Kabale und Liebe

Literarische Erörterung zu Friedrich Schiller: Kabale und Liebe

Zeitkritik im Drama "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller

Gliederung:


    Friedrich Schiller, ein vom Denken und Handeln des Absolutismus beeinflusster Mensch, der die politischen MissstÀnde seiner Jugendzeit als Anlass zum Verfassen von "Kabale und Liebe nimmt"

    Friedrich Schiller kritisiert mit seinem bĂŒrgerlichen Trauerspiel "Kabale und Liebe" die Zeit des Absolutismus.

I. Kritik am BĂŒrgertum
    alte Wertvorstellungen gelten mehr als Liebe und GefĂŒhle Religion als Ideologie

II. Kritik am Lebensstil des Adels
    MĂ€tressenwesen Luxusleben

III. Kritik am Machtbestreben des Adels
    Persönliche Stellung zum FĂŒrsten ist wichtiger als alles andere Amt als Mittel zur Verfolgung eigener Interessen MachtĂŒbernahme durch kriminelle Machenschaften

IV. Kritik an den politischen Praktiken des herrschenden Adels
    GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber den Untertanen Ohnmacht und Rechtlosigkeit der Untertanen Skrupellosigkeit der Herrschenden Intrigen zur VergrĂ¶ĂŸerung der Macht

C) Kabale und Liebe - ein revolutionĂ€res bĂŒrgerliches Trauerspiel







A) "Die ersten Jugendjahre bestimmen vielleicht die GesichtszĂŒge des Menschen durch sein ganzes Leben, so wie sie ĂŒberhaupt die Grundlage seines moralischen Charakters sind" (Quelle 2)
(Friedrich Schiller 1779)

Johann Christoph Friedrich Schiller wird am 10. November 1759 in Marbach am Neckar, das im Herrschaftsgebiet des wĂŒrttembergischen Herzogs Karl Eugen liegt, in der Epoche des Absolutismus geboren. Sein Vater, der Hauptmann und spĂ€tere Major Johann Kaspar Schiller, sieht fĂŒr seinen Sohn eine theologische Laufbahn vor, wird aber vom Herzog Eugen, dessen Hof als Eldorado von MĂ€tressen - und GĂŒnstlingswirtschaft, Ausbeutung des Volks und ungerechter "Justiz" galt, gezwungen Friedrich in die "MilitĂ€r - Pflanzschule" (MilitĂ€rakademie) zu bringen. Ab diesem Zeitpunkt war Schiller ganz und gar dem Herzog ausgeliefert, welcher bestimmte, dass er ein Jurastudium zu absolvieren hatte, welches ihn aber in keinster Weise ansprach. Durch etwas GlĂŒck, konnte der junge Schiller vom ungeliebten Jurastudium zum neueingerichteten Studiengang Medizin wechseln, der zur damaligen Zeit auch philosophische und psychologische Kurse enthielt. Bereits wĂ€hrend des Studiums begann Schiller, der sich schon seit seiner frĂŒhen Jugendzeit fĂŒr das Literarische begeistert hatte, mit der Arbeit an "Die RĂ€uber", dessen UrauffĂŒhrung ein ĂŒberwĂ€ltigender Erfolg wurde. Als ihm jedoch nach einem Disput mit dem Herzog jegliche schriftstellerische Arbeit untersagt wurde, floh Friedrich 1782 ins Exil nach Mannheim und spĂ€ter ins thĂŒringische Bauerbach, wo das bĂŒrgerliche Trauerspiel "Luise Millerin", spĂ€ter "Kabale und Liebe" genannt entstand. In diesem Drama rechnet er mit Herzog Eugen und dem absolutistischen System ab, indem er seinem Unmut freien Lauf lĂ€sst.
Im nachfolgenden möchte ich seine wesentlichen Kritikelemente am Absolutismus im bĂŒrgerlichen Trauerspiel "Kabale und Liebe" aufzeigen.



