Judentum

Judentum


[hebr. Jehudi, "Bewohner Judas", grch. Judaios, lat. Judaeus], urspr√ľnglich das nach dem Stamm u. sp√§teren K√∂nigreich Juda in Pal√§stina benannte Volk, sp√§ter nach der Zerstreuung ausgedehnt auf alle, die ihre Herkunft auf das Volk Israel zur√ľckf√ľhrten u. sich aufgrund der j√ľdischen Glaubensgemeinschaft ein gewisses Ma√ü an gemeinsamem Brauchtum bewahrten. Nach j√ľd. Tradition gilt als Jude, wer von einer j√ľd. Mutter geboren wurde oder zum Judentum √ľbergetreten ist. In Israel dient diese Definition zur Feststellung der j√ľd. Nationalit√§t. Anthropolog. urspr√ľngl. zu den Orientaliden u. Armeniden geh√∂rig, hat dieses Volkstum im Lauf der Jahrhunderte Beimischungen aller rass. Bestandteile der europ. V√∂lker in sich aufgenommen, im nordafrikan. - s√ľdwestasiat. Raum auch negride. Unter den europ. J. unterscheidet man zwei Gruppen: die Sephardim oder spaniolischen J. (Spaniolen) u. die Aschkenasim oder mittel - bzw. osteurop. J. In Israel werden als Sephardim die J. orientalischer Herkunft bezeichnet.

Die Zahl der J. auf der Erde betrug 1933 rd. 16 Mill., ging durch die nat. - soz. Verfolgungen (rd. 6 Mill. Ermordete) bis 1947 auf 11,3 Mill. zur√ľck u. stieg bis 1980 wieder auf 14,65 Mill. an. In Dtschld. lebten 1925 rd. 565¬†000 J. Nach 1933 verlie√üen 295¬†000 J. Dtschld. wegen der nat. - soz. J.verfolgungen. 3,5 Mill. J. aus fast allen Teilen der Welt haben sich in Israel eine neue Heimat geschaffen (hier Israeli genannt).

Die Fr√ľhzeit: Wahrscheinlich fa√üten seit dem 17. Jh. v.¬†Chr. einzelne Sippen u. St√§mme aus den W√ľstenrandgebieten im unbesiedelten Bergland des "Landes Kanaan" Fu√ü, dessen st√§dt. Bev√∂lkerung, im Schnittpunkt der gro√üen M√§chte u. Kulturen am Nil u. im Zweistromland, bereits ein hohes kulturelles Niveau aufwies. In der Auseinandersetzung mit diesen "Kanaan√§ern" schlossen sich die zugezogenen Sippen enger zusammen. In S√ľdpal√§stina entstand ein Verband mit dem Stamm Juda als Kern, in Mittelpal√§stina bildete sich ein Kristallisationszentrum f√ľr die Nordst√§mme. Am Ende des 11. Jh. v.¬†Chr. schlo√ü sich der Gro√üteil der St√§mme unter Saul gegen den Angriff der Philister zusammen, unterlag aber schlie√ülich, u. Saul fiel im Kampf.

F√ľr die Religion des sp√§teren Judentums waren Erfahrungen u. Traditionen aus dieser Fr√ľhzeit grundlegend, freilich in einer neu gedeuteten Form, als Geschichte eines Zw√∂lfst√§mmebundes mit einheitl. Kult.

Die Zeit des geeinten Reiches: Die polit. Lage im Vorderen Orient erlaubte im 10. Jh. das Aufkommen regionaler Machtgebilde im syrisch - pal√§stin. Raum. W√§hrend die Philister sich an der S√ľdk√ľste halten konnten u. die n√∂rdl. K√ľste von den ph√∂nizischen Stadtstaaten beherrscht wurde, wuchs im Nordwesten mit dem Zentrum Damaskus ein aram√§ischer Staat heran u. s√ľdlich davon das Reich Israel. Dessen Aufstieg begann mit der Wahl Davids zum K√∂nig von Juda mit der Hauptstadt Hebron. Im Norden herrschte ein Sohn Sauls, er wurde aber ermordet, worauf auch die Nordst√§mme David als K√∂nig anerkannten. Residenz der geeinten Reiche wurde Jerusalem. Der neue polit. Machthorizont bestimmte auch den Anspruch des Nationalgottes Jahwe, der endg√ľltig an die Stelle des kanan√§ischen G√∂ttervaters u. Weltsch√∂pfers El trat.

Unter Davids Sohn Salomo (972 - 932 v. Chr.?) festigte eine kluge Diplomatie u. Heiratspolitik den außenpolit. Status. Intern wurde ein Verwaltungsnetz mit Provinzzentren u. befestigten Garnisonen aufgebaut. Salomo ließ am Zionsberg einen Palast u. einen Tempel nach syro - phönizischen Vorbildern errichten.

