Pest

Inhaltsverzeichnis

Seite

1.

Die Pest allgemein

3

2.

Die Pestarten

3

2.1

Die Beulenpest

3-4

2.2

Die Lungenpest

4

2.3

Die Pestsepsis

5

3.

Der "Schwarze Tod"

5

4.

Die √úbertragung der Pest

6

4.2

Der Wirkungsmechanismus

6-7

4.3

Die "klassische Theorie"

7

4.3.1

Die Ratten

7-10

4.3.2

Die Flöhe

10-11

5.

Die Geschichte der Pest

12-14

5.1

Ausbreitung der Pest im 14. Jahrhundert

15

5.2

Ausbreitung der Pest bis ins 18. Jahrhundert

15-16

5.3

Die Verbreitung der Pest bis heute

17

6.

Die Bekämpfung und Vorbeugung der Pest

17

6.1

Die Bekämpfung der Pest in Athen

17

6.2

Die Bekämpfung der Pest im Mittelalter

19-20

6.3

Die Bekämpfung der Pest heute

20

7.

Die Pest in Wien

21-22

7.1

Die Sage vom Lieben Augustin

22-23

8.

Soziale Auswirkungen der Pest

23-24

9.

Anhang

25

9.1

Literaturverzeichnis

25

1. Die Pest allgemein

Die t√∂dliche Seuche, die in der Mitte des 14. Jahrhunderts in weiten Teilen Europas w√ľtete, wurde im allgemeinen als Pest bezeichnet. Unter diesem Begriff verstand man verschiedene epidemisch auftretende Infektionskrankheiten. Daher stellt sich die Frage, ob sich beim "Schwarzen Tod" in der Mitte des 14. Jahrhunderts tats√§chlich und ausschlie√ülich um die Krankheit handelt, die wir heute als Pest bezeichnen. Heute benennt man als Pest ausschlie√ülich eine schwere, ansteckende Infektionskrankheit bei Nagetieren und Menschen, die von dem kurzen, relativ dicken, grammnegativen Bakterium Yersina pestis hervorgerufen wird.

Die Pest tritt heute noch in Bergwald- und Savannengebieten auf, und die Mortalitätsrate ist dort noch immer sehr hoch.

Die Pest tritt unter zwei historisch wichtigen Erscheinungsformen auf:

- als Beulen- oder Bubonenpest

- als Lungenpest

- (und die Pestsepsis)

2. Die Pestarten:

2.1 Die Beulenpest:

Ist die h√§ufigste Erscheinungsform. Ihre Inkubationszeit ist zwei bis sechs- maximal zehn Tage. Nach der Infizierung beginnt die Krankheit auszubrechen. Aus scheinbar v√∂lliger Gesundheit heraus kommt es schlagartig zu einem Fieberanstieg auf etwa 40¬įC und zur Schwellung der Lymphdr√ľsen, die der Einstichstelle- oder den Einstichstellen am n√§chsten liegen. Da der Einstich h√§ufig am Bein geschah, schwollen die Lymphdr√ľsen, in diesem Fall in der Leiste, bis zur Gr√∂√üe eines Eies oder eines Apfels an, es k√∂nnen aber auch die Lymphdr√ľsen in den Achselh√∂hlen, am Hals oder am Hinterkopf sein. Oft tritt anfangs Sch√ľttelfrost auf, dazu heftige Kopf- und Gliederschmerzen, Lichtscheue und k√∂rperliche Schw√§che. Puls und Atmung sind beschleunigt, und der Kranke wirkt ersch√∂pft und teilnahmslos. Durchfall oder Stuhlverhalten sind h√§ufig. Zu den Initialsymptomen z√§hlen ferner eine lallende Sprache und ein taumelnder Gang, welcher an einen Betrunkenen denken l√§sst. Die Kranken sind unruhig und nicht mehr im Bett zu halten. Glaubhaft sind Schilderungen in mittelalterlichen Quellen, dass die Kranken sich auszogen und nackt auf die Stra√üe liefen. Als "Facies pestica" bezeichnen einige Autoren das √§ngstliche, apathische Gesicht der Kranken, deren Augenbindeh√§ute ger√∂tet sind.

Brechen die Beulen spontan auf, so ist dies eher ein gutes Zeichen. Falls die Krankheit nicht t√∂dlich verl√§uft, geht die Temperatur nach etwa f√ľnf Tagen zur√ľck, und etwa zwei Wochen sp√§ter hat sie wieder den Normalwert erreicht. 50 bis 80% der F√§lle endeten mit dem Tod, zwischen dem dritten und dem f√ľnften Tag, durch eine L√§hmung des Zentralnervensystems. Selbst mit Hilfe der modernen Antibiotika ist die Letalit√§t keineswegs gleich null. Im Zeitraum 1955-64 wurden der WHO (Weltgesundheitsorganisation) rund 8900 F√§lle von Beulenpest gemeldet, davon verstarben 2388 Kranke, dies sind 26,6 %. Seit 1960 fiel die Letalit√§t allerdings stark ab.

Abb. 1: Opfer der Beulenpest

Miniatur aus der Toggenburger Bibel (14. Jahrhundert) zeigt ein an der Beulenpest erkranktes Paar. Die typischen Symptome der Beulenpest sind dicke Beulen am ganzen K√∂rper, hohe Temperatur, starke Gelenkschmerzen und Erbrechen; die meisten Erkrankten starben innerhalb einer Woche nach Ausbruch der Krankheit. Die Person im Bildhintergrund scheint f√ľr das kranke Paar zu beten.

2.2 Die Lungenpest:

Die Lungenpest tritt zumeist nur in k√§lteren Regionen auf, in unseren Breiten war sie eine Krankheit des Winters. Sie kann sich als sekund√§re Lungenpest, infolge einer sich in einem Organismus ausbreitenden Beulenpest zeigen oder, als prim√§re Lungenpest, als Folge einer Tr√∂pfcheninfektion. Nach einer kurzen Inkubationszeit, Zeitraum zwischen der Ansteckung mit dem Virus und dem Ausbrechen der Krankheit, von ein bis drei Tagen beginnt sie st√ľrmisch. Bei der prim√§ren Lungenpest tritt zun√§chst schleimiger, mit dunklem Blut durchsetzter Auswurf auf, der sp√§ter d√ľnnfl√ľssig und hellrot wird. Die Lungenpest endete vor dem Zeitalter der Antibiotika fast immer t√∂dlich. Der Tod tritt in den meisten F√§llen zwei bis drei Tage nach dem Auftauchen der ersten Symptome ein.

2.3 Die Pestsepsis:

Die Pestsepsis (Pestseptik√§mie) tritt nicht nur als Komplikation der Beulen- und Lungenpest, sondern auch in prim√§rer Form ohne andere Symptome auf. Daneben sind auch milde Verlaufsformen mit abgeschw√§chter Symptomatik m√∂glich (abortative Pest). Zur Pestsepsis kommt es, wenn Pestbakterien durch die Lunge in die Blutlaufbahn geraten und sich dort massenhaft vermehren. Die Pestsepsis kann auch unmittelbar entstehen, wenn verunreinigte H√§nde, Lebensmittel oder Gegenst√§nde mit der Mund- oder Rachenschleimhaut in Ber√ľhrung kommen.

Die primäre Pestsepsis zeigt sich zunächst durch plötzlich einsetzendes, hohes Fieber; innerhalb einiger Stunden färbt sich die Haut der betroffenen Person dunkelrot, und oft stirbt der Kranke noch am selben Tag. Die dunkelrote Farbe, die bei allen Pestkranken kurz vor dem Tod auftritt, ist Folge des Atemversagens; sie hat der Pest den bekannten Namen "Schwarzer Tod" eingebracht.

3. Der "Schwarze Tod"

Mit dem Begriff "Schwarzer Tod" bezeichnet man im allgemeinen nur die gro√üe Pestpandemie in der Mitte des 14.Jahrhunderts. Die Herkunft und urspr√ľngliche Bedeutung dieses Begriffes sind nicht bis ins letzte gekl√§rt.

