Karl Alois Schenzinger

Karl Alois Schenzinger
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Person und dem literarischen Auftreten Schenzingers
2.1 Biographie des Autors
2.1.1 Kindheit - Lehre - Studium - Beruf
2.1.2 Emigration in die USA
2.1.3 Politische Aktivit├Ąten in den 30er Jahren
2.1.4 Erfahrungen im Zuge der Entnazifizierung
2.1.5 Zur├╝ckgezogenes Leben im niederbayerischen Raum
2.2 Kennzeichnung seiner literarischen Werke
2.2.1 Erfolglose Fr├╝hzeit mit expressionistischen Dramen
2.2.2 Steigerung seines Bekanntheitsgrades ├╝ber Illustriertenromane
2.2.3 Politisch motivierte Schriften der fr├╝hen 30er Jahre
2.2.4 Gro├čer Erfolg mit popul├Ąrwissenschaftlichen Romanen
3 Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung der "politischen Jugendschrift"
3.1 Theoretische Aspekte
3.1.1 Jugendpolitik der NSDAP
3.1.2 Erziehung im NS - Staat
3.1.3 Gleichschaltung des Komplexes Jugendliteratur
3.1.4 Grundlagen des nationalsozialistischen Erziehungswesens
3.1.5 Funktion, Wirkung und Inhalte der "politischen Jugendschrift"
3.2 Praktische Umsetzung der Theorie in Karl - Alois Schenzingers "Hitlerjunge Quex"
3.2.1 Entstehungsgeschichte des Romans
3.2.2 Inhaltsangabe
3.2.3 Gattungstypische Merkmale
4 Der "Hitlerjunge Quex" als parteih├Âriger Spielfilm
4.1 Gleichschaltung der Pr├╝fungsinstitutionen f├╝r das Medium Film
4.2 Welturauff├╝hrung des Films in M├╝nchen
4.3 Symbolkraft von Fahnen und Liedern
4.4 Nutzung modernster Filmtechnik
5 "Links wo das Herz ist": Exilliteratur des Leonhard Frank
5.1 Kennzeichnung des Autors Leonhard Frank
5.2 Inhaltsangabe
5.2.1 Not und Dem├╝tigungen w├Ąhrend seiner Kindheit
5.2.2 Selbstfindungsproze├č in M├╝nchen
5.2.3 Neubeginn als Schriftsteller in Berlin
5.2.4 Erfahrungen mit dem 1. Weltkrieg und der Weimarer Republik
5.2.5 Erfahrungen im Exil
5.2.6 Begegnung mit seiner "Traumfrau"
5.2.7 R├╝ckkehr nach Deutschland
6 Analyse von Karl - Alois Schenzingers zweitem politischen Roman "Der Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch"
6.1 Vorstellung der Hauptcharaktere
6.2 Inhaltsangabe
6.2.1 Scheinablehnung des Nationalsozialismus seitens der Herrgottsbacher
6.2.2 Aufstand der HJ
6.2.3 Auswirkungen des politischen Machtwechsels auf Herrgottsbach
6.2.4 Begeisterung f├╝r die Fliegerei
6.3 F├╝hrerkult um Otto Dobel
6.3.1 Ausnahmestellung Otto Dobels
6.3.2 Otto Dobel als Anf├╝hrer der HJ
6.4 Bedeutung der Fliegerei
6.4.1 Allgemeine Beliebtheit von Fliegerromanen
6.4.2 Jugendliche geeint in Fliegerbegeisterung
7 Vergleichende Interpretation
7.1 Leonhard Frank und Karl - Alois Schenzinger als Tr├Ąger unvereinbarer Lebenseinstellungen
7.2 Gegens├Ątzlichkeit bei der Bewertung und der Auswirkungen geschichtlicher Ereignisse
7.3 Gegens├Ątzlichkeit der Lehrergestalt
8 Schlu├čbemerkung: Wachsende Begeisterung f├╝r die Fliegerei in Neu - Ulm
9 Quellennachweis
10 Literaturverzeichnis
11 Anhang
Einleitung
"Keiner nahm von ihm in Neu - Ulm irgendeine Notiz". So ├╝berschreibt Eduard Ohm jun. seinen, in der NUZ im Rahmen der Serie "Neu - Ulmer Geschichten" erschienenen Artikel ├╝ber Karl - Alois Schenzinger.
Obwohl der Bestsellerautor Schenzinger neben Pers├Ânlichkeiten wie dem Fliegerpionier Hermann K├Âhl, dem Mitbegr├╝nder der Deutschen Verfassung Ottmar Kollmann, oder dem K├╝nstler Edwin Scharff wohl zu den bedeutendsten "S├Âhnen der Stadt" z├Ąhlt, schenken ihm die Neu - Ulmer B├╝rger kaum Beachtung. Lediglich eine kleine Gedenktafel der Metall - Innung Neu - Ulm an Schenzingers Geburtshaus, Augsburger Stra├če 10, erinnert heute noch an ihn. Diese kleine Aufmerksamkeit kann einem Vergleich mit Institutionen wie dem "Edwin - Scharff - Haus" oder der "Hermann K├Âhl Schule" wohl kaum standhalten.
Dabei kann der mittlerweile verstorbene Schriftsteller nun wirklich auf ein bewegtes Leben als "Weltenbummler, Forscher, Filmproduzent" zur├╝ckblicken.
Auch pflegte er immer einen engen Kontakt zu seiner Heimatstadt, die er mehrmals besuchte. Besonders angetan war er vom Ulmer M├╝nster, dessen Architektur und Atmosph├Ąre ihn faszinierten.
Vielleicht sind es seine politisch motivierten Schriften der fr├╝hen 30er Jahre, die mit ihrer nationalsozialistischen Attit├╝de nach dem Krieg verp├Ânt waren, die die Schuld an dem Verdr├Ąngungsproze├č der Neu - Ulmer gegen├╝ber seiner Person tragen. Mich haben die "braunen Flecke" in seiner Vergangenheit aber nicht gehindert, das Leben und Wirken des Neu - Ulmer Autors etwas n├Ąher zu beleuchten.
Zur Person und dem literarischen Auftreten Schenzingers
Biographie des Autors
Kindheit - Lehre - Studium - Beruf
Karl - Alois Schenzinger wurde am 28. Mai 1886 als Sohn des Steueruntersuchungs - Assistenten Karl August Schenzinger in Neu - Ulm geboren. Bereits zwei Jahre sp├Ąter zog die Familie nach Ravensburg. In dieser Stadt besuchte Schenz, wie ihn seine Freunde riefen, das Gymnasium und trat nach seiner Schulzeit eine Apothekerlehre an. Die Jahre 1908 - 1913 verbrachte Schenzinger als Medizinstudent. Er besuchte die Universit├Ąten in Freiburg im Breisgau, M├╝nchen und Kiel und promovierte schlie├člich mit einer Untersuchung ├╝ber "Abnorme Hormone bei der Schizophrenie".
Den 1. Weltkrieg erlebte der damals 28 - J├Ąhrige als Sanit├Ątsoffizier. Nach dem Krieg ging Schenzinger nach Hannover, wo seinem Interesse an der Literatur vielf├Ąltige Ausdrucksformen und Anwendungsbereiche offenstanden. So wurde er zum Beispiel zu einem der Mitbegr├╝nder der K├Ąstner - B├╝hne in Hannover. Mit dem 1921 bei Rohwolt verlegten Drama Berggang, trat Karl - Alois Schenzinger erstmals als Autor in Erscheinung. Als ihm die Stelle eines Medizinalrates angeboten wurde, nahm Schenzinger, der nichts mehr f├╝rchtete als dass sein Leben zur vorhersehbaren Routineangelegenheit reduziert werden k├Ânnte, von heute auf morgen Rei├čaus.
Emigration in die USA
Mit 300 Dollar und einigen Perserteppichen im Gep├Ąck, aber ohne ein Wort englisch zu sprechen, schiffte er sich am 13. Oktober 1923 auf einem Emigrantendampfer nach New York ein. Dort angekommen arbeitete sich Schenzinger vom Hausmeister bis zum Nachtambulanz - Arzt hoch. Nebenbei verfa├čte er zwei surrealistische Dramen, die Kiepenheuer sp├Ąter verlegte, und erstand au├čerdem eine Filmkamera.
Die Vision vor Augen, eines Tages mit der gro├čen Fox Film Company konkurrieren zu k├Ânnen, gr├╝ndete Schenzinger die "West Star Film Company", die er ganz allein unterhielt. Dabei scheute er auch gef├Ąhrliche Man├Âver, wie zum Beispiel die Aufnahme des Zeppelins "Los Angeles" von st├╝rmischer See aus, nicht. Doch der Mut und Einsatzwille des frischgebackenen Filmproduzenten wurden nicht belohnt. Als Schenzinger seine Aufnahmen im heimischen Deutschland verkaufen wollte, fielen diese einem Brand im Schneideraum der Berliner Filmagentur "Terra" zum Opfer.
Derma├čen vom Pech verfolgt, begrub er seine Ambitionen als Filmemacher und wurde 1925 in Wedding, einem Arbeiterstadtteil Berlins, se├čhaft. Hier widmete sich Schenzinger wieder seinen literarischen F├Ąhigkeiten. Seinen ersten gro├čen Erfolg als Schriftsteller feierte er 1928 mit seinem Abenteuerroman Abitur am Niagara, der von der Frankfurter Illustrierten f├╝r ein Honorar von 6000 Mark abgedruckt wurde. Daraufhin k├╝ndigte Schenzinger seine Anstellung als Kassenarzt und trat im Auftrag seines Verlages eine Weltreise an, die ihn durch Kanada, die USA und den S├╝dsee - Raum f├╝hrte. Die Eindr├╝cke dieser Reise hielt er in drei Illustriertenromanen fest.
Politische Aktivit├Ąten in den 30er Jahren
Die Erfahrungen mit dem Proletariat und dessen Polarisierung in links - und, vor allem, rechtsextreme Gruppen, die Schenzingers fr├╝herer Beruf mit sich brachte, beeinflu├čten seine Literatur fortan ma├čgeblich.
Als er 1931 vom damaligen Reichsjugendf├╝hrer Baldur von Schirach den Auftrag erhielt, einen Propagandaroman f├╝r die Hitlerjugend zu erstellen, verfa├čte der von der nationalsozialistischen Ideologie erfa├čte Schenzinger den Hitlerjunge Quex. Dieser Roman, in den er seine Milieukenntnisse der Berliner Arbeiterschaft voll einbrachte, avancierte zum bekanntesten Jugendbuch der 30er Jahre und wurde 1933 sogar von der Ufa verfilmt. Dar├╝ber hinaus formulierte er einige Reden f├╝r den Reichsminister f├╝r Volksaufkl├Ąrung und Propaganda, Joseph Goebbels.
"Schenzinger, der in die NS - Bewegung zun├Ąchst politische und soziale Hoffnungen gesetzt hatte", lie├č ab 1935 von der politischen Literatur ab und befa├čte sich mit naturwissenschaftlich - technischen Themen. Der 1936 erschienene Roman Anilin erzielte, genau wie das 3 Jahre sp├Ąter ver├Âffentlichte Metall, Millionenauflagen, die Schenzinger zum Bestseller - Autor und zum Begr├╝nder des popul├Ąrwissenschaftlichen Journalismus machten.
