Reichskristallnacht

Am Abend des 8. November hatte der Kreisleiter von Hanau, wie andere Dienststellenleiter der NSDAP, noch einen Geheimbefehl des hessischer Gauleiters Sprenger erhalten, der jede Einzelaktion verbot. Infolgedessen war es in seinem Befehlsbereich bis in die Nacht vom
9. auf den 10. November ruhig geblieben. In den ersten Morgenstunden des 10. November kam jedoch ein Anruf aus dem Gaupropagandaamt, des Sprengers Weisung aufhob und die Durchführung einer rücksichtslosen Vergeltungsaktion für den Tod Raths anordnete. Es wurde die völlige Zerstörung des jüdischen Besitzes durch einen von der Partei zu inszenierenden und zu lenkenden Pogrom befohlen, doch dürfe die Partei nicht als Urheberin in Erscheinung treten. Der Kreisleiter begriff, was er zu tun hatte. Er mobilisierte nicht sämtliche Parteigenossen, sondern holte nur seine Unterführer, dazu die lokalen Führer von SA, SS und SD, zu einer Besprechung zusammen, auf der er den erhaltenen Befehl erläuterte und den Versammelten ihre Aufgaben zuteilte.

Am Vormittag des 10. November wurden daraufhin in schnellen Auftritten, bei denen die Akteure unerkannt blieben, Synagogen und jüdische Geschäfte beschädigt. Wo es Lärm gab, sammelten sich natürlich zahlreiche Neugierige. In die ständig größer werdenden Scharen mischten sich Parteifunktionäre, die nun die Stimmung durch geschickte Hetzreden in dumpfe Bewegung brachten, immer kräftigere Worte in die Menge warfen und die Erregung schließlich so steigerten, dass wie eine natürliche Entladung wirkte, als ein von ihnen mitgebrachter Stein gegen die Synagoge oder das Schaufenster flog. Damit war der Bann gebrochen, die Menge begann zu stürmen und in das Innere der Gebetshäuser, Geschäfte und Wohnungen einzudringen; die zielbewusst geschürte und aufgestaute Zerstörungslust machte
sich Luft. Das Volk beantwortete>spontan< die Ermordung Raths und hatte doch eine Stunde zuvor an die Tat Grünspans kaum anders gedacht als ein Erdbeben in Japan.

Indem der Hanauer Kreisleiter auf die Masse der Parteigenossen verzichtet, als Träger der Aktion lediglich gut instruierte Politische Leiter der NSDAP und Gliederungsführer verwendet hatte, war er Goebbels Vorstellungen von Pogrom genau gerecht geworden. Partei und SA als Provokateure die Ausschreitungen angezettelt und geleitet, das Volk aufgeputscht und auf erwünschte Objekte gelenkt, gleichsam als Kristallisationskerne der Pogroms gewirkt. Sie hatten nicht in geschlossener Formation operiert oder gar in solcher Formation selbst>Volk< gespielt. So war tatsächlich eine gewisse Beteiligung erreicht, das Erscheinungsbild einer>spontanen Demonstration< annähernd geschaffen worden.

Eine derart exakte Umsetzung des Goebbelschen Willens blieb freilich eine seltene Ausnahme. Auch der Hanauer Kreisleiter scheiterte bereits, als er versuchte, das in der Stadt erprobte Schema auf den ganzen Kreis zu übertragen. Er benützte eine vom Landrat einberufene kommunalpolitische Besprechung, um den Bürgermeistern, die ja durch die Bank auch Ortsgruppenleiter waren, den Befehl zum Pogrom zu erteilen und sie über die gewünschte Durchführung ins Bild zu setzen. Die Ortsgruppenleiter waren aber zur Erfüllung solch anspruchsvoller Wünsche unfähig. So alarmierte der Bürgermeister und Ortsgruppenleiter von Groß-Auheim nach seiner Rückkehr von der Besprechung prompt alle Parteigenossen und SA-Leute, die er für zuverlässig hielt, und führte sie mit klarem Befehl geschlossen gegen jüdische Wohnungen, ohne auch nur den Versuch zu machen, Zusammenrottungen nach Hanauer Muster zu erzeugen und eine>Demonstration der Volkes< vorzutäuschen. Und Groß-Auheim war für den Ablauf in Dörfern und Landstädten typisch.
Hier zeigte sich, dass von Goebbels ausgeheckte taktische Konzept nicht zu verwirklichen war, dass es den unteren Funktionären zuviel zumutete. Den mittleren und unteren Bürokraten der NSDAP fehlte es zwar nicht an Brutalität, zumal wenn sie ihnen befohlen war, wohl aber an Elan, Gewandtheit, Geschick. Es gelang ihnen, die Partei zu mobilisieren, doch es gelang ihnen nicht, die Mobilisierung zu verschleiern und die Bevölkerung aufzustacheln. So setzten sie eben ihre Formation der Partei als>Volk< ein. Selbst wenn sich dann noch Teile der Bevölkerung anschlossen, war die Partei doch längst als Anstifterin und Organisatorin erkennbar geworden.

