Vom Rokoko-Stil zum Sturm und Drang

Vom Rokoko - Stil zum Sturm und Drang.
Vergleichende Untersuchungen zur Liebeslyrik Goethes
aus dem Zeitraum 1765 - 1775

Birgit Dellwisch
G L I E D E R U N G
    Anmerkung Goethes Lebenslauf Goethes Stilwandel vom Rokoko zum Sturm und Drang Kurze Darstellung der Liebesbeziehungen Goethes in der Zeit von 1865 - 1875:
    KÀthchen Schönkopf Friederike Brion Charlotte Buff und Lili Schönemann
    Betrachtung der Liebeslyrik Goethes in der Zeit von 1865 - 1875 anhand der Interpretationen dreier Gedichte:
    "An den Mond" "Rettung" "Maifest"
    Vergleich der drei Gedichte in Bezug auf Merkmale des Rokoko und des Sturm und Drang Literaturverzeichnis

1. A N M E R K U N G
    Bei der Arbeit an dieser Semesterarbeit ist mir ein Fehler unterlaufen. Leider vergaß ich vor der BĂŒcherrĂŒckgabe an die Bibliothek, mir die genauen Literaturangaben aufzuschreiben, so dass ich im Literaturverzeichnis bei den meisten BĂŒchern nur Titel und Verfasser angeben konnte. Die Darstellung der LiebesverhĂ€ltnisse von Goethe zu Charlotte Buff und Lili Schönemann habe ich zusĂ€tzlich aufgenommen, um einen tieferen Einblick in Goethes LiebesverhĂ€ltnisse zu vermitteln.
Viel Spaß beim Lesen!
2. GOETHES LEBENSLAUF
1749
Johann Wolfgang v. Goethe wird am 28.August in Frankfurt am Main als Sohn des Kaiserlichen Rates Dr.jur. Johann Caspar Goethe und der Elisabeth Dextor, Tochter des BĂŒrgermeisters von Frankfurt geboren.
1765
Goethe studiert bis August 1768 Rechtswissenschaften in Leipzig. Hier verliebt er sich in KÀthchen Schönkopf.
1768
Eine schwere Erkrankung veranlasst Goethes Abreise von Leipzig nach Frankfurt, wo er bis 1770 krank ist. In dieser Zeit lernt er Susanna Katharina von Klettenberg kennen.
1770
Bis August 1771 studiert Goethe in Straßburg. Im Oktober erfolgt sein erster Besuch in Sesenheim, wo er Friederike Brion kennenlernt. Die aus der Liebe zu ihr erwachsenen Gedichte bezeichnen den Durchbruch Goethes zur Erlebnisdichtung.
1771
Ende August wird Goethe als Rechtsanwalt beim Frankfurter Schaffengericht zugelassen.
1772
Goethe ist auf Betreiben des Vaters als Referendar am Reichskammergericht in Wetzlar tĂ€tig, wo er sich mit Charlotte Buff und ihrem Verlobten, dem Hofrat Kestner, anfreundet. Im Herbst ĂŒberraschende, fĂŒr alle Bekannten befremdliche plötzliche Abreise aus Wetzlar nach Frankfurt.
1775
Die Verlobung mit der Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann wird im September wieder gelöst. Goethe nimmt die Einladung des Herzogs Karl August, nach Weimar zu kommen, an.
1776
- 85
Goethe ĂŒbernimmt in Weimar staatspolitische TĂ€tigkeiten und wird in den Adelsstand erhoben. Er schließt Freundschaft mit Charlotte von Stein und wendet sich naturwissenschaftlichen Studien zu.
1786
- 88
Goethe reist nach Italien, als "Flucht" aus der Weimarer TĂ€tigkeit.
1788
Am 18.Juni kehrt Goethe nach Weimar zurĂŒck. Hier schloß er eine freie, 1806 legitimierte Ehe mit Christiane Vulpius, die ihm fĂŒnf Kinder schenkte, von denen jedoch nur das Ă€lteste (August Goethe) am Leben blieb. Goethe entsagt seinen StaatsĂ€mtern und behĂ€lt nur noch die Oberaufsicht ĂŒber die wissenschaftlicher Institute. Am 7. September trifft Goethe das erste Mal mit Schiller zusammen. Goethes zurĂŒckgestaute dichterische Kraft wurde durch diese Verbindung neu wirksam. Es wurde seine fruchtbarste Zeit.
1814
- 15
Die Rhein - und Mainfahrten schenkten Goethe das Liebeserlebnis mit Marianne von Willemer. Es wurde bedeutend fĂŒr den "West - östlichen Divan" (1819), mit dem er die Welt des Ostens in sein Werk aufnahm.
1816
Am 6. Juni stirbt Goethes Frau Christiane
1817
Entbindung Goethes von der Leitung des Hoftheaters am 13. April. Im Oktober wird Goethe mit der Aufsicht ĂŒber die Vereinigung der Bibliotheken in Jena beauftragt.
1823
Im Oktober erkrankte Goethe schwer an Krampfhusten.
1830
Am 10. November erhÀlt Goethe die Nachricht vom Tode seines Sohnes und erleidet Ende November einen Blutsturz.
