Schlafes Bruder

    INHALTE

    Die Darstellung der Thematik:

In dem Roman "Schlafes Bruder" geht es sich um das Thema Liebe, die aber keine Chance hat ausgelebt zu werden. Elias Alder verliebte sich schon in Elsbeth als sie noch gar nicht auf der Welt war. W├Ąhrend das junge M├Ądchen heranw├Ąchst, verbringen die zwei einige Zeit miteinander. Sp├Ąter aber heiratete sie auf Wunsch ihres Bruders den aus gutem Hause kommenden Lukas Alder. Daraufhin verf├Ąllt Elias in eine Art Psychose und beschlie├čt, Selbstmord zu begehen, indem er sich mit Hilfe von nat├╝rlichen Giften versucht den Schlaf zu entziehen. Der Roman ist eine weitere Beschreibung, wie der Mensch seinem Schicksal unterworfen ist, das nur aus Elend und Leiden besteht. Weitere Themen sind, der Tod, der Schlaf und die Liebe. Vor allen Dingen wie diese drei Begriffe zueinander stehen.

    Skizze des Inhalts:
"Schlafes Bruder ist die Geschichte des Elias Alder, der zweiundzwanzigj├Ąhrig sein Leben zu Tode bringt, nachdem er beschlossen hatte nicht mehr zu schlafen. Er ist so in seine Cousine Elsbeth verliebt, dass er, als sie einen anderen heiratet, nicht mehr leben will. Elias Alder wurde 1803 zu Hause geboren. Als er schon als kleines Kind mehr schrie als die anderen Kinder, bemerkten die Eltern, dass es mit diesem Kind etwas Merkw├╝rdiges auf sich hat. Als Elias nach einem Sturz im Wald zu einem Wunderkind mutierte, bekam er gelbe Pupillen und eine sehr dunkle und tiefe Stimme. Er konnte die Frequenzen der Tiere und imitieren. Als man ihn nachts im Schnee fand, fielen s├Ąmtlichen Leuten die au├čergew├Âhnliche Stimme auf. Elias wurde seitdem im Hausgaden eingesperrt, weil man glaubte, der Junge h├Ątte etwas ansteckendes. Keiner beachtete ihn, au├čer Peter. Er blieb ├Âfter am Fenster stehen und schaute hinauf zu Elias. Zwei Winter blieb Elias im Gaden eingesperrt. An einem Aprilvormittag um 1808 vernahm Elias zum ersten Mal Elisabeths Herzschlag. Und seine Liebe zu ihr begann. In seinem zehnten Lebensjahr bringt er sich selbst das Orgelspielen bei, indem er ├Âfter heimlich an der Kirchenorgel ├╝bte. Als eines Abends ein Feuer im Dorf ausbrach, rettete er ihr zum ersten Mal das Leben seiner geliebten Elsbeth. Als das M├Ądchen 13 Jahre alt geworden war, unternahm Elias mit ihr kleine Ausfl├╝ge zu dem wassergeschliffenen Stein im Wald. Auch Elias fiel der kleinen Elsbeth auf. Aber keiner von beiden wagte sich den ersten Schritt zu tun. Als Elisabeth erwachsen geworden war, ehelichte sie den Lukas Alder. Elias wurde auf die Hochzeit eingeladen. Von diesem Tag an wollte er sterben. Er rannte zur Kirche und schrie Gott aus vollem Halse an. An diesem Tag verschwanden seine gelben Pupillen und wurden wieder gr├╝n. Von da an war Elias nicht mehr in der Lage zu lieben. Nachdem er von einem anderen Musiker entdeckt worden war, sollte er sich an einem Orgelwettbewerb in Feldberg beteiligen. Nachdem er diesen Wettbewerb gewann, ging er mit seinem Freund Peter zum wassergeschliffenen Stein, plante und beging Selbstmord. Er starb nach einer Woche Schlafentzug der vor allen Dingen auf den Genuss von Tollkirschen zur├╝ckzuf├╝hren.

