Georg Moller - Der Klassizist im Kontext

Georg Moller - Der Klassizist im Kontext

Der Klassizismus war keine Epoche wie die Gotik oder der Barock. Er hatte nur wenige Jahrzehnte bestand und nicht wie andere Epochen ĂŒber Jahrhunderte. Außerdem war er nicht langsam gewachsen, sondern aus seiner geschichtllich - sozialen Situation heraus unausweichlich gewesen. NatĂŒrlich hat sich auch der Klassizismus wie andere Epochen schon vorher frĂŒhzeitig angekĂŒndigt, doch die gesellschaftlichen UmstĂ€nde beschleunigten, ja sie entfachten ihn sogar. Diese Ära muss als Grundstein fĂŒr das moderne Europa gesehen werden, denn damals wurden die Weichen fĂŒr eine Umstellung von absolutistischer Monarchie zur Demokratie gestellt.
Als die Ideen des Klassizismus entstanden, sah es in Europa fĂŒr den gemeinen Menschen schlecht aus. Die LĂ€nder und Staaten wurden von absolutistischen MĂ€chten regiert, wer arm geboren wurde, starb auch so. In dieser Zeit, Mitte des 18. Jahrhunderts, sind die geistigen AnfĂ€nge dieser Epoche zu finde. Diese hatten zwei unterschiedliche Wurzeln; auf der einen Seite ist die Altertumsforschung in Rom zu sehen, durch dessen Ausgrabungsarbeiten und dem Erinnern an alte Ideale und dessen Architektur entstanden neue Denkansichten. Auf der anderen Seite war die Sturm und Drang Phase, hervorgerufen durch junge Wilde, die ihren Unmut ĂŒber das System in ihren Werken zum Ausdruck brachten.

Die Wurzeln

Die erneute WertschĂ€tzung der antiken DenkmĂ€ler hatte der in Rom lebende Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann (1717 - 1768) eingeleitet. Er verkĂŒndete, dass die intensive BeschĂ€ftigung mit dem antiken Formengut den Zeitgenossen zu höherer Bildung und zu ethischer Bereicherung fĂŒhre. Diese neue ArchitekturverstĂ€ndnis war die Grundlage der klassizistischen Architektur, und seine "Gedanken ĂŒber die Nachahmung" von 1755 war die richtungsweisende Schrift des deutschen Klassizismus. ArchĂ€ologisches Studium verband sich dabei mit klassisch empfundenen Stilregeln, wie sie der italienische Architekt Andrea Palladio (1508 - 1580) realisiert hatte. Englische Architekten, die den sogenannten Palladianismus bereits seit dem 17. Jahrhundert gepflegt hatten, wurden Vorbilder der frĂŒhen klassiz. Baukunst.
Um 1770 ging eine große Unruhe durch die europĂ€ische Studentenschaft, die sich auch in der Literatur bemerkbar machte und sich gegen die kĂŒhle, strikte und verstandesgemĂ€ĂŸe AufklĂ€rung richtet. Außerdem richteten sich literarische wie politische Strömungen gegen jede Art der Bevormundung oder UnterdrĂŒckung. Jeder Mensch sollte sich frei entfalten können und nicht durch irdische oder geistige Fesseln eingeengt sein. Die Intellektuellen jener Zeit wollten die bĂŒrgerliche SphĂ€re durchbrechen und eine Verbindung zum arbeitenden Volk und zu den Bauern schaffen. Freiheit brach wie ein Zauberwort in die Reihen der jungen Menschen, die sie auch in schriftlicher Form auslebten. Jede Formvorschrift und Regel konnte auf einmal gebrochen werden, es gab keine Versform und keinen Dramenaufbau mehr; die Form wurde vom Werk erschaffen und sollte nicht mehr von außen aufgezwungen werden.
Zwei der wohl bekanntesten Personen des Sturm und Drangs waren Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe, wobei besonders Goethe sich spĂ€ter auch der Architektur widmete. In ihren Werken kritisierten sie die ZustĂ€nde in ihrem Land, und forderten eben jenen die Phase prĂ€genden Ruf nach einem freien Leben in ihren Dramen, wie z.B. im "Götz von Berlichingen" (1773) von J.W. Goethe und in "Die RĂ€uber" (1782 UrauffĂŒhrung) von F. Schiller.
Als ein Beispiel par excellence kann man den das Ende des Buches "Faust" von Goethe sehen:

"Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der tÀglich sie erobern muss.
Und so verbringt, umrungen von Gefahren,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tĂŒchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möchte ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn."