1832
Letzte Erkrankung Goethes am 16. MĂ€rz. Tod Goethes am 22. MĂ€rz.
3. Goethes Stilwandel vom Rokoko zum Sturm und Drang
Aus der Zeit der Anakreontik sind drei handschriftliche Gedichtsammlungen Goethes erhalten:
    19 Gedichte unter dem Titel "Annette", "Oden an meinen Freund", "Lieder mit Melodien".
Der FrĂŒhstil jedes KĂŒnstlers zeigt, dass jeder die kĂŒnstlerische Sprache erlernen muss. Goethe begann im Stil der Anakreontik. Die Ordnungen des Barocks wurden aufgehoben, geblieben ist nur das Rationale und Artistische dieser Epoche. Dichten bedeutete jedoch immer noch, ĂŒberlieferte Motive geschickt neu zu formen. Die von Goethe vorgefundene deutsche AufklĂ€rungsliteratur mit ihrer nĂŒchternen und rationalen Betrachtungsweise war fĂŒr lyrische Dichtungen kein guter (NĂ€hr - )boden. Der Geist der Rokokogesellschaft war geprĂ€gt zum einen durch die OberflĂ€chlichkeit des Gehalts, zum andern durch die geistvolle RationalitĂ€t der Form. Es ist das Formprinzip des "Witzes", spielerisch, gewollt, klar, ĂŒberraschend, pointiert, analysierbar, unpersönlich.
Johann Wilhelm Ludwig Gleim, ein Hauptvertreter der Anakreontik, schreibt 1744 in der Vorrede seiner "Scherzhaften Lieder": "Schließt niemals aus den Schriften der Dichter auf die Sitten derselben... Denn sie schreiben nur, ihren Witz zu zeigen, und sollten sie auch dadurch ihre Tugend in Verdacht setzen. Sie charakterisieren sich nicht, wie sie sind, sondern wie die Art ihrer Gedichte erfordert..." Alles bleibt in der SphĂ€re des Literarischen und wird in dieser geschaffen und aufgenommen. Diese Dichtung wird heute Anakreontik genannt. Beispielsweise wird eine erotische Situation nur kurz ausgemalt und endet mit einer witzigen Wendung. Es zielt alles auf eine Schlußpointe hin. Um ĂŒberhaupt dichten zu können, nahm Goethe diesen Stil auf, und wĂ€hrend er dichtete, ĂŒberwand er ihn. Das Buch "Annette" lĂ€sst noch keine Überwindung der Anakreontik erkennen. Die Überwindung der Kunst des Witzes wird zuerst deutlich im Bereich des Privaten und Subjektiven, vor allem in den WĂ€rme, Stimmung und Innigkeit ausstrahlenden Briefen Goethes. Hier wird Liebe nicht als Spielerei aufgefaßt, aber die Briefe waren ja nur Mitteilungen von Tatsachen. Goethes Briefprosa dagegen, mit ihrer Stimmung und AtmosphĂ€re weist voraus auf die wirklichkeitsnahe Bekenntniskunst, die leidenschaftliche Sprache des Sturm und Drang.
Erst in Straßburg, der nĂ€chsten Schaffensperiode der Lyrik Goethes, gelang ihm der Durchbruch des neuen Stils.
Ende MĂ€rz 1770 kam Goethe nach Straßburg. Im Oktober lernte er Friederike Brion in Sesenheim, einem Ort nahe Straßburg, kennen. Seine tiefe Liebe zu ihr bewegte ihn dazu, sich auszusprechen, aber er bedurfte einer anderen, nicht der gĂ€ngigen Sprache. In dieser Zeit lernte er Herder kennen, dessen neue Kunsttheorie gerade das forderte, was Goethe suchte: NatĂŒrlichkeit, Einfachheit, GefĂŒhl, Ausdruckskraft, Symbol.
Nun ĂŒberwand Goethe das letzte StĂŒck, welches ihn von der neuen Kunst noch getrennt hatte, und schuf seine ersten großen Gedichte des neuen Stils. Durch den "Goetz von Berlichingen", der Goethe Rang und Namen einbrachte, gab er dem deutschen Sturm und Drang von vornherein entscheidende ZĂŒge. Der bedeutendste Lyriker der damaligen Jugend wurde er durch die "Sesenheimer Lieder".
Die strahlende und beglĂŒckte Liebe zu Friederike, die nicht wie die in Leipzig zu KĂ€thchen Schönkopf eine quĂ€lende Liebe war, eröffnete in ihm einen neuen Sinn fĂŒr die Natur. Goethe findet nun Töne, um das Jungsein zum Klang werden zu lassen.
Der Sturm und Drang war eine Jugendbewegung. Das ganze Rokoko dagegen war höfisch - galante SpĂ€tzeit, geformt von Gesellschaftskreisen, in denen Menschen reiferen Alters den Ton angaben und die Jugendlichen in ihre Formen zwangen. So war die Sprache der Rokoko - Dichtung nicht gewillt und nicht imstande, Jugend darzustellen. Einzelheiten in Wortwahl und Motiven bleiben zunĂ€chst noch in der Anakreontik verhaftet, wie z.B. "kleine KrĂ€nzchen"und "kleine StrĂ€ußchen", "Zephir" und "gemaltes Band".