Erfahrungen im Zuge der Entnazifizierung
Im 2. Weltkrieg diente Schenzinger als Arzt bei der deutschen Luftwaffe in Wien. Hier lernte er auch seine sp├Ątere Frau Gertraud kennen, die 30 Jahre j├╝nger ist als er selbst. Noch w├Ąhrend des Krieges heirateten die beiden am 27.5.1944 in der ├Âsterreichischen Donaustadt und zweieinhalb Jahre sp├Ąter kam ihr Sohn Axel auf die Welt, der aber ein Einzelkind bleiben sollte.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde der vielgelobte Schriftsteller von seiner politischen Vergangenheit eingeholt. Die Amerikaner deckten im Rahmen der Entnazifizierung, seine Sympathien zum Nationalsozialismus der fr├╝hen 30er Jahre auf und sperrten ihn in das Lager Mauerkirchen. Der Autor musste sich 1947 vor der Landauer Spruchkammer verantworten, wurde aber lediglich als Mitl├Ąufer eingestuft. Obwohl man intensiv nach "tiefbraunen Flecken auf seiner Weste fahndete", kam Schenzinger, der nie Mitglied der NSDAP war, mit einer Geldstrafe von 80 RM davon.
Zur├╝ckgezogenes Leben im niederbayerischen Raum
Nach dem Krieg trat der mittlerweile 59 - J├Ąhrige eine Doktorenstelle in Niederbayern an. Wenige Jahre sp├Ąter praktizierte er an der Heil - und Pflegeanstalt Mainkofen bei Deggendorf, wo er 1950 seine eigene Arztpraxis er├Âffnete. Ab 1951 lebte Schenzinger mit seiner Frau Gertraud in Prien am Chiemsee, wo er versunken in seine literarischen Arbeiten noch viele erfolgreiche Sachb├╝cher schrieb. Vor allem der bereits 1950 erschienene Roman Atom kn├╝pfte sowohl vom Inhalt, als auch vom Erfolg, nahtlos an die Bestseller vor dem Krieg an. Am 4.7.1962 erlag Karl - Alois Schenzinger nach einem bewegten Leben, in dem er viele H├Âhen und Tiefen durchgestanden hatte, im Alter von 76 Jahren einem Herzschlag. Seine Frau, mittlerweile wieder verheiratet, lebt noch heute in Prien am Chiemsee.
Kennzeichnung seiner literarischen Werke
Nun m├Âchte ich genauer auf Schenzingers literarische Werke eingehen, die den Lesern immer einen Spiegel der aktuellen Ereignisse und dem Zeitgeist vorhielten.
Erfolglose Fr├╝hzeit mit expressionistischen Dramen
So war sein fr├╝hes Schaffen stark von den Auswirkungen des 1. Weltkriegs gepr├Ągt. Von den Literaten der Zeit noch als "reinigendes Gewitter" herbeigesehnt, entpuppte er sich als gnadenloser und verlustreicher Stellungskrieg, der das Leben von 1,8 Millionen deutschen Soldaten forderte. Viele Familien verloren ihre V├Ąter oder S├Âhne; Deutschland war von den harten Friedensbestimmungen im Versailler Vertrag und den finanziellen und wirtschaftlichen Verh├Ąltnissen gezeichnet. In dieses Gef├╝hl der Ohnmacht fiel die erste literarische Ver├Âffentlichung Schenzingers, das expressionistische Drama Berggang. Er fand in Rohwolt zwar einen Verleger f├╝r dieses Werk, bei den Lesern erlangte es aber nur wenig Beachtung. Auch seine in den USA entstandenen Dramen A├č! A├č! A├č! und "+++" fanden keinen Anklang bei der ├ľffentlichkeit.
Steigerung seines Bekanntheitsgrades ├╝ber Illustriertenromane
Erst nach seiner R├╝ckkehr aus ├ťbersee stellte sich der literarische Erfolg langsam ein. Sein 1928 erschienener Abenteuerroman Abitur am Niagara, wurde als Vorabdruck in der "Frankfurter Illustrierten" ver├Âffentlicht und brachte die gew├╝nschte Resonanz bei der Leserschaft. Nachdem Schenzinger f├╝r diese Zeitschrift drei weitere, impressionistische Illustriertenromane geschrieben hatte, gelang ihm, vor dem Hintergrund der zunehmend radikaler werdenden Arbeitergruppen und des immer st├Ąrker aufkommenden Nationalsozialismus, der Durchbruch als Schriftsteller.
Politisch motivierte Schriften der fr├╝hen 30er Jahre
Seine politischen Schriften, vor allem die sozialen Romane Der Hitlerjunge Quex von 1932 und Der Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch, auf die sp├Ąter noch n├Ąher eingegangen wird, trafen mit ihrer nationalsozialistischen Attit├╝de genau den Puls der Zeit. Auch Busse wandert aus oder Wehe den Wehrlosen gingen in die gleiche Richtung. Er fertigte sogar einige Reden f├╝r den hohen Nazi - Politiker Joseph Goebbels an, was sein politisches Engagement f├╝r die NS - Ideologie nachdr├╝cklich unterstreicht.
Gro├čer Erfolg mit popul├Ąrwissenschaftlichen Romanen
Aber bereits 1935, also zwei Jahre nach dem Machtantritt der Nazis, lie├č Schenzinger von der politischen Literatur ab und stellte fortan naturwissenschaftlich - technische Sachverhalte in den Mittelpunkt seiner Romane. So entstand 1936 Anilin, Schenzingers erste Ver├Âffentlichung unter dem neuen Genre, in dem er seine F├Ąhigkeit, Entwicklungen und Errungenschaften der deutschen Industrie in spannender und verst├Ąndlicher Sprache darzustellen, eindrucksvoll demonstrierte. Anilin, das mit einer Gesamtauflage von 3 Millionen Exemplaren zu den meistgelesenen B├╝chern ├╝berhaupt z├Ąhlt, behandelt den Werdegang der deutschen Farbstoffchemie im 19. und 20. Jahrhundert. Der Autor spannt darin einen Bogen von den ersten Versuchen mit Steinkohleteer bis hin zu den gro├čen Chemiekonzernen unserer Zeit. Drei Jahre sp├Ąter folgte Metall, in dem Schenzinger den Kampf der internationalen Forschung beschreibt, der die Grundlagen f├╝r moderne technische Errungenschaften wie z.B. das Automobil oder die Elektrizit├Ąt gelegt hat.
Und auch nach dem Krieg wurde Schenzinger seinem Ruf als Bestseller - Autor gerecht, denn auch das 1950 erschienene Atom, das den Ursprung, den Verlauf und die bisherigen Ergebnisse der Atomphysik thematisiert, erreichte eine astronomische Auflagenzahl von ann├Ąhernd 3 Millionen.
Auch nach der ├ľffnung seiner eigenen Arztpraxis, fand Schenzinger Zeit f├╝r die Schriftstellerei und erh├Âhte die Bandbreite seiner popul├Ąrwissenschaftlichen Romane in fast j├Ąhrlichem Abstand. Mit Ver├Âffentlichungen wie Schnelldampfer, Bei IG Farben, 99% Wasser oder Magie der lebenden Zelle, rundete Schenzinger sein Gesamtwerk umfassend ab.
In den letzten Jahren seines Lebens besch├Ąftigte sich "Deutschlands Sachbuchautor Nummer eins" noch mit dem Biographieren deutscher Wirtschaftsgr├Â├čen. In Zusammenarbeit mit Heiner Simon und Anton Zischka dokumentierte er das Leben des Ingenieurs Heinrich Nordhoff, und sp├Ąter lieferte er noch eine Lebensbeschreibung von Carl F.W. Borgward, einem bedeutenden Automobil - und Motorenproduzenten.
Schenzingers Romane, die ihren literarischen Wert aus der gelungenen Synthese von spannendem Roman und fundiertem Sachbuch ziehen, wurden schnell ├╝ber die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und in nahezu alle europ├Ąischen Fremdsprachen ├╝bersetzt.
Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung der "politischen Jugendschrift"
Theoretische Aspekte
Jugendpolitik der NSDAP
"Die Faschisten, unsere erbittertsten Gegner, wissen sehr gut, wie wichtig die politische Beeinflussung der Kinder ist. Nicht blo├č in der Schule und in der Hitlerjugend, vor allem durch eine reichhaltige Kinderliteratur, durch Zeitschriften und B├╝cher, nehmen sie einen au├čerordentlich starken Einflu├č auf den Nachwuchs."
Wie Alex Wedding, eine der wichtigsten Autoren antifaschistischer Jugendliteratur ganz richtig erkannte, hat die Propaganda der NSDAP die Beeinflussung der Jugend als wichtigen Faktor vorgesehen. Schon vor der Macht├╝bernahme der Partei im Jahr 1933, war ihr politisches Programm auf einen Bruch mit der bestehenden Gesellschaftsform ausgerichtet. Die "durch die Weltwirtschaftskrise materiell und moralisch verelendete Jugend" sah darin ein Versprechen, die Ungerechtigkeiten des kapitalistisch ausgerichteten Systems der Weimarer Republik auszumerzen. Die nationalsozialistische Ideologie gab den orientierungslosen Jugendlichen dieser Zeit neue Ziele und Werte und entflammte in vielen leidenschaftliche Begeisterung f├╝r die NS - Bewegung. Gleichzeitig machte sie ihre Anh├Ąnger blind f├╝r die eigentlichen Absichten der Partei, die, durch das wohlhabende B├╝rgertum finanziert, alles andere als eine ├änderung der bestehenden Verh├Ąltnisse anstrebte.
Erziehung im NS - Staat
Rolf Eilers definiert in seiner Schrift "Die nationalsozialistische Schulpolitik" die Richtlinie f├╝r das Erziehungswesen im NS - Staat.
"Der Nationalsozialismus ist eine Weltanschauung, die einen totalen Anspruch auf Geltung erhebt und nicht Sache zuf├Ąlliger Meinungsbildung sein will. Das Mittel, diesen Anspruch durchzusetzen, hei├čt Erziehung. Die deutsche Jugend soll (...) bewu├čt geformt werden nach Grunds├Ątzen, die als richtig anerkannt sind und sich als richtig erwiesen haben: nach den Grunds├Ątzen der nationalsozialistischen Weltanschauung."
Die Erziehung der Jugend wurde also als wichtiges Mittel zur Herrschaftssicherung instrumentalisiert, was nat├╝rlich das "absolute Monopol auf alle Erziehungsinstitutionen" voraussetzte.
Gleichschaltung des Komplexes Jugendliteratur
Um den Komplex Jugendliteratur einseitig auf die Propagierung der nationalsozialistischen Ideologie abzustimmen, l├Âsten die NS - Funktion├Ąre sofort nach der Machtergreifung den kompletten Pr├╝fungsapparat f├╝r die Kinder - und Jugendschriften auf, um ihn sofort danach, mit zum Teil neuem Personal, f├╝r ihre Zwecke wieder einzusetzen. Das er├Âffnete den Nazis totale Zensur - und Kontrollm├Âglichkeiten. Mit der ├ťbernahme des einflu├čreichsten Organs der ehemaligen Pr├╝fungsaussch├╝sse, der Jugendschriften - Warte, besa├č die Partei "ein publizistisches Instrument zur Lenkung der von ihr vertretenen Schrifttumspolitik und ein Sprachrohr f├╝r die S├Ąuberungsaktionen gegen die vorhandene Jugendliteratur". Fortan waren also alle Neuver├Âffentlichungen, sowie auch alle alten Exemplare von Jugend - und Schulb├╝chern der nationalsozialistischen Pr├╝fung unterworfen.