"Schwarz" muss weder im Deutschen noch im Lateinischen unbedingt f√ľr eine Farbe stehen, es k√∂nnte sich auch auf die verh√§ngnisvollen Folgen der Pest beziehen. Wie man von einem "dies ater" spricht, einem "Schwarzen Tag", so hat man auch von der "mors atra" gesprochen, dem schwarzen, dem schrecklichen Tod. In den zeitgen√∂ssischen Quellen des 14. Jahrhunderts wird die gro√üe Pestpandemie meist als "pestilencia maxima" oder als "mortalitas magna" bezeichnet, in deutschen Chroniken als "ain gemainer sterb" oder "ein grot sterven" oder einfach als "de grote dod". "Pestilencia" oder "pestis" steht hier einfach f√ľr Seuche, wie das englische Wort "plague" im mittelalterlichen Latein gleichfalls ganz allgemein f√ľr Seuche verwendet wurde.

Angeblich kam der Begriff "schwarze Tod" schon im 14.Jahrhundert auf, schriftlich √ľberliefert seit dem 17.Jahrhundert.

Andere hingegen versuchen eine buchstäbliche Deutung: "Der Name schwarzer Tod bezieht sich jedenfalls auf die im Laufe der Krankheit entstehenden schwarzen oder braunen Flecken."

Überhaupt zeigen Pest und einige andere Infektionskrankheiten so viele Gemeinsamkeiten, dass es keineswegs einfach ist, sie zu unterscheiden. Dass man Fleckfieber und Pest leicht miteinander verwechseln kann, darauf haben bereits im 19. Jahrhundert medizinische Autoritäten aufmerksam gemacht.

4. Die √úbertragung der Pest:

Ob die Pest eine ansteckende Krankheit sei oder nicht, dar√ľber wurde im 19.Jahrhundert lebhaft gestritten. Als 1816 auf der, damals von Gro√übritannien beherrschten, Insel Malta eine Pestepidemie ausbrach, kam es sogar im englischen Unterhaus zu einer Debatte √ľber diese Frage. Zuvor war man √ľberzeugt, dass die Pest ansteckend sei, also direkt √ľbertragbar von Mensch zu Mensch, ohne die Vermittlung eines √úbertr√§gers. Aber die Erfahrungen mit dieser Krankheit in der ersten H√§lfte des 19.Jahrhunderts wiesen eher auf das Gegenteil hin. Hermann F√ľrst P√ľckler-Muskau schrieb nach einem Besuch in √Ągyptens gegen 1840: "Gl√ľcklicherweise ist die Pest von allen ansteckenden Krankheiten diejenige, deren man sich durch Vorsicht am leichtesten erwehren kann; weit f√ľrchterlicher ist in jeder Hinsicht ihre grausame Schwester, die Cholera". Erst im letzten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts, nach der Entdeckung des Pesterregers, begann sich langsam eine sichere Antwort auf diese Frage abzuzeichnen. Mit der Entdeckung des Rattenflohs als √úbertr√§ger wurde zumindest eine Form der √úbertragung bekannt. Heute gilt die Bubonenpest (Beulenpest) nicht als ansteckend, das hei√üt √ľbertragbar von Mensch zu Mensch ohne die Vermittlung eines Vektors. Die direkte √úbertragung von Mensch zu Mensch besteht bei der Bubonenpest im Gegensatz zur Lungenpest nicht. Die Beulenpest wird von Mensch zu Mensch oder von Tier zu Mensch in der Regel durch einen Vektor √ľbertragen, zum Beispiel durch einen Floh, w√§hrend die prim√§re Lungenpest durch Tr√∂pfcheninfektion √ľbertragen wird.

Wie schon erw√§hnt wird die Seuche entweder durch Rattenfl√∂he oder direkt von Mensch zu Mensch √ľbertragen. Zu dieser Erkenntnis gelangte man allerdings erst im letzten Jahrhundert und erst 1894 wurde das Pestbakterium gleichzeitig durch den Schweizer Bakteriologen Alexandre Yersin (daher: Yersinia pestis) und dem japanischen Bakteriologen Shibasabur Kitasato ( einem Sch√ľler von dem deutschen Bakteriologen Robert Koch), entdeckt.

4.1 Der √úbertragungsmodus:

Das Pestbakterium (vgl. Abb. 2) kommt nat√ľrlicherweise in Nagetieren der zentralasiatischen Steppen vor. Durch die Blutaufnahme des Rattenflohs gelangen sie von dort in den Magen-Darm-Kanal desselben. Dieser infizierte nun Haus- und Wanderratten, die in Gemeinschaft mit den Menschen lebten, wodurch die √úbertragung auf den Menschen stattfand. Durch den Biss des Flohs gelangen die Bakterien in die Blutbahn des Menschen. Die k√∂rpereigene Abwehr findet im n√§chsten Lymphknoten statt. Dadurch schwillt der Lymphknoten bis zu Faustgr√∂sse an und verf√§rbt sich dunkel. Nach dem Ausbruch der Bakterien aus dem Lymphknoten √ľberschwemmen diese den ganzen K√∂rper. W√§hrend ihrer Vermehrung produzieren sie ihr gef√§hrliches Toxin. Dieses zersetzt das Gewebe und verwandelt es in eine einzige geschwollene, sulzige Masse. In der Folge k√∂nnen auch die Lungen befallen werden. Der Tod tritt dann durch Luftknappheit und mit darauffolgendem Kreislaufversagen ein.

Bei direkterworbener Lungenpest fehlen die charakteristischen Beulen, welche bei der Bubonenpest erst nach einigen Tagen auftreten.

Im Mittelalter herrschten n√§mlich verschiedene Begr√ľndungen √ľber die Herkunft der Pest: man beschuldigte Juden, Zigeuner, Auss√§tzige und fremde Handelsreisende der Brunnenvergiftung, ebenso wurden Geister, Gespenster und Hexen angeklagt; letztere wurden oftmals sogar verbrannt. Als weitere Argumente wurden die verseuchte Luft, die Konstellation der Gestirne und Planeten, die Strafe Gottes und die Bosheit Satans angef√ľhrt.

Abb. 2: Pestbakterium (Yersinia pestis)

4.2 Die "klassische Theorie":

Als man die Rolle der Ratte und ihres Flohs entdeckte, begann sich eine √úbertragungstheorie zu bilden, die man als die "klassische Theorie" der Pest√ľbertragung bezeichnen k√∂nnte. Diese Theorie fu√üte auf Entdeckungen, die nicht in unseren Breiten gemacht wurden, sondern in s√ľdlicheren Zonen, in Indien. Das k√∂nnte von Bedeutung sein.

4.2.1 Die Ratten:

Die Ratten und die Rattenpest spielen in der klassischen Theorie eine entscheidende Rolle. Die Mediziner und Medizinhistoriker haben immer wieder geschrieben: "Die menschliche Beulenpest (Bubonenpest) ist abhängig von der Rattenpest ." Nach der klassischen Theorie gibt es keine Pest unter Menschen, ehe nicht eine Pestepidemie unter Ratten ausbrach.

Graham Twigg schreibt : In Indien, China, Formosa und Australien habe sich zu Beginn unseres Jahrhunderts folgendes bewahrheitet:

Bevor ein menschlicher Pestfall sich ereignet, kommt die Rattenpest; erst auf die Zeit der Rattenpest folgt die Zeit der Menschenpest; die Menschenpest ist eine Folge der √úbertragung der Rattenpest (durch den Rattenfloh) auf den Menschen.

In Indien habe man diesen Zusammenhang seit langem erkannt. "Wenn die Ratten zu fallen beginnen, ist es Zeit, das Haus zu verlassen", dieses indische Sprichwort erkläre die Einsicht.