Der Übergang von der Anakreontik zum Volkslied war ein Wechsel von einem Extrem ins andere. Dort Aufbau auf eine Pointe hin, hier gefĂŒhlsmĂ€ĂŸige Reihung; dort Bewußtsein und Literatur, hier Stimmung und Gesang; dort Galanterie und Begehrlichkeit, hier Liebe und Innigkeit; dort die Beziehung auf eine begrenzte Gesellschaftsschicht, hier auf breite Kreise vor allem schlicht empfindender Menschen.
Seit dem FrĂŒhbarock war das Volkslied aus dem Gesichtskreis der deutschen Schriftsteller ausgeschieden. Die alte Verbindung wurde wieder hergestellt durch Herder als Theoretiker und Goethe als Dichter.
4. DARSTELLUNG DER LIEBESBEZIEHUNGEN GOETHES IN DER ZEIT VON 1765 BIS 1775
4.1. KÀthchen Schönkopf
Zur Zeit der Herbstmesse 1765 traf Goethe, erst 16 Jahre alt, in Leipzig ein, um dort dem Willen seines Vaters gemĂ€ĂŸ Jurisprudenz zu studieren. Die Vorlesungen gewĂ€hrten ihm keine Befriedigung. Sein Leben erhielt erst einen fröhlichen Anstrich, als er die Tochter des Weinwirts Schönkopf, Anna Maria Schönkopf, genannt KĂ€thchen, kennenlernte. Sie erwiderte bald Goethes glĂŒhende Liebe, so dass er einen großen Teil des Tages bei ihr verbrachte. Goethe schrieb in jener Zeit an einen Freund: "Ich liebe ein MĂ€dchen ohne Stand und Vermögen, aber ich fĂŒhle zum ersten Mal in meinem Leben das GlĂŒck, welches wahre Liebe bereitet."
Dieses LiebesverhĂ€ltnis wurde jedoch nicht nur durch Ă€ußere Mißlichkeiten und Bedenken gestört (Goethe gehörte nĂ€mlich einem höheren Stand an, und eine Heirat war von daher undenklich), sondern vor allem durch Goethe, der bald förmlich eine Freude daran zu haben schien, das MĂ€dchen zu quĂ€len. Er war eigensinnig, herrschsĂŒchtig, launenhaft, und seine unsinnige Eifersucht marterte die Geliebte mit grundlosem Verdacht.
Er bereute spĂ€ter immer wieder sein Verhalten und kehrte voll Reue zu ihr zurĂŒck. Aber die Geduld KĂ€thchens ging zu Ende, und sie wendete sich von ihm ab. Das zĂŒgellose Leben, das Goethe nun fĂŒhrte, ließ ihn in eine schwere gefĂ€hrliche Krankheit verfallen. Goethe schĂŒttete den Schmerz und die leidenschaftliche Erregung in einem dichterischen Erzeugnis gleichsam ab und befreite sich so von der Last, die ihn zu erdrĂŒcken gedroht hatte, indem er in dem Lustspiel "Laune des Verliebten" diesen Abschnitt seines Lebens poetisch verwertete.
4.2. Friederike Brion
Nachdem nach anderthalb Jahren im Vaterhaus Goethes Gesundheit wieder hergestellt war, ging er auf Wunsch seines Vaters nach Straßburg, um seine juristischen Studien zu vervollstĂ€ndigen und den Doktortitel zu erwerben.
Am 2. April traf Goethe in Straßburg ein. Wie in Leipzig fand Goethe auch in Straßburg bald nahe Freunde. So wurde er in Sesenheim, einem nur wenige Stunden von Straßburg entfernten Ort, mit der Familie des Pfarrers Johann Jakob Brion bekannt. Goethe verliebte sich in Friederike, die jĂŒngste Tochter des Pfarrers. Goethes Besuche in Sesenheim wurden immer hĂ€ufiger und das VerhĂ€ltnis der beiden immer inniger, und zwischen seinen Besuchen entwickelte sich ein reger Briefwechsel. Sein leidenschaftliches VerhĂ€ltnis begann ihn zu Ă€ngstigen; er erschrak vor der Verpflichtung, welche er sich auferlegt hatte. Vergebens versuchte er in immer leidenschaftlicheren Gedichten die innere Stimme des nĂŒchternen Verstandes zu ĂŒbertĂ€uben, welche ihm sagte, er habe an seinem Genie und an seiner Zukunft schwer gesĂŒndigt, indem er sich so frĂŒh gebunden habe. Der Hauptzweck seines Straßburger Aufenthaltes war erreicht, indem er am 6. August 1771 zum Doktor der Rechte promoviert worden war. Sein Vater rief ihn durch dringende Briefe nach Frankfurt zurĂŒck. Goethe musste Abschied nehmen. Er fĂŒhlte die Bedenken, welche einer so frĂŒhen Ehe entgegenstanden, welche vielleicht teilweise begrĂŒndet waren, an welche aber frĂŒher zu denken seine Pflicht gewesen wĂ€re.
