Schlacht von Stalingrad

Die Schlacht von Stalingrad

Der Untergang der 6. Armee aus der Sicht des einfachen Soldaten

Fachbereichsarbeit aus Geschichte und Sozialkunde

Inhalt

Vorwort......................................................................................................................... 3

Einleitung..................................................................................................................... 4

1. Die Entwicklung des Ru├člandfeldzuges bis zur Schlacht von Stalingrad

1.1 Das "Unternehmen Barbarossa"........................................................................... 5

1.2 Der Weg nach Stalingrad..................................................................................... 7

2. Der Verlauf der Schlacht

2.1 Geschichte und Aussehen der Stadt.................................................................... 10

2.2 Der Angriff........................................................................................................ 11

2.3 Die Einkesselung................................................................................................ 14

2.4 Die Luftversorgung des Kessels.......................................................................... 16

2.5 Operation "Wintergewitter"................................................................................ 17

2.6 Die endg├╝ltige Vernichtung................................................................................. 18

2.7 Die Kapitulation................................................................................................. 19

3. Die Folgen der Schlacht........................................................................................ 21

4. Die Kriegsgefangenschaft..................................................................................... 22

5. Interview mit einem Zeitzeugen............................................................................ 23

6. Letzte Briefe aus Stalingrad................................................................................. 27

7. Anhang................................................................................................................... 30

8.1 Die Verb├Ąnde der deutschen und sowjetischen Front bei Stalingrad.................. 30

8.2 Wichtige Personen........................................................................................... 31

8.3 Sollst├Ąrke der Infanterie-Truppenteile der deutschen Wehrmacht...................... 33

Bibliographie.............................................................................................................. 34

Einleitung

Am 22. Juni 1941, als Hitler die Sowjetunion angriff, waren beinahe alle L├Ąnder Europas von den Deutschen und seinen Verb├╝ndeten, das waren Italien, Ungarn, Rum├Ąnien, Bulgarien, Finnland sowie Libyen, annektiert bzw. in einem schnellen Feldzug erobert worden:

1938 ├ľsterreich und das Sudetenland, 1939 die restliche Tschechoslowakei und Polen, 1940 D├Ąnemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien sowie Frankreich und 1941 Jugoslawien, Griechenland und Teile von ├ägypten und Tunesien.

Nur an England hatte sich Hitler bislang die Z├Ąhne ausgebissen, die Luftschlacht um das britische Eiland war ein Schlag ins Wasser gewesen. Die Insulaner unter Churchill blieben unbeugsam und zwangen ihn zu diesem Schwenk nach Osten.

So lieferte er den Soldaten einen plausiblen Grund f├╝r diesen Angriff, n├Ąmlich dass der Feldzug im Osten der letzte t├Âdliche Schlag gegen England sei, das wider Erwarten nicht zu bezwingen gewesen war.

Hitler selber sah in diesem Feldzug aber die "heiligste Mission seines Lebens", er wollte die Sowjetunion vernichten und den Nationalsozialismus ├╝ber die neu eroberten Gebiete ausbreiten.

1. Die Entwicklung des Ru├člandfeldzuges bis zur Schlacht von Stalingrad

1.1 Das "Unternehmen Barbarossa"

Das Ostheer der deutschen Wehrmacht umfa├čte drei Heeresgruppen, jede bestehend aus sieben Armeen, vier Panzergruppen und drei Luftflotten. Insgesamt griffen drei Millionen Mann, 600.000 Fahrzeuge, 3.850 Panzerkampfwagen, 7.184 Gesch├╝tze und 1.830 Flugzeuge die Sowjetunion am 22. Juni 1941 an.

Das Ziel des "Unternehmens Barbarossa" war in F├╝hrerweisung Nr. 21 festgelegt:

"Das Endziel der Operationen ist die Abschirmung gegen das asiatische Ru├čland auf der allgemeinen Linie Wolga-Archangelsk." [1]

Adolf Hitlers Bestreben im Krieg gegen die Sowjetunion war die Vernichtung des Bolschewismus und die Eroberung neuen Lebensraumes.

Die Auftr├Ąge der Armeen waren klar: Die Aufgabe der Heeresgruppe "Nord" (unter der F├╝hrung von Generalfeldmarschall Ritter von Leeb) war die Eroberung der baltischen L├Ąnder und Leningrad. Die Heeresgruppe "Mitte" (Generalfeldmarschall von Bock) ging in Richtung Minsk-Smolensk-Moskau vor, um nach der Vernichtung der sowjetischen Armeen in Wei├čru├čland zusammen mit der Heeresgruppe "Nord" die sowjetische Hauptstadt anzugreifen. Die Heeresgruppe "S├╝d" (Generalfeldmarschall von Rundstedt) marschierte in Richtung Kiew, um das Donezbecken zu erobern.

Der wegen des Balkanfeldzuges um f├╝nf Wochen verschobene Angriffstermin beunruhigte nur wenige deutsche Milit├Ąrs, war doch Frankreich, das als st├Ąrkste Milit├Ąrmacht Europas gegolten hatte, in nur wenigen Wochen geschlagen worden. Hitlers Experten hielten einen Blitzkrieg auch im Osten f├╝r m├Âglich, und die ersten gewaltigen Erfolge schienen den Optimisten recht zu geben.

Bereits am ersten Tag gelang es einigen Panzerverb├Ąnden bis zu 60 Kilometer weit in russisches Gebiet vorzusto├čen, ein Unternehmen, das nur durch die v├Âllige Luftherrschaft der Deutschen m├Âglich gewesen war. In der ersten gro├čen Kesselschlacht bei Bialystok und Minsk wurde ein Gro├čteil der Truppen von Marschall Timoschenko zerschlagen, insgesamt gingen 300.000 Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft. Weitere Kesselschlachten bei Smolensk, Uman, Odessa, Dnjepropetrowsk und eine der gr├Â├čten ├Âstlich von Kiew (700.000 Gefangene) folgten.

Am 2. Oktober 1941 begann das Unternehmen "Taifun", der Sturm auf Moskau. Dieses wurde aber durch den Beginn der Schlammperiode und den ersten Schneefall (bereits am 7. Oktober 1941) erheblich erschwert. Zwar konnten sich deutsche Sto├čtrupps bis auf dreizehn Kilometer an die sowjetische Hauptstadt herank├Ąmpfen, doch dann musste die deutsche Wehrmacht kehrtmachen. Am 8. Dezember 1941 befahl Hitler die Einstellung der Angriffsoperationen und gestattete den R├╝ckzug in die Winterstellungen. General J.F.C. Fuller, britischer Kriegsberichterstatter von Rang, schreibt dazu:

"Aller Wahrscheinlichkeit nach war es nicht so sehr der Widerstand der Russen - so gro├č er auch war - oder der Einflu├č des Wetters auf die Luftwaffe, als vielmehr das Im-Schlamm-Versinken der Transportfahrzeuge der deutschen Front, wodurch Moskau gerettet wurde."[2]

Durch die am 6. Dezember begonnene sowjetische Gegenoffensive bei Moskau wurden die Deutschen wieder mehr als 100 Kilometer nach Westen zur├╝ckgedr├Ąngt.

Schon in diesem ersten Kriegswinter an der Ostfront wurde das fast vollst├Ąndige Fehlen von Winterausr├╝stung f├╝r die deutsche Wehrmacht zu einer gro├čen Behinderung in den milit├Ąrischen Aktionen, was einen erheblichen Nachteil gegen├╝ber den meist erstklassig f├╝r den Winterkrieg ausger├╝steten Rotarmisten bedeutete. Mehr als hunderttausend deutscher Soldaten waren erfroren und Tausende litten unter schweren Erfrierungen. Dadurch wurde die Verlustliste der Wehrmacht immer l├Ąnger, was in einer Zusammenstellung des Wehrmachtsf├╝hrungsstabes vom 6. Juni 1942 deutlich wurde. Das Dokument "Wehrkraft 1942" kam zu dem ern├╝chternden Ergebnis:

"Fehlstellen des Ostheeres am 1. Mai 1942 625.000 K├Âpfe; volle Auff├╝llung der Verluste des Winters nicht m├Âglich. Wehrkraft geringer als im Fr├╝hjahr 1941."[3]

Die Verantwortlichen f├╝r die Mi├čerfolge im Winter hatte Hitler schnell gefunden: die milit├Ąrische F├╝hrung und das Offizierskorps. Insbesondere war es der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Walter von Brauchitsch, der es gewagt hatte auszusprechen, was sich fast alle Offiziere dachten. Er protestierte gegen den aus milit├Ąrischer Sicht unsinnigen "Halte-Plan" des F├╝hrers, der es den Einheiten verbot, sich sogar in v├Âllig aussichtsloser Lage zur├╝ckzuziehen, nein, man musste seine Stellung bis zur letzen Patrone und bis zum letzten Mann halten. Dieser Plan wurde von Hitler immer ├Âfter im Verlauf des Ostfeldzuges eingesetzt, und als von Brauchitsch dagegen protestierte, bezeichnete ihn Hitler als "Feigling und Nichtsk├Ânner", entlie├č ihn und ├╝bernahm am 19. Dezember 1941 selbst den Oberbefehl ├╝ber das Heer.

In der Folge tauschte Hitler zur Jahreswende 1941/42 die milit├Ąrische Spitze fast komplett aus: S├Ąmtliche Oberbefehlshaber des Heeres und alle Generalstabschefs mussten gehen, elf von achtzehn Feldmarsch├Ąllen wurden abgel├Âst, ebenso einundzwanzig von vierzig Generalobersten. Auch alle drei Frontabschnitte an der Ostfront bekamen neue Kommandeure: Die Heeresgruppe "Nord" kommandierte von nun an Generalfeldmarschall von K├╝chler an Stelle von Generalfeldmarschall von Leeb, die Heeresgruppe "Mitte" Generalfeldmarschall Kluge anstatt Generalfeldmarschall von Bock, und bei der Heeresgruppe "S├╝d" wurde Generalfeldmarschall Rundstedt von Generalfeldmarschall von Reichenau abgel├Âst.