Die Zeit der geteilten Reiche Israel und Juda: Die davidische Dynastiebildung stand im Widerspruch zur Tradition von den charismat. "Richtern". Dies u. die wachsende Unzufriedenheit vor allem der Nordst√§mme √ľber die aufgekommenen Steuer - u. Fronlasten f√ľhrten ca. 932 v.¬†Chr. unter Rehabeam zum Bruch. Die Nordst√§mme w√§hlten Jerobeam I. (932/31 - 911/10 v.¬†Chr.) zum K√∂nig, der eigene staatl. Kultzentren in Bethel u. Dan einrichtete. Bis auf eine kurze Unterbrechung unter der Usurpatorin Atalja (842/41 - 837/36 v.¬†Chr.) blieb Juda davidisch regiert, w√§hrend es im Nordreich nur vor√ľbergehend Ans√§tze zur Dynastiebildung gab.

722/21 v. Chr. wurde das Gebiet der Nordstämme assyrische Provinz, u. ein Teil der Oberschicht wurde deportiert. König Ahas von Juda unterwarf sich Assyrien u. entging so 722 v. Chr. dem Schicksal des Nordreichs.
Der Untergang des Nordreichs stärkte die Position der david. Dynastie u. die Jerusalemer Tradition, alsbald wurde "Israel" auch in Juda als Selbstbezeichnung verwendet. Während des folgenden Jahrhunderts blieb Juda in unterschiedl. Grade von Assyrien abhängig. 597 v. Chr. eroberte der Babylonier Nebukadnezar Juda. 587/86 v. Chr. wurde Jerusalem samt dem Tempel von den Babyloniern zerstört, die Ober - u. Mittelschicht deportiert u. das Reich Juda aufgelöst.


Exil u. persische Periode: Die Deportierten wurden in Babylonien geschlossen angesiedelt. Der Perserk√∂nig Kyros eroberte Babylonien, gestattete 538 v.¬†Chr. den Deportierten die Heimkehr u. ordnete die Wiederherstellung des Jerusalemer Tempels u. Kults an. Der Hohepriester an der Spitze einer privilegierten Priesterschaft wurde die dominierende Instanz im kleinen Tempelstaat, der nur Jerusalem u. Umgebung umfa√üte. Die Heimkehrer lie√üen die Altjud√§er u. Altisraeliten zur Kultgemeinde nur zu, soweit sie sich ihren religi√∂sen Ansichten u. Praktiken f√ľgten. Gegen den Widerstand dieser Gruppen wurde die Neukonstituierung der Gemeinde von Esra u. Nehemia (um 445 - 430 v. Chr.) durchgesetzt. Sabbat - Heiligung, Beachtung ritueller Reinheitsregeln u. die strikte Ablieferung der kultischen Abgaben wurden streng √ľberwacht.


Hellenistische Oberherrschaft: Alexander d.¬†Gr. (332 v. Chr.) u. die Diadochen best√§tigten den Status des Tempelstaates, der dann zwischen Ptolem√§ern (√Ągypten) u. Seleukiden (Syrien) lange strittig blieb, bis 198 v.¬†Chr. die Seleukiden das Gebiet √ľbernahmen. Von einer hellenisierenden Richtung wurde ein synkretist. Kult eingef√ľhrt, der Tempel erschien den Traditionstreuen als entweiht, die Endzeit nahe, u. daher versch√§rfte sich auch der Widerstand in der Erwartung der kommenden Gottesherrschaft. Organisatoren des Widerstandes waren die S√∂hne des Hasmon√§ers Mattathias (die "Makkab√§er"). Judas Makkab√§us gelang 164 v.¬†Chr. die Eroberung Jerusalems u. die Wiedereinweihung des Tempels. Er fiel 160 v. Chr. bei Elasa. Jonatan Makkab√§us n√ľtzte die seleukidischen Thronfolgestreitigkeiten aus u. wurde 152/51 v. Chr. zum Hohepriester u. seleukid. Feldherrn ernannt, fiel aber 142 v. Chr. selber einem Thronpr√§tendenten zum Opfer. Simon Makkab√§us (12 - 137 v. Chr.) nahm die syrische Burg (Akra) von Jerusalem ein u. erreichte 141/40 v. chr. die volle Unabh√§ngigkeit; eine Volksversammlung sprach ihm die erbl. W√ľrde des F√ľrsten, Feldherrn u. Hohepriesters zu. Er u. Johannes Hyrkan (134 - 104 v.¬†Chr.) betrieben zwar eine gezielte Expansions - u. Judaisierungspolitik, doch die Opposition wuchs. Eine priesterlich gef√ľhrte Gruppe, die Sadduz√§er, vertrat die Interessen der Oberschicht, mit ihnen kooperierten Johannes Hyrkan u. seine Nachfolger. Unterschiedlichste Gruppierungen erwarteten die nahe Gottesherrschaft. Eine vermittelnde Position nahmen die polit. aktiven Pharis√§er ein. In der Harmon√§erdynastie kam es zu Bruderk√§mpfen. Hohepriester Hyrkan II. focht mit den Pharis√§ern gegen Aristobul II.