Die deutschen Intellektuellen entdeckten in den Idealen der AufklĂ€rung ihre eigene geistige IdentitĂ€t und entwickelten eine eigene Kultur. Damit bereiteten sie auch den Boden fĂŒr eine avantgardistische, klassizistische Architektur, in einer Zeit, in der Deutschland noch immer stark von importierten franz. Architekten abhĂ€ngig war.
Dass so eine VerĂ€nderung erst möglich wurde, lag nicht nur an einer Minderheit von freien Denkern, sondern auch an einem Fördern von kulturellen Zentren an den Höfen, wie etwa die von Weimar, Mannheim und Darmstadt, welche Kunst und Wissenschaft unterstĂŒtzten. So gab am Hofe des Großherzogs Karl August von Sachsen - Weimar Goethe den Ton an, wĂ€hrend KurfĂŒrst Karl Theodor im Jahre 1763 in Mannheim eine Akademie der Wissenschaft grĂŒndete. Sein Hof wurde berĂŒhmt durch die Errichtung eines Nationaltheaters, in dem Schillers Drama "Die RĂ€uber" seine UrauffĂŒhrung erlebte. In Darmstadt unterhielt die LandgrĂ€fin Karoline enge Kontakte zu z. B. Goethe, Herder und Friedrich dem Großen.