In Europa sind zwei Arten von Ratten, welche historisch von Bedeutung sind:

Die schwarze Hausratte (Rattus rattus) Die graue oder braune Wanderratte (Rattus norvegicus)

Von weitaus gr√∂√üerer Bedeutung war im Mittelalter die Hausratte, die heute hierzulande nur noch selten vorkommt. Ihr Eintreffen wird zuweilen mit den Kreuzz√ľgen in Verbindung gebracht, aber sie war h√∂chstwahrscheinlich schon davor in gro√üer Anzahl vorhanden. Zur Zeit des Heiligen Albertus Magnus (um 1200 bis 1280) ,also im zw√∂lften Jahrhundert, war sie in ganz Deutschland als wahres Haustier aufzutreffen.

Es wird angenommen, dass die Wanderratte in unseren Breiten in größerer Zahl erst gegen Ende des 18.Jahrhunderts auftritt. Der große Naturforscher Conrad Gesner hat zwar in einem Tierbuch bereits 1553 ein Exemplar einer Wanderratte abgebildet, aber geschichtlich belegte Erstbeobachtungen liegen erst aus dem 18. Jahrhundert vor. Im wesentlichen hat wohl erst der zunehmende Schiffsverkehr des 18. Jahrhunderts dieses Tier rund um die Erde gebracht.

F√ľr die Pest und f√ľr den Menschen bedeutungsvoll war die Hausratte die in enger Nachbarschaft mit dem Menschen lebte. Sie ist ein sesshaftes Tier, das sich nur durch Katastrophen, wie Feuersbr√ľnste, Erdbeben, Hungersn√∂te, verjagen l√§sst. Sie liebt hohe Temperaturen, um die 38¬įC, wie man sie hierzulande an Sommertagen unter Hausd√§chern hat.

Die Hausratte hat eine K√∂rperl√§nge von 16 bis 22 cm, der Schwanz ist noch etwas l√§nger. Sie ist schlanker als die Wanderratte, dunkler, oft ganz schwarz. Sie lebte in enger Wohngemeinschaft mit den Menschen, ob auf dem Land oder in der Stadt, unter seinem Dach, wo der Mensch seine Nahrungsmittel gelagert hatte. Die Hausratte ist das ganze Jahr √ľber "geschlechtsaktiv". Die Tragzeit der Tiere ist kurz (24 Tage) und das Weibchen wirft zwischen sechs und zw√∂lf Junge, meist acht, aber in Ausnahmef√§llen k√∂nnen es auch zwanzig sein.

Je h√∂her die Rattenpopulation, desto gef√§hrlicher werden sie in Pestzeiten f√ľr den Menschen.

In √Ągypten, wo gegen 1900 ebenfalls die Pest herrschte, fand man, in einem ober√§gyptischen Dorf im Durchschnitt 1,2 Ratten je Haushalt. Auf 278 "Feluken"(K√ľstenfahrzeug des Mittelmeeres), die untersucht wurden, fanden sich 683 Ratten, davon waren allerdings nur 127 Hausratten, weitere 495 waren Wanderratten, die √ľbrigen 61 geh√∂rten anderen Arten an.

Graham Twigg, ein englischer Zoologe, der diese Zahlen nennt, bezweifelt, dass die Hausratten im mittelalterlichen Europa dicht genug vorhanden waren, um eine Menschenpest auszul√∂sen. Die Zahlen, die Twigg f√ľr einige nordamerikanische St√§dte nennt, sind allerdings sehr niedrig, unglaublich niedrig: Einer amerikanischen Sch√§tzung zufolge lebten 1949 in New York eine Viertelmillion brauner Ratten, in Baltimore 60.000, dies hei√üt 1 Ratte auf f√ľnfzehn Einwohner. Das w√§re erstaunlich wenig, zumal eine Hafenstadt wie New York doch Ratten geradezu anlockt. In der Bundesrepublik Deutschland leben heute weitaus mehr Ratten, vorwiegend Wanderratten, als Menschen (nach Sch√§tzungen von Fachleuten sind es doppelt so viele Ratten wie menschliche Bewohner).

Über die Verbreitung der Ratten im spätmittelalterlichen Europa ist wenig bekannt. Shrewsbury, wie Twigg ein Vertreter der klassischen Theorie, bezweifelt, Dass es in England genug Ratten gab, um die Pest zu verbreiten. Dies ist sehr erstaunlich, denn die Rattenbevölkerung Englands im 20. Jahrhundert soll "riesengroß" sein. Vor dem Zeitalter der Pestizide und der Insektizide waren die Ratten ungeheuer schwer zu bekämpfen.

Über die Rattendichte im Mittelalter ist trotzdem wenig zuverlässiges bekannt.

Die Geschichte vom Rattenf√§nger von Hameln soll im Jahr 1284 ihre geschichtliche Wurzel haben, als ein J√ľngling mit einem Blasinstrument Kinder davonlockte. Dass dieser J√ľngling die Stadt von einer Rattenplage befreite, und um seinen Lohn geprellt, die Kinder der B√ľrger entf√ľhrte, diese Geschichte wurde erst im 16. Jahrhundert angeh√§ngt. Immerhin deutet diese aber an, dass im 16.Jahrhundert Ratten als eine Plage angesehen wurden.

Weiters taucht ein Rattenfänger zum Beispiel in Shakespeares Romeo und Julia auf (3. Akt. 1. Szene).

Wenn wir Heinrich Heines Geschichte vom "Rabbi von Bacberacb" wortw√∂rtlich nehmen d√ľrfen, dann mussten die Frankfurter Juden noch in viel sp√§terer Zeit "dem Stadtrate j√§hrlich f√ľnftausend Rattenschw√§nze abliefern, daher stand an der Mainbr√ľcke ein H√§uschen, darin ein getaufter Jude wohnte, der jedem, der ihm eine tote Ratte bringt, sechs Heller auszahlt f√ľr Rechnung der j√ľdischen Gemeinde", schreibt Heine.

Der klassischen Theorie zufolge bildet das pestkranke Nagetier das wichtigste Reservoir der Pest. Das pestkranke Tier tr√§gt in seinem Blutstrorn eine Flut von Erregern. Wie auch pestkranke Menschen, so haben auch pestkranke Ratten geschwollene Lymphdr√ľsen, angef√ľllt mit Pesterregern. Wenn diese Pestbeulen nach innen aufbrechen und ihren hochgiftigen Inhalt in den Blutstrom ergie√üen, dann kommt es bei der Ratte zur Blutvergiftung durch Bakterien (Septik√§mie) und zum Pesttod. Nagetiere k√∂nnen die Pest aber auch als chronische Krankheit latent in sich tragen. Bisweilen kapseln sich Bubonen ab, und das Tier lebt ohne die Symptome einer Erkrankung.

In mittelalterlichen Quellen ist h√§ufig die Rede davon, dass zu Zeiten der Pest allerlei Kriechtiere - Kr√∂ten, Schlangen und weitere ihre Erdl√∂cher verlie√üen. Man glaubte das Erdreich sei giftig, atme giftige D√ľnste, daher verlie√üen die Tiere ihre Behausungen. Aber von Ratten und einem Rattensterben ist kaum irgendwo die Rede, gerade aus der Zeit des Schwarzen Todes fehlen diese Hinweise.