Nur wer dem F├╝hrer nicht widersprach, behielt seinen Posten. Damit ri├č der deutsche Diktator endg├╝ltig die Entscheidungsgewalt in allen milit├Ąrischen Angelegenheiten an sich. Er bestimmte nun nicht nur die Ziele der Kriegsf├╝hrung, sondern behielt sich auch die Entscheidung in operativ-taktischen Fragen vor. Damit degradierte Hitler die h├Âchsten Offiziere der Wehrmacht zu Erf├╝llunsgehilfen:

"Die Generale haben genauso zu gehorchen wie der kleine Musketier. Ich f├╝hre, und da haben sich alle bedingungslos unterzuordnen..." [4]

1.2 Der Weg nach Stalingrad

F├╝r das Jahr 1942 fertigte Hitler Pl├Ąne f├╝r eine neuerliche Offensive an, die Operation "Blau". Diese Pl├Ąne zeigten, dass Hitler aus den Erfahrungen des bisherigen Feldzuges gelernt hatte. Er konzentrierte die Offensivkraft auf den S├╝den der Front mit dem Ziel, die Truppen der Roten Armee zwischen Donez und Don zu vernichten, die Kaukasusp├Ąsse zu gewinnen, und die ├ľlgebiete am Kaspischen Meer zu erobern (siehe auch Karte 1). Damit h├Ątte die Wehrmacht die sowjetischen Industriezentren im Donezbecken mit den wichtigen ├ľlquellen von Maikop und Grosny f├╝r den schlecht funktionierenden Nachschub nutzen k├Ânnen und gleichzeitig den Nachschub der Roten Armee unterbrochen. Hitler zu seinen Pl├Ąnen:

"Das Ziel ist, die den Sowjets noch verbliebene lebendige Wehrkraft endg├╝ltig zu vernichten und ihnen die wichtigsten kriegswirtschaftlichen Kraftquellen so weit als m├Âglich zu entziehen." [5]

Die Vorbereitungen dieser Offensive wurden durch einen ├╝berraschenden Angriff der sowjetischen Truppen unter Marschall Timoschenko in Richtung Charkow gest├Ârt. Die Sowjets konnten weit in deutsches Gebiet vordringen, wurden aber ihrerseits durch einen Gegenangriff der Deutschen unter Generaloberst von Kleist in Sto├črichtung ihrer Flanke ├╝berrascht und eingekesselt. Am 28. Mai 1942 endete diese gro├če Kesselschlacht s├╝dlich von Charkow, die Deutschen machten 240.000 Gefangene und vernichteten 1.250 Panzer.

Am 7. Juni 1942 begannen die Deutschen mit der Eroberung der sich auf der Halbinsel Krim befindlichen st├Ąrksten Festung der Welt, Sewastopol. Trotz hartn├Ąckiger Verteidigung der Stadt durch die Russen fiel sie am 1. Juli 1942 in deutsche Hand.

Inzwischen hatte am 28. Juni 1942 die Operation "Blau" begonnen. Bereits im Laufe des ersten Nachmittags gelang es den deutschen Einheiten tief in die Stellungen der Roten Armee einzudringen.

Laut Plan sollte mit einer Zangenbewegung bei Woronesch neuerlich ein Kessel gebildet werden, doch die Russen hatten aus ihren Fehlern gelernt, traten rechtzeitig den R├╝ckzug an und entkamen somit einer Einkesselung.

Am Dienstag, dem 7. Juli 1942, teilte Hitler die Heeresgruppe "S├╝d" in die neuen Heeresgruppen A (unter Generalfeldmarschall List) und B (Generalfeldmarschall von Bock) auf. Zur Heeresgruppe A geh├Ârten ab sofort die 17. Armee (Generaloberst Ruoff), die 1. Panzerarmee (Generaloberst von Kleist), und die rum├Ąnische 3. Armee (Generaloberst Dumitrescu). Die Heeresgruppe B bestand aus der 2. Armee (Generaloberst Freiherr von Weichs), der 6. Armee (General der Panzertruppe Paulus), der 4. Panzerarmee (Generaloberst Hoth) und der ungarischen 2. Armee (Generaloberst von J├íny).

Die Heeresgruppe B erhielt nun ihren endg├╝ltigen Auftrag: Vorsto├č in Richtung Stalingrad.

Als n├Ąchster Punkt der Operation "Blau" (sie hei├č nun Operation "Braunschweig") war geplant, die Rote Armee im Raum westlich des Don zu vernichten. Aber auch dieses Ziel wurde nicht erreicht, da die sowjetischen Truppen sich wiederum organisiert zur├╝ckzogen, und zwar hinter den Don.

Dies war die neue Taktik von Marschall Timoschenko, dem Oberbefehlshaber der Stalingrad-Front: das Vorgehen des Feindes zu verz├Âgern, im entscheidenden Augenblick aber auszuweichen, um Einkesselungen zu vermeiden.[6]

So nutzte Timoschenko die ungeheure Ausdehnung Ru├člands als strategische Waffe: Man lockt den Feind in die Tiefe des Landes, bis er nicht mehr kann und ein leichtes Opfer wird. An dieser Taktik war schon Napoleon gescheitert und man hoffte, dass es Hitler ebenso ergehen wird.

Au├čerdem entstanden aufgrund dieser Taktik bei der Roten Armee keine gro├čen Verluste an Mensch und Material, und man konnte das Tempo des deutschen Vormarsches bremsen. So gewann die sowjetische F├╝hrung Zeit zur Verst├Ąrkung der Verteidigungsanlagen um und in Stalingrad.In diesem Gebiet hatte man bereits im Januar 1942 mit dem Bau von Befestigungsanlagen begonnen. Rund um die Stadt wurden vier Verteidigungslinien errichtet. F├╝r diese Arbeiten wurden s├Ąmtliche zur Verf├╝gung stehende Kr├Ąfte mobilisiert, darunter auch Arbeiter aus Stalingrader Betrieben, Angestellte und alle arbeitsf├Ąhigen Einwohner, welche dann den Pioniertruppen der Roten Armee zur Seite standen. Allerdings waren diese Befestigungen nur Feldstellungen und konnten Stalingrad nicht in eine Festung verwandeln.

Die Deutschen kamen aufgrund der sowjetischen Taktik meist nur langsam voran und wurden auch noch durch eigene Nachschubprobleme zus├Ątzlich aufgehalten. So sa├čen Ende Juli 1942 gro├če Teile der 6. Armee und das XIV. Panzerkorps wegen Spritmangels 18 Tage lang fest. Diese 18 Tage, in denen eine Kampfpause herrschte, waren ein Geschenk f├╝r die Russen gewesen. Sie nutzten diese Zeit, um weitere Verteidigungsstellungen rund um und in Stalingrad zu bauen, und um diesem Gebiet neue Truppen zuzuf├╝hren.

Hitler hatte eigentlich geplant, solche Nachschubprobleme, durch die Eroberung der ├ľlgebiete im Kaukasus zu l├Âsen. Doch die Russen hatten vorgesorgt und s├Ąmtliche ├ľllager zerst├Ârt und die F├Ârderungsanlagen unbrauchbar gemacht. Damit versch├Ąrften sich die Nachschub- und Versorgungsprobleme noch mehr.

"Ein weiteres Vorgehen ist vom Nachf├╝hren von Betriebsstoff und Munition abh├Ąngig"[7], hie├č es im Lagebericht des Oberkommandos des Heeres am 29. Juli 1942.

Die sowjetischen Truppen hatten bei Kalatsch, rund 60 Kilometer vor Stalingrad, die letzte Verteidigungsstellung vor der Stadt an der Wolga aufgebaut. Hier gelingt es den Deutschen jedoch die sowjetischen Verb├Ąnde einzukesseln. Es sollte die letzte siegreiche Kesselschlacht der Deutschen im Ru├člandfeldzug sein. Die S├Ąuberung des Kessels dauerte jedoch zwei Wochen, eine Zeitspanne, die den Sowjets wiederum sehr zugute kam.

Doch nun war der Weg nach Stalingrad frei.

2. Die Schlacht von Stalingrad

2.1 Geschichte und Aussehen der Stadt

Stalingrad hatte 1942 fast eine halbe Million Einwohner, bot aber aus der Luft ein interessantes Bild: Die Stadt war zwar drei├čig Kilometer lang, aber nur f├╝nf Kilometer breit.

Befehl Nr.4 an die Truppen der Stalingrad- und der S├╝d-Front

Genossen K├Ąmpfer, Kommandeure und Politarbeiter, heldenm├╝tige Verteidiger von Stalingrad!

Seit einem Monat tobt der erbitterte Kampf um die Stadt Stalingrad. Die Deutschen haben Hunderte von Panzern und Flugzeugen verloren. ├ťber Berge von Leichen ihrer Soldaten und Offiziere sto├čen die vertierten hitlerischen Banden nach Stalingrad, zur Wolga vor. Unsere bolschewistische Partei, unser Volk, unsere gro├če Heimat haben uns den Auftrag erteilt, den Feind nicht zur Wolga zu lassen, die Stadt Stalingrad zu verteidigen. Die Verteidigung Stalingrads hat entscheidende Bedeutung f├╝r die gesamte sowjetische Front. Ohne Schonung unserer Kr├Ąfte und mit Todesverachtung verwehren wir den Deutschen den Zugang zur Wolga und geben wir Stalingrad nicht auf. Jeder von uns muss daran denken, dass die Wegnahme Stalingrads durch die Deutschen und ihr Vorsto├č zur Wolga unsere Feinde st├Ąrken und unsere Kr├Ąfte schw├Ąchen wird.

Keinen Schritt zur├╝ck!

Der Kriegsrat verlangt von allen K├Ąmpfern, Kommandeuren und Politarbeitern, von allen Verteidigern Stalingrads grenzenlose Tapferkeit, Standhaftigkeit und Heldentum im Kampf mit dem einbrechenden Feinde.

Der Feind muss und wird auf den Zug├Ąngen nach Stalingrad zerschmettert werden.

Vorw├Ąrts gegen den Feind! Auf in den schonungslosen Kampf, Genossen, f├╝r Stalingrad, f├╝r unsere Gro├če Heimat!

Tod den deutschen Okkupanten!

Der Oberbefehlshaber Generaloberst A. Jeremenko

Generalleutnant N. Chruschtschow

1. September 1942

(Piekalkiewicz, Janusz: Stalingrad. Anatomie einer Schlacht. M├╝nchen 1977, S.94.)

Die Wolga war an dieser Stelle mehr als zwei Kilometer breit, was das Fehlen von Br├╝cken ├╝ber den Strom erkl├Ąrte. Die einzige ├ťbersetzungsm├Âglichkeit waren F├Ąhrschiffe. Das Ostufer war nur d├╝nn besiedelt, alle wichtigen Geb├Ąude der Stadt lagen am Westufer, das stellenweise bis zu 150 Meter hoch war.

Stalingrad war das industrielle Zentrum des S├╝dens der Sowjetunion: Die Stahlgie├čerei "Roter Oktober" besch├Ąftigte 20.000 Mitarbeiter, und gleich daneben befand sich das von Amerikanern erbaute Traktorenwerk Dserschinski, das monatlich 250 Panzer vom Typ T 34 produzierte. Ebenfalls in Stalingrad war die Gesch├╝tzfabrik "Rote Barrikaden", und das Benzin f├╝r die Rote Armee produzierten die hier angesiedelten bedeutendsten ├ľlraffinerien des Landes.

Au├čerdem war Stalingrad ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Den verzweigten Gleisanlagen des Bahnhofs hatten die deutschen Piloten aufgrund ihrer eigent├╝mlichen Form den Namen "Tennisschl├Ąger" gegeben. Weiters waren die ├╝berdimensionalen Getreidesilos, die schon von weitem sichtbar waren, ein Wahrzeichen der Stadt.

Zarizyn - die Stadt der Zarin, wie Stalingrad fr├╝her hie├č - bekam den neuen Namen nach der Oktoberrevolution, in der Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, die Verteidigung der Stadt gegen die Wei├če Garde organisierte. Ihm zu Ehren wurde die Stadt 1924 umbenannt.

2.2 Der Angriff

Eben dieser Stalin hatte befohlen, bei Stalingrad den R├╝ckzug zu beenden, und gab den Befehl "Keinen Schritt zur├╝ck". Die Industriestadt war f├╝r die sowjetische R├╝stung einfach zu wichtig, und Stalin wollte sie um jeden Preis halten. In den Fabriken ├╝bernahmen nun die Frauen die Arbeit der M├Ąnner, denn diese standen an der Front. Jeder halbwegs kampff├Ąhige Zivilist wurde zu einer sogenannten Volkswehr oder gleich zur regul├Ąren Armee eingezogen, die restliche Bev├Âlkerung wurde aus Stalingrad evakuiert.