Goethe hatte nicht den Mut, Friederike zu gestehen, dass es ein Abschied fĂŒr immer sei. Von Frankfurt aus schrieb er ihr dann den Brief, welcher das VerhĂ€ltnis endgĂŒltig löste. Die Antwort Friederikens auf einen schriftlichen Abschied zerriß ihm das Herz. Er fĂŒhlte nun erst den Verlust, den sie erlitt und fand keine Möglichkeit, ihn nur zu lindern.
Gretchen, seine erste Liebe, wurde ihm genommen, KĂ€thchen hatte ihn verlassen, und bei Friederike war er zum ersten Male schuldig. Dieses Schuldbewußtsein blieb lange in seinem Innern.
4.3 Charlotte Buff und Lili Schönemann
Im folgenden werde ich die Liebesbeziehungen Goethes zu Charlotte Buff und Lili Schönemann nur kurz anreißen. Sie spielen fĂŒr mein Thema keine große Rolle, da sich der Übergang Goethes vom Rokoko - Stil zum Sturm und Drang bereits zwischen den Beziehungen zu KĂ€thchen Schönkopf und Friederike Brion vollzogen hat und dieser Übergang bereits sehr gut verdeutlicht werden kann anhand der Liebeslyrik, die aufgrund dieser Frauengestalten entstanden ist.
Auf einem lĂ€ndlichen Ball lernte Goethe den GesandtschaftssekretĂ€r Johann Christian Kestner und seine Braut Charlotte Buff kennen. Bald schon verband die drei eine tiefe, innige Freundschaft. Die Neigung Goethes zu Lotte nahm schon bald den Charakter einer glĂŒhenden Leidenschaft an, welche zu verhĂ€ngnisvollen Entwicklung hĂ€tte fĂŒhren können. Deshalb verließ Goethe Wetzlar heimlich am 11. September 1772. Aus dieser schmerzhaften Trennung heraus, die Goethe fast nicht ĂŒberwinden konnte, entstand das Buch "Die Leiden des jungen Werther".
Im letzten Frankfurter Jahr machte Goethe die Bekanntschaft mit der 16jĂ€hrigen Lili Schönemann, der einzigen Tochter eines Frankfurter Handelsherren. Zwischen ihnen entstand ein so inniges und vertrautes VerhĂ€ltnis, dass sie sich schon bald verlobten. Diese Verlobung wurde jedoch bald wieder gelöst, da kein VerhĂ€ltnis der Eltern untereinander entstand, in beiden Familien andere ReligionsgebrĂ€uche herrschten und Lili einen so großen Lebensaufwand fĂŒhrte, wie Goethe sich ihn nicht leisten konnte. Die endgĂŒltige Trennung wurde durch den Erbprinzen Karl August von Sachsen - Weimar - Eisenach vollzogen, der Goethe einlud, fĂŒr einige Zeit nach Weimar zu kommen. Aus der Beziehung Goethes zu Lili Schönemann entstanden die sogenannten "Lili - Lieder".
5. Betrachtung der Liebeslyrik Goethes in der Zeit von 1865 - 1875 anhand der Interpretation dreier Gedichte
5.1. AN DEN MOND
Schwester von dem ersten Licht,
Bild der ZĂ€rtlichkeit in Trauer,
Nebel schwimmt mit Silberschauer
Um dein reizendendes Gesicht.
Deines leisen Fußes Lauf
Weckt aus tagverschloßnen Höhlen
Traurig abgeschiedne Seelen,
Mich, und nÀcht'ge Vögel auf.
Forschend ĂŒbersieht dein Blick
Eine großgemeßne Weite.
Hebe mich an deine Seite,
Gib der SchwĂ€rmerei dies GlĂŒck!
Und in wollustvoller Ruh
SĂ€h' der weitverschlagne Ritter
Durch das glÀserne Gegitter
Seines MĂ€dchens NĂ€chten zu.
DĂ€mmrung, wo die Wollust thront,
Schwimmt um ihre runden Glieder.
Trunken sieht mein Blick hernieder
Was verhĂŒllt man wohl dem Mond!
Doch was das fĂŒr WĂŒnsche sind!
Voll Begierde zu genießen,
So da droben hĂ€ngen mĂŒssen
Ei, da schieltest du dich blind!
Dieses Gedicht und das folgende hat zum Hintergrund die Liebesbeziehung Goethes zu KĂ€thchen Schönkopf. Es entstand bald nach Goethes RĂŒckkehr nach Frankfurt.
Es ist bereits ein erster Schritt ĂŒber die Anakreontik hinaus. Die Natur ist hier nicht mehr nur Staffage, sondern hier wird gefĂŒhlt und gestaltet. Im Anfang finden wir noch eine barocke Umschreibung ("Schwester von dem ersten Licht"). Dann folgt eine Revue von Rollen, so z.B. in der ersten Strophe der empfindsame Nachtpoet und der leicht ironische, literarische Begleiter des SchwĂ€rmers in der zweiten. Am Ende ĂŒbernimmt der "lĂ€chelnde Weise" die Rolle, die sicher auf eine Pointe zusteuert.