    I. Als erstes ist zu erwĂ€hnen, dass Friedrich Schiller nicht nur, wie zu erwarten, ĂŒber den Adelsstand rebelliert, sondern auch das BĂŒrgertum, dem er entstammt, mit kritischen Worten versieht.

Hier stellt er besonders die Tatsache heraus, dass das vom absolutistischen Denken geprĂ€gte BĂŒrgertum alte, gewohnte Wertvorstellungen höher bewertet, als GefĂŒhle und Liebe. Besonders die Schlussszene verdeutlicht die Überbewertung bestimmter Tugenden. Die Tatsache, dass Luise ihr gegebenes Wort nicht brechen kann oder will, zeigt, wie sehr dort ein Eid oder Versprechen gilt. Auch Luises Ausspruch, "Vater! Deine Tochter kann fĂŒr dich sterben, aber nicht sĂŒndigen"( Friedrich Schiller: "Kabale und Liebe", Stuttgart 1999, S.64) gibt Auskunft darĂŒber, wie sehr im bĂŒrgerlichen Haus das Ansehen zĂ€hlt. Es ist aber insbesondere ihre Auffassung, dass ihre Liebe zu Ferdinand SĂŒnde ist, die, besonders beim gegenwĂ€rtigen Publikum, auf UnverstĂ€ndnis stĂ¶ĂŸt. Auch im Angesicht des Todes, das Publikum weiß bereits von der vergifteten Limonade, ist es um so absurder, dass sie nicht die Wahrheit sagt.

Ein weiterer Kritikpunkt Schillers am Verhalten des BĂŒrgertums ist die Tatsache, dass die Religion als Ideologie "missbraucht" wird. So ist zu beobachten, dass die Figuren des bĂŒrgerlichen Lagers, sprich die Familie Miller, sich die absolutistische Denkweise derartig angeeignet haben, dass sie nicht nur in politischer und gesellschaftlicher Sicht FĂŒhrung durch einen Höhergestellten benötigen, sondern auch im privaten und gefĂŒhlsorientierten Belangen benötigen. Da hierfĂŒr keine irdische Instanz vorhanden ist, wird einfach Gott als Leitfigur herangezogen und somit jede Handlung nicht mit dem eigenem Gewissen, sondern mit der Religion gerechtfertigt. Besonders deutlich zeigt sich dies im Dialog, zwischen Luise und ihrem Vater (5.Akt,1.Szene), indem Luise sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will und diesen Entschluss als Gottes Willen darstellt: "Gott gab mir Kraft. Der Kampf ist entschieden. Vater!"(a.a.O., S.86 ff) Auch der Vater, der seine Tochter ĂŒber alles liebt, versucht sie von ihrem Entschluss abzubringen, indem er sich ebenfalls auf Gott beruft: "Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis zum Frevel lieben."(a.a.O., S.89) Außerdem ist zu beobachten, dass das ganze Buch hindurch das Wort Gott, oder der Ausruf "O Gott!"(a.a.O., S.91) unzĂ€hlige Male verwendet wird. An dieser Verhaltensweise ist deutlich zu erkennen, wozu es fĂŒhrt, wenn das Volk von einem politischen System zur UnmĂŒndigkeit erzogen wird. Das Volk verliert sein Gewissen, sein eigenes Ich, es klammert sich an Ideale und dies ist im privaten Bereich nun mal die Religion.

II. Ein zweiter wesentlicher Kritikpunk am politischen System des Absolutismus ist die prunkvolle und verschwenderische Lebensweise am Hof des FĂŒrsten.