General Tschuikow, der Oberbefehlshaber der 62. Sowjetischen Armee, gab die Parole "Jeder Soldat eine Festung" aus, was in der Umsetzung bedeutete, dass jedes Sch├╝tzenloch, jede Stra├čenkreuzung, zum Bollwerk ausgebaut wurde. Diese Bollwerke sollten bis zur letzten Patrone gehalten werden.

Die Deutschen hatten Ende August 1942 die Stadt weitr├Ąumig eingeschlossen und mit dem Bombardement der Stadt begonnen. Sie versuchten die milit├Ąrischen Objekte und die R├╝stungsfabriken zu zerst├Âren, was auch gelang, da die deutsche Luftwaffe bald die Luftherrschaft errang und dadurch beinahe ungest├Ârt die Stellungen der Sowjets bombardieren konnte.

Der Angriff auf das Stadtgebiet Stalingrads begann am 13. September 1942[8], wobei die deutschen Truppen aufgrund des z├Ąhen Widerstandes nur langsam an Boden gewinnen konnten. Die deutschen Panzer, die in den offenen Feldschlachten so gl├Ąnzen konnten, waren in den Stra├čenk├Ąmpfen bei weitem nicht so wirkungsvoll.[9] Vor allem auch die sowjetischen Scharfsch├╝tzen, die paarweise k├Ąmpften, um sich gegenseitig abzudecken, machten den Deutschen zu schaffen, da sie sich kaum sichtbar hinter Tr├╝mmerhaufen und Panzerwracks versteckten und auf alles schossen, was sich bewegte.

Trotz all dieser Schwierigkeiten erreichten die Deutschen bereits am 14. September das Wolga-Ufer und eroberten auch an diesem Tag die Mamai-H├╝gel. Diese Anh├Âhe war der beherrschende Punkt des Stadtkerns. Nun konnte die deutsche Artillerie den Schiffsverkehr auf der Wolga sperren. Die Russen versuchten aufgrund der Wichtigkeit dieser H├╝gel sie sofort zur├╝ckzuerobern. Der Besitz der Mamai-H├╝geln wechselte w├Ąhrend der Schlacht ├Âfters, und die K├Ąmpfe um sie gingen fast ununterbrochen bis Ende Januar weiter.

Es ist eine H├Âlle: Dieser L├Ąrm und das Krachen, das andauernde Detonieren der Granaten aller Kaliber, das heulende Pfeifen der Geschosse in der Luft, der bei├čende und stinkende Pulverdampf und dazwischen der harte, fast pausenlose M├╝ndungsknall der Absch├╝sse der deutschen Batterien. Durch dieses Inferno m├╝ssen die st├╝rmenden Infanteristen hindurch. Sie m├╝ssen immer wieder ihr Herz vorwerfen, sie m├╝ssen tapfer und hart bleiben, z├Ąh und kaltbl├╝tig, und sie d├╝rfen in keiner Minute daran denken, dass sie in der n├Ąchsten Minute vielleicht nicht mehr leben oder verwundet liegenbleiben. Diese M├Ąnner entscheiden die Schlacht.

V├Âlkischer Beobachter, Oktober 1942

(Knopp: a.a.O., S. 175.)

Weiters waren die Getreidesilos und der Hauptbahnhof, der allein am 14. September f├╝nfmal den Besitzer wechselte, heftig umk├Ąmpft, jedoch gelang es den Deutschen auch diese Objekte zu erobern.

Am 15. September 1942 war Stalingrad gr├Â├čtenteils, bis auf die im Norden liegenden Industrieanlagen, in deutscher Hand, die Wolga als Schiffahrtsstra├če durchschnitten und Stalingrad als Verkehrszentrum ausgeschaltet. Auch die n├Ârdlichen Industrieanlagen waren bereits unter Beschu├č, so dass sie ihre Produktion einstellen mussten.

Stalingrad glich in der Zwischenzeit einem Tr├╝mmerhaufen und der Besitz dieses Ruinenfeldes konnte keinem mehr, weder dem Eroberer noch dem Verteidiger, einen Vorteil bringen, der auch nur im entferntesten in einem sinnvollen Verh├Ąltnis zu den Opfern an Mensch und Material stand.

Das in der F├╝hrerweisung Nr. 41 vom 5. April 1942 gesetzte Ziel dieser Operation war eigentlich erreicht. Doch Hitler wollte jetzt die vollst├Ąndige S├Ąuberung der restlichen besetzten Gebiete.[10]

Es ging nun nur mehr um das Prestige der Diktatoren h├╝ben und dr├╝ben. So sagte Hitler: "Keine Macht der Erde kriegt uns von dort wieder weg." Stalin: "Keinen Schritt zur├╝ck! Halten oder sterben!"[11]

W├Ąhrenddessen pr├Ąsentierten Stalins Gener├Ąle bereits erste Entw├╝rfe f├╝r eine Gegenoffensive bei Stalingrad. Die Operation "Uran" sah vor, die Deutschen mit ihrer eigenen Taktik zu schlagen: Eine aus zwei Armen bestehende Zange sollte die deutschen Belagerer in Stalingrad einkesseln.

F├╝r die Vorbereitungen zu diesem Plan brauchten die Sowjets allerdings Zeit, um zus├Ątzliche Kr├Ąfte und Verst├Ąrkung heranzuf├╝hren. Deshalb musste Stalingrad auf jeden Fall gehalten werden, um die Deutschen am weiteren Vormarsch zu hindern.

In Stalingrad zeigten die st├Ąndigen Aufrufe zum Ausharren bei den Verteidigern Wirkung. Entschlossen hielten sie ihre Stellungen und k├Ąmpften auch in aussichtsloser Situation weiter. Ihre Taktik dabei war, nicht passiv zu agieren, sondern den Gegner in aktiver Verteidigung zu vernichten. Das bedeutete, dass die Rote Armee den mit etwa zehn bis f├╝nfzehn Panzern angreifenden Deutschen drei bis f├╝nf Kampfwagen entgegenschickte, die ein paar Sch├╝sse abgaben und dann wieder im Gewirr der Stra├čen verschwanden, ohne eigene Verluste erlitten zu haben. Diese Taktik schw├Ąchte die deutschen Panzerverb├Ąnde erheblich.[12]

Au├čerdem konnten die Sowjets davon ausgehen, dass die Zeit auf ihrer Seite war: Der Winter stand vor der T├╝r. Am 16.September verwandelten starke Regenf├Ąlle die Tr├╝mmerlandschaft in eine Schlammw├╝ste, und Anfang Oktober fiel bereits der erste Schnee.

Ein weiteres Problem f├╝r die deutschen Truppen war der jede Nacht ├╝ber die Wolga gebrachte Nachschub. So kamen in der Zeit zwischen 15. September bis 3. Oktober 1942 sechs frische Infanteriedivisionen den Verteidigern zu Hilfe. Dabei nutzten die Sowjets das westliche Steilufer der Wolga, das f├╝r die deutsche Artillerie unerreichbar war. Hier sa├čen die St├Ąbe der Roten Armee, hier waren die Lazarette sowie die Munitionsdepots untergebracht, und hier waren ideale Sammelpl├Ątze und Ausgangspunkte f├╝r Gegenst├Â├če.

"Ich wollte zur Wolga kommen, und zwar an einer bestimmten Stelle, an einer bestimmten Stadt. Zuf├Ąlligerweise tr├Ągt sie den Namen von Stalin selber. Aber denken Sie nur nicht, dass ich aus diesem Grunde dorthin marschiert bin [...], sondern weil dort ein ganz wichtiger Punkt ist ... Den wollte ich nehmen, und - wissen Sie - wir sind bescheiden, wir haben ihn n├Ąmlich! Es sind nur noch ein paar kleine Pl├Ątzchen da."

Adolf Hitler am 8.November 1943.

(Knopp: a.a.O., S. 7.)

Am 26. September konnten die deutschen Truppen das Parteigeb├Ąude am Roten Platz erobern und hi├čten die deutsche Kriegsflagge. Doch der sich langsam einstellende Erfolg wurde verlustreich erk├Ąmpft. Jeder Stra├čenzug musste Meter um Meter erobert werden, die H├Ąuser Stockwerk f├╝r Stockwerk. Die Deutschen versuchten schwerpunktm├Ą├čig Teil um Teil der Stadt einzunehmen, das hei├čt, sie konzentrierten ihre Kr├Ąfte auf einen Angriffspunkt. So konnte es vorkommen, dass eine ganze Division (bestehend aus etwa 9500 Mann k├Ąmpfende Truppe[13]) auf einem nur 800 Meter breiten Frontstreifen angriff. Trotz alledem kamen die Deutschen kaum vorw├Ąrts: In den K├Ąmpfen um die Stahlgie├čerei "Roter Oktober" konnten sie beispielsweise in sechs Tagen nur vierhundert Meter an Boden erobern und mussten dazu noch den Angriff einstellen, da die Kampfkraft der Truppen nicht mehr ausreichte. Ganze Kompanien bestanden nur noch aus wenigen Mann und mussten aus dem Kampf genommen werden. Doch auch die sowjetischen Verb├Ąnde verloren in diesen K├Ąmpfen f├╝nfundsiebzig Prozent ihrer Soldaten. Deshalb entstanden ├Âfters Kampfpausen, die aber nur dazu dienten, die n├Ąchste Offensive vorzubereiten. Diese lie├č auch nicht lange auf sich warten, begann am 14. Oktober und hatte die Eroberung der Traktorenfabrik Dserschinski zum Ziel. Massives Artilleriefeuer und Bombenangriffe bereiteten den Angriff vor, der f├╝r die Deutschen erfolgreich verlief: Am n├Ąchsten Tag war das Traktorenwerk in deutscher Hand. Die sowjetischen Truppen konnten sich jetzt nur noch in einigen H├Ąuserblocks im Norden, genauer gesagt zwischen der Stahlgie├čerei "Roter Oktober" und der Gesch├╝tzfabrik "Rote Barrikaden", halten. Dieser Landstreifen war nur wenige hundert Meter breit und die Sowjettruppen wurden nun von allen Seiten angegriffen, verteidigten sich aber mit dem Mut der Verzweiflung. Die Deutschen kontrollierten nun neunzig Prozent der Stadt Stalingrad, waren aber kr├Ąftem├Ą├čig am Ende und konnten deshalb die Angriffe nicht sofort weiterf├╝hren.

2.3 Die Einkesselung

Die Vorbereitungen f├╝r die sowjetische Operation "Uran" liefen zu diesem Zeitpunkt bereits auf Hochtouren. Die planenden Gener├Ąle hatten den Abschnitt in der deutschen Front ausgemacht, der den Verb├╝ndeten der Deutschen anvertraut war. Dort standen Rum├Ąnen, Italiener und Ungarn, die von der deutschen Heeresf├╝hrung Aufgaben bekommen hatten, die nicht zu erf├╝llen waren: Einen 400 Kilometer langen Frontabschnitt mit unzureichenden Waffen und Material zu halten.