2. STILISTIK

    Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung des Werkes in gesamt:
Der Roman "Schlafes Bruder", spielt am Anfang des 18. Jahrhunderts. Von daher liegt es nahe, dass Robert Schneider den Roman auch in einer angemessenen Sprache schrieb. An einigen Stellen findet man altdeutsche bzw. in der heutigen Zeit nicht mehr gebrauchte W├Ârter wie z.B.: "Nulf Alder kam unzeitig, faustete sich durch die Menge(...)"*1, oder "Ist das wirklich mein Bub?"*2
Der Roman beinhaltet eine Kunstsprache, " die gar nicht existiert, die auch nirgendwo gesprochen wird, n├Ąmlich ein Zusammenf├╝hren aus der Lutherischen Sprache mit Dialektmischungen aus der Gegend, wo ich herkomme". (Schneider in einem Rundfunkgespr├Ąch mit Eduard Hoffmann // Deutsche Welle, 13.1.1993). Der Erz├Ąhler wei├č immer genau wer, wann und warum etwas indem dem Roman macht. Er kommentiert, wertet und spricht mit dem Leser. Er gebraucht dabei einen exakt begrifflich Sprachstil f├╝r T├Ątigkeiten, Eigenschaften, und Regungen. An manchen Stellen wechselt Schneider vom Pr├Ąteritum ins Pr├Ąsens, besonders an wichtigen Stellen (z.B. SB S.68). Das zentrale Schl├╝sselwort oder Leitmotiv hei├čt: "Herz". Zuerst h├Ârt Elias das "weiche Herzschlagen eines ungeborenen Kindes"(SB 38). Oder,: "Das Wesen seines Herzens" ist "gut"(SB 53).

    Die detaillierte sprachlich Analyse einer typischen Passage:

Man k├Ânnte sagen, dass der Roman "Schlafes Bruder" zwei Hauptschl├╝sselszenen beinhaltet, die von Handlung und Wortwahl besonders auffallen. Einmal jene, in der Elias zu einem Wunderkind mutiert und welche in der er sich von Gott abgewendet hat, nachdem Elsbeth Lukas Alder heiratete. In der ersten Schl├╝sselszene wird in besonders dramatischer Weise dargestellt, wie Elias Alder zum Wunderkind mutiert. Es wird beschrieben, wie Elias zu Boden st├╝rzt und ihm eine Mischung aus Urin und Blut aus den Genitalien entlang der Leistenbeugen l├Ąuft, was an ein Geburtserlebnis erinnert, denn von da an, war er kein gew├Âhnliches Kind mehr. Er hatte nun die " Anlagen" f├╝r sein zuk├╝nftiges Schicksal bekommen.
In der zweiten Schl├╝sselszene werden in zuerst scheinbarer Logik die Vorw├╝rfe von Elias an Gott geschildert: "Gott wo in meinem Leben bist Du??!!" brach es aus seinem Mund und schrie es immerfort, und immerfort schrie es diese Frage. Und als er sich heiser geschrien hatte, b├Ąumten sich die Finger seiner H├Ąnde auf, verbissen sich ineinander zu einer pervertierten Geste des Gebets. Er fiel nieder auf die Knie, und erst jetzt vermochte er ruhiger zu sprechen.
"Gro├čer und starker Gott", hub er mit entz├╝ndender Stimme an, "Du Sch├Âpfer aller Menschen der Tiere, der Welt und aller Sterne. Warum hast Du mich, den Johannes Elias Alder geschaffen? Hei├čt es nicht in der Schrift, dass Du vollkommen bist? Wenn Du aber vollkommen bist und gut, warum musstest Du das Elend, die S├╝nde und den Schmerz erschaffen? Warum weidest Du Dich an meiner Trauer, an der Missgeburt meiner Augen, am Kummer meiner Liebe?"
Sein Blick verhing sich am perlenbesetzten T├╝rchen des Tabernakels. "Warum dem├╝tigst Du mich? Hast Du mich nicht nach Deinem Ebenbild geschaffen? Also dem├╝tigst Du Dich selbst, Du Ungott !!"
Er schlug die Augen zu Boden. "Ich habe nichts mehr zu verlieren, und was ich verloren, habe ich nie besessen. Und doch hast Du mir etwas in die Seele gehaucht, das mich wie das Paradies d├╝nkte. Du hast mich vergiftet. Warum, Du gro├čer, m├Ąchtiger und allwissender Gott, warum kann es Dir gefallen, mir das Gl├╝ck meines Lebens zu verweigern? Bist Du nicht ein Gott der Liebe? Weshalb also, l├Ąsst Du mich nicht lieben? Weshalb musste sich mein Herz f├╝r Elsbeth entz├╝nden? Meinst Du etwa, ich h├Ątte mich aus eigenem Willen f├╝r Elsbeth entschieden? Du warst es, der mich zu ihr hingef├╝hrt hat. Also habe ich gehorcht, denn ich meinte, es sei Dein Wille. Du gewaltiger Gott! Wie? Kannst Du Dich an meinem Irrgehen erg├Âtzen?"
In seinen Augen kam wieder der Glanz b├Âser Wut. Er erhob sich vom Boden, ging n├Ąher zum Tabernakel und abermals an zu schreien. Den Schmerz in seiner Seele versp├╝rte er nicht.
"Ich bin gekommen, Dich zu verfluchen!! Ich bin gekommen, mit Dir ein Ende zu machen!! Du bist kein liebender Gott!! Die Liebe allein war Dir zu wenig!! Du musstest den Hass erschaffen, Du musstest das B├Âse zeugen!! Oder hast Du den Engel Luzifer nicht erschaffen?! Du hast den Keim des B├Âsen in ihn gelegt!! Der Engel musste st├╝rzen, weil es Dein ewiger Plan war!!"
"Also", sagte er mit abgr├╝ndiger Verachtung, "h├Âre, was ich Dir nun zu sagen habe", und beugte sich nahe zur T├╝r des Schreines, "wenn Du in Deiner gro├čen Herrlichkeit uns Menschen den freien Willen gegeben hast", fl├╝sterte er, "dann will ich Johannes Elias Alder, von dieser Freiheit kosten. Wisse, dass ich mein Ungl├╝ck nicht annehmen werde. Wisse, dass ich nicht aufh├Âren werde Elsbeth zu lieben. Wisse, dass ich mich gegen Deine F├╝gungen stelle. Wisse, dass Du mir keine gr├Â├čeren Schmerzen mehr zuf├╝gen kannst, als Du mir zugef├╝gt hast. Von nun an soll Deine Macht nicht mehr in mir wirken.
Und wenn ich, Johannes Elias Alder, untergehe, so ist es mein Wille, nicht Dein Wille!"*3
Aus den unz├Ąhligen Parataxen kann man die Verzweiflung des Elias versp├╝ren. Der Autor reiht hier mehrere Imperative hintereinander und verkn├╝pft sie mit ideologischen Zusammenh├Ąngen. Man k├Ânnte im gro├čen und ganzen sagen, dass mehrere Passagen aus dem Roman, aber besonders die hier erw├Ąhnten, etwas gewisses Kafkaeskes haben; auch hier scheitert eine Person an den von sich aus geglaubten religi├Âsen Gegebenheiten.

    Die Frage nach der Angemessenheit der sprachlichen Mittel ( gemessen an der Thematik/ Inhalt)

Gemessen am Inhalt w├╝rde ich schon sagen, dass die Sprache mit ihren Umst├Ąnden zur Thematik passt, denn wie schon in der Analyse geschrieben, erinnern einige Textstellen an die Kurzgeschichten von Kafka. Die W├Ârter der Beschreibung von der Mutation passen genau zu seinen Lebensumst├Ąnden, denn die Nichterf├╝llung Elias' gro├čer Liebe war nicht der einzigste Schicksalsschlag in seinem Leben. Andererseits kann man sich durch die unbesch├Ânigten Textstellen besser das Geschehen vorstellen. Man kann sich seine Wut die er vor Gott zeigt fast nachempfinden. Es sind die Worte eines wirklich stark verzweifeltem Menschen, was Robert Schneider in diesem Roman gut gelungen ist darzustellen.

Zitatenachweis:
*1= Schlafes Bruder: S.73
*2= Schlafes Bruder : S. 116
*3= Schlafes Bruder : S. 143ff.

