Professor Unrat


Projekt "Literatur des 20. Jahrhunderts"





Heinrich Mann

Professor Unrat
oder
Das Ende eines Tyrannen

 

Kurshalbjahr

Kursthemen, Unterthemen

11/2
    Die Rolle der Liebe und von Partnerschaft im gesellschaftlichen GefĂŒge: Liebeslyrik in verschiedenen literarischen Epochen an ausgewĂ€hlten Beispielen Text und Wirklichkeit: der Roman und die Novelle am Ende des 19. Jahrhunderts
Fontane "Effi Briest" und Keller "Romeo und Julia auf dem Dorfe"



12/1
    Der AufklĂ€rungsgedanke im bĂŒrgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts am Beispiel von:
a.) G. E. Lessing "Nathan der Weise"
b.) Friedrich Schiller "Kabale und Liebe"
    Der AufklÀrungsgedanke in der Literatur des 20. Jahrhunderts am Beispiel von:
a.) Bertold Brecht "Das Leben des Galileo Galilei"
b.) Max Frisch "homo faber"


12/2
    Die Wandlung des RealitÀtsbegriffes in der Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Beispiel von Franz Kafka Die Kurzgeschichte (bes. nach 1945) als Widerspiegelung zeitgeschichtlicher Entwicklungen und geistesgeschichtlicher Strömungen

13/1
    Die Weimarer Klassik am Beispiel von Goethes "Faust I" Die Kunsttheorie der Klassik
 


Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen
Roman von Heinrich Mann, erschienen 1905 in MĂŒnchen.
Ausgaben: Mchn. 1905. - Lpzg. 1917 (in gesammelte Romane und Novellen, 10 Bde., 6). - Bln./DDR 1951 (in AW in Einzelausgabe, Hg. A. Kantorowicz, 13 Bde., 1951 - 1962, 1). - Hbg. 1951; ern. Reinbek 1968 (Der Blaue Engel; rororo). - Bln./Weimar 1966 (in GW, 25 Bde., 1965 ff., 4). - Hbg. 1966 (in GW in Einzelausgabe, 18 Bde., 1958 ff., 8). - DĂŒsseldorf 1976 (in Werksausw., 10 Bde., 8). - Ffm. 1981 (BS). - DĂŒsseldorf 1983. - Ffm. 1989 (in Studienausgabe in EinzelbĂ€nden; Nachw. R. Wolff; Materialanh. P. - P. Schneider; FiTb).
Verfilmungen: Der blaue Engel, Deutschland 1930 (Regie: Josef von Sternheim). - The Blue Angel, USA 1959 (Regie: E. Dmytryk).