Das Interessante an diesem Gedicht ist die Art und Weise, wie das erzĂ€hlende Ich mit sich selbst umgeht. Das erzĂ€hlende Ich (das Subjekt der ganzen Rede), spricht zuerst von sich selbst, d.h. vom erlebenden Ich (Z.8,11: "mich"), ohne temporale und emotionale Distanz. Das ist noch nicht ungewöhnlich. Aber ab Zeile 13 redet es von sich plötzlich in der dritten Person ("der Ritter", "seines MĂ€dchens"), wechselt dann wieder in die erste Person ("mein Blick", Z.19), um schließlich in der zweiten zu enden ("schieltest du dich blind", Z.24). Parallel dazu Ă€ndern sich Tempus und Modus der Verbformen. Es beginnt mit dem Indikativ (3,6) bzw. Imperativ PrĂ€sens (11,12), geht ĂŒber dem Konjunktiv Imperfekt (14) zurĂŒck in den Indikativ PrĂ€sens (17 - 21) und endet im Konjunktiv Imperfekt (24).
Was ich nun in der grammatischen Beschreibung herausgefunden habe, lĂ€sst sich auch leichter sagen: Das erlebende Ich verĂ€ndert sich im Laufe des Gedichts, es wandert von Rolle zu Rolle, und das erzĂ€hlende Ich folgt ihm sozusagen jedesmal auf dem Fuße. Der weitverschlagene Ritter (18) spielt eine besondere Rolle. Er verdankt seine Existenz einzig und allein der Phantasie des erzĂ€hlenden Ich; Das Ich selbst wird zu diesem Ritter auf dem Mond und sieht ("sinkt mein Blick", Z.19) von dort auf die Erde.
Goethe ist in die Rolle des empfindsamen Nachtpoeten geschlĂŒpft, und in dieser Rolle entwirft er ein Phantasiewesen, den Ritter auf dem Mond, um sich dann fĂŒr einen Moment selbst zu diesem Phantasiewesen zu machen. Wie Goethe sich in den Nachtpoeten, so verwandelt der sich in den Ritter auf dem Mond. Beide Male macht sich jemand zum Geschöpf seiner eigenen Phantasie. Erst beschreibt man ein imaginĂ€res Ereignis im Irrealis (13 - 16), wechselt dann in den Indikativ und spricht somit aus dem irrealen Ereignis heraus als ein Begleiter (17 - 21). Kurz gefaßt:: Es wĂ€re doch sicher interessant, wenn ich jetzt auf dem Mond wĂ€re - von hier oben sehe ich... Nach vier Zeilen kommt schon ein gar nicht unvernĂŒnftiger Einwand dazwischen, und das Ich ist wieder auf der Erde. Der Trick des Personenwechsels bleibt Episode ohne Folgen, also wohl kaum mehr als ein Gag und eine relativ neue Pointe unter vielen anderen.
5.2. RETTUNG
Mein MĂ€dgen ward mir ungetreu,
Das machte mich zum Freudenhasser.
Da lief ich an ein fließend Wasser,
Das Wasser lief an mir vorbei.
Da stund ich nun verzweifelnd stumm,
Im Kopfe war mirs wie betrunken,
Fast wÀr ich in den Strom gesunken,
Es gieng die Welt mit mir herum.
Auf einmal hört ich was das rief.
Ich wandte just dahin den RĂŒcken,
Es war ein Stimmchen zum EntzĂŒcken:
Nimm dich in acht! der Fluß ist tief.
Da lief mir was durchs ganze Blut,
Ich seh, so ists ein sĂŒĂŸes MĂ€dchen.
Ich frage sie, wie heißt du? KĂ€thchen.
O schönes KÀthchen, du bist gut.
Du hĂ€ltst vom Tode mich zurĂŒck
Auf ewig dank ich dir mein Leben.
Allein das heißt mir wenig geben,
Nun sei auch meines Lebens GlĂŒck.
Und dann klagt ich ihr meine Noth;
Sie schlug die Augen lieblich nieder,
Ich kĂŒĂŸte sie und sie mich wieder:
Und vor der Hand nichts mehr vom Tod.
Beim Lesen des Gedichts fĂ€llt zuerst ein Riß auf, der durch das ganze Gedicht geht. Zwischen der Ernsthaftigkeit des Themas (Selbstmordgedanken) und der lockeren Art der Behandlung besteht eine deutliche Diskrepanz.
Das auffĂ€lligste Wort in dem Gedicht ist "Freudenhasser" (Z.2), welches mir bei dem Gedanken an Selbstmord völlig unangemessen erscheint. Wahrscheinlich benutzt man im Leiden fĂŒr das Leiden andere Wörter als nachher. Das ist hier offenbar der Fall: jemand berichtet im Nachhinein von einem Wechsel zwischen Traurigkeit und Fröhlichkeit; das ist das erzĂ€hlende Ich. Das erlebende Ich empfindet im gleichen Augenblick die GefĂŒhle, in dem sie eintreten. Das erzĂ€hlende Ich distanziert sich durch die Formulierung von dem erlebenden Ich, das es selbst einmal war: "Freudenhasser".