Das konnte nur gelingen, wenn die Rote Armee in diesem Frontabschnitt nicht angriff. Doch genau hier wollten die Sowjettruppen zuschlagen. Sie tarnten die Truppenaufm├Ąrsche so gut wie m├Âglich, doch die deutsche Luftaufkl├Ąrung entdeckte die Gefahr. Zus├Ątzlich erfuhr General Paulus aus Verh├Âren sowjetischer Gefangener von der Operation, wollte daraufhin die K├Ąmpfe in Stalingrad unterbrechen und die 6. Armee zur├╝cknehmen, um die gef├Ąhrdeten Flanken, wo die Rum├Ąnen, Ungarn und Italiener standen, zu st├Ąrken. Aber Hitler verbot ihm diesen Stellungswechsel, hatten ihm doch seine Statistiker und Informanten gemeldet, dass die Sowjetunion nicht mehr gen├╝gend Kr├Ąfte f├╝r eine Offensive h├Ątte.[14] So bestand er weiterhin auf die Einnahme Stalingrads und befahl einen neuerlichen Angriff auf die noch verbliebenen Stellungen der sowjetischen Truppen.

Am 19. November gelang es den deutschen Truppen im Zuge dieses Angriffs die Fabriken Dserschinski und Barrikady endg├╝ltig zu erobern. Doch am selben Tag begann die von den Verteidigern Stalingrads lang ersehnte Operation "Uran". Paulus brach daraufhin die Angriffe in Stalingrad ab und wartete auf Befehle des F├╝hrers, von dem aber nur ein Wartebefehl zu h├Âren war.

Die sowjetische Offensive war ein voller Erfolg. Ihre Panzer rollten ├╝ber die ohne Panzerabwehrwaffen ausgestatteten Stellungen der Verb├╝ndeten Deutschlands und stie├čen bereits am ersten Tag bis zu f├╝nfzig Kilometer weit vor. Die deutsche Heeresf├╝hrung hatte hier im S├╝den die Front ├╝berdehnt und konnte deshalb keine Reserven vorweisen. So stie├čen die Sowjets ohne gro├čen Widerstand n├Ârdlich und s├╝dlich von Stalingrad vor[15] und eroberten die f├╝r den deutschen Nachschub wichtige Br├╝cke von Kalatsch. Am 22. November trafen die Spitzen der beiden sowjetischen Zangenarme zusammen, die 6. Armee sa├č in der Falle.

Auf einer Fl├Ąche von rund 1.500 Quadratkilometern waren rund 300.000 Mann mit 1.800 Gesch├╝tzen, 100 Panzern, 10.000 Transportfahrzeugen und 50.000 Pferden eingekesselt.[16] Mit jedem weiteren Tag verst├Ąrkten die Sowjets den Ring um die Deutschen, es musste schnell gehandelt werden. F├╝r General Paulus, f├╝r seinen Stab und f├╝r viele Mitglieder des Oberkommandos der Wehrmacht war die Situation klar:

┬Ľ Die Nachschubdepots der 6. Armee waren in die H├Ąnde der Roten Armee gefallen, man verf├╝gte ├╝ber keine Reserven, und selbst der kleinste Kampf w├╝rde die Munitionsbest├Ąnde drastisch verringern.

┬Ľ Eine Versorgung aus der Luft k├Ânnte den Bedarf einer ganzen Armee nie decken, da so viele Transportflugzeuge einfach nicht vorhanden waren.

┬Ľ Da die Deutschen ├╝ber keine Reserven mehr verf├╝gten, konnte mit einer Verst├Ąrkung oder einem Befreiungsversuch von au├čen nicht gerechnet werden.

Diese drei Punkte lie├čen nur eine Schlu├čfolgerung zu: Durchbruch der Truppen des Kessels in Richtung der deutschen Front oder Untergang in wenigen Tagen.

Doch wieder einmal setzte sich Hitler ├╝ber alle Empfehlungen seines Generalstabes hinweg und Verbot den R├╝ckzug. " Halten und verteidigen"[17] lautete die Devise.

Ein f├╝r viele v├Âllig unverst├Ąndlicher Befehl, w├Ąre doch zu diesem Zeitpunkt ein Ausbruch der 6. Armee aus dem Kessel durchaus m├Âglich gewesen. Welche Gr├╝nde bewegten Hitler zu dieser Fehlentscheidung?

┬Ľ Hitler wollte Stalingrad nicht aufgeben, denn dies h├Ątte den Verzicht auf den wesentlichsten Erfolg der Offensive dieses Jahres bedeutet.

┬Ľ Eine Fehleinsch├Ątzung der Lage lie├č Hitler glauben, Teile der 3. und 4. rum├Ąnischen Armee und der 4. Panzerarmee k├Ânnten die eingekesselten Verb├Ąnde in Stalingrad freik├Ąmpfen, den Nachschub wiederherstellen und die Rote Armee zu ihren urspr├╝nglichen Stellungen zur├╝ckwerfen. Daf├╝r waren diese Kr├Ąfte aber viel zu schwach.

┬Ľ G├Âring, Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, versprach Hitler, dass seine Luftwaffe die Versorgung der 6. Armee aufrechterhalten k├Ânnte.

┬Ľ Schon einmal war es den deutschen Truppen w├Ąhrend des Ru├člandfeldzuges gelungen, einen Kessel zu halten und die eingeschlossenen Einheiten zu befreien. Dieser Kessel war im Januar 1942 bei Demjansk entstanden und musste monatelang aus der Luft versorgt werden. Erst im April konnte der Kessel durch einen Befreiungsversuch von au├čen gesprengt werden. Doch es gab zahlreiche Unterschiede zwischen den beiden Kesseln: Da der Kessel bei Demjansk nur etwa f├╝nfunddrei├čig bis vierzig Kilometer von der Front entfernt war, waren die Anflugstrecken f├╝r die Versorgungsflugzeuge bei diesem Kessel viel k├╝rzer. Au├čerdem waren im Kessel von Demjansk nur etwa 100.000 Mann, also nur ein Drittel im Vergleich zu Stalingrad.

Paulus konnte nichts gegen Hitlers Befehl machen und wies auf seine Pflicht zum Gehorsam hin. Das war das Dilemma der deutschen Offiziere. Befehl war Befehl. Auch wenn dadurch das Schicksal einer ganzen Armee besiegelt wurde.

2.4 Die Luftversorgung des Kessels

Die nun begonnene Luftversorgung konnte nie die Menge an Versorgungsg├╝tern nach Stalingrad einfliegen, die ben├Âtigt wurde. Der Stab der 6. Armee verlangte 600 Tonnen an Munition, Treibstoff, Futter und Lebensmittel t├Ąglich, bekam vom Oberkommando des Heeres aber nur 300 Tonnen zugesagt. Doch selbst diese 300 Tonnen konnten aufgrund des Mangels an Transportflugzeugen an keinem einzigen Tag erreicht werden. Im Schnitt gelang es gerade einmal, rund 95 Tonnen an Versorgungsg├╝tern t├Ąglich in den Kessel zu bringen.[18]

Die Sowjets ihrerseits versuchten nat├╝rlich alles, um die Luftversorgung der 6. Armee zu unterbrechen. So wurden in den Einflugschneisen der deutschen Transportflugzeuge hunderte von Fliegerabwehrstellungen installiert, falsche Funkspr├╝che ausgesendet, die die deutschen Piloten oft auf russische Landebahnen irreleiteten, und massenhaft Jagdmaschinen in die L├╝fte geschickt, um die Transportmaschinen abzuschie├čen. Diese Ma├čnahmen veranlasste die deutsche Luftwaffe dazu, die Transportmaschinen nur noch in der Nacht fliegen zu lassen. Im Laufe der Belagerung Stalingrads fielen 550 Flugzeuge aus, rund ein Drittel der eingesetzten Maschinen. Doch nicht nur die sowjetische Luftabwehr war f├╝r diese Verluste verantwortlich, auch der russische Winter verursachte immer wieder Ausf├Ąlle aufgrund von Vereisungen der Motoren und Tragfl├Ąchen oder aufgrund von Schnee blockierten Start- bzw. Landebahnen.

Bei der so begrenzten Transportkapazit├Ąt bestand die Wahl zwischen Munition und Nahrung, die Verteidigung war jedoch wichtiger als die Versorgung der Soldaten mit Lebensmitteln. Aus diesem Grund waren die Verpflegungss├Ątze schon zu Beginn der Belagerung gek├╝rzt worden, und am 8.Dezember wurden sie noch einmal gek├╝rzt: F├╝r jeden Soldaten gab es t├Ąglich 200 Gramm Brot, 200 Gramm Pferdefleisch, 75 Gramm Frischwurst und drei Zigaretten. Eine Woche sp├Ąter musste die Brotration erneut halbiert werden. 100 Gramm, also zwei Scheiben Brot, sollten nun ausreichen.

Der Kessel hatte in den ersten Dezembertagen 1942 eine Form angenommen, die bis in die zweite Januarwoche 1943 hinein beinahe unver├Ąndert blieb.

2.5 Operation "Wintergewitter"

Am 12. Dezember begann die Operation "Wintergewitter", der Versuch der Befreiung der eingekesselten Truppen durch die 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hoth, aus dem Raum von Kotelnikowo in Richtung Nordost. Die Rote Armee, von diesem Angriff v├Âllig ├╝berrascht, mobilisierte ihre Reserven, konnte die Deutschen anfangs aber nicht stoppen. Die Operation "Wintergewitter" sah vor, die 4. Panzerarmee so knapp wie m├Âglich an den Kessel heranzuf├╝hren und gleichzeitig die 6. Armee in Richtung der Befreier ausbrechen zu lassen.[19] Hinter der 4. Panzerarmee wartete ein Tro├č mit 3000 Tonnen Versorgungsg├╝tern f├╝r die Truppen im Kessel. Am 19. Dezember standen Hoths Truppen nur mehr 48 Kilometer vom Kessel entfernt und warteten auf den Ausbruchsversuch der 6. Armee. Doch Hitler wollte den Befehl zum Ausbruch nicht geben, er konnte einfach nicht einsehen, dass Stalingrad verloren war.

Die 4. Panzerarmee wartete fast eine Woche, musste aber am 24. Dezember ihre Stellungen aufgeben. Die Sowjettruppen waren am mittleren Don durchgebrochen, und es bestand die Gefahr, dass die gesamte Heeresgruppe A, rund eineinhalb Millionen Mann, im Kaukasus abgeschnitten werden w├╝rden. Die 4. Panzerarmee musste umkehren und somit war der Entsatzversuch gescheitert. Der Untergang der 6. Armee in Stalingrad war nur noch eine Frage der Zeit.

Am 26. Dezember wurde die Brotration noch einmal gek├╝rzt, jetzt auf 50 Gramm pro Tag und Kopf. Selbst die Infanteriemunition war so knapp, dass mit Ausnahme der Abwehr gegnerischer Angriffe, Schie├čverbot bestand.