Zum Inhalt

Inhaltsangabe:
Professor Raat, ein wilhelminischer Schullehrer, wird vom Gymnasium und der ganzen Stadt nur Unrat genannt. Der gewohnte Ruf ĂŒbt auf den alten Lehrer seine Wirkung noch so gut aus, wie schon vor 26 Jahren. Man braucht nur auf dem Schulhof, sobald dieser vorbeikommt einander zuzuschreien: "Riecht es hier nicht nach Unrat!" und schon zuckt der Alte heftig zusammen. Prof. Unrats einziges Bestreben ist es, die SchĂŒler zu fassen; ihnen zu beweisen, dass sie ihn mit dem Wort "Unrat" gemeint haben, und ihnen dafĂŒr ihr Fortkommen zu erschweren, wenn nicht gar unmöglich zu machen. So sorgt er als Lehrer dafĂŒr, dass alle, die ihn bei seinem Spottnamen nennen, das Ziel der Klasse nicht erreichen. Unrat beurteilt ein Jahr mit gut oder schlecht, je nachdem, ob er einige "faßte", oder ihnen nichts beweisen konnte. Unrat, der sich von den SchĂŒlern hinterrĂŒcks angefeindet, betrogen und gehaßt weiß, behandelt sie seinerseits als Erbfeinde, von denen man nicht genug bei Tests hineinlegen und vom Ziel der Klasse zurĂŒckhalten kann.
Besonders die drei SchĂŒler Lohmann, Kieselsack, und von Erztum machen ihm das Leben schwer, aber auch umgekehrt. Als Prof. Unrat erfĂ€hrt, dass eben diese drei verhaßten SchĂŒler die BarfußtĂ€nzerin und KĂŒnstlerin Rosa Fröhlich allabendlich in ihrer Garderobe in der Spelunke "Zum blauen Engel" besuchen, stellt er ihnen nach, um sie zu zerschmettern. FĂŒr Unrat ist es Pflicht sich tĂ€glich als erster bei der KĂŒnstlerin Rosa Fröhlich einzufinden, und somit seine SchĂŒler von dieser bunten Weibsperson fernzuhalten, doch sie wird immer erfreulicher, um so mehr er sich in ihrer Garderobe einlebt. Prof. Unrat verliebt sich in Rosa Fröhlich, was besonders von Erztum stört, da dieser in sie verliebt ist.
Als es zu einem Prozeß gegen die drei SchĂŒler Lohmann, Kieselsack und von Erztum wegen mutwilliger BeschĂ€digung eines HĂŒnengrabes (= vorgeschichtliche Grabanlage aus mĂ€chtigen Steinblöcken, die ursprĂŒnglich von ErdhĂŒgeln abgedeckt waren) kommt, wird auch die KĂŒnstlerin Fröhlich als Zeugin geladen, da sie bei der Tat auch anwesend war. Rosa Fröhlich sieht die Zeugenaussage als Möglichkeit, ihrem alten Unrat auf dem Umwege ĂŒber den Gerichtshof hinweg die Wahrheit zu gestehen. So erfĂ€hrt Unrat von Rosas "Nebendingen" mit seinem SchĂŒler Kieselsack und von von Erztums Heiratsantrag. Unrat ist entsetzt und schockiert und glaubt, dass seine Rosa auch Nebendinge mit Lohmann, seinem grĂ¶ĂŸten Feind, treibt...
Nach diesem Prozeß, bei dem er eine Rede fĂŒhrt, die sich gegen die großbĂŒrgerliche Kaste, den dekadenten Adel und die korrumpierten KleinbĂŒrger wendet, die sich reprĂ€sentativ in den drei pubertĂ€ren SĂŒndenböcken Lohmann, von Erztum und Kieselsack zeigen, wird Unrat von der Schule entlassen. Unrat und die KĂŒnstlerin Rosa Fröhlich versöhnen sich wieder und heiraten. Nun wandelt sich der Tyrann zum Anarchisten (= Es gelten keine Gesetze zur Ordnung des Lebens). Die Ideale der bĂŒrgerlichen Umwelt, die er frĂŒher gepredigt hat, sind jetzt Opfer seiner Rachsucht. Und die zielt auf Entsittlichung der Stadt. In seiner "Villa vor dem Tor" frönen die BĂŒrger dem GlĂŒcksspiel; sie wird zu einer StĂ€tte nĂ€chtlichen VergnĂŒgens, was natĂŒrlicherweise noch mehr Getuschel in der Kleinstadt zur Folge hat. Als Unrat vor lauter Haß gegen Lohmann ihm seine Brieftasche stiehlt, wird er selbst dabei gefaßt und verhaftet, und die Stadt kann vom Druck ihres eigenen Lasters befreit zur scheinheiligen Ordnung zurĂŒckkehren.