Die Mißbilligung oder VerstĂ€ndnislosigkeit zeigt sich auch noch in anderen FĂ€llen; die Zeilen 6 und 7 wĂ€ren vom erlebenden Ich auch wohl anders formuliert worden. Das Ă€ndert sich ab Zeile 9. Die distanzierenden Kommentare bleiben aus. Das erzĂ€hlende Ich hat nun keine Bedenken mehr, sich mit dem erlebenden Ich zu identifizieren. Ab Zeile 14 geht das erzĂ€hlende Ich sogar fĂŒr einige Zeit ins PrĂ€sens; es kommen direkte Reden ohne Einleitungsformel wie "sagtet', "antwortete" usw. vor, und die prĂ€dikatlose Aussage der letzten Zeilen könnten sowohl vom erzĂ€hlenden als auch vom erlebenden Ich stammen.
Interessant an diesem Gedicht ist vor allem, wie etwas erzĂ€hlt wird. Solange von der Verzweiflung des erlebenden Ichs geredet wird, hĂ€lt sich das erzĂ€hlende Ich auf Distanz durch Wort - und Tempuswahl. Je heiterer das erlebende ich wird, desto mehr verzichtet das erzĂ€hlende Ich auf distanzierende Formulierungen und bekundet zudem noch seine Anteilnahme durch den Übergang ins PrĂ€sens.
Dieses Gedicht könnte man fast als einen kleinen Erziehungsroman bezeichnen. Das ehemals erlebende Ich wird in der RĂŒckschau unter Aufsicht des erzĂ€hlenden Ichs zu einem Ziel gefĂŒhrt, von dem es im Moment des Erlebens natĂŒrlich noch nicht hat wissen können, das aber das erzĂ€hlende Ich bestens kennt. Denn das Ziel ist das erzĂ€hlende Ich selbst in seiner Heiterkeit.
Dieses Gedicht ist also zielgerichtet, es lĂ€uft auf eine Schlußpointe hinaus, welche einen doppelten Boden hat. Einmal markiert sie das Ende des Gedichts und zum andern auch das Ende der Erziehung, die dem erlebenden Ich zugemutet wird. Der Text propagiert in erster Linie die Haltung, die das erzĂ€hlende Ich im Laufe des Gedichts vorfĂŒhrt. Es ist die Haltung eines "lĂ€chelnden Weisen", der durch nichts aus seiner Heiterkeit gebracht wird, der die Freuden des Lebens genießt und die Leiden leicht ertrĂ€gt, weil er weiß, dass die Freuden vergĂ€nglich sind und eben deshalb auch die Leiden.
Diese Rolle ist so allgemein gespielt, dass jeder in sie hineinschlĂŒpfen könnte. Es ist schwer, hier zwischen ErzĂ€hler und Autor zu unterscheiden und sich hinter der Maske des unbeschwerten ErzĂ€hlers z.B. einen grundsoliden und eher gehemmten Autor vorzustellen. Dies ist ein Grundzug der scherzhaften Dichtung mit ihrer ĂŒberindividuellen Rollenhaftigkeit. In dieser Poesie werden Sorgen, Probleme oder Konflikte dadurch bewĂ€ltigt, dass man sie fröhlich vergißt, oder man sie allenfalls in jener Rolle vortrĂ€gt. Dieses Spiel in seiner FinalitĂ€t und Lehrhaftigkeit, in seiner ĂŒberindividuellen Rollenhaftigkeit und ortlosen Gesellschaftlichkeit hat auch Goethe mitgespielt.
Goethe hat das Ich in zwei verschiedene Aspekte geteilt. Das erzĂ€hlende Ich ist unerschĂŒtterlich heiter, wie gewöhnlich, und direkt daneben ist das wohl noch nicht lang verflossene erlebende Ich, das von einem Extrem ins andere geworfen wird, von Selbstmordabsicht fast ĂŒbergangslos zu verliebter TĂ€ndelei.
5.3. MAIFEST
Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glÀnzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen BlĂŒten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem GestrÀuch
Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne,
O GlĂŒck, o Lust,
O Lieb', o Liebe,
So golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,
Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im BlĂŒtendampfe
Die volle Welt!
O MĂ€dchen, MĂ€dchen
Wie lieb' ich dich!
Wie blinkt dein Auge,
Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Mut
Zu neuen Liedern
Und TĂ€nzen gibst.
Sei ewig glĂŒcklich,
Wie du mich liebst.
Dieses Gedicht entstand aufgrund der Liebesbeziehung Goethes zu Friederike Brion. Das Gedicht "Maifest" besitzt einen großen autobiographischen Bezug:
Im Mai 1770 wurden Goethe und Friederike Brion immer öfter in die GĂ€rten von Sesenheim gelockt. Die Natur hatte sich, wie immer im FrĂŒhling, mit allen Reizen geschmĂŒckt. Das EntzĂŒcken des Dichters ĂŒber die Klarheit des Himmels, den Glanz der Erde, die schönen Morgen, die lauen Abende, die jene Tage auszeichneten, klingt aus dem Mailied hervor, um in einem seligen Liebes - und Lebensjauchzen auszutönen.