Die AnfÀnge

Rom gehörte zu den Bildungsreisen wie Paris, London oder Amsterdam. Hier machte im Jahr 1765 der Dresdner Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff die Bekanntschaft mit Winckelmann. Dessen Einfluß und Erdmannsdorffs gesammelten Erfahrungen, besonders aus den Werken Palladios, schufen die Grundlage fĂŒr den ersten klassiz. Bau Deutschlands - das Schloß bei Wörlitz (1769 - 1773). Das GebĂ€ude verzichtete auf jeden barocken Aufwand, strahlte Einfachheit und Ruhe aus. Aber auch die Umgebung wurde anders gestaltet - nicht der streng - symetrische franz. Barockgarten umgab es, sondern der engl. Landschaftsgarten. In diesem forderten architektonisch oder skulptural betonte StĂ€tten zur Erinnerung auf, zum melancholischen In - sich - gehen; Urnen und Ruinen lösten wehmĂŒtige Stimmungen und Gedanken an die VergĂ€nglichkeit aus.
Welche Wirkung der gesamte Entwurf auf Architekten hatte, zeigt ein Ausschnitt aus einem Brief von Carl Gotthard Langhans (1732 - 1808), als er fĂŒr zwei Tage im Jahr 1775 in Wörlitz weilte. Er schrieb, dass er "brenne vor Verlangen, bald in Dyhernfurth etwas in dieser Art anlegen zu können".
Die neuen Ideale trafen natĂŒrlich nicht nur bei den Architekten auf offen Ohren, sondern auch bei den Herrschern der Höfe. So entwickelte sich Berlin im Gebauten, mehr aber noch in den EntwurfsfĂ€higkeiten und pĂ€dagogisch und publizistischen Intentionen zu einem Zentrum der klassiz. Architektur in Deutschland. Nach dem Tod Friedrich II 1786 war sein Nachfolger auf dem preußischen Thron Friedrich Wilhelm II bestrebt, die aus dem siebenjĂ€hrigen Krieg hervorgegangene politische und ökonomische StĂ€rke des Staates zu festigen. Aus diesem Grund holte er die fĂŒhrenden Architekten des neuen Stils nach Berlin. So kam 1786 Langhans aus Breslau und 1788 folgten ihm Erdmannsdorff aus Dessau und David Gilly aus Stettin. Sie bekamen leitende Positionen als Beamte und sind wohl als der NĂ€hrboden fĂŒr die kommenden Architekten zu sehen. Eines der wohl bekanntesten Werke dieser frĂŒhen Phase war das Brandenburger Tor von Langhans aus den Jahren 1788 - 91.
In die Bauphase dieses Objektes fiel die franz. Revolution 1789. Der Umsturz eines absolutistischen Systems und der Ausruf der Demokratie, beflĂŒgelte auch die Deutschen. Die Bestrebungen waren aber nicht wie in Frankreich ein Politikum, ein Erziehungsmittel zur Demokratie, wie es die Griechen vorgelebt hatten, sondern sie waren wie ein Spiel, wenn auch ein ernsthaftes, im Reich des Geistes und der Schönheit. Geistiger Austausch wurde zu einem BedĂŒrfnis fĂŒr viele und vergleichbar mit den franz. Salons entstanden in Deutschland SammelstĂ€tten des gesellschaftlichen und geistigen Lebens. Damit auch die Stimmen der Abwesenden dem Kreis nicht verlorengingen und die freundschaftliche Verbindung nie Abriß, wurden hĂ€ufig und sehr lange Briefe gewechselt. Wenn also im folgenden von Reisen oder neuen WirkungsstĂ€tten gesprochen wird, so ist trotzdem ein Kontakt zu alten Freunden und Bekannten anzunehmen.