In einigen √§lteren Schriften ist von der Pest und zugleich von Ratten und M√§usen die Rede. Im ersten Buch Samuel hei√üt es von der Pest der Philister (einem nichtsemitischen Volk): "Denn es war eine t√∂dliche Bedrohung √ľber die Stadt gekommen; die Hand Gottes lastete schwer auf ihr. Die Leute aber, die nicht starben, wurden mit Beulen geschlagen." Und im folgenden Abschnitt: "F√ľnf goldene Beulen und f√ľnf goldene M√§use, nach der Zahl der F√ľrsten der Philister; denn dieselbe Plage trifft euch und eure F√ľrsten." Strabo, griechischer Geograph und Historiker, berichtet, dass es in Spanien eine Menge M√§use g√§be, "woraus zuweilen sogar pestartige Krankheiten erfolgen". Bei Avicenna, einem unter dem Namen Ibn Sina bekannter persischer Denker und Arzt, hei√üt es: "es seien Ratten und M√§use aus ihren Schlupfl√∂chern hervorgekrochen und sie h√§tten sich wie trunken bewegt." Dies k√∂nnte eine sehr zutreffende Beobachtung sein, denn Ratten, oder auch Menschen, welche von der Pest befallen sind, bewegen sich tats√§chlich wie trunken.

Aber solche Beschreibungen sind √ľberaus selten, von den mittelalterlichen und fr√ľhneuzeitlichen Pestepidemien in Europa fehlen sie so gut wie ganz, und selbst in Indien wurde nur bei acht von vierzig Pestepidemien um 1900 von einem gr√∂√üeren Rattensterben berichtet.

4.2.2 Die Flöhe:

Ratten sind se√ühafte Tiere, sie bewegen sich nicht sehr weit, daher bedarf es eines weiteren Vektors, um die Pest auszubreiten. Diese Rolle √ľbernimmt der Floh. Der Floh spielt den Vermittler zwischen Ratte und Mensch. Bei der √úbertragung der Beulenpest kommt ihm eine nicht zu untersch√§tzende Rolle zu. Es wird heute vermutet, dass von den mehr als 2.400 Species von Fl√∂hen vielleicht 120 die Pest √ľbertragen k√∂nnen. Davon befallen weniger als 20 den Menschen.

Die Anh√§nger der klassischen Theorie halten den Rattenfloh Xenopsylla cheopis f√ľr den wichtigsten √úbertr√§ger. Xenopsylla cheopis ist ein Insekt von 2 bis 3 Millimeter L√§nge und lebt als Schmarotzer im Pelz der Ratte. Er springt das Hundertfache seiner K√∂rperl√§nge, vertikal wie horizontal, und zwar mit der Beschleunigung einer Rakete. Dieser Floh kann mehrere Monate ohne Nahrung √ľberleben und dank seines harten Panzers ungeheuren Druck ertragen. Weiters kann er ein Jahr lang bei Frost √ľberleben. Der "Rattenfloh" ist, wie die meisten Fl√∂he, nur bedingt artspezifisch, dies bedeutet, dass er seinen behaarten Wirt auch gelegentlich verl√§sst, um bei einem anderen Tier zu schmarotzen. Dies vor allem nat√ľrlich dann, wenn er seinen Wirt get√∂tet hat und dieser erkaltet.

Abb. 3: Pestfloh

Die Entwicklung des Flohes vom Ei √ľber den Larvenzustand zum ausgewachsenen Tier dauert, abh√§ngig von der Witterung, zwischen 20 und 7o Tage, im Sommer in unseren Breiten 25 bis 3o Tage. Optimal ist f√ľr den Floh eine Temperatur von 24 bis 27¬įC, nicht zu trocken, wenngleich auch starke Regenf√§lle ung√ľnstig f√ľr ihn sind. Unter 10¬įC beginnt bei Fl√∂hen die K√§ltestarre einzusetzen. Der g√ľnstigste Zeitpunkt f√ľr die rasche Vermehrung des Flohes ist also der Sommer, der H√∂hepunkt der Flohentwicklung liegt im Sp√§tsommer. Seit langem schon galt der September als der "Flohmonat".

Den √úbertragungsmodus entdeckte Charles Rothschild 1906 in einer Pionierstudie. Nach Rothschild sticht der Floh einen pestkranken Wirt und saugt Erreger in hoher Konzentration in seinen Vormagen. Diese verklumpen sich dort und verstopfen den Vormagen. Da die Magendarmpassage nun verstopft ist, versp√ľrt der Floh offenbar noch immer Hunger und sticht erneut, diesmal vielleicht ein anderes Opfer. Nun flie√üen aus dem Vormagen des Flohes Pesterreger in den Blutstrom des Gestochenen und infizieren ihn mit dem Bakterium.

Dieser √úbertragungsmodus trifft allerdings nur f√ľr tropischen Rattenfloh (Xenopsylla cheopis) zu.

Der Menschenfloh (Pulex irritans, Abb. 4) besitzt keinen Vormagen, daher ist es unklar ob er die Pest √ľbertragen kann.

Allerdings k√∂nnen Fl√∂he dies auch auf andere Art tun: Sie scheiden in ihrem Kot gleichfalls Pesterreger aus, und wenn ein Floh gestochen hat, so reibt sich der Gestochene leicht den Pestkot mit dem Bakterium in die Wunde. Schon beim Saugen scheiden diese Fl√∂he Erreger in gro√üer Zahl aus. Ein Forscher schreibt: "Ich habe beobachten k√∂nnen, dass, wenn man l√§ngere Zeit hungrig gelassene Fl√∂he auf einen tierischen K√∂rper bringt, dieselben, nachdem sie gesogen und w√§hrend sie ihren R√ľssel noch in der Haut stecken lassen, nicht einen einzelnen Tropfen, sondern wahre Strahlen von Blut in weite Entfernungen ausspritzten. Dies wiederholt sich zwei- oder dreimal unter starken Kontraktionen des Unterleibes". Demnach kommt es keineswegs auf den Rattenfloh mit seinem Vormagen an, denn auch andere Fl√∂he k√∂nnen Pesterreger verbreiten.

Abb. 4: Menschenfloh

5. Die Geschichte der Pest:

Die Pest trat seit mindestens 3 000 Jahren immer wieder epidemienartig auf; Ausgangspunkt der Krankheit waren meist die zentralasiatischen Hochsteppen. In historischen Zeiten ist die Pest wiederholt aus diesem Dauerherd in schweren Seuchenz√ľgen ausgebrochen und durch Wander- und Hausratten √ľber Eurasien (Bezeichnung f√ľr die Landmasse, die aus Europa und Asien besteht) getragen worden. Bereits um 224 v. Chr. wurde in China von Pestepidemien berichtet, und auch im antiken Griechenland war bereits eine pestartige Krankheit bekannt. Vom 6. bis zum 8. Jahrhundert wurde Europa von den ersten Pandemien (Epidemien gro√üen Ausma√ües) √ľberrollt. Bis zu den Pandemien des 20. Jahrhunderts blieben dabei Mittel- und S√ľdafrika, Australien und Amerika verschont. Berichte √ľber das seuchenartige Auftreten der Pest reichen bis in die Antike zur√ľck, lassen jedoch nicht immer eine eindeutige Identifizierung der beschriebenen Krankheit zu.