Das AuffĂ€lligste an diesem Gedicht ist das von der ersten bis zur letzten Zeile immer wieder vorkommende Wort "wie". Dieses Wort wird in drei verschiedenen Varianten benutzt: Zuerst in dem Ausruf: "Wie herrlich leuchtet". Das ist kein vollstĂ€ndiger Vergleich, hat aber doch Vergleichscharakter. (Dieses "wie" taucht in den Zeilen 1,3,4,22,23 und 24 auf.). - Dann folgt das zweite "wie": "So golden schön / wie Morgenwolken". Diesen ausgefĂŒhrten Vergleich findet man in den Zeilen 15 und 19. - Am Schluß das dritte "wie": "Sey ewig glĂŒcklich / Wie du mich liebst!" (Z.35f.). Dieses Wie ist nicht einfach zu beschreiben. Es steht kein qualitativer oder quantitativer Vergleich in diesem "Wie". Man könnte vielleicht am besten sagen: "Sei ewig glĂŒcklich, wie du mich ja auch liebst!" Dieses "Wie" könnte man eine selbstverstĂ€ndliche Entsprechung nennen.
Das Wörtchen "wie" zieht sich gleichsam wie ein sprachliches Leitmotiv durch den Text, aber genauso das Wort "Liebe", das siebenmal im Gedicht auftaucht. Es erscheint zwar erst in der 4. Strophe, dafĂŒr aber um so hĂ€ufiger (Zeile 13,22,24,25,29,36). Kombiniert man das Wort "Liebe" mit den drei Formen des Leitmotivs "wie", so ergibt sich Ă€ußerlich schon eine erste Gliederung:
1. - 3.Strophe
4. - 6.Strophe
7. - 9.Strophe
"Wie" als Vergleichscharakter
"Wie" als Vergleichscharakter
- - -
- - -
Liebe
Liebe
- - -
ausgefĂŒhrter Vergleich
Vergleich
- - -
- - -
selbstverstÀndliche Entsprechung
Das Gedicht ist im PrĂ€sens geschrieben, d.h. die Differenz zwischen dem erzĂ€hlenden und dem erlebenden Ich ist auf das kleinste Minimum reduziert. In den ersten drei Strophen wird die Natur so dargestellt, als sei sie eine Person, als sei sie in Bewegung auf das lyrische Ich zu und nur fĂŒr das Ich da. "Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur!" (Z.1f.). Die Natur leuchtet nicht nur einfach, sie leuchtet nur fĂŒr das lyrische Ich.
Den ersten beiden Versen folgt die Personifizierung: "Wie lacht die Flur!" Schließlich wird die wachsende Natur beschrieben: Die BlĂŒten dringen aus den Zweigen, ebenso die Stimmen aus dem GestrĂ€uch. In der vierten Strophe erscheint erstmals das Stichwort "Liebe". Man muss schon genau hinsehen, um etwas Nicht - SelbstverstĂ€ndliches darin zu erblicken. Vor der vierten Strophe wird aus Liebe gesprochen, nachher ĂŒber Liebe. In der vierten und fĂŒnften Strophe wird die Liebe angeredet, thematisiert und mit einer Naturerscheinung ("Morgenwolken") verglichen. Damit wird auch die Natur gegenstĂ€ndlich, man kann auf sie zeigen ("Auf jenen Höhn"). Dieser Vergleich dient der Vergewisserung, dass in dem allseitigen Dringen der Natur (1. - 3.Str.) wirklich Liebe am Werk war. Die fĂŒnfte Strophe fĂŒhrt den Vergleich mit einer Personifizierung der Liebe fort und nimmt Worte und Motive aus den ersten Strophen wieder auf. "Du segnest herrlich" (17) - "Wie herrlich leuchtet" (1), "Das frische Feld" (18) - "Wie lacht die Flur" (4), "Im BlĂŒtendampfe" (19) - "Es dringen BlĂŒten" (5). Die letzte Zeile der fĂŒnften Strophe stellt das Ergebnis dar, dass die ganze Welt voller Liebe ist. Und dieses Ergebnis erst schafft Raum fĂŒr das Bekenntnis der eigenen Liebe: "0 MĂ€dchen, MĂ€dchen, / Wie lieb' ich dich!" (Z.21f.).
Auch in der sechsten Strophe finden sich RĂŒckbezĂŒge zum Anfang im absoluten Vergleich. "Wie blinkt dein Auge!" nimmt deutlich ein Motiv der ersten Strophe wieder auf: "Wie glĂ€nzt die Sonne" (Z.3). Das GlĂ€nzen der Sonne, in der vierten Strophe als liebeserfĂŒllt anerkannt, ist die Beglaubigung dessen, dass das Blinken der Augen ebenfalls ein Liebeszeichen ist. Die vergleichende und stĂ€ndig rĂŒckbezĂŒgliche Naturerkenntnis löst dem Liebenden die Zunge zu seiner LiebeserklĂ€rung, und die Naturerkenntnis kann umgesetzt werden in eine Menschenerkenntnis, weil das MĂ€dchen sich dem Ich gegenĂŒber gleich verhĂ€lt wie die Natur.