Die Deutschen standen in vorderster Reihe dieses Neugriechentums, was z.B. die EntwĂŒrfe zeigten, die Weinbrenner in den neunziger Jahren des 18. Jh. in Berlin fĂŒr die Neugestaltung des Pantheon in den elementaren Formen des dorischen Stils anfertigte. Architekten wie Weinbrenner brannten darauf, eine neue architektonische Sprache zu verwirklichen, mit der sie sich völlig identifizieren konnten.
Aber es entstanden auch neue Bautypen, wie das Theater, das nun auch dem gemeinen Zuschauer viele und gute PlĂ€tze bot, oder DenkmĂ€ler fĂŒr herausragende Persönlichkeiten. Eines der ersten DenkmĂ€ler sollte das von Friedrich II werden. 1796 rief Friedrich Wilhelm II einen Wettbewerb fĂŒr ein Nationaldenkmal aus, an dem die bekanntesten Architekten der Zeit teilnahmen, u.a. Aloys Hirt, Carl Gotthard Langhans, Heinrich Gentz, Friedrich Weinbrenner und Friedrich Gilly. Hier tauchen nun außer Langhans eine Vielzahl neuer Namen auf, die erst einmal nĂ€her betrachtet werden mĂŒssen, um ihre Auswirkungen zu sehen, bzw. von wem sie beeinflußt waren.
Der Kunsthistoriker Aloys Hirt (1759 - 1834) gehörte in den 80er Jahren des 18. Jh. zur Deutschen Kolonie in Rom, in einem Zeitraum, als sich auch sein spĂ€terer Freund Goethe dort aufhielt. Sein Schaffen in der Zeit bis zum Wettbewerb ist eher unbedeutend, doch hier bĂŒndeln sich die Namen dieser herausragenden Personen das erste mal. Im weiteren Verlauf der Geschichte nahm er noch starken Einfluß auf das Architekturgeschehen.
Auch Heinrich Gentzs (1766 - 1811) TĂ€tigkeiten waren zu diesem Zeitpunkt noch bescheiden. Vor dem Wettbewerb erhielt er eine Ausbildung in Berlin bei Gontard und war dank eines königlichen Stipendiums in der Zeit von 1790 - 95 auf Reisen, wovon er dreieinhalb Jahre in Rom verbrachte, wo er Verbindungen zu Weinbrenner knĂŒpfte. Seine Suche nach den UrsprĂŒngen der Architektur fĂŒhrten ihn nach Paestum und Sizilien, was damals eine Pflichtroute fĂŒr eine Italienreise war. Dort arbeitete er mit Aloys Hirt, den er aus Rom kannte, zusammen an wissenschaftlich - archĂ€ologischen Untersuchungen der großgriechischen Tempelarchitektur.
Wie bei Hirt und Gentz kam auch die große Zeit von Friedrich Weinbrenner (1766 - 1826) erst spĂ€ter. Er wurde in den neuen Klassizismus eingefĂŒhrt, als er 1791 Langhans, mit dem er auch Freundschaft schloß, und Gilly in Berlin begegnete. Ein Jahr spĂ€ter machte auch er einen langjĂ€hrigen Auslandsaufenthalt, wovon er die meiste Zeit in Rom verbrachte. Er folgte der gleichen Route wie schon seine VorgĂ€nger nach Paestum und Sizilien und schloß Freundschaft mit dem in Rom lebenden Aloys Hirt, dessen spĂ€ter erscheinendes Werk er wĂ€hrend seines Romaufenthaltes illustrierte ("Die Baukunst nach den GrundsĂ€tzen der Alten", 1808).