So galt es zur damaligen Zeit als Prestigeangelegenheit sich als absolutistischer Herrscher neben einer Ehegattin auch noch eine oder mehrere MĂ€tressen zu leisten, die mehr oder weniger gutbesoldete "Lustobjekte" des FĂŒrsten waren. Im Buch wird die MĂ€tresse des FĂŒrsten, Lady Milford, mit allerlei Schmuck, WertgegenstĂ€nde und VergnĂŒgungen ĂŒberschĂŒttet, wie zum Beispiel Reitpferde oder kostbaren Brillanten, die "soeben erst aus Venedig"(a.a.O., S.29) kommen. Die Tatsache, dass sich der FĂŒrst eine MĂ€tresse hĂ€lt ist zwar moralisch nicht einwandfrei, wĂ€re aber im Endeffekt zu vernachlĂ€ssigen, wenn nicht das Volk die dadurch entstehenden enormen Kosten finanzieren mĂŒsste. So antwortet zum Beispiel der Bote, der Lady Milford die edlen Brillanten ĂŒberbringt auf ihre Frage, was denn die Steine kosteten, dass sie den FĂŒrsten "keinen Heller"(a.a.O., S.29) kosten, da die "siebentausend Landskinder, [die nach Amerika fortgehen,] [...] alles zahlen." (a.a.O., S.29) Damit ist gemeint, dass der Herzog deutsche Soldaten nach Amerika verkauft, nur um seiner Geliebten auf Kosten des Volkes ein angemessenes Geschenk machen zu können.


Ein weiterer Kritikpunkt Schillers ist der luxuriöse Lebenswandel des Adels, der Unmengen an Geld verschlingt, was dazu fĂŒhrt, dass der Adel stĂ€ndig in Finanzierungsschwierigkeiten steckt. So werden zur damaligen Zeit prunkvolle "HofbĂ€lle" (a.a.O., S.55) abgehalten deren einzigstes Ziel es war den persönlichen Reichtum zur Schau zu stellen. Zur Darstellung und Verbildlichung der monarchischen GrĂ¶ĂŸe bedient man sich an den kulturellen Ausdrucksformen wie Ballet, Musik, Theater und "sĂŒperbeste Feuerwerk[e]" (a.a.O., S.53), die ebenfalls Unmengen von Geld verschlingen. Zur FreizeitbeschĂ€ftigung der Adeligen werden zum Beispiel "BĂ€renhatzen" (a.a.O., S.30) abgehalten. Auch "Paraden" (a.a.O., S.57) und Aufmarsche, die ein einziges Schaulaufen sind, gehören zur luxuriösen Hofkultur. Da dieses Leben Unmengen an Geld verschlingt, kommt es dem FĂŒrsten ganz recht, dass England bereit ist gut fĂŒr das "Joch Menschen" (a.a.O., S.29) zu bezahlen, um diese in Amerika im UnabhĂ€ngigkeitskrieg kĂ€mpfen zu lassen. Mit der Aussage des Kammerdieners "Die zahlen alles"(a.a.O., S.29) wird eindeutig belegt, dass allein das Volk fĂŒr diese Prunksucht des Adels gerade stehen muss. Auch wird im Buch verdeutlicht, dass Protest oder Widerstand zwecklos war, da Leute die fragen, "wie teuer der FĂŒrst das Joch Menschen verkaufe" wie "die Maulaffen nieder[geschossen werden]" (a.a.O., S.29ff).


III. Außer dem bereits ErwĂ€hnten fĂ€llt deutlich auf, dass Schillers das enorme Machtbestreben des adeligen Standes kritisiert.