Der dritte Teil schließt sich an den zweiten genauso, wie dieser an den ersten Teil. Die eigene Liebe wird zum Gegenstand eines Vergleiches mit der Natur gemacht, der sich diesmal ĂŒber zweieinhalb Strophen hinzieht. Das lyrische Ich will sich bestĂ€tigen, dass die Liebe nicht nur ihm und der Natur gemeinsam ist, sondern ihm auch dasselbe bedeutet wie den Lebewesen in der Natur. Genauso wie fĂŒr Lerchen und Blumen der Gegenstand ihrer Liebe etwas ist, was ihr Wesen ausmacht und von dem sie abhĂ€ngen, genauso liebt das lyrische Ich das MĂ€dchen. Durch sie erhĂ€lt er seine Jugend und die Freude und den Mut zum Dichten. Das lyrische Ich scheint hier zunĂ€chst nur als das Nehmende, doch als Abrundung des Gedichtes schließt sich noch ein Segenswunsch an: " Sei ewig glĂŒcklich, / Wie du mich liebst." (Z.35f.).
6. Vergleich der drei Gedichte in Bezug auf Merkmale des Rokoko und des Sturm und Drang
Beim Lesen der Gedichte wird sofort deutlich, dass die ersten beiden "Rettung" und "An den Mond" dem Rokoko - Stil entstammen und "Mayfest" aus dem Zeitalter des Sturm und Drang kommt. "Rettung" und "An den Mond" weisen typische Merkmale des Rokoko auf. So z.B. die Darstellung des lyrischen Ichs in der stereotypen Rolle des "lĂ€chelnden 'Weisen", denn Goethe hat, soweit ich weiß, nie die Rolle spĂ€ter wieder aufgenommen, die er einmal verlassen hat.
Dass aber das erlebende Ich die Maskenstarre ablegt und sich im Laufe des Gedichts verĂ€ndert, und zwar recht schnell, das ist etwas neues und verweist dieses Gedicht an das Ende der Rokokoperiode (1769). Typisch fĂŒr den Rokoko an diesem Gedicht ist auch die Ernsthaftigkeit des Themas und die lockere Art der Behandlung. Dies Gedicht wurde dem Zitat Gleims entsprechen, dass die Dichter sich nur so charakterisieren, wie es die Art der Gedichte erfordert, und um ihren Witz zu zeigen. Ein Beispiel fĂŒr den Stil des Rokoko ist auch, dass eine erotische Situation kurz ausgemalt wird und mit einer witzigen Wendung endet, wie es bei dem Gedicht "An den Mond" der Fall ist. Alles zielt auf eine Schlußpointe hinaus (Z.23f: "So da droben hĂ€ngen mĂŒssen - / Ei da schieltest du dich blind!").
Ein Unterschied der beiden Gedichte besteht darin, dass in dem Gedicht "Rettung" das Objekt der lyrischen Äußerungen, nĂ€mlich "KĂ€thchen" (Z.15f.), genannt wird, im anderen Gedicht dagegen jedoch nicht. Im Sturm und Drang fĂ€llt das Formprinzip des Witzes weg, und die Diebe wird nicht mehr als Spielerei aufgefaßt. Man geht nun vielmehr zu realistischer Prosa ĂŒber, in der das GefĂŒhl und die Leidenschaft den Vorrang haben, wie es in dem Gedicht "Maifest" der Fall ist. Dem Dichter ist es nun möglich, sich mit seinem Gedicht zu identifizieren.
Liebe, Innigkeit und ein neuer Sinn fĂŒr die Natur werden in diesem Gedicht deutlich. Die Natur ist nicht mehr nur Staffage, sondern hier wird gefĂŒhlt und gestaltet. Die Natur dient als Mittel zum Ausdruck der GefĂŒhle. Auch der lĂ€chelnde Weise ist im Sturm und Drang nicht mehr aufzufinden, denn im Vordergrund steht die GefĂŒhlsaussage ( "Maifest", Z.21f.: "O MĂ€dchen, MĂ€dchen / Wie lieb ich dich!"), die keinerlei Belehrung duldet. Deshalb fĂ€llt es im Gegensatz zum Rokoko hier nicht mehr schwer, zwischen ErzĂ€hler und Autor zu unterscheiden, denn ErzĂ€hler und Autor sind identisch.
Man kann also als wichtigste Unterscheidungen zwischen Rokoko und Sturm und Drang festhalten, dass im Rokoko das Gedacht fast immer auf eine Schlußpointe zusteuert und auf diese Weise Probleme oder Konflikte bewĂ€ltigt werden, und dass ErzĂ€hler und Autor nicht identisch sind.
Dagegen steht im Sturm und Drang die GefĂŒhlsaussage im Vordergrund, und deshalb besteht eine Identifikation zwischen ErzĂ€hler und Autor.
L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S
    BÄUMER: "Goethes Freundinnen" BOERNER, Peter: "Goethe", Bildmonographien, Hamburg 1983. LEWES: "Goethes Frauengestalten" NEUES GROSSES VOLKSLEXIKON in zehn BĂ€nden: Vierter Band, Stuttgart 1979. VIEHOFF: "Goethes Gedichte 1" WEIMAR: "Goethes Gedichte 1769 - 1775", Paderborn 1982. "Goethes Werke", Hamburger Ausgabe

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