Gaben die Gaupropagandaleiter, wie es gelegentlich geschah ihren Weisungen nicht die Form eines klaren Befehls, begnügten sie sich mit einem ideologischen Appell im Stile von Goebbels, konnte es sogar passieren, dass auch die Partei untätig blieb. So wusste in Erbach bei Darmstadt der Kreisleiter mit der mehrdeutigen Anweisung, die von Gau eingetroffen war, nichts anzufangen. Also rührte er vorerst keinen Finger. Er unternahm auch nichts, als er im Rundfunk Berichte über den>Volkszorn< in anderen Orten hörte. Am Vormittag des
10. November kam dann ein Regierungsrat von Landratsamt und zeigte sich über die Passivität des Kreisleiters höchst erstaunt: Aus Berlin liege doch ein Befehl vor, der das Eingreifen der Polizei bei Gewaltaktionen verbiete. Danach konnte der Kreisleiter eigentlich nicht länger daran zweifeln, dass es sich um eine organisierte reichsweite Aktion der Partei handelte und dass das Gaupropagandaamt von ihm die Teilnahme erwartete. Trotzdem tat er noch immer nichts, er hatte ja keinen Befehl. Erst als ihm gemeldet wurde, in einigen Orten seines Kreises hätten fremde Provokateure Unruhe gestiftet, entschloss er sich zu einer>Amtshandlung<. Er ließ seine Ortsgruppenleiter kommen und hielt eine Rede. Die Ermordung Raths mache gewisse Aktionen notwendig, erklärte er, doch solle sich die Partei zurückhalten. Die Szene aus dem Münchner Alten Rathaussaal wiederholte sich in kleinerem Rahmen, allerdings mit dem Unterschied, dass Goebbels gewusst hatte, was er wollte, der Kreisleiter aber nach wie vor unsicher war. So betonte er in seiner Rede weder die zur Aktion auffordernden noch die bremsenden Elemente. Dem entsprach das Resultat: Die aktiveren Ortsgruppenleiter legten die Rede als Befehl zum Pogrom aus und handelten danach, während ihr die passiven die Anweisungen zur Ruhe entnahmen und nichts taten.

Dass Goebbels selbst und einige seiner Vertreter in den Gaustäben nicht über die Form des ideologischen Appells hinausgingen, ist von manchen Funktionären, denen die Absicht der Führung keineswegs unklar war, allerdings auch als Möglichkeit genutzt worden, die Aufforderung zum Pogrom absichtlich zu überhören oder gar gegen Demonstranten vorzugehen. So kam es in Bad Nauheim zu Zusammenstößen zwischen getarnter SA
(Räuberzivil) und Parteiführern in Uniform, die versuchten, den Pogrom zu stoppen. Erfolgreich konnten derartige Versuche jedoch nur dann sein, wenn der opponierende Funktionäre die Macht besaß, auch die eindeutige Weisung eines Gaupropagandaleiters oder die Anordnung eines SA-Standartenführers durch Gegenbefehle aufzuheben. Im Grunde vermochte allein ein Gauleiter, der für die Vorgänge in seinem Gau Hitler direkt verantwortlich war, mit fühlbarer Wirkung zu bremsen. So hat Gauleiter Kaufmann in Hamburg den Pogrom strikt verboten. Kaufmann war am Abend des 9. November nicht in München gewesen und hatte die Goebbels-Rede nicht gehört; so viel es ihm naturgemäß leichter, sich den Intentionen des Reichspropagandaleiters zu entziehen. Die Pogrome, die auch in Kaufmanns Territorium stattfanden, mussten von Kommandos aus den Nachbargauen angezettelt werden.

Dass Scharfmacher in benachbarte Befehlsbereiche entsandt wurden, kam auch anderswo vor. Meist diente diese Methode dazu, säumige Parteifunktionäre an ihre Pflicht zu mahnen, wie in Steinheim, wo der Ortsgruppenleiter trotz eines klaren Befehls der Offenbacher Kreisleitung tatenlos in seinem Büro saß; er hoffte, seine Vorgesetzen würden das nicht bemerken.
Die Kreisleitung wurde jedoch verständigt und schickte drei Führer der SA-Standarte Offenbach nach Steinheim. Die SA-Führer beschimpften und bedrohten den Ortsgruppenleiter, der nun, immer dir drei Offenbacher Emissäre im Rücken, alle Steinheimer Parteigenossen und SA-Leute zusammenrief, ihnen eine scharfe antisemitische Rede hielt und sie an ein Eid erinnerte, den sie Adolf Hitler geschworen hatten; um die Wirkung seiner Worte zu erhören (dabei erhob zufällig ein anwesender Parteigenosse seine Hand nicht zum Schwur, da er sich nicht angesprochen fühlte). Dann nahm die Aktion zur Zufriedenheit der drei SA-Führer ihren Lauf.

