinierte und die Wahl von Wilhelm Pieck zum Staatspr├Ąsidenten der DDR und von Otto Grotewohl zum Ministerpr├Ąsidenten durch die Volkskammer entscheidend unterst├╝tzte.
Grotewohl bildete eine Allparteien - Blockregierung; die Macht ├╝bte jedoch allein die SED aus. Grotewohls Stellvertreter wurde Walter Ulbricht. Die Oberhoheit ├╝ber Staat und Verwaltung ├╝bernahm die Sowjetische Kontrollkommission (SKK). Bis zum Jahresende nahm die DDR mit der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten diplomatische Beziehungen auf.
Die SED wandte sich nun mehr und mehr von ihrem urspr├╝nglichen Ziel, dem "besonderen deutschen Weg zum Sozialismus", ab und orientierte ihre Politik in Partei, Staat und Gesellschaft ausschlie├člich am sowjetischen Vorbild. Die Parteispitze wurde umstrukturiert: Es wurde das Amt des Generalsekret├Ąrs geschaffen, das Walter Ulbricht ├╝bernahm; die sozialdemokratische Fraktion innerhalb der Partei wurde v├Âllig in den Hintergrund gedr├Ąngt, die Partei ideologisch diszipliniert und allm├Ąhlich zu einer das ganze gesellschaftliche Leben durchdringenden einheitlichen Kraft ausgeweitet. Mit dem Ministerium f├╝r Staatssicherheit (MfS), im Februar 1950 gegr├╝ndet, baute sich die SED ein umfassendes Instrument der Kontrolle ├╝ber die Gesellschaft auf.
Auch die Wirtschaftspolitik der DDR folgte dem sowjetischen Vorbild. Im September 1950 trat die DDR dem Rat f├╝r Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) bei.
Die f├Âderale Struktur mit ihren f├╝nf selbst verwalteten L├Ąndern wurde beseitigt, statt dessen wurden 14┬áBezirke eingerichtet. Im Bereich der Wirtschaft kam es zu einem forcierten Aufbau der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zu einem Fortschreiten der Enteignungen und zu einer Zunahme des "Volkseigentums" an Produktionsmitteln und landwirtschaftlichen Betrieben.
Zur Steigerung der Produktion beschlo├č der Ministerrat am 28.┬áMai eine zehnprozentige Erh├Âhung der Arbeitsnormen ohne Lohnausgleich. Daraufhin kam es am 17.┬áJuni 1953 in der gesamten DDR zu Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Der Aufstand wurde von sowjetischen Truppen niedergeschlagen, weit ├╝ber 1000┬á Streikende wurden inhaftiert und zwischen 25 und 300┬áPersonen get├Âtet.
Dies sollte bis 1989 der letzte sichtbare Widerstand in der DDR sein.
Der politische Druck gegen die Bev├Âlkerung und die gewaltsame Kollektivierung in der Landwirtschaft lie├čen den Fl├╝chtlingsstrom in den Westen anschwellen. Von 1949 bis 1961 flohen insgesamt 2,7┬áMillionen in den Westen. Die Massenflucht entzog der DDR dringend notwendige Arbeitskr├Ąfte und drohte die Wirtschaft der DDR in eine existentielle Krise zu st├╝rzen. Um der massiven Abwanderung Einhalt zu gebieten, lie├č die DDR - F├╝hrung am 13.┬áAugust 1961 die Grenze zu Westberlin sperren und den Bau der Berliner Mauer beginnen.
Damit war eine entscheidende Voraussetzung zur inneren Stabilisierung der DDR geschaffen worden.
Gegen Ende der sechziger Jahre stellte Ulbricht unter Hinweis auf die nicht zu bestreitenden wirtschaftlichen Erfolge - die DDR war nach der Sowjetunion die zweitst├Ąrkste Wirtschaftsmacht im Ostblock - die DDR als Modell und Vorbild f├╝r die anderen sozialistischen Industriestaaten heraus.