Das Reichserziehungsministerium veranlasste 1937 eine "reichseinheitliche Neuordnung" des Schulb├╝cherwesens, indem es eine verbindliche Grundliste f├╝r die Schulb├╝chereien von Volksschulen erlie├č. Zwei Jahre sp├Ąter erfolgte dann auch eine Empfehlungsliste des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) f├╝r die Zusammensetzung von Oberstufenb├╝chereien sowie f├╝r den Berufs - und Sonderschulbereich.
Neben den offiziellen Pr├╝fungsinstitutionen nahm auch die Hitlerjugend (HJ) ihren Einflu├č auf die Jugendliteratur. Fritz Helke vom Kulturamt der Reichsjugendf├╝hrung rechtfertigt den Anspruch der HJ auf ein Mitbestimmungsrecht in diesem Gebiet:
"Um eine kritische W├╝rdigung durch Begutachtung der deutschen Buchproduktion vom Standpunkt der jungen Generation zu erm├Âglichen, hat sich die Hitlerjugend in dem Jugendschriftenlektorat der Reichsjugendb├╝cherei ein schlagkr├Ąftiges Instrument geschaffen."
Grundlagen des nationalsozialistischen Erziehungswesens
Seinen Ursprung hatte das nationalsozialistische Verst├Ąndnis von Erziehung schon im Wilhelminischen Deutschland, das bereits eine enge Verkn├╝pfung von Dichtung und Erziehung vorsah. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Jahre 1918 vollzog sich der Herrschaftswechsel ausschlie├člich auf h├Âchster Ebene; der gesamte Beamtenapparat blieb unbescholten weiter im Amt. Mit dem Umbruch wurde zwar eine neue Staatsform geschaffen, militante und nationalistische Gesinnungen blieben jedoch ├╝ber Lehrer oder hohe Milit├Ąrs weiterhin bestehen.
Dieser Geburtsfehler der Weimarer Republik bot den Nationalsozialisten den richtigen Unterbau f├╝r die Durchschlagskraft ihres Erziehungswesens.
Funktion, Wirkung und Inhalte der "politischen Jugendschrift"
Ergebnis dieser Entwicklung war das Auftreten einer neuen literarischen Gattung: "Die politische Jugendschrift". Diese Erscheinungsform st├╝tzte das Gedankengut und die Weltanschauung des faschistischen Staates nachhaltig. Zum Wesen der "politischen Jugendschrift" ├Ąu├čert sich Max Fehring in seinem "Grundsatzreferat zu aktuellen Fragen der Jugendliteraturarbeit":
"Sie (die politische Jugendschrift) will das Ich durch Erlebnis und Erkenntnis hineinf├╝hren in die Gemeinschaften, aufsteigend von Familie - Freundschaft - Kameradschaft - b├╝ndischem Leben - Berufs - , Wehr - , und Arbeitsverband bis hin zum Volksstaat. Sie pflegt Einordnung und Unterordnung, Opferwille und Hingabe aus dem Ethos der v├Âlkischen Gemeinschaft, will den Nachwuchs zur Gliedschaft erziehen in den v├Âlkischen Lebensordnungen."
In diesem Auszug werden aber nicht nur wichtige Elemente der Erziehung angesprochen, sondern gleichzeitig ein Katalog zentraler Themen f├╝r die konkrete Umsetzung im Buch genannt.
H. Mohr definiert in seinem Essay "Zur Frage der politischen Jugendschrift" Funktionen und Aufgaben der neuen literarischen Gattung. Danach kommt es ihr nicht zuerst darauf an, "...ein formales Staatsdenken zu erzeugen, sondern vielmehr in der Jugend ein lebendiges Staatsgef├╝hl zu erwecken...", ohne explizit auf das politische Programm der Partei einzugehen. "Die politische Jugendschrift hat also nicht in erster Linie ein politisches Sachbuch zu sein; (...) nein, sie soll (...) den jungen Menschen erheben, begeistern (...) und mithelfen, die junge Generation innerlich bereit zu machen zum Einsatz f├╝r den Staat, f├╝r die Nation." Erkl├Ąrtes Ziel der Faschisten war es, eine emotionale Bindung der Zielgruppe zum NS - Staat herzustellen, und die junge Generation zu "k├╝nftigen Tr├Ągern des nationalsozialistischen Staates" zu erziehen.
Dar├╝ber hinaus versprachen sich die auf Massenloyalit├Ąt angewiesenen Machthaber, ├╝ber die leichter verf├╝hrbaren Kinder auch bei den Eltern einen Gesinnungswandel herbeizuf├╝hren.
Zu den wichtigsten Bestandteilen des "politischen Jugendschrifttums" z├Ąhlen haupts├Ąchlich die Werke, die sich mit der "Kampfzeit der Bewegung", also dem Zeitraum vor 1933, besch├Ąftigen. Dazu geh├Âren neben Schilderungen des F├╝hrers vor allem Episoden aus dem Bereich der HJ, dem Bund Deutscher M├Ądel (BdM) und der Sturmabteilung (SA).


Praktische Umsetzung der Theorie in Karl - Alois Schenzingers "Hitlerjunge Quex"
Entstehungsgeschichte des Romans
Karl - Alois Schenzingers Jugendroman Der Hitlerjunge Quex stellte fast eine Art Prototyp f├╝r das Genre "politische Jugendschrift" dar. 1932 erschien er zun├Ąchst als Fortsetzungsroman in der nationalsozialistischen Parteizeitung "V├Âlkischer Beobachter", wurde aber noch im gleichen Jahr als Buchausgabe ver├Âffentlicht.
Nachdem Schenzinger schon 1931 mit seiner Erz├Ąhlung Man will uns k├╝ndigen, seine Solidarit├Ąt zum nationalsozialistischen Kurs der NSDAP bekundete, wurde er von Baldur von Schirach, dem sp├Ąteren Reichsjugendf├╝hrer, ausgew├Ąhlt, einen Propagandaroman f├╝r die Hitlerjugend zu schreiben. Bis Kriegsende hatte der daraus entstandene Roman Der Hitlerjunge Quex, den Schenzinger in nur 14 Tagen fertigstellte, eine Auflage von einer halben Million Exemplaren erreicht und avancierte zu einem der popul├Ąrsten Jugendb├╝cher seiner Zeit.
Inhaltsangabe
Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Notverordnungen vom 17.6.1932 und dem Tod des Hitlerjungen Herbert Norkus, der bei einer Auseinandersetzung mit kommunistischen Gruppen ermordet wurde, beschreibt Schenzinger im Stile eines Wandlungsromans die Entwicklung des 15 - j├Ąhrigen Heini V├Âlker vom Anh├Ąnger der kommunistischen Internationale bis hin zum Mitglied der HJ. Dabei steht der Konflikt mit seinem Vater, einem verwahrlosten aber klassenbewu├čten Proletarier im Mittelpunkt. Heini, der auf Dr├Ąngen seines Vaters einer kommunistischen Jugendgruppe angeh├Ârt, verabscheut das Verhalten seiner Kameraden, die in ihrer Freizeit "... herumlungern, maulen, mit M├Ądels losziehen und Sauwitze rei├čen." Er sieht in ihnen "Nichtsk├Ânner und Faulpelze", die "... noch nicht ihren Namen richtig schreiben (konnten), wenn es darauf ankam."
Ganz im Gegensatz dazu erf├╝llt ihn das stramme und zackige Auftreten der uniformierten und Fahnen schwingenden Hitlerjungen, die er heimlich bei der Sonnenwendfeier beobachtet, mit Begeisterung.
"Er wollte mitsingen, aber seine Stimme versagte. Dies war deutscher Boden, deutscher Wald, dies waren deutsche Jungens, und er sah, dass er abseits stand, allein, ohne Hilfe, dass er nicht wu├čte, wohin mit diesem gro├čen Gef├╝hl."
Er macht sich die Braunhemden gewogen, indem er einen Hinterhalt, den ihnen seine kommunistische Gruppe zugedacht hatte, verr├Ąt. Als Rache daf├╝r treiben die Jungs der "Rotfront", wie die kommunistische Gruppe im Buch genannt wird, Heinis Mutter in den Tod. Er wird in die Gemeinschaft der HJ aufgenommen, die ihm fortan die Familie ersetzt. Aufgrund seines gro├čen Eifers erh├Ąlt er den Spitznamen Quex und wird zum Kameradschaftsf├╝hrer im NS - Jugendheim ernannt. Obwohl dieses Jugendheim im Revier seiner ehemaligen Kameraden, jetzt jedoch tief verha├čten "Rotfront" liegt, zeichnet sich Heini weiterhin durch ├╝bergro├čes Engagement aus.
Gerade als die erste Liebe zu einem aufrechten BdM - M├Ądchen neben seinem fanatischen Einsatzwillen f├╝r die Partei neue Gef├╝hle in Heini hervorruft, wird er von seinen politischen Kontrahenten und pers├Ânlichen Feinden der "Rotfront" bei einer Auseinandersetzung t├Âdlich verletzt. Heini stirbt im Kreis seiner Kameraden. An den Tod des Protagonisten haftet Schenzinger den positiven Beigeschmack eines modernen M├Ąrtyrers, der sein Leben getreu dem historischen Vorbild Herbert Norkus’, als "Blutopfer der Bewegung" lassen musste. Somit bekommt der Tod Heinis eine ├╝bergeordnete Dimension, einen tieferen Sinn.
Gattungstypische Merkmale
Allgemein schlechte Verh├Ąltnisse
Dieser Jugendroman Schenzingers hat Beispielcharakter f├╝r die Gattung der "politischen Jugendschrift", "weil die weltanschauliche Aussage in einer f├╝r jugendliches Verst├Ąndnis zug├Ąnglichen Form dargeboten wurde."
Die Ver├Âffentlichung der Geschichte um Heini V├Âlker f├Ąllt genau in den Zeitraum der Weltwirtschaftskrise, der, gepr├Ągt von hoher Arbeitslosigkeit und materiellem Elend, vor allem f├╝r viele Jugendliche keine Zukunftsperspektive offenhielt.
Verherrlichung der HJ
Der Roman versucht, dem Leser den Glauben an Tugenden wie Kameradschaft und Tapferkeit, die in der HJ ganz oben anstehen, zu vermitteln. Die "sakrale Gemeinschaft" von stets ordentlichen und disziplinierten Jungs erscheint als Tr├Ąger eines ganz neuen Lebensgef├╝hls. Sie bietet Geborgenheit, verleiht die Sicherheit einer geschlossenen Gruppe und stellt sich voll in den Dienst einer, f├╝r sie erhabenen Idee. Welcher von Krisen gebeutelte Junge w├╝nschte sich angesichts der idyllisierenden Beschreibung der HJ nicht, Teil dieser Gemeinschaft zu werden?
Auch Heini V├Âlker ist vom Auftreten der Braunhemden in seinem Innersten erregt und w├╝nscht sich nichts mehr, als zu den Hitlerjungen zu geh├Âren,
"... die da eines Tages an ihm vorbeigezogen waren, einer wie der andere blitzblank, lebendig und frisch, eine Fahne voraus (...). Eine Stunde war er nebenher gelaufen, nur den Wunsch im Herzen, mitmarschieren zu d├╝rfen in diesen Reihen, mit diesen Burschen, die jung waren wie er, die Lieder sangen, bei denen ihm fast das Heulen kam."