Dies veranlasste Pompeius 63 v. Chr. zum Einmarsch in Judäa u. zur Eroberung Jerusalems.
Hyrkan II. wurde als Hohepriester u. Ethnarch anerkannt, die tats√§chl. Macht lag beim romergebenen idum√§ischen Heerf√ľhrer Antipas u. dessen S√∂hnen. Herodes d. Gr. (37 - 4 v. Chr.) eroberte innerhalb dreier Jahre ein Reich von davidischen Ausma√üen.



Die griechisch - sprachige Diaspora: Seit fr√ľhhellenistischer Zeit siedelten zahlreiche J. in Alexandria (2/3 der Bev√∂lkerung), manche auch in den √§gypt. Provinzen u. (sp√§ter) in der Kyrenaika. Kleinere Niederlassungen entstanden im ganzen Mittelmeerraum. Diese westl. Diaspora sprach u. schrieb Griechisch. Auf der Rechtsbasis, die die Diadochen geschaffen hatten, bildeten die j√ľd. Niederlassungen autonome Verwaltungseinheiten. Bedeutsam war die im 3./2. Jh. v.¬†Chr. in Alexandria entstandene griech. Bibel√ľbersetzung ("Septuaginta"), die bibl. Inhalte auch Nichtjuden bekannt machte. Gegen Ende der Antike kehrte das westl. Judentum zum Hebr√§ischen zur√ľck u. nahm die pal√§stin. - babylon. Tradition der Rabbinen an.


Die r√∂mische Herrschaft: Nach dem Tod Herodes' d.¬†Gr. (4 v.¬†Chr.) wurde sein Reich auf drei S√∂hne aufgeteilt: Archelaos erhielt als Ethnarch Jud√§a, Samaria u. Idum√§a, Antipas (bis 39 n.¬†Chr.) als Tetrarch Galil√§a u. Per√§a, Philippus die Gebiete im Nordosten. Archelaos wurde 6 n.¬†Chr. abgesetzt, sein Gebiet als Teil der Provinz Syria einem Prokurator mit Sitz in Caesarea unterstellt. Die innerj√ľd. Belange wurden durch das Synhedrion (hebr. Sanhedrin) unter Vorsitz des Hohenpriesters geregelt. Das Hauptproblem war die Unvereinbarkeit zwischen radikal - j√ľd. Anspruch auf Gottesherrschaft u. dem Anspruch des r√∂m. Imperiums. Als 66 n.¬†Chr. in Caesarea K√§mpfe zwischen J. u. Nichtjuden ausbrachen, flackerten im ganzen Land Unruhen auf. Ein verfr√ľhter Siegestaumel zog auch die Gem√§√üigten (Pharis√§er u. Sadduz√§er) in den Krieg gegen Rom hinein. Vespasian begann mit der R√ľckeroberung, u. sein Sohn Titus f√ľhrte den Feldzug zu Ende, der 70 n.¬†Chr. in der Zerst√∂rung Jerusalems u. des 2. Tempels gipfelte.

132 erhob sich in Jud√§a Bar Kochba mit erhebl. Anhang gegen Rom. 138 wurde der Aufstand niedergeschlagen. Die j√ľd. Bev√∂lkerung Jerusalems wurde gr√∂√ütenteils vertrieben, f√ľr das Land die Bez. "Pal√§stina" eingef√ľhrt.
Der Sieg des Christentums im 4. Jh. brachte f√ľr das Judentum eine zunehmende Einengung seiner bisherigen Rechte. Babylonien √ľbernahm die Rolle des geistigen Zentrums der Judenheit; der babylon. Talmud erlangte √ľberall autoritative Geltung.

Das Mittelalter: Die arab. Eroberungswelle seit 638 brachte den Orient, das s√ľdl. Mittelmeergebiet u. Spanien bis S√ľdwestfrankreich in einen polit. - kulturellen Gro√üraum mit einheitl. Sprache. Die Anh√§nger von "Buchreligionen" (Christen u. J.) wurden als Vertragssch√ľtzlinge der islam. Herrschaft unter bestimmten Auflagen geduldet. In Babylonien erkannten die Kalifen den Exilarchen als Oberhaupt der J. an. In Pal√§stina durften J. wieder in Jerusalem siedeln, in √Ągypten lie√üen sich pal√§stin. wie babylon. J. nieder, manche erreichten √ľber Nordafrika Spanien, wo zuvor unter westgotischer Herrschaft die J. schwer bedr√§ngt worden waren. Es folgte das "goldene Zeitalter" des span. Judentums (Sephardim), eine Periode reicher, weltoffener Kultur, die mit dem Eindringen der fanatischen Berber aus Nordafrika u. mit der christl. Reconquista von Norden her endete.