Mit der Wahl des ehemaligen FDJ - Chefs Erich Honecker zum 1.┬áSekret├Ąr des ZK der SED und Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates vollzog sich ein Wandel in der DDR. 1972 wurden fast alle noch privaten und halbstaatlichen Betriebe sowie industriell arbeitende Produktionsgenossenschaften des Handwerks in Staatseigentum ├╝berf├╝hrt. Innenpolitisches Ziel blieb nach wie vor der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft.
Anfang der siebziger Jahr kam es zu deutlichen Verbesserungen in der Beziehung zwischen der Bundesrepublik und der DDR. 1971 wurde das "Vierm├Ąchteabkommen ├╝ber Berlin" zur Erleichterung des Transitverkehrs zwischen Berlin (West) und der Bundesrepublik geschlossen. In der Folge wurde die DDR von den meisten Staaten der Welt diplomatisch anerkannt und 1973 zusammen mit der Bundesrepublik in die UNO aufgenommen.
Gerade angesichts der Verbesserung der Beziehungen zur Bundesrepublik ging die DDR zu einem Kurs der Abschottung gegen├╝ber Einfl├╝ssen aus dem Westen ├╝ber. Sie baute die Sperranlagen an der innerdeutschen Grenze aus, erschwerte die Einreise durch eine deutliche Erh├Âhung des Zwangsumtausches, und 1974 strich sie den Begriff "deutsche Nation" aus der Verfassung. Parallel dazu versch├Ąrfte die DDR die Disziplinierung nach innen: Das MfS perfektionierte sein Spitzelsystem, die Zahl der politischen H├Ąftlinge nahm wieder zu, Gesetze wurden versch├Ąrft, Hausarreste waren an der Tagesordnung; Ausdruck dieser h├Ąrteren Gangart war 1976 die spektakul├Ąre Ausb├╝rgerung des S├Ąngers Wolf Biermann. Auf der anderen Seite hatte sich die DDR 1975 mit der Unterzeichnung der KSZE - Schlussakte u.┬áa. zur Einhaltung der Menschen - und B├╝rgerrechte verpflichtet.
Ab Mitte der achtziger Jahre verst├Ąrkte sich der innen - und au├čenpolitische Druck auf das SED - Regime. Der Reformkurs Michail Gorbatschows wurde von der Staatsf├╝hrung der DDR strikt abgelehnt, lie├č jedoch die Hoffnungen der Bev├Âlkerung auf Liberalisierungen wachsen. Der Unzufriedenheit in der Bev├Âlkerung ├╝ber den Mangel an Demokratie und Freiheiten suchte die DDR - F├╝hrung sowohl durch sozialpolitische Ma├čnahmen, wie z.┬áB. Wohnungsbau, als auch mit einer Lockerung der Ausreisepolitik entgegenzuwirken. Trotzdem bildeten sich zahlreiche Oppositionsgruppen, deren Aktionsbereitschaft gegen Ende der achtziger Jahre sichtlich zunahm. Die Eskalation der Situation in der DDR wurde verursacht durch die Kommunalwahlen vom Mai 1989, bei denen oppositionelle B├╝rgerrechtsbewegungen Wahlf├Ąlschungen nachgewiesen hatten. Die Staatsf├╝hrung reagierte mit Restriktionen wie Ausreiseverweigerungen und Strafandrohungen. Im Laufe des Sommers 1989 fl├╝chteten Tausende DDR - B├╝rger in bundesdeutsche Botschaften, vor allem in der Tschechoslowakei und Ungarn; Ende September lie├čen die Tschechoslowakei und Ungarn die Fl├╝chtlinge in den Westen ausreisen. Gleichzeitig kam es ab dem 25.┬áSeptember 1989 ├╝berall zu Massendemonstrationen, ├╝ber die das Regime keine Kontrolle mehr hatte. Am 17.┬áOktober wurde Honecker als Staatsratsvorsitzender und 1.┬áSekret├Ąr durch Egon Krenz abgel├Âst, aber die Massendemonstrationen gingen weiter...


2.3. Die Bedeutung der Presse in der DDR

In der DDR war die Presse lediglich wie ein Amtsblatt der Regierung. Die Zeitungen hie├čen "Organ der Bezirksleitung Rostock" ("Ostsee Zeitung") oder auch einfach "Zentral Organ der SED" ("Neues Deutschland"). Es wurden gezielt die Meinungen der SED wiedergegeben.
Daneben gab es Tageszeitungen der LDPD, der CDU und der NDPD, die aber nur unwesentlich kleine Abweichungen in der gro├čen Linie der Politik andeuteten, stets aber der Zensur entsprachen.
Eine Pressefreiheit existierte zwar nach der Verfassung, trotzdem wurden alle Medien in der DDR vom Staat gesteuert, kontrolliert und zensiert.