Wirkungsabsichten
Die eigentliche Wirkung des Buches liegt aber nicht in der historisch authentischen Darstellung der damaligen Verh├Ąltnisse, sondern vielmehr an dem hohen Grad von emotionaler Nachvollziehbarkeit. Heini V├Âlker, der aus dem Zusammenbruch seiner Familienstrukturen und als Reaktion auf die schlechten Lebensbedingungen, den Schritt zur HJ tut, wird zur Identifikationsgestalt f├╝r die Jugendlichen der Zeit, die in Heini nicht selten ihr eigenes Ich wiedererkennen.
Der Roman macht es sich zunutze, das "... mehr intuitiv richtig als wissenschaftlich exakt erfa├čte Angst - und Hoffnungspotential auszubeuten". Gleichzeitig bietet er den Lesern die HJ als zeitgem├Ą├če und probleml├Âsende Institution an, die den Jugendlichen in geordnete Bahnen einlenkt.
"Dietrich - Eckart - Stiftung" und "Dietrich - Eckart - B├╝cherei"
Anl├Ą├člich der "Woche des Buches" rief Hans Schemm im Jahre 1934 die "Dietrich - Eckart - Stiftung" und die "Dietrich - Eckart - B├╝cherei" ins Leben. Diese Institution gab j├Ąhrlich eine B├╝cherliste aus, "mit denen der junge Deutsche im Laufe seiner Entwicklung von der Kinderstube an ├╝ber Schule und Staatsjugend bis zur Lebensreife und beginnender selbstverantwortlicher Lebensf├╝hrung in Ber├╝hrung kommen sollte."
Im Jahre 1935 wurden 10 B├╝cher in die "Dietrich - Eckart - B├╝cherei" aufgenommen, unter denen auch Adolf Hitlers "Mein Kampf", Hans G├╝nthers "Kleine Rassenkunde" und Karl - Alois Schenzingers Hitlerjunge Quex waren.
Der "Hitlerjunge Quex" als parteih├Âriger Spielfilm
Gleichschaltung der Pr├╝fungsinstitutionen f├╝r das Medium Film
├ähnlich wie die Gleichschaltung der Literatur, wurde auch das Medium Film sofort nach der Machtergreifung vom neu geschaffenen Ministerium f├╝r Volksaufkl├Ąrung und Propaganda, sowie der am 22.9.1933 gegr├╝ndeten Reichsfilmkammer, einseitig in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie gestellt. Noch im selben Jahr ging daraus eine Art "M├Ąrtyrer - Trilogie" hervor, die die parteih├Ârigen Spielfilme SA - Mann Brand, Hans Westmar und der auf Karl - Alois Schenzingers Roman basierende Hitlerjunge Quex, dessen gro├čer Erfolg als Jugendbuch in diesem Film Rechnung getragen wird, umfa├čte.
Der von der Ufa verfilmte, von Karl Ritter produzierte und von Hans Steinhoff effektvoll inszenierte "Parteiklassiker" Der Hitlerjunge Quex - Ein Film vom Opfergeist der Jugend, intensivierte die Wirkung der Romanvorlage und versuchte auch jungen Kinog├Ąngern die "emotionalen Verlockungen des braunen Regimes nahezubringen."
Welturauff├╝hrung des Films in M├╝nchen
Bei der festlich begangenen Welturauff├╝hrung des Films am 16.9.1933 in M├╝nchen, waren neben hohen Parteifunktion├Ąren auch Reichsjugendf├╝hrer Baldur von Schirach und sogar Parteif├╝hrer Adolf Hitler anwesend.
Die Handlung wurde gegen├╝ber der Romanvorlage nur geringf├╝gig, aber doch bewu├čt ge├Ąndert. So ist Heini V├Âlker jetzt Druckerlehrling und kann selbst Propagandazettel herstellen. Sein Vater zeigt sich in Teilen von der NS - Ideologie ├╝berzeugt und sein Tod bleibt nicht im Verborgenen, sondern wird direkt messerstechenden Kommunisten zugeschrieben.
Symbolkraft von Fahnen und Liedern
Eine besonders gro├če Bedeutung in diesem Film, kommt den Uniformen, Fahnen und Liedern zu, deren "Symbolkraft" f├╝r die damalige Zeit nicht untersch├Ątzt werden darf. So dichteten bzw. vertonten Baldur von Schirach und
H. - O. Bergmann eigens f├╝r diesen Film das sp├Ąter zum "HJ - Hit" hochstilisierte Lied: "Unsere Fahne flattert uns voran...". Die innerliche Hinwendung Heinis zur HJ vollzieht sich bezeichnenderweise genau an der Stelle des Films, wo er eine Gruppe in Reih und Glied hinter einer Fahne hermarschierender Hitlerjungen beobachtet, die lauthals dieses Lied singen. Heini wird klar, dass auch er, wie im Lied gefordert, bereit ist zu "...marschieren f├╝r Hitler durch Nacht und durch Not mit der Fahne der Jugend f├╝r Freiheit und Brot".
Nutzung modernster Filmtechnik
Hans Steinhoff verstand es gl├Ąnzend, aus den M├Âglichkeiten der modernen Filmtechnik zus├Ątzlich dramatisierendes Kapital zu schlagen. Dr. Goebbels umschreibt den dem deutschen Film zugrunde liegenden "psychologischen Wirkungsmechanismus" so: Wenn "...eine hohe ideelle Gesinnung sich der lebendigsten und modernsten filmischen Ausdrucksmittel bedient" dann verleiht das "... der deutschen Filmkunst der ganzen Welt gegen├╝ber einen fast uneinholbaren Vorsprung...".
In der Schlu├čszene des Hitlerjungen Quex wird dies eindrucksvoll dokumentiert. Mittels modernster Schnitt - und ├ťberblendungstechnik tritt aus dem K├Ârper des sterbenden Quex ein ganzes Heer an Hitlerjungen und Fahnen, die in Mehrfach├╝berblendungen verschmelzen, bis schlie├člich das Hakenkreuz als "Fahne der Erl├Âsung" ├╝berdimensional auf der Leinwand erscheint. Dazu t├Ânt als musikalische Untermalung der "Vorw├Ąrts" - Marsch.
Diese, f├╝r damalige Zeiten ├╝berw├Ąltigende Filmkunst, machte es den zumeist jugendlichen Zuschauern noch schwerer, sich der Aussageabsicht des Films zu entziehen.
Res├╝mierend kann man festhalten, dass Schenzingers Hitlerjunge Quex als Buch, oder sp├Ąter als Film sicherlich seinen Beitrag zur Verbreitung des Faschismus in Deutschland geleistet hat.
"Links wo das Herz ist": Exilliteratur des Leonhard Frank
Kennzeichnung des Autors Leonhard Frank
Leonhard Frank wurde 1882 in W├╝rzburg geboren.
Seine erste literarische Ver├Âffentlichung 1914, der Roman Die R├Ąuberbande, wurde noch im selben Jahr mit dem Fontane - Preis ausgezeichnet. Auch die anderen Werke Franks, die immer aus einen konkreten Anlass heraus geschrieben wurden und somit den Bezug zum Zeitgeschehen wahrten, genossen gro├čes Ansehen. Insbesondere Karl und Anna, ein in Paris uraufgef├╝hrtes Drama, erreichte Weltruhm und wurde in viele Fremdsprachen ├╝bersetzt (sh. Anhang).
Ab 1933 begann f├╝r den Autor ein v├Âllig neuer Lebensabschnitt, die Emigration. Von der franz├Âsischen Internierungspolitik schon fr├╝h erfa├čt, gelangte er unter abenteuerlichen Umst├Ąnden und mit Hilfe des "Emergency Recovery Committees", der amerikanischen Hilfsinstitution f├╝r Hitlerfl├╝chtlinge, neben anderen bedeutenden Exilanten wie Thomas und Heinrich Mann oder Franz Werfel in die USA. Erst 1950 kehrte er in seine Heimat, die ihm im Exil fremd geworden ist, zur├╝ck. Frank und seine Frau werden in M├╝nchen se├čhaft, wo er 1961 stirbt.
In seinem Roman Links wo das Herz ist gibt der Autor ein Bild seiner Zeit und seines Lebens. Seinen besonderen Reiz zieht der Roman aus der allwissenden Erz├Ąhlperspektive des Autors, mittels der er historische "Personen und Ereignisse dichterisch ├╝berh├Âht oder verschl├╝sselt ...". Durch das Setzen von Schwerpunkten und die Bewertung politisch - geschichtlicher Vorg├Ąnge aus der subjektiven Sicht Franks, bekommt der Leser einen relativ genauen Eindruck von seiner Psyche.
Zur genaueren Beleuchtung seines Lebens soll eine ausf├╝hrliche Inhaltsangabe des autobiographischen Romans Links wo das Herz ist dienen, mit dessen Hauptfigur Leonhard Frank weitgehend identisch ist.
Inhaltsangabe
Not und Dem├╝tigungen w├Ąhrend seiner Kindheit
Michael wird als viertes Kind einer armen Arbeiterfamilie in W├╝rzburg geboren. Bedingt durch die materiell schlechten Verh├Ąltnisse seiner Familie, muss er viele Entbehrungen in Kauf nehmen. Viel h├Ąrter als das trifft ihn jedoch die Konfrontation mit dem Schulalltag, den der Lehrer D├╝rr brutal und autorit├Ąr gestaltet. Der Unterricht artet f├╝r Michael zum Psychoterror aus, der immense Folgesch├Ąden auf seine Pers├Ânlichkeitsentwicklung hat.
Selbstfindungsproze├č in M├╝nchen
Eines Tages, Michael hat inzwischen eine Schlosserlehre angetreten, entdeckt er sein Talent zum Zeichnen. Die unverhoffte Erkenntnis, etwas wirklich zu k├Ânnen, ├╝berw├Ąltigt Michael. Er beschlie├čt, seine Familie zu verlassen um in M├╝nchen Kunstmaler zu werden.
Michael wird in der Stadt auch tats├Ąchlich von einer renommierten Kunstschule angenommen und kn├╝pft ├╝ber seine Mitsch├╝lerin Sophie, in die er heimlich verliebt ist, im M├╝nchener Boh├Ęme - Cafe "Stefanie" erste Kontakte zur K├╝nstler - Szene. Sophie integriert Michael nach und nach in den ihr nahestehenden K├╝nstlerkreis um den egozentrischen Dr. Otto Kreuz, der, politisch extrem links ausgerichtet, die neuartige Weltanschauung Siegmund Freuds verwirklicht.
So erobert Michael Sophie wohl eher durch den Einflu├č von Kreuz, als durch die Stimme ihres Herzens, was er aus Naivit├Ąt nicht erkennt.
"... er (Dr. Otto Kreuz) forderte seine Anh├Ąnger durch Blicke auf, Sophie und Michael im kleinen Zimmer allein zu lassen. Dass Sophie, die er besonders sch├Ątzte, noch unber├╝hrt war, erschien ihm gef├Ąhrlich komplexhaft und ihrer nicht w├╝rdig."
Michael verlebte einige gl├╝ckliche Wochen mit Sophie, die ihn neben seinen ersten sexuellen Erfahrungen auch mit Kunst und Kultur vertraut machte. Doch das junge Gl├╝ck w├Ąhrte nur kurz. Dr. Kreuz, dem Sophie jetzt zur praktischen Umsetzung von Freuds Theorien geeignet erscheint, bindet sie mittels Drogen f├╝r "Analysezwecke" an sich. Michael war f├╝r ihn nur Mittel zum Zweck.