In seltenen Fällen kam es zur Entsendung von Provokateuren, weil ein findiger Kopf in einem Gaustab oder in einer Kreisleitung ein übriges tun wollte, um die Rolle der Partei zu verschleiern. Die Politischen Leiter eines Ortes wurden dann absichtlich ohne Information und ohne Befehl gelassen. So wirkten sie, mit den Aktionen der auswärtigen Provokateure konfrontiert, völlig überrascht, und jeder konnte sehen, dass die lokalen Funktionäre unbeteiligt waren. Schlossen sie sich dem Pogrom an, waren sie eben von ihrer
>berechtigten Empörung< über das Attentat mitgerissen worden, schlossen sie sich aber nicht an, suchten sie sogar den fremden Agenten entgegenzutreten, so ließ sich das erst recht nutzen. Wir konnte denn die Partei des Pogrom organisiert haben, wenn ihn doch die öffentlichen NSDAP-Funktionäre bekämpften ? Den Pogrom selbst störte das nicht. Wenn der jeweilige Ortsgruppenleiter eingriff, hatte ja das auswärtige Kommando sein Werk schon getan, war der Pogrom bereits in vollem Gange. Allerdings scheiterte dieser taktische Einfall in der Praxis daran, dass die Rolle der Provokateure fast immer der besser motorisierten SA zugewiesen wurde, die SA aber keine Agenten schickte, sondern Stoßtrupps in Marsch setzte. 30 oder 50 Mann, die von einem oder zwei Lastwagen heruntersprangen und Synagogen stürmten, konnten eine>spontane Demonstration< weder provozieren noch vorspiegeln. Sie machten die lenkende Hand der obersten Führung nur besonders sichtbar.

Die SA hatte ohnehin ihren eigenen Stil. Auf dem Lande und in den kleineren Städten dominierte die Partei. Tonangebender Vertreter des nationalsozialistischen Regimes war hier der Politische Leiter der NSDAP und nicht der Gliederungsführer. Überdies hatten die lokalen Führer der über weite Räume verstreuten SA-Einheiten meist einen niedrigeren Rang als die am gleichen Ort amtierenden Funktionäre der Partei; so stand dem Ortsgruppenleiter oft nur ein Truppführer der SA, also eine Art Unteroffizier, gegenüber. Die höheren SA-Führer wiederum hatten in ländlichen Bezirken nicht die Möglichkeit, die ihnen unterstellten Männer rasch zu konzentrieren. Die auf die Dörfer verteilten SA-Trupps wurden denn auch überwiegend nicht von ihren eigenen Vorgesetzten in den Städten alarmiert, sondern von den lokalen Parteigewaltigen, was in der Regel bedeutete, dass sich im Pogrom im Rahmen einer von Parteifunktionären dirigierten Aktion beteiligten. Ganz anders in den mittleren und großen Städten, wo die Stellung der Politischen Leiter schwächer war, während die SA auf Grund ihrer hier straffen militärischen Organisation sehr schnell - weit schneller als die NSDAP - größere Einheiten zu mobilisieren und zu konzentrieren vermochte. In den Städten blieb der SA-eigene Befehlsweg autonom, weshalb am Ende nicht nur die Alarmierung der SA und die Bildung der SA-Kommandos unabhängig von der Partei erfolgten, sondern die formierten Stosstrupps dann auch allein und selbständig handelten, wobei sie nicht die geringste Rücksicht auf Weisungen oder Vorstellungen der Gaupropagandaämter nahmen. Die SA viel nur zu gerne in die Gewohnheit der Jahre vor 1933 zurück.

In den Städten saßen in den Stäben und Kommandostellen zahlreiche SA-Führer, denen die>Kampfzeit< noch lebendige Erinnerung war und die den Abstieg der SA von der Kampforganisation der NS-Bewegung zum bloßen Veteranenverein als bitter empfanden.
Der aus München gekommene Befehl gab diesen jetzt in halbstaatlichen Büros eingesperrten Rabauken eine mit Begeisterung aufgenommene Chance, jene quasi-revolutionären Gelüste, die Hitler mit der Liquidierung der SA-Chefs Röhm und zahlreicher anderer SA-Führer im Juni 1934 so hart unterdrückt hatte, endlich einmal wieder auszutoben und an den Juden abzureagieren. Ihr Sprachgebrauch war dementsprechend stilvoll. In den Anweisungen und Befehlen reagierte der kaltschnäuzige und euphemistische Jargon, der aus der Zeit der Straßenschlachten und der illegalen Aktionen stammte. So zog die SA wie 1931 oder 1932>Räuberzivil< an und sprach von der>Nacht der langen Messer<; der Polizei wurde mitgeteilt, die SA werde>heut‘ nacht etwas spazierengehen<. Doch ist auf solche Spielereien oft auch verzichtet worden. Der Führer der SA-Gruppe Nordsee gab aus München folgenden Befehl durch:
>Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Die Verwaltungsführer der SA stellen sämtliche Wertgegenstände einschließlich Geld sicher. Die Presse ist heranzuziehen.
Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen vom der Feuerwehr. Jüdische anliegende Wohnhäuser sind auch von der Feuerwehr zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. Die Polizei darf nicht eingreifen. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift.
Die Feststellung er jüdischen Geschäfte, Lager und Lagerhäuser hat im Einvernehmen mit den zuständigen Oberbürgermeistern und Bürgermeistern zu erfolgen, gleichfalls das ambulante Gewerbe. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen zu schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text:
" Rache für Mord an Rath.
Tod im internationalen Judentum.
Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.
Dies kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei."
Bei einer derartigen Verhärtung der Sprache, in der neben dem ideologischen bedingten Judenhaß auch die schiere Lust am brutalen Kampf Ausdruck fand, ist durch mehrdeutige Sätze und Ausdrücke eine möglichst radikale Auslegung des Befehls geradezu provoziert worden. Haßparolen wie>Tod dem internationalen Judentum< konnten prägnant und konkret verstanden, Widerstand und damit das Recht zum>über den Haufen schießen< ohne weiteres als gegeben angesehen werden. Vor dem Obersten Parteigericht hat der Satbsführer der
SA-Gruppe Nordsee später erklärt, dass er persönlich den Satz nicht so aufgefasst habe, jedoch zugeben müsse, dass andere SA-Führer sehr wohl dieses Verständnis vertreten und praktiziert hatten. Bei telefonischer Weitergabe kam es ohnehin leicht zur Vergröberung und Verschärfung einer an sich bereits radikalen Weisung. So entwickelte sich zwischen der SA-Standarte 411 (Wesermünde) und dem Sturmhauptführer K. (Bürgermeister von Lesum und Führer des dortigen SA-Sturms) folgendes Gespräch:
"Hier Standarte 411. Am Telefon Truppenführer S. Haben sie schon Befehl?"
"Nein"
"Großalarm der SA in ganz Deutschland. Vergeltungsmaßnahmen für den Tod von Rath. Wenn der Abend kommt, darf es keine Juden mehr in Deutschland geben. Auch die Judengeschäfte sind zu vernichten. Sturmbannführer R. ist zu benachrichtigen !"
K. wiederholte den Befehl und fragte dann, von dem Gehörten doch recht überrascht:" Was
Soll denn tatsächlich mit den Juden geschehen?" S. antwortete: "Vernichten!"
K. verständigte nun den vorgesetzten Sturmbannführer - der Sturmbann entsprach etwa dem Bataillon -, und da beide den Befehl der Standarte dubios fanden, rief der Strumbannführer