Die erste bekannte Pestepidemie ist die Pest der Philister, die sich zwischen 1100 und 100 vor Christus ereignete und im 1. Buch Samuels, Kapitel 5-6 in der Bibel beschrieben ist. Im siegreichen Kampf hatten die Philister die Bundeslade der Israeliten erobern k√∂nnen, doch dann entstand in ihren Reihen eine Seuche, bei denen die Erkrankten unter Beulen zu leiden hatten. Offenbar war die Seuche im Heer ausgebrochen und mit der Bundeslade weitergeschleppt worden. Sie wurde bis in die St√§dte Asod und von dort nach Gath weitergetragen. "Da sie aber die Bundeslade nach Gath gebracht hatten, entstand durch die Hand des Herrn ein gro√üer Schrecken in der Stadt. Er schlug die Leute, beide klein und gro√ü, also dass an ihnen Beulen ausbrachen. Da sandten sie die Lade des Herrn gen Ektron. Da aber die Lade gen Ektron kam, schrieen die von Ektron: Sie haben die Lade Gottes hergetragen zu uns, dass sie uns und unser Volk t√∂te. Denn die Hand Gottes machte einen sehr gro√üen Schrecken mit W√ľrgen in der ganzen Stadt. Welche Leute nicht starben, die wurden geschlagen mit Beulen, dass das Geschrei der Stadt auf gen Himmel ging" (1. Buch Samuels, 5. Kapitel, Verse 9-12, √úbersetzung Luthers). Die Philister riefen eine Versammlung zusammen und man beschlo√ü nach sieben Monaten, die Bundeslade mit einem Schuldopfer zur√ľckzugeben. Das Schuldopfer bestand aus "f√ľnf goldenen Beulen und f√ľnf goldenen M√§usen nach der Zahl der f√ľnf F√ľrsten der Philister; denn es ist einerlei Plage gewesen √ľber euch alle und eure F√ľrsten. So m√ľsset ihr nun machen Bilder eurer Beulen und eurer M√§use, die euer Land verderbet haben, dass ihr dem Gott Israels die Ehre gebet". Nach dem Zur√ľcksenden der Bundeslade lie√ü die Krankheit nach. Zweifellos handelte es sich bei der beschriebenen Krankheit um die Beulenpest. Bemerkenswert ist jedoch auch, dass man sich √ľber die Funktion der M√§use als Verbreiter der Pest im Klaren war. Die Antike verf√ľgte also durchaus √ľber seuchenhygienische Erkenntisse. Daneben finden sich weitere schriftliche Zeugnisse √ľber das Auftreten der Krankheit, wie in Homers Ilias oder in den Pestschilderungen des Lukrez.

Bei der ber√ľhmtesteten und besten Seuchenschilderung des Altertums durch Thukydides, der "Pest von Athen" zur Zeit des Peleponnesischen Krieges um 430 bis 429 vor Christus ist es umstritten, ob es sich tats√§chlich um eine Pestepidemie handelte, da charakteristische Symptome der Pest nicht erw√§hnt werden. Verschiedene Anzeichen weisen auf eine Art Fleckfieber hin. Ungeachtet dessen wird eindrucksvoll beschrieben, wie sich die grassierenden Seuchen auf das Leben in der Stadt auswirkten.

Die erste geschichtlich genauer bekannte Pestepidemie war die sogenannte Justinianische Pest, 542 nach Christus. Der Ursprung dieser Pestwelle ist vermutlich in √Ągypten zu suchen, von wo sie sich rasch auf ganz Europa ausdehnte. Die Folgen der Seuche waren gravierend; der Untergang des byzantinischen Reiches wird ihr zugeschrieben, da ihr mehr als die H√§lfte seiner Bev√∂lkerung zum Opfer fielen.

Nach dem Ausbruch der Seuche im 6. Jahrhundert wurde Europa in den folgenden 2 Jahrhunderten immer wieder von Pandemien √ľberrollt. Die verheerendste, gr√∂√üte Pandemie suchte von 1347 bis 1352 ganz Europa heim, und sollte direkt die Weltgeschichte beeinflussen. Dieser Pestzug (siehe Abb. 5) fand seinen Ursprung in China oder Indien (denn zwischen 1325 und 1351 gab es eine sehr lange andauernde Epidemie in Indien). Die Pest verbreitete sich √ľber die Seidenstra√üe und andere Handelswege, sodass 1347 in Konstantinopel die ersten Pestopfer dokumentiert wurden. Im gleichen Jahr brachten 3(!) Handelsschiffe die Pest nach Sizilien. 530.000 Menschen starben. Die Hafenstadt Catania wurde vollst√§ndig entv√∂lkert, √ľber Bologna (30.000 Tote), Siena (80.000 Tote), und Venedig (40.000 Tote) erreichte die Pest 1348/49 Mitteleuropa, wo sie sich im Lauf der folgenden drei Jahre √ľber ganz Europa bis nach Island ausgebreitete. Der "Schwarze Tod", wie man diese Epidemie im nachhinein bezeichnete, forderte sch√§tzungsweise 25 Millionen Todesopfer, d. h. etwa ein Drittel der Bev√∂lkerung, entv√∂lkerte ganze Ortschaften und Landstriche und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Weltanschauung und das Wirtschaftsleben der mittelalterlichen Menschen (Hungersn√∂te, Endzeitstimmung).

1333

Ausbruch der Pest in China

1333-1347

durch Händler, Pilger und Reisende gelangt die Pest nach Westen

um 1348

Mailand und einige andere Regionen bleiben weitgehend von der Pest verschont

um 1349

Liège und einige andere Regionen bleiben weitgehend von der Pest verschont

um 1350

√ľber die Seewege breitet sich die Pest bis nach Island und Gr√∂nland aus

Tabelle 1: Zeittafel zu Bild 5:

Abb. 5: Die Ausbreitung der Pest

5.1 Ausbreitung der Pest im 14. Jahrhundert:

Als Ursache der Pest vermutete man im Mittelalter wie auch bei anderen Krankheiten Ver√§nderungen der Luft, giftige D√ľnste, Schw√§rme von unsichtbaren Insekten, deren Eindringen in den Blutkreislauf Ver√§nderungen im K√∂rper zur Folge haben sollte. Daneben wurden auch die Juden als angebliche Brunnenvergifter f√ľr die gro√üen Pandemien verantwortlich gemacht, was im Zuge der zweiten gro√üen Pestwelle im 14. Jahrhundert zu Ausschreitungen und Poyromen f√ľhrte. Behandlungsversuche beschr√§nkten sich auf die Anwendung schwei√ütreibender Mittel, das Aufschneiden der Pestbeulen, sowie auf das Ausr√§uchern der Krankenzimmer. Doch bereits im 14. Und 15. Jahrhundert wurden in europ√§ischen Metropolen sinnvolle seuchenhygienische Ma√ünahmen eingef√ľhrt. Eine Vorreiterfunktion nahm dabei Venedig ein, das bereits 1343 eine staatliche Gesundheitskommission und 1348 als erste Stadt den Pestbrief eingef√ľhrt hatte, der dem Reisenden bescheinigte, aus einer pestfreien Gegend zu kommen. Ohne diese Bescheinigung war es dem Reisenden verwehrt, venetianisches Gebiet zu betreten. Auch die Quarant√§ne war eine Erfindung Venedigs. Auf der Insel Santa Maria di Nazareth musste ein Fremder 40 Tage (Quaranta) in einem Lazaretto zur Beobachtung seines Gesundheitszustandes verbringen. Hieraus entwickelte sich der Begriff Quarant√§ne. Andere St√§dte √ľbernahmen sp√§ter die von Venedig eingef√ľhrten Gesetze. Auch die Beh√∂rden in Deutschland versuchten durch "Pestordnungen", die Seuchen einzud√§mmen. So erlie√ü der Augsburger Stadtrat 1607 einen Erlass, der Vorbeugungsma√ünahmen f√ľr eine Reihe von Seuchen, darunter auch die Pest, enthielt: Die Gassenhauptleute wurden aufgefordert, Krankheitsf√§lle zu melden. Infektionsverd√§chtige Personen durften 4 Wochen lang das Haus nicht verlassen und wurden durch "Zutr√§ger" versorgt. Zusammenk√ľnfte wurden beschr√§nkt, der Wirtshausbesuch unterbunden, und B√ľrger, die Kranke beherbergten, war das Aufsuchen von Kirchen und Rathaus strengstens untersagt. Bettzeug und Kleider der Infizierten mussten 6 Wochen gel√ľftet werden; H√§user der Kranken durften 6 Monate √ľber nicht bezogen werden.

5.2 Ausbreitung der Pest bis ins 18. Jahrhundert:

Bis ins 18. Jahrhundert flackerte die Pest in Europa immer wieder in unterschiedlicher Auspr√§gung auf; besonders versch√§rfte sich die Pest durch Kriege, so durch den Drei√üigj√§hrigen Krieg (1618 bis 1648). Die Ersch√∂pfungen in der zweiten Jahrhunderth√§lfte des 17.Jahrhunderts konnten wegen der Pest (vor Wien 1679) und der T√ľrkengefahr (Wien 1683) nur sehr langsam √ľberwunden werden, obwohl f√§hige Herrscher in den wichtigsten L√§ndern reagierten.