In seinem Innersten verletzt, hegt Michael in blinder Eifersucht sogar Mordgedanken gegen Kreuz, die allerdings Theorie bleiben. Er kuriert seinen Liebeskummer durch stundenlanges Malen, doch obwohl er letztlich viel Geschick im Umgang mit dem Pinsel entwickelt hat, was sich auch in finanziellem Erfolg niederschl├Ągt, resigniert er in der Erkenntnis, dass "... Malen f├╝r nicht das Medium sei, sich auszudr├╝cken."
Als Michael vom Kokaintod Sophies erf├Ąhrt, ist er ersch├╝ttert. "Er war auf einer h├Âheren Ebene so unklar ├╝ber sich wie vor f├╝nf Jahren als Schlosser am Schraubstock."
Neubeginn als Schriftsteller in Berlin
Er flieht nach Berlin, wo sich sein Gef├╝hlszustand trotz eines recht luxuri├Âsen Lebensstils nicht bessert. So bringt er sein in M├╝nchen verdientes Geld schnell durch und als ihn seine Vermieterin entl├Ąsst steht Michael pl├Âtzlich vor dem Nichts. Kurzerhand ├╝bernachtet er auf einer Parkbank. In dieser Nacht vollzieht sich f├╝r Michael, der auf einem schmalen Grat zwischen v├Âlliger Abkehr von der Welt und einem Neuanfang in ihr wandert, eine lebenswichtige Weichenstellung.
Ein Alptraum, der in den sch├Ânsten Traum seines Lebens umschl├Ągt, verleiht ihm beim Erwachen trotz seiner eigentlich prik├Ąren Situation, ein schier ├╝berirdisches Gef├╝hl von "...grenzenlosem Gr├Â├čenwahn...".
Er geht in sein Stammlokal, den K├╝nstlertreffpunkt "Caf├ę des Westens" und verliebt sich in einen Gast. Ihm ist sofort klar: "Dort sa├č die Lebensgef├Ąhrtin". Aus seinem Hochgef├╝hl heraus spricht er Lisa an und bereits vier Wochen sp├Ąter sind sie verheiratet.
Den tiefen Wunsch in sich tragend, doch noch K├╝nstler zu werden, entschlie├čt sich Michael, einen Roman zu schreiben. Fortan ist er f├╝r nichts anderes als die Schreiberei zu motivieren, die ihm nach anf├Ąnglichen Schwierigkeiten immer besser gelingt.
Im M├Ąrz 1914, nach ├╝ber eineinhalb Jahren, in denen das junge Ehepaar von der Hand in den Mund gelebt hat, ist sein Roman Die R├Ąuberbande fertig. Der Erfolg ist durchschlagend. Ein Verleger bietet Michael ein stattliches Honorar und auch die Kritiker sind des Lobes voll. Michael verarbeitet in diesem Buch, genauso wie im darauffolgenden Die Ursache, seine schlimmen Kindheitserfahrungen mit dem Lehrer D├╝rr und hat sich dadurch "... freigeschrieben von den psychischen Ungeheuern, die ihm von diesem Erzieher mitgegeben worden waren auf den Weg ins Leben."
Erfahrungen mit dem 1. Weltkrieg und der Weimarer Republik
Der Gr├Â├čenwahn, von dem er immer noch zehrte findet mit dem Beginn des 1. Weltkriegs ein abruptes Ende. Michael und Lisa sind entsetzt von der allgemeinen Kriegsbegeisterung in Berlin, die auch vor den Intellektuellen nicht haltmacht.
"Sie hielten den Kopf gesenkt und sprachen nicht - unter Wahnsinnigen zwei Fremdk├Ârper, die f├╝rchteten, dass sie von den Wahnsinnigen f├╝r wahnsinnig gehalten und zermalmt werden w├╝rden, wenn sie ausspr├Ąchen, was das Herz sagte."
Die Kriegsverachtung Michaels gipfelt in einer handfesten Auseinandersetzung mit einem Fanatiker im "Caf├ę des Westens". In weiser Voraussicht verl├Ąsst Michael noch in der selben Nacht, der des 7.5.1915, das Land gen der Schweiz, denn schon am n├Ąchsten Morgen liegt Haftbefehl gegen ihn vor.
Vor dem Hintergrund der Revolution in Ru├čland schreibt er das Antikriegsbuch "Der Mensch ist gut", das in ganz Europa gro├če Popularit├Ąt erlangt, in Deutschland aber verboten wird. Nach Kriegsende verlassen Lisa und Michael die Schweiz. In Deutschland sehen sie die Nachkriegsrevolution scheitern, die Inflation w├╝ten und die Weimarer Republik aufsteigen
Das Jahr 1921 bringt f├╝r Michael zwei schwere Schicksalsschl├Ąge mit sich. Zuerst stirbt im Fr├╝hjahr seine Mutter und wenig sp├Ąter erliegt seine geliebte Ehefrau Lisa einer schweren Herzerkrankung, die sie schon ihr ganzes Leben lang behindert hatte. Diesen Schock ├╝berwindet er lange nicht. "Er musste erfahren, dass f├╝r den, der liebte, auf Erden nichts so unerme├člich furchtbar ist wie das Irreparable des Todes." Erst nach 14 Monaten der Abkapselung findet Michael ins Leben zur├╝ck, dass aber noch ungeordnet verl├Ąuft. Er lebt planlos in den Tag hinein und f├╝hrt ein exzessives Nachtleben.
Mitte 1927 lernt Michael ├╝ber einen Bekannten eine neue Frau kennen. Ilona gibt sich ihm gegen├╝ber verschlossen, aber Michael glaubt, den Schl├╝ssel zu ihr gefunden zu haben. Im Fr├╝hjahr 1928 heiraten beide. Michael bringt zwei neue B├╝cher heraus, den Roman Ochsenfurter M├Ąnnerquartett und das Drama Karl und Anna, wobei vor allem letzteres ein gro├čer Erfolg wird. Trotzdem kommt es immer wieder zu Spannungen in seiner Ehe. Er will sich von Ilona trennen, aber ihre Schwangerschaft bewahrt ihn zun├Ąchst vor diesem Schritt. Als nach der Geburt eines Sohnes kein friedliches Zusammenleben mit Ilona m├Âglich ist muss Michael resigniert einsehen: "Den Schl├╝ssel zu der Festung gibt es nicht." Innerlich ausgelaugt konzentriert er sich wieder auf das Schreiben.
Eines Tages begegnet Michael im Caf├ę einem jungen M├Ądchen, dass ihn so sehr an die Hanna aus dem Ochsenfurter M├Ąnnerquartett erinnert, dass er hellauf begeistert sofort unsterblich in sie verliebt ist. Aber bevor er sie ansprechen kann, ist Charlotte, ihren Namen konnte er ausfindig machen, auch schon wieder verschwunden. Weitere Nachforschungen ├╝ber sie verlaufen im Sande.
Erfahrungen im Exil
Durch die Weltwirtschaftskrise der fr├╝hen 30er Jahre gewinnen die Nationalsozialisten in Deutschland immer mehr an Boden. Michael sieht diese Entwicklung mit Entsetzen und fl├╝chtet, nachdem der Reichstag brennt ├╝ber M├╝nchen in die Schweiz. Bald darauf werden seine Schriften in Deutschland verboten und er selbst wird ausgeb├╝rgert. Von einer inneren Leere getrieben, reist Michael nach Paris, wo er bald festgenommen und in ein Konzentrationslager gesteckt wird. Obwohl an den h├Âheren Schulen Frankreichs nach seinen Romanen Deutsch gelehrt wurde, muss er wie Tausende andere Emigranten auch, die entw├╝rdigenden Umst├Ąnde in der Gefangenschaft erdulden. Nach einer zwischenzeitlichen Freilassung wird Michael sp├Ąter wieder verhaftet und in einem Lager in der Bretagne festgehalten. Sogar als die Nazis Frankreich besetzen, werden die Insassen nicht freigelassen. Um dem sicheren Tod durch die Deutschen zu entgehen wagt Michael mit zwei anderen Gefangenen die Flucht aus dem Lager, die schlie├člich auch gelingt. Da der Seeweg nach England blockiert ist, nehmen die drei eine abenteuerliche Wanderung von der Atlantikk├╝ste bis zum Mittelmeer, quer durch deutsche Linien, in Kauf. Als sie total entkr├Ąftet endlich in Marseille ankommen, wird ihnen von den franz├Âsischen Beh├Ârden die Ausreise verweigert. Aber Michael schafft es dann doch, ├╝ber Spanien ins rettende Amerika zu gelangen.
Zun├Ąchst verschl├Ągt es ihn nach Hollywood, wo er Bekanntschaft mit Thomas Mann macht. Ansonsten f├╝hlt er sich fremd und nutzlos in dieser Stadt und zieht ins europa├Ąhnliche New York. Von hier aus verfolgt Michael das Kriegsende. Die Berichte vom zerst├Ârten Deutschland nimmt er zum Anlass, mehrere Kurzgeschichten ├╝ber die Nachkriegszeit zu schreiben. Aber au├čer seinem Sohn, der 1941 mit der Mutter nach Amerika kam und ihn gelegentlich besucht, hat Michael wenig Kontaktpersonen in New York. Er konzentriert sich daher wieder mehr aufs Schreiben und Bringt einen neuen Roman und diverse Kurzgeschichten zu Papier.
Begegnung mit seiner "Traumfrau"
Als er auf einer Urlaubsfarm einige Zeit ausspannen will, ver├Ąndert sich sein Leben grundlegend. Er begegnet Charlott, dem "... lebend aus dem Ochsenfurter M├Ąnnerquartett herausgestiegenen Idealbild seiner Mannesw├╝nsche...". Michael kommt mit ihr ins Gespr├Ąch und erf├Ąhrt, dass sie seine Romane, auch das Ochsenfurter M├Ąnnerquartett, kennt und sch├Ątzt. Einen aus mangelnder Selbstbeherrschung unternommenen Ann├Ąherungsversuch von ihm wehrt sie allerdings erschrocken ab. Sichtlich unsicher verbringen beide einige Tage kontaktlos nebeneinander, bis es schlie├člich zur Auss├Âhnung kommt. Die Liebe ist so gro├č, dass sie beschlie├čen zu heiraten. W├Ąhrend Charlott die Scheidungsformalit├Ąten mit ihrem Mann regelt, beginnt Michael seine Lebensgeschichte in dem Roman Links wo das Herz ist niederzuschreiben.
R├╝ckkehr nach Deutschland
Er geht mit Charlott nach 17 Jahren Emigration zur├╝ck nach Deutschland, wo er aber eher sachlich n├╝chtern empfangen wird. Seine B├╝cher sind zum Gro├čteil in Vergessenheit geraten; "├ťber Michael hatte Hitler gesiegt". Er l├Ąsst sich schlie├člich mit Charlott in M├╝nchen nieder, wo er im Mai 1952 Links wo das
Herz ist vollendet.
Analyse von Karl - Alois Schenzingers zweitem politischen Roman "Der Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch"
Schenzingers zweiter politischer Roman Der Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch, der 1934 ver├Âffentlicht wurde, steht mit seinem nationalsozialischen Grundtenor nat├╝rlich im schroffen Widerspruch zu den Anschauungen des Exilautors Leonhard Frank.