Im Byzantin. Reich u. z.¬†T. in Italien blieb die sp√§tantike, durch christl. Gesetze stark eingeschr√§nkte Rechtsbasis bestehen. Einzelne Herrscher verliehen j√ľd. Personen oder Gemeinden urkundlich fixierte Privilegien. Im Lauf der Zeit kam das (unter Friedrich II. 1240 abschlie√üend definierte) Konzept der "Kammerknechtschaft" auf, nach dem die J. als Knechte u. Eigentum des christl. Herrschers galten, wohinter sich in erster Linie fiskal. Interessen verbargen. Ung√ľnstig wirkte sich auch die kirchlich geforderte soziale Isolierung aus. Die meisten Gewerbe wurden den J. verschlossen, u. somit trat der Geldhandel in den Vordergrund. In Spanien gew√§hrten christl. Herrscher w√§hrend der Reconquista den J. noch manche Vorteile, doch im 14. Jh. setzte eine judenfeindl. Tendenz ein, u. 1492, nach dem Fall Granadas, wurde die Vertreibung der nicht bekehrungswilligen J. angeordnet. Portugal folgte 1497, die Provence 1500. Bereits zuvor waren 1290 alle J. aus England u. 1394 aus den L√§ndern der franz√∂s. Krone vertrieben worden. Im Heiligen R√∂mischen Reich wechselte die Situation mit dem Zustand der Zentralgewalt, die immer √∂fter das Judenregal an F√ľrsten u. St√§dte verpf√§ndete oder √ľbertrug, so dass lokale u. regional begrenzte Vertreibungen u. Verfolgungen die Regel waren. Katastrophale Folgen hatten die Kreuzz√ľge, u. nach 1348 setzten mit der gro√üen Pestepidemie verbreitete Verfolgungswellen ein, da den J. die Ursache (Brunnenvergiftung) zugeschrieben wurde. Viele J. zogen in der Folgezeit ostw√§rts, nach Polen u. Litauen, wo st√§dt. Kolonisatoren gefragt waren u. annehmbare rechtl. Verh√§ltnisse bestanden. Sp√§ter nannte man den ganzen mittel - u. osteurop. Zweig des¬† Judentums¬† aschkenasisch.


Die Neuzeit bis zur Aufkl√§rung: Die aus Spanien Vertriebenen zogen gr√∂√ütenteils ins Osmanische Reich. Pal√§stina wurde erneut zu einem geistigen Zentrum des Gesamtjudentums, vor allem die Gelehrten von Safed (Galil√§a) genossen weltweites Ansehen. Josef Karo (†1575) verfa√üte den "Schulchan Aruch", das ma√ügebl. Kompendium des j√ľd. Rechts u. Brauchtums, u. die gro√üen Vertreter der sp√§ten Kabbala bestimmten von hier aus das religi√∂se Denken der ganzen Diaspora. Im 17./18. Jh. verlor das sephard. Judentum mit dem Niedergang des osman. Reiches rasch an Zahl u. Bedeutung.

Von den in Spanien u. Portugal Zwangsgetauften ("Marranen") wanderten im 16. - 18. Jh. manche aus. Die Reformation brachte in Mitteleuropa den J. keine Erleichterung. Vertreibungen u. Verfolgungen hielten an, dazu kam die teilweise Zwangs - Gettoisierung. Gro√üe Gemeinden gab es nur in Frankfurt a.¬†M., Metz u. Prag. Das soziale u. kulturelle Niveau lag weit unter dem der Sephardim. Das zahlenm√§√üige u. gesetzesgelehrte Schwergewicht des Gesamtjudentums verlagerte sich schon im 16. Jh. nach Polen/Litauen, wo die st√§dt. Kolonisten ihr mitteleurop. Judendeutsch beibehielten u. zum Jiddischen ausformten. Sp√§ter spezialisierten sich diese auf die Vermittlung der landwirtschaftl. Produkte an die st√§dt. Verbraucher, gr√ľndeten d√∂rfl. Siedlungen ("Schtetl") u. nahmen zahlenm√§√üig trotz sozialer Not rasch zu. Um die Mitte des 18. Jh. entstand hier die bald weitverzweigte Bewegung des osteurop√§ischen Chassidismus.


