Marokko

Ein Königreich, in dem die Zeit still zu stehen scheint.

Paris, Gare du Austerlitz, kurz vor Mitternacht.

Ich werde durch das plötzliche Aufreißen der Abteiltür und den hereindringenden Lärm geweckt. Ein Schaffner steckt seinen Kopf ins Zugabteil und verlangt mein Ticket und den Reisepaß. Geblendet von der Deckenbeleuchtung blinzle ich von meinem Bett herunter und bemerke, dass ich nicht mehr alleine im Abteil bin. Ein Mann und eine Frau liegen auf den untersten Betten. Dazwischen türmt sich ein gewaltiger Berg von Gepäckstücken, der bis zur halben Höhe des Fensters reicht. Der Kleidung und der Hautfarbe nach zu schließen, dürfte es sich um Nordafrikaner handeln.

Endlich, der Zug setzt sich in Bewegung. Durch das leichte Rumpeln das den Liegewagen erschüttert, erwacht der Mann unter mir. Unsere Blicke treffen sich. Er lächelt und ich lächle verschlafen zurück. In seinen Augen sehe ich, dass er genauso froh ist wie ich, dass wir Paris endlich verlassen und Richtung Süden fahren.

Vom Gedanken an das Unbekannte, das mich erwartet, erhöht sich mein Puls und ich fühle schlummernde Lebensenergien erwachen. Zufrieden beobachte ich die Lichter, die vor dem Fenster vorbeifliegen. Der Zug donnert durch die verschlafenen Außenbezirke von Paris. Gemütlich lehne ich mich im Halbdunkel des Abteils zurück und male mir in Gedanken aus, was alles auf mich zukommen wird.

Übermorgen um 6 Uhr morgens sollten wir in Algeciras (Südspanien) sein, so hat man es mir zumindest gesagt. Vom rhythmischen Schaukeln des Zuges lasse ich mich wieder in den Schlaf wiegen. Als ich wieder erwache, ist es schon hell und die Sonne steht sehr hoch. Wieder ist es die laute Schiebetür, die mich aus dem Schlaf reißt. Aber diesmal ist es nicht der Schaffner, der ins Abteil kommt, sondern der großgewachsene Mann, der auf dem Bett unter mir geschlafen hat. In seinen Händen hält er drei Becher mit wohlriechendem heißen Kaffee. Lächelnd überschüttet er mich mit einem französischen Wortschwall und hält mir einen der Kaffeebecher vor die Nase. Ich nehme dankbar an und gleichzeitig gebe ich ihm zu verstehen, dass ich nicht französisch spreche. Weil er aber nicht Deutsch versteht, einigen wir uns auf Englisch. Dabei erfahre ich, dass Mohammed und Riza Geschwister sind und sich auf dem Weg nach Hause, nach Casablanca, befinden.

Riza kramt aus einer ihrer Reisetaschen ein großes Stück Fladenbrot hervor und teilt es sorgsam unter uns auf. Das einfache Frühstück tut dem Magen gut und lässt ein angenehmes Gespräch aufkommen. Es stellt sich heraus, dass Riza in Paris gearbeitet hat und jetzt wieder nach Marokko übersiedelt, dorthin wo ihre Wurzeln sind und wo ihre Familie auf sie wartet. Ihr Bruder Mohammed ist in geschäftlichen Angelegenheiten auf der ganzen Welt unterwegs und hilft seiner Schwester beim Umzug. Dabei zeigt er lachend mit dem Daumen auf die vielen Gepäckstücke, die sie schon in Paris stundenlang herumgeschleppt haben.

Zu Mittag gibt es eine längere Fahrtunterbrechung. Wir befinden uns gerade in Irun, an der Grenze zu Spanien. Es ist hier sehr heiß und jeder versucht irgendwie eine Abkühlung zu bekommen. Kaum jemand hält es noch im Zug aus. Die meisten Fahrgäste sitzen im Schatten des Zuges, andere waschen sich an einer alten Wasserleitung das Gesicht um gleich darauf mit frischer Energie einen kleinen Imbißstand zu plündern. Auch Mohammed und Riza haben sich in die heiße Schlacht um die kühlen Getränke geworfen.

Eine Stunde später sitzen wir wieder im Zug und lassen uns bei geöffnetem Fenster den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Ich bin froh, dass die Zeit doch rascher verstreicht als ich anfangs befürchtet hatte. Die eintönige Landschaft und das gleichmäßige Rumpeln und Schaukeln des Zugs bewirken, dass ich bald wieder einschlafe.

Früh am Morgen werde ich durch die allgemeine Aufbruchsstimmung im Zug geweckt. Ich schaue etwas ungläubig auf meine Armbanduhr und stelle fest, dass es schon halb sechs Uhr am Morgen ist. Wir müssen kurz vor Algeciras sein. Als würde er Gedankenlesen können, bestätigt mir Mohammed die bevorstehende Ankunft in der südlichsten Stadt Spaniens.

Vor dem Verlassen des Zugabteils werfe ich einen Blick auf die Gepäcksmassen der beiden und schaue in die verzweifelten Augen von Riza, die sich ebenfalls auf dem Kofferhaufen umschauen. Natürlich biete ich ihnen an dieser Stelle meine Hilfe an, worauf mir beide wie auf Kommando ihre makellosen Zahnreihen unter ihren vor Dankbarkeit blitzenden Augen zeigen.

Der Zug hält. Nun gilt es, keine Zeit zu verlieren. Mit dem Rucksack auf dem Rücken rase ich auf den Bahnsteig hinaus und nehme die Koffer, Reisetaschen, Plastiktaschen, Teppichrollen und Bilderrahmen in Empfang. Während mir Riza noch die letzten Sachen aus dem Zugabteil herausreicht, flitzt Mohammed schon mit einigen Koffern beladen zum nahegelegenen Busbahnhof, wo er einen Buschauffeur mit einigen Pesetas bestochen hat, damit dieser ihm drei Plätze reserviert.

Die Menschen rings um uns herum sehen uns belustigt zu, wie wir wie von der Tarantel gestochen mit Gepäckstücken beladen durch die Gegend wieseln. Endlich haben wir es geschafft. Die Türen des Busses fallen zu, das Gepäck ist verstaut und wir lassen uns erschöpft in die zerrissenen Kunststoffsitze sinken. Doch die Fahrt zum Hafen dauert nicht lange und bald schon sehen wir uns wieder kofferschleppend durch die Gegend sausen.

Immer wieder versichern mir Riza und Mohammed wie unglaublich froh sie sind, mich getroffen zu haben.

Ich muss mir ein Ticket für die Überfahrt nach Marokko besorgen. Gerade wie ich mich auf den Weg zum Ticketschalter machen will, hält mich Mohammed am Arm zurück. Er will das machen, meint er mit einem Augenzwinkern. Gleich darauf kommt er wieder zurück und präsentiert mir eine Fahrkarte die wesentlich preiswerter ist als ein gewöhnliches Ticket. Als ich ihn frage, wie er das gemacht hat, winkt er nur lächelnd ab.

"You help me and I help you, that's normal". Ich lade ihn daraufhin auf einen Kaffee ein.

Die dreistündige Überfahrt von Algeciras durch die Straße von Gibraltar ist sehr erfrischend und ich genieße die salzige Meeresluft, die mir durch die Heftigkeit der Windböen fast den Atem raubt. Zuerst geht es immer der spanischen Küste entlang. Links sieht man hinter einem Dunstschleier die afrikanische Küste steil aufragen. Der Atlantik zeigt sich sehr stürmisch, sodass immer wieder Gischtspritzer bis zur hochgelegenen Reeling und in die Gesichter der gutgelaunten Passagiere gelangen.

Als wir im Hafen von Tanger von Bord gehen, wiederholt sich die Prozedur mit dem vielen Gepäck von Riza und Mohammed zum dritten Mal. An der marokkanischen Einreisebehörde lerne ich gleich eine der wichtigsten Verhandlungspraktiken Afrikas kennen. Der Zollbeamte verlangt von uns, dass wir unser Gepäck öffnen und auf einem der großen Tische ausbreiten. Mohammed verhält sich so, als hätte er die Aufforderung nicht gehört und überreicht dem Beamten seinen Reisepaß, worin dieser einen hundert Dirham-Schein findet. Der Zöllner sieht sich verstohlen um, steckt das Geld ein, gibt den Paß zurück und winkt uns mit einer kleinen Handbewegung am Schalter vorbei. Mohammed sagt, wenn er an jeder Grenzkontrolle den herkömmlichen Weg gehen würde, müsste er sein halbes Leben in Warteschlangen verbringen und dafür hat er keine Zeit und schon gar keine Lust.

Mohammed und Riza laden mich ein, mit ihnen nach Casablanca zu fahren. Sie wollen mir ihre Mutter vorstellen und ich könnte in ihrem Haus wohnen. Es ist genug Platz und zu essen gibt es auch reichlich, versichern sie mir.

Ich bin von Natur aus neugierig und der Gedanke, dass ich direkt am marokkanischen Leben teilhaben würde, macht es mir leicht, meine festgesetzte Reiseroute zu ändern und ihre Einladung anzunehmen.

Gegen Mittag fährt der Zug pünktlich aus Tanger ab. Wir sitzen in einem großen geräumigen Abteil und genießen die klimatisierte Luft. Mohammed zählt immer wieder die Gepäckstücke weil er glaubt, dass eine Tasche verlorengegangen ist. Schließlich stimmt die Zahl doch und er lehnt sich zufrieden zurück und schläft augenblicklich ein.

Die Fahrt dauert an die sechs Stunden, und es ist schon finster als wir in Casablanca ankommen. Am Bahnsteig steht eine große Menschenmenge und wartet auf das Kommen des Zuges. Als wir den Zug verlassen, kommt plötzlich Bewegung in eine Gruppe von etwa zwanzig Leuten, die alle mit dem Finger auf uns zeigen und vor Freude mit den Händen winken. Noch lange werde ich an die nun folgende Begrüßungszeremonie denken, bei der mit freudig erregten Stimmen und Tränen in den Augen das Wiedersehen gefeiert wurde. Minutenlang wird umarmt, geküßt, auf die Schultern geklopft und laut gelacht. Etwas verloren stehe ich unbeachtet daneben und beobachte die fröhliche Szene. In diesem Augenblick muss mich Mohammed seinen Freunden vorgestellt haben, denn plötzlich befinde ich mich mitten in der Menge und werde zum Kuß herumgereicht. Sofort fühle ich mich in die Gruppe aufgenommen und marschiere mit ihnen mit. Jeder vom Begrüßungskommando trägt jetzt ein Gepäckstück. Damit ist wohl die Kofferschlepperei vorbei, denke ich mir.

Wir marschieren eine breite palmenbewachsene Straße hinauf, in der sich Verkaufsläden der verschiedensten Arten aneinanderreihen. Beim Vorbeigehen verwandelt sich der Ledergeruch, der aus einer Schusterwerkstatt dringt, schnell in den Duft verschiedener Gewürze, oder in den Geruch von Brochettes, das sind Fleischspieße, die auf einer Holzkohlenglut gegrillt und an jeder Straßenecke verkauft werden. Die Straßen sind überfüllt mit Taxis, buntbekleideten Menschen, Eselkarren und vielen spielenden Kindern, die wie selbstverständlich die Fahrbahnen der Stadt zu ihrem Spielplatz machen.