Der letze der oben genannten war Friedrich Gilly (1772 - 1800). Er war der Sohn David Gillys und schon vor dem Wettbewerb bekannt, doch unsterblich wurde er durch seinen Wettbewerbsentwurf. 1790 ging er an der Akademie der KĂŒnste in die zweijĂ€hrige Lehre bei Langhans und Erdmannsdorff, wobei besonders Erdmannsdorff ihn fĂŒr den klassizistischen Stil prĂ€gte. Gillys Vorliebe fĂŒr die reinen und edlen Formen der Antike wurden nicht nur durch diese Studium gefördert, sondern auch durch die LektĂŒren Winckelmanns und Goethes. 1794 fertigte er Zeichnungen der mittelalterlichen Marienburg an, die durch ihr Motiv dem erwachten Nationalstolz entgegen kam. Denn zu Beginn dieser Phase war man der Überzeugung, dass die Gotik in ihren UrsprĂŒngen deutsch war, so dass der Nationalstolz sich am besten durch eben diesen Stil zum Ausdruck kam. Dass die Gotik franz. Ursprungs war, wurde erst Jahre spĂ€ter festgestellt. Der König Friedrich Wilhelm II sah spĂ€ter seine ausgestellten Arbeiten ĂŒber die Marienburg und Gilly erhielt ein Stipendium fĂŒr eine Studienreise nach Italien.
Doch nun zurĂŒck zum Wettbewerb des Nationaldenkmals. Es wurde zwar der Entwurf Langhans zur Realisierung ausgewĂ€hlt, doch mit dem etwas spĂ€ter verstorbenen König wurde auch die AusfĂŒhrung zu Grabe getragen. Der Entwurf von F. Gilly aber sorgte fĂŒr Aufsehen. Zum einem natĂŒrlich durch die archit. Ausarbeitung, zum anderen aber auch durch eine ganz neue Wahl des Bauplatzes. Beeindruckt von der jungen und dynamischen Ausdrucksform fĂŒhlten sich Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841) und Leo von Klenze (1784 - 1864) zum Architekturstudium berufen. Dieser Entwurf war wie ein Weckruf, ein Aufruf fĂŒr eine neue Epoche, dessen Saat in MĂ€nnern wie Klenze und Schinkel aufging.
An der 1793 errichteten Bauschule D. Gillys, die er ab 1799 als Bauakademie fĂŒhrte, wurde ab 1798 Schinkel und ab 1800 Klenze unterrichtet. Beide durften im Hause Gillys wohnen und schlossen Freundschaft, die sie auch in spĂ€teren Jahren pflegten. WĂ€hrend der Abwesenheit F. Gillys ĂŒbernahm die Betreuung D. Gilly, an dessen Schule auch Aloys Hirt unterrichtete. In dessen Lehre fand Klenze eine klare Orientierung, zumal F. Gilly kurz nach dessen Eintritt in die Bauakademie starb. Die ihn geprĂ€gten Ideale sah Klenze darin, die griech. Form nicht lediglich zu imitieren, sondern sie in seinem eigenen Werken weiterzuentwickeln.
Im Gegensatz zu Klenze wurde Schinkel noch stĂ€rker von F. Gillys Lehre beeinflußt, der ihn spĂ€ter stets als einzigen Meister betrachtete. In Gillys Schrift ĂŒber die Einbindung des Denkmals Friedrich II in die Umgebung lagen die UrsprĂŒnge fĂŒr so vieles, was fĂŒr ihn spĂ€ter zentrale Bedeutung erhielt. Denn Schinkel setzte sich nicht nur mit dem einzelnen Bauwerk als Ă€sthetisches Objekt auseinander, sondern auch mit dessen Beziehung zur Umgebung und zu den Benutzern.
Einer der wenigen Architekten die mit F. Gilly zusammenarbeiteten war sein Schwager Heinrich Gentz. Gentz lehrte nach seiner RĂŒckkehr nach Berlin ab 1796 an der Kunstakademie, wechselte aber zwei Jahre spĂ€ter zur Bauakademie, wo er Vorlesungen ĂŒber Stadtplanung hielt und als Architekt eng mit Gilly kooperierte. Die Berliner MĂŒnze (1798 - 1800) war ein Ergebnis dieser Gemeinschaftsarbeit, die bis 1806 in ihrem Obergeschoß die Bauakademie beherbergte, welche zu einer der wichtigsten Architekturschulen Europas wurde, an der auch Weinbrenner SchĂŒler war.