Aufkl√§rung, Assimilation, Emanzipation: Nur wenige J. (Hoflieferanten, Gro√ükaufleute, √Ąrzte) erreichten in jenen Jahrhunderten den Standard der gebildeten Umwelt, in der sich durch das neue Menschenbild der Aufkl√§rung auch die Einstellung zu den J. (nicht unbedingt zum Judentum) wandelte. Joseph II. erlie√ü ab 1781 f√ľr die Nichtkatholiken u. J. des Habsburgerreiches Toleranzedikte; dieses Modell fand rasch Nachahmer, wurde aber durch die Ma√ünahmen der Franz√∂s. Revolution radikal √ľberholt. Die Gleichberechtigung verbreitete sich mit den napoleon. Eroberungen, doch um den Preis der nationalen Assimilation. Napoleon erreichte 1807 vom "Grand Sanhedrin" der J. Frankreichs das Bekenntnis zur franz√∂s. Nation. Danach l√∂sten immer mehr J. die traditionelle Einheit von Volks - u. Religionszugeh√∂rigkeit auf u. verstanden sich als Angeh√∂rige ihrer bisherigen Gastnation, nur mit j√ľd. Konfession. Die meisten Staaten gew√§hrten erst nach 1860 die volle Emanzipation, von liberalen, demokrat. Bewegungen getragen, durch konservative christliche u. nationalist. Kr√§fte bek√§mpft. Zu der Zeit war in Mittel - u. Westeuropa die kulturelle u. nationale Assimilation f√ľr die Mehrheit der J. bereits selbstverst√§ndlich.



In Dtschld., England u. in den USA kam es zur Gr√ľndung von Reformgemeinden neben der Orthodoxie. Im Gegenzug entstand eine "konservative" Richtung, die moderne Bildung u. Kultur mit einem m√∂glichst hohen Ma√ü von Tradition verbinden wollte. Kulturell dominierte bis in die 1920er Jahre das deutschsprachige Judentum mit seiner "Wissenschaft des Judentums", doch in Frankreich, in England u. in den USA folgte rasch eine nicht minder effektive Assimilation. Freie Berufe u. b√ľrgerlich - liberale Orientierung kennzeichneten dieses "Westjudentum". Gerade in Dtschld. betonten manche J. in Abwehr antisemitischer Angriffe ihre nationale Assimilation, gegen√ľber dem aufkommenden Rassismus freilich vergeblich.

Im zarist. Ru√üland konnte die assimilationswillige j√ľd. Aufkl√§rung, der starke othodoxe Kr√§fte gegen√ľberstanden, angesichts der antisemit. russisch - nationalist. Gegenkr√§fte ihre Zielsetzung, die Eingliederung der J. in eine moderne Gesellschaft, nicht mehr verst√§ndlich machen. Als 1880 lokale Ausschreitungen gegen J. von staatl. Instanzen gesch√ľrt u. gedeckt wurden, verzweifelten auch Aufkl√§rer an einer Emanzipation der J. durch den nichtj√ľd. Staat. L. Pinsker forderte 1882 die nationale Selbstbefreiung ("Autoemanzipation") auf eigenem Territorium, u. die ersten Siedler gingen nach Pal√§stina.

Um die gleiche Zeit entstand in Osteuropa u. unter den immer zahlreicheren j√ľd. Auswanderern aus Osteuropa in England u. in den USA eine j√ľd. Arbeiterbewegung.
In den USA lebten um 1820 etwa 8000 J., um 1900 1 Mill., 1939 fast 5 Mill., haupts√§chl. jiddischsprachige, aus Osteuropa zugewanderte J. meist in Gro√üst√§dten u. sozial dem Proletariat zuzurechnen. Schon die zweite Generation r√ľckte in die Mittelschicht auf, so dass im 20. Jh. das b√ľrgerl. Lager bald √ľberwog; zun√§chst kulturell mehr an den deutschsprachigen Einwanderern orientiert, mehr u. mehr mit diesen amerikanisiert. Binnen weniger Jahrzehnte entstand eine Anzahl wirksamer Organisationen, deren Gewicht im Weltjudentum mit ihrer Finanzkraft st√§ndig wuchs.