Eine weitere Ma√ünahme, welche die Pest unterdr√ľcken sollte, war die Einrichtung von Quarant√§nestationen im 18. Jahrhundert entlang der k.k. Milit√§rgrenze, die sich √ľber 2000 Kilometer erstreckte. Dank strikter Vorschriften, verhinderte man weitgehend das Eindringen der Pest in Europa.

in Italien

zahlreiche Kleinstaaten

in Spanien

reagierten die letzten Habsburger:

auf Philipp II. folgten Philipp III., Philipp IV. und der behinderte Karl II. (bis 1700)

in Frankreich

regierten an Stelle des Königs mächtige Kardinäle

in Berlin (1640-1688)

der gro√üe Kurf√ľrst

in Wien (1658-1705)

Kaiser Leopold I.

Niederlande

galt als Leitbild und Bollwerk der Freiheit

in England

amtierte zwischen Karl I.(1649 enthauptet) und Karl II. :

(1660-1685) der Lordprotektor Oliver Cromwell

Tabelle 2: Die Herrscher im 17.Jahrhundert

in Venedig

1630

in London

1665

in Wien

1679

Tabelle 3: verheerende Seuchenjahre im 17.Jahrhundert

Die letzte große Epidemie ereignete sich im Jahre 1665 in London. Bei einer Einwohnerzahl von ca. 460.000 Einwohner, wurden vom Dezember 1664 bis Dezember 1665 in den Bills of Mortality 68.596 Pesttote registriert. 1894 nahm eine erneute Pandemie in China ihren Ausgang, die etwa 50 Jahre dauern und 12 Millionen Opfer fordern sollte. Durch Handelsschiffe wurde die Pest von Hongkong und Bombay aus in praktisch alle großen Häfen der Welt exportiert, kam nach Afrika, zu den pazifischen Inseln, nach Australien und Amerika; 1900 erreichte sie San Francisco. Europa blieb von dieser Pandemie aufgrund der seuchenhygienischen Maßnahmen weitgehend verschont.

Erst 1894 wurde durch Alexander Yersin und unabh√§nig von ihm durch Shibabasuro Kitsato der Erreger der Pest nachgewiesen. Zuvor hatte jedoch bereits der Italiener Agostin Bassi von Lodi (1773-1856) vermutet, dass die Ursache der Pest lebende Organismen seien. Diese Vermutung st√ľtzte sich auf einen Versuch, in dem die Krankheit eines Seidenspinners mit einem schmarotzenden Pilz in Verbindung stand. Neben der Entdeckung der Infektionskette (Ratte-Floh-Mensch) wurde so der gezielte Weg zur Bek√§mpfung der Pest geebnet.

5.3 Die Verbreitung der Pest bis heute:

Die heutige Verbreitung der Krankheit wird nur noch aus den pestverseuchten Reservoiren wildlebender Nagetiere gespeist, die vor allem in Zentralasien, Ost- und Zentralafrika, Madagaskar, S√ľdamerika und den westlichen USA (Rocky Mountains) bestehen. Dank internationaler Bem√ľhungen konnte die Pest weitgehend einged√§mmt werden. So ist im Vergleich zu fr√ľheren Ausma√üen der Pestepidemien die Infektionsrate in heutiger Zeit gering: 1989 erkrankten weltweit 770 Personen, davon 315 in Afrika, mit 55 Todesf√§llen. Im April 1991 wurden Pestf√§lle noch aus Madagaskar, Tansania, Zaire, Bolivien, Brasilien, Peru und Vietnam gemeldet. 1994 fielen einer neuerlichen Pestepidemie in Westindien insgesamt 58 Menschen zum Opfer; diese Epidemie war offenbar durch eine neue Virusvariante ausgel√∂st worden. In Deutschland wie auch in anderen L√§ndern besteht schon bei Verdacht auf eine Pesterkrankung eine Anzeigepflicht, die mit scharfen Quarant√§nema√ünahmen verbunden ist.

6. Die Bekämpfung und Vorbeugung der Pest:

6.1 Die Bekämpfung der Pest in Athen:

Dass die Griechen keineswegs nur Wunden behandelten, zeigt ein "uralter Pestbericht aus Athen". Man suchte damals noch nicht scharfsinnig nach Ursachen, welche man vielleicht h√§tte beseitigen k√∂nnen. Entscheidend war vielmehr der "gro√üe Zauber", welcher in einer "Ents√ľhnung durch Opfer", durch Tieropfer- oder urspr√ľnglich wohl durch Menschenopfer.

"Da gab auch Pythia (eine weissagende Frau) den Athenern, welche damals von der Pest befallen waren, das Orakel, die Stadt zu reinigen." Ein deshalb aus Kreat herbeigeholter Priester "nahm schwarze und wei√üe Schafe, f√ľhrte sie zum Areopag (einem H√ľgel neben der Akropolis) und lie√ü sie laufen, wohin sie wollten." Dann befahl er seinen Helfern, "an jener Stelle, an die jedes Schaf sich hinwende, das Tier dem betreffenden Gotte zu opfern." Wieder endete der Bericht √ľberst√ľrzt mit den Worten: "und so habe die Seuche aufgeh√∂rt."

"Andere aber meinten, die Ursache sei ein besonderer Frevel (eine Handlung, bei der man Heiliges od. G√∂ttliches nicht mit dem n√∂tigen Respekt behandelt) gewesen. Deshalb h√§tten zwei junge M√§nner sterben m√ľssen, und dann sei erst das √úbel verschwunden."

Man sieht, dass die Erinnerung an √§ltere Menschenopfer hier noch nachzittert. Denn einst war nur das Beste und Teuerste, das ein Mann besa√ü, n√§mlich der erstgeborene Sohn und Stammhalter, gut genug, um den g√∂ttliche Zorn der w√ľtenden D√§monen durch Beschw√∂rung und Zauberei zu bes√§nftigen.

6.2 Die Bekämpfung der Pest im Mittelalter:

Wenn es deutliche Grenzen f√ľr die mittelalterlichen √Ąrzte gab, war es nicht der Umstand, dass sie die Krankheiten nicht erkennen konnten, sondern dass sie diese oft nicht zu heilen vermochten. Der Stand der Heilkunst war niedrig, es hatte seit der Antike kaum mehr einen Fortschritt gegeben. Die medizinischen Lehren, die an der abendl√§ndischen Universit√§ten vorgetragen wurden, waren von der Kirche festgelegt. Im wesentlichen waren es Vorlesungen alter Texte, mit einem kurzen Kommentar versehen. Die Symptome wurden exakt erkannt, doch als Ursache nahm man astrologische Einfl√ľsse (Abb. 9) an und versuchte sogar, auf Grund von Planetenkonjunktionen zuk√ľnftige Pestzeiten vorauszusagen. Da im Mittelalter √ľber die Pest recht wenig bekannt war, wurden zu ihrer Bek√§mpfung vielf√§ltigste Mittel angewandt: zur "Desinfektion" wurde von Essig, Rauch, Schwefel und Parfum (sp√§ter wurde daraus das weltber√ľhmte "Echt K√∂lnisch Wasser" entwickelt!) Gebrauch gemacht.

Abb. 9: D√ľfte gegen den Tod

Diese Parf√ľmkugel aus Silber und Gold enthielt Bl√ľten und Kr√§uter, welche die Luft erfrischen und die Seuche (und den Gestank des Todes) abhalten sollten.