Stilistik
Die Handlung wird weitgehend von einer Schulgeschichte getragen, die mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte verknĂŒpft ist. Die gradlinige ErzĂ€hlweise und der mĂ€ĂŸige Umfang (das Taschenbuch hat 153 Seiten) beugen jegliche Überforderung bei der LektĂŒre vor. Zudem spricht der satirische Stil meiner Meinung nach jugendliche Leser an. Allerdings ist zu bedenken, dass die Gesellschafts - und SchulverhĂ€ltnisse der Gegenwart eine Identifikation mit den SchĂŒlern im Roman beeintrĂ€chtigen.
Die Handlung fĂŒhrt zu einer doppelte Negation der Satire auf die kleinstĂ€dtisch - bĂŒrgerlichen VerhĂ€ltnisse und dem Vexierbild des "Menschenfeindes"

Biographische BezĂŒge[1]
Biographie des Autors Heinrich Mann
Heinrich Mann: 1871 (LĂŒbeck, Deutschland) - 1950 (Santa Monica, Kalifornien)
Heinrich Mann begann nach dem Abgang vom Gymnasium eine Buchhandelslehre, 1891 bis 1892 volontierte er im S. Fischer Verlag, Berlin, gleichzeitig Gasthörer an der UniversitĂ€t; freier Schriftsteller; 1893 Parisaufenthalt, bis 1914 lĂ€ngere Italienaufenthalte, spĂ€ter MĂŒnchen, ab 1928 Berlin; 1931 wurde er zum PrĂ€sident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der KĂŒnste zu Berlin gewĂ€hlt. Die Verfilmung seines Romans Professor Unrat (unter dem Titel "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich) machte ihn weltberĂŒhmt. Februar 1933 erzwungener Ausschluß aus der Akademie; Emigration nach Frankreich (Paris, Nizza), dann ĂŒber Spanien und Portugal 1940 nach Kalifornien. 1949 nahm er die Berufung zum PrĂ€sident der neu zu grĂŒndenden Deutschen Akademie der KĂŒnste zu Berlin/DDR an. Heinrich Mann starb 1950 in Santa Monica/Kalifornien. Seine Urne ist auf dem DorotheenstĂ€dtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.
Heinrich Mann war der Ă€ltere Bruder von NobelpreistrĂ€ger Thomas Mann, ebenfalls Schriftsteller, aber bei uns nicht so bekannt. Er wandelt sich von einem eher konservativen Schriftsteller in seiner FrĂŒhzeit zu einem engagierten, politisch linksstehenden Autor. So wendet er sich gegen die Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des 1. Weltkrieges und arbeitet aktiv gegen die Nationalsozialisten, in dem er mit Engagement gegen die Nazis, Militarismus und UntertanenmentalitĂ€t schreibt. Mit Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft wurden Manns BĂŒcher im Dritten Reich 1933 von den Nationalsozialisten verboten und der Autor zur Emigration gezwungen, aus der er nicht mehr zurĂŒckkehren sollte. Er lebte bis 1940 im französischen Exil und floh dann in die USA. Kurz vor seiner RĂŒckkehr nach Deutschland starb er.
In der Romantrilogie "Das Kaiserreich" beschreibt er die ZustÀnde im wilhelminischen Deutschland aus einer sehr kritischen Perspektive.
In der Emigration entstehen seine beiden Romane "Die Jugend des Königs Henri Quatre" und "Die Vollendung des Königs Henri Quatre"; beide kann man als Gleichnisse vom guten König bezeichnen. Aus der FrĂŒhzeit von Heinrich Mann stammt "Professor Unrat" (der unter dem Titel "Der blaue Engel" verfilmt wurde) und der neben "Der Untertan" zu seinen bekanntesten Romanen gehört und sich mit dem selbstgefĂ€lligen BĂŒrgertum auseinander setzt. In seinen Memoiren "Ein Zeitalter wird besichtigt" lĂ€sst er die deutsche Geschichte und die eigene Biographie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts noch einmal Revue passieren.
Wie sein Hauptfigur leidet auch der Autor an der von ihm analysierten und kritisierten Gesellschaft. Zum ersten mal in Heinrich Manns Werken steht der doppelten Negation, nĂ€mlich der Satire auf die kleinstĂ€dtisch - bĂŒrgerlichen VerhĂ€ltnisse und dem Vexierbild des Menschenfeindes eine Figur gegenĂŒber, die sich in den Rahmen ausformulierter demokratischer und sozialethischer Utopie (=Wunschtraum) fĂŒgt: In der Gestalt von Rosa Fröhlich, dem MĂ€dchen aus dem Volk. Dem komischen Fall des Schultyrannen mit seinen unumstĂ¶ĂŸlichen GrundsĂ€tzen liegt die Geschichte einer Verfallenheit zugrunde, die aus der wilhelminischen AutoritĂ€t einen verkappten Anarchisten hervorholt.
Nach dem Ende des Dritten Reiches fand in der DDR eine rege BeschÀftigung mit seinem Werk statt.