Der Autor beschreibt darin die Einwirkungen, die der politische Machtwechsel der 30er Jahre auf das kleine, streng katholische St├Ądtchen Herrgottsbach hat. Auch dieser Roman Schenzingers f├Ąllt unter die Kategorie "politische Jugendschrift" und steht mit der Verherrlichung der nationalsozialistischen Jugendbewegung ganz in der Tradition des Hitlerjungen Quex.
Die Geschichte schildert den Kampf einer idealistischen, weltoffenen und fortschrittlichen Gesinnung, deren Tr├Ąger die HJ und ihre G├Ânner sind, gegen die spie├čb├╝rgerliche und veraltete Weltanschauung der traditionsbewu├čten Herrgottsbacher, die sich der nationalsozialistischen Bewegung aus religi├Âsen Gr├╝nden verschlie├čen.
Vorstellung der Hauptcharaktere
Ohne eine Hauptfigur herausheben zu k├Ânnen, verstrickt der Roman das Schicksal von f├╝nf Jungen miteinander, die sich fr├╝her oder sp├Ąter alle zu ├╝berzeugten Hitlerjungen entwickeln. Dolf Laible, der kr├Ąnkliche Sohn des Brieftr├Ągers und Otto Dobel, ein protestantischer Junge, der der HJ schon l├Ąnger als Kameradschaftsf├╝hrer vorsteht und die geborene F├╝hrerpers├Ânlichkeit verk├Ârpert, werden von ihren Eltern im Ausdruck ihrer Gesinnung unterst├╝tzt. Anders verh├Ąlt es sich mit Max Dolfinger, dem Sohn des Polizeikommissars und Adolf Blankenhorn, dessen Vater die g├Ąngige Tageszeitung in Herrgottsbach, den "Oberschw├Ąbischen Beobachter", besitzt. W├Ąhrend Letzterer zun├Ąchst selbst wenig Interesse an der nationalsozialistischen Bewegung zeigt, steht Max Dolfinger, aus dem die herzkranke Mutter unbedingt einen Geistlichen machen will, unter der strengen Hand seines konservativen Vaters. Zum Schlu├č ist noch der Klassenprimus und Lehrersohn Karl H├Ąderer zu nennen, der zu Beginn noch politisch unentschlossen ist.
Inhaltsangabe
Die Geschichte setzt einige Wochen vor der Machtergreifung der Nazis ein. W├Ąhrend ganz Herrgottsbach den immer st├Ąrker aufkommenden Nazis mit Skepsis gegen├╝bersteht, hat sich eine Handvoll Jungens bereits f├╝r die Bewegung entschieden. Unter ihnen ist nat├╝rlich Otto Dobel, Dolf Laible und auch Max Dolfinger, der seine Sympathien f├╝r die "Gottesl├Ąsterer" jedoch mit Pr├╝gel bezahlen muss.
Scheinablehnung des Nationalsozialismus seitens der Herrgottsbacher
Als bekannt wird, dass der Lehrer H├Ąderer Mitglied der NSDAP ist, wird er von seinem Amt enthoben. Dass er dar├╝ber hinaus sein neugeborenes Kind nicht taufen lassen will, wird als ungeheuerlich empfunden und ganz Herrgottsbach beteuert nach au├čen seine Abneigung gegen die neue Politik. Schnell verdrehen Sie das K├╝rzel HJ zu "Heidenjunge". Eine Versammlung der Nazis, f├╝r die selbst der gro├če Saal des Gasthauses nicht ausreicht, um allen Besuchern Platz zu bieten, dokumentiert aber doch ein geheimes Interesse an der Bewegung. Diese Versammlung artet schlie├člich in eine einzige Pr├╝gelei zwischen Hitlerjungen und jugendlichen Katholiken aus.
Aufstand der HJ
Am n├Ąchsten Schultag bleiben die Hitlerjungen dem Unterricht geschlossen fern. Erst in der Pause erscheinen sie auf dem Schulhof und zetteln eine Revolte an. Zusammen mit vielen anderen Sch├╝lern rufen sie immer wieder im Chor die Parole: "Wir wollen nicht mehr l├╝gen" und prangern damit die gesellschaftlichen Normen an. Die Lehrer l├Âsen das Treiben auf dem Schulhof auf und suspendieren die Aufr├╝hrer f├╝rs erste vom Unterricht.
Vor allem f├╝r Max Dolfinger ist diese Situation fatal. Sein Vater ist entsetzt vom Verhalten des Sohnes und stiftet permanent h├Ąuslichen Unfrieden.
"... seit dieser unleidigen Geschichte in der Schule ist hier die wahre H├Âlle im Hause. Der Junge darf sich nicht sehen lassen vor dem Vater. (...) ...Flucht vor dem Vater war das h├Ąusliche Leben f├╝r Mutter und Sohn."
Diesen Aufregungen um den Sohn h├Ąlt das schwache Herz der Mutter nicht stand. Sie stirbt mit den Worten: "Mein Gott, wo bist du? (...) Warum hast du mich verlassen." Der Vater gibt nat├╝rlich Max die Schuld f├╝r dieses tragische Ereignis und jagt ihm damit schreckliche Schuldkomplexe ein.
Auswirkungen des politischen Machtwechsels auf Herrgottsbach
Mitten in die Verhandlungen um die R├Ądelsf├╝hrer des Komplotts, die vom extra angereisten Oberschulrat gef├╝hrt werden, f├Ąllt die Nachricht, dass Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler ernannt wurde.
Diese Neuigkeit macht viele Herrgottsbacher offener f├╝r die NS - Bewegung, aber die Bewu├čtseins├Ąnderung der B├╝rger wird vom Stadtpfarrer durch gl├╝hende Predigten zur├╝ckgedr├Ąngt. Die HJ hingegen feiert den Sieg. Sie besetzt den hoch ├╝ber die Stadt ragenden Klosterturm, der ihnen fortan als Hauptquartier dient und hi├čt eine gro├če Nazi - Fahne.
Diese Euphorie teilt Max Dolfinger nicht. Wie es sich seine verstorbene Mutter gew├╝nscht h├Ątte, tritt er in die "Marianische Kongregation", die katholischen Widersacher der HJ, ein. Als sein Vater ihm jedoch mitteilt, dass er wieder heiraten will, schl├Ągt Max’ Gesinnung doch wieder um. Aus Verachtung vor dem Vater wendet er sich der HJ zu, die ihm zum Familienersatz wird.
Schlie├člich kommt der Tag der Wahl. Schon am fr├╝hen Morgen verteilen die Hitlerjungens Propagandazettel f├╝r die NSDAP. Unter ihnen ist auch der kranke Dolf Laible, der, obwohl ihm der Arzt strengste Bettruhe verordnet hat, um jeden Preis dabei sein will. Er bricht auf offener Stra├če zusammen und wird, um Ruhe zu finden, noch am selben Tag zu seinem Onkel nach Sigmaringen gebracht. Aber schon auf dem Weg dorthin verschlechtert sich sein Zustand und er stirbt in den H├Ąnden seines Vaters.
Der Wahlsieg der NSDAP wird von der HJ frenetisch gefeiert.
Als der als Wendehals verschriene Karl H├Ąderer die Borniertheit des traditionsbewu├čten Gesellschaftssystems am eigenen Leib erf├Ąhrt, bekennt auch er sich voll und ganz zur HJ. Um aber vor dem Vorwurf des Opportunismus gefeit zu sein, geht er zu einem Verwandten nach ├ľsterreich, wo "es noch was zu k├Ąmpfen (gibt)."
Die Nachricht vom Tod des Dolf Laible trifft seine Kameraden von der HJ wie ein Schlag. Otto Dobel gibt seinem Tod in einer spontanen Ansprache einen tieferen Sinn: "Dolf Laible ist nicht gestorben (...) er ist gefallen. (...) Er war Adolf Hitlers bester Soldat. Und dass es noch solche Jungens gibt, ist das sch├Ânste."
Begeisterung f├╝r die Fliegerei
Nachdem auch Adolf Blankenhorn in den Kreis der HJ aufgenommen wird, beginnt der dritte und letzte Abschnitt des Buches unter dem Schlagwort "Himmelfahrt", in dem die Begeisterung der Jungens f├╝r die Fliegerei zum Ausdruck kommt.
Eines Tages zieht ein Flugzeug ├╝ber Herrgottsbach hinweg und landet im nahen Friedrichshafen. Blankenhorn bringt in Erfahrung, dass es sich beim Piloten um den Ehrenf├╝hrer der Flieger - HJ handelt. Angesichts dieser Neuigkeiten h├Ąlt die Jungs nichts mehr zur├╝ck und sie beschlie├čen spontan, nach Friedrichshafen zu fahren um Pilot und Flugzeug zu besuchen und zu bewundern. Ihre Abreise bleibt aber nicht geheim. Die "Marianische Kongregation", von der Fliegerei nicht minder begeistert, erf├Ąhrt von den Absichten der Hitlerjungen und folgt ihnen heimlich. Die verfeindeten Parteien besuchen gemeinsam die Maschine und den Piloten, Major v. Schenk. Dieser erz├Ąhlt ihnen spannende Geschichten von seiner aktiven Zeit als Kampfflieger im 1. Weltkrieg und l├Ądt alle in die Fliegerschule nach B├Âblingen ein.
W├Ąhrenddessen gewinnt der Nationalsozialismus auch in Herrgottsbach immer mehr Anh├Ąnger. Erst recht, als Otto Dobel mitten auf dem Marktplatz zu den B├╝rgern Herrgottsbachs spricht. Der Kameradschaftsf├╝hrer ruft im Zuge einer symbolischen, von der HJ durchgef├╝hrten Verbrennung von Grenzpf├Ąhlen, zu Gemeinschaft und Nationalbewu├čtsein auf. Die gl├╝hende Ansprache zieht die Herrgottsbacher in ihren Bann.
"Sekundenlang geschah nichts. Dann schlug ein Gewitter des Beifalls gegen die W├Ąnde der H├Ąuser. "Deutschland, Deutschland ├╝ber alles" setzten die Jungens ein, (...), und wie ein steigender Strom, wie eine wachsende Lawine schwoll der Gesang mit den Stimmen der Herrgottsbacher B├╝rger an."
Diese Aktion beschert den Hitlerjungen einen Haftbefehl, der wie sich sp├Ąter herausstellt, nur versehentlich ergangen war. Die Jungs entgehen der Vollstreckung des Urteils, indem sie der Einladung des Majors nachkommen und nach B├Âblingen fahren. Der Besuch der Flugschule, einschlie├člich einem Rundflug mit dem Major, verst├Ąrkt die Flugbegeisterung der HJ. Besonders Max Dolfinger ist beseelt von dem "... Gef├╝hl, das sein Inneres wie ein wachsendes Feuer durchzog."
Zur├╝ck in Herrgottsbach ist der Haftbefehl gegen die HJ schon nicht mehr aktuell.
Als der Kommissar Dolfinger seine Verlobung bekannt gibt, verl├Ąsst Max, der das Verhalten seines Vaters als Verrat an der Mutter wertet, Herrgottsbach, um sich in der B├Âblinger Fliegerschule vorzustellen und damit seinen Lebenstraum zu erf├╝llen. Auch Blankenhorn r├╝ckt von zu Hause aus um Flieger zu werden.