den Gruppenstab in Bremen an:
"Ich habe hier so einen verrückten Befehl", fragte er,"hat das mit dem
seine Richtigkeit?" Der Führer vom Dienst antwortete:"Jawohl, in Bremen ist schon
die Nacht der langen Messer im Gange. Die Synagoge brennt bereits!" So hatten
Antisemitismus und freigesetzte Kampfzeitstimmung den Anordnungen einen Sinn
gegeben, der noch über das hinausging, was von der Gruppe ursprünglich befohlen worden
war, und die Aktionen des Lesumer SA-Sturms führten denn auch zur Erschießung
dreier Juden. Das Oberste Parteigericht, das die Morde später untersuchte, kommentierte:
>Die Stimmung, die...in jener Nacht in dem Cafe Wendt, in dem die Zeugen(der Stab der
Standarte 411) saßen, ist die gewesen, dass nun endlich der Zeitpunkt der restlosen Lösung
Der Judenfrage für gekommen erachtet wurde und dass die wenigen Stunden bis zum
Nächsten Tage genützt werden müssten. Es hat ferner die Auffassung geherrscht, dass bei
Dem geringsten Widerstand zu schießen sei und dass es dabei auf ein Judenleben nicht
Ankomme. Sämtliche beteiligten Führer waren sich nach der Aussage des Stadartenführers L. jedoch auch darüber klar, dass irgendeine befehlsmäßige Unterlage für eine solche
Auffassung nicht vorhanden gewesen sei, dass aber dennoch so gegen die Juden vorgegangen
Werden könne und müsse, und dass dies schließlich auch die Auffassung der höchsten
Stellen sei, die deshalb sich nicht deutlich ausdrückten, weil sie nicht eine für die
Bewegung ungünstige Rechtslage mit einem eindeutigen Befehl hätten schaffen wollen.<

Derart radikal war die Grundstimmung, die sich in der ganzen SA ausbreitete. Dabei ging
Das Goebbelssche Konzept völlig unter. Es paßte ohnehin nicht zur SA. Das zeigt schon
Der erste Satz des Befehls der SA-Gruppe Nordsee, der die Zerstörung der jüdischen
Geschäfte durch>SA-Männer in Uniform< anordnete. Wenn diese Anweisung auch
Nirgends befolgt wurde und alle Einheiten der Gruppe bei ihren Aktivitäten
>Räuberzivil< trugen, so beweist sie doch, wie der ganze übrige Befehl, dass die SA nicht daran dachte und nicht daran denken konnte, Rücksichten zu nehmen, wie man sie in der
Parteileitung nehmen zu müssen glaubte. Die SA taugte nicht dazu, als Agent
provocateur zu agieren und>spontane Reaktionen< des Volkes zu stimulieren oder
vorzutäuschen. Sie griff den ihr zugewiesenen Feind, gleichsam als Straßenkampftruppe und im vollen Blickfeld der Öffentlichkeit operierend, frontal und brutal an, ohne sich um Mitwirkung oder Zustimmung der Bevölkerung zu scheren. Im Grunde betrachteten die SA-Führer, die sich als politische Soldaten fühlten und sich gerne an militärische Kategorien orientierten, das Volk als>Zivilbevölkerung<, der beiden jetzt befohlenen Aktionen allenfalls die Rolle von Schlachtenbummlern oder auch Marodeuren zukomme. In einigen Fällen wurde die Bevölkerung von der SA sogar mit Gewalt daran gehindert, sich am Pogrom zu beteiligen. So sprengte in Heppenheim ein SA-Pioniersturm die Synagoge, zündete sie an und wandte sich dann gegen jüdische Geschäfte und Wohnungen; wenn sich aber Teile der Bevölkerung anschließen wollten, jagte man sie sofort davon. Dass die SA-Leute auch hier in>Räuberzivil< auftraten, war unter solchen Umständen bloße Farce und romantische Spielerei. Mit ihrem speziellen Stil verhinderte die SA im übrigen auch, dass das Ausland den Eindruck einer spontanen Demonstration der deutschen Bevölkerung erhielt, wie im Goebbels suggerieren wollte. Kraft ihres Enthusiasmus, ihrer Energie und ihrer organisatorischen Überlegenheit prägte die SA das Bild des Pogroms in den Städten, und gerade in den Städten saßen, als Gäste, Journalisten und Diplomaten, ausländische Beobachter. Die SA sorgte dafür, dass keinem der organisierte Charakter des Pogroms verborgen blieb.