3. BIOGRAPHISCHE BEZ├ťGE

    Die Biographie von Robert Schneider Die Stellung des Werkes in der Vita von Robert Schneider

Robert Schneider wurde 1961 in Bregenz (├ľsterreich) geboren, wuchs als Adoptivkind in einem Bergdorf mit 57 Einwohnern in Vorarlberg auf. Sein Vater war Landwirt. Nach seinem Abitur, dass er 1981 am Bundesgymnasium Feldkirsch ablegte, studierte er bis 1986 in Wien Komposition, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Nachdem er sein Studium abbrach, zog er aus freien St├╝cken wieder in sein Heimatdorf Meschach zur├╝ck, wo er seinen ersten Roman "Schlafes Bruder" schrieb. 1990 absolvierte er ein amerikanisches Privatstipendium, den sogenannten Abraham - Woursell - Award, zur F├Ârderung junger europ├Ąischer Autoren. Im gleichen Jahr erhielt er den Filmdrehbuchpreis des ORF f├╝r sein Drehbuch: "Die Harmonien des Carlo Gesualdo". Au├čerdem den Landespreis f├╝r Volkstheaterst├╝cke des Landes Baden - W├╝rttemberg f├╝r sein St├╝ck : "Traum und Trauer des jungen H.
(Urauff├╝hrung am 20.11.1993 im Schauspielhaus in Hannover).
Nachdem Schneider den Roman "Schlafes Bruder" fertig geschrieben hatte, bewarb er sich bei 21 Verlagen, die jedoch alle seinen Roman ablehnten. Als "Hochtrabend", empfanden die Lektoren die Erz├Ąhlweise, ├╝bertrieben den Ton, ma├člos und unheimlich den Reigen aus Metamorphosen. Als der junge Autor schon alle Hoffnungen aufgegeben hat, meldet sich Reclam Leipzig bei ihm und fragt an, ob das Manuskript (das man seit einem halben Jahr im Verlag liegen hat) inzwischen vergeben sei. Thorsten Ahrend, der Lektor, trifft sich mit Schneider in Vorarlberg, sie erklimmen gemeinsam manche Felsen, liefen durch das besagte Bachbett.
1992 erschien im Herbst die mit 4000 Exemplaren vorsichtig kalkulierte Erstauflage. Bald darauf ├╝berschlugen sich die Kritiker und das Buch war auf dem besten Wege ein Bestseller zu werden. Bis Ende 1995 erreichte die im August' 94 erschienene Taschenbuchausgabe 14 Auflagen und einen Absatz von ├╝ber 600.000 Exemplaren. Das Hardcover wurde, in acht Auflagen, etwa 100.000mal verkauft, und die im August' 95 nachgeschobene Liebhaberausgabe im Schuber ging mehr als 10.000 - mal ├╝ber den Ladentisch.
1993 erscheint ebenfalls im Reclam Verlag sein Theaterst├╝ck "Dreck". "Dreck" ist der Monolog eines Mannes aus Basoa, der auf den Stra├čen einer deutschen Stadt Rosen verkauft. Die Urauff├╝hrung fand am 10.1. im Thalia Theater in Hamburg statt. Der dramatische Monolog wird zum meistgespielten Theaterst├╝ck in der Saison (mehr als 30 Inszenierungen). Noch im gleichen Jahr wurde der Roman "Schlafes Bruder" in einigen skandinavischen L├Ąndern ├╝bersetzt und als Ballett im Pfalztheater Kaiserslautern aufgef├╝hrt.
1994 erhielt Schneider den Literaturpreis der Salzburger Osterfestspiele. Prix M├ędicis Etranger(Frankreich).
1995 Marieluise - Flie├čer - Preis der Stadt Ingoldstadt.
Premio Itas del Libro di Montagna (Italien).
Premio Grinzane Cavour (Italien).
Verfilmung des Romans "Schlafes Bruder" durch Joseph Vilsmaiers.
Von seinem Privatleben aus seiner Jugend berichtet Schneider, dass er zu Hause weder Musik noch B├╝cher gehabt hatte. Er h├Ârte nur den Dorforganisten, der aber abscheulich spielte. Au├čerdem w├╝rde es in Vorarlberg hei├čen, dass sie nicht sagen k├Ânnen: "Ich liebe Dich".
Schneiders Mutter starb, als das Buch erschien, jenes er innerhalb von sechs Monaten fertig schrieb. Sein Adoptivvater wollte das Buch nicht weiter lesen, weil er sich wieder erkannte.
Robert Schneider lebt momentan ledig. Als seine Hobby gibt er Motorcrossing an.
Adresse: Robert Schneider, Maschach 7, A - 6840 G├Âtzis/Vorarlberg// Tel.:5523/2445
Quelle: Stadtbibliothek Neuss