Zionismus, Holocaust, Israel: Der Zionismus, die moderne Spielart eines territorial fixierten Nationalismus, wurde vom gr√∂√üten Teil der Orthodoxie, von allen b√ľrgerl. "Konfessionsjuden" wie von j√ľd. - sozialist. Richtungen abgelehnt. Erst der anwachsende Nationalsozialismus u. die Gef√§hrdung der J. Pal√§stinas durch die arab. Gewaltausbr√ľche der 1930er Jahre f√ľhrten √ľber eine zunehmende praktisch - finanzielle schlie√ülich zu einer auch ideolog. Unterst√ľtzung des Zionismus. Das Aufbauwerk in Pal√§stina ((1) Israel) wurde vom sozialist. Pionier - Zionismus getragen; der "revisionistische Zionismus", der die Religion im Sinne "v√∂lkischer" Ideologie als Lebens√§u√üerung der Nation u. als polit. Instrument wertete, hatte lange keine Chance. Die religi√∂se Organisation des pal√§stin. Judentums blieb aber trotz der ab 1920 unter dem brit. V√∂lkerbundmandat erfolgreich ausgebauten j√ľd. Selbstverwaltung die n√§mliche orthodox beherrschte wie unter t√ľrkischer Herrschaft, u. so auch noch im Staat Israel.

Der rassistische Antisemitismus der dt. Nationalsozialisten verneinte die Möglichkeit einer Assimilation u. sah in den J. eine "minderwertige Rasse". Sofort bei seinem Machtantritt 1933 leitete das Regime die diskriminierende Ausschaltung der J. im Deutschen Reich ein.
Boykottmaßnahmen u. offener Terror ("Kristallnacht" 9.11.1938) folgten. 1941 wurde die "Endlösung", d. h. die Ermordung aller in dt. Machtbereich befindl. J., in Angriff genommen. Man schätzt, dass in den Lagern etwa 4 Mill., bei sog. Sondereinsätzen 1,5 Mill. J. umgebracht wurden.

1948 wurde der Staat (1) Israel gegr√ľndet. Die Namengebung kn√ľpft sowohl an die bibl. Zeit wie an die traditionelle Selbstbezeichnung des Judentums an, um dieses insgesamt zu verpflichten.