Am 9. Januar 1943 boten die Sowjets den Deutschen die ehrenvolle Kapitulation an. Paulus lehnte aber ab, da er glaubte, was ihm das F├╝hrerhauptquartier sagte: Die 6. Armee binde durch ihren Kampf 60 gro├če Verb├Ąnde der Sowjets und sch├╝tze so die beiden Heeresgruppen am Don und im Kaukasus.[20]

2.6 Die endg├╝ltige Vernichtung

Am n├Ąchsten Tag, dem 10. Januar 1943, begann der gro├če sowjetische Generalangriff auf den Kessel.[21] Die massierten Angriffe der Roten Armee brachten schnell Erfolg. In nur zwei Tagen gelang es den sowjetischen Truppen, das von den Deutschen kontrollierte Gebiet um die H├Ąlfte zu verkleinern. Auch der Flugplatz Pitomnik wurde erobert, wodurch die deutschen Versorgungsflugzeuge nur noch in Gumrak, dem zweiten, aber viel kleineren Flugplatz des Kessels, landen konnten.

Im Kessel herrschte nach dem Angriff nur noch R├╝ckzug zur Stadtmitte. Die einzelnen Truppenteile der 6. Armee hatten untereinander kaum mehr Verbindung, jede Einheit, jeder Trupp k├Ąmpfte auf eigene Faust, solange die Munition reichte.

Generaloberst Paulus erkannte nun die Sinnlosigkeit einer Weiterf├╝hrung des Kampfes und sendete am 21.Januar einen Funkspruch zum F├╝hrerhauptquartier ab:

"Truppe ohne Munition und Verpflegung, Aufl├Âsungserscheinungen an der S├╝d-, Nord- und Westfront. 18.000 Verletzte ohne Mindesthilfe an Verbandszeug und Medikamenten. Front infolge starker Einbr├╝che vielseitig aufgerissen. Weitere Verteidigung sinnlos. Zusammenbruch unvermeidbar. Armee erbittet, um noch vorhandene Menschenleben zu retten, sofortige Kapitulationsgenehmigung."[22]

Selbst die Sowjets hatten bereits das Gros der Truppen rund um Stalingrad abgezogen, nur noch drei Gardedivisionen sollten den Kampf mit der 6. Armee zu Ende f├╝hren. Somit war auch die letzte Aufgabe der 6. Armee, starke feindliche Kr├Ąfte zu binden, nicht mehr aktuell.

Doch ein Mann sah alles anders. Hitler wollte sich den zehnten Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht tr├╝ben lassen und verbot starrsinnig die Kapitulation, es sollte bis zur letzten Patrone gek├Ąmpft werden.

Wie dieser Kampf aussah, beschrieb General von Seydlitz, der Befehlshaber des 51.Armeekorps in Stalingrad:

"Elende und ausgemergelte Gestalten leichter Verwundeter trieben sich zu Hunderten in der Stadtmitte herum ... Am furchtbarsten aber waren die Zust├Ąnde in den als Notfeldlazaretten eingerichteten Schulen. Vor diesen Geb├Ąuden, auf den Korridoren und in den Zimmern lag alles dicht gedr├Ąngt voll mit Schwer- und Schwerstverwundeten und Sterbenden. Die wenigen ├ärzte waren au├čerstande, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Kein Verbandsmaterial, keine Medikamente, keine Verpflegung! Die Toten wurden nur noch an den Au├čenseiten der Geb├Ąude meterhoch aufgeschichtet. Dazu eisige K├Ąlte und st├Ąndig ├╝ber die kahle Steppe treibender Schnee. Unvorstellbar, was hier das Auge sah: Es war die H├Âlle auf Erden! So sah der "Kampf bis zur letzten Patrone" aus."[23]

Als am 22. Januar auch noch der Flugplatz Gumrak in sowjetische Hand fiel, war es mit der Versorgung endg├╝ltig vorbei. Nur noch wenig Material gelangte durch Abw├╝rfe in den Kessel.

Von nun an ging es schnell. Der Kessel wurde in zwei Teile gespalten. Am 28. Januar 1943 war die Versorgungslage so schlecht, dass der Befehl gegeben wurde, an Verwundete und Kranke keine Verpflegung mehr auszugeben, damit wenigstens die k├Ąmpfende Truppe genug zum Essen hatte. So lagen nun rund 20.000 Verwundete in den Kellern der Ruinen von Stalingrad und hatten weder Verpflegung noch medizinische Versorgung.

2.7 Die Kapitulation

Am 31. Januar 1943 besetzten die Sowjets das Hauptquartier der 6. Armee im s├╝dlichen Teil des Kessels und nahmen den inzwischen zum Generalfeldmarschall bef├Ârderten Paulus und seinen Stab gefangen. Zwei Tage nach dem s├╝dlichen, kapitulierte auch der n├Ârdliche Kessel am 2. Februar 1943.

72 Tage hatten die verlustreichen und erbitterten K├Ąmpfe im Kessel von Stalingrad gedauert. Nach zweieinhalb Monaten voll Hunger und K├Ąlte hielten noch rund 100.000 Soldaten in den Ruinen der Stadt aus. 45.000 Verwundete oder Spezialisten hatten das Gl├╝ck, rechtzeitig ausgeflogen zu werden. Doch 145.000 M├Ąnner blieben tot auf dem Schlachtfeld zur├╝ck.[24]

Damit hatten vierzehn Infanteriedivisionen, drei Panzerdivisionen, drei motorisierte Divisionen, eine Fliegerabwehrdivision, sowie zwei rum├Ąnische Divisionen zu existieren aufgeh├Ârt.

Tausende deutsche Gefangene ├╝berlebten die langen Fu├čm├Ąrsche in die Gefangenschaft durch die Steppe nicht; zu ausgehungert und ersch├Âpft waren sie. Zehntausende starben w├Ąhrend der harten Gefangenschaft in den sowjetischen Lagern. 6.000 kehrten Jahre sp├Ąter wieder in ihre Heimat zur├╝ck - 6000 von ├╝ber 300.000.

3. Die Folgen der Schlacht

Nach der verlorenen Schlacht zogen sich die Deutschen weiter zur├╝ck. Der Kaukasus musste ger├Ąumt werden, und einer weiteren Einkesselung bei Demjansk entgingen zw├Âlf deutsche Divisionen Anfang M├Ąrz 1943 nur knapp.[25]

Die Russen wollten nun, mit schnellen Panzerspitzen zum Dnjepr vorzusto├čen, doch konnten die Deutschen ihre Gebiete noch verteidigen. Feldmarschall von Manstein plante sogar einen gro├č angelegten Gegenangriff im Raum Kursk, das Unternehmen "Zitadelle". Hierf├╝r stellte Hitler ihm eine riesige Angriffsmacht zur Verf├╝gung. 3600 Panzer und 1850 Flugzeuge, also genau so viele wie die gesamte Wehrmacht zu Beginn des Ru├člandfeldzuges hatte, wurden nun f├╝r eine Schlacht aufgeboten.

Das ├ťberraschungsmoment war bei dieser Operation ausschlaggebend, doch Hitler z├Âgerte mit dem Angriffsbefehl zu lange. So wurde der Aufmarsch der gro├čen deutschen Verb├Ąnde von den Sowjets entdeckt, die nun ihrerseits gen├╝gend Zeit hatten, vierzig Prozent ihres Feldheeres in dieses Gebiet zu verlegen, um dort ein riesiges Verteidigungssystem aufzubauen.

Der Angriff, der am 5.Juli 1943 begann, kam nie so richtig in Schwung. Zwar kamen die deutschen Verb├Ąnde langsam voran, doch diese Gebietsgewinne standen in keinem Verh├Ąltnis zu den enormen Verlusten, die durch das gut angelegte sowjetische Verteidigungssystem entstanden. Ganze Einheiten bluteten aus und waren bereits nach wenigen Tagen nicht mehr einsatzf├Ąhig. Als dann noch die Westalliierten auf Sizilien landeten, war die Gefahr einer zweiten Front unmittelbar gegeben, und der Angriff bei Kursk wurde abgebrochen. Die dortigen Angriffsdivisionen wurden zur Sicherung Italiens ben├Âtigt.

Die Schlacht bei Kursk hatte die deutschen Reserven endg├╝ltig aufgebraucht, ├╝berall war die Frontlinie nur mehr von d├╝nnen Verb├Ąnden besetzt. Die ├ťberlegenheit der Sowjets gegen├╝ber den Deutschen zeigte das Verh├Ąltnis von 6:1 bei der Artillerie und den Panzern. Gegen diese ├ťbermacht hatten die deutschen Truppen keine Chance und waren deshalb gezwungen, hinter den Dnjepr zur├╝ckzugehen, da dieser Flu├č ganz gute nat├╝rliche Verteidigungsstellungen gegen die Angreifer aus dem Osten bot.

Die Schlacht von Stalingrad war die psychologische Wende im Ru├člandfeldzug, aber die taktische Wende war die Schlacht von Kursk. Von nun an ging es f├╝r die deutschen Truppen nur noch zur├╝ck Richtung Westen, sie konnten die sowjetische ├ťbermacht nicht mehr aufhalten.

4. Die Kriegsgefangenschaft

Die rund 90.000 Gefangenen der 6. Armee von Stalingrad waren keineswegs von ihren Qualen erl├Âst. Sie traten nun die langen M├Ąrsche in die Kriegsgefangenenlager an, die meistens hunderte Kilometer entfernt von Stalingrad lagen.

Von nun an schlug der Tod nur mehr lautlos zu. Die durch die ungeheuren Strapazen, den Hunger, die K├Ąlte und den Verlust jeder Hoffnung geschw├Ąchten deutschen Soldaten waren zu keinem Widerstand mehr f├Ąhig, sie starben meistens im Schlaf, still und leise.

Doch auch die Russen litten unter Hunger, da die Infrastruktur in und um Stalingrad v├Âllig zerst├Ârt war. Es gab keine Eisenbahn, keinen Schiffsverkehr und auch keine Br├╝cken. Nur mit Pferdeschlitten konnten die Russen ihre eigenen Leute notd├╝rftig versorgen.[26] Zus├Ątzlich stellte die Verpflegung von ├╝ber 90.000 Gefangenen der Deutschen 6. Armee eine fast unl├Âsbare Aufgabe dar, da man sie nicht nur mit Essen versorgen, sondern auch irgendwo unterbringen und bewachen musste.

Schon die langen und kr├Ąfteraubenden M├Ąrsche in die Kriegsgefangenenlager ├╝berlebten viele der Soldaten nicht, und in den Lagern erwartete sie oft harte Arbeit bei nur unzureichender Nahrung. Hinzu kamen noch Seuchen und andere Krankheiten, die den ohnehin schon geschw├Ąchten K├Ârpern den letzten Rest gaben.

Die Kriegsgefangenen wurden entweder in den Bergbau geschickt, oder sie mussten die Kriegssch├Ąden in der Sowjetunion beseitigen, d.h., sie wurden im Stra├čenbau oder f├╝r ├Ąhnliche Arbeiten eingesetzt.

Anfang 1946 begann die R├╝ckkehr der ersten Kriegsgefangenen, die letzten kehrten erst Jahre sp├Ąter zur├╝ck. Unter diesen letzten befanden sich meist Offiziere und spezialisierte Arbeiter, die in der Sowjetunion noch l├Ąnger ben├Âtigt wurden. Doch diese Heimkehrer hatten zu Hause immer noch genug Probleme, der Krieg hatte H├Ąuser, Wohnungen oder oft auch das Familiengl├╝ck zerst├Ârt. Oft schafften es die Heimkehrer nicht, den Krieg und seine Erlebnisse zu verarbeiten, sie verfielen in Depressionen oder wurden zu Alkoholikern. Die Geschehnisse in diesem unmenschlichen Gemetzel um Stalingrad hatten viele abgestumpft und in ihrem Wesen ver├Ąndert. Einige sind daran zerbrochen.