Erste SprĂ¶ĂŸlinge

Nach F. Gillys Tod entstand ein Umbruch in der Architektengemeinschaft Berlins. Ob das Ableben Gillys den Weggang vieler Architekten beeinflußte, sei dahingestellt.
1801 verließ Heinrich Gentz Berlin und wurde auf Empfehlung Aloys Hirts von Goethe nach Weimar geholt, wo er zwei Jahre am Schloß arbeitete. Doch wieso ist ein Literat fĂŒr die archit. Leitung eines Schlosses zustĂ€ndig? Die Antwort erklĂ€rt sich aus dem breiten Ausbildungsspektrum der damaligen Zeit und dem persönlichen Interesse der Person Goethes. Bei einem Besuch des Straßburger MĂŒnsters 1772 erkannte er, dass die Architektur die Seele anzurĂŒhren vermochte. Er wurde AnhĂ€nger des damals vernachlĂ€ssigten got. Stils und sah in ihm das deutsche Wesen verankert. Im Laufe der Jahre wandelte sich sein Geschmackssinn und angetan von den engl. GĂ€rten hielt er regen Kontakt mit Erdmannsdorff, wĂ€hrend dieser den Garten in Wörlitz anlegte. 1776 siedelte Goethe nach Weimar ĂŒber, wo er ein Jahr spĂ€ter den Schloßpark anlegte. Wie die Architekten seiner Zeit unternahm auch er Reisen nach Italien, wĂ€hrend denen er die Zuneigung zur griech. - röm. Architektur entwickelte. 1795 brachte er sein Buch ĂŒber die "Baukunst" heraus, wobei dies nicht seine erste archit. Niederschrift war. WĂ€hrend seinen architektonischen TĂ€tigkeiten legte er keinen Wert darauf, mit Ă€lteren, in der Tradition des Palladianismus stehenden Architekten zusammenzuarbeiten, sondern stets die Verbindung zu jungen, von den Idealen des Hochklassizismus durchdrungenen KrĂ€ften zu suchen. Vor diesem Hintergrund war wohl auch die Einstellung Gentzs und anderer Architekten zu sehen.
Ein Jahr vor Gentz verließ auch Weinbrenner Berlin, um in seiner Geburtsstadt Karlsruhe eine Architekturschule zu grĂŒnden, die 1825 in das neu geschaffene Polytechnikum, heute UniversitĂ€t Karlsruhe, eingegliedert wurde. Weinbrenner hielt sich bei seiner Ausbildung an die klass. Ideale Winckelmanns, Hirts und Goethes, legte aber auch großen Wert auf Einfachheit und konstruktive PraktikabilitĂ€t. Er bildete mehr als 100 Architekten aus, von denen einige wie HĂŒbsch und Moller zu Leitfiguren der nĂ€chsten Generation wurden. Seine Arbeit in Karlsruhe lag mehr im stĂ€dtebaulichen Bereich, in dem er sich um die Umgestaltung der Stadt kĂŒmmerte. So entstand von 1804 - 1824 der Marktplatz mit seinen ausgewogenen, aber keineswegs uniformen Bauwerken.
1803 verließ auch Leo von Klenze Berlin und arbeitete zuerst in Paris, bevor er sich ĂŒber SĂŒdfrankreich nach Italien aufmachte. 1808 folgte er einem Ruf als Hofbaumeister nach Kassel, dass er nach dessen Zusammenbruch durch den Niedergang Frankreichs 1814 verließ.
Friedrich Schinkel verweilte noch einige Zeit in Berlin und setzte das Erbe F. Gillys fort. Die Gotik, der "altdeutsche" Stil, war Schinkel schon wĂ€hrend seiner Lehrzeit nahegekommen, wo ab 1799 aus Zeichnungen F. Gillys Kupferstiche der verfallenen Marienburg entstanden. 1803 wurde unter der Teilnahme Schinkels die Wiederherstellung eingeleitet, was schon werterhaltende Denkmalpflege war. SpĂ€ter regte er eine staatliche Einrichtung zur Denkmalpflege an, die es ab 1843 in Preußen gab.
Nach den Baumasnahmen ging Schinkel 1803 nach Italien und Sizilien, also die Architektenroute, von wo er 1805 ĂŒber Paris nach Berlin zurĂŒckkehrte. Die Lage Preußens war durch die Ausdehnung Frankreichs schlecht geworden und nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 waren die BautĂ€tigkeiten erschwert, so dass er sich gezwungen sah, mit der Malerei Geld zu verdienen. So entwarf er fĂŒr die AuffĂŒhrung Mozarts "Zauberflöte" die BĂŒhnenmalerei.
Der letzte bedeutende Bau Berlins vor der franz. Besetzung fiel in den Nachlass F. Gillys. Sein Entwurf des Schauspielhauses wurde durch Langhans in leicht verĂ€nderter Form 1800 - 1801 errichtet. Der Stillstand der BautĂ€tigkeiten von 1806 bis nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 fĂŒhrte aber nicht zu einem Stillstand in den Köpfen.