Wo die Partei den Pogrom lenkte, ging es im übrigen verhältnismäßig glimpflich ab. Die Politischen Leiter steckten zwar Synagogen in Brand und zerschlugen in jüdischen Geschäften oder Wohnungen alles, was sich fand, machten aber im allgemeinen vor den Juden selbst halt. Sie sparten nicht mit wüsten Beschimpfungen, doch haben sie ihre Opfer nur in seltenen Fällen geprügelt oder sonst körperlich gequält. Wo die SA hauste, herrschte indes hemmungslose Brutalität. Die SA riß zahllose Juden aus ihren Betten, prügelte sie in den Wohnungen erbarmungslos und mit einer in der>Kampfzeit< erprobten Raffinesse, sie hetzte gewarnte Juden durch die Straßen der Städte halb zu Tode, zerrte sie aus Verstecken und holte sie aus Asylen, die von Freunden und Nachbarn gewährt worden waren. War irgendwo Polizei oder Gestapo schneller gewesen und hatte die männlichen Juden schon verhaftet und in ein Gefängnis abtransportiert, der Zwischenstation auf dem Wege in ein Konzentrationslager, konnte es durchaus geschehen, dass die SA in das Gefängnis einbrach, sich gewaltsam Eingang in die Zellen verschaffte und auch dort eine Prügelorgie feierte. Und die SA hat bei Ihrer gnadenlosen Jagd auf alles Jüdische nicht nur geschlagen und geplündert, sondern auch vergewaltigt und gemordet. SA-Leute haben mit Messern zugestochen und geschossen, ihre Opfer zu Tode geprügelt und Juden auch in Flüsse und Kanäle geworfen und ertränkt.

Wenn geschossen wurde, geschah das aber meist nicht in einem Anfall blinder Raserei, sondern auf Befehl. Dabei kam es vor, dass ein zögernder SA-Mann von einem Vorgesetzten mit Vorgehaltener Pistole zum Gehorsam angehalten wurde. So hat in Lesum ein SA-Scharführer, dem die Ermordung des Ehepaares Goldberg befohlen worden war, die Ausführung des Befehls verweigert, bis er selbst mit Erschießen bedroht wurde. Dann trat er in das Schlafzimmer, wo Dr. Goldberg und seine Frau, aufgeschreckt durch den Lärm und die Auseinandersetzung vor der Tür, schon neben ihren Betten standen. Der Scharführer sagte, die Pistole in der Hand: "Ich bin angewiesen, einen schweren Auftrag durchzuführen", zögerte aber noch immer. Ruhig antwortete Frau Goldberg: "Mein Herr, schießen Sie, bitte gut!" Und dann schoß er.

SA-Führer, die Erschießungsbefehle erteilten, glaubten, dem unausgesprochenen Willen der obersten nationalsozialistischen Führung zu entsprechen --und das mit Recht. Gewiß war es vielfach ein Mißverständnis, das einen Standarten- oder Sturmführer die Ermordung eines Juden befehlen ließ, aber mißverstanden wurde nur die unmittelbare Weisung eines Gruppen- oder Brigadeführers, der meist wirklich nicht beabsichtigt hatte, eine Mordaktion zu entfesseln. Die Wünsche des Regisseurs in München waren hingegen durchaus erraten worden. Goebbels lieferte dafür selbst die Bestätigung. Als im am 10.November um 2 Uhr morgens die Ermordung eines polnischen Juden gemeldet und er gebeten wurde, etwas gegen ein Abgleiten der Aktion auf diese gefährliche Ebene zu unternehmen, da meinte er, wie das Oberste Parteigericht festgehalten hat. Man solle sich doch wegen eines toten Juden nicht so aufregen, in der nächsten Zeit müssten Tausende von ihnen>daran glauben<. Die Täter sind denn auch - durch Intervention des>Stellvertreters des Führers< - zunächst der ordentlichen Gerichtsbarkeit entzogen und dann vom Obersten Parteigericht freigesprochen worden. Die Brandstifter und Demolierer wurden ohnehin nicht belangt; dass sie im Sinne der Führung gehandelt hatten und ihnen daher nicht das geringste vorzuwerfen war, stand von Anfang an fest. Doch gingen auch die Schläger und Mörder straffrei aus, sofern sie nicht durch Plünderungen gegen die>Disziplin< verstoßen oder durch die Vergewaltigung einer Jüdin>Rassenschande< begangen hatten. Das Oberste Parteigericht begründete seine Milde mit dem Satz, die Täter hätten ja nur>den zwar unklar zum Ausdruck gebrachten, aber richtig erkannten Willen der Führung in die Tat umgesetzt.<