    BEWERTUNGEN

    Die Bedeutung der Inhalte f├╝r das Lesepublikum: Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall oder wird mit dem Besonderen ( Individuellen ) auch Allgemeines Gesellschaftliches erfasst ?
4.1.2. Gelingt ├╝ber die gew├Ąhlten Inhalte die Kontaktaufnahme zum Leser ?
Der Inhalt des Romans "Schlafes Bruder" ist die Wiederverarbeitung der Thematik von der unerf├╝llten Liebe. Dieses Thema wurde von Schriftstellern wie Friedrich Schiller (Kabale und Liebe), Gottfried Keller (Romeo und Julia auf dem Dorfe), Gotthold Ephriam Lessing ( Nathan der Weise) und noch vielen anderen behandelt. Im entferntesten Sinne auch von Kafka, wenn man die biographischen Aspekte betrachtet (Angespielt ist hier die Vater - Sohn - Beziehung). Die alte Melodie, der Dorfgeschichte, sind Bruchst├╝cke von seinem verstorbenen Landsmann Franz Michael Felder (1839 - 1869),dem Oskar Matzerath des G├╝nter Grass ("Die Blechtrommel") und dem Grenouille des Patrick S├╝sskind.
Das Thema Liebe ist au├čerdem ein Thema, mit dem jeder irgendwann einmal konfrontiert wird. In Romanen, Dramen oder Trag├Âdien werden solche Themen meist extrem aus der Sicht einer oder mehreren Personen geschildert, die aber ganz Allt├Ąglich sind. In dem Trauerspiel "Kabale und Liebe" sind es die Adligen, die von der Thematik betroffen sind. In "Kabale und Liebe" verliebt sich der aus gutem Hause kommende Ferdinand in die aus ├Ąrmeren Verh├Ąltnis kommende Luise. Da sie ihre Liebe wegen den damalig herrschenden gesellschaftlichen Normen nicht ausleben konnten, kam es zur Trag├Âdie mit Todesfolge. ├ähnlich wie in dem Roman "Schlafes Bruder", wo Elias' geliebte Elsbeth auf Wunsch ihres Bruders einen anderen heiratete. Das hatte auf das Individuum Elias Alder eine so gro├če Wirkung erzielt, dass er beschloss Selbstmord zu begehen. Selbst im realen Leben kann man wird in den Medien h├Ąufig dar├╝ber berichtet, dass sich jemand aus Liebeskummer umgebracht hat, oder den Ex - Partner gleich mit.

    Die Bedeutung der Stilistik f├╝r die Rezipienten: "lesbar" oder nicht?

Im gro├čen und ganzen ist der Roman gut zu lesen. Es kommen zwar hin und wieder Fremdw├Ârter vor, bei denen man schon mal nachbl├Ąttern muss, aber der Text ist fl├╝ssig geschrieben, Orts - und Zeitangaben gliedern sich eindeutig. Er ist vom chronologischen Ablauf gut zu erfassen. Man braucht keine gro├čartigen Hilfestellungen, um den Roman zumindest oberfl├Ąchlich zu begreifen. Man kann sich auch an manchen Stellen genau in die Szene hineindenken, da der Autor mit passenden Worten die inneren und ├Ąu├čeren Vorg├Ąnge genau darstellt und unmissverst├Ąndlich zu erkennen gibt, wo seine Handlung hinf├╝hrt.