Jetzt holt Schenzinger zu einem grandiosen Schlu├čgedanken aus. Max Dolfinger erf├Ąhrt bei einem Besuch Otto Dobels in B├Âblingen, dass sein Vater von den Nazis wegen separatistischer Aktivit├Ąten in Schutzhaft genommen worden ist. Er bekniet daraufhin den Major v. Schenk, mit ihm in das Gefangenenlager seines Vaters zu fliegen. Mit der Hilfe des einflu├čreichen Majors gelingt es Max, seinen Vater, der ├╝ber den Unterricht im Lager mittlerweile ein ├╝berzeugter Nationalsozialist ist, zu befreien.
Schlu├čendlich gew├Ąhrleistet also die nationalsozialistische Gesinnung Maxens, von der ihn sein Vater mit vehementem Widerstand abbringen wollte, dessen Freiheit. Tief beeindruckt von dieser Erkenntnis verspricht Herr Dolfinger seinem Sohn, der Mutter die Treue zu halten und nicht wieder zu heiraten.
F├╝hrerkult um Otto Dobel
Ausnahmestellung Otto Dobels
Otto Dobel nimmt in Schenzingers Roman eine besondere, fast ├╝berragende Position ein. Er verk├Ârpert alle Tugenden des geborenen F├╝hrertyps, wie
z.B. Kameradschaft, Opferbereitschaft und Einsatzwille, aber gleichzeitig auch in Verbindung mit Autorit├Ąt und Befehlsgewalt. Diese Charakterz├╝ge lassen sich an vielen Stellen im Buch nachweisen.
Seine Ausnahmerolle wird schon ganz zu Beginn verdeutlicht. W├Ąhrend alle Jungs in seiner Klasse katholisch sind, ist Otto Dobel der einzige mit protestantischem Bekenntnis. Das hindert ihn aber nicht daran, sich f├╝r seine Mitsch├╝ler einzusetzen. Als in der Schule der Schuldige f├╝r einen kleinen Streich gesucht wird, dokumentiert Otto seine Opferbereitschaft. Nachdem sich der Gesuchte nicht r├╝hrt, nimmt Otto Dobel spontan die Schuld auf sich, um somit der Klasse als Gemeinschaft die Strafe zu ersparen. Dass sich seine Mitsch├╝ler, die um Ottos Unschuld wissen, jetzt aus Solidarit├Ąt allesamt erheben, unterstreicht nachdr├╝cklich den Respekt, den sie ihm entgegenbringen.
Au├čerhalb der Schule ist Otto die Anlaufstelle f├╝r seine Schulkameraden. So zum Beispiel f├╝r Max Dolfinger, dessen Familie ihm keine Nestw├Ąrme bietet.
"Da war er nun mitten in seiner Heimatstadt, stand mitten in der Wohnung von Vater und Mutter, stand in seiner eigenen Stube und hatte Heimweh, richtiggehendes Heimweh. Heimweh nach einem Menschen, zu dem er reden konnte, der seine Gedanken dachte, seine N├Âte verstand, seine Freude f├╝hlte, der jung war wie er, der leben wollte wie er, der hinaus wollte wie er.
Wohin? (...) Zu Otto! Zu Otto Dobel! Zum "Judas"...
Die ganze Zeit schon hatte er’s gewu├čt.
Seit Wochen schon!"
Otto Dobel als Anf├╝hrer der HJ
Richtige F├╝hrerqualit├Ąten beweist Otto Dobel im Kreise der HJ, der er als Kameradschaftsf├╝hrer vorsteht. Hier respektiert jeder seine Autorit├Ąt. Bei ├Âffentlichen Auftritten der HJ, wie zum Beispiel der Revolte im Schulhof oder bei der Verbrennung der Grenzpf├Ąhle auf dem Marktplatz, f├╝hrt Otto das Wort.
Dar├╝ber hinaus ist er der Verbindungsmann zu h├Âheren Pers├Ânlichkeiten der Partei. So unterh├Ąlt er enge Kontakte zu dem Nationalsozialisten und fr├╝heren Lehrer H├Ąderer, der sp├Ąter die Gesch├Ąfte der Stadt Herrgottsbach kommissarisch verwaltet. "Sein bester Bundesgenosse war Otto Dobel, seine treuesten Soldaten (...) waren die Jungens, die dem Kameradschaftsf├╝hrer Dobel unterstanden."
Auch beim Besuch des Piloten Major v. Schenk, regelt er die Formalit├Ąten mit dem Ehrenf├╝hrer der Flieger - HJ ab. Dass zur F├╝hrerpers├Ânlichkeit auch ein Schu├č Befehlsgewalt geh├Ârt, beweist Otto Dobel mehrmals. Wenn er seine Jungs zum Antreten auffordert, dann herrscht sofort Ruhe. Besonders eindrucksvoll kommt seine Autorit├Ąt beim Zusammentreffen der HJ mit "Marianischen Kongregation" zum Ausdruck. Auch die katholischen Jungs begeben sich ohne zu murren unter den Befehl Otto Dobels "als verst├╝nde sich das von selbst", obwohl sie einen eigenen Anf├╝hrer haben.
Schenzinger hat mit der Figur des Otto Dobel einen Charakter geschaffen, von dem ausgehend die jungen Leser einen Bezug zum "Reichsf├╝hrer Adolf Hitler" herstellen sollen. Die durchweg positiven Eigenschaften der Romangestalt sollen ins t├Ągliche Leben hineinprojeziert, und somit auf alle Staatsautorit├Ąten ├╝bertragen werden. Die bedingungslose Unterordnung der Hitlerjungens gegen├╝ber ihrem F├╝hrer, der seine Machtposition aber nie zum eigenen Vorteil ausn├╝tzt, soll dem Leser als leuchtendes Vorbild dienen und ihn zur Nachahmung anregen.
Bedeutung der Fliegerei
Allgemeine Beliebtheit von Fliegerromanen
Gern aufgegriffene Themen in der Jugendbuch - Szene ab 1933, waren unter anderem auch Berichte vom Fliegen, von der Seefahrt und von der Technik. Von diesem Lesestoff versprachen sich die Nazis, ├╝ber das Interesse der Jugendlichen an modernen Technologien, ihre Begeisterung f├╝r das Milit├Ąr zu wecken.
Getreu der Forderung Herrmann G├Ârings, der selbst Kampfflieger im 1. Weltkrieg und ab 1935 Oberbefehlshaber der Luftwaffe war, "Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden", fanden vor allem Fliegerromane immer mehr Anklang bei den Jugendlichen. So wurde Manfred Freiherr von Richthofens Jugendroman "Der rote Kampfflieger", allein bis 1938 420000 mal verkauft und dokumentiert damit den Enthusiasmus der deutschen Jugendlichen f├╝r die Fliegerei.
Karl - Alois Schenzingers integriert dieses Thema im letzten Abschnitt seines Jugendbuchs Der Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch, der bezeichnenderweise mit "Himmelfahrt" ├╝berschrieben ist.
Jugendliche geeint in Fliegerbegeisterung
Eines Tages zieht ein Flugzeug mit "donnernde(m) Get├Âse" ├╝ber Herrgottsbach hinweg. Die B├╝rger sind beeindruckt von dieser Maschine. Ihre "...Gesichter (hatten) in den hohen Himmel hinaufgestarrt, mit gro├čen, hellen, fast erschrockenen Augen, hatten schnell den silbrigen Vogel entdeckt und mit Blicken festgehalten, solange wie es gegangen war."
Auch der HJ bleibt dieses Spektakel nicht verborgen. Nachdem sie erfahren, dass der Pilot Ehrenf├╝hrer der Flieger - HJ ist, beschlie├čen sie, ihn und das Flugzeug auf dessen Landeplatz im nahen Friedrichshafen zu besuchen. Auch die katholischen Jungs der Kongregation k├Ânnen sich dem Reiz, den das Flugzeug auf sie aus├╝bt, nicht entziehen und folgen der HJ nach Friedrichshafen. Die eigentlich verfeindeten Gruppen der Hitlerjungen und der "Marianischen Kongregation" treten also, geeint durch die Begeisterung f├╝r die Fliegerei, gemeinsam die Reise an. Sie werden auch tats├Ąchlich vom Piloten, dem Major v. Schenk empfangen. Der fr├╝here Kampfflieger erz├Ąhlt den Jungs von seinen Eins├Ątzen und erkl├Ąrt ihnen die Funktionsweise des Flugzeugs. Damit zieht er sie voll in seinen Bann. Als er mit einem der Jungen an Bord von einem kleinen Rundflug zur├╝ckkehrt, gibt es f├╝r die Gruppe kein Halten mehr. "Die Jungens st├╝rmten die Maschine, hoben den Major auf die Schultern und trugen ihn unter ohrenbet├Ąubendem Geheul um die Maschine herum."
Als der Major sich verabschiedet, spannt er einen Bogen von der allgemeinen Flugbegeisterung der Gruppe hin zum gemeinschaftlichen Einsatz f├╝r eine Idee.
"Es freut mich, dass ihr gekommen seid. Es freut mich doppelt, dass ihr gemeinsam gekommen seid. Die Not einigt. Aber auch die Liebe zu einer gro├čen Sache einigt, und ich freue mich unb├Ąndig, dass es gerade die Fliegerei ist, die euch gemeinsam hierher gef├╝hrt hat. Ich nehme das, bei Gott, als ein gutes Zeichen, Jungens! Kommt bald mal zu mir nach B├Âblingen. Ich zeige euch dann die Fliegerschule. Heil Hitler!"
Nach den Eindr├╝cken dieses tollen Tages, kommen die Jungs der Einladung des Majors schon bald nach.
In B├Âblingen darf jeder einen Rundflug mitmachen, und die Euphorie der Jungs steigt ins Unerme├čliche.
"So etwas also konnte der Mensch! Ein Druck seines Fu├čes, ein Griff seiner Hand, und schon sank die Last der Erde weit zur├╝ck. Kein Hindernis mehr, kein Gewicht, kein Hemmnis, kein Widerstand. Alles ├╝berwand der Mensch: Ein Druck seiner Hand: ihm gehorchte die Erde, vor ihm neigte sich die Welt."
Schenzinger verbindet mit der Begeisterung f├╝r die Luftfahrt auch die Verbreitung der NS - Ideologie. Durch diese Parallelschaltung will Schenzinger die moderne und befreiende Einstellung der Menschen zur Luftfahrt auch auf den neuen Staat ├╝bertragen.
Vergleichende Interpretation
Leonhard Frank und Karl - Alois Schenzinger als Tr├Ąger unvereinbarer Lebenseinstellungen
Den Romanen Links wo das Herz ist von Leonhard Frank und Karl - Alois Schenzingers Der Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch liegt ein von Grund auf verschiedenes Verst├Ąndnis von Mensch und Gesellschaft zu Grunde. So ist die Lebensphilosophie des Exilautors Leonhard Frank stark von pazifistisch - sozialistischen Einschl├Ągen gepr├Ągt, mit denen er sich in all seinen Romanen identifiziert. In seiner Novelle Die Ursache verurteilt Frank die Todesstrafe als unmenschliches Mittel zum Strafvollzug. "Der Mensch ist gut" zeigt schonungslos die Brutalit├Ąt eines Krieges auf und erteilt gewaltsamen Auseinandersetzungen jeglicher Art eine schroffe Absage. Sein Roman Die J├╝nger Jesu prangert die inhumanen Z├╝ge des Nationalsozialismus, wie z.B. den Antisemitismus, an.