Judentum
Judentum, Bez. f√ľr die Religion des ›Volkes Israel‹ sowie f√ľr die Gesamtheit derer, die ihr als ethn. und religi√∂se Gemeinschaft angeh√∂ren.
Grundlehren
Der j√ľd. Glaube ist die √§lteste monotheist. Religion und Mutterreligion von Christentum und Islam. Religi√∂se Autorit√§t beanspruchen allein die Thora und die Halacha. Dogmen kennt das Judentum nicht; jedoch k√∂nnen bestimmte Kriterien der Rechtgl√§ubigkeit angegeben werden: das Bekenntnis zu Jahwe, die Anerkennung der Thora und die thoragem√§√üe Verwirklichung des Gotteswillens (Orthopraxie). Die relig√∂se Tradition erhebt den Anspruch, dass der einzige wahre Gott und Sch√∂pfer der Welt (Jahwe), der sich in der Bibel geoffenbart hat, in Abraham das Volk Israel dazu auserw√§hlt hat, den Glauben an den einen Gott in der Welt zu bekennen. Zeichen dieses ›Abraham - Bundes‹ ist die Beschneidung. Die Offenbarung des Gotteswillens durch Moses am Berg Horeb/Sinai in der Thora verpflichtete als konstitutiver Erw√§hlungsakt das (Gottes)volk kollektiv zu religi√∂ser und sozialer Solidarit√§t. Um diesen Erw√§hlungs - und Sendungsauftrag zu erf√ľllen, muss der Offenbarungsinhalt ›rein‹ bewahrt werden. Die deshalb n√∂tige und f√ľr das J. schicksalhafte Abgrenzung wird durch zahlr. Vorschriften und Br√§uche (v.)a. Speisevorschriften, Beschneidung, Sabbatfeier) garantiert. Im Zentrum der Religiosit√§t steht also weniger das pers√∂nl. Heil des einzelnen als die Erf√ľllung des kollektiven Erw√§hlungsauftrags bzw. die Verwirklichung der Gottesherrschaft.
Religiöses Leben
Nach rabbin. Tradition ist Jude, wer von einer j√ľd. Mutter abstammt oder nach orthodoxer Norm (›rite‹) zur j√ľd. Religion √ľbergetreten ist. Ort gottesdienstl. Handelns sind h√§usl. Kreis und die Synagoge. Im Mittelpunkt des synagogalen Gottesdienstes steht die Lesung der Thora im j√§hrl. Zyklus, die durch eine Prophetenlesung erg√§nzt wird. Die √§ltesten und wichtigsten Gebete sind das Schema Israel und das Schemone Esre. Zu einem Gottesdienst sind zehn religionsgesetzl. vollj√§hrige (nach abgeschlossenem 13. Lebensjahr) m√§nnl. Gemeindemitglieder n√∂tig. Der Gottesdienst wird durch den Vorbeter (Chazzan) geleitet. Dem Rabbiner, dem Gesetzesgelehrten, sind keine bes. Funktionen im Gottesdienst vorbehalten; seine vornehmste Aufgabe ist es, in seiner Gemeinde religionsgesetzl. Fragen zu entscheiden. Der Gemeinde obliegt die Sorge f√ľr Gottesdienst und Religionsunterricht, Sozialf√ľrsorge und die Aufgabe, dass denjenigen, die die Speisegesetze halten wollen, hierzu die M√∂glichkeit gegeben wird. Orthodoxe Gemeinden unterhalten das rituelle Bad (Mikwe) zur Befolgung der Reinheitsgebote. H√∂hepunkte des religi√∂sen Lebens sind die Feste. Passah erinnert an den Auszug aus √Ągypten, Schawuot an die Sinaioffenbarung, das Laubh√ľttenfest an den Aufbruch aus √Ągypten, Chanukka an die Wiedereinweihung des Tempels und das Purimfest an die Rettung der pers. Juden. Jom Kippur ist als ›Vers√∂hnungstag‹ Bu√üe und Gebet gewidmet. (siehe Tabelle Judentum: J√ľdische Festtage).
Geschichte
Fr√ľhzeit Israels: Israels Fr√ľhgeschichte ist nur begrenzt rekonstruierbar. Au√üerbibl. Quellen sind sp√§rlich, die bibl. Texte (im AT) enthalten eher Geschichtsdeutung als zeitgen√∂ss. Material. - Nach der R√ľckkehr aus dem Babylonischen Exil setzten die Heimkehrer ihre Auffassung von Religion gegen die nicht deportierte und z.)T. mit Fremden vermischte Landesbev√∂lkerung durch (diese gr√ľndete die Religionsgemeinschaft der Samaritaner) und orientierten sich streng an der Thora. Mittelpunkt wurde der wiederaufgebaute und 515 v.)Chr. vollendete (›zweite‹) Tempel in Jerusalem. F√ľr einige Zeit erlangte Juda unter F√ľhrung der Makkab√§er (Hasmon√§er) auch polit. Souver√§nit√§t (141 v.)Chr.). Als oberste polit. und religi√∂se autoritative j√ľd. Instanz wurde das Synedrium eingerichtet. Nach schweren inneren K√§mpfen b√ľ√üte die Makkab√§erdynastie ihre polit. Macht ein. Pompejus eroberte 63 v.Chr. Jerusalem, und nach einer √úbergangsphase etablierte sich Herodes)I., d.)Gr., als r√∂m. Vasallenk√∂nig (37 - 4 v.)Chr.). Der Kampf der Zeloten gegen die r√∂m. Herrschaft f√ľhrte 66 n.)Chr. zum 1. j√ľd. Krieg, den die R√∂mer erst 70 mit der Zerst√∂rung Jerusalems und des Tempels entscheiden konnten.
Talmud. Zeit (70 bis etwa 640): Nach der Niederlage von 70 organisierte sich das pal√§stinens. J. neu. 132 - 135 kam es unter Bar Kochba noch einmal zu einer vergebl. Erhebung gegen Rom. Doch wurde dem J. eine Selbstverwaltung einger√§umt, bestehend aus dem rabbin. Synedrium unter Vorsitz des Nasi (Patriarch), des j√ľd. Oberhauptes im R√∂m. Reich. Um 200 entstand die Mischna. Die auf ihr aufbauende religionsgesetzl. Tradition fand im 5. und 6.)Jh. im Talmud ihren schriftl. Niederschlag. Mit seinen gro√üen Talmudschulen √ľbernahm vom sp√§ten 3.)Jh. an das babylon. J. f√ľr einige Jh. die F√ľhrungsrolle, der babylon. Talmud (um 600 abgeschlossen) erlangte autoritative Geltung.
MA und fr√ľhe Neuzeit: Durch engen Kontakt zur islam. Umwelt entstand ab dem 7.)Jh. eine an der antiken Philosophie orientierte j√ľd. Theologie und Philosophie, eine hebr. Sprach - Wiss. und Poetik. Das j√ľd. Recht wurde bes. im 7. und 8. Jh. in Babylonien, im √ľbrigen arab. Raum (mit Ausstrahlungen nach Frankreich und Italien) v.)a. im 11. bis 13. Jh. durch Talmudkommentare und Kompendien systematisiert. - In Spanien wurden die Juden nach dem Ende der Reconquista 1492 zur Auswanderung gezwungen (Osman. Reich, Maghreb) oder zwangsgetauft, in Frankreich wurden sie 1394 endg√ľltig des Landes verwiesen. Blutige Verfolgungen hatte es in Europa zuvor anl√§√ülich der Kreuzz√ľge (ab 1096) und der Pest (ab 1348/49) gegeben. Vielfach wurden Judenordnungen erlassen, die die pers√∂nl. Bewegungsfreiheit einschr√§nkten und Sondersteuern, Kennzeichnung und im Falle von St√§dten vom 16. Jh. an das Wohnen in gesonderten Stra√üen (Ghettos) vorschrieben. In W - Europa lebten die Juden √ľberwiegend vom Waren - und Geldhandel, in O - Europa standen ihnen auch handwerkl. Berufe offen. Seit dem 13. Jh. entwickelte sich der Gedanke der ›Kammerknechtschaft‹ der Juden, deren Ansiedlung zum verk√§ufl. Hoheitsrecht des K√∂nigs wurde (›Schutzbrief‹). Dem auch im J. aufkommenden Rationalismus versuchten die Kabbala und sp√§ter der osteurop. Chassidismus zu begegnen.
18. - 20.)Jh.: Die Ersch√ľtterung durch den Sabbatianismus bereitete im J. M - und W - Europas den Boden f√ľr die Aufkl√§rung, deren Ziele (Regeneration der hebr. Sprache und Literatur, gegenwartsbezogene Erziehung, Assimilation) jedoch nicht ohne innerj√ľd. Widerstand blieben. Die b√ľrgerl. Gleichstellung der Juden wurde Ende des 18.)Jh. in den USA, Frankreich und den Niederlanden erreicht. Die dt. Staaten verfolgten eine ›Erziehungspolitik‹ (Berufsumschichtung, schrittweise Assimilation), die erst in den 1860er Jahren zur endg√ľltigen rechtl. Gleichstellung f√ľhrte. Nach 1881 vollzog sich nach mehrfachen blutigen Pogromen und auf dem Hintergrund einer schweren Wirtschaftskrise eine Massenauswanderung osteurop. Juden nach Amerika, W - Europa und Australien. In O - Europa sahen sich die Juden mehrheitlich als nat. Minderheit (Bundisten, Zionisten), als Orthodoxe (Chassidismus, Mussar - Bewegung) oder als Staatsb√ľrger ›mosaischer Herkunft‹. - Mitte des 19.)Jh. entstand mit dem rassist. Antisemitismus eine neue Qualit√§t der Feindschaft gegen die nun als Rasse definierten Juden, denen man keine M√∂glichkeit zur Assimilation in die christl. gepr√§gte Mehrheitsgesellschaft einr√§umte. In dieser Tradition stehend verfolgte das nat. - soz. Schreckensregime die Juden als rassisch minderwertig und staatsfeindlich: Nach 1933 wurden die Juden aus dem Beamtentum entfernt, die ›N√ľrnberger Gesetze‹ legalisierten 1935 die Diffamierung der Juden (Judengesetze), in der Reichspogromnacht wurden 1938 fast alle Synagogen in Brand gesteckt, 1941 wurde den nunmehr aus dem gesellschaftl. und wirtschaftl. Leben ausgeschalteten Juden das Tragen des Judensterns befohlen; nach 1940 wurden zwei Drittel der europ. Juden (etwa 6 Mio. Menschen) von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren im Rahmen der ›Endl√∂sung‹ auf bestialische Weise ermordet. - Die seit Ende des 19.)Jh. gehegten Autonomiehoffnungen nach einer ›gesicherten Heimst√§tte‹ in Pal√§stina (Zionismus) verwirklichten sich 1948 mit der Gr√ľndung des Staates Israel.