    SKIZZE EINES PRODUKTORIENTIERTEN INTERPRETATIONSANSATZES

Die Geschichte des Elias Alder, l├Ąsst sich als reine Liebesgeschichte bzw. als reine Erz├Ąhlung ├╝ber ein Genie oder ├╝ber das beschwerliche und engstirnige b├Ąuerliche Leben im alten ├ľsterreich auffassen. Das fremde Aussehen macht Elias zum Au├čenseiter im Dorf, das sich nur durch Spott, Neid und Eigennutz der Gemeinschaft f├╝gt. Auch Peters Verhalten ist nicht untypisch f├╝r das Eschberger Dorfleben. Der Roman "Schlafes Bruder" spielt auch auf romantische Traditionen an, ob in Form von k├╝nstlerischen Themen wie das Musikgenie, oder in Naturbildern. Da das Wort "Herz" an vielen Stellen im Roman auftaucht, hei├čt das Erkennungswort "Sturm und Drang", denn das Schl├╝sselwort des St├╝rmers und Dr├Ąngers ist das Herz. Egal an welcher Textstelle man das Buch aufschl├Ągt, appelliert Elias an sein Herz, l├Ąsst es sprechen und schlie├člich zerbrechen. Es gibt deshalb viele Verkn├╝pfungen zu "Die Leiden des jungen Werther". Elias’ "Herz" ├Ąu├čert sich unberechenbar: Seine (Gef├╝hls - )Regungen sind nicht zu steuern. Er wird von allem, was sein Herz von ihm einfordert, mitgerissen, sei es das Verliebtsein oder der Drang zu sterben.
Elias’ Leidensweg weist au├čerdem viele Parallelen zu dem von Jesus hin. Der Roman spielt von der ersten bis zur letzten Seite an die Auferstehung von Jesus Christus an. Die Textstelle,: "Er sei nicht wiedergekommen, wiewohl man ├╝berall nach ihm gesucht habe. Sie glaube aber, dass er noch am Leben sei,"(SB 204)erinnert an den Ostermontag, als Maria Magdalena am Grab Jesu den Stein nicht mehr vorfindet. In sexueller Hinsicht hatten Elias Alder und Jesus ebenfalls Gemeinsamkeiten. Elias ist ein Ver├Ąchter der Fleischeslust: "Er wollte ihr zeigen, dass die wahre Liebe nicht das Fleisch sucht, sondern sich ganz an die Seele verschenkt"(SB 108).
Elias’ Liebe zu Elsbeth bleibt unerf├╝llt, nur weil er es sich nie wagte, ihr diese Liebe zu gestehen. "Niemals h├Ątte ein Alder einem Menschen anvertraut, dass er ihn lieb habe. Alles musste ohne Worte geschehen, und wenn, nur in Andeutungen und Halbheiten. Sprachlos waren diese Menschen, ja sprachlos bis in den Tod", hei├čt es im Text, was wiederum Parallelen zu Schneiders Biographie ziehen l├Ąsst.
Der Roman umfasst das 19. Jahrhundert. In dieser Zeit hatte die literarische Gattung der Dorfgeschichte das h├Âchste Ansehen und die breiteste Wirkung erreicht. Nicht nur im deutschen Sprachraum wird in der ersten H├Ąlfte des 19. Jahrhunderts eine regionale und soziale Epik dargestellt, die sich mit d├Ârflichen Lebensformen besch├Ąftigt. Die Ursachen waren u.a. die langsam beginnende Ver├Ąnderung der Lebensverh├Ąltnisse durch Industrialisierung und Abl├Âsung alter Werte und Normen und das gesteigerte Interesse f├╝r die Landwirtschaft, der Bauern und vor allem das der liberalen National├Âkonomen. Die Dorfgeschichte hatte auch eine p├Ądagogische Funktion, ihr Ziel war es u.a. das Volk durch Bildung auf den Weg zur M├╝ndigkeit zu bringen.

