Der Emporkömmling

Von dieser Zeit nach dem Abschluss der Trilogie, von den Schwierigkeiten dieser Zeit berichtet die 1982 erschienene Erzählung "Der Emporkömmling".

Lambrecht, der Ich-Erzähler, berichtet von den Folgen des Erfolgs, er beschreibt den Weg zurück.

"Herbert Takuner", ein Freund, "war damit nicht einverstanden, dass ich jetzt ging. Er beschwor mich, doch endlich zu akzeptieren, dass ich ein Intellektueller sei. Ob ich es nun wahrhaben wolle oder nicht, Tatsache sei, dass ich zu den Intellektuellen gehöre. Es sei nun wirklich an der Zeit, mir diesen Umstand einmal deutlich vor Augen zu halten. Es sei eine Illusion, zu glauben, ich könne mich als Arbeiter besser entfalten."

Doch Lambrecht sieht keine anderen Möglichkeiten mehr. Sein Entschluss steht fest.

"Ich schwitze am ganzen Körper. Das Aufräumen strengte mich an, aber ich gönnte mir keine Pause. Ich musste die Reste meines Irrtums loswerden. Es roch nach Staub und trockenem Papier. ES ekelte mich. Es war ein Ekel vor der Sinnlosigkeit, der Leere, dem Nichts, in das sich die ganze Anstrengung plötzlich auflöste."

Er packte alles zusammen, schmeißt einen Teil seiner Bücher in die "Mülltonne" und verkauft den Rest an einen Antiquar. Und er geht zurück. Zurück in seine eigene Vergangenheit: "Damals war es mir unverständlich gewesen, wie sich ein junger Mensch damit abfindet, sein Leben lang Arbeiter zu bleiben. Jetzt war ich froh, es selbst noch einmal als Arbeiter versuchen zu können."

Und so findet er langsam wieder zu sich selbst zurück. "Ich fing auf einmal wieder an zu leben. Ganz winzig und elend kroch ich zu mir zurück. Es darf nicht wahr sein, dass ich mich umsonst geplagt habe", ruft er sich zu: "Du musst dir deine Hände zurückerobern. Die Hände sind dein Ausweg. Nur über sie kannst du vielleicht zu dir finden."

Diese Beschreibung, genau und aufrichtig, durchsetzt mit kräftigen und auch schönen Bildern, zeigt womöglich doch einen Ausweg - für Innerhofer. Als Innerhofers "Schöne Tage" erschienen ist, haben alle Kritiker gejubelt, ohne auf den Preis zu achten, den der Autor für dieses Buch zahlen musste.

Als Innerhofer die weiteren Stationen seiner Lebensgeschichte, also die Voraussetzung der "Schönen Tage" beschrieb, da fingen die Kritiker an zu mäkeln, ohne zu sehen, dass die Voraussetzung notwendigerweise eingeholt werden musste. Innerhofer ist dabei zum Opfer des Literaturbetriebes geworden, der ihn erst hochgejubelt, dann fallengelassen hat. Dagegen kommt auch keine Empörung an.

Dort, wo das Ressentiment beginnt, hört das Verständnis auf, dort wo das Opfer selbst zum Täter wird, endet jedes Mitleid. Innerhofer hat im Frühjahr 1993, nach über zehn Jahren, mit "Um die Wette leben" ein neues Buch vorgelegt, das er "Roman" nennt:

ein durch und durch misslungenes Buch, das Innerhofers langes Schweigen nur mittelbar erklärt, seine Ressentiments dafür umso direkter vorführt. So macht der "Roman" keinen Unterschied zwischen Held und Autor, sondern beginnt mit einem Gespräch zwischen dem "Autor" und seinem "Verleger". Schon der erste Satz demonstriert, in welche Richtung das Buch führt:

"Schauen Sie, dass Sie nicht zu sehr ins Autobiographische kommen, so der Verleger." Und gleich darauf: "Fabriken nicht mehr, Arbeiter nicht mehr, so die Kritiker zum Verleger und so der Verleger zum Autor." Aus dieser Aufforderung, die zum Leitmotiv des "Romans" wird, entsteht das Ressentiment des Autors, das sein Buch beherrscht. "Dieser elende Marktblödsinn", so ging es ihm "durch den Kopf".

Unterdessen hatte er das Büro des Verlegers verlassen, war einen engen Gang entlang, Richtung Ausgang, gegangen, und zwar "am Packer" vorbei": "Sie grüßten sich natürlich, der Autor als der viel Jüngere und zum Grüßen Erzogene, der Packer, weil er musste, aber ihr Aneinandervorbeimüssen war in erster Linie gebäudetechnisch bedingt, was der Autor als durchaus sympathisch empfand. Das Außersichtweitehalten und Verstecken von Menschen hasste er."

Unverständlich, dass ein Lektorat solche Sätze mit seinem Autor nicht diskutiert. Denn unverständlich ist, worauf der Autor hinaus will. Es lässt sich hier, ebenso wie beim zentralen Motiv des "Romans" allenfalls ahnen.

Freilich wird deutlich, woher der Hass kommt: "Elender Marktblödsinn, fluchte der Autor in sich hinein. Scheiß deutsches Kritikertum! Scheiß deutsches Verlegergesindesl! Scheiß Aktionäre! Scheiß feige anonyme Machtbagage! Tatsächlich fühlte er sich auf die Schulbank zurückversetzt, ja mehr, er war aus freien Stücken auf ein Glatteis gegangen und wollte es noch nicht einmal richtig wahrhaben."

Innerhofer hatte sich, 1982, mit "Der Emporkömmling" aus der Literatur verabschiedet. Er war, wie er zuvor einmal für sein alter ego Franz Holl befürchtet hatte, zum - gescheiterten - Milieuwechsler geworden: "Hörte Holl von solch einem Fall, wurde er jedes Mal wütend, tobte und schwor sich, eher würde er jämmerlich in der Redewelt verenden, als nur mit einem Schritt in sein früheres Milieu zurückkehren."

Diesem Schwur verdankt sich der neue "Roman". Er war der endgültige Abschied des Franz Innerhofers aus der Literatur.

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