5. Interview mit einem Zeitzeugen

a) Otmar Rasteiger, geboren 1922, wurde im Herbst 1941 mit neunzehn Jahren zur Wehrmacht eingezogen. Schon sehr bald wurde er zum Gefreiten bef├Ârdert und f├╝hrte einen Funktrupp der B-Stelle (Beobachtungsstelle) in der 3. Gebirgsdivision, Gebirgsartillerieregiment 112. Die 3. Gebirgsdivision war im Winter 1941/42 in Norwegen untergebracht, wurde dann zuerst nach Leningrad verlegt und war schlie├člich im Sommer 1942 im Donezbogen, im Raum Woroschilowgrad - Stalino, das ist ca. 300 Kilometer westlich von Stalingrad, stationiert.

Interviewer: K├Ânnen Sie mir einen Kampf zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee beschreiben?

O. Rasteiger: Der Russe hatte sich eingeigelt, auf einer Bahnlinie. Beim Angriff, beim ersten Angriff, musste ich mit meinem Funktrupp mit den Panzern und Sturmgesch├╝tzen ├╝ber ein Minenfeld vorr├╝cken. Links und rechts sind die Minen hochgegangen, da hat man gesehen wie unsere J├Ąger in die Luft flogen, wie die F├╝├če und die H├Ąnde st├╝ckweise irgendwohin hinflogen. Da ich noch unerfahren war, bin ich mit meinem Funktrupp immer neben einem Panzer in Deckung gegangen. Das war falsch. Gerade auf die Panzer hat der Russe die gr├Â├čten Kanonen gefeuert, damit der Panzer ja nicht bis zu seinen Stellungen kommt. Wie wir damals ohne Verwundung, und ├╝berhaupt am Leben geblieben sind, das grenzt ja an ein Wunder.

Interviewer: Gibt es etwas, das sie damals sehr beeindruckt hat, etwas, das sie im Ged├Ąchtnis behalten haben?

O. Rasteiger: Ja, wie wir einmal verlegt worden sind, sind wir nach Emga gekommen. Dort war ein gro├čer Soldatenfriedhof, da hat man keinen Stahlhelm mehr gesehen und kein Kreuz und nichts, man hat nur gewu├čt: Da liegen hunderte oder tausende Landser.

Interviewer. Hatten sie damals gen├╝gend warme Kleidung f├╝r den Winter?

O. Rasteiger: Wir haben so etwas schon gehabt, aber den strengen Winter, der zuvor war, den hatten wir nicht mitgemacht, zu dieser Zeit waren wir in Norwegen. Die hatten damals ja derartige Erfrierungen. W├Ąhrend des n├Ąchsten Winters, mussten wir aber bei minus achtzehn Grad bis minus zweiundzwanzig Grad wochenlang auf dem festgefrorenen Eis hausen und ├╝berleben, kein Dach und keinen Strohschober hatten wir.

Interviewer: Wie hat der Krieg f├╝r Sie geendet?

O. Rasteiger: Ich geriet dann gegen Kriegsende in Gefangenschaft.

Interviewer: Wie haben Sie die Gefangenschaft erlebt?

O. Rasteiger: F├╝r mich war die russische Gefangenschaft furchtbar. Ich war im Strafgebiet Tula, das ist ca. 80 Kilometer s├╝dlich von Moskau. Dort gab es eine unendliche Ebene und alle zwanzig bis drei├čig Kilometer ist ein Schachtturm gestanden, f├╝r den Kohlebergbau, und daneben die Baracken. Ich habe im Schacht "Zwanzig" gearbeitet, die Aufseher waren lauter russische Str├Ąflinge. Am ersten Tag, an dem wir in den Schacht eingefahren sind, da haben sie gleich zwei Landser von uns erschlagen. Am n├Ąchsten Tag hat es gehei├čen: "Antreten", und die Lagerkommandantur hat gesagt, wir br├Ąuchten keine Angst mehr zu haben, die d├╝rfen keine Landser mehr erschlagen. Darauf haben unsere Offiziere und wir gesagt: "Ja, weil wir sterben auch so." Wir bekamen damals Wassersuppe und 300 Gramm Brot, gerade dass man nicht verhungerte. Die Russen haben das zwar nicht gesagt, aber sie haben es sich bestimmt gedacht.

Interviewer: Wann sind Sie aus der Gefangenschaft heimgekehrt?

O. Rasteiger: 1948. Ende Feber 1948. In diesem Lager, wo wir waren, haben wir f├╝nf Wochen kein Wasser gehabt, wir waren kohlschwarz, wir haben uns mit Urin gewaschen. Erst als wir Gefangene dann eine kl├Ągliche, tropfende Quelle von au├čen herein geleitet haben und wir Tr├Âge gebaut haben, konnten wir uns waschen. Nach jeder Schicht haben wir uns gewaschen. Die Tr├Âge waren schon bald total verfuselt, die Bretter waren ja nicht fein, sie waren voll mit Bazillen.

Wir haben Kr├Ątze gehabt, ich selber habe Kr├Ątze am Hals und auf der Brust gehabt. Das ist eine gro├če "Raude" und unterhalb ist alles gelb und Schaum, und es rinnt ab so wie Eiter. Mein Leben hat mir damals die Musik gerettet, wir haben einen deutschen Oberarzt gehabt, der bei uns im Revier war, und eine Krankenschwester. Doktor haben wir sagen m├╝ssen zu ihr, dabei hat sie ja nicht einmal verbinden k├Ânnen. Diese Krankenschwester war so vernarrt in den Oberarzt, dass sie ihm eine Geige besorgt hat. Eines Nachmittags, nach meiner Schicht, spielte dieser Oberarzt auf seiner Geige, ich setzte mich vor sein Fenster, und er sah mich und sagte: "Spielst Du vielleicht auch Geige?" Und ich habe "ja" gesagt, das war alles.

Als wir dann wieder zur Schicht mussten, nackt und mit Kr├Ątze, erkannte mich dieser Oberarzt wieder und sagte: "Sobald ich welche Medikamente bekomme, bist du einer der ersten, den ich behandle." Siehe da, es hat nicht lang gedauert, da ist eine Salbe von Moskau gekommen, und er hat mich behandelt. Das hat mir mein Leben gerettet.

Kurz gesagt, wir waren gut 2.000 Landser dort im Lager und innerhalb von sechs Monaten waren wir nur mehr 456, die anderen sind alle gestorben. Im Winter, wenn einer gestorben ist, hat man ihn auf den Dachboden gegeben, und da haben die Russen, unsere Aufseher, dem Toten noch die Zeltplane gestohlen, weil sie ja selber nichts gehabt haben. Die waren ja so arm, die haben selber nichts zum Essen gehabt. Jetzt kann man sich leicht ausrechnen, wie arm wir erst waren, nur haben wir die leise Hoffnung gehabt, dass wir doch wieder einmal nach Hause kommen. Aber bei denen war es sehr fraglich, ob die wieder einmal heim kommen werden, weil der eine von Wladiwostok, der andere von Minsk, der n├Ąchste von Moskau war.

Interviewer: Denken Sie heute noch oft an den Krieg zur├╝ck?

O. Rasteiger: Ja, zum Beispiel wenn ich einen Kriegsfilm sehe oder in der Zeitung etwas lese, wie ├╝ber die Wehrmachtsausstellung, wie man uns jetzt hinstellt als Kriegsverbrecher. Ich denke nur, unsere jungen Menschen m├╝ssen ja auch einr├╝cken und einen Eid f├╝r das Vaterland ableisten, bei uns damals war es halt f├╝r F├╝hrer, Volk und Vaterland. Wir haben ja nicht f├╝r die braunen Massen gek├Ąmpft, ich kann mich gut erinnern, wenn einer gekommen ist, so ein junger Offizier, dann haben wir gesagt: "Aha, das ist auch so ein Goldfasan, so ein NSDAPler, so ein Nationalsozialist, das haben wir Soldaten gesagt, wir konnten diese Menschen nicht leiden. Die waren ja nur Fanatiker und wollten nur hohe Auszeichnungen. Ich denke da an einen Angriff. Da haben wir einen jungen Leutnant gehabt, einen Bayern, und die Russen haben mit ihren "Ur├Ą - ur├Ą - Rufen" angegriffen. Wir an der B-Stelle wu├čten ja was los ist, weil wir ja daran gew├Âhnt waren, aber die J├Ąger, die Buben, die haben fast geweint vor lauter Angst. Wir haben gesagt: "Burschen, das machen wir schon", und der junge Offizier hat gebr├╝llt: "Raus, Angriff, raus!" Wir haben aber auch ein paar alte, erfahrene J├Ąger dabei gehabt, und auf der Latrine haben die dann gesagt: "Dem ziehen wir einmal eine dr├╝ber."

Siehe da, bei einem Angriff, der junge Leutnant voran, hat ihn wahrscheinlich einer von hinten erschossen. Sie haben n├Ąmlich gesagt: "Gescheiter einer, als zehn oder f├╝nfzehn von uns da." Solche, wie der Leutnant, das waren die verirrten Nazis, aber das war eine Seltenheit, wenn man so einen gehabt hat.

Interviewer: Wie hat der Krieg ihr Leben beeinflu├čt?

O. Rasteiger: Na ja, schon sehr. Wir waren damals arm. Der Hitler ist hereingekommen und die Leute haben auf einmal was gehabt. Die Bergarbeiter haben auf einmal ein Bad gehabt, die sind sauber nach Hause gegangen. Wir selber haben das erste Mal eine Wurst gesehen und eine Wurst gekriegt. Es herrschte ja Armut, und so waren wir nat├╝rlich begeistert.

Und wenn wir von den Juden etwas geh├Ârt haben, dann haben wir uns nichts gedacht, wir sind ja so erzogen worden, oder wir dachten, wahrscheinlich sind das wirklich solche Hundianer. Mit diesem Glauben und mit dieser Einstellung sind wir auch einger├╝ckt. Von diesen gro├čen Schandtaten, von denen man heute oft berichtet, wu├čten wir ja gar nichts. Wir haben nur geh├Ârt, dass die Amerikaner oder die Engl├Ąnder Dresden oder K├Âln zusammengehaut haben, 60.000 Kinder, Frauen, M├╝tter und deren S├Âhne und M├Ąnner schwer verwundet oder tot waren. Die Flieger sind einfach dr├╝ber geflogen und haben ihre Bomben abgeworfen. 60.000 Menschen in einer Nacht, aber Zivilisten und keine Soldaten, tot. Von dem h├Ârt und sieht man heute nichts, im Vergleich zu der Wehrmachtsausstellung.

Bei den Soldaten waren wahrscheinlich auch Blindg├Ąnger dabei, aber im allgemeinen sagen viele, auch Engl├Ąnder und Amerikaner, dass der deutsche Soldat der zivilisierteste und anst├Ąndigste in der ganzen Welt war.