Das "Meyers Lexikon" der DDR best├Ątigt dieses und definiert "Presse" so: "...heute Gesamtheit des Zeitungs - und Zeitschriftenwesens. Die Presse, die ihre Wirkung mit (sprachl. und illustrativen) journalist. Mitteln erzielt, ist als eine polit. - ideologische Institution Instrument gesellschaftlicher Kr├Ąfte." (Meyers Lexikon, 1. Auflage von 1980, Seite 720).
Noch konkreter wird die Presse unter dem Stichwort "Massenmedien" beschrieben: "Massenmedien, Massenkommunikationsmittel: Presse, H├Ârfunk, Fernsehen, Film und andere Information und Ideologie verbreitende Einrichtungen, die auf breite Massen einwirken und deren Bewu├čtsein nachhaltig beeinflussen; besitzen als Instrumente der herrschenden Klasse gro├če, durch den wissenschaftlich - technischen Fortschritt weiter zunehmende Bedeutung. (Meyers Lexikon, 1. Auflage von 1980, Seite 593)
So war die Presse f├╝r das Lob auf die Erfolge des Sozialismus und auf der anderen Seite zur klaren ideologischen Abgrenzung gegen den Klassenfeind "Instrument der herrschenden Klasse" - der SED verantwortlich. (ebd.

Oder Norddeutsche Zeitung ?)

Erst in den letzten Monaten vor der Grenz├Âffnung entwickelte sich die DDR - Presse zu einem von allen mit gr├Â├čter Aufmerksamkeit beachteten Medium. Meterlange Schlangen bildeten sich vor Kiosken, die die aktuelle Tagespresse verkauften. Die Menschen erwarteten pl├Âtzlich Informationen. (vgl. Anlage, Norddeutsche Zeitung, 3.11.89)

Zuvor hatte sich bereits eine Untergrundpresse entwickelt (Umweltbl├Ątter, "Die Plattform"), die ├╝ber Mi├čst├Ąnde in der DDR berichteten; auch der "Sputnik" als sowjetische Zeitschrift mit Tendenzen von Offenheit wurde interessiert als Mangelware, aber wichtige Informationsquelle gelesen.
Ma├čstab f├╝r diese Art der Informationen war mehr die westdeutsche Interpretation von "Presse": "... Die Presse erf├╝llt wichtige soziale Funktionen. Medien sind der Ausdruck der in Rechtsstaaten garantierten Meinungsfreiheit und somit eine wichtige Institution der politischen ├ľffentlichkeit. Oft ist daher die Pressefreiheit als Teil der Meinungsfreiheit durch besondere Gesetze gesch├╝tzt. So k├Ânnen beispielsweise die Strafverfolgungsbeh├Ârden (Gerichte, Polizei) nur in Ausnahmef├Ąllen von Journalisten verlangen, dass
diese ihre Informanten preisgeben. Die Presse f├Ârdert durch Informations - und Meinungsaustausch in Teilbereichen der Gesellschaft oder bestimmten Regionen die kulturelle und soziale Integration. Sie legt aber auch kulturelle und soziale Missst├Ąnde offen. Die Presse versorgt die ├ľffentlichkeit mit aktuellen Informationen, die zur Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung in verschiedenen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Bereichen wichtig sind. Die Presse diskutiert und artikuliert die in der Gesellschaft anerkannten oder sich entwickelnden Werte, Ziele, Interessen und Meinungen. Sie befriedigt soziale Bed├╝rfnisse nach Unterhaltung, Entspannung, Bildung und Information... " (Encarta 98, Stichwort "Presse")