Bewertungen
Angeregt durch eine Zeitungsmeldung, schrieb Heinrich Mann den Roman "Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen" 1903 und 1904 in Florenz und Ulten, SĂŒdtirol; 1905 erschien das Buch in MĂŒnchen bei Albert Langen, der bereits die vorausgehenden Romane des Autors - "Im Schlaraffenland", "Die Göttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy" und "Die Jagt nach Liebe" herausgebracht hatte. Die Niederschrift nahm nach Aussage des Autors nur wenige Monate in Anspruch. Doch blieb Professor Unrat zunĂ€chst unbeachtet - wie die meisten Werke Heinrich Manns vor dem ersten Weltkrieg. Mit dem EinverstĂ€ndnis des Autors entstand 1931 eine Filmfassung von Carl Zuckmayer unter dem Titel "Der blaue Engel" (Regie: Josef von Sternberg, in den Hauptrollen Emil Jannings und Marlene Dietrich). Hier endet der Gymnasialprofessor aber auf klĂ€gliche und mitleiderregende Weise. Durch den Film sieht man Heinrich Manns Werk als karikierende Schulsatire. Bei genauer Betrachtung aber ist es möglich, die Doppelsinnigkeit, die in siebzehn Kapiteln locker erzĂ€hlt wird, zu sehen. Die Handlung (Ein tyrannischer verknöcherte Gymnasialprofessor lernt bei der nĂ€chtlichen Jagd auf SchĂŒler die KĂŒnstlerin Rosa Fröhlich kennen, verliebt sich in sie, wird geĂ€chtet und verliert deswegen seine Stellung) bewahrt ganz den Anschein satirischer LĂ€cherlichkeit; dass aber diese "lebensfeindliche" Lehrerfigur unversehens die bĂŒrgerliche Umwelt enthemmt und eine anarchistische Revolte gegen sie unternimmt, verstört das Lachen des Lesers.
Der Roman stellt sich als sozialpathologische Studie dar, in der die psychologische Motivation des Leidens und Handelns den einzelnen auch dann noch prĂ€gt, wenn er den politischen Mechanismus seiner Gesellschaft durchschaut und gegen sie revoltiert. Professor Raat ordnet sein VerhĂ€ltnis zu den SchĂŒlern psychologisch demselben Machtprinzip unter, das er - ein glĂŒhender Chauvinist (Chauvinismus = ĂŒbertriebenes NationalgefĂŒhl) - politisch vertritt. Seiner tyrannischen Herrschsucht, die sich in unumstĂ¶ĂŸlichen Strafen, ungerechten Zensuren und sinnwidrigen Anordnungen zeigt, entspricht innere Ohnmacht und der VerdrĂ€ngung des Triebes. Durch seine Sucht, die SchĂŒler zu fassen, es den AufsĂ€ssigen zu beweisen und seine Erbfeinde an ihrer Laufbahn zu hindern, verirrt er sich in einen fremdartigen, verwirrend - erotischen Dunstkreis; seine Machtvorstellung wird allmĂ€hlich von der bislang zurĂŒckgedrĂ€ngten, triebhaften Sinnlichkeit untergraben. Je öfter Professor Unrat bei Rosa Fröhlich verkehrt, desto mehr untergrĂ€bt er seine autoritĂ€re Stellung bei den SchĂŒlern und rĂŒckt den von ihm Tyrannisierten immer nĂ€her; der in seiner Macht geschwĂ€chte Tyrann begegnet seinen Untertanen auf der gleichen Stufe: als ein Untertan.
Heinrich Mann behandelt in seinen Werken vorwiegend den Verfallszustand der bĂŒrgerlichen Gesellschaft. Er beschreibt und kritisiert die politischen und gesellschaftlichen ZustĂ€nde des wilhelminischen Kaiserreichs, und setzt sich mit dem Imperialismus dieser Zeit auseinander. Das FrĂŒhwerk Heinrich Manns wurde vom Fin de siecle (= frz. Jahrhundertende; die dekadente Überfeinerung von GefĂŒhl und Geschmack am Ende des 19. Jahrhunderts) geprĂ€gt. Auch zeigt Mann Tendenzen zum Konservatismus. Er besaß eine konsequent demokratische Weltanschauung, und war starker Gegner des Nationalsozialismus. Heinrich Mann wendet sich gegen den Chauvinismus und Militarismus. Auch das zentrale Problem von Kunst und leben behandelt er in einer Reihe von Novellen.
Im Buch "Professor Unrat" wird der Konflikt zwischen Macht und Liebe behandelt, besonders aber das Tyrann - Untertan - VerhĂ€ltnis. Dieses VerhĂ€ltnis wird in dem Buch "Der Untertan" wieder aufgenommen und weiterbehandelt. Die Vertreibung und AusbĂŒrgerung Heinrich Manns bei der Preußischen Akademie der KĂŒnste durch die Nationalsozialisten sowie seine ĂŒberragende Bedeutung als Symbolfigur der antifaschistischen Exilanten dokumentieren Manns singulĂ€re Erscheinung als "demokratischer Ideenbildner". Der ist er als Schriftsteller zuerst im Roman Professor Unrat. Hier ĂŒberwindet er den Ästhetizismus und verbindet zum ersten Mal sein generelles Hauptthema, den Konflikt zwischen Macht und Liebe, mit seiner Vorstellung von Demokratie. In "Professor Unrat" ist Mann ein Meister der Satire und Groteske, noch mehr aber in dem Roman "Der Untertan". Die norddeutsche Kleinstadt in der das ganze Buch spielt ist unschwer als das LĂŒbeck des SchĂŒlers Heinrich Mann zu erkennen. Der SchĂŒler Lohmann weist viele Gemeinsamkeiten mit dem Autor auf. Eine Äußerung Heinrich Manns: "Unrat, dieses lĂ€cherliche Scheusal hatdoch einige Ähnlichkeit mit mir" und die groteske Umkehrung der kleinstĂ€dtischen VerhĂ€ltnisse weisen darauf hin, dass die Hauptfigur nicht nur als typisiertes Objekt der Satire, sonders auch als Vexierbild des Satirikers zu verstehen ist (Vexierbild ein RĂ€tselbild, aus dem ein verborgen gezeichnetes anderes Bild herausgefunden werden soll.)