6. Letzte Briefe aus Stalingrad[27]

... Du bist mein Zeuge, dass ich mich immer gestr├Ąubt habe, weil ich Angst vor dem Osten hatte, vor dem Kriege ├╝berhaupt. Ich war nie Soldat, immer nur uniformiert. Was habe ich davon? Was haben die anderen davon, die sich nicht gestr├Ąubt haben und keine Angst hatten? Ja, was haben wir davon? Wir, die Statisterie des leibhaftigen Unsinns? Was haben wir vom Heldentod? Ich habe den Tod ein paar dutzendmal auf der B├╝hne gespielt, aber nur gespielt, und Ihr sa├čt im Pl├╝schsessel davor, und mein Spielen vom Tode erschien Euch echt und wahr. Es ist ersch├╝tternd zu erkennen, wie wenig das Spiel mit dem Tode zu tun hatte.

Der Tod musste immer heroisch sein, begeisternd, mitrei├čend, f├╝r eine gro├če Sache und aus ├ťberzeugung. Und was ist es in Wirklichkeit hier? Ein Verrecken, Verhungern, Erfrieren, nichts weiter wie eine biologische Tatsache, wie Essen und Trinken. Sie fallen wie die Fliegen, und keiner k├╝mmert sich darum und begr├Ąbt sie. Ohne Arme und Beine und ohne Augen, mit zerrissenen B├Ąuchen liegen sie ├╝berall. Man sollte davon einen Film drehen, um den "sch├Ânsten Tod der Welt" unm├Âglich zu machen. Es ist ein viehisches Sterben, das sp├Ąter einmal auf Sockeln aus Granit mit "sterbenden Kriegern", die Binde um den Kopf oder den Arm, veredelt wird.

Hymnen, Romane und Weihges├Ąnge werden geschrieben und ert├Ânen. Und in den Kirchen wird man Messen lesen. Ich mache das nicht mehr mit, denn ich habe keine Lust, in einem Massengrabe zu verfaulen. An Professor H... schrieb ich ├ähnliches. Du und er werdet von mir wieder h├Âren. Wundert Euch nicht, wenn es eine Zeitlang dauert, denn ich habe beschlossen, mein Schicksal in meine eigenen H├Ąnde zu nehmen.

... In Stalingrad die Frage nach Gott stellen, hei├čt sie verneinen. Ich muss Dir das sagen, lieber Vater, und es ist mir doppelt leid darum. Du hast mich erzogen, weil mir die Mutter fehlte, und mir Gott immer vor die Augen und die Seele gestellt.

Und doppelt bedaure ich meine Worte, weil es meine letzten sein werden, und ich hiernach keine Worte mehr sprechen kann, die ausgleichen k├Ânnten und vers├Âhnen.

Du bist Seelsorger, Vater, und man sagt in seinem letzten Brief nur das, was wahr ist oder von dem man glaubt, dass es wahr sein k├Ânnte. Ich habe Gott gesucht in jedem Trichter, in jedem zerst├Ârten Haus, an jeder Ecke, bei jedem Kameraden, wenn ich in meinem Loch lag, und am Himmel. Gott zeigte sich nicht, wenn mein Herz nach ihm schrie. Die H├Ąuser waren zerst├Ârt, die Kameraden so tapfer oder so feige wie ich, auf der Erde war Hunger und Mord, vom Himmel kamen Bomben und Feuer, nur Gott war nicht da. Nein, Vater, es gibt keinen Gott. Wieder schreibe ich es und wei├č, dass es entsetzlich ist und von mir nicht wiedergutzumachen. Und wenn es doch einen Gott geben sollte, dann gibt es ihn nur bei Euch, in den Gesangb├╝chern und Gebeten, den frommen Spr├╝chen der Priester und Past├Âre, dem L├Ąuten der Glocken und dem Duft des Weihrauches, aber in Stalingrad nicht.

... Dieser Brief f├Ąllt mir schon schwer, wie schwer wird er Dir erst sein! Es ist leider keine gute Nachricht, die in diesem Briefe steht. Und sie ist auch dadurch nicht besser geworden, dass ich zehn Tage gewartet habe. Nun hat sich unsere Lage so verschlimmert, dass die Bef├╝rchtung laut wurde, bald v├Âllig von der Au├čenwelt abgeschnitten zu sein. Es wurde vor kurzem versichert, dass diese Post noch bestimmt abgeht. Wenn ich w├╝├čte, dass es noch eine andere Gelegenheit g├Ąbe, dann w├╝rde ich noch warten, aber ich wei├č es eben nicht, und wohl oder ├╝bel muss ich mit der Sprache heraus. Der Krieg ist f├╝r mich aus.

Ich liege im Lazarett in Gumrak und warte auf den Abtransport mit dem Flugzeug. So sehns├╝chtig ich auch warte, immer verschiebt sich der Termin wieder. Dass ich heimkomme, ist eine gro├če Freude f├╝r mich und auch f├╝r meine liebe Frau, die Du doch bist. Wie ich aber nach Hause komme, wird Dir keine Freude sein. Ich bin ganz verzweifelt, wenn ich daran denke, als Kr├╝ppel vor Dir zu liegen. Aber Du musst es doch einmal wissen, dass meine Beine abgeschossen sind.

Ich will es ganz ehrlich schreiben. Das recht Knie ist ganz zerschmettert und unterm Knie amputiert und das linke am Oberschenkel abgenommen. Der Oberarzt meint, mit Prothesen k├Ânnte ich herumlaufen wie ein Gesunder. Der Oberarzt ist ein guter Mann, und er meint es auch gut. Ich w├╝nschte, dass er recht bekommt. Nun wei├čt Du es schon vorher. Liebe Elise, ich m├Âchte nur wissen, was Du denkst. Ich habe den ganzen Tag Zeit und denke nur daran. Und meine Gedanken besch├Ąftigen sich viel mit Dir. Ich habe mir auch schon gew├╝nscht, dass ich tot bin, aber es ist eine schwere S├╝nde, und man darf so was nicht aussprechen.

Im Zelt liegen noch ├╝ber achtzig Mann, drau├čen aber liegen ungez├Ąhlte Kameraden. Durch das Zelt h├Ârt man ihr Schreien und St├Âhnen, und keiner kann ihnen helfen. Neben mir liegt ein Unteroffizier aus Bromberg mit schwerem Bauchschu├č. Der Oberarzt sagt, er w├╝rde bald nach Hause kommen, aber zu dem Sanit├Ąter sagt er: "L├Ąnger als bis heute abend macht er es nicht mehr, lass ihn solange liegen." Der Oberarzt ist doch ein guter Mann. Auf der anderen Seite, neben mir an der Wand, liegt ein Landser aus Breslau, der einen Arm ab und keine Nase mehr hat, und er sagte mir, dass er jetzt keine Taschent├╝cher mehr gebrauche. Als ich ihn gefragt habe, was er mache, wenn er weinen m├╝sste, gab er mir die Antwort, alle hier, auch du und ich, kommen gar nicht mehr zum Weinen. Um uns herum werden andere bald weinen.

... Ich habe Deine Antwort in den H├Ąnden. Einen Dank wirst Du wohl nicht erwarten. Dieser Brief wird kurz sein. Ich h├Ątte es mir denken k├Ânnen, als ich Dich bat, mir zu helfen. Du warst und bleibst ein ewig "Gerechter". Mama und mir war das nicht unbekannt. Aber man konnte ja nicht annehmen, dass Du Deinen Sohn der "Gerechtigkeit" zum Opfer bringen wirst. Ich bat Dich, mich herauszuholen, weil dieser strategische Unsinn nicht Wert ist, f├╝r ihn ins Gras zu bei├čen. Es w├Ąre Dir ein leichtes gewesen, ein Wort f├╝r mich einzulegen, und ein entsprechender Befehl h├Ątte mich erreicht. Du bist ├╝ber die Lage nicht im klaren. In Ordnung, Vater.

Dieser Brief ist nicht nur kurz, sondern auch der letzte, den ich Dir schreibe. Ich werde keine Gelegenheit mehr zum Briefschreiben haben, selbst dann nicht, wenn ich wollte. Es w├Ąre auch nicht auszudenken, dass ich Dir noch einmal gegen├╝berstehen sollte und Dir sagen m├╝sste, was ich denke. Und weil weder ich noch ein weiterer Brief zu Dir sprechen werden, rufe ich Dir Deine Worte vom 26.Dezember noch einmal ins Ged├Ąchtnis zur├╝ck: "Du wurdest freiwillig Soldat, es war leicht, im Frieden unter der Fahne zu stehen, aber schwer, sie im Kriege hochzuhalten. Du wirst dieser Fahne treu bleiben und mit ihr siegen." Diese Worte haben klarer gesprochen als Deine Gesamthaltung der letzten Jahre. Du wirst Dich an sie noch erinnern m├╝ssen, denn es kommt f├╝r jeden einsichtigen Menschen in Deutschland die Zeit, in der er den Wahnsinn des Krieges verflucht, und Du wirst einsehen, wie hohl die Worte von der Fahne sind, mit der ich siegen sollte.

Es gibt keinen Sieg, Herr General, es gibt nur noch Fahnen und M├Ąnner, die fallen, und am Ende wird es weder Fahnen noch M├Ąnner geben. Stalingrad ist keine milit├Ąrische Notwendigkeit, sondern ein politisches Wagnis. Und dieses Experiment macht Ihr Sohn nicht mit, Herr General! Sie versperrten ihm den Weg ins Leben, er wird den zweiten Weg in der entgegengesetzten Richtung w├Ąhlen, der auch ins Leben f├╝hrt, aber auf der anderen Seite der Front. Denken Sie an Ihre Worte und hoffentlich werden Sie, wenn der Kram zusammenbricht, sich der Fahne erinnern und zu ihr stehen.

7. Anhang

7.1 Die Verb├Ąnde der deutschen und sowjetischen Front bei Stalingrad

Deutsche Front:

┬Ľ 4. Panzerarmee (Hoth)

┬Ľ 6. Armee (Paulus)

┬Ľ Rum├Ąnische 3. Armee (Dumitrescu)

┬Ľ 4. Luftflotte (von Richthofen)

Diese Verb├Ąnde bestanden aus den folgenden Divisionen:

14.Panzerdivision, 16.Panzerdivision, 24.Panzerdivision, 3.Infanteriedivision (motorisiert), 29.Infanteriedivision (motorisiert), 44.Infanteriedivision

60.Infanteriedivision (motorisiert), 71.Infanteriedivision, 76.Infanteriedivision, 79.Infanteriedivision, 94.Infanteriedivision, 100.J├Ągerdivision, 113.Infanteriedivision, 295.Infanteriedivision, 297.Infanteriedivision, 305.Infanteriedivision, 371.Infanteriedivision, 376.Infanteriedivision, 384.Infanteriedivision, 389.Infanteriedivision, 9.Flakdivision (motorisiert), Rum├Ąnische 1.Kavalleriedivision, Rum├Ąnische 20.Infanteriedivision

Sowjetische Front:

1.Gardearmee (Ljeljuschenko), 5.Panzerarmee (Romanenko), 21.Sch├╝tzenarmee (Tschistjakow), 24.Sch├╝tzenarmee (Galanin), 28.Sch├╝tzenarmee (Gerasimenko), 51.Sch├╝tzenarmee (Trufanow), 57.Sch├╝tzenarmee (Tolbuchin), 62.Sch├╝tzenarmee (Tschuikow), 64.Sch├╝tzenarmee (Shumilow), 65.Sch├╝tzenarmee (Batow), 66.Sch├╝tzenarmee (Shadow), 2.Luftflotte (Smirnow), 8.Luftflotte (Chrukina), 16.Luftflotte (Rudenko), 17.Luftflotte (Krassowski)

7.2 Wichtige Personen

Die Deutschen

Generalfeldmarschall Friedrich Wilhelm Ernst Paulus: Geboren am 23.9.1890 in Breitenau (Hessen), gestorben am 1.2.1957 in Dresden. Ab 1.1.1942 Oberbefehlshaber der 6.Armee, geriet am 31.1.1943 im Kessel von Stalingrad in Gefangenschaft. Knapp ein Jahr sp├Ąter stie├č er zum "Nationalkomitee Freies Deutschland" (Organisation deutscher gefangener Offiziere, die die Beendigung des Krieges verlangten). Im Fr├╝hjahr 1946 trat er in sowjetischem Auftrag als Zeuge bei den N├╝rnberger Prozessen auf. Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft 1953 lie├č er sich in Dresden nieder.