Das Ergebnis der kombinierten Anstrengungen von Partei und SA war auf furchtbare Weise eindrucksvoll: Mehrere hundert Synagogen im Deutschen Reich waren abgebrannt und rund hundert demoliert, mindestens 8000 jüdische Geschäfte zerstört und zahllose Wohnungen verwüstet - Heydrich bezifferte in einem Bericht an Göring den materiellen Gesamtschaden im ganzen Reichsgebiet auf mehrere hundert Millionen Mark. Unmeßbar war die seelische Qual, die alle Juden zu erleiden hatten, eine nicht mehr feststellbare Zahl war schwer mißhandelt und verletzt worden. Rund hundert Juden hatten den Tod gefunden. Etliche hundert gingen aber noch in den Monaten nach dem Pogrom in Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen zugrunde; in diese drei Konzentrationslager hatte die Gestapo etwa 30 000 festgenommene Juden verschleppt.

Insofern konnte Goebbels zufrieden sein und eines seiner Ziele als erreicht ansehen. Seine Absicht, den organisierten Charakter des Pogroms zu verschleiern, war jedoch nicht verwirklicht worden. Zu deutlich hatten Partei und SA im Vordergrund gestanden. Die anderen nationalsozialistischen Organisationen spielten neben ihnen nur eine geringe Rolle. Das NSKK wurde häufig überhaupt nicht alarmiert und stand, wo es sich auch am Pogrom beteiligte, unter dem Kommando der SA. Die HJ, im allgemeinen von der lokalen Parteiführung verständigt, erhielt von dieser Aufträge für Hilfsdienste, manchmal auch von der SA. So wurde sie in Bad Nauheim dazu verwendet, aus den jüdischen Wohnungen Kleider und Einrichtungsgegenstände herauszuholen und auf der Straße zu verbrennen. Gelegentlich diente sie sogar der Gestapo als Hilfstruppe; dann musste sie aus Synagogen Bücher und Akten>sicherstellen< und zu den Diensträumen der Gestapo schaffen. Da und dort, wo die HJ>antisemitisch geschulte< und besonders aktive Führer hatte, beteiligte sie sich freilich auch rege am eigentlichen Zerstörungswerk, so in Laubach bei Gießen und in Königstein (Taunus).

Der SS hatte Himmler Abstinenz verordnet. Nicht weil er den Pogrom als Unrecht verurteilt hätte, sondern weil ihm der Zeitpunkt ungünstig schien und er außerdem einen bürokratischen Ordnungssinn besaß, dem das affektive Vorgehen der SA ein Greuel war. Er sah die SS als Polizeitruppe des Regimes, die unauffälligen, kalten, bürokratischen Terror zu üben habe. In der Tat bestand der Wesensunterschied zwischen SA und SS, vereinfacht gesagt, darin, dass die SA als Bürgerkriegsarmee offen politische Feinde bekämpfte, die SS hingegen, nach der Eroberung des Staates, zur Sicherung der Macht und zur Realisierung der NS-Ideologie>Schädlinge ausmerzte<. Jedenfalls sind Himmlers Instruktionen, von den Oberabschnittsführern weitergeleitet, weitgehend befolgt worden. Wo sich die SS doch am Pogrom beteiligte, lag das an der Initiative lokaler Führer, deren Judenhaß stärker war als ihre Disziplin, ab und zu auch daran, dass die Befehlsübermittlung bei Partei und SA besser und schneller funktioniert hatte als bei der ohnehin um Stunden später informierten SS; der Pogrom war oft schon in vollem Gange, unter Beteiligung der etwa vom Kreisleiter mobilisierten SS, als Himmlers Befehl zur Zurückhaltung eintraf. In den wenigen Fällen aber, in denen - wie in Darmstadt - SS-Führer ihre Kohorten auf die Juden hetzten, den Befehl des Reichsführers einfach ignorierend oder Himmler wahren Willen zu treffen glaubend unternahm auch die SS, bis auf das sinnlose>Räuberzivil<, nichts, um die Gelenktheit des Pogroms zu tarnen; Einberufung, Einteilung und Einsatz vollzogen sich nicht anders als bei der SA.

Allerdings sollte sie SS, nach den Befehlen Heyrichs und den Weisungen Himmlers, bei der mit dem Pogrom verbundenen Verhaftungsaktion als Hilfsorgan der Gestapo fungieren. Doch hat sie dabei keine große Rolle gespielt. Die Gestapo, die für so eine umfassende und>schlagartige< Aktion tatsächlich zu wenig Personal hatte, zog überwiegend Partei, SA und NSKK zur Unterstützung heran. Bemerkenswert ist dabei, dass die Politischen Leiter und die SA, während die SS kaum hervortrat, vielfach gar nicht erst aufgefordert werden mussten, sondern von selbst zugriffen. Polizei und Gestapo brauchten dann die Festgenommenen später nur noch zuübernehmen. So gab der Führer der SA-Gruppe Nordsee, der seinen Befehlsbereich wie alle anderen Gruppenführer der SA kurz vor Mitternacht alarmiert hatte, wenige Stunden später, um 2.00 Uhr morgens, seiner Gruppe in einem Telefonat den Befehl, möglichst viele Juden zu verhaften und in ein Konzentrationslager zu schaffen.