Die Saat geht auf

Was die Altertumsforschung und der Sturm und Drang eingeleitet hatte und sich ĂŒber die ersten SchĂŒler fortsetzte, fand nun eine freie Entfaltung. Die ehemaligen SchĂŒler wurden zu Lehren und wurden nun selbst von wissensdurstigen Menschen aufgesucht. Außerdem konnte das so lange erlernte endlich realisiert werden.
Einer der frĂŒhesten SchĂŒler der neuen Architektengeneration war Georg Moller (1784 - 1852). Dieser lernte an der Architekturschule in Karlsruhe von 1802 - 1807 bei Weinbrenner. Nach seiner Lehre begab auch er sich, dem Rat Weinbrenners folgend, den er all seinen SchĂŒlern gab, auf eine Studienreise nach Italien, wo er in Rom die Bekanntschaft mit den GebrĂŒdern Humboldt machte. Im Jahr 1810 kehrte er ĂŒber Paris und Karlsruhe nach Darmstadt zurĂŒck, wo er eine Anstellung am Hof fand. Dort begann er, die Lektionen Weinbrenners in Architektur und StĂ€dtebau umzusetzen.
Einer der letzten SchĂŒler klassizistischer Architektur war Heinrich HĂŒbsch (1795 - 1863). Im Jahr 1811 traf er in Darmstadt auf den Hofbaumeister Georg Moller. Er informierte sich bei ihm ĂŒber das Architekturstudium, das er 1815 bei Weinbrenner in Karlsruhe antrat. Nach der zweijĂ€hrigen Lehre begab auch er sich auf Studienreise nach Italien. Von dort aus fĂŒhrte er eine mehrmonatige Reise nach Griechenland, die er dank der UnterstĂŒtzung Mollers realisieren konnte; damit war er einer der wenigen klassizistischen Architekten, die dieses Land besucht hatten. Da der weitere Werdegang HĂŒbschs als Niedergang des Stils zu sehen ist, wird er erst spĂ€ter wieder betrachtet.
Doch nun erst einmal wieder zu den neuen Meistern. Im Jahr 1810 wurde Schinkel als Beamter mit Aufsichtsbefugnis fĂŒr das öffentliche Bauwesen in den preußischen Staatsdienst berufen. Er wurde fĂŒr den Posten von Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835) empfohlen, den er aus Rom und Paris kannte. Der polit. Schriftsteller und Staatsmann Humboldt spielte eine fĂŒhrende Rolle bei der Entwicklung der Erziehungsreform und damit bei der Entstehung des neuen Preußens. Er, der ein Junker aus Brandenburg und ein enger Freund Schillers und Goethes war, war tief im deutschen Neu - Humanismus des spĂ€ten 18. Jahrhunderts verwurzelt. Von MĂ€rz 1809 bis Juni 1810 leitete er die Geschicke der preuß. Bildungspolitik. Das neue Gymnasium grĂŒndete auf den Idealen Winckelmanns, Rousseaus, Pestalozzis und Humboldts eigenem Humanismus, das allen Klassen offen stand. Besonderes Augenmerk legte man auf die Unterrichtung in den kulturellen Leistungen Griechenlands und der Deutschen Vergangenheit. Diesen philosophischen Idealismus, der ab etwa 1800 an der Sachsen - Weimarer UniversitĂ€t in Jena gelehrt wurde, brachte Humboldt auch in seine im Juli 1809 gegrĂŒndete UniversitĂ€t ein.
So wurden nach Preußen neben den jungen Architekten auch neue Bildungsideale in den Staatsdienst eingefĂŒhrt, wobei die Entfaltung der Architekten in gebaute Substanz erst nach der Niederlage der Franzosen und dessen Abzug möglich war. Wie in keinem anderen Gebiet hatte sich unter der Herrschaft Napoleons ein Nationalstolz entwickelt, den Schinkel in seinem ersten Bau nach seiner langen Zwangspause klar zum Ausdruck brachte - die Neue Wache unter den Linden (1816 - 1818). Er wollte nicht nur ein MilitĂ€rgebĂ€ude zum Schutz des Königs schaffen, sonder auch, trotz des geringen Bauvolumens, ein Denkmal fĂŒr den Staat errichten. In den folgenden Jahren beschĂ€ftigte er sich nicht nur mit neuen BautĂ€tigkeiten wie dem Alten Museum in Berlin (1822 - 1828), sondern auch mit Gutachten zur Wiederherstellung wichtiger GebĂ€ude und der Beteiligung an Restaurationsarbeiten, wie z.B. dem Kölner Dom 1817.
Wie Schinkel den preuß. Raum prĂ€gte, so sollte Klenze auf den sĂŒddeutschen Raum mit seiner Architektur wirken. 1816 wurde der SchĂŒler Hirts vom Kronprinz Ludwig nach MĂŒnchen geholt. Mit der Arbeit an einem seiner bekanntesten Werke, der Glyptothek, begann er noch im selben Jahr und beendete sie im Jahr 1834. Man könnte vermuten, dass die gemeinsame Lehre mit Schinkel in Berlin Ă€hnliche Ideen und Prinzipien in ihnen hervorgebracht hĂ€tte. Doch sein eingeengter baukĂŒnstlerischer Anspruch unterschied sich im wesentlichen von den universellen Methoden Weinbrenners oder Schinkels. Er verzichtete darauf, sozial orientierte Bauaufgaben in seine TĂ€tigkeit aufzunehmen, in die Ausbildung der Architekten mit einzugreifen oder ĂŒberhaupt eine breite kunsterzieherische Wirksamkeit anzustreben. Daher konnten nachfolgende Architekten nur von seinen Bauten zehren, nicht aber seine Ideale aufnehmen, umsetzen und ebenfalls weiterleiten. So ist zu seinem Abschluß sein wohl bekanntester Bau zu erwĂ€hnen - die Walhalla (1816 - 1842). Die Idee eines großen, deutschen Nationaldenkmals kam dem Kronprinz Ludwig, als er 1807 im Alter von 21 Jahren Berlin besucht. Der Anblick einer besetzten deutschen Stadt erfĂŒllte ihn mit dem leidenschaftlichen Wunsch, der deutschen Einheit ein Denkmal zu setzen. Bayern hatte sich zwar gerade erst mit Napoleon verbunden, doch zum einen standen Kronprinzen traditionell in Opposition zur Politik ihrer VĂ€ter und zum andern, weil Napoleon in seinen Augen sein geliebtes Italien ausraubte. Am 18.10.1842 weihte er als König das Denkmal ein, am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig 1813.