Die Gehsteige werden hauptsächlich von den zahlreichen Verkaufsständen und von den kleinen Tischen der Restaurants in Anspruch genommen. Überwältigt von den vielen neuen Eindrücken, gehe ich, ohne zu wissen wohin und wie weit, hinter den kofferschleppenden Freunden her. Die warme Luft ist erfüllt von Benzingeruch und vom Gestank der Müllsäcke, die in jedem Hauseingang herumliegen. Mohammed beobachtet mich aus den Augenwinkeln wie ich alles um mich herum aufsauge und er merkt an meinem Gesichtsausdruck, dass es mir sehr gut geht. Von nun an, sagt er, wird alles ein bißchen anders sein als ich es gewohnt bin.

Die Straßenbeleuchtung wird jetzt spärlicher und ich merke, dass wir das Zentrum von Casablanca verlassen und eine verwinkelte Wohngegend erreichen, wo unsere Karawane von vielen mißtrauischen Blicken verfolgt wird.

Ich bin sehr froh, dass ich mir in dieser Stadt nicht erst eine Unterkunft suchen muss, denn ich bin nicht sicher, ob ich mich im Dunkeln auf die Suche nach einer preiswerten Bleibe gemacht hätte. Bestimmt hätte ich das erstbeste Hotel gewählt.

Plötzlich stoppt die Kolonne. Wir sind da. Die Mutter von Riza und Mohammed steht im hellerleuchteten Türrahmen mit ausgebreiteten Armen und heißt die Ankommenden mit tränenerstickter Stimme willkommen.

Diese große korpulente Frau ist das uneingeschränkte Oberhaupt der Familie. Bei den langen und ausführlichen Berichten der Heimkehrer sitzt sie im Mittelpunkt des Geschehens und hört gespannt zu, wobei ihr unaufhörlich die Tränen über die wohlgeformten Wangen rinnen.

Leider wird seit unserer Ankunft nur noch arabisch gesprochen, und ich kann mich nur noch auf die Gestik und auf die Körpersprache konzentrieren. Mohammed versucht zwar, mir das wichtigste zu übersetzen doch muss er selbst so viele Fragen beantworten, dass für Erklärungen keine Zeit bleibt und er es schließlich ganz sein lässt.

Wir sitzen im großen Hauptraum des Hauses auf sehr weich gepolsterten Bänken die an der Wand entlang aufgestellt sind. Vor uns stehen sehr lange etwa kniehohe Tische. Ich bin so sehr damit beschäftigt, die neue Umgebung zu verarbeiten, dass ich erst merke wie hungrig ich bin als das Essen aufgetragen wird. Die jüngeren Geschwister meiner Reisegefährten servieren auf großen Messingtabletts gebratene Hühner, Reis und viele verschiedene Saucen, wozu noch jede Menge weißes Fladenbrot gereicht wird. Vor der Mahlzeit trägt die jüngste Tochter eine silberne Schüssel mit warmen Wasser durch die Reihe worin sich jeder der Anwesenden eher symbolisch als hygienisch die Hände wäscht. Verlockend steigt uns allen der Duft der Brathühner in die Nase, doch keiner wagt es, die Köstlichkeiten zu berühren, bevor die Mutter ihr Tischgebet gesungen hat.

Gegessen wird mit den Fingern. Nur zum Zerteilen der Hühner verwendet man ein Messer. Der Reis und die Saucen werden mit dem Brot, das man zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger klemmt und so eine Schüssel formt, aufgegabelt. Nach dem Essen wird dann noch der berühmte marokkanische Pfefferminztee serviert, der mit sehr viel Zucker aus kleinen Gläsern getrunken wird. Danach kommt die Jüngste erneut mit der Wasserschüssel und eine weitere Reinigungszeremonie beendet schließlich das Abendessen.

Obwohl ich von der angeregten Unterhaltung kein Wort verstanden habe, fühlte ich mich in der angenehmen Atmosphäre der Familie Taossile sehr wohl und geborgen. Später zeigt mir Riza das Zimmer, in dem ich schlafen kann und stellt noch einen Krug mit Wasser auf den Waschtisch, der mit allerlei Zierrat und Plastikblumen geschmückt ist.

Nach einer notdürftigen Körperpflege falle ich ins weiche Bett, lasse die wunderschönen Augenblicke des Tages noch einmal revue-passieren und schlafe kurz darauf erschöpft ein.

Der Morgen dringt heiß beim offenen Fenster herein und obwohl es erst halb sechs ist, scheint ganz Casablanca schon auf den Beinen zu sein. Ich ziehe mich an und gehe in den großen Raum, in dem am Abend gegessen wurde. Die meisten Hausbewohner sind schon außer Haus, nur Mohammed und seine Mutter sitzen in der Küche und sind in ein angeregtes Gespräch vertieft. Mohammed will mir heute das alte Casablanca zeigen, da er sowieso in die Stadt muss, um einige Erledigungen zu machen.

Als wir das Haus verlassen, brennt die Sonne schon erbarmungslos auf die sporadisch asphaltierte Straße nieder. Wir marschieren durch die verwinkelten Gassen, durch die wir gestern gekommen waren. Ich muss zugeben, dass ich ohne fremde Hilfe kaum mehr aus diesem Labyrinth von Häuserzeilen herausgefunden hätte. In der neuen Stadt fällt mir die Orientierung schon bedeutend leichter. Hier gibt es Hochhäuser und eine riesige Moschee, deren Minarett ich nicht aus den Augen lasse, um mich zurechtzufinden.

Vom Hafen her kommend gehen wir auf dem Boulevard Felix Houphouet-Boigny in Richtung Stadtmitte. Diese breite Geschäftsstraße bietet dem Besucher eine reiche Auswahl an kunsthandwerklichen Erzeugnissen aus sämtlichen Regionen des Landes. Dieser Boulevard endet am Brennpunkt Casablancas, am Place des Nations Unies. Die großen Verkehrsadern treffen sich hier. Zur linken zweigt die Avenue des Forces de l'Armee Royale ab, in der die Luxushotels Mansour, Sheraton und Safir miteinander konkurrieren. Straßencafés, Kinos, Banken und Reisebüros findet man rund um den Platz der Vereinten Nationen, der von der modernen Glasfassade des Hyatt Regency Hotels beherrscht wird. Durch die riesige Glaswand der Hotellobby sehe ich über der Bar ein überlebensgroßes Bild vom unvergessenen Humphrey Bogart, der auf die cocktailtrinkenden Hotelgäste herunterblickt.

An diesem Verkehrsknotenpunkt treffen zwei total verschiedene Welten aufeinander. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes beginnt die Medina, so heißt der alte Kern einer marokkanischen Stadt. Durch ein großes bogenförmiges Tor wechselt man aus der Gegenwart in eine längst vergangene Zeit. In der belebten Hauptgasse namens Derb Omar entströmt aus kleinen Restaurants der Duft von gebratenen Fischen, von Kefta (faschierten Bällchen) und Kebab (Fleischspießchen), dazu wird überall Harira-Suppe angeboten.

Ein Freund Mohammeds lädt uns zu einem Besuch in seinem Gewürzladen ein. Er serviert uns frisch gebrühten Pfefferminztee und dazu eine ganze Schüssel Chebakia, das ist ein sehr klebriges Honiggebäck. Nach langem Händeschütteln und den besten Wünschen für die Zukunft, gehen wir schließlich weiter durch die engen verwinkelten Gassen. Vorbei an lärmenden Marktschreiern, die lautstark ihre Waren anpreisen, an ganzen Scharen von Kindern, die permanent mit ausgestreckten Händen um einen Dirham betteln und an fliegenübersäten Fleischmärkten, wo man ganze Rinderhälften in der prallen Sonne zur Schau gestellt hat.

Rotgewandete Wasserverkäufer mit quastenbesetzten Strohhüten, behängt mit Ziegenschläuchen, machen mit Glöckchen Durstige auf sich aufmerksam.

Mir fällt auf, dass innerhalb der Medina das traditionelle lange Gewand der Einheimischen noch vorherrschend ist, während man in der neuen und modernen Metropole fast ausschließlich europäische Kleidung sieht. Hier in den Souks (Marktviertel) gibt man sich traditionell konservativ. Es gibt hier auch die größte Ansammlung von kleinen Moscheen, in denen zu jeder Tageszeit gebetet wird. Außerhalb der hektischen Medina steht auf einer Felszunge über dem Meer die nagelneue Moschee Hassan II., deren 175 m hohes Minarett sich wie Allahs Zeigefinger zum Himmel streckt. Das Volk hat seinem König (Hassan II.) das Gebetshaus zum 60. Geburtstag geschenkt. Die Spenden - fast sieben Milliarden Schilling (!) - wurden von Beamten im ganzen Land eingesammelt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die vollständig mit kostbaren Fliesen verzierte Moschee ist, nach Mekka und Medina in Saudi Arabien, die drittgrößte der Welt. Sie bietet 100.000 Gläubigen Platz, verkündet Mohammed stolz, der für mich einen hervorragenden Reiseführer abgibt.

Wieder zurück im Zentrum von Casa, essen wir in einem kleinen Restaurant in der Rue du Prince Moulay Abdallah ein ausgezeichnetes Fischgericht, auf das ich Mohammed einlade, zum Dank für die informative Führung durch die Stadt. Doch er winkt nur lächelnd ab und meint, dass das doch selbstverständlich sei. Mir gefällt die herzliche Art der Menschen in diesem Land immer besser und ich denke belustigt an die vielen Ratschläge, die ich von zuhause mitbekommen habe: ich soll mich ja vor den Taschendieben und Gaunern in acht nehmen, die überall herumlungern und es auf Touristen abgesehen haben.

Am Nachmittag hat Mohammed leider keine Zeit mehr für mich, da er seinen Geschäften nachgehen muss, erklärt er mir, wobei er sich vielmals für seine Unhöflichkeit entschuldigt. Er gibt mir noch die Adresse seiner Mutter, damit ich mich, wenn ich mich verlaufe, jederzeit in ein Taxi setzen kann, das mich dann sicher wieder zu Hause abliefern wird. Kurz darauf ist er in der Menschenmenge verschwunden. Bei einem Glas Pfefferminztee beobachte ich die auffallend modisch gekleideten und hübschen Marokkanerinnen, die hier in der für Autos gesperrten Straße, bummelnd durch die Kaufhäuser spazieren, während die Männerwelt eher in diversen Straßencafés ihrem speziellen Lebensgefühl nachgeht. Dabei wird beinahe jede schöne Frau, die vorbeikommt, irgendwie angesprochen oder anerkennend mit einem langgezogenen Pfiff durch die Zähne gewürdigt.

Ich mache mich auf den Weg, um noch mehr von Casablanca zu sehen. Am Boulevard Mohammed V. gelange ich zufällig an den Bahnhof der Marrakeschlinie, von wo ich mein nächstes Reiseziel, Marrakesch, ansteuern will.