Der Aderlass war im sp√§ten Mittelalter das am h√§ufigsten angewandte Mittel. Die √§lteste bildliche Darstellung des Aderlasses geht auf das 12.Jahrhundert zur√ľck. Der Aderlass wurde bereits seit der griechischen Antike angewandt, doch seine Bedeutung bekam erst durch Galen im 2.Jahrhundert. Galen behauptete, er habe durch Aderl√§sse in Asien die Pest von sich abgewehrt. Im 14. Jahrhundert und weit dar√ľber hinaus galt der Aderlass bei vielen Krankheiten als das Mittel der Wahl.

Abb. 7: Der Aderlass Abb 8: Pestarzt

Abb 9: Das Pestkreuz

Das vermutlich spätmittelalterliche Pestkreuz zeigt starken astrologischen Einfluss, etwa durch die Wiedergabe von Sonne und Mond bzw. die Konstellation gewisser Planeten, die als Ursache der Pest angesprochen wurde. Möglicherweise handelt es sich um ein Amulett, einem sichtbaren Zeichen gegen die unsichtbare Macht.

Doktoren in dicken Kost√ľmen und mit Schnabelmasken (Abb. 8) √∂ffneten die Pestbeulen der Kranken und lie√üen Eiter und Blut abflie√üen. Furchtlosigkeit wurde als oberstes Mittel gegen die Pest gepriesen. Mehr als f√ľnfzig verschiedene Pestheilige (darunter besonders der Heilige Sebastian und der Heilige Rochus) wurden angerufen. Isolation und Quarant√§ne wurden eingesetzt. Dies erwies sich als etwas vom Wenigen, das wirksam war. Jede Stadt f√ľhrte die Quarant√§ne, normalerweise vierzig Tage lang, an allen Fremden durch und Kranke wurden isoliert. Ein schlechtes Zeichen waren die Pestkarren, welche die Toten gleich karrenweise aus der Stadt zu den Pestl√∂chern transportierten: Zeichen daf√ľr, dass an einem Tag oft Tausende von Toten weggebracht werden mussten. In diesen Pestl√∂chern fanden Massenbeerdigungen auf zum Teil makaberste Art und Weise statt: die Toten wurden lagenweise in die L√∂cher geworfen, mit Erde bedeckt, um darauf die n√§chste Lage Tote zu werfen. Wurden die Toten noch einzeln beerdigt, so kamen spezielle Pests√§rge zum Einsatz: sie besassen an der Unterseite zwei Klappen, durch die der Tote ohne grossen Aufwand ins Grab bef√∂rdert werden konnte, und der Sarg war einsatzbereit f√ľr den n√§chsten Toten

Abb. 10: Das Warnzeichen Pest

Das Kennzeichen der Häuser, in denen sich Pestkranke befanden (gehörten zu den Vorsichtsmaßnahmen der Obrigkeit)

6.3 Die Bekämpfung der Pest heute:

Heute stehen gegen die Pest effizientere Methoden zur Verf√ľgung: ist die Krankheit bereits ausgebrochen, kann sie durch verschiedene Antibiotika (darunter Tetrazykline, Chloramphenicol, Streptomycin und Sulfadiazin in hohen Dosen) gestoppt werden. Ist mit einer Ansteckung zu rechnen (Reise in ein befallenes Gebiet), gew√§hrleistet eine Impfung einen f√ľnfmonatigen Schutz. Diese Schutzimpfung sind normalerweise abget√∂tete Pestbakterien; als weitere M√∂glichkeit findet die Chemoprophylaxe mit Sulfadiazin Anwendung.

Ansonsten sind Quarantäne, Isolation und die Bekämpfung der Ratten die wirksamsten Methoden zur Bekämpfung der Pest.

Die Pesth√§ufigkeit l√§sst sich durch viele Vorbeugungsma√ünahmen vermindern, so durch bessere hygienische Verh√§ltnisse, direkte Bek√§mpfung von Ratten und indem man den Transport von Ratten auf Schiffen zu verhindern versucht, in deren Ausgangsh√§fen die Krankheit vorkommt. Hungersn√∂te, die zu einer geringeren Widerstandskraft gegen die Krankheit f√ľhren, beg√ľnstigen die Ausbreitung der Pest.

7. Die Pest in Wien:

Einer gro√üen, ber√ľhmten Epidemie ist hier noch zu gedenken, der Pest von Wien, 1678/79. Wien war zuletzt 1654/55 von der Pest heimgesucht worden, die h√∂lzerne Pests√§ule am Graben, welche 1662 errichtet wurde, erinnert noch heute daran. 1678 brach die Pest in Wien erneut aus, und zwar in den Teilen der Leopoldstadt, die h√§ufig von der Donau √ľberflutet waren. Dass es die Pest war, versuchten die Beh√∂rden zun√§chst zu vertuschen, wie man dies gew√∂hnlich tat. Im Januar 1678 erlie√ü die Regierung eine neue Infektionsordnung. Als in der warmen Jahreszeit die Pest aufflackerte und der Tod sein Leichentuch √ľber Wien legte, flohen die B√ľrger scharenweise aus der Stadt, der kaiserliche Hof zun√§chst nach Mariazell, sp√§ter sogar bis nach Prag. Die Verordneten der St√§nde, die f√ľr das Sanit√§tswesen zust√§ndig waren, fl√ľchteten nach Krems und sind trotz Androhung der Suspendierung bis J√§nner 1680 verblieben. Das √∂ffentliche Leben erlosch und die Schulen wurden geschlossen. Nun geschahen all die Dinge, die man inzwischen kennt: Niemand war bereit, den Pestkranken zu helfen. Die Chirurgen, so hei√üt es, mussten gefesselt zu den Kranken hingeschleppt werden. Keiner wollte die Toten wegschaffen. Der Polizeichef der Stadt, ein Prinz Schwarzenberg, der zugleich von der Regierung zum Vorsitzenden der Pestkommission bestellt wurde, zwang inhaftierte Verbrecher, die Leichen aus den H√§usern zu holen und zu beerdigen. Schwarzenberg griff hart durch. Aufs√§ssige, r√§uberische Pestknechte lie√ü er aufkn√ľpfen. Er lie√ü aus seinem Verm√∂gen Pestlazarette errichten. Seine aufopferungsvolle T√§tigkeit brachte ihm den Namen Pestk√∂nig ein.

In der letzten Septemberwoche, als die Sterblichkeit ihren H√∂hepunkt √ľberschritten hatte, wagte sich der Hof zur√ľck. Ein feierliches Hochamt sollte das Ende dieser Epidemie anzeigen, die freilich noch im Oktober 20 bis 3o Tote w√∂chentlich forderte, zuvor waren es 200 bis 300 gewesen. Es erging das Gel√∂bnis von Kaiser Leopold I., der Dreifaltigkeit zum Dank eine Marmors√§ule (Abb. 11) zu errichten, dies geschah, neben der √§lteren Pests√§ule aus Holz, zwischen 1687 und 1693.

Abb 11: Die Pestsäule am Graben

Im Jahre 1679 als Dank f√ľr das Ende der Pest von Kaiser Leopold I. gestiftet. Der Herrscher ist auf der S√§ule in kniender Haltung dargestellt. Er, der m√§chtigste Mann in seinem riesigen Reich, beugt sich dem√ľtig im Gebet.

Als man Bilanz zog am Ende dieses Jahres, da fand man, dass Wien niemals mehr Menschen innerhalb eines einzigen Jahres verloren hatte. Mehr als 70.000 Tote, so behaupteten die einen. In anderen Darstellungen war von 60.000 Toten innerhalb der Stadt und weiteren 30.000 in den Vorst√§dten die Rede. Nun hatte Wien kurz vor 168o nur etwa 80.000 bis 100.000 Einwohner. Die erste Volksz√§hlung (1754 unter Maria Theresia durchgef√ľhrt) ergab eine Einwohnerzahl von 175.000. Sp√§tere Forschungen ergaben, dass sich etwa 7.200 Pesttote genau erfassen lassen. Es ist aber anzunehmen, dass viele weitere Personen nicht erfasst wurden oder auf der Flucht verstorben, so dass eine Sch√§tzung von 12.000 Toten realistisch sein k√∂nnte. Ein Verlust von 12 bis 15 Prozent der Bewohner einer Gro√üstadt, dies zeigt zugleich, dass die Pest im R√ľckgang begriffen war.