Der Niedergang

Das langsame Ende des Klassizismus verdeutlichte sich mit HĂŒbschs Buch "In welchem Style sollen wir bauen" von 1828. Nachdem er 1820 aus Rom nach Karlsruhe zurĂŒckgekehrt war, arbeitete er an seinem ersten Buch, "Über griechische Architektur". Das 1822 erschienene Buch sorgte fĂŒr erste Streitigkeiten, vor allem mit dem Berliner Professor Aloys Hirt. HĂŒbsch bezeichnete darin Vergangenes als architektonische Fesseln und zweifelte die bloße Nachahmung als Beweis der Schönheit an. Auf Grund des ausgelösten Unbehagen ĂŒber sein Werk, traute er sich nicht, seinem Lehrer Weinbrenner ein Exemplar zu geben. Er fand allerdings in Georg Moller einen Zuhörer, wenn dieser auch nicht mit allen Äußerungen einverstanden war. Vor diesem Hintergrund ist auch die spĂ€te Publizierung seines Werkes "In welchem Style sollen wir bauen ?" zu sehen, denn erst nach Weinbrenners Tod wurde es veröffentlicht. Hierin bemĂ€ngelte er, dass die Malerei und Bildhauerei die bloße Nachahmung der Antike ĂŒberwunden habe, die Architektur aber nicht.
NatĂŒrlich ist er nicht der einzige, der sich vom alten Stil abwendet. So baute Schinkel seine Bauakademie (1831 - 1836) in einer völlig neuen Art, geprĂ€gt von Reisen durch England und der dortigen Industrialisierung. Einzig Klenze blieb ein eiserner Verfechter seines ihm gelehrten Stils.

ResĂŒmee

Der Klassizismus war eine Zeit tiefgreifender polit. und sozialer VerĂ€nderungen, und besonders in Preußen bahnte sich ein Nationalismus den Weg, der das Konglomerat von Territorien und FĂŒrstentĂŒmern allmĂ€hlich in eine Nation verwandelte und 1871 schließlich zu einem neuen Deutschen Reich fĂŒhrte. In dieser Epoche erreichten deutsche Literatur und Musik, begleitet von tiefsinnigen philosophischen Theorien, nahezu beispiellose kulturelle Leistungen, die sich auch in der Architektur wiederfand.
NatĂŒrlich war diese Zeitalter durch Ă€ußere UmstĂ€nde mitgeprĂ€gt worden, doch ohne den Austausch untereinander, ohne eine Begeisterung der Meister fĂŒr neue SchĂŒler, die die Gedanken weitertransportierten, wĂ€re es kaum denkbar gewesen.
Wie eng jeder mit jedem in Kontakt stand, kann hier nur schwerlich aufgezeigt werden. Viele hatten sich auf kurzen Reisen kennen gelernt, oder hatten zuerst nur brieflichen Kontakt. So war z.B. der Feldherr Napoleon so angetan von Goethes Schriften, dass er dessen persönlichen Kontakt suchte und es damals auch zu mehreren Treffen der beiden Herren kam.











Literaturverzeichnis

    Dolgner, Dieter
Klassizismus: Deutsche Baukunst
Leipzig, E. A. Seemann Verlag
1991

    Mellinghoff, Tilmann
Waltkin, David
Deutscher Klassizismus

    Seminarausarbeitungen WS / SS 2000
"In welchem Style sollen wir bauen"

    Internet

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