Auf beiden Seiten des belebten Boulevards gibt es Geschäfte, Buchhandlungen, Restaurants, Eissalons, Cafés, Konditoreien und Kinos. Schuhputzer bieten schreiend ihre Dienste an und Losverkäufer halten für jedermann das große Glück bereit. An den zahlreichen Kiosks finde ich reichhaltig internationale Zeitungen.

Die Hauptattraktion der Straße ist zweifellos die Markthalle des Marche Central. Die Käufer erwarten Fleisch und Wurstwaren (für Christen auch vom Schwein), Geflügel und Käse, Obst und Gemüse, Meeresfische und Schalentiere.

Alles sauber geordnet und appetitlich dargeboten. Sogar Schildkröten und Kanarienvögel sind zu haben. Die zuvorkommenden Händler haben für jeden Passanten ein freundliches Wort übrig und sind durchwegs bester Laune. Das Angebot der Blumenstände ist von einer Farbenpracht und Vielfalt, die in Europa ihresgleichen sucht. Das Aroma von frisch geröstetem Kaffee, der Duft von Blüten und Gewürzen lässt kaum einen Spaziergänger gleichgültig vorüberziehen.

Auf meiner 'Expedition' durch die fremde Stadt gelange ich auch an den Park der Arabischen Liga, der der größte Park Casablancas und gleichzeitig eine Oase mitten im hektischen Verkehrslärm ist. Blumenbeete, Palmen und schattenspendende Prichardiya-Bäume verbreiten eine Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit. Studenten finden hier die Muse zum Studium ihrer Lehrbücher, die sie im Auf- und Abgehen lesen.

Die Zeit vergeht wie im Flug, und wie ich am Abend plötzlich merke, dass ich schließlich doch die Orientierung verloren habe, suche ich den Zettel mit der Adresse, den mir Mohammed gegeben hat, und winke eines der vielen Taxis herbei. Die marokkanischen Taxis sind preiswert und seitdem Taxameter vorgeschrieben sind, kein finanzielles Abenteuer mehr mit ungewissem Ausgang. Doch habe ich das unbestimmte Gefühl, dass der fröhliche Taxler, der die ganze Zeit über ohrenbetäubende arabische Musik hört, bei weitem nicht die kürzeste Strecke fährt.

Als ich am Ziel der Fahrt aus dem Taxi steige, fühle ich hunderte Blicke auf mich gerichtet. Es ist in dieser etwas ärmlicheren Gegend anscheinend nicht alltäglich, dass sich jemand chauffieren lässt.

Mohammed, der inzwischen wieder daheim ist, erzählt mir, dass seine Mutter große Angst um mich gehabt hat als ich da draußen in der fremden Welt alleine war. Die Türe zur Küche geht auf, und mit wehendem Gewand stürzt

Frau Taossile auf mich zu, dankt Allah, dass ich gesund wiedergekommen bin und schließt mich in ihre Arme. Etwas verdutzt stehe ich da und weiß nicht wie mir geschieht. Mohammed lacht schallend auf, wie er mein Gesicht sieht, gibt mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und meint, "That's Africa". Langsam fange ich mich wieder und kann auch mitlachen.

Etwas später lerne ich Hamila ben Joussif und ihre kleinere Schwester Safi, zwei Mädchen aus der Nachbarschaft, kennen, die auch ein bißchen Englisch verstehen. Die beiden haben diese Fremdsprache gelernt, weil sie später einmal die Welt bereisen wollen. Vor allem Europa und Amerika wollen sie sehen. Ich bin erfreut, solch lustige Gesprächspartner gefunden zu haben und ich beantworte geduldig die vielen Fragen, die sie mir über Europa und Österreich stellen. Safi, die sehr westlich angezogen ist, holt von zuhause einen französischen Katalog, zeigt auf die bunten abgebildeten Mountainbikes und fragt, ob man auch in Österreich so etwas kaufen kann. Auf meine zustimmende Antwort hin bekommt sie ein träumerisches Glänzen in den Augen.

Hamila will wissen, ob wirklich alle jungen Leute aus den westlichen Ländern ein Auto besitzen, und wieviel es kostet in ein Rockkonzert zu gehen oder wie es in Italien aussieht, ob ich schon einmal in Frankreich war und was dort eine Wohnung kostet ...

Obwohl es mir hier sehr gut geht, und ich mir keinen angenehmeren Ort vorstellen kann, will ich doch meine begrenzte Urlaubszeit nützen und auch die anderen Gegenden Marokkos kennenlernen.

Am nächsten Morgen, nach einer langen Abschiedszeremonie, bei der ich versprechen muss, eines Tages wiederzukommen, gehe ich durch den frühen Morgenverkehr hinaus in die Stadt. Ich muss zugeben, dass auch mir der Abschied von dieser überaus netten Familie schwer fällt. Auch Hamila, die mir am vergangenen Abend noch lange Gesellschaft geleistet hat, wird mir fehlen. Lächelnd denke ich an die vergangenen Tage, in denen es mir sehr leicht gemacht wurde, mich an das fremde Land zu gewöhnen.

Zielstrebig steuere ich den Gare des Voyageurs an, von dem aus ich nach Marrakesch gelangen werde. Der Zug fährt pünktlich ab, und ich genieße den ersten Teil der Fahrt, weil ich ein ganzes Abteil für mich alleine habe. Die Landschaft vor dem Fenster zieht wie ein Film an mir vorüber. Ich kann mich gar nicht satt sehen an der gewaltigen Ebene, in der nur ab und zu einmal ein karger Baum, eine Stromleitung, große alte Kakteen oder eine einsame Hütte in meinem Blickfeld auftaucht. Von Zeit zu Zeit rattert der Zug an kleinen Bauerndörfern vorbei, die zur Gänze aus gestampften Lehm bestehen. Diese Dörfer, die alle mit einer hohen und dicken Mauer umgeben sind, wirken wie eine Befestigungsanlage, und wahrscheinlich haben sie wirklich einmal als solche gedient. Man sieht kaum einen Menschen im diesen Lehmburgen, wodurch diese Dörfer noch viel unnahbarer wirken. Die Felder ringsherum sind jetzt, Mitte August, schon abgeerntet, und man sieht nur noch die staubige, verbrannte Erde, die der Wind in langen Staubfahnen davonträgt. Marokko ist in erster Linie ein Agrarland. Die Arbeit der Bauern hat eine Kulturlandschaft geprägt, die jedes Jahr, der immer näherrückenden Sahara aufs neue abgerungen werden muss. Dazu kommt noch, dass das Abholzen der Wälder im Rif- und im Atlasgebirge dazu führt, dass in den Wintermonaten das Schmelzwasser die kleinen Bäche und Rinnsale überfluten und die dünne Humusschicht fortträgt.

Ungefähr zwei Drittel der Marokkaner leben von der Landwirtschaft. Allerdings ist die Spannweite der Berufe groß: vom Ziegenhirten, dessen Tiere auf mühseliger Nahrungssuche in die Wipfel von Argan-Bäumen klettern, bis zum Agraringenieur, der etwa an der Universität Rabat Computerprogramme zur automatisierten Düngung von Export-Erdbeeren entwickelt. Bauer nennt sich der Kleingartenbesitzer, der sich ein paar Hühner hält. Bauer ist aber auch der traditionelle Grundstückspächter, der im benachbarten trockenen Hügelland mit mittelalterlichen Methoden versucht, Getreide anzubauen - trotz schicksalhaft wiederkehrender Dürrejahre.

Schon von weitem sehe ich in der vor Hitze flimmernden Haouz-Ebene, dass wir uns einer Stadt nähern. Das könnte eigentlich schon Marrakesch sein, denke ich, und ein Blick auf meine Uhr bestätigt meine Annahme.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind sehr zuverlässig und Fahrpläne werden exakt eingehalten, sodass das Reisen Spaß macht und nicht zu einem ungewissen Abenteuer wird.

Der Zug hält. Ich verlasse den klimatisierten Waggon und habe das Gefühl, dass mit der Schlag trifft. Die unglaubliche Hitze hier im Landesinneren, wo die frische Meeresluft gänzlich fehlt, scheint mich zu Boden drücken zu wollen. Ich spüre, wie meine Sandalen auf dem heißen Bahnsteig kleben bleiben und wie die sengende Sonne auf meinen Unterarmen sticht. Nicht umsonst witzeln die Marokkaner, dass um diese Zeit nur Touristen und Kamele in die Sonne gehen.

Einer meiner ersten Gedanken ist, dass ich hier unmöglich bleiben kann. Doch an eine Umkehr ist gleich darauf nicht mehr zu denken. Innerhalb von Sekunden bin ich umringt von allerlei selbsternannten Stadtführern, die mir alle versichern, dass man ohne Führer in der Stadt verloren und den professionellen Taschendieben schutzlos ausgeliefert ist. Außerdem sind alle Hotels ausgebucht und jeder einzelne weiß, wo noch ein Zimmer zu haben ist. Was dann folgt sind filmreife Szenen. Erst streiten die Männer, welcher das schönste und komfortabelste Zimmer anzubieten hat. Als ich dankend abwinke, geht der Streit um die billigste Unterkunft gleich wieder weiter. Schließlich gebe ich ihnen zu verstehen, dass ich einen Freund besuche und dass sie sich nicht weiter bemühen brauchen. Ich ahne, dass solche Dienste bestimmt viel Geld kosten würden und mache mich deshalb aus dem Staub. Dabei bemerke ich, dass ich noch einen Zettel mit einer Adresse in der Hand halte, den mir einer der eifrigen Werber zugesteckt hat. Ein Blick auf den Stadtplan sagt mir, dass das beschriebene Hotel nicht allzu weit entfernt liegt. Also mache ich mich auf die Suche. In der brütenden Hitze des Nachmittags wandere ich durch das neue Marrakesch. Schweißüberströmt muss ich immer wieder an die Touristen und an die Kamele denken und ich bin froh, auch jetzt noch über mich lachen zu können.

Das neue Marrakesch erinnert stark an europäische Städte. Breite, frisch asphaltierte Straßen, gesäumt von Wohnblöcken aus Beton - dazwischen blüht und grünt es in künstlich bewässerten Gärten. Unter schattenspendenden Palmen schlafen die Hausbewohner in ihren Liegestühlen und die vielen Kinder planschen vergnügt im Pool herum. Ein Königreich für einen Swimmingpool denke ich mir und schleppe meinen Rucksack, der ständig an Gewicht zuzunehmen scheint, weiter durch die Straßen.

An der nächsten Straßenecke bleibe ich plötzlich wie angewurzelt stehen. Vor mir erstreckt sich die gewaltige Stadtmauer, die das alte Marrakesch umschließt als müsse sie sich auch heute noch gegen Tausende Eindringlinge wehren. Mehr als zwölf Kilometer erstreckt sich die Mauer um die ehemalige Almohaden-Hauptstadt. Sie ist ungefähr neun Meter hoch und zwischen eineinhalb und zwei Meter breit. Als Baumaterial wurde nur roter gestampfter Lehm verwendet, was der Stadt auch den Beinamen 'die Rote' verliehen hat.

Marrakesch, die über den Atlas geworfene Perle, liegt vor mir und wartet darauf, von mir betreten zu werden. Also will ich sie nicht enttäuschen und setze mich in Richtung des Bab Doukala in Bewegung. An der Stadtmauer ist man mit der Jahrhunderte alten Geschichte der Stadt auf Schritt und Tritt konfrontiert. So ist zum Beispiel das Bab Doukala eines der ersten Stadttore, das schon im zwölften Jahrhundert angelegt wurde. Nördlich davon liegt das hufeisenförmige Almohaden-Tor Bab el Khemis, an dem jeden Donnerstag ein Viehmarkt stattfindet. Darauf folgt das Bab Debbagh, das Tor der Gerber, dessen Terrasse einen guten Überblick über das Gerber-Viertel bietet.

Am Bab Ailen erlitten die Almohaden 1130 bei ihrem ersten Versuch, Marrakesch einzunehmen, eine vernichtende Niederlage. Durch das Bab Aghmat soll die christliche Almoravidenmiliz 1146 die Almohadentruppen in die Stadt gelassen haben. Das Bab Ahmar (das rote Tor) aus dem 18. Jahrhundert führt unmittelbar zum Königspalast. Im Ganzen sind es so an die zwanzig Tore, die das Leben in der Medina mit der Aussenwelt verbinden. Das Stadttor liegt nun schon einige Zeit hinter mir. Ich bewege mich durch enge, verwinkelte Gassen und versuche, die beschriebene Adresse ausfindig zu machen. Ich habe zwar die Rue Ibn Rochd schon gefunden, doch scheint es in der ganzen Straße kein Hotel zu geben. An der nächsten Ecke sitzt ein alter Mann und verkauft Obst und Gemüse, das er in einem Plastik-Wäschekorb vor sich auf dem Boden stehen hat. Mit einem lauten Merhaba (guten Tag) hocke ich mich daneben hin und versuche aus ihm herauszubekommen, wo das Hotel Qued Souafine ist. Zuerst habe ich den Eindruck, dass er mich gar nicht gehört hat. Statt dessen fixiert er unaufhörlich meine Armbanduhr. Ich lehne mich daraufhin etwas weiter zu ihm hinüber und frage erneut mit lauter Stimme nach dem Hotel und mache mit den Händen suchende Gesten vor seinem Gesicht. Zwischen seinen langen Bartstoppeln zeigen sich zwei oder drei einzelne gelbe Zähne. Der Mann lächelt mich verständnislos an, wobei seine Augen fast zur Gänze in seinem faltendurchzogenen Gesicht verschwinden. Da bin ich wohl an den Falschen geraten, denke ich mir und zeige ihm als letzte Hoffnung den zerknitterten Zettel mit der Adresse des Hotels.

Plötzlich weiten sich seine glänzenden Augen. Er springt auf, packt mich an der Hand und rennt mit mir, mit einer Geschwindigkeit die ich ihm nicht zugetraut hätte, in die enge Gasse, aus der ich gerade gekommen bin.

An einer blau gestrichenen Holztür bleibt er stehen und klopft laut mit der Faust auf die Bretter der Haustüre. Wir warten einen Augenblick und der Alte weist mit dem Finger auf den arabischen Schriftzug über dem Eingang und sagt lachend: "Hotel Qued Souafine." Jetzt war mir klar, warum ich das Haus nicht finden konnte.

Die Tür geht auf und ein junges Mädchen lässt uns hinein. Der Alte und das Mädchen scheinen sich zu kennen. Sofort wird mir der Rucksack abgenommen und bei einem Glas Pfefferminztee gebe ich meine Personalien dem jungen Inhaber des Hotels bekannt. Der alte Mann ist inzwischen wieder zu seinem Obststand zurückgekehrt. Der junge Hotelier versichert mir amüsiert, dass er schon nächste Woche ein Schild in englischer Sprache über dem Eingang anbringen wird. Eine Zeit lang sitzen der Hotelier namens Ismail, seine Tochter und ich im kühlen Hof des Hauses, in dem ein großer schattenspendender Baum steht, dessen Krone ein natürliches Sonnendach bildet. Der Lärm der Stadt dringt nur sehr gedämpft von draußen herein. Der geflieste Innenhof, die gepflegten Pflanzen und die angenehme Atmosphäre im Haus bewegen mich dazu, meine Miete gleich im voraus, ohne das Zimmer gesehen zu haben, zu bezahlen. Ismail wehrt sich anfangs noch das Geld anzunehmen, doch als ich ihm die geforderten 250 Dirham auf den Tisch lege, steckt er sie doch dankend ein.

Das Zimmer ist klein und zweckmäßig eingerichtet, also genau richtig für mich. Sofort nehme ich die Dusche am Gang in Beschlag und wasche mir die dicke Schicht aus Schweiß und Staub vom Körper. Danach fühle ich mich wie neugeboren.

Am Abend ziehe ich, mit meinem Fotoapparat bewaffnet, durch die Gassen und halte nach Motiven Ausschau. Dabei sehe ich immer wieder zurück, um mir den Rückweg einzuprägen.

Das Rot der Häuser, das im späten Sonnenlicht noch intensiver wirkt als am Tag, bildet einen herrlichen Kontrast zu den weißen langen Gewändern der Handwerker und der Händler, die jetzt von ihrer Arbeit nach Hause kommen und in den Hauseingängen verschwinden. Überall duftet es nach Abendessen und auch bei mir macht sich der Hunger bemerkbar.

Ohne lange zu zögern betrete ich ein kleines Lokal, in dem nur wenige Tische besetzt sind. Die Gäste sind ausschließlich Männer, die bei Tee und Wasserpfeife den Tag ausklingen lassen. Ich nehme an einem der Tische Platz und beobachte das geschäftige Treiben auf der Straße. Mir fällt ein Stein vom Herzen als mich der Kellner, ein riesiger schwarzhaariger Mann, gleich auf Englisch fragt, ob ich etwas essen möchte. Auf mein Verlangen legt er mir eine Speisekarte vor, mit der ich aber wenig anfangen kann, weil ich kaum marokkanische Speisen kenne. Gleich das erste Gericht auf der Karte heißt 'Tajine' und klingt, zumindest dem Namen nach, gar nicht so schlecht. Meine spontane Wahl stellt sich als wahrer Glücksgriff heraus. Tajine ist das Nationalgericht der Marokkaner, besteht aus allerlei frischem Gemüse, Hammel- oder Hühnerfleisch und wird mit Olivenöl und einer speziellen Gewürzmischung in einem irdenen Topf, sehr heiß serviert.

Der Weg zurück ins Hotel stellt kein besonderes Problem dar und schon bald schlafe ich, müde von den Geschehnissen des Tages, in meinem sehr weichen Bett ein. In der Nacht finde ich, durch die drückende Hitze, kaum Schlaf. Erst gegen vier Uhr morgens beginnt es etwas kühler zu werden, doch um halb sechs Uhr ist es dann mit der Nachtruhe endgültig vorbei. Vom nahegelegenen Minarett einer Moschee plärrt ein Lautsprecher mit einer scheußlichen Tonqualität das Morgengebet über die Stadt. Gleich darauf beginnt ein anderer Lautsprecher und wenig später scheint die ganze Stadt in das ohrenbetäubende Geräusch eingehüllt zu sein.

Mittlerweile wird es durch die Sonne, die durch die desolaten Fensterläden hereinscheint, schon wieder ziemlich heiß. Also beschließe ich, auch wenn ich noch nicht ausgeschlafen bin, mich anzuziehen und in die Medina zu gehen.

Der Morgen in den engen Gassen ist noch kühl und es riecht nach gegerbtem Leder, das in einem Hinterhof zum Trocknen in der Sonne liegt. Mir fallen die vielen Mädchen auf, die aus den Hauseingängen hervorkommen und auf ihrem Kopf, lange Tabletts mit Brotteig tragen und mit diesen in den verschiedenen Backstuben verschwinden. Durch die Stadttore kommen die Bauern und Gemüsehändler aus der Umgebung auf Eselskarren herein, um ihre Erzeugnisse auf dem täglichen Markt zu verkaufen. Hier kennt anscheinend jeder jeden, denn die Händler grüßen jeden Passanten freundlich von ihrem Fuhrwerk herunter. Ich folge der lustigen Karawane und gelange schließlich auf den Jemaa el Fna. Der Platz Jemaa el Fna ist das pulsierende Herz der Medina. Schon seit dem Mittelalter hat sich dieser Platz praktisch nicht verändert. Vorher wollte hier der Saadiersultan Ahmed el Mansour die Moschee Jemaa el Hana errichten, doch durch eine Reihe von unglücklichen Ereignissen konnte der Sultan sein Vorhaben nicht mehr verwirklichen. Seither nennt man diesen Platz Jemaa el Fna (Ruinenmoschee). Später wurden auch Hinrichtungen durchgeführt, was dem Platz auch den Beinamen 'Versammlung der Toten' eingebracht hat. Rund um den Platz befinden sich Cafés mit Dachterrassen, die einen sehr schönen Überblick auf das bunte Treiben bieten. Schon jetzt, am frühen Morgen, wimmelt es auf dem Platz und das laute Geschrei der Händler und Gewerbetreibenden erfüllt die Luft. Auf einer der Dachterrassen trinke ich in aller Ruhe einen herrlich schmeckenden Kaffee. Dazu gibt es die kleinen, köstlichen Cornes de Gazelle - diese Kipferl sind mit Mandelpaste gefüllt und werden geschmacklich mit Rosenwasser verfeinert. Wenn man über den Jemaa el Fna geht, fühlt man sich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt und ich bin froh, dass es tatsächlich noch solche geschichtsträchtige Oasen gibt.

Besonders beeindruckend sind die vielen kleinen Gewerbetreibenden, die sich auf dem Platz einen Stand ergattert haben, der meist nur aus einem Klappsessel und einem Sonnenschirm besteht. So findet man hier noch richtige Straßen-Barbiere, von denen sich die älteren Männer rasieren lassen. Flickschuster bemühen sich, die alten und zerschlissenen Schuhe der Händler und Passanten wieder zusammenzunähen oder die Sohlen aufzudoppeln. Gleich daneben hat ein Dentist seine 'Werkstatt'. Unter einem blauen Sonnenschirm sitzt auf einem Campingsessel ein junger Mann und lässt sich einen Zahn ziehen. Der Zahnarzt muss ganz schön Kraft anwenden, um das Übel zu beseitigen. Dabei sehen die Gesichter der umstehenden Menschen genauso schmerzverzerrt aus wie das des Patienten. Noch immer hat sich der Zahn nicht gelockert. Der Junge wimmert und der Dentist plagt sich mit hochrotem Kopf. Ich kann nicht länger hinsehen und verschwinde in der unübersehbaren Menschenmenge. Unter den vielen Obstverkäufern entdecke ich auch den alten Mann, der mich gestern zum Hotel gebracht hat und ich kaufe ihm Weintrauben ab. Er freut sich, mich wiederzusehen und schenkt mir zum Abschied noch ein Stück einer Zuckermelone. Ich bedanke mich mit einem lauten schukran, worauf der Alte sehr erstaunt ist, dass ich das Dialektwort für Danke benutzt habe und er gibt mir lachend noch ein salam alaikum mit auf den Weg.

Zur Erklärung muss ich erwähnen, das schukran einfach leichter zu merken ist als barakallahufik, das eigentlich im Arabischen für Danke steht. Bei einem Orangensaftpresser gönne ich mir eine Pause. Für zwei Dirham bekommt man ein großes Glas frischgepreßten Orangensaft, der für die durstige Kehle eine wahre Wohltat ist. Erneut lasse ich mich in den bunten und immer dichter werdenden Menschenstrom hineintreiben.

Der Platz wirkt wie ein bunter Freiluftzirkus mit seinen malerischen Gestalten. Ein Wasserverkäufer in der roten Rifi-Tracht, mit breitkrempigem Strohhut verlangt von mir einen Dirham - aber nicht für das kostbare Naß aus dem umgehängten Ziegenschlauch, sondern vielmehr als Entschädigung, weil ich ihn fotografiert habe.

Ebenso professionelle Fotomodelle sind die Schlangenbeschwörer, die zur Abwechslung manchmal auch Skorpione über ihre Stirn kriechen lassen. Dem Besucher, der eine Kamera bei sich trägt, wird auf jeden Fall eine angriffslustige Kobra präsentiert. Ist das Tier zu schlapp, tritt ihm der Meister auf den Schwanz, sodass sich das Reptil vor Schmerz aufbäumt. Wenn man danach keine Münzen herausrückt kommen plötzlich viele selbsternannte 'Assistenten' und der Schlangenbeschwörer selbst, dem Fotografen ziemlich nahe und man zahlt gerne, denn der Meister trägt das bessere (zischende) Argument in der Hand.

Um die Mittagszeit wird der Lärm der schlangenbeschwörenden Trompeten von dumpf tönenden Trommelschlägen, begleitet vom harten Schlagen von Eisenklappern, übertönt. Die Gnaoua, die schwarzen Musikanten haben ihren Auftritt. Gekleidet sind die dunkelhäutigen Männer in lange weiße Ganduras (Hemdröcke). Ihren Kopf ziert eine muschelbestickte Kappe, an der eine lange Kordel mit einer Quaste hängt, die im Rhythmus hin- und herschwingt. Rasend wirbeln sie im Kreis, in jeder Hand eine Eisenklapper. Der Älteste schlägt die Trommel und der Jüngste, vielleicht acht Jahre alt, kassiert mit treuherzigem Blick die Spenden. Mir fallen seine abgearbeiteten und harten Hände auf, mit denen er die Dirhams von den Zuschauern einsammelt.

Doch der Platz bietet noch mehr. Rotgekleidete Akrobaten bilden lebende Türme und schlagen rasante Saltos. Sie gehören zur Bruderschaft Sidi Ahmed ou Moussa, deren Zentrum bei Tiznit liegt. Selbst in Europa kann man diese talentierten Künstler manchmal im Zirkus bewundern. Ich werde auf ein kleines Glücksspiel eingeladen, doch ich lehne dankend ab. Erst will mich der Schausteller zu meinem Glück zwingen, doch als ich ihm zu verstehen gebe, dass ich kein Geld dabei habe, lässt er mich gehen. Gleich darauf hat er einen anderen Touristen am Handgelenk, der sofort bereitwillig das Spiel aufnimmt. Auf einem Karton liegt eine Schnur mit zwei Schlaufen.

Gewinner ist der, der errät welche Schlaufe sich zuzieht. Der Tourist hat auf Anhieb 100 Dirham gewonnen, doch sogleich wird er genötigt weiter zu spielen. Um einen Einsatz von 50 Dirham geht es, und schon hat er 50 von

seinen 100 wieder verloren. Natürlich haben die Gauner kein Wechselgeld und der Arme muss weiter spielen und verliert erneut. Schneller als er gedacht hat, hat er dem Gaukler 50 Dirham aus der eigenen Tasche bezahlt und kehrt ihm mit erhitztem Gesicht den Rücken.

Die wahren Helden des Platzes sind jedoch die Märchenerzähler. Sie locken die meisten Zuschauer an. Sie sind Schauspieler, Prediger, Pantomimen, Spaßmacher und Akrobaten in einer Person. Dank ihrer brillanten Körpersprache kann man ihre Geschichten auch verstehen ohne der Sprache mächtig zu sein. Stundenlang könnte ich noch staunend zwischen den duftenden Gewürzständen verbringen, doch langsam werde ich vom langen Herumstehen müde und beschließe, ein Stück zu gehen.

Gleich vom Jemaa el Fna aus sieht man das Wahrzeichen der Stadt. Das Minarett der altehrwürdigen Koutoubia Moschee. Benannt wurde sie nach dem in ihrer Nachbarschaft gelegenen Souk el Koutoubiyyin, dem Basar der Buchhändler - das war wohlgemerkt im 12. Jahrhundert, also zu einer Zeit, in der die christlichen Europäer kaum das Wort 'Buch' schreiben konnten. Die Hallenmoschee hat 17 Schiffe und 112 Pfeiler. Sie bietet 25.000 Gläubigen Platz und gehört somit zu den größten ihrer Art. Die Moschee ist natürlich für Touristen nicht zugänglich, doch bietet sie auch von außen einen imposanten Anblick. Unter den Zinnen des Minaretts lassen sich noch Reste der alten grünlasierten Kacheln erkennen. Der Turm hat eine Höhe von 69 Metern und im Inneren konnte früher der Muezzin (Gebetsausrufer) bequem zu seinem Arbeitsplatz hinaufreiten! Nach Einbruch der Dunkelheit verbreitet sich ein wunderbarer Essensduft über dem Jemaa el Fna. Fischbrater und Suppenköche nehmen die von den Gauklern geräumten Flächen mit Tischen und Bänken in Beschlag und animieren die vielen hungrig gewordenen Schaulustigen zum Einkehren. Auch ich lasse mir einen ordentlichen Teller mit Harira-Suppe vorsetzen. Harira ist eine dicke braune Bohnensuppe mit Hammelfleischeinlage und schmeckt so köstlich, dass ich mir auch noch einen zweiten Teller hole. In dieser orientalischen Umgebung fühle ich mich sehr wohl und Europa, insbesondere Österreich, erscheint mir in diesem Augenblick unendlich weit weg. Spät am Abend kehre ich ohne Schwierigkeiten ins Hotel zurück und stelle fest, dass ich mir einen kapitalen Sonnenbrand eingehandelt habe.

Am Morgen reißt mich das plärrende Geräusch der Lautsprecher erneut aus den Federn. Daran könnte ich mich wohl nie gewöhnen, denke ich und wälze mich mit spannender Haut aus dem Bett. Wenig später setze ich meine Erkundungstour durch das unendliche Gassengewirr fort. Mein Weg führt mich wieder über den Jemaa el Fna, wo das lautstarke, geschäftige Treiben erneut voll eingesetzt hat, Richtung Norden, dort wo das Marktviertel der Souks liegt.

In der Nähe der Ouessabine-Moschee betritt man durch ein großes weißes, hufeisenförmiges Tor, die Rue Souk Smarine, einst der Markt der Binsenflechter - inzwischen findet man hier fast nur noch Textilien. Ein Händler lädt mich auf einen obligaten Pfefferminztee im Schatten seines Ladens ein, und weil ich sowieso noch nicht gefrühstückt habe, setze ich mich zu ihm auf die alte abgewetzte Ledercouch. Sofort fängt der Händler an mir seine, zugegebenermaßen sehr schönen Waren, zu präsentieren. Er zeigt mir gewebte Taschen, Jellabah's (bodenlanges Übergewand), Schal's, Kopftücher und Kaftane, die auch die selbe Funktion wie die Jellabah's haben, jedoch mit einer Kapuze versehen sind. Der Händler nötigt mich, eine Jellabah zu probieren und weil ich annehme, dass ich sonst kaum Chancen habe den Laden bald wieder zu verlassen, mache ich ihm die Freude und ziehe mir eines der angebotenen Übergewänder an. Ich betrachte mich im Spiegel und erkenne mich beinahe selbst nicht wieder. Der Kaufmann erwähnt lachend, dass die Jellabah ein guter Sonnenschutz für mich wäre. Dabei muss ich ihm recht geben. Außerdem gefällt mir der Gedanke immer besser, dass ich mit der Kleidung nicht gleich von weitem als Tourist erkannt würde. Mein festes Vorhaben, mir nichts aufdrängen zu lassen, ist in diesem Moment gescheitert. Der Händler nennt mir den Preis, der mir übertrieben hoch erscheint. Jetzt fällt mir ein, dass ich nun Handeln muss. Dabei fallen mir ein paar Zeilen von Elias Canetti ein, der in Die Stimmen von Marrakesch schreibt: "In Ländern der Preismoral, dort wo die festen Preise herrschen, ist es überhaupt keine Kunst, etwas einzukaufen. Jeder Dummkopf geht und findet was er braucht, und jeder Dummkopf, der Zahlen lesen kann, bringt es fertig, nicht angeschwindelt zu werden. In den Souks hingegen ist der Preis, der zuerst genannt wird, ein unbegreifliches Rätsel. Man möchte meinen, dass es mehr verschiedene Arten von Preisen gibt als verschiedene Menschen auf der Welt."

Also beschließe ich, mich in der Kunst des Feilschens zu versuchen. Ich biete ihm etwa ein Viertel des von ihm genannten Preises, was mir auch noch etwas zuviel vorkommt. Der Kaufmann beobachtet mich mit größtem Interesse und kommt mir sogleich deutlich mit dem Preis entgegen. Etwas zögernd erhöhe ich mein Angebot und auch er schraubt es deutlich zurück. Nach einer Weile sind wir an einem Punkt angelangt, wo er sich weigert den Preis noch weiter zu verringern. Weil mir der Preis immer noch zu hoch vorkommt, mache ich Anstalten den Laden zu verlassen. Sofort hält mich der Händler am Arm zurück und auch sein Preis hat sich beinahe meinem Angebot angeglichen. Ich schlage in die mir entgegengestreckte Hand ein. Der Handel ist perfekt. Mit meiner neuen Errungenschaft, die ich natürlich gleich angezogen habe, setze ich meinen Weg durch das Gassenlabyrinth fort. Das Gewand verfehlt seine Wirkung nicht und macht aus mir (fast) einen Marokkaner.

Auf dem Place Ragba Kedima, dem alten Sklavenmarkt, werden Gewürze, Teppiche und Berber-Kosmetika feilgeboten. Rund um den malerischen Platz sind Naturmedizin-Apotheken zu finden, die Arzneien wie Dornschwanzechsen oder potenzsteigernde spanische Fliegen anbieten. Ein fast schon vertrauter fester Griff zieht mich plötzlich in einen Gewürzladen, in dem Kostbarkeiten wie Safran oder das marokkanische Paradegewürz Ras el Hanud, was soviel wie 'Krönung des Ladens' bedeutet, zu finden sind. Ras el Hanud ist eine Mischung aus mindestens 15 verschiedenen Gewürzen wie Gelbwurz, Kreuzkümmel, Koriander, Paprika, Anis etc. und ist der gängigste 'Geschmacksverfeinerer' in der marokkanischen Küche.

Ich ahne, dass es auch hier sehr schwer sein wird, den Laden wieder zu verlassen, ohne etwas gekauft zu haben. Außerdem stelle ich enttäuscht fest, dass meine marokkanische Verkleidung nicht so richtig zu funktionieren scheint. Ich kaufe ein kleines Stück von einem natürlichen Parfum, das aussieht wie ein Stück Seife. Der Verkäufer versichert mir, dass das Parfum ausschließlich aus natürlichen Substanzen hergestellt ist und will mir dabei gleich auch noch ein paar andere Sachen andrehen, doch ich nütze die Gelegenheit und verschwinde im Menschengewühl der Gassen. Gleich darauf will mich ein Teppichverkäufer in sein Verkaufslokal verschleppen, doch ich gebe ihm zu erkennen, dass ich kein Geld mehr habe. Darauf würdigt er mich keines Blickes mehr. Ich wage es nicht die wunderschönen Berber-Teppiche, die an den Hauswänden ausgestellt sind näher zu betrachten, weil ich meine Geldtasche nicht allzusehr in Mitleidenschaft ziehen will.

Den Souk Teinturiers bildet die Färbergasse, durch die sich ein eigenartiger Geruch zieht, den die gefärbten Wollbündel verbreiten, die bunt und pittoresk zum Trocknen über der Straße aufgehängt sind. Im Souk Attarine sind Kupfer- und Eisenschmiede bei ihrer Arbeit zu sehen und im anschließenden Souk el Kebir lassen sich Juweliere und Silberschmiede über die Schulter schauen. Im benachbarten Souk Cherratine, haben wiederum die Lederhändler ihre Läden.

Ziellos lasse ich mich durch das geschäftige Basar-Viertel treiben und sauge das orientalische Lebensgefühl in mich auf. Das Flair dieser alten und traditionellen Stadt zieht mich so sehr in ihren Bann, dass ich mich dem kaum zu entziehen vermag. Schließlich wird mir die ungewohnte permanente Hektik der Medina doch zu anstrengend und auch die ewig bettelnden Kinder werden mit der Zeit eine echte Plage. Ich beschließe, nächsten Tag Richtung Süden weiterzuziehen.

Mein nächstes Ziel ist der hohe Atlas, insbesondere der Jebel Toubkal, der höchste Berg Nordafrikas, den ich unbedingt besteigen will. Gesagt, getan. Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages marschiere ich, vollbepackt mit meinem Rucksack, durch die Gassen Marrakeschs, die mir in diesem Augenblick schon sehr vertraut und heimisch vorkommen, und verlasse am Bab er Robb die Medina. Vor dem Tor befindet sich der Standplatz der Sammeltaxis, die Richtung Atlas unterwegs sind. Ich frage einen Taxifahrer, ob er auch nach Asni fahre. Der Fahrer nickt und verstaut mein Gepäck im Kofferraum seines uralten Mercedes. Nach mir besteigen noch acht (!) andere Fahrgäste das Taxi. Zumeist handelt es sich bei den Passagieren um Einheimische aus der Gegend um Marrakesch sowie einen britischen Touristen, der genauso amüsiert ist über die Reisegewohnheiten der Marokkaner wie ich. Wir sitzen dicht aneinandergedrängt im heißen Auto, die Kleidung klebt an unseren Körpern und der Fahrer, ein älterer Mann in traditioneller Kleidung fährt mit hoher Geschwindigkeit durch die endlose Haouz-Ebene, wobei die Stoßdämpfer bei jeder Straßenunebenheit durchschlagen. Den Taxler scheint das nicht zu stören. Er ist so sehr mit dem Fahren und der lauten arabischen Musik beschäftigt, dass er dabei alles rundherum vergißt. Durch die Moulay Brahim-Schlucht, das Tor des Atlas, geht es immer weiter hinauf in das Vorgebirge. Die kühn in den Fels gesprengte Trasse ist reich an unübersichtlichen Kurven, doch unser Chauffeur ist mit der Strecke sichtlich vertraut. Gefürchtet sind in der Gegend die Linienbusse, die von Taroudannt nach Marrakesch fahren und keinen Millimeter von der Ideallinie abweichen. Zahlreiche verstreut umherliegende Karrosserieteile zeugen von solchen Begegnungen.

In Asni wechsle ich das Taxi, mit dem Engländer und den meisten Passagieren, die etwas zerknittert aus dem Wagen herausgekrochen kommen. Doch zum Vergleich mit dem Taxi, mit dem wir den Rest der Reise fortsetzen

werden, war der Mercedes ein wahrer Luxus. Die Fahrt von Asni nach Imlil legen wir auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens zurück, der die lange, steil ansteigende, unasphaltierte Bergstraße gerade noch bewältigt. Dabei stößt der LKW riesige, schwarze Rauchwolken in die klare Bergluft. Die Temperatur ist hier in 1500 m Seehöhe bei weitem nicht mehr so heiß wie in Marrakesch.

An jeder Wegkreuzung stehen Menschen, die entweder mitfahren wollen oder dem Fahrer ein Paket, ein Huhn oder ein Schaf anvertrauen, der es dann an der genannten Adresse abliefert. Schon bei der Hälfte der Fahrt glaube ich, dass die Ladefläche schon voll wäre, doch irgendwie schaffen es die neuen Fahrgäste immer wieder noch einen Platz zu ergattern.

Nach zweistündiger Fahrt haben wir Imlil, ein kleines Bergdorf in einer Flußoase, erreicht. Von da an kann man nur noch zu Fuß weiterkommen. Imlil Ist ein kleines Dorf, dass sich auf dem Talboden unter den hohen und üppigen Bäumen versteckt. Auf den ersten Blick lässt sich gar nicht sagen, wie viele Häuser und Hütten der Ort umfaßt. Am Leben gehalten wird das Dorf durch ein ausgeklügeltes Netz von künstlichen Bewässerungsgräben, die dem Vieh auch als Tränke dienen. Die meisten Bewohner leben von der Landwirtschaft, wobei sich jeder Bauer im flächenmäßig sehr begrenzten Lebensraum der Flußoase mit einem kleinen Grundstück zufriedengeben muss.

Das Bergdorf bietet aber auch vieles, was das Trekkerherz begehrt. Ein schlichtes Terrassencafé und unzählige winzige Läden bestimmen den Marktplatz. Für meine Wanderung auf den Jebel Toubkal nehme ich mir fünf bis sechs Tage Zeit, und weil ich nicht erwarten kann, irgendwo eine Verpflegungsstation in den Bergen zu finden, decke ich mich hier mit Proviant ein. In einem der vielen 'Supermärkte' erstehe ich ein paar Fladenbrote, Käse, eine lange luftgetrocknete Wurst, verschiedene Gemüsesorten, Orangen, Datteln und einen Kranz gedörrter Feigen. Das muss reichen denke ich und stopfe das Verpflegungspaket mitsamt den Wasserflaschen in meinen Rucksack, der jetzt um einige Kilo schwerer geworden ist.

Ich will mich sofort auf den Weg in die Berge machen und beginne auf der vielbegangenen Hauptgasse bergwärts zu gehen. Freundlich grüßen die Menschen, die mir begegnen, und zeigen mir den richtigen Aufstieg zum Toubkal. Schon nach kurzer Zeit verlasse ich an einer Wegkreuzung, an der ein Schild mit der Aufschrift Jebel Toubkal 18h angebracht ist, das schattenspendende Blätterdach des Dorfes und wandere auf einem breiten Pfad, in engen Serpentinen, den steilen Berghang hinauf.

Hoch über dem Dorf bietet sich ein wunderschöner Ausblick über Imlil. Das üppige Grün, das dem kargen Erdboden abgerungen wird, wirkt von hier oben, angesichts der unwirtlichen und wüstenhaften Umgebung der Berge, sehr zart und zerbrechlich. Der Pfad führt hoch über dem linken Ufer des Mizane-Flusses nach Süden.

Die Hitze des Tages vertrage ich jetzt schon sehr gut und ich genieße die Wanderung durch diese großartige Landschaft. Nach einer halben Stunde erscheint am anderen Flußufer das Berber-Dorf Aroumd, das an einem steilen Felshang in 1900 m Höhe liegt. Die terrassenartig in den Hang gebauten Bruchsteinhäuser sind meistens mit Süd-Balkonen versehen, auf denen man hie und da teppichknüpfende Frauen sieht. Von Zeit zu Zeit begegne ich Händlern, die ihre Erzeugnisse, mit ihren 'trittsicheren' Mulis auf den Markt nach Imlil bringen. Jeder der Berber grüßt schon von weitem, wobei aus dem französischen 'Bon jour', in ihrer Sprache ein 'Bonn schorr' wird.

Weiter taleinwärts wird das Tal etwas breiter und man sieht vereinzelte Bauernhöfe stehen, die ihre kargen Felder mit Steinwällen abgegrenzt haben. Ich überquere den Mizane Fluß und mache eine kurze Pause unter dem einzigen Baum der Umgebung. Sofort werde ich umringt von vielen Kindern, die plötzlich von irgendwoher aufgetaucht sind. Einige wollen sofort einen Dirham geschenkt haben und strecken mir ihre schmutzigen kleinen Hände entgegen. Andere wollen mir aus einer nahegelegenen Quelle Trinkwasser verkaufen und ein besonders gewieftes Kerlchen will mir sogar seine kleine Schwester verkaufen, wobei er beim verpflichtenden Handeln bis auf 50 Dirham heruntergegangen ist.

Ich gebe einem Jungen, der meine halbleere Wasserflasche an der Quelle mit frischem kalten Wasser gefüllt hat, einen Dirham und mache mich wieder auf den Weg. Ein kleines Mädchen verfolgt mich noch eine ganze Weile und will unter allen Umständen auch einen Dirham bekommen. Also lasse ich mich erweichen und gebe ihr eine Münze. Nach vier Stunden erreiche ich die Koubba des Sidi Chamharouch in 2300 m Seehöhe. Die Baraka des Heiligen kann Gnuns (böse Geister) vertreiben und auch die leidige Unfruchtbarkeit heilen. Viele Pilger kommen jährlich hier herauf, um in der Hütte des Schutzheiligen zu beten und ihm sein Leid zu klagen.

Am Abend schlage ich auf einem Felsrücken etwas oberhalb des Pfades mein Nachtlager auf, koche aus dem mitgebrachten Gemüse eine kräftige Suppe und beobachte einen grandiosen Sonnenuntergang, der den Himmel über dem Atlas von einem leuchtenden Orange in ein farbenprächtiges Lila wechseln lässt, bis die Nacht hereinbricht und die schwarze Silhouette der Berge ganz verschwindet. Es ist hier oben auf 2400 m Höhe schon ziemlich kalt, doch im Schlafsack ist es sich auszuhalten und ich beobachte im Schein meines Lagerfeuers den sternenübersähten Nachthimmel.

Die ersten Sonnenstrahlen wecken mich, und ich nütze die kühlen Morgenstunden um auf meinem Treck weiterzukommen. Lange schon habe ich nicht mehr im Freien geschlafen und ich bin erstaunt, wie frisch und ausgeschlafen ich mich fühle, nachdem ich die ganze Nacht auf dem harten Steinboden gelegen hatte. Zur Mittagszeit komme ich an der Neltner-Hütte, auf einer Seehöhe von 3200 m, wo schon einige Zelte von anderen Bergsteigern stehen, an. Der Hüttenwirt verkauft Getränke, die eine willkommene Abwechslung zum Quellwasser sind. Obwohl die Gegend so lebensfeindlich wirkt, muss ich zu meiner Freude doch feststellen, dass es nirgends an frischem Wasser mangelt. Beinahe überall kann man aus den kleinen Bächen und Rinnsalen der Umgebung Trinkwasser schöpfen.

Den Nachmittag verbringe ich auf der idyllischen Wiese, unterhalb der Neltner-Hütte. Gleich neben meinem Zelt sprudelt ein schmales Rinnsal mit eiskaltem Wasser vorbei, und rund um mich grasen friedlich einige Mulis, die die Hütte mit Proviant beliefern. In dieser Höhe ein Feuer zu entfachen, stellt sich als schwierig heraus, weil es hier überhaupt kein Brennholz gibt. Doch Not macht erfinderisch und so verbrenne ich Schachteln und Zeitungen, die ich auf der Müllhalde hinter der Hütte gefunden habe. Für kurze Zeit gelingt es mir, genügend Wärme zu erzeugen um ein Essen zuzubereiten.

Schon am Nachmittag beginnt es wieder kalt zu werden und ich bin froh, einen Pullover und eine Windjacke auf die Reise mitgenommen zu haben. Am Abend entzündet der Hüttenwirt ein kleines Feuer zwischen den Zelten und es dauert nicht lange, bis sich eine buntgemischte Gruppe aus europäischen Bergsteigern und einheimischen Mulitreibern eingefunden hat, um in fröhlicher Runde den Tag ausklingen zu lassen. Ich geselle mich dazu und versuche den ausführlichen Geschichten der Einheimischen, die alle ein bißchen Englisch sprechen, zuzuhören, was aber nicht immer gelingt.

In der Hütte finden sich allerlei Trommel- und Schlaginstrumente, mit denen wir noch bis spät in der Nacht musizieren, bis sich nach und nach die Musikanten verabschieden und nur noch ein einziger Mann ein marokkanisches Volkslied in arabischer Sprache singt. Müde verkrieche auch ich mich in meinem Zelt und lausche noch eine Weile dem Gesang des Mannes. Als dann auch seine Stimme verstummt, kehrt absolute Stille in das Lager ein.

Gegen fünf Uhr am Morgen erwache ich vor Kälte zitternd im Zelt. Es wird gerade hell und im Lager ist noch kein Laut zu hören. Ich packe in meinen Rucksack das Notwendigste für einen Tagesmarsch ein, lasse mein Zelt neben dem Bach stehen und beginne mit dem Aufstieg auf den 4000er. In der glasklaren und kalten Luft des Morgens marschiere ich sehr flott über die ersten Geröllfelder bergan. Zusätzlich zum überwältigenden Panorama beflügelt mich das geringe Gewicht des Rucksacks und die Vorstellung, zum erstenmal auf einem 4000er zu stehen. Auf halber Höhe, zwingt mich der aufkommende Wind zu einer Pause, die ich im Windschatten eines großen Felsens dazu nütze, erst einmal kräftig zu frühstücken. Eine halbe Stunde später lässt der Wind etwas nach und ich setze meinen Aufstieg fort. Da ich mit meinem Rucksack eine große Angriffsfläche für den Wind biete, versuchen mich immer wieder vereinzelte Böen von den Beinen zu reißen.

In gut drei Stunden schaffe ich es doch, den Gipfelgrat zu ersteigen. In einer Höhe von 4167 m steht ein dreibeiniges trigonometrisches Zeichen (es gibt keine Gipfelkreuze im Land der Muslime), das 1931 vom französischen Alpenverein errichtet wurde. Dieser Gipfel ist der höchste Nordafrikas. Der Ausblick von diesem Punkt ist einzigartig und mit nichts zu vergleichen. Auf der einen Seite sieht man in der klaren Luft über das marokkanische Tiefland, wobei der Blick nach Westen bis zur Atlantikküste reicht. Im Norden ist der Niedere Atlas zu erkennen, dessen 2000 Meter hohe Berge von hier oben ziemlich flach aussehen. Im Südosten des Berges schweift der Blick bis weit in die Sahara hinein und ganz deutlich sind vereinzelt kleine Flußoasen zu sehen, die wie winzige grüne Punkte in der Ferne aussehen.

Obwohl ich warm angezogen bin und die Sonne vom wolkenlosen Himmel scheint, friere ich, das mir die Zähne klappern. Ich schieße noch ein paar Fotos und beginne gleich darauf mit dem Abstieg über den Nordwest-Grat.

Mit den abnehmenden Höhenmetern steigt auch die Temperatur wieder deutlich an, was ich als sehr angenehm empfinde. Schon in der Nähe der Neltnerhütte ist es wieder so warm, dass man an einem kleinen Wasserfall im kalten Wasser eine Dusche nehmen kann. Danach fühlt man sich wie neugeboren. Zu Mittag breche ich mein Lager auf der Wiese ab und folge dem Treck um den Toubkal weiter über den Pass Tizi n'Ouanoums (3664 m), zum Lac d'Ifni (2312 m). Auf dem Weg dorthin sind oft spuren der letzten Eiszeit zu sehen, die vor zehntausend Jahren dem Land seine Form gaben. Der Lac d'Ifni ist ein kleiner See, der noch in dieser Zeit entstanden ist. Ein Bad im eiskalten Wasser ist zwar sehr erfrischend, aber an ein Schwimmen ist dabei nicht zu denken. Das Nachtlager bereite ich etwas abseits des Sees, weil ich annehme, dass die Temperaturen am See in der Nacht noch tiefer sein werden.

Die folgenden Tage verbringe ich damit, auf dem relativ ebenen, restlichen Wanderweg dahinzumarschieren, die wunderbare Landschaft in mich hineinzusaugen und das Zigeunerleben zu genießen Dabei bin ich ständig damit beschäftigt, die vielen Eindrücke, die in mich hineinfließen, zu verarbeiten. Am Ende des Trecks gelange ich wieder nach Imlil, wo ich mich im kleinen Terrassencafé einquartiere. Das Zimmer im ersten Stock ist sehr sauber und eigentlich komfortabler als ich es mir vorgestellt habe. Ich kann es gar nicht erwarten, endlich wieder mit warmen Wasser zu duschen und den Dreck der vergangenen Tage abzuwaschen. Voller Vorfreude werfe ich meinen Rucksack auf das Bett, schließe das Zimmer ab und verschwinde unter der Dusche. Bei der Rückkehr ins Zimmer stelle ich erschreckt fest, dass jemand herinnen war und sich an meinem Gepäck zu schaffen gemacht hat. Der Inhalt meines Rucksacks ist auf dem ganzen Bett verstreut und meine Geldtasche liegt geöffnet auf dem Fußboden. Ich möchte mich am liebsten selber ohrfeigen, weil ich vergessen habe, die Geldtasche ins Bad mitzunehmen. Zu meiner Verwunderung stelle ich fest, dass nur die großen Scheine im Wert von umgerechnet etwa 2500 Schilling fehlen. Zum Glück hat der Dieb die kleineren Scheine übersehen, die in einem Nebenfach steckten. Außerdem sind meine Fotoausrüstung, der Reisepaß und mein Zugticket unangerührt geblieben. Erst jetzt bemerke ich, dass eines der Fenster nicht zu verschließen ist und genau davor steht ein großer Baum, der als Leiter wie geschaffen ist. An der Rezeption bedauert man zwar den Vorfall, jedoch macht sich niemand die Mühe, nach dem Täter zu suchen. Nach anfänglichem Zorn gebe ich mich schließlich damit zufrieden, ohnehin an einen recht humanen Gauner geraten zu sein. Es hätte ja auch viel schlimmer kommen können. Trotzdem wird das Geld auf dem Weg nach Hause zuwenig werden. Gleich Morgen in der Früh will ich nach Rabat fahren und die österreichische Botschaft um Hilfe bitten.

Am Abend zeigt man sich im Café dann aber doch sehr menschlich und bietet mir ein reichhaltiges Abendessen, das ich nicht bezahlen brauche. Damit ist mein Groll auch schon wieder verschwunden. Ich betrachte es als eine weitere wichtige Erfahrung, die ich bis dato von Marokko nicht gekannt hatte. Mit einem Stück Spagat habe ich in der Nacht das Fenster fest zugebunden, um eine weitere Überraschung auszuschließen. Am Morgen stehen die Sammeltaxis schon wieder abfahrbereit auf dem Marktplatz. Weil sowieso all diese Kleinlaster nach Asni fahren, ist es auch wo ich aufsteige. Eine halbe Stunde später setzt sich das Gefährt in Bewegung und rumpelt über die steile Schotterstraße talwärts. An einer besonders steilen Stelle, winkt ein Mann dem Taxler, um mitgenommen zu werden. Doch an ein Bremsen ist in diesem Augenblick gar nicht zu denken. Rutschend versucht der Fahrer den LKW zum Stillstand zu bringen, doch als sich das Auto gefährlich nahe an den Abgrund heranschiebt, lässt er das Bremsen sein und fährt einfach weiter. Erbost schleudert uns der wartende Mann einen Stein hinterher, was ihm nur höhnisches Gelächter von der Ladefläche her einbringt. In den engen und steilen Bergab-Kurven fällt es mir oft schwer, den Bremsen des klapprigen Lasters zu vertrauen und ich kann nicht hinsehen wenn der Fahrer schon zum wiederholten Mal ein Überholmanöver mit ungewissem Ausgang riskiert. Heilfroh springe ich in Asni, von der Ladefläche und suche, um keine Zeit zu verlieren, nach einem weiteren Taxi, das mich zurück nach Marrakesch bringt.

Ein junger Mann bietet sich an, mir bei der Suche nach einem geeigneten Taxi zu helfen. Und tatsächlich hat er auch gleich eines gefunden. Für seine Dienste lässt er sich sogleich zwei Dirham ausbezahlen und mein Bargeld schwindet unaufhörlich dahin. Jetzt bleibt mir nur noch etwas mehr als das Fahrgeld nach Marrakesch, dann bin ich pleite. Außerdem stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest, dass ich wahrscheinlich den Zug nach Rabat gar nicht mehr erwischen werde. Diese Aussichten lassen meine Stimmung wieder ein wenig sinken. Bei der Ankunft in Marrakesch sehe ich gerade noch wie der Zug nach Rabat den Bahnhof verlässt. Auf der Anzeigetafel des Bahnhofs entdecke ich, dass heute noch ein Zug nach Casablanca fährt und mir fällt sofort Mohammed ein, der mir in dieser Situation helfen könnte. Der Zug fährt erst in zwei Stunden.

Ich sitze vor dem Bahnhofsgebäude im Schatten einer Palme und versuche nicht an den nagenden Hunger, der mich plötzlich befallen hat, zu denken. Es ist schon eigenartig, dass man diese Art von Hunger nur dann verspürt, wenn man genau weiß, dass nichts mehr zu Essen da ist. Würde ich noch ein Stück altes Brot im Rucksack haben, wäre der Hunger bestimmt nicht so groß. Eine Weile später krame ich im Gepäck herum auf der Suche nach etwas Eßbarem. Doch ich weiß schon vorher, dass nichts mehr da ist. Also warte ich ungeduldig auf die Abfahrt der Bahn. Als würde mich das Schicksal prüfen wollen, setzt sich eine ältere Frau genau gegenüber von mir hin und ißt einen Apfel um den anderen. Auf der abendlichen Fahrt, muss ich irgendwann eingeschlafen sein, denn ich bin sehr überrascht, vom Bahnhofslärm Casablancas geweckt zu werden.

Beim Betreten der abendlichen Stadt kommt mir alles sehr vertraut vor, als ob ich hier zu Hause wäre. Den Weg zur Familie Taoussile finde ich sofort und Riza öffnet mir die Tür. Sie freut sich wirklich, mich wiederzusehen und trommelt sofort das ganze Haus zusammen, damit alle mich begrüßen können. Ich muss in allen Einzelheiten erzählen, was ich so alles erlebt habe und alle hören gespannt zu, wie Mohammed meine Erzählung übersetzt. So erfahren sie erst ganz zum Schluß, warum ich wieder zu ihnen gekommen bin. Sofort will mir Mohammed's Mutter Geld leihen und holt ihr Erspartes aus einem Kasten in der Wand, doch ich lehne entschieden aber höflich ab. Mohammed versucht ihr zu erklären, dass ich morgen in Rabat ohnehin mein Geld bekomme, doch die Vorstellung, dass ich ohne Geld nach Rabat fahren werde, lässt die gute Frau nicht zur Ruhe kommen. Das Thema ist erst beendet als die braven Töchter des Hauses mit dem Abendessen den Raum betreten. Erst jetzt merke ich, dass ich schon eine ganze Weile nicht mehr an den Hunger gedacht habe. Nach dem Essen ziehe ich mich bald zurück und ich bin froh, nicht mehr alleine zu sein.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen steckt mir Mutter Taoussile einen 50 Dirham-Schein zu und besteht darauf, dass ich ihn annehme. Dankend stecke ich das Geld ein. Der Abschied von der netten Familie fällt mir auch diesmal wieder recht schwer, weil ich in ihnen inzwischen echte Freunde sehe, auf die ich mich verlassen kann. Vor dem Hauseingang begegne ich Hamila, der Tochter des Nachbarn und ich erzähle ihr von meinen Erlebnissen. Kurz entschlossen begleitet sie mich zum Bahnhof und erzählt mir dabei wie schwierig es ist, als Frau in einem muslimischen Land zu leben, in dem die Männerwelt das Sagen hat. Der Mann, so sagt sie, hat 'seine' Moschee und 'seinen' Gott. Die Frau ist überall auch in der Religion nur zweite Wahl. In den modernen Städten sind inzwischen die Schleier schon gefallen und die moderne Frau nimmt sich auch kein Blatt mehr vor den Mund, doch sind diese Frauen bestimmt in der Minderheit. In der traditionellen marokkanischen Gesellschaft ist die Frau als Tochter Sklavin im Elternhaus, als Ehefrau Sklavin im Haus ihres Gatten. Oft hat die Frau eine vom Leben enttäuschte Schwiegermutter zu ertragen, die sich das Recht nimmt, sie zu schlagen, und über das Ehepaar zu entscheiden, die Ehe in Frage zu stellen und sogar den Ehevertrag zu zerreißen. Inzwischen sind wir am Bahnhof angekommen. Ich merke natürlich, dass Hamila sehr gerne mit nach Europa fahren würde, doch ich möchte sie in ihrem Wunsch nicht ermutigen und lenke vom Thema ab. Ich wünsche ihr zum Abschied, dass sie keine der traditionellen Ehefrauen wird. Lange noch winkt sie dem abfahrenden Zug hinterher. Ich weiß, dass sie nicht zur großen Masse gehört und dass sie ihren Weg machen wird. In Gedanken wünsche ich ihr sehr viel Glück. Am Bahnhof von Rabat merkt man ganz deutlich, dass man sich hier in einer Stadt befindet, in der der König residiert. In der riesigen Empfangshalle sind drei überdimensionale Bilder von König Hassan und seinen beiden Söhnen aufgehängt. Überall spiegelt sich der blanke Marmor und die reiche Ornamentik der Deckenfriese ist größtenteils vergoldet. Nirgendwo ist ein Stäubchen zu finden. In den Straßen der marokkanischen Hauptstadt herrscht zwar das gleiche Bild wie in Casablanca, jedoch ist Rabat noch eine Spur sauberer. Mit dem Geld von Mutter Taoussile besteige ich ein Taxi und lasse mich zur Ambassade d'Autriche in die Rue de Tiddes chauffieren, die ich ohne Hilfe wahrscheinlich erst nach Stunden gefunden hätte. In der Botschaft zeigt man sich zuerst sehr passiv, weil es inzwischen Freitag nachmittag geworden ist und weil man befürchtet, dass in Wien sowieso keiner mehr arbeiten wird. Erst als eine freundliche Sekretärin der grantigen Botschafterin die Sache in die Hand nimmt, beginne ich wieder Hoffnung zu schöpfen, dass ich heute vielleicht doch noch mein Geld bekomme. Zuerst erfolgt ein Anruf beim Bundeskanzleramt in Wien, das wiederum das Postamt in meiner Heimatgemeinde verständigt. Danach telefoniert die Sekretärin mit meinen Eltern, die meine 2500 Schilling auf dem Postamt an das Bundeskanzleramt überweisen und als das Kanzleramt schließlich die Bestätigung der Einzahlung erhält, bekomme ich mein Geld auf der Botschaft in Rabat ausgehändigt. Zu meinem Schaden muss ich jetzt auch noch die Telefonate bezahlen. Na ja!

Die Nacht verbringe ich in einer einfachen Herberge, in der es aber ein ausgezeichnetes Fischrestaurant gibt.

Der nächste Tag ist der letzte der mir noch zur Verfügung steht, ehe ich mich wieder auf die Heimreise machen muss. Nach meinem Streifzug durch die Stadt stehe ich plötzlich am Strand, wo der Atlantik mit hohen Wellen gegen die Küste rollt. Ich mache einen ausgedehnten Strandspaziergang und lasse dabei meine Erlebnisse in diesem wunderschönen Land noch einmal revue-passieren. Vom Strand gehe ich durch die Medina, die genauso verwinkelt und unübersichtlich ist wie in den anderen Städten, die ich kennengelernt habe, und komme auf der anderen Seite der Altstadt, durch das Bab Zaer wieder aus dem Trubel heraus. Unweit vom Tor liegt die Totenstadt Chellah, die einst von den merinidischen Wüstensöhnen im 13. Jahrhundert errichtet worden war. Sie haben zu ihrer Zeit den gesamten Maghreb erobert und mauserten sich unter dem Eindruck höfischen Wohllebens von rauhen Nomaden zu kultivierten Städtern. Das bezeugt auch das reich ornamentierte Tor der merinidischen Totenstadt. An dieser Stelle errichteten auch schon die Römer ihren westlichsten Außenposten und gaben ihm den Namen Sala Colonia, von dem auch heute noch einige Reste zu sehen sind. Die hohen Mauern schirmen heute ein Gartenidyll von der Großstadthektik ab. Unter den blühenden Sträuchern, die den abwärts zu den Gräbern führenden Weg säumen, fallen die weißen trompetenähnlichen Blüten des Stechapfels auf. Weil sie giftig ist, nennen die Einheimischen die Pflanze gerne auch Schwiegermutterbaum.

Weiter bergab gelangt man zu einem Olivenhain mit zahlreichen Heiligengräbern, die der Volksislam in magische Verbindung mit der benachbarten Quelle der Heiligen Aale bringt. An dieser Stelle soll zur Römerzeit eine Therme und Jahrhunderte später ein muslimisches Badehaus gestanden haben. Die hohen Stampflehmmauern bergen die Ruine der Grabmoschee der Meriniden. Nur eine ganz schlichte Marmorleiste bedeckt, mit Arabesken und Koransuren markiert, das Grab des 'Schwarzen Sultans' Abu el Hassan, dessen zwanzigjährige Regierungszeit von seinem eigenen Sohn gewaltsam beendet wurde.

Eine später errichtete Koranschule liegt direkt neben der Grabmoschee und ist dem unaufhörlichen Verfall geweiht. Das mit Mosaiken verkleidete Minarett dient heute nur noch den Störchen als Nistplatz.

Einige Zeit verbringe ich noch unter dem kühlen Blätterdach der ungestört dahinwuchernden Bäume und Sträucher, bevor ich mich wieder auf den Weg in die Stadt mache. Über eine breite Prachtstraße gelange ich direkt vor den Königspalast, dem Zentrum der Macht im Maghrib. Der Paradeplatz ist umgeben von einem

Hain afrikanischer Tulpenbäume, deren orangefarbenen Blüten die Form von Tigerkrallen haben. Davor steht die Moschee el Faeh, die jeden Freitag vom Hofstaat zum Mittagsgebet aufgesucht wird. Wenn der König an der Prozession teilnimmt, reitet er hoch zu Roß zur Moschee und fährt mit einer prunkvollen Kalesche zurück zum Dar el Makhzen (Königspalast). Neben den königlichen Gemächern sind auch die Amtsräume des Premierministers, das Religionsministerium, das Gerichtsgebäude, die Gardekaserne und die Eliteschule, in der die Prinzen unterrichtet und untergebracht werden. Ungefähr 2000 Palastbeamte leben hier, zu deren Tracht auch der rote Fez gehört. Den Eingang zum Machtzentrum bewacht die schwarze Leibgarde des Königs.

Am Abend mache ich mich dann auf den Weg zum Bahnhof um nach Tanger zu fahren. Dabei begleitet mich eine lustige Schar von Kindern, die ständig herumhüpfen und scherzen. Obwohl wir keine gemeinsame Sprache sprechen, haben wir bald Freundschaft geschlossen und sie lassen mich nicht aus den Augen bis ich in den Zug einsteige und ich ihnen zum Abschied, aus dem Fenster zuwinke.

Tags darauf betrete ich die Fähre, die mich in Algeciras in die europäische Wirklichkeit zurückbringen wird. Beim Anblick der Stadt Tanger, die sich über einen nahegelegenen Hügel erstreckt, kommt mir der Gedanke, dass ich erst einen winzigen Teil dieses Landes gesehen habe und somit steht fest, dass ich nicht zum letzten Mal hier gewesen bin. Das Schiff legt ab und das Königreich, in dem die Zeit still zustehen scheint, bleibt in seinem Traumzustand hinter mir liegen.

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