Aus adeliger Sicht ist es sehr wichtig ein sehr enges und harmonisches VerhĂ€ltnis zum FĂŒrsten zu unterhalten, da dieser alleine ĂŒber Gedeihen und Verderben des einzelnen entscheiden kann. Bei diesem Wettstreit um die Gunst des FĂŒrsten wird unter den Adeligen keine RĂŒcksicht auf Gesetze oder persönliche GefĂŒhle genommen. Als der Herzog zum Beispiel nach einem Adeligen sucht, der seine MĂ€tresse Lady Milford heiraten solle, da er aus politischen GrĂŒnden eine Heirat eingehen wird, aber trotzdem seine Geliebte in der NĂ€he haben will, versucht der PrĂ€sident mit allen Mittel seinen Sohn Ferdinand zu zwingen sie zur Frau zu nehmen. Damit wĂŒrde die Familie des PrĂ€sidenten dem FĂŒrsten ein deutliches StĂŒck nĂ€herkommen und somit ihre MachtansprĂŒche untermauern oder sogar vergrĂ¶ĂŸern. Als sich jedoch Ferdinand gegenĂŒber seinem Vater unwillig zeigt, versucht ihm dieser zu erklĂ€ren, dass es hier nicht um GefĂŒhle geht, sondern die Heirat lediglich ein Instrument zur MachtvergrĂ¶ĂŸerung ist. Da der PrĂ€sident bereits "den Entschluss [s]eines Ferdinands in der ganzen Residenz bekannt machen" (a.a.O., S.20) ließ, und keinesfalls als LĂŒgner dastehen will, droht er seinem Sohn: "Wenn du mich zum LĂŒgner machst, Junge - vor dem FĂŒrsten [...] - Höre, Junge - oder wenn ich hinter gewisse Historien komme!" (a.a.O., S.24ff) An dieser Szene wird deutlich, dass nur Macht und Einfluss von Bedeutung sind, persönliche GefĂŒhle oder gar Liebe gelten dafĂŒr als belanglos.

Nachdem ich nun die Machtsucht der Adeligen in der Zeit des Absolutismus aus dem Werk "Kabale und Liebe" herausgearbeitet habe, stellt sich nun die Frage, wodurch dieser enorme Ehrgeiz nach politischen Ämtern begrĂŒndet ist.
Diese Frage wird dem Leser im Drama ziemlich schnell beantwortet, spÀtestens aber im II. Akt, in dem der PrÀsident von Walter sein Amt missbraucht, um eigene Interessen durchzusetzen.
Wie bereits im Punkt II.1 erwĂ€hnt, will der PrĂ€sident aus machtpolitischen GrĂŒnden eine Heirat seines Sohnes Ferdinand mit Lady Milford erzwingen, was aber zu scheitern droht, da Ferdinand die BĂŒrgerstochter Luise Miller bevorzugt und fest entschlossen ist diese zur Frau zu nehmen, was er immer wieder durch Aussagen wie, "Ich liebe dich Luise - Du sollst mir bleiben, Luise - [...]! (a.a.O., S.43) bekrĂ€ftigt. Da dies aber der PrĂ€sident nicht hinnehmen will, versucht er durch gezielten Amtsmissbrauch diese Liebe zu unterbinden. Dies lĂ€sst sich an Hand der Aussage, die er im Hause der Millers von sich gibt deutlich belegen: "Ein solches Gesindel sollte meine PlĂ€ne zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn aneinanderhetzen? - Ha, Verfluchte! Ich will meinen Hass an eurem Untergang sĂ€ttigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter will ich meiner brennenden Rache opfern."(a.a.O., S.45) Er versucht die Familie Miller durch Aufbootung einer Schar von Gerichtsdiener, die er anweist, den "Vater ins Zuchthaus [zu bringen] - an den Pranger Mutter und Metze von Tochter [zu stellen]."(a.a.O., S.45) Doch das Verachtenste an diesem Amtsmissbrauch ist, dass der PrĂ€sident dabei auch noch von "Gerechtigkeit"(a.a.O., S.45) spricht.