Andere NS-Organisationen traten noch weniger in Erscheinung obwohl es vorkam, dass Kreisleiter oder SA-Standartenführer eben Ortsbauernführer, Funktionäre der Arbeitsfront und sogar - welche Ironie - Feuerwehrkommandanten mit der Lenkung des lokalen Pogroms beauftragten wenn an einem Ort die Würdenträger von NSDAP oder SA nicht zu erreichen waren. Vor allem aber fehlte die spontane und initiative Mitwirkung größerer Teile der außerhalb von NSDAP und SA stehenden Bevölkerung. Zwar hat sich das>Volk< nicht überall passiv verhalten. Auf dem Lande wie in der Stadt gab es Fälle, in denen das Beispiel von Partei oder SA Nachahmer fand; manchmal war dabei in der Tat Antisemitismus im nationalsozialistischen Sinn oder traditioneller Antijudismus im Spiel, manchmal suchte ein sozusagen klassenkämpferischer Affekt gegen wohlhabendere Juden Entladung, manchmal machten sich privatpersönliche Animositäten Luft und manchmal trieb ein Gemisch aus solchen Elementen an. Namentlich in den Städten passierte es auch recht häufig, dass sich Schaulustige in der Zusammenrottung in Mob verwandelten und jüdische Geschäfte und Wohnungen mit Eifer und gründlich ausplünderten. Die Polizei hielt sich dabei zurück: Sie hatte ja den Befehl, dem eigentlichen Pogrom tatenlos zuzusehen, und daher auch kaum eine Möglichkeit, gegen die praktisch ununterscheidbar in die Partei-Aktionen eingewobenen Plünderungen vorzugehen. So ist das bekannte Berliner Juweliergeschäft Margraf (Unter den Linden ) vollständig ausgeräumt worden (Schaden: 1,7 Millionen Reichsmark). Goebbels sah solche Vorfälle gar nicht ungern.>Da haben sich die kleinen Leute von Berlin endlich mal wieder ordentlich ausstatten können. Sie hätten sehen sollen, wie die das genossen haben: Damenpelze, Teppiche, kostbare Stoffe - alles gab es umsonst. Die Menschen waren begeistert! Ein großer Erfolg für die Partei<, meinte er. Aber das Beispiel von NSDAP und SA musste da sein; ohne ihre anstiftende, organisierende und lenkende Aktivität hätte sich im Deutschen Reich kein Fuß in Bewegung gesetzt und keine Hand erhoben. Zudem stand der Minderheit, die an etlichen Orten den Signalen der NS-Funktionäre gefolgt war, eine Mehrheit der Bevölkerung gegenüber, die nicht nur die Gefolgschaft verweigerte, sondern ihre Ablehnung des Pogroms auch deutlich zeigte, und zwar weit über schweigende Mißbilligung hinaus durch laut und vernehmlich geäußerte Empörung. In manchen Dörfern und Marktflecken stellte sich praktisch die gesamte mobilisierbare Einwohnerschaft schroff gegen einheimische oder fremde NS-Funktionäre, die den Pogrom in Gang setzen wollten. Dabei galten Kritik und Empörung gerade auch der für jedermann erkennbaren Tatsache, dass der Pogrom das Werk der NS-Führung war, nun also zum Repertoire der amtlichen Politik dieser Führung kriminelle Gewaltakte größten Stils gehörten.

Goebbels sucht natürlich an der Fiktion der>spontanen Demonstrations< festzuhalten. Dreist schrieb er am 12. November im>Völkischen Beobachter<: Man erklärt, die spontanen Reaktionen des deutschen Volkes seien durch organisierte Mannschaften durchgeführt worden. Wie wenig Ahnung doch diese Zeilenschinder von Deutschland haben! Wie erst hätte diese Reaktion ausgesehen, wäre sie organisiert gewesen!< Eindruck machte er mit solchen Redensarten allerdings nirgends. Intern konstatierte das Oberste Parteigericht:>Auch die Öffentlichkeit weiß bis auf den letzten Mann, dass politische Aktionen wie die des 9.November von der Partei organisiert und durchgeführt sind, ob dies zugegeben wird oder nicht. Wenn in einer Nacht sämtliche Synagogen abbrennen, so muss das irgendwie organisiert sein und kann nur organisiert sein von der Partei.<