6. ZUSAMMENFASSENDE DARSTELLUNG DER REZEPTIONSGESCHICHTE

Nachdem der Roman "Schlafes Bruder" von einigen Lektoren abgelehnt wurde, kam er Dank des Lektors Thorsten Ahrend im Herbst 1992 in Druck. Kaum war das Buch erschienen, ├╝berschlug sich die Kritik.
Wer sp├╝rte nicht den "Atem des Erz├Ąhlers"[1], ahnte nicht die "au├čergew├Âhnliche Begabung"[2], r├╝hmte nicht die "stilistisch sehr ambitionierte Prosa"[3], "trotz einer anderen Stilgeb├Ąrde"[4], des "├Âsterreichischen Mitb├╝rgers"[5]. Die Rezensenten waren mit Schneider begnadete Nacherz├Ąhler. Sie lobten ihn wegen seiner Sprache. In k├╝rze ist der Roman in 16 Sprachen ├╝bersetzt. Im August sind allein in Deutschland 270.000 Exemplare verkauft worden. Joseph Vilsmaier und Robert Schneider arbeiten fort an der Verfilmung des Romans. Im September 1995 war in Vorarlberg die Filmpremiere.
Momentan ist der Roman bald in 20 Sprachen ├╝bersetzt; weitere Fremdsprachige Ausgaben sind in Vorbereitung.
In Schweden ist die ├ťbersetzung S├Âmnens broder (Schlafes Bruder) identisch mit dem deutschen Titel des Romans. Mit viel Ehrfurcht wird die musikalische Grundlage bewertet: "Man m├╝sste vielleicht ausgebildeter Organist oder Komponist sein, um alle Nuancen mitzubekommen(...)"[6]. Die Musik habe in dem Roman eine Doppelfunktion, denn sie veranschauliche das Leben von Elias und sei zugleich sein Schicksal. Das Leiden des Protagonisten aufgrund seiner unerf├╝llten Liebe w├╝rde in eine bewegende Auff├╝hrung vor sachlicher Jury und ├ľffentlichkeit transzendiert werden, schreibt Synn├Âve Clason im "Svenska Dagbladet"[7]. Gemeint ist damit der Orgelvortrag von Elias. Mikael Ankarvik vergleicht das Kapitel "Das Orgelfest"(SB 168 ff.) mit Mozarts Erfolg in Prag im Jahre 1787. Ankarvik lobt die Virtuosit├Ąt des Autors, "voll von sprachlicher Musikalit├Ąt und Tiefe"[8].
Marcel Schneider, ein Rezensent von "Le Figaro", lobt Schneiders Erz├Ąhlkunst, sie sei von grauen vollem Barock, aufgewirbelt durch den Zauber der Phantasie; in diesem Zusammenhang wird auch die exakte ├ťbersetzung des Romans von Claude Porcell besonders hervorgehoben[9].
Die italienische Rezensentin Elena Agazzi kritisiert, dass die gro├če Liebe so tragisch enden muss. Dass die Sehnsucht keine Erf├╝llung findet, ist eine Sache, aber dass gleich der Tod folgt, empfindet sie als eine dem Leben zu pessimistische Haltung gegen├╝ber dem Leben[10].

7.ZUSAMMENFASSENDES URTEIL ("LESEEMPFEHLUNG")

Der Roman "Schlafes Bruder" hat mir wirklich gut gefallen.
Zuerst dachte ich, das Buch w├Ąre langweilig, aber nach den ersten 15 bis 20 Seiten hat mir die Geschichte von der Idee und vom unkonventionellen Stil gefallen. Man kann sich gut in Personen und Situationen hineindenken bzw. hineinversetzten. Der Geschichtsablauf wirkt nach einer Zeit so dramatisch auf einen ein, dass man mit Elias zum Schluss nur noch Mitleid empfinden kann. Der Roman ist ein Leckerbissen f├╝r jeden St├╝rmer - und - Dr├Ąnger - Liebhaber/ - in, die/der gerne eine st├╝rmische "Lovestory" lie├čt.

[1] Thomas Rietzschel in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.9.1992
[2] Herbert Ohrlinger in: Die Presse, 22.8.1992
[3] Thomas E. Schmidt in: Frankfurter Rundschau, 10.10.1992
[4] Beatrice von Matt in: Neue Z├╝rcher Zeitung, 20.10.1992
[5] G├╝nther Drommer in: Wochenpost, 1.10.1992
[6] ├ťbersetzung aus der Rezension von Clas Thor: V├Ąrlden som undflyende k├Ąrlek och hoppl├Âst hopp. In: Nerikes
Allehande - Nerikes, 11.9.1993
[7] Synn├Âve Clason: Snillet som gava - och plagoris. In: Svenska Dagbladet, 1.3.1994
[8] ├ťbers. aus der Rezension von Mikael Ankarvik: om att(...). In: Norra Skane, 12.7.1993
[9] Marcel Schneider: Robert Schneider: Un conte de la folie exemplaire. In: Le Figaro, 8.4.1994
[10] Elena Agazzi: Bach, la mia voce di dentro. In: Il Giorno, 21.6.1994

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