Eng damit verbunden, welche Methoden der PrĂ€sident von Walter zur Verfolgung seiner eigenen Interessen benutzt, ist die Frage wie er ĂŒberhaupt zu seiner derzeitigen mĂ€chtigen Stellung gekommen ist.
Zu diesem Punkt werden im Drama vor allem von Ferdinand immer wieder Äußerungen gemacht, aus denen hervorgeht, dass sein Vater durch kriminelle Machenschaften an sein hohes Amt gekommen ist: "[...] unterdessen erzĂ€hl ich der Residenz eine Geschichte, wie man PrĂ€sident wird."(a.a.O., S.48) Die ganze Tragweite dieses Verbrechens wird zwar im Drama nicht aufgeklĂ€rt, aber aufgrund verschiedener Äußerungen kann man darauf schließen, dass es sich keinesfalls um ein Kavaliersdelikt handelt, da auf alle FĂ€lle Mord im Spiel war: " ... wo die große Mine losgehen und den guten Mann [VorgĂ€nger des PrĂ€sidenten; Anm. d. Autors] in die Luft blasen sollte."(a.a.O., S.50)
Diese These lĂ€sst sich auch durch das Verhalten des PrĂ€sidenten bestĂ€rken, den bei der MachtausĂŒbung immer wieder das schlechte Gewissen plagt, da es Mitwisser gibt, deren der PrĂ€sident keineswegs absolut sicher ist, aber die gleichwohl von ihm unangetastet bleiben. So macht der PrĂ€sident auch immer wieder Andeutungen, wie "er fĂŒhrt mich da vor einen entsetzlichen Abgrund"(a.a.O., S.50), in denen er andeutet, dass es ihm lieb wĂ€re, wenn die von ihm in Gang gesetzte Intrige keine allzu schmerzlichen Auswirkungen zeigt.


IV. Ein weiterer wesentlicher Kritikpunkt Schillers an der Epoche des Absolutismus ist die Art und Weise des politischen Handelns des herrschenden Adels.

Als erstes lĂ€sst sich hier, die zur Zeit des Absolutismus ĂŒbliche Ausbeutung des Landes und der Bevölkerung, anmerken. So sind der Klerus und der Adel privilegiert und zahlen deshalb praktisch keine Steuern. Allein der Adel ist zu FĂŒhrungspositionen im Staat und Armee berechtigt und verfĂŒgt ĂŒber Ehrenvorrechte, die ausgiebig genutzt werden. Der dritte Stand hingegen muss die Ganze, durch die prunkvolle und verschwenderische Hofhaltung entstehende Finanzlast tragen, wobei der FĂŒrst keine RĂŒcksicht darauf nimmt, ob der generell finanzschwache dritte Stand ĂŒberhaupt in der Lage ist diese aufzubringen. So wird zum Beispiel vom Herrscher keine RĂŒcksicht darauf genommen, dass bei Missernten oder andern Miseren die Bauernschaft nicht in der Lage ist seine Steuern und Abgaben zu leisten. An eine UnterstĂŒtzung durch den FĂŒrsten bei UnglĂŒcksfĂ€llen, Naturkatastrophen oder ArbeitsunfĂ€higkeit ist erst gar nicht zu denken. Auch als ein "Feuer eine Stadt an der Grenze verwĂŒstet[e] und bei vierhundert Familien an den Bettelstab gebracht[e]"(a.a.O., S.31), wird von offizieller Seite her keine Hilfe gewĂ€hrt. Die absolutistischen Herrscher sehen das Volk als ihre Knechte an, deren einzigste Aufgabe es ist fĂŒr den Staatshaushalt zu sorgen.

Ein weiteres Beispiel fĂŒr die rĂŒcksichtslosen Herrschaftspraktiken des Adels ist die Ohnmacht, bzw. Rechtlosigkeit der Untertanen gegenĂŒber den absolutistischen Herrschern.
Als der PrĂ€sident wie in II.2 beschrieben die Familie Miller in deren Wohnung durch die Gerichtsdiener grundlos verhaften lassen will, wirft Herr Miller ein: "Ich laufe zum Herzog - Der Leibschneider - das hat mir Gott eingeblasen! - Der Leibschneider lernt die Flöte bei mir. Es kann mir nicht fehlen beim Herzog."(a.a.O., S.46) Da jedoch das absolutistische Politsystem aus einer Hierarchie besteht, fĂŒhrt kein Weg am PrĂ€sidenten von Walter vorbei. Da dieser jenen Umstand geschickt auszunutzen weiß, fragt er gelassen, wenn nicht so gar spöttisch dem untergeben Miller, ob er " vergessen [hat], dass [er (der PrĂ€sident; Anm. d. Autors)] die Schwelle [ist], worĂŒber [er (Miller; Anm. d. Autors)] springen oder den Hals brechen [muss]?"(a.a.O., S.46) Außerdem droht er ihm drastische Konsequenzen an, fĂŒr den Fall das er es versuchen wolle: "Versuches, wenn du, lebendig tot, eine Turmhöhe tief unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit der Hölle liebĂ€ugelt und Schall und Licht wieder umkehren!"(a.a.O., S.46) Auch kann der PrĂ€sident dann im weiteren Verlauf der Intrige tatsĂ€chlich das Ehepaar grundlos festnehmen, indem er anordnet, dass "Dieser Verhaftungsbefehl ohne Aufschub in die Gerichte [muss], [...], ganz in der Stille."(a.a.O., S.53)
Durch diese Beispiele wird eindeutig belegt, dass die Bevölkerung völlig rechtlos war und ohne Schutz der WillkĂŒr der Herrscher ausgesetzt war.