Skizze eines produktorientierten Interpretationsansatzes[2]
Mit dem 1904 verfaßten Professor Unrat, dessen Niederschrift nach eigener Aussage des Autors nur wenige Monate in Anspruch nahm, wandte sich Heinrich Mann unmittelbar der deutschen Provinz zu. Bislang hatte er die bĂŒrgerliche Gesellschaft in seinen seit 1900 veröffentlichten Romanen vorwiegend an ihrem Ă€sthetischen Erscheinungsbild gemessen und ihren spĂ€tzeitlichen Verfallszustand analysiert.
ZunĂ€chst scheint sich die Geschichte eines wilhelminischen Schullehrers in einer norddeutschen Kleinstadt (die im ĂŒbrigen nicht schwer als das LĂŒbeck des SchĂŒlers Heinrich Mann zu vertifizieren ist) scheint sich den Schulsatiren Wedekinds, Thomas, Hauptmanns und Hesses zuzuordnen. Das Werk als eine karikierende Schulsatire zu verstehen, wird vor allem durch die entstandene Filmfassung Carl Zuckmayers von 1931 unter dem Titel Der "Blaue Engel" unterstrichen. Doch eine werkgetreuere Interpretation vermag die Doppelsinnigkeit der in siebzehn Kapiteln aneinandergereihten Einzelzehnen zu beschreiben - entgegen der im Film nivellierten Schlußwendung (ein Gymnasiallehrer endet auf klĂ€gliche und mitleiderregende Weise).
Der Anschein, satirischer LĂ€cherlichkeit, wird zunĂ€chst dadurch bewahrt, dass ein tyrannischer, verknöcherter Lehrer auf der nĂ€chtlichen Jagt nach seinen ihm verhaßten SchĂŒlern die SĂ€ngerin und BarfußtĂ€nzerin Rosa Fröhlich kennenlernt, sich in sie verliebt und deswegen seine Stellung verliert. Doch dass diese "Lebensfeindliche" Lehrerfigur ihre bĂŒrgerliche Umwelt enthemmt und eine anarchistische Revolte gegen sie unternimmt, verstört das Lachen des Lesers und lĂ€sst an der anfĂ€nglichen Übereinstimmung mit dem Autor Zweifel aufkommen. Eine bislang wenig beachtete Äußerung Heinrich Manns ("Unrat, dieses lĂ€cherliche Scheusal ... hat doch einige Ähnlichkeit mit mir"; s.o.) und die groteske Umkehrung der kleinstĂ€dtischen VerhĂ€ltnisse - Agressionslust, strammer Nationalismus und AutoritĂ€tsglĂ€ubigkeit schlagen in blinde Anarchie um - weisen darauf hin, dass die Hauptfigur nicht nur als typiesiertes Objekt der Satire, sondern auch als Vexierbild des Satirikers zu verstehen ist. So stellt sich der Roman als sozialpathologische Studie dar, in der die psychologische Motivation des Leidens und Handelns den einzelnen auch dann noch prĂ€gt, wenn er den politischen Mechanismus seiner Gesellschaft durchschaut und dagegen revoltiert.
Raat ordnet sein VerhĂ€ltnis zu den SchĂŒlern psychologisch dem selben Machtprinzip unter, das er - ein glĂŒhender Chauvinist (s.o.), der "ĂŒber die Pflichttreue, den Segen der Schule und die Liebe zum Waffendienst" AufsĂ€tze schreiben lĂ€sst - politisch vertritt. Seiner tyrannischen Herrschsucht, die sich in drakonischen Strafen ungerechten Zensuren und sinnwidrigen Anordnungen widerspiegeln, entspricht innerer Ohnmacht und TriebverdrĂ€ngung.