3. Zuspitzung der Lage in der DDR

3.1. Erste kritische Reaktionen der offiziellen Presse

Am 5. November 1989 machte die Regierung erste Eingest├Ąndnisse. Ein neues Reisegesetz wurde entworfen. Was vor einem halben Jahr noch eine absolute Sensation gewesen w├Ąre, wurde jetzt milde bel├Ąchelt und von fast allen Seiten abgelehnt. Es gab mehr Demonstrationen und immer mehr Fl├╝chtlinge, die in Kasernen und Schulen in der BRD untergebracht wurden.
Fast unbemerkt passierte zeitgleich eine kleine Sensation im DDR - Fernsehen. Auf dem ehemaligen Sendeplatz des "Schwarzen Kanals" wurde eine Reportage ├╝ber die Stadt Leipzig gebracht. In dieser Reportage wurden die Schattenseiten Leipzigs gezeigt, Politiker wurden befragt, warum Tausende Wohnungen kurz vor dem Zusammenfall stehen, und wann der Staat dagegen etwas tun will.
Nie zuvor wurde in den DDR - Medien so etwas diskutiert, nie zuvor wurde der Staat auf diese Weise kritisiert.

Am 6. November strahlte das DDR - Fernsehen die Sendung "Elf 99", ein Jugendmagazin, aus. In dieser Sendung wurden Teilnehmer der zahlreichen Demonstrationen befragt, was denn ihre Ziele und ihre Vorstellungen von einer neuen DDR sein. W├Ąhrend eines Gespr├Ąchs ├╝ber den Sozialismus in der DDR und dessen M├Âglichkeiten wurde mit Laufschrift eingeblendet, dass das Politb├╝ro geschlossen zur├╝ckgetreten ist. In der "Aktuellen Kamera", der einzigen Nachrichtensendung der DDR, erkl├Ąrte man den B├╝rgern der DDR, dass dieser Schritt notwendig gewesen sei, um j├╝ngeren Politikern den Weg frei zu machen.
Nach und nach geriet die DDR neben den politischen auch in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Es mangelt ├╝berall an Fachkr├Ąften, allein 1.500 ├ärzte sind bereits aus der DDR geflohen, ein Ende der Fluchtwellen war nicht abzusehen. Die Schriftstellerin Christa Wolf ├Ąu├čerte sich in einer Fernsehansprache zu diesen Problemen. Sie bittet die B├╝rger der DDR, zu ihrem Vaterland zu halten und zu bleiben. Die Lage wird immer gespannter, auf den Stra├čen sammeln sich immer mehr Menschen, die Forderungen nach Ver├Ąnderungen werden immer lauter.




3.2. R├╝ckschritt der Presse in den alten Stil

Am 9. November wurde in der "Ostseezeitung" auf Seite 1 die Neuwahl des Politb├╝ros bekannt geben. Der Artikel besteht zur H├Ąlfte aus Namen; den alten Politb├╝romitgliedern und den neuen. Der zweite Teil beinhaltet die Dankesrede von Egon Krenz an die zur├╝ckgetretenen Mitarbeiter im Politb├╝ro: kein Wort ├╝ber inhaltliche Ver├Ąnderungen, kein Wort ├╝ber eine neue Politik. Krenz bedankt sich im Namen der ganzen DDR f├╝r die Arbeit der zur├╝ckgetretenen Politiker, w├╝rdigt diese in h├Âchstem Ma├če, verurteilt aber gleichzeitig die Menschen, die f├╝r die Probleme in der DDR verantwortlich sind: "Unser Land durchlebt eine angespannte und ├Ąu├čerst schwierige Entwicklung. Die Verantwortung daf├╝r tragen nicht die Werkt├Ątigen, nicht die Angeh├Ârigen der Intelligenz, nicht die Kulturschaffenden, Lehrer und Studenten; die Verantwortung daf├╝r tragen nicht die Millionen ehrlicher Kommunisten, die schon seit langem auf die sich angestauten Probleme in unserer Gesellschaft hingewiesen haben. Die Verantwortung tragen Genossen, die Subjektivismus in der Betrachtungsweise der Entwicklung unseres Landes und in der Entscheidung ├╝ber wichtige Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung als Meinung aller Parteimitglieder ausgegeben und durchgesetzt haben." (OZ, 9.11.89)
Passend zum Thema druckt die OZ neben diesem Artikel einen Leserbrief ab, der Krenz‘ Aussage best├Ątigt und darauf hinweist, dass es niemandem im Sozialismus schlecht ging und es entsetzlich ist, mit anzusehen, wie viele Menschen pl├Âtzlich Ver├Ąnderungen fordern. "[...] Doch voller Bitterkeit fragen wir uns, ob es kulturvoll und w├╝rdevoll ist, wenn sich welche hinstellen und in die erregte Menge schreien, dass 40 Jahre DDR Chaos und Niederlagen w├Ąren? Das entspricht nicht den Tatsachen, das best├Ątigen uns auch andere V├Âlker, und es beleidigt mich auch zutiefst. Sehe ich mir dann auch noch einige der Schreih├Ąlse genauer an, verfolge ich ihren Lebenslauf, dann kann ich nur warnen. Vorsicht! Demagogen! [...]" (OZ, 9.11.89)
Neben all diesen ├╝blichen Jubelschreien auf die DDR erscheint ein paar Seiten weiter eine kurze Notiz, dass das "Neue Forum" als Partei zugelassen wurde. Das "Neue Forum" war bisher nur als Herausgeber der illegalen Zeitung "Aufbruch" bekannt. Mit der Zulassung des Neuen Forum versucht die SED ein letztes Mal, Spannungen zwischen Regierung und Volk abzubauen und Oppositionelle zu bes├Ąnftigen. Aber auch dazu ├Ąu├čert sich kein Politiker der DDR in der Presse.