Äußerst stark prangert Schiller die moralische Skrupellosigkeit der Adeligen an und Ă€ußert sich ausgesprochen negativ ĂŒber deren Wertvorstellungen. So findet man die Charaktereigenschaften, wie man sie von den mittelalterlichen EdelmĂ€nnern aus Heldenromanen her kennt, wie Treue, Ehre Tugend, etc. bei den "EdelmĂ€nnern", sprich den Adeligen des 18. Jahrhunderts nicht, da jene ja nur bei der Karriere stören wĂŒrden. So kommt der PrĂ€sident, wie bereits erwĂ€hnt, nur durch ein Verbrechen an sein hohes Amt. Aber auch der machtgierige Wurm, SekretĂ€r des PrĂ€sidenten, steht seinem Vorgesetzten in Sachen MoralverstĂ€ndnis in nichts nach, obwohl er als Amtadeliger ursprĂŒnglich dem BĂŒrgertum entstammt. Besonders deutlich wird dies in der Szene, als der PrĂ€sident und Wurm nach Ferdinands Drohung, die Missetaten des Vaters aufzudecken, einen neuen Plan zur Verwirklichung ihrer Ziele schmieden. Wurm schlĂ€gt eine "satanisch fein[en]" (a.a.O., S.52) Plan vor, worauf der PrĂ€sident meint: "Der SchĂŒler ĂŒbertrifft seinen Meister" (a.a.O., S.52). Wurms Vorschlag sieht vor, der Familie Miller einen Eid abzupressen, worauf von Walter sofort einwirft, "was wird ein Eid fruchten, Dummkopf" (a.a.O., S.52), da ihm dieser selbst nichts bedeutet. Darauf entgegnet ihm aber Wurm: "Nichts bei uns [dem Adel; Anm. d. Autors], gnĂ€diger Herr. Bei dieser Menschenart [den BĂŒrgern; Anm. d. Autors] alles."(a.a.O., S.52) Bei diesem Vorgehen wird eindeutig das politische Prinzip des herrschenden Geschlechts zur damaligen Zeit klar, "nach oben kuschen" und "nach unten treten", wobei fĂŒr Moral oder Skrupel kein Platz ist.