J√ľdische Festtage

Name Datum
Rosch Ha - Schana (Neujahr) 1. - 2. Tischri (Sept./Okt.)
Fasten Gedalja 3. Tischri
Jom Kippur (Versöhnungstag) 10. Tischri
Laubh√ľttenfest (Sukkot) 15. - 21. Tischri
Schemini Azeret (Schlußfest) 22. Tischri
Simchat Thora (Gesetzesfreude) 23. Tischri
Chanukka (Tempelweihfest, Lichterfest) 25. Kislew (Nov./Dez.) bis 2. oder 3. Tewet (Dez./Jan.)
Assara Be - Tewet 10. Tewet
Chamischa Assar Be - Schewat 15. Schewat (Jan./Febr.)
Fasten Esther 13. Adar (Febr./März)
Purim 14. Adar
Schuschan Purim (Purim von Susa) 15. Adar
Pessach (Passah) 14./15. - 22. Nisan (März/April)
Lag Ba - Omer (33. Tag der Omerzählung) 18. Ijjar (April/Mai)
Schawuot (Wochenfest) 6. - 7. Siwan (Mai/Juni)
Schiwa - Assar Be - Tammus 17. Tammus (Juni/Juli)
Tischa Be - Aw 9. Aw (Juli/Aug.)
Chamischa Assar Be - Aw 15. Aw

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