Um 18 Uhr desselben Abends beginnt eine Pressekonferenz mit G├╝nter Schabowski, im neuen Politb├╝ro verantwortlich f├╝r Informationspolitik.
Ein Reporter der italienischen Nachrichten Agentur ANSA fragt routinem├Ą├čig, wie es denn nun aussehen solle mit einer neuen Reiseregelung f├╝r DDR - B├╝rger. Schabowski liest monoton einen ihm zugeschobenen Zettel ab: "Mir ist eben mitgeteilt worden - der Ministerrat der DDR hat beschlossen: Privatreisen nach dem Ausland k├Ânnen ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanl├Ąsse und Verwandschaftverh├Ąltnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Versagungsgr├╝nde werden nur in besonderen Ausnahmef├Ąllen angewandt." Auch Visa zur st├Ąndigen Ausreise w├╝rden erteilt, die Ausreisen k├Ânnten "├╝ber alle Grenz├╝bergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin - West erfolgen." Stille herrscht im Saal, bis die Presseleute die Sensation erfassen, die sich hinter dem d├╝rren Amtsdeutsch verbirgt. Ab wann? "Wenn ich richtig informiert bin, nach meiner Kenntnis unverz├╝glich", sagt Schabowski, jetzt selbst z├Âgernd.
Um 19:02 Uhr endet die Pressekonferenz. F├╝nf Minuten sp├Ąter verbreitet ADN, die amtliche Nachrichtenagentur der DDR, die neue Reiseregelung.
Um 20:30 Uhr werden die Ereignisse im Bundestag in Bonn bekannt. Drei Abgeordnete stimmen spontan die Nationalhymne an, viele Politiker haben Tr├Ąnen in den Augen.
Gegen 21:30 Uhr st├╝rmen die ersten Ostberliner an die Grenzen nach Westberlin, noch herrscht Ungewi├čheit unter den Menschen, niemand wird durchgelassen. Dann, um 22 Uhr brechen alle D├Ąmme, der Schie├čbefehl wird aufgehoben, die Grenzen sind offen. ├ťberall str├Âmen die Menschen in den anderen Teil der Stadt, die Menschen sind ├╝bergl├╝cklich und werden von den Westberlinern begr├╝├čt und umarmt, ├╝berall wird gefeiert.

Ein Team des DDR - Fernsehens ist an diesem Abend in Berlin noch zuf├Ąllig unterwegs. Es h├Ârt von der Grenz├Âffnung und fragt sofort in seiner Redaktion nach: "Sollen wir diese unglaublichen Bilder drehen ?" Antwort: Ein kategorisches "Nein". Ausdr├╝ckliches Drehverbot. F├╝r das DDR - Fernsehen und die regierungsamtliche