Er verirrt sich auf der Suche nach widerborstigen SchĂŒlern in die Spelunke "Zum blauen Engel", wo die leichtlebige "KĂŒnstlerin" Rosa Fröhlich gastiert, und aus der Sucht heraus, die SchĂŒler zu "fassen", es den vermeintlich AufsĂ€ssigen zu "beweisen", in einen fremdartigen, verwirrend - erotischen Dunstkreis; so wird seine Machtvorstellung allmĂ€hlich von bislang zurĂŒckgedrĂ€ngter, triebhafter Sinnlichkeit unterhöhlt. Je öfter er bei Rosa Fröhlich verkehrt, je mehr seine autoritĂ€re Stellung bei den SchĂŒlern dadurch untergraben wird, desto nĂ€her rĂŒckt er den von ihm Unterjochten; der in seiner Macht geschwĂ€chte Tyrann begegnet seinen Untertanen auf der gleichen Stufe: als ein Untertan. Als dann schließlich "die ĂŒberreizte ZĂ€rtlichkeit des Menschenfeindes" ĂŒber alle Hemmungen und Konventionen siegt und Unrat die nach Sicherheit sich sehnende Fröhlich heiratet, ist seine bĂŒrgerliche Stellung verloren. Verteidigt der anfangs im Prozeß noch die geheiligten GĂŒter staatserhaltender Gesinnung, so bricht im folgenden der Haß auf die bĂŒrgerliche Gesellschaft, die ihn geprĂ€gt hat, durch: In einer geifernden Rede wendet sich Raat gegen die großbĂŒrgerliche Kaste, den dekadenten Adel und die korrumpierten KleinbĂŒrger, wie sie sich in den drei pubertierenden SĂŒndenböcken Lohmann, von Erzum und Kieselack reprĂ€sentativ wiederfinden.
"Auf neue, unvorhergesehene Weise" dehnt sich nun Unrats Kampf aus, als er nach einem lehrreichen Aufenthalt an der See mit seiner Frau in die Stadt zurĂŒckkehrt. DarĂŒber hinaus musste er durch einen Seitensprung Rosas erkennen, das erotische Libertinage sowohl die BĂŒrger, als auch ihn selbst fesselt und unversehens zu Untertanen macht. Aus seiner "Villa vor dem Tor" macht er eine StĂ€tte nĂ€chtlichen VergnĂŒgens und verbotener GlĂŒcksspiele, was natĂŒrlich zu noch mehr Getuschel innerhalb der Stadt fĂŒhrt.
Je mehr Unrat die "Entsittlichung der Stadt vorantreibt, desto mehr fĂ€llt er jedoch seiner eigenen Rachsucht zum Opfer. Seine Seele, "ihre AbgrundflĂŒge, ihr fĂŒrchterliches Auskohlen, ihr ĂŒber alles hinaus selber Verdammtsein", legt die Disposition des Satirikers bloß, der - wie seine Hauptfigur - an dieser von ihm analysierten Gesellschaft leidet. Jedoch kann "all dies fanatisch Überkochende", in expressionistischen Metaphern zum Sprachbild abgrĂŒndiger DĂ€monie erhöht, nicht letztendlich die Gesellschaft gefĂ€hrden, da die vormalige bĂŒrgerliche Fassade der WohlanstĂ€ndigkeit renoviert werden kann, als Unrat eine Brieftasche stiehlt und dabei verhaftet wird.
Die doppelte Negation, der Satire auf die kleinstĂ€dtisch - bĂŒrgerlichen VerhĂ€ltnisse und dem Vexierbild des "Menschenfeindes", steht in diesem Roman, zum ersten mal in Heinrich Manns Werk, eine Figur gegenĂŒber, die sich in dem Roman spĂ€ter ausformulierter demokratischer und sozialethischer Utopie fĂŒgt: In der Gestalt Rosa Fröhlich, dem MĂ€dchen aus dem Volk, beschrieb der Autor, noch weitgehend ironisch gebrochen, eine ReprĂ€sentantin humanen "Mitleids"; in der Figur des jungen Literaten Lohmann, durch den der ErzĂ€hler den Professor analysieren lĂ€sst und der mit dem LĂŒbecker SchĂŒler Heinrich Mann verblĂŒffende Ähnlichkeiten aufweist, stellt er kritisch den wirklichkeitsfernen Ästheten dar und festigt seinen Standort als sozialkritischer Realist.
Professor Unrat findet sein stoffliches und thematisches Pendant in dem 1914 fertiggestellten "Der Untertan", in der das Tyrann - Untertan - VerhĂ€ltnis von Mann vor der selben LĂŒbecker Kulisse wieder aufgegriffen wurde, indem er aber weitaus schĂ€rfer gegen den Untergang liberaler HumanitĂ€t protestierte.