Am Ende seiner in Links wo das Herz ist niedergeschriebenen Lebensgeschichte gibt er sich eindeutig als Anh├Ąnger der sozialistischen Staats - und Wirtschaftsform zu erkennen. ├ťber Michaels Glaubensbekenntnis prognostiziert er, dass "... die Haben - haben - haben - Wirtschaftsordnung (...) im Jahre 2000 abgel├Âst sein wird durch die sozialistische Wirtschaftsordnung."
Ebenso intensiv glaubt Leonhard Frank an die Kraft der Liebe, die sich im Roman durch seine Beziehungen zu Frauen ├Ąu├čert. Im Glaubensbekenntnis definiert Michael die gegenseitige Liebe als das gr├Â├čte Gl├╝ck im Leben: "Wer das nicht erlebt, hat nicht gelebt".
Im Gegensatz dazu ist die Lebenseinstellung, die Schenzinger im Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch vermittelt, von ganz anderen Wertvorstellungen gepr├Ągt. Traditionelle Werte wie Religiosit├Ąt werden von ihm durchweg negativ besetzt, da sich ihre Tr├Ąger der nationalsozialistischen Idee verschlie├čen. Vor allem der Stadtpfarrer Strobel ruft die Herrgottsbacher immer wieder zu aufrechtem Katholizismus auf und warnt vor der neuen Idee. Schenzinger verurteilt dadurch das konservative Spie├čb├╝rgertum, weil es nicht offen f├╝r neue Einfl├╝sse ist. Besser als die sturen V├Ąter verh├Ąlt sich die aufgeschlossene, j├╝ngere Generation. Der Autor bestimmt die avantgardistische Ideologie der HJ als die einzige, den Anspr├╝chen der Zeit gen├╝gende, Gesinnung. Der Kampf f├╝r diese Gesinnung, nicht selten mit einem Bruch bestehender Gesellschaftsnormen verbunden, nimmt eine zentrale Position im Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch ein.
Gegens├Ątzlichkeit bei der Bewertung und der Auswirkungen geschichtlicher Ereignisse
Aus der Gegens├Ątzlichkeit der Lebenseinstellungen ergeben sich nat├╝rlich auch v├Âllig unterschiedliche Bewertungen von historischen Ereignissen. Am Eindrucksvollsten l├Ąsst sich der Nachweis dieser These vor dem Hintergrund der Macht├╝bernahme der Nazis bei Leonhard Frank f├╝hren.
Er beschreibt die Entwicklung dieser "unheilschwangeren Wirklichkeit" in d├╝steren Farben. Ihren Ausl├Âser sieht er, im Unterschied zu Schenzinger, nicht in der ├╝berragenden Eindringlichkeit der nationalsozialistischen Ideologie, sondern f├╝hrt die hohe Arbeitslosigkeit und die materiell elenden Verh├Ąltnisse der Menschen w├Ąhrend der Weltwirtschaftskrise als Grund f├╝r die Macht├╝bernahme des "Sumpfmenschen Hitler" an. Seine Ernennung zum Reichskanzler ist f├╝r Michael, alias Leonhard Frank, politisch nicht zu rechtfertigen. Den brennenden Reichstag wertet er als gemeinen Trick, um eine legitime Begr├╝ndung f├╝r die Verhaftung von Kommunisten in der Hand zu haben. "Wenn die etwa glauben sollten, mit Gangstermethoden auch Weltpolitik machen zu k├Ânnen, w├Ąren sie schon jetzt zum Untergang verurteilt und w├╝rden wie Gangster enden." Da die Nationalsozialisten Michael schon fr├╝h als ihren Gegner fixiert hatten; es erschien " ...ein Artikel (im ), gespickt mit Drohungen und w├╝sten Schimpfworten (...) gegen ihn ...", geht Michael schlie├člich in die Schweiz, "fliehend vor einer unsichtbaren Gefahr." Seine sp├Ątere Deportation ins Konzentrationslager weist ihn nachdr├╝cklich als Nazi - Gegner aus.
W├Ąhrend sich die Einstellung Leonhard Franks gegen├╝ber dem Nationalsozialismus nie ├Ąndert, durchlaufen die B├╝rger Herrgottsbachs einen Proze├č der allm├Ąhlichen Bewu├čtseins├Ąnderung. Vor 1933 beteuert jeder, zumindest nach au├čen, seine Abneigung gegen die Bewegung. Nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt wird, schl├Ągt die Stimmung in Herrgottsbach langsam um. "Sie (die B├╝rger) waren wach. Da und dort loderte schon die Begeisterung...".
Nachdem die Reichstagswahlen vom 5.3.1933 den Nazis die politische Macht beschert, bringen auch die Herrgottsbacher ihre Sympathien f├╝r den neuen Staat frei zum Ausdruck. Der tosende Beifall und das gemeinsame Singen des Horst - Wessel - Liedes nach Otto Dobels Rede auf dem Marktplatz, dokumentiert die geistige Einheit der B├╝rger. Als sich am Schlu├č auch noch der stramm konservative Kommissar Dolfinger von der NS - Ideologie beeindruckt zeigt, schlie├čt Schenzinger den Kreis der "Bekehrten".
Die Menschen in Herrgottsbach verwandeln sich also im Laufe der Zeit von Nazi - Gegnern zu deren Anh├Ąngern, wodurch Schenzinger die ├ťberzeugungsm├Ąchtigkeit, die die NS - Ideologie seiner Meinung nach hat, verdeutlicht.
Gegens├Ątzlichkeit der Lehrergestalt
Die Romane Links wo das Herz ist von Leonhard Frank und Karl - Alois Schenzingers Der Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch, entwerfen zwei v├Âllig unterschiedliche Bilder von der Gestalt des Lehrers.
Leonhard Franks Volksschullehrer D├╝rr macht seinen Sch├╝lern das Leben zur H├Âlle. Viel schlimmer als die brutale k├Ârperliche Z├╝chtigung durch den Lehrer, wiegt die Angst, die er seinen Sch├╝lern einfl├Â├čt.
"Seine Erziehungsmethode war, die Knaben in Angstbesessene zu verwandeln. Das Schulzimmer war mit Angst geheizt. Angst war nachts der Trauminhalt seiner Sch├╝ler. Fr├╝here Sch├╝ler fuhren seinetwegen noch als verheiratete M├Ąnner aus Angsttr├Ąumen hoch ... ."
Vor allem die geistig Schw├Ącheren werden vor der Klasse blo├čgestellt und jegliches Selbstbewu├čtsein dieser Sch├╝ler wird vom Lehrer systematisch zerst├Ârt.
W├Ąhrend die anderen zu Untertanen erzogen wurden, "(trugen) die Empfindsameren (...) den Stempel des Irrenhauskandidaten auf der Stirn." Seine "├╝berw├Ąltigende Autorit├Ąt" mi├čbrauchte der Lehrer, um "die Pers├Ânlichkeit des Sch├╝lers auszurotten."
Am schlimmsten leidet der sensible Michael unter den Erziehungsmethoden des Herrn D├╝rr. Er h├Ąlt dem psychischen Druck, den der Lehrer aus├╝bt, nicht stand. Michael, zuvor flie├čend sprechend, beginnt pl├Âtzlich zu stottern, muss zur Strafe in die letzte Bank sitzen und wird, vom Lehrer forciert, permanent ausgelacht. "Nur zur Belustigung der Klasse rief er ihn noch manchmal auf, und sie durften zusammen mit dem Lehrer ├╝ber Michael lachen, wenn er seine falschen Antworten stotternd herauspre├čte."
Ganz anders verh├Ąlt sich Schenzingers Lehrer, der Professor Hahn, im Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch.
"Professor Hahn hie├č nun einmal der "Prophet", und sie f├╝hlten sich als seine J├╝nger." Aus dieser einf├╝hrenden Bemerkung wird schon erkennbar, dass die Sch├╝ler der Herrgottsbacher Lateinschule eine besondere Beziehung zu ihrem Lehrer haben. Sie akzeptieren seine uneingeschr├Ąnkte Autorit├Ąt, die er sich nicht durch ├╝bertrieben harte Bestrafungen, sondern ├╝ber kompetente und spannende Darstellung der Unterrichtsinhalte erwirbt. "Die Jungens horchten gespannt. Nicht einen Augenblick lie├čen sie diesen sprechenden Mund aus den Augen. Das war nun wieder einmal fabelhaft, was ihr Prophet da zum besten gab."
Auch die Vergangenheit ihres Lehrers als Divisionspfarrer imponiert den Jungs sehr. Die 12 Sch├╝ler umfassende Klasse des Propheten ist in der ganzen Schule als "Apostelklasse" bekannt, "und sie waren - ohne zu wissen warum - nicht wenig stolz auf diesen Namen."
An einer Stelle des Buches wird konkret auf den Respekt und die gro├če Achtung vor dem Lehrer Bezug genommen. Als Max Dolfinger von zu Hause ausr├╝ckt, um auf die Fliegerschule zu gehen, l├Ąsst er zwar seinen Vater ahnungslos zur├╝ck, bringt es aber nicht ├╝bers Herz, den Propheten gleicherma├čen zu hintergehen.
"Ich (Max Dolfinger) kann mir nicht helfen, Otto, aber ich glaube, ich h├Ątte doch mal mit dem "Propheten" reden sollen, bevor ich weggehe. Er glaubt sonst am Ende, ich h├Ątte ihn umgehen wollen, ich sei ihm ausgewichen, und das m├Âchte ich nicht. Gerade beim "Propheten m├Âchte ich das nicht."
Professor Hahn reagiert erwartungsgem├Ą├č verst├Ąndnisvoll. Er redet dem jungen Max zwar ins Gewissen, hindert ihn aber nicht an seinem k├╝hnen Plan und gibt dem bereits davonst├╝rmenden Jungen sogar den Segen der Kirche.

Schlu├čbemerkung: Wachsende Begeisterung f├╝r die Fliegerei in Neu - Ulm
Die Euphorie der deutschen Jugendlichen f├╝r die Luftfahrt, auf die Schenzinger im Herrgottsbacher Sch├╝lermarsch eingeht, war das Ergebnis von gezielten Propagandaeins├Ątzen der Nationalsozialisten f├╝r die Luftfahrt.
Auch in Neu - Ulm l├Ąsst sich dieser Trend ab 1934 verst├Ąrkt nachweisen. Im Zuge einer gro├čangelegten Werbewoche vom 1.6.1934 - 8.6.1934, die auf das ganze Reichsgebiet ausgedehnt war, staunten mehr als 7000 Besucher ├╝ber diverse Flugschauen auf dem Schwaighofener Fluggel├Ąnde. Auch die Ausstellung von Segelflugzeugen und ein Propagandamarsch lockten viele Interessierte an.
Die Werbeeins├Ątze verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Fliegerei erlebte im wahrsten Sinne des Wortes einen Aufwind, dessen Bedeutung Oberb├╝rgermeister Nui├čl unterstreicht. Seiner Ansicht nach ist es die "nationale Pflicht jedes Deutschen, die eminent wichtige Flugsache zu unterst├╝tzen und zu f├Ârdern."
Dieser Boom wirkte sich auch zahlenm├Ą├čig aus. Neben vielen neuen Mitgliedern kann sich die Fliegerortsgruppe Neu - Ulm ├╝ber die Gr├╝ndung drei neuer Fliegerst├╝tzpunkte in Thannhausen, in V├Âhringen und in Krumbach freuen. Mit den bereits bestehenden St├╝tzpunkten in Wei├čenhorn und Illertissen, "(hat) die Fliegerortsgruppe Neu - Ulm somit ihr Gebiet voll abgedeckt."

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