Nachrichtenagentur ADN findet das historische Ereignis nicht statt. Auch in den Zeitungen des n├Ąchsten Tages ist nichts ├╝ber die Grenz├Âffnung zu finden. Keine neue Reiseverordnung, keine Pressekonferenz, nichts. Das Ereignis wird totgeschwiegen.
Erst am darauffolgenden Montag, dem 13. November gibt es erste Bilder und Stellungnahmen in den Zeitungen der DDR. Zeitgleich werden aber auch die neuen Programme der SED zur Erneuerung der DDR bekanntgegeben, so dass die Ereignisse des 9. Novembers schnell wieder in Vergessenheit geraten sollten. 16 Zeilen ist die Zusammenfassung dieses Tages am 13. November in der OZ lang. Viel gr├Â├čer dagegen sind die Schlagzeilen, in denen die Rede davon ist, dass die DDR - B├╝rger "von den BRD - Realit├Ąten entt├Ąuscht sind" (OZ, 13.11.89) oder auch wenn ├╝ber das "Eklatantes Versagen des Bundeskanzlers in entscheidender Situation" (OZ, 13.11.89) berichtet wird.
Lediglich die Jugendzeitung "Junge Welt" berichtet schon am 11. November mit ein paar Zeilen von den Ereignissen, jedoch immer mit dem Unterton "Beeindruckt vom gro├čen Intershop - aber die Heimat ist die DDR" (JW, 11.11.89).

Die Westliche Presse informiert ihre B├╝rger dagegen wesentlich ausf├╝hrlicher. Die "Bild am Sonntag" bringt zum Beispiel am 12.11.1989 einen 10 - seitigen Sonderteil und informiert ├╝ber alle Ereignisse der letzten Tage und gibt sogleich praktische Tips, zum Beispiel zur Identifikation der "G├Ąste" mit Hilfe des Autokennzeichens.
W├Ąhrend sich die "Berliner Zeitung" Ende Dezember noch entschuldigt, dass jetzt auch Reklame von westlichen Firmen in der Zeitung erscheinen wird, bringt die "Berliner Illustrierte" eine Sonderausgabe zur "Revolution in der DDR" heraus. In der "Neuen Zeit" erscheint eine Todesanzeige mit dem Text: "Pl├Âtzlich und unerwartet, f├╝r uns alle unfa├čbar, verstarb die Mauer. 13.8.1961 - 9.11.1989. Wir weinen ihr keine Tr├Ąne nach..." (NZ, 8.12.89).

4. Zusammenfassung

Die Auffassung der DDR, was Presse zu sein hat - ein Machtmittel der herrschenden Klasse - musste in dem gleichen Ma├če, wie die Macht des Staates selber zerbrach, auch der Funktion der Presse Schaden zuf├╝gen. So war die Presse an den entscheidenden Punkten sprachlos (10. Nov. 1989) und versuchte gegen alle Tatsachen parteilich und optimistisch zu bleiben. Das Selbstbewu├čtsein der Redakteure schien aber mit dem Anspruch, der un├╝berh├Ârbar von der Bev├Âlkerung ausging, dass man von der Presse die "Wahrheit" h├Âren wollte - ohne jede Besch├Ânigung und Verf├Ąlschung, zu wachsen. So wurde die "freie Presse" endlich zu einem echten Ziel.

Die Phase um die Grenz├Âffnung zeigt zugleich Grenzen und Chancen der Presse. Eine intensivere und sch├Ąrfere Konfrontation von Auffassungen der Bedeutung von Presse hat es in diesem Jahrhundert wohl kaum gegeben. Sie ist auch nur auf dem historischen Hintergrund der DDR zu verstehen, weshalb ich diesen Fakten in meiner Betrachtung auch gro├čen Raum gegeben habe. Fremdbestimmung und Machterhalt in einem Staat formen eine Presse, die selber diese Form und Funktionen ├╝bernimmt.

Quellen - und Literaturverzeichnis:

    Video: "Chronik der Wende" vom ORB, privater Mitschnitt vom 5.11.1994 bis 13.11.1994 "Encarta 98 Enzyklop├Ądie" von Microsoft "Berliner Illustrierte", Sonderausgabe vom Dezember 1989 "Ostseezeitung" (Organ der Bezirksleitung Rostock der SED) vom 9.11.1989 bis 13.11.1989 "Junge Welt" (Organ des Zentralrats der FDJ) vom 11./12.11.1989 "Norddeutsche Zeitung" (Tageszeitung der LDPD) vom 3.11.1989 "Schweriner Volkszeitung" (Organ der Bezirksleitung Schwerin der SED) vom 4.10.1989 "Bild am Sonntag" vom 12.11.1989 "Berliner Zeitung" vom 21.12.1989

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