Filmkritik
Professor Unrat rĂŒckte ins volle Licht öffentlichen Interesses, als der österreichisch - amerikanische Regisseur Josef von Sternheim das Buch 1930 verfilmte und dem Titel "Der blaue Engel" zu einem Welterfolg verhalf. Die Rezensionen nach der deutschen UrauffĂŒhrung in Berlin am 1. April 1930 schlugen allerdings mitunter einen kritischen Ton gegenĂŒber dem Film an. Der Rezensent der "WeltbĂŒhne" sprach von einem "Film gegen Heinrich Mann". "Bei der Ufa ist aus der funkelnden Satire die sentimentale Katastrophe einer gutbĂŒrgerlichen Existenz geworden, aus dem gespenstischen Scholarchen eine verwĂ€sserte Volksausgabe von "Traumulus"" (Werner, 1977: 120f.). In einem Beitrag fĂŒr die "Neue Rundschau" betrachtete Siegfried Kracauer den Film als eine "Privattragödie, die in dieser Fassung und erst recht heute niemanden ernstlich etwas angeht". Er vermißt die Darstellung der "sozialen VerhĂ€ltnisse, die den Gymnasialprofessor und die Diseuse zusammenfĂŒhren" und tadelte die Vernebelung der Situation von 1930 (Werner, 1977: 122f.).
Heinrich Mann war bereits einer der angesehensten literarischen ReprÀsentanten der Weimarer Republik geworden, ehe Josef von Sternheim seinen Film drehte.
Josef von Sternberg ĂŒber seinen Film "Der blau Engel": "Bei meiner Umwandlung des Romans zu einem Film, der meinen Vorstellungen von visueller Poesie entsprach, fĂŒgte ich die Figur des Clowns ebenso neu ein wie alle Episoden und Einzelheiten, die den Professor schließlich in die Zwangsjacke bringen. Da es im Vorspann des Films heißt, er sei eine freie Adaption des Romans von Heinrich Mann nach einem Drehbuch von Robert Liebmann in der Bearbeitung von Vollmoeller und Zuckmayer, ist wohl eine ErklĂ€rung notwendig (...) Der Regisseur ist der eigentliche Autor eines Films (...) Welche VorzĂŒge der "Blaue Engel" auch immer aufweist und welche Fehler (und es gibt nicht wenige) - es sind meine. (...) Den brillianten Dramatiker Carl Zuckmayer hatte man aufgefordert, seinen Namen fĂŒr die Bearbeitung herzugeben, da man fĂŒrchtete, meine radikalen Änderungen in Heinrich Manns Roman wĂŒrden die deutsche Presse erregen, nicht nur weil zum ersten Mal ein Amerikaner nach Deutschland geholt worden war, um den wichtigsten Film zu drehen, sondern auch, weil Heinrich Mann politisch auf der schwarzen Liste der nationalsozialistischen Presse stand.