Das Hauptaugenmerk im Drama aber legt Schiller auf den Gebrauch von Intrigen, die zur Erreichung eigener Ziele und Herrschaftssicherung vom PrĂ€sidenten und Wurm inszeniert werden, da sich diese wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Der PrĂ€sident von Walter heckt zusammen mit seinem SekretĂ€r Wurm eine "Kabale" aus, da er befĂŒrchtet, dass " sein ganzer Einfluss in Gefahr ist, wenn die Partie mit der Lady zurĂŒckgeht"(a.a.O., S.51). Aus diesem Grund veranlasst der PrĂ€sident Wurm der Familie Miller einen Eid aufzuzwingen und Luise durch VortĂ€uschung falscher Tatsachen einen, an den Hofmarschall gerichteten, gefĂ€lschten Liebesbrief aufsetzen zu lassen. Diesen soll dann von Kalb "irgendwo herausfallen lassen, wo er dem Major [Ferdinand, Anm. d. Autors] zu Gesicht kommen muss"(a.a.O., S.57) und das alles nur um Ferdinand und Luise gewaltsam zu trennen, um seine PlĂ€ne verwirklichen zu können. Die "Kabale" scheint zunĂ€chst aus Sicht der Intriganten problemlos zu verlaufen, bis Ferdinand aus Verzweiflung vor den Augen seines Vaters durch Selbstmord stirbt. Als ob sie damit nicht schon genug Unheil angerichtet haben, streiten daraufhin der PrĂ€sident und Wurm um die Schuldfrage. Von Walter wirft seinem SekretĂ€r vor: "Du, du gabst den Schlangenrat - Über dich die Verantwortung - Ich wasche die HĂ€nde." In seiner Wut ĂŒber diese Aussage prangert nun Wurm im Gegenzug eine weitere Verschwörung an: "Ruft Mord durch die Gassen! Weckt die Justiz auf! Gerichtsdiener, bindet mich! FĂŒhrt mich von hinnen! Ich will Geheimnisse aufdecken [...]"(a.a.O., S.109) Damit hat er sich entschlossen dem PrĂ€sidenten den RĂŒcken zu kehren und nun den Mord aufzudecken, durch welchen von Walter, er selbst und der Hofmarschall zu Macht und Ansehen zu kommen, um nicht als alleiniger SĂŒndenbock dazustehen. An dieser letzten Szene lĂ€sst sich sehr deutlich zeigen, dass im Mittelpunkt des adeligen Denkens im 18. Jahrhundert immer zuerst die politische Macht und die eigene Stellung stehen, bevor ĂŒberhaupt ĂŒber andere Personen, von GefĂŒhlen ganz zu schweigen, nachgedacht wurde.


    Mit der Veröffentlichung des revolutionĂ€ren bĂŒrgerlichen Trauerspiel "Kabale und Liebe" hat Friedrich Schiller, wie sein schriftstellerisches Vorbild Lessing, große Dienste geleistet, um endlich die veralterte Denkweise des Absolutismus in den Köpfen der Menschen gegen ein aufgeklĂ€rtes Menschenbild auszutauschen. Die Motive dieses Sturm - und - Drang Dramas entstanden laut Walter Scharfschick "aus der Empörung gegen den Herzog Karl Eugen und aus tiefer Einsicht in die Unmoral vieler Regenten seiner Zeit" (Quelle 3). Seine theoretischen Vorstellungen ĂŒber die gesellschaftliche Funktion des Dramas entlehnte Schiller den damals umlaufenden Thesen des Franzosen SĂ©bastian Mercier, der verkĂŒndete, dass das Drama eine Schule fĂŒr Tugenden und Pflichten des BĂŒrgers sein sollte. Dass Schiller damit den richtigen Weg gegangen ist, zeigt sich an dem unglaublichen Erfolg des StĂŒcks. So wurde es zum Beispiel im Jahr 1784 in Berlin innerhalb eines Monats siebenmal aufgefĂŒhrt, wobei berichtet wird, " dass sich bereits nach dem zweiten Akt alle Zuschauer erhoben und in stĂŒrmisches Beifallrufen ausbrachen.



Quellenangabe:
1. Schiller, Kabale und Liebe. Universal - Bibliothek Nr. 33.
Stuttgart 1993
2. Bertelsmann Discovery 1999: Das Große Universallexikon
3. Schiller, Kabale und Liebe. Ein bĂŒrgerliches Trauerspiel.
Anmerkungen von Walter Schafarschick. Stuttgart 1997
4. Königs ErlÀuterungen und Materialien zu Kabale und Liebe.
9. Auflage. Hollfeld 1998
5. Königs ErlÀuterungen zu Kabale und Liebe. Band 31
17. Auflage. Hollfeld (Jahresangabe nicht vorhanden)

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