Generaloberst Hermann Hoth: Geboren am 12.4.1885 in Neuruppin, gestorben am 26.2.1971 in Goslar. Ab 1.6. Oberbefehlshaber der 4.Panzerarmee. Am 10.12.1943 von Hitler aufgrund von Def├Ątismus seines Kommandos enthoben. In N├╝rnberg zu 15 Jahren Haft verurteilt, 1954 entlassen.

General Walter von Seydlitz-Kurzbach: Geboren am 22.8.1888 in Hamburg, gestorben am 28.4.1976 in Hamburg. Ab 8.5.1942 Befehlshaber des 51.Armeekorps. Am 31.1.1943 geriet er bei Stalingrad in Gefangenschaft. Schon Ende November 1942 hatte er den Ausbruch aus dem Kessel von Stalingrad gegen Hitlers Befehl gefordert. Im September 1943 Vorsitzender des Bundes deutscher Offiziere. Im August 1944 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Nach Kriegsende weigerte er sich, in der Sowjetzone einen Posten anzunehmen, wurde 1950 verhaftet, zum Tode verurteilt und dann zu 25 Jahren Haft begnadigt. Am 7.10.1955 kehrte er nach Westdeutschland zur├╝ck.

Generalfeldmarschall Erich von Lewinski, genannt von Manstein: Geboren am 24.11.1887 in Berlin, gestorben am 10.6.1973 in Irschenhausen im Isartal. Vom 22.11.1942 bis 30.3.1944 Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Don. Er entwarf den Operationsplan f├╝r den Frankreichfeldzug und f├╝r die Operation "Wintergewitter", den Entsatzversuch f├╝r den Kessel von Stalingrad. Am 30.3.1944 von Hitler wegen Meinungsverschiedenheiten entlassen. 1945 verhaftet, am 23.8.1949 in Hamburg vor ein britisches Milit├Ąrgericht gestellt und wegen angeblicher unmenschlicher Behandlung von Gefangenen zu 18 Jahren Haft verurteilt. Nach einer Begnadigung auf 12 Jahre am 7.5.1953 entlassen. Er galt unter den alliierten Kriegsexperten als der gef├Ąhrlichste Gegner der Alliierten im Zweiten Weltkrieg.

Die Sowjets

Marschall Semjon Konstantinowitsch Timoschenko: Geboren am 6.2.1895 in Furmanowka, gestorben am 1.4.1970 in Moskau. Er hatte wesentlichen Anteil am Aufbau der Roten Armee. 17.7.1942 bis 23.7.1942 Oberbefehlshaber der Stalingrad-Front, 23.7.1942 bis November 1943 der Nordwestfront. Nach dem Zweiten Weltkrieg zehn Jahre lang Befehlshaber im Milit├Ąrbezirk Wei├čru├čland. Im November 1960 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden.

Marschall Wassili Tschuikow: Geboren am 12.2.1900 bei Tula. Ab 10.9.1942 Oberbefehlshaber der 62.Armee im Kampf um Stalingrad. 1945 Befehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen in Th├╝ringen. Ab 1.4.1949 Oberbefehlshaber der sowjetischen Heeresgruppe Deutschland. 1960 Stellvertretender Volkskommissar f├╝r Verteidigung und Oberbefehlshaber der Landstreitkr├Ąfte. 1971 Chef der Zivilverteidigung.

Marschall Andrei Jeremenko: Geboren am 14.10.1892 in Markowa, gestorben am 19.11.1970 in Moskau. Ab August 1942 Oberbefehlshaber der Stalingrad-Front, ab September 1942 der Don-Front. Ab Mai 1958 Generalinspekteur im Verteidigungsministerium.

7.3 Sollst├Ąrke der Infanterie-Truppenteile der deutschen Wehrmacht

┬Ľ Division: Bestand aus 13656 Mann, davon 9652 Mann bei der k├Ąmpfenden Truppe, 2245 bei den Trossen (Sanit├Ątsdienste, Veterin├Ąrdienste) und 1759 Mann bei den r├╝ckw├Ąrtigen Diensten (Divisionsstab, Verwaltungsdienst, Nachschubdienst).

Gegliedert in einen Divisionsstab, drei Grenadierregimentern, eine Panzerj├Ągerabteilung, ein Artillerieregiment, ein Pionierbataillon, eine Nachrichtenabteilung, drei Sanit├Ątskompanien, f├╝nf Verwaltungskompanien, f├╝nf Nachschubskompanien, eine F├╝silierabteilung und eine Divisionskampfschule.

┬Ľ Regiment: Bestand aus 3049 Mann.

Gegliedert in drei Infanterie-Bataillone, eine Infanteriesch├╝tzenkompanie, einen Regimentstro├č, einen Regimentspionierzug, einen Regimentsnachrichtenzug, eine Panzerj├Ągerkompanie und eine Regimentsmusik.

┬Ľ Bataillon: Bestand aus 850 Mann.

Gegliedert in drei Sch├╝tzenkompanien, einen Gefechtstro├č, eine Maschinengewehrkompanie und einen schweren Granatwerfer-Zug.

┬Ľ Kompanie: Bestand aus 201 Mann.

Gegliedert in drei Sch├╝tzenz├╝ge, drei Panzerb├╝chsentrupps, einen Gefechtstro├č, zwei Verpflegungstrosse und einen Gep├Ąckstro├č.

┬Ľ Zug: Bestand aus 50 Mann.

Gegliedert in vier Sch├╝tzengruppen, einen Granatwerfertrupp und einen Tro├č.

┬Ľ Gruppe: Bestand aus zehn Mann, davon ein Gruppenf├╝hrer und 9 Mann.

Die Armeen der Wehrmacht und der Roten Armee konnte man zahlenm├Ą├čig nicht vergleichen, da sie eine ganz andere Truppenst├Ąrke besa├čen: Eine deutsche Armee bestand aus vier Korps, und jedes Korps aus drei bis f├╝nf Divisionen. Eine sowjetische Armee hatte hingegen nur vier bis f├╝nf, zeitweise mehr Divisionen. So entsprach eine deutsche Armee ihrem Bestand nach etwa vier sowjetischen Armeen.

Die deutsche 6. Armee war im Sp├Ątsommer 1942 ├╝berdurchschnittlich gut ausgestattet und z├Ąhlte so viele Divisionen wie normalerweise zwei deutsche Armeen zusammen.

Bibliographie

Bertelsmann, C.: Letzte Briefe aus Stalingrad. G├╝tersloh: Mohn & Co. GmbH 1954.

Carell, Paul: Der Ru├člandkrieg. Berlin: Ullstein Verlag 1967.

Heeresgeschichtliches Museum Wien: Infanteriegliederung 1939-1945.

Knopp, Guido: Entscheidung Stalingrad. Der verdammte Krieg. M├╝nchen: Bertelsmann Verlag 1992.

Macksey, Kenneth: Guderian der Panzergeneral. D├╝sseldorf: ECON Verlag 1975.

Piekalkiewicz, Janusz: Der Zweite Weltkrieg. D├╝sseldorf: ECON Verlag 1985.

Piekalkiewicz, Janusz: Krieg der Panzer 1939-1945. M├╝nchen: S├╝dwest Verlag 1981.

Piekalkiewicz, Janusz: Stalingrad. Anatomie einer Schlacht. M├╝nchen: S├╝dwest Verlag 1977.

Sapp, Franz: Gefangen in Stalingrad. 1943 bis 1946. Steyr: W. Ennsthaler Verlag 1992.

Seydlitz, Walter von: Stalingrad. Konflikt und Konsequenz. Oldenburg: G. Stalling Verlag 1977.

Zentner, Christian: Der Zweite Weltkrieg. M├╝nchen: Buch + Zeit Verlag, ohne Jahr.

Zentner, Christian: Lexikon des Zweiten Weltkriegs. Hamburg: Jahr-Verlag 1977.

[1] Knopp, Guido: Entscheidung Stalingrad. Der verdammte Krieg. M├╝nchen 1992, S.14.

[2] Zentner, Christian: Der Zweite Weltkrieg. M├╝nchen o.J., S.247.

[3] Knopp, a.a.O., S.31.

1 Knopp, a.a.O., S.27.

[5] Knopp, a.a.O., S.30.

[6] Vgl. Piekalkiewicz, Janusz: Stalingrad. Anatomie einer Schlacht. M├╝nchen 1977, S.26.

[7] Knopp, a.a.O., S.75.

[8] Siehe hierzu Karte 3.

[9] Vgl. Piekalkiewicz, Janusz: Krieg der Panzer 1939-1945. M├╝nchen 1981, S. 172.

[10] Vgl. Piekalkiewicz, Janusz: Stalingrad, a.a.O., S.133.

[11] Zentner, a.a.O. S.392.

[12] Vgl. Piekalkiewicz, Janusz: Der Zweite Weltkrieg. D├╝sseldorf 1985, S. 599.

[13] Genaue Aufstellung der Truppenst├Ąrken im Anhang 8.3.

[14] Vgl. Piekalkiewicz, Janusz: Stalingrad, a.a.O., S.227.

[15] Siehe hierzu Karte 5.

[16] Zentner, Christian: Lexikon des Zweiten Weltkriegs. Hamburg 1977, S. 288.

[17] Knopp, a.a.O., S.209.

[18] Siehe hierzu Karte 6.

[19] Siehe hierzu Karte 7.

[20] Vgl. Zentner, a.a.O., S.397.

[21] Siehe hierzu Karte 8.

[22] Knopp, a.a.O., S.240.

[23] Seydlitz, Walter von: Stalingrad. Konflikt und Konsequenz. Oldenburg 1977, S. 246.

[24] Vgl. Carell, Paul: Der Ru├člandkrieg. Berlin 1967. S, 217.

[25] Vgl. Macksey, Kenneth: Guderian der Panzergeneral. D├╝sseldorf 1975, S. 233.

[26] Vgl. Sapp, Franz: Gefangen in Stalingrad. 1943 bis 1946. Steyr 1992, S. 7.

[27] Bertelsmann, C.: Letzte Briefe aus Stalingrad. G├╝tersloh 1954, S. 12ff.

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