Leseempfehlung
Ich denke, dass der Roman "Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen" durchaus empfehlenswert ist; gerade fĂŒr SchĂŒler: die Handlung wird weitgehend von einer Schulgeschichte getragen, die mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte verknĂŒpft ist. Die gradlinige ErzĂ€hlweise und der mĂ€ĂŸige Umfang (das Taschenbuch hat 153 Seiten) beugen jegliche Überforderung bei der LektĂŒre vor. Zudem spricht der satirische Stil meiner Meinung nach jugendliche Leser an. Allerdings ist zu bedenken, dass die Gesellschafts - und SchulverhĂ€ltnisse der Gegenwart eine Identifikation mit den SchĂŒlern im Roman beeintrĂ€chtigen.
Der Bruder von Thomas Mann ist bei uns nicht so bekannt. Wenn man sich jedoch fĂŒr sozialkritische Literatur interessiert und wer Einblick in die wilhelminische Seele bekommen möchte, der sollte Heinrich Mann lesen, insbesondere den "Untertan" und "Professor Unrat". Beide Romane sind nicht nur spannend geschrieben, sondern auch nicht allzu schwer zu lesen.

[1] Anmerkung : Quellen bezĂŒglich biographischer Daten bezogen aus dem Internet.
http://www.luebeck.de/tourism/ehrenbg
http://www.ciw.uni - karlsruhe.de.tmg.hmpage.html
[2] Anmerkung : Orientiert an Mayers Literatur - Lexikon

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