Wiens Umgebung blieb nicht verschont von dem Übel, ebensowenig wie andere Städte. In Graz herrschte die Pest 1680, zuvor schon im Waldviertel, wo manche Mariensäule mit den Pestheiligen St. Sebastian und Rochus und der hl. Rosalia an sie erinnert.

√úber die Waldregionen am Rande des B√∂hmischen Kessels griff die Seuche weiter, nach B√∂hmen und in den Osten Deutschlands. Sie w√ľtete 1680 in Prag nicht weniger heftig als zuvor in Wien. Noch im gleichen Jahr trat sie in Leipzig und Dresden auf, im Jahr darauf in Magdeburg, Eisleben, Halle, von dort stie√ü sie bald nach Th√ľringen und nordw√§rts in die Mark Brandenburg. An der nord√∂stlichsten Universit√§t Preu√üens, in K√∂nigsberg, achtete man auf alle Studenten, die aus diesem Raum kamen, von Leipzig oder Halle geflohen waren, um dort der Pest zu entgehen.

7.1 Die Sage vom Lieben Augustin:

Die Sage berichtet, Augustin hätte vor ungefähr 300 Jahren gelebt und ein schauriges Erlebnis zur Pestzeit gehabt.

Damals spielte Augustin mit seinem Dudelsack jeden Abend in den Wirtsh√§usern auf. Und wie es so √ľblich war, zahlten ihm die G√§ste oft ein Gl√§schen Wein f√ľr seine Kunst. Eines Abends hatte er etwas zu viel Wein getrunken. Am Heimweg rutschte er in der finsteren Nacht aus und schlief einfach auf der Gasse ein.

Doch die Pest hatte schon so viele Menschen hinweggerafft, dass die Pestknechte mit dem Bestatten der vielen Toten nicht mehr nachkamen. Sie liefen durch die Gassen und luden die verstorbenen Menschen auf Karren, die sie zu den riesigen Pestgruben vor die Stadtmauer brachten. Auch der schlafende Augustin wurde in der Schnelligkeit f√ľr einen Pesttoten gehalten, zu einer Grube in der Vorstadt St. Ulrich geschleppt und dort hineingeworfen.

Doch wie erschrak der Sackpfeifer Augustin, als er am n√§chsten Morgen inmitten der Leichen erwachte! Er war √ľber seine Lage entsetzt, denn wie sollte er da je wieder herauskommen? Die W√§nde der Grube waren zum Klettern viel zu hoch. Doch Augustin verzweifelte nicht. Er war ein fr√∂hlicher Geselle, auch in der gr√∂√üten Not. Sein Musikinstrument hatte er noch bei sich und mit dem spielte er, so laut er konnte. Da h√∂rten ihn die Pestknechte und zogen ihn verwundert wieder heraus. So wurde Augustin durch seine Musik gerettet.

Sein Lieblingslied "0 du lieber Augustin, alles ist hin" sangen und pfiffen die Leute so gerne, dass sie es bis heute noch populär ist.

UND WAS IST WAHR AN DIESER GESCHICHTE?

Zwar gab es im alten Wien einige Musikanten, die mit dem Vornamen Augustin hießen, doch haben die Wiener diese Geschichte erfunden. Es stimmt, dass man zur Pestzeitfurchtbare Angst hatte, lebendig begraben zu werden. Das Lied "0 du lieber Augustin " stammt aber nicht aus der Pestzeit, sondern wurde ungefähr 100 Jahre später als Theaterlied gedichtet. Trotzdem erzählen noch heute einige Leute mit Augenzwinkern, dass der liebe Augustin so gerne im Griechenbeisl (Wien 1, Fleischmarkt 11) aufgespielt hätte.

Aber auch in der Pestordnung Seite 127 wird erstmals, jedoch ohne Namensnennung, von einem Mann welcher in die Pestgrube f√§llt und √ľberlebt, geschrieben.

8. Soziale Auswirkungen der Pest:

Die grossen Seuchenz√ľge des Mittelalters hatten auch vielf√§ltige soziale Auswirkungen zur Folge: die Menschen verlie√üen ihre Familien und Freunde, um sich vor einer Ansteckung zu sch√ľtzen, und der Egoismus begann, um sich zu greifen. Besonders Adelige und Kleriker konnte sich die Flucht leisten und waren die ersten, die ihre Heimat verlie√üen. Durch den somit entstandenen Mangel an √Ąrzten und Priestern wurde die Not im Volke nur noch gr√∂√üer: die Leute wurden nicht mehr behandelt und gepflegt, erhielten die Sakramente, besonders die Letzte √Ėlung, nicht mehr und starben physisch und psychisch total abgewrackt.

Teilweise ereigneten sich gar richtige Trag√∂dien: M√ľtter schlugen ihre Kinder zu Tode, damit diese nicht den brutalen Tod sterben mussten, M√§nner beerdigten sich selbst bei lebendigem Leibe, um nicht vor dem Sterben von M√§usen, Ratten oder W√ľrmern angefressen zu werden.

Die Obrigkeit begann, Menschenansammlungen, darunter sogar Gottesdienste, zu verbieten, was dazu f√ľhrte, dass die Absolution aus der Ferne erteilt wurde und das Abendmahl auf zwei Meter langen L√∂ffeln gereicht wurde. Auch erste Hygienevorschriften wurden in dieser Zeit erlassen.

Allerdings versuchten die Behörden vielerorts das Auftreten der Seuche zu verheimlichen und wenn nötig zu vertuschen: man wollte die Handelsbeziehungen mit anderen Städten nicht gefährden und die Panik im Volk möglichst verhindern.

Viele Leute lebten nun, im Angesichte eines furchtbaren Todes, viel bewusster, was auch erfreuliche Auswirkungen zur Folge hatte. So stammen die pr√§chtigsten Beispiele von Prozessionen und Umg√§ngen aus der Zeit des Barock und sind eine direkte Reaktion auf die grosse Zahl von zum Teil Tausenden von Toten t√§glich. Diese wunderbaren Prozessionen zu Ehren verschiedener Heiliger und der Gottesmutter Maria f√ľhrten durch s√§mtliche Stra√üen der Stadt, wurden von allen einigerma√üen gesunden Einwohnern besucht und dauerten meist den ganzen Tag. W√§hrend dieser Tagen l√§uteten die Kirchenglocken ununterbrochen und Tausende von Gebeten wurden zum Himmel geschickt.

Manche Leute blieben den ganzen Tag in der Kirche, andere begannen ihre S√ľnden zu beichten und sich daf√ľr zu geisseln (Flagellanten); Judenverfolgungen griffen um sich, vielerorts wurden s√§mtliche Haustiere geschlachtet, Totent√§nze wurden aufgef√ľhrt, Pl√ľnderungen waren an der Tagesordnung. Auch missbrauchten einige Herrscher die Panik in der Bev√∂lkerung f√ľr ihre eigenen Interessen. Und in Avignon wurden 1722 einige Krankenschwestern entlassen, da sie die Pest f√ľr ihr pers√∂nliches Vergn√ľgen missbraucht hatten: sie spielten mit den Pestleichen Bockspringen!

In dieser Zeit entstanden sehr viele Bilder mit Pestmotiven (von brutal bis makaber), die oftmals, besonders die Altarbilder, bis heute erhalten geblieben sind. Ebenfalls aus dieser Zeit stammen die sehr populären "Schutzmantel-Madonnen". Ein weiteres Zeugnis dieses Zeitalters ist das Buch "Bericht vom Pestjahr" von Daniel Defoe; die beste Dokumentation einer Pestepidemie.

7181 Worte in "deutsch"  als "hilfreich"  bewertet