Der Berliner Witz glossierte die offizielle Version von der>spontanen Antwort des deutschen Volkes< mit dem Begriff> Reichskristallnacht<, dessen ironische Betonung des gesamtstaatlichen und des einheitlichen Charakters der judenfeindlichen Aktion auch die Verantwortung der Führung einfing, und die ausländischen Beobachter des Geschehens, ob Diplomaten oder Journalisten, ließen sich ebenfalls nichts vormachen. Einhellig berichteten sie, in Deutschland hätten sich Szenen abgespielt, für die, wie sie sagten, <seit dem Mittelalter kaum ein Beispiel in einem zivilisierten Land< gefunden werden könne, doch machten sie für diese Szenen keineswegs die Bevölkerung verantwortlich. Vielmehr seien die in Deutschland lebenden Juden, so wurde übereinstimmend gesagt, Opfer einer>offenkundig, sorgfältig geplanten und mit größter Präzision durchgeführten Aktion< geworden, und ein britischer Diplomat schrieb, er habe nicht einen Deutschen gesprochen, der den Pogrom nicht scharf verurteilt hätte. Der britische Generalkonsul in Frankfurt meinte sogar, wenn die deutsche Bevölkerung frei wäre, dann würden die für den Pogrom Verantwortlichen< von einem Sturm der Entrüstung weggefegt, womöglich an die Wand gestellt und erschossen<. Auch zweifelte, obwohl es noch keine genaueren Informationen über die Münchner Vorgänge vom Abend des 9.November geben konnte, niemand daran, dass die Verantwortlichen in der Führung von Partei und Staat zu suchen waren. Die Londoner>Times<, die normalerweise eine vorsichtige und diplomatische Ausdrucksweise pflegte, scheute sich nicht, von einem> Akt der Reichsregierung < zu sprechen.

Gerade der Umstand aber, dass hinter einem solchen Rückfall in roheste Barbarei offensichtlich die Regie der NS-Führung stand, erschwerte es den Beobachtern, in Deutschland,, selbst wie außerhalb der deutschen Grenzen, Sinn und Zweck des Pogroms zu verstehen. Da es sich eben nicht um einen spontanen und dann vielleicht erklärbaren Wutausbruch der Bevölkerung gehandelt habe, sondern offenkundig um einen Akt der Politik, wüßten sie, das gaben die meisten Blätter der Weltpresse zu, die Ereignisse in Deutschland nicht zu deuten - zumal die NS-Führung einerseits hartnäckig daran festhalte, dass der Pogrom nicht organisiert gewesen sei, andererseits jedoch offiziell erkläre, dass es mit dem Pogrom nicht sein Bewenden haben werde, dass die Rache des Regimes für das Pariser Attentat erst noch bevorstehe. In der Tat waren aus Berlin beunruhigende Töne zu vernehmen. Zwar hatte die NS-Presse am 10.November> die strenge Aufforderung < an> die gesamte Bevölkerung < gerichtet,> von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen <, und am 12.November konstatierte Goebbels im>Völkischen Beobachter< :> Das deutsche Volk hat dem Gebot der Regierung willig und diszipliniert Folge geleistet. In Stundenfrist sind Demonstrationen und Aktionen zum Schweigen gebracht worden.< Und wenn Goebbels‘ Behauptung auch nicht ganz stimmte - einmal in Gang gesetzt, kam die Parteimaschinerie nicht so leicht zum Stehen, und noch am 11., 112. Und sogar am 13.November waren einzelne Unruhen zu verzeichnen -, so klang der Pogrom doch tatsächlich allmählich ab. Aber am 11.November hieß es in einem Bericht, den der>Völkische Beobachter< über die judenfeindlichen Aktionen in Stuttgart brachte:> Das Judentum soll aber auf jeden Fall wissen, dass mit den rauchenden Trümmerhaufen der Synagogen und den geborstenen Schaufenstern der Judenläden die Erbitterung des deutschen Volkes über die jüdischen Schandtaten nicht besänftigt ist.<

Goebbels selbst schrieb am12. November,>Ruhe und Ordnung wird in dieser Frage am besten dadurch gewährleistet, dass man sie einer der Wünschen und Bedürfnissen des deutschen Volkes entsprechenden Lösung entgegenführt.<, und am 13. November bekräftigte er das in einer Rede, die er in den Berliner Germania-Sälen vor Helfern des Winterhilfswerks hielt:> Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die deutsche Regierung damit in vollkommener und restloser Übereinstimmung mit dem deutschen Volk befindet! Die Judenfrage wird in kürzester Frist einer das deutsche Volksempfinden befriedigenden Lösung zugeführt. Das Volk will es so, und wir vollstrecken nur seinen Willen!<

Was steckte hinter solchem Schätzen? Die Worte des Ministers und Reichspropagandaleiters machten jedenfalls klar, dass die NS-Führung selbst den Pogrom als Station verstand, als Auftakt zu einer>eigentlichen< Lösung der sogenannten Judenfrage. Trifft diese Einschätzung zu? Wenn ja, in welchem Sinne? Wie ist also die Frage zu beantworten, die schon die Zeitgenossen stellten und die seither immer wieder gestellt wird: Welche Ursachen hatte die Recihskristallnacht? Wie sind ihre Bedeutung und ihre Folgen, im Gang der>Judenpolitik< des NS-Regimes, zu sehen? Notwendigerweise weiter gefragt: Wie kam es in Deutschland eigentlich zu einer Judenverfolgung, die in der Geschichte Europas ohne Beispiel ist? Was waren in den zwölf Jahren des Dritten Reiches die Gründe, Antriebe und Entwicklungsgesetze der nationalsozialistischen Judenverfolgung, welche Wirklichkeit